, weil wir nie Rechte auf einander gehabt haben . Das Einzige , was ich Dir in dieser erzwungenen Ehe bieten konnte , war die Möglichkeit , sie zu lösen ; sie ist gelöst seit dem Augenblicke , wo wir die Trennung beschlossen . Das ist meine Antwort auf Dein Anerbieten . “ Die dunklen Augen Eugeniens hingen noch immer unverwandt an seinen Zügen . Dieses heiße verrätherische Aufleuchten , das jedesmal blitzähnlich eine unbekannte Tiefe zu enthüllen schien , heute kam es nicht , und heute gerade hatte sie es hervorzwingen wollen um jeden Preis . Was sie darin auch gesehen und geahnt haben mochte – und die stolze Frau mußte etwas geahnt haben , ehe sie sich zu diesem Kommen und Anerbieten entschloß – er gönnte ihr nicht den Triumph , es noch einmal zu sehen oder zur Klarheit darüber zu gelangen ; er blieb vollkommen Herr über sich und ließ ihr den quälenden Zweifel . Der Instinct des Weibes hatte so laut und untrüglich gesprochen , als ihr gestern auf der Waldhöhe die Blicke Ulrich Hartmann ’ s entgegenflammten , und mit der Erkenntniß dessen , was dahinter lag , war auch das Grauen davor gekommen . Freilich dort war sie kalt geblieben , mitten in der Gefahr , mit der eine unsinnige Leidenschaft sie bedrohte ; hier , wo nichts zu fürchten war , hier bebte ihr ganzes Wesen in fieberhafter Erregung , und ebendeshalb verschleierte sich Alles , wie sich die braunen Augen drüben vor ihr verschleierten ; deshalb schwieg die innere Stimme , und doch hätte sie ihr Leben darum gegeben , gerade hier Gewißheit zu haben . „ Du solltest mir das Bleiben nicht so schwer machen . “ Die Stimme Eugeniens hatte etwas von dem quälenden Zweifel ihres [ 236 ] Innern ; sie schwankte zwischen herbem Stolze und weicher Nachgiebigkeit . „ Ich habe Manches überwinden und niederkämpfen müssen , ehe ich hierher kam ; Du weißt es , Arthur , also schone es auch . “ Die Worte klangen fast wie eine Bitte ; aber Arthur war bereits auf einen Punkt gekommen , wo er das nicht mehr verstand . Die wilde Bitterkeit , die furchtbare Gereiztheit , welche sein ganzes Wesen durchzitterten , gaben auch hier die alleinige Richtung und Auffassung , als er schneidend erwiderte : „ Ich zweifle durchaus nicht daran , daß Baroneß Windeg ein unendliches Opfer bringt , wenn sie sich entschließt , noch drei Monate länger den gehaßten bürgerlichen Namen zu tragen , noch länger an der Seite eines so tief verachteten Mannes zu bleiben , trotzdem man ihr die sofortige Freiheit bietet . Ich habe einst hören müssen , wie furchtbar Dir Beides war ; ich kann danach ermessen , was diese Selbstüberwindung Dich kostet . “ „ Du wirfst mir das Gespräch am Abende unserer Ankunft vor , “ sagte Eugenie leise . „ Ich – hatte es vergessen . “ Jetzt endlich flammten seine Augen auf ; aber es war nicht jenes Aufleuchten , welches sie darin gesucht und gehofft ; es war etwas Fremdes , Feindseliges , was sich jetzt in ihm emporbäumte . „ Hast Du wirklich ? Ob ich es vergessen habe , danach fragst Du nicht ? Mit anhören habe ich es damals müssen , das war aber auch die Grenze dessen , was ich ertragen konnte . Meinst Du , ein Mann ließe sich ungestraft so in den Staub treten , wie Du es an jenem Abende thatest , und sich dann ohne Weiteres wieder daraus erheben , wenn es Dir beliebt , Deine Meinung zu ändern ? Ich war nicht ganz der elende Weichling , für den Du mich gehalten ; seit jener Stunde war ich es nicht mehr ; die hat über mich entschieden , aber sie entschied auch über unsere Zukunft . Was mich trifft und treffen kann , werde ich allein tragen . Ich habe ja so Manches gelernt in diesen letzten Wochen ; ich werde auch das durchführen , aber “ – hier richtete er sich mit glühendem Stolze in die Höhe – „ aber die Frau , die mich am Tage nach unserer Trauung mit so hochmüthiger Verachtung von sich stieß , ohne auch nur zu fragen , ob der Gatte , dem sie doch nun einmal ihre Hand gegeben , auch wirklich so schuldig war , wie sie ihn glaubte , – bei der meine Erklärung , mein Wort darauf , daß sie sich im Irrthume befinde , nur als die Ausflucht eines Lügners galt – die mir auf die Frage , ob sie es nicht wenigstens der Mühe werth halte , den Versuch zur Besserung eines ‚ Verlorenen ‘ zu machen , dieses verächtliche Nein entgegenschleuderte – diese Frau will ich nicht an meiner Seite haben , wenn ich den Kampf um meine Zukunft ausfechte – ich will allein sein ! “ Er wandte sich stürmisch ab . Eugenie stand betreten , wortlos da ; so sehr sich auch das Wesen ihres Mannes in der letzten Zeit geändert hatte , leidenschaftlich hatte sie ihn noch nie gesehen , und jetzt war er es in einem Maße , das sie fast erschreckte . An dem Sturme , der ihr hier entgegenfluthete , konnte sie ermessen , was sich damals hinter seiner Gleichgültigkeit barg , die sie so tief empörte , was monatelang in ihm gewühlt hatte , bis es ihn endlich emporriß aus der Apathie , die ihm zur zweiten Natur geworden war . Jawohl , [ WS 3 ] dieses kalte verächtliche Nein – sie wußte am besten , wie unrecht [ WS 3 ] sie ihm damit gethan , und jetzt , wo sie sah , wie tief es ihn getroffen , [ WS 3 ] jetzt hätte diese Stunde vielleicht Alles wieder gut gemacht , was [ WS 3 ] jene andere verschuldet , wären nicht die unseligen letzten Worte gewesen . Die berührten die Hochmuthsader der jungen Frau , und wo ihr Stolz in ’ s Spiel kam , da war es vorbei mit Einsicht und Ueberlegung , selbst wo sie sich im Unrechte wußte . „ Du willst allein stehen ! “ wiederholte sie . „ Nun denn , aufdrängen werde ich Dir meine Nähe nicht . Ich kam , um mich zu überzeugen , ob der Plan meines Vaters auch der Deinige sei . Er ist es , wie ich sehe – ich werde also abreisen . “ Sie wandte sich zum Gehen . An der Thür hielt sie noch einmal inne ; es war ihr , als sei er in dem Moment , wo sie die Hand an den Drücker legte , emporgeschnellt , als habe er eine Bewegung gemacht , ihr nachzustürzen , doch das mußte wohl Täuschung sein , denn als sie sich umwendete , stand Arthur noch am Schreibtisch , todtenbleich zwar , aber in seiner Haltung , in jedem Zuge seines Gesichts stand das Wort geschrieben , mit dem sie ihn einst von sich gestoßen , ein herbes unbeugsames Nein . Eugenie raffte ihren letzten Muth zusammen zum Abschied . „ Wir werden uns morgen nur in Gegenwart meines Vaters sehen und dann vielleicht nie wieder , also – leb ’ wohl , Arthur ! “ „ Leb ’ wohl ! “ sagte er dumpf . Die Thür schloß sich hinter ihr ; sie war verschwunden . Das letzte Alleinsein war unnütz verstrichen , die letzte Brücke zur Verständigung abgebrochen . Keines von Beiden hatte seinen Starrsinn beugen , keines das Wort aussprechen wollen , das hier allein helfen und retten konnte , das eine Wort , das Alles wieder gut gemacht hätte , und wäre zehnfach Schlimmeres geschehen ; der Stolz allein redete – und damit war ihr Urtheil gesprochen . – Grau und trübe kam der nächste Morgen über die Berge , aber im Hause war es trotz der ungewöhnlichen Stunde schon lebendig geworden . Man hatte die Abreise so früh festsetzen müssen , da man rechtzeitig den Anschluß an den Bahnzug erreichen wollte , um heute Abend noch in der Residenz einzutreffen . Vorläufig war freilich nur erst Curt von Windeg im Salon . Der Baron befand sich noch auf seinem Zimmer . Eugenie war gleichfalls noch nicht sichtbar , und der junge Officier schien mit offenbarer Ungeduld irgend etwas zu erwarten . Er hatte bereits mehrere Male den Salon durchmessen , dann am Balcon gestanden , dann auf dem Fauteuil gesessen , von dem er jetzt rasch in die Höhe sprang , als Arthur Berkow eintrat . „ Ah , Sie sind schon hier ? “ sagte dieser , seinen jungen Schwager mit jener höflichen Kälte begrüßend , die zwischen ihnen Sitte war . Curt eilte ihm lebhaft entgegen . „ Ich wollte gern noch allein einige Worte mit Ihnen – aber mein Gott , was ist Ihnen ? Sind Sie krank ? “ „ Ich ? “ fragte Arthur ruhig . „ Was fällt Ihnen ein ? Ich befinde mich vollkommen wohl ! “ „ So ? “ meinte Curt mit einem Blick auf das bleiche , überwachte und abgespannte Antlitz seines Schwagers , „ ich hätte eher das Gegentheil angenommen . “ Arthur zuckte etwas ungeduldig die Achseln . „ Ich bin das frühe Aufstehen nicht gewohnt ; da sieht man immer überwacht aus . Uebrigens fürchte ich , Sie werden heute eine schlechte Fahrt haben ; es ist ein abscheulicher Nebelmorgen . “ Er trat an ’ s Fenster , wie um nach dem Wetter zu sehen , in Wahrheit aber wohl nur , um sich den unbequemen physiognomischen Beobachtungen zu entziehen , mit denen Curt ihm lästig fiel . Dieser ließ sich aber so leicht nicht abweisen ; er trat dicht an seine Seite . „ Ich wollte der Erste hier sein , “ begann er ein wenig stockend , „ weil ich gern noch eine Unterredung unter vier Augen mit Ihnen haben möchte , Arthur ! “ Der Angeredete wendete sich um , eben so sehr verwundert über dieses Verlangen , als über die Art der Anrede . Curt hatte ihn während der ganzen Verwandtschaft kaum einmal beim Vornamen genannt . Er pflegte sonst stets dem Beispiel seines Vaters zu folgen und das steife „ Herr Berkow “ zu gebrauchen . „ Nun ? “ fragte dieser befremdet zwar , aber freundlich . In den Zügen des jungen Officiers kämpften sichtbar Unsicherheit und Verlegenheit mit anderen Empfindungen , plötzlich aber hob er sein hübsches , offenes Gesicht zu dem Schwager empor und sah ihn treuherzig an . „ Wir haben Ihnen Unrecht gethan , Arthur , und ich vielleicht am meisten ! Ich war empört über die Heirath , über den Zwang , der uns geschah , und – daß ich es Ihnen nur ehrlich gestehe – ich habe Sie rechtschaffen gehaßt von dem Augenblick an , da Sie mein Schwager wurden . Seit gestern weiß ich , daß wir uns in Ihnen geirrt haben , und seitdem ist es auch aus mit dem Hasse . Es thut mir leid , sehr leid , und das – das war es , was ich Ihnen sagen wollte ! Nehmen Sie es an , Arthur ? “ Er streckte ihm warm und herzlich die Hand hin . Arthur ergriff sie . „ Ich danke Ihnen , Curt ! “ sagte er einfach . „ Gott sei Dank ! jetzt ist ’ s herunter ; es hat mich die ganze Nacht nicht schlafen lassen , “ versicherte Curt aufathmend . „ Und glauben Sie mir , auch mein Vater läßt Ihnen jetzt Gerechtigkeit widerfahren . Zugestehen wird er Ihnen dies freilich nicht , aber ich weiß , daß er so denkt . “ Ein flüchtiges Lächeln zog über Berkow ’ s Gesicht ; freilich die Stirn wurde nicht heller davon und das Auge nicht klarer ; [ 237 ] auf beiden lag noch der schwere Schatten , als er ruhig antwortete : „ Das ist mir lieb . So scheiden wir wenigstens nicht als Feinde . “ „ Ja , was die Abreise betrifft , “ fiel Curt rasch ein , „ Papa ist noch oben in seinem Zimmer und Eugenie augenblicklich ganz allein in dem ihrigen – wollen Sie sie nicht noch einmal sprechen ? “ „ Wozu ? “ fragte Arthur betroffen . „ Der Herr Baron kann jeden Augenblick erscheinen , und Eugenie wird schwerlich – “ „ Ich stelle mich vor die Thür und lasse Niemand hinein ! “ versicherte Curt eifrig . „ Ich werde den Papa schon so lange hier aufzuhalten wissen , bis Ihr drinnen fertig seid . “ Eine schnelle Röthe bedeckte einen Moment lang Arthur ’ s Stirn , als er dem gespannt forschenden Blick seines Schwagers begegnete , aber er schüttelte ernst den Kopf . „ Nein , Curt , das ist unnöthig ! Ich habe gestern Abend bereits noch einmal und ausführlich mit Ihrer Schwester gesprochen . “ „ Auch über die Abreise ? “ „ Auch über die Abreise ! “ Der junge Officier sah etwas enttäuscht aus , übrigens blieb ihm keine Zeit zu weiteren Vorschlägen , denn man hörte bereits draußen den Schritt des Barons , der gleich darauf eintrat . Curt zog sich mit einer halb trotzigen Bewegung mehr in den Hintergrund des Zimmers zurück , während er vor sich hinmurmelte : „ Und richtig ist die Sache doch nicht ! “ Das unumgänglich nöthige Beisammensein während des Frühstücks war vorüber . Die abgemessene Förmlichkeit des Barons und die stete Gegenwart der Diener hatten darüber hinweg geholfen ; jetzt fuhr der Wagen unten auf der Terrasse vor . Die Herren nahmen ihre Mäntel um , und das Kammermädchen brachte Eugenien Hut und Shawl . Arthur bot seiner Frau den Arm , um sie hinunter zu führen . Der Schein eines vollkommenen Einverständnisses sollte ja bis zum letzten Augenblick aufrecht erhalten bleiben . Grau und trübe war der Morgen über die Berge gekommen ; grau und trübe stieg er jetzt in ’ s Thal hernieder , vor den Fenstern wogte ein Nebelmeer , und hier drinnen gab das frostig kalte Morgenlicht , das die Räume bereits erfüllte , ihnen etwas gespenstig Oedes und Unheimliches ; es schien , als ob all die reiche Pracht , die sie schmückte , auf einmal Glanz und Farbe verloren hätte , und sie sollten ja auch jetzt leer werden , ganz leer – die junge Herrin verließ sie , um nicht wiederzukehren . Curt machte im Stillen die Bemerkung , daß auch seine Schwester dasselbe Aussehen zeigte , das ihn vorhin an Arthur so erschreckt hatte , aber sonst konnte auch er in der Haltung Beider nichts Außergewöhnliches entdecken . Sie wußten die einmal übernommenen Rollen durchzuführen , wenn ihre Züge auch verriethen , daß es ihnen eine schlaflose Nacht gekostet , und vielleicht war diese starre kalte Fassung nicht einmal eine Rolle . Wenn der Sturm ausgetobt hat , dann folgt jene Ruhe , die uns so oft im Leben gerade über das Schwerste , das am meisten Gefürchtete verhältnißmäßig leicht hinweghilft , weil es wie ein Schleier auf der Seele liegt , der sie nicht zum klaren Bewußtsein des entscheidenden Momentes kommen läßt , weil all das frühere Kämpfen und Ringen untergeht in einem dumpfen Wehgefühl , durch das nur hin und wieder ein jäher stechender Schmerz zuckt , bei dem man sich erst besinnen muß , warum man denn eigentlich leidet . Am Arme ihres Mannes schritt Eugenie die Treppen hinunter , ohne eigentlich zu wissen , daß und wohin sie gingen . Wie im Traume sah sie die teppichbelegten Stufen , auf denen ihr Kleid rauschte ; die hohen Oleanderbäume , mit denen das Vestibül geschmückt war , die Gesichter der Diener , die sich vor der gnädigen Frau verneigten , das Alles glitt undeutlich , schattenhaft vorüber – dann plötzlich berührte etwas scharf und beinahe schmerzend ihre Stirn ; es war die kalte Morgenluft , in der sie zusammenschauerte , und vor sich sah sie den Wagen , der sie fortführen sollte , ihn allein , denn Terrasse , Blumenanlagen und Fontainen , das Alles verschwand in Dämmerung und Nebelgeriesel . Noch einmal begegneten sich die Augen der beiden Gatten , aber sie sagten einander nichts . Der Schleier lag schwer und dicht auch zwischen ihnen . Dann fühlte die junge Frau , wie eine Hand sich feucht und eiskalt in die ihrige legte , und hörte einige fremd und höflich klingende Abschiedsworte , die sie nicht verstand , aber es war doch Arthur ’ s Stimme , die sie sprach , und dabei fuhr wieder der stechende Schmerz heiß durch den dumpfen Traum – dann Hufestampfen und Räderrollen , und vorwärts ging es , hinein in das Nebelgrauen , das ringsum wallte und wogte , wie damals , als die Trennung beschlossen ward , oben auf der Waldhöhe in jener Frühlingsstunde – und was sich da trennt , das trennt sich für alle Ewigkeit ! „ Wie ich Ihnen sage , “ versicherte der Oberingenieur dem Director , während sie gemeinschaftlich nach ihren beiderseitigen Wohnungen gingen , „ jetzt wird ’ s Ernst ! Der Herr Führer scheint die Angriffsparole ausgegeben zu haben , aber wir sollen ihnen den Vorwand dazu liefern . Man fordert uns ja förmlich heraus , und die Insulten sind an der Tagesordnung . Sie haben uns richtig den ganzen Bezirk aufgewiegelt ; auf allen Werken ist die Geschichte jetzt erklärt ; wir hatten nur die Ehre gehabt , anzufangen . Das ist Wasser auf Hartmann ’ s Mühle . Er trägt den Kopf noch einmal so hoch wie sonst ! “ „ Herr Berkow scheint auf Alles gefaßt zu sein , “ meinte der Director . „ Er hat schleunigst die gnädige Frau in Sicherheit gebracht ; das beweist am besten , was er von seinen eigenen Leuten fürchtet . “ „ Bah , unsere Leute ! “ fiel der College ein . „ Mit denen wollten wir schon fertig werden , wenn nur der Eine nicht wäre ! Aber so lange Der befiehlt , ist an Ruhe und Frieden nicht zu denken . Nur acht Tage lang den Hartmann fort von den Werken – und ich wollte für den Ausgleich bürgen ! “ „ Ich habe schon daran gedacht , “ der Director sah sich vorsichtig um und senkte dann die Stimme , „ ich habe schon daran gedacht , ob man nicht den Verdacht gegen ihn benutzen könnte , den ja hier Jeder hegt und mit dem ihm wohl Keiner Unrecht thut . Was meinen Sie dazu ? “ „ Das geht nicht ! Verdacht haben wir genug , aber wo bleiben die Beweise ? An der Maschine und den Stricken hat sich nichts weiter finden lassen , als daß sie eben gerissen sind , die Herren vom Gericht haben das eingehend genug untersucht . Wie es kam und was da unten in der Tiefe vorgegangen ist , das kann eben nur Hartmann wissen , und der steht seinen Mann , auch im Leugnen . Man würde ihn ohne Resultat wieder frei geben müssen . “ „ Aber eine Criminaluntersuchung würde ihn vorläufig unschädlich machen . Wenn man denuncirte , einige Wochen Haft – “ Der Oberingenieur runzelte die Stirn „ Wollen Sie die Wuth unserer Leute auf sich nehmen , wenn man ihren Führer angreift ? Ich nicht ! Sie stürmen uns das Haus , sage ich Ihnen , wenn sie das Manöver durchschauen , und das geschieht sicher . “ „ Das wäre noch die Frage . Er hat nicht mehr die alte Liebe unter ihnen . “ „ Aber die alte Furcht noch ! Mit der regiert er sie despotischer als je , und dann – Sie thun unserer Knappschaft Unrecht , wenn Sie glauben , sie würde den Cameraden , den Führer auf einen bloßen Verdacht hin im Stiche lassen . Scheuen mögen sie ihn , sich ihm auch entfremden mit der Zeit , aber in dem Momente , wo wir die Hand an ihn legen , da schaart sich Alles um ihn und schützt ihn auf jede Gefahr hin . Nein , nein , das geht nicht ! Was wir gerade vermeiden wollen , ein blutiger Conflict , wäre dann unausbleiblich und überdies bin ich überzeugt , Herr Berkow würde dazu die Hand nicht bieten . “ „ Ahnt er noch immer nichts von dem Verdachte ? “ fragte der Director . „ Nein ! Ihm gegenüber wagt natürlich Niemand eine Hindeutung darauf , und ich glaube , es ist besser , wir ersparen es ihm auch ferner . Er hat so schon genug zu tragen . “ „ Jawohl , übergenug , und die Hiobsposten der letzten Wochen und Schäffer ’ s Briefe aus der Residenz scheinen doch nicht ohne Wirkung zu bleiben . Ich glaube , er denkt ernstlich an ’ s Nachgeben . “ „ Warum nicht gar ! “ fuhr der Ober-Ingenieur auf , „ dazu ist es jetzt zu spät . Vor der Antwort , die er den Leuten gab , da blieb ihm allenfalls noch die Wahl , ab er sein Geld riskiren , oder die Fuchtel auf sich nehmen wallte , die es dem Herrn Hartmann beliebte uns aufzuerlegen ; nach der Art , wie er ihm damals gegenübertrat , kann gar keine Rede mehr davon sein . Jede Spur von Autorität ist unwiederbringlich dahin , wenn [ 238 ] er nicht fest bleibt . Er muß vorwärts , und vorwärts zu müssen , das ist immer ein Vortheil im Kampfe . “ „ Aber wenn es sich um das Vermögen handelt ! “ „ Aber wenn es sich um die Ehre handelt ! “ Die beiden Herren geriethen wieder in eine jener hitzigen und fruchtlosen Debatten , deren Resultat gewöhnlich war , daß ein Jeder bei seiner Meinung blieb , und so geschah es auch diesmal , als sie sich kurz darauf trennten . „ Es ist doch etwas Schönes um die Neutralität , “ grollte der Ober-Ingenieur dem Collegen nach , indem er in sein Haus trat . „ Nur immer hübsch ängstlich , immer hübsch vorsichtig , es nur ja mit keiner Partei verderben , weil man nie wissen kann , welche einmal an ’ s Ruder kommt . Ich wollte , all die Hasenfüße – Wilberg , was zum Kukuk haben Sie denn da mit meiner Tochter zu schaffen ? “ Die beiden jungen Leute , denen diese Anrede galt , fuhren erschrocken auseinander , als seien sie auf einem Verbrechen ertappt worden , obgleich es in Wirklichkeit nur ein ganz harmloser Handkuß war , den sich Herr Wilberg erlaubt hatte , aber er sah dabei so gefühlvoll , und Melanie ihrerseits so gerührt aus , daß ihr Vater , durch das vorhergehende Gespräch mit dem Director schon geärgert und gereizt , wie ein Ungewitter dazwischen fuhr . „ Ich bitte ganz außerordentlich um Entschuldigung ! “ stammelte der junge Beamte , während Fräulein Melanie , in dem Bewußtsein , daß ein Handkuß unter keinen Umständen etwas Schlimmes sei , ziemlich keck dreinschaute . „ Ich bitte ganz ordentlich um eine Erklärung ! “ rief der Ober-Ingenieur zornig . „ Was haben Sie hier unten auf dem Hausflur zu thun ? Warum gehen Sie nicht , wie es sich gehört , in das Visitenzimmer ? “ Die geforderte Erklärung ließ sich nun wirklich nicht in drei Worten geben , obgleich die jungen Leute unschuldig genug an diesem Zusammentreffen waren . Wilberg war in das Haus seines Vorgesetzten gekommen , einen Auftrag Herrn Berkow ’ s im Kopfe und tiefe Schwermuth im Herzen . Letztere galt natürlich der Abreise der gnädigen Frau , die er bereits am Abende vorher erfahren , aber an dem betreffenden Morgen glücklich verschlafen hatte . Der junge Beamte war kein Frühaufsteher und hätte nie den Leichtsinn begangen , sich der neblig kalten Morgenluft auszusetzen , in der man sich den Rheumatismus holen konnte . Er war es nicht gewesen , der damals beim Tagesgrauen unter den Tannen gestanden , dort , wo die Chaussee in den Wald einbog , geduldig wartend , trotz Nebel und Kälte , um der einen Minute willen , in welcher der Wagen vorüberrollte , um des einen Blickes willen , der im Innern desselben ein Antlitz suchte , das er nicht fand , denn dies Antlitz lag mit geschlossenen Augen in den Polstern vergraben . Als jener Andere heimkehrend unter seinem Fenster vorüberging und in das Haus des Schichtmeisters trat , schlief Herr Wilberg noch in ungestörter Ruhe , was ihn aber nicht hinderte , sich beim Erwachen grenzenlos unglücklich zu fühlen und die ganze Woche hindurch eine so melancholische Miene zur Schau zu tragen , daß Fräulein Melanie , die ihm zufällig im Hausflur begegnete , nicht umhin konnte , theilnehmend zu fragen , was ihm denn fehle . Der junge Dichter war gerade in der Stimmung , seinen Schmerz irgend einem mitfühlenden Wesen auszuströmen ; er seufzte daher verschiedene Male , machte Andeutungen und schüttete zuletzt natürlich sein ganzes Herz aus , um ebenso natürlich ein noch weit größeres Mitleid dafür in Empfang zu nehmen . War die junge Dame vorhin neugierig gewesen , so wurde sie jetzt über alle Maßen gerührt . Sie fand die Sache hochromantisch , den armen Wilberg ihrer tiefsten Theilnahme würdig , und nahm es daher auch ganz unbefangen hin , als er am Ende all dieser Mittheilungen und Tröstungen ihre Hand ergriff , um einen dankbaren Kuß darauf zu drücken ; es war ja nicht die geringste Gefahr dabei , da er eine Andere liebte . In diese rührende Scene nun fuhr der Herr Oberingenieur mit der ganzen Prosa seiner väterlichen Autorität und verlangte zu wissen , warum diese Herzensergießungen hier unten im Hausflur und nicht oben in der Visitenstube vor sich gingen , wo ihnen die Gegenwart der Mama selbstverständlich einige Schranken auferlegt hätte . Herr Wilberg , im Bewußtsein des großen Unrechts , das ihm hier geschah , raffte sich zusammen . „ Ich habe einen Auftrag von Herrn Berkow , “ erklärte er . „ So ? Das ist etwas Anderes ! Geh ’ hinauf , Melanie ! Du hörst ja , daß es sich um Geschäftssachen handelt . “ Melanie gehorchte , während ihr Vater am Fuße der Treppe stehen blieb , ohne den jungen Beamten , wie sonst , in seine Wohnung einzuladen , so daß dieser genöthigt war , sich hier seines Auftrages zu entledigen . „ Es ist gut , “ sagte der Oberingenieur ruhig . „ Die betreffenden Zeichnungen stehen Herrn Berkow zur Disposition ; ich werde sie ihm selbst bringen . Und nun ein Wort zu Ihnen , Wilberg ! Ich habe Ihnen trotz einer gewissen gegenseitigen Antipathie doch immer Gerechtigkeit widerfahren lassen . “ Herr Wilberg verneigte sich . „ Ich halte Sie sogar für einen ganz tüchtigen Beamten . “ Herr Wilberg verneigte sich zum zweiten Male . „ Aber auch für etwas verrückt . “ Der junge Mann , der soeben im Begriffe war , die dritte Verbeugung zu machen , fuhr in die Höhe und starrte ganz fassungslos seinen Vorgesetzten an , der mit unverwüstlicher Gemüthsruhe fortfuhr : „ Was nämlich Ihre Manie zum Dichten betrifft . Das ginge mich nichts an , meinen Sie ? Ich will das auch hoffen . Sie haben nacheinander den Hartmann , die gnädige Frau und Herrn Berkow angesungen . Das können Sie thun , wenn es Ihnen Vergnügen macht , aber lassen Sie sich nicht etwa einfallen , meine Melanie anzusingen – das verbitte ich mir . Ich will nicht , daß dem Kinde dergleichen Unsinn in den Kopf gesetzt wird . Wenn Sie durchaus einen neuen Gegenstand für Ihre poetischen Gefühle brauchen , so nehmen Sie mich oder den Director ; wir stehen Ihnen zu Diensten . “ „ Ich glaube , ich werde das unterlassen , “ sagte Wilberg im höchsten Grade pikirt . „ Wie es Ihnen beliebt , aber merken Sie sich : meine Tochter bleibt aus dem Spiele . Wenn mir eines Tages einmal ein Gedicht ‚ An Melanie ‘ unter die Hände kommt , dann fahre ich zwischen Ihre Jamben und Alexandriner , oder wie das Zeug sonst heißt . Das war es , was ich Ihnen sagen wollte . Adieu ! “ Damit ließ der rücksichtslose Vorgesetzte den in seinen heiligsten Gefühlen gekränkten Dichter stehen und stieg die Treppe hinauf . Oben in der Wohnung kam ihm seine Tochter entgegen . „ O Papa , wie kannst Du so hart und ungerecht gegen den armen Wilberg sein ! Er ist so unglücklich ! “ Der Oberingenieur lachte laut auf . „ Unglücklich ? Der ? Ein verunglückter Dichter ist er ; schauderhafte Verse schreibt er zusammen , aber je mehr man versucht , ihm das begreiflich zu machen , desto toller reimt er darauf los . Was übrigens den Handkuß betrifft – “ „ Mein Gott , Papa , da bist Du ganz und gar im Irrthum ! “ unterbrach ihn Melanie sehr entschieden . „ Es war nur Dankbarkeit . Er liebt ja die gnädige Frau , hat sie vom ersten Momente an geliebt , natürlich hoffnungslos , da sie bereits verheirathet ist , aber es ist doch begreiflich , daß er sich darüber grämt und daß ihre Abreise ihn vollends in Verzweiflung stürzt . “ „ Also einzig aus Gram und Verzweiflung hat er Dir die Hand geküßt ? Merkwürdig ! Uebrigens woher weißt Du denn das Alles , Melanie ? Du scheinst mir ja ganz außerordentlich bewandert in den Herzensgeschichten dieses blonden Schäfers ! “ [ 253 ] Die junge Dame hob mit unverkennbarer Genugthuung den Kopf . „ Ich bin seine Vertraute ; mir hat er sein ganzes Herz ausgeschüttet . Ich habe ihn auch trösten wollen , aber er mag keinen Trost ; er ist zu unglücklich . “ „ Das ist ja eine allerliebste Geschichte ! “ brach der Oberingenieur zornig los .