Ich werde ! “ „ Ich danke Ihnen ! “ Sie wandte sich um und wollte gehen , aber es war jetzt zu Ende mit ihrer Kraft . Die Last war auch zu schwer für das junge Wesen , das bis vor wenig Tagen noch kaum gewußt hatte , was Schmerz sei , sie schwankte und war im Begriff zu sinken , doch in demselben Moment war Benedict auch schon an ihrer Seite und fing sie in seinen Armen auf . „ Lucie ! “ Sie zuckte zusammen bei der Berührung seiner Hand , als habe die Spitze eines Messers sie getroffen ; ihre ganze Gestalt bebte krampfhaft in seinen Armen und doch entzog sie sich ihnen nicht . „ Lucie , verdammst Du mein Schweigen ? Es war das letzte Opfer , das ich Jenen brachte ! Der Orden befahl und ich gehorchte , aber jetzt werde ich reden , und brächte das Wort mir auch zehnfaches Verderben . Ich habe den Muth , die ganze Wuth des Klosters herauszufordern , aber ich ertrage es nicht , daß Du , Du Dich so von mir wendest ! “ Mitten durch die starre Härte seines Wesens brach wieder der Ton der alten Weichheit , brach ein Strahl heißer , leidenschaftlicher Zärtlichkeit , und der Ton , der Blick , sie scheuchten Alles weg , was so drohend zwischen ihnen stand ; stumm , bebend noch , aber mit dem Ausdruck unendlicher Hingebung legte Lucie das Haupt an seine Schulter und sah zu ihm auf – er las es jetzt auch in diesen Augen , daß er nicht mehr gehaßt wurde . Er hatte nichts von dem berauschenden Glück der Liebe , dieser Augenblick , wo sich zwei Herzen endlich fanden . Wohl wollte es aufglühen in den Zügen des jungen Priesters , aber eine Eiseshand schien dort Alles niederzuhalten und das liebliche Antlitz , das zu ihm emporblickte , war bleich wie der Tod . Und dennoch , für den Moment versank alles Andere um sie her , selbst die düstere Felsenkluft mit den unheimlich zischenden Wellen und ihrem gespenstigen Drohen . Fern und ferner verklang jenes Zischen und Tosen und endlich löste es sich auf in das leise melodische Rieseln einer Quelle . Die starren Felsen wichen zurück und statt ihrer umrauschte sie wieder der sonnige Wald , umdufteten sie die weißen Blüthen . Der Waldeszauber von damals hatte doch Recht behalten , die unsichtbaren Fäden , welche er gesponnen , hielten fest für alle Ewigkeit , selbst diese furchtbare Stunde hatte nicht vermocht , sie zu zerreißen . Langsam ließ Benedict das junge Mädchen aus den Armen , nur ihre Hand behielt er noch fest in der seinigen . Der Moment des Traumes war vorüber und der drohende Ernst der Gegenwart forderte gebieterisch sein Recht . „ Ich kann Sie nicht sofort begleiten , ich muß zurück zum Pfarrer Clemens , aber heute Abend noch bin ich in E. und morgen ist Ihr Bruder frei . Fürchten Sie nicht , daß mich etwas zurückhalten könnte , ich weiß jetzt , wo allein meine Pflicht liegt . “ Lucie erwiderte nichts , es giebt Minuten wo selbst die Kraft zum Leiden fehlt , und die ihrige hatte sich in dieser letzten Viertelstunde erschöpft , sie folgte ihm willenlos , als er , ihre Hand noch immer festhaltend , sie zu dem Gehöfte hinunterführte , wo der Bauer ihnen bereits entgegentrat . „ Ambros , ich kann mich darauf verlassen , daß Du die Dame sicher bis zu ihrem Wagen zurückbringst ? “ „ Keine Sorge , Hochwürden , ich stehe ein für das junge Fräulein . “ Benedict ließ ihre Hand fahren . „ So leben Sie wohl ! “ Die Gegenwart des fremden Mannes verbot jedes fernere Abschiedswort , gleich darauf befand sich Lucie an seiner Seite und trat mit ihm den Rückweg an . Nach einer Weile wandte der Bauer sich um . „ Der Herr Caplan scheint große Sorge zu haben , wie wir hinabkommen , “ sagte er gutmüthig , „ er steht noch immer und schaut uns nach ! “ Lucie blieb gleichfalls stehen und folgte der Richtung seines Armes . Da stand die hohe Gestalt noch immer auf der Höhe , neben dem zerschmetterten Heiligenbilde , ihr unverwandt nachschauend , und von den Schultern flatterte der verhängnißvolle dunkle Mantel , dessen Falten jetzt dem Winde preisgegeben waren . Morgen war Bernhard frei , er hatte es ihr versprochen – aber um welchen Preis ! Am nächsten Morgen erschien ein junger Geistlicher , der schon am Abend vorher spät in E. angelangt war , vor dem dortigen Gefängnisse und verlangte den in Untersuchungshaft befindlichen Gutsherrn von Dobra zu sprechen . Das Benedictinergewand und die Abzeichen des hochverehrten Stiftes , welche er trug , öffneten ihm sofort alle Thüren . Man befürchtete nur , daß sich Günther schwerlich bereit finden lassen werde , einen katholischen Priester zu empfangen ; wider Erwarten aber willigte er sofort ein , als ihm Pater Benedict genannt ward , und diesem , der , wie man glaubte , im Auftrage des Prälaten kam , gelang es auch , ein ungestörtes Alleinsein mit dem Gefangenen durchzusetzen . Die Unterredung war lang und inhaltvoll gewesen , man sah es an dem Gesicht Günther ’ s , das seinen sonst so ruhigen gleichgültigen Charakter völlig verleugnete , es sprach ein unverhülltes Grauen , zugleich aber auch eine tiefe Bewegung daraus , als er dem jungen Priester die Hand reichte und einfach sagte : „ Ich danke Ihnen ! “ Benedict ’ s Züge waren unbewegt geblieben , stumm und düster nahm er den Dank in Empfang und wandte sich dann zum Gehen , Bernhard hielt ihn zurück . „ Sie wollen nach dem Stifte ? “ [ 233 ] „ Zum Prälaten ! Er vertraut bei alledem noch meinem Schweigen , ich mag es nicht heimlich , nicht hinterrücks brechen , er soll wissen , was er von mir zu erwarten hat . Sie haben mein Bekenntniß , haben es schriftlich für alle Fälle , machen Sie davon Gebrauch zu Ihrer Rettung , wenn man etwa Lust zeigen sollte , mich – verschwinden zu lassen . “ „ Und warum stellten Sie es dann nicht zuerst in den Schutz der Gerichte ? “ fragte Günther rasch . Ein Ausdruck des Hohnes überflog Benedict ’ s Züge . „ Weil ich weiß , wie weit die Macht unseres Stiftes reicht ! Der Prälat würde den ersten Wink erhalten ! Ich ziehe es denn doch vor , ihm freiwillig gegenüberzutreten , als ihm als ‚ geisteskrank ‘ , wie es heißen würde , ausgeliefert zu werden . Hier giebt es nur ein Mittel , die vollste Oeffentlichkeit und das Zeugniß von Hunderten . Und müßte ich auch die Kirche entweihen mit meiner Anklage , die Schuld fällt aus Jene , die mir keinen andern Ausweg übrig ließen . “ Er wandte sich von Neuem der Thür zu , Günther hielt ihn zum zweiten Male zurück . „ Der Prälat ist ein ehemaliger Graf Rhaneck ? “ „ Der Bruder des Majoratsherrn . “ „ Und wann sahen Sie diesen zum letzten Male ? “ Das Auge des jungen Priesters sank zu Boden . „ An der Leiche seines einzigen Sohnes ! “ entgegnete er tonlos . „ Seines einzigen ? Er hatte zwei Söhne ! “ Benedict schüttelte den Kopf . „ Graf Ottfried besaß keinen Bruder , so viel ich weiß . “ „ Sie können es auch nicht wissen , Bruno ! “ sagte Günther plötzlich fest und scharf . „ Man hat es gerade Ihnen von jeher auf das Sorgfältigste verhehlt . “ „ Woher kennen Sie meinen früheren Namen ? “ fragte Benedict befremdet aufblickend . „ Wir sind einander nie begegnet , bevor ich in den Orden trat . “ Günther umging die Antwort . „ Sie sind dem Grafen Rhaneck befreundet ? “ fragte er seinerseits . „ Ich verdanke ihm Alles , meine Erziehung , meine Ausbildung ; er nahm sich des armen Knaben an – “ „ Des armen Knaben ! “ unterbrach ihn Jener bitter . „ Sie waren nicht arm , Bruno , wenigstens von Vaters Seiten nicht , und Sie brauchten dem Grafen nicht zu danken für das , was er Ihnen gab . Anklagen hätten Sie ihn sollen , wegen des armseligen Almosens , mit dem er den Diebstahl wieder gut machen wollte , den er an dem Namen und Recht seines ältesten Sohnes beging ! “ Benedict fuhr mit dem Ausdruck des vollsten Entsetzens zurück . „ An mir ? “ „ An Ihnen , Bruno Rhaneck ! Ihnen allein gebührte die Stellung , die Graf Ottfried in der Welt einnahm . “ Der junge Priester stand da , wie vom Blitze getroffen , jeder Blutstropfen war aus seinem Antlitz gewichen , plötzlich schlug er beide Hände vor das Gesicht und sank wie vernichtet in einen Stuhl . Günther war zu ihm getreten und wartete schweigend einige Minuten lang den Ausbruch der Erschütterung ab , endlich legte er die Hand leise auf seine Schulter . „ Und Sie fragen mich nicht nach Ihrer Mutter ? “ sagte er vorwurfsvoll . Benedict ließ die Hände sinken , das Antlitz war noch so farblos als vorhin . „ Ich weiß , daß es von jeher nur eine Gräfin Rhaneck gab , “ entgegnete er dumpf , „ und daß diese meine Mutter nicht ist . Ersparen Sie es mir , die meinige – verachten zu müssen . “ Günther ’ s Stirn umwölkte sich . „ Werfen Sie Ihre Verachtung nach einer anderen Seite , die Mutter verdient sie nicht ! Vor Gott war sie die einzig rechtmäßige Gemahlin , Sie waren der einzig legitime Sohn des Grafen ; Ihrem Oheim , dem Prälaten , gebührt das Verdienst , den Altar , den er in seinem Glauben vertritt , in einem anderen verleugnet und das Band zerrissen zu haben , das dort geknüpft ward . Jetzt freilich würde ihm nicht mehr gelingen , was er damals mit dem Gesetze in der Hand vollbrachte . “ Benedict sprang auf , aber die dumpfe Verzweiflung in seinen Zügen machte jetzt einer anderen , drohenderen Empfindung Platz . „ Meine Eltern waren – vermählt ? “ „ Ja ! Aber werden Sie erst ruhiger , Bruno , so können Sie mich ja weder fassen noch verstehen . “ Die Ermahnung war nothwendig , aber sie nützte nichts , Benedict rang vergebens mit seiner furchtbaren Aufregung , er vermochte nicht ihrer Herr zu werden . Günther trat ihm beschwichtigend näher . „ Ich fragte Sie schon einmal nach Ihrer Herkunft , nach einer Aehnlichkeit , die mir auffiel . Ich wußte , woher sie stammte , aber ich wollte wissen , ob auch Sie eine Ahnung davon hätten . Ihre Antwort zeigte mir , daß es nicht der Fall sei , damals mochte ich Ihnen mein Geheimniß nicht aufdringen , den jungen Mönch , den ich fanatisch begeistert wähnte für seinen Beruf , hätte es nur unglücklich gemacht , jetzt habe ich keinen Grund mehr zu schweigen . Wollen Sie mich hören ? “ Der junge Priester entzog ihm heftig seine Hand und machte rasch einen Gang durch das Gemach . Als er zurückkehrte , war die Ruhe , äußerlich wenigstens , erzwungen , er blieb dicht vor Günther stehen . „ Ich höre ! “ „ Vor etwa vierundzwanzig Jahren , “ begann dieser , „ machte mich der Zufall zum Zeugen eines Duells . Ich half , das Opfer desselben in seine Wohnung bringen und erlebte dort eine herzzerreißende Scene , die Verzweiflung einer jungen Frau , die mit dem Todten ihren einzigen Schutz und Beistand auf Erden verlor . Der Arzt , der jenem Zweikampfe beigewohnt , nahm sich später der ganz Verlassenen an und gewährte ihr eine Zuflucht in seinem Hause . Dort sah ich sie öfter und dort erfuhr ich schließlich auch die Namen und die näheren Umstände , die in den betreffenden Kreisen kein Geheimniß waren . “ Benedict hörte schweigend zu , ohne durch einen Laut oder eine Bewegung die Erzählung zu unterbrechen , aber sein Auge hing unverwandt an den Lippen des Sprechenden . „ Damals war Graf Rhaneck noch keineswegs der voraussichtliche Majoratserbe , “ fuhr dieser fort . „ Als jüngster Sohn des Hauses war er größtentheils auf seine eigene Laufbahn angewiesen , und aus diesem Grunde in die Armee unseres Staates übergetreten , um schneller Carrière zu machen . Er lernte ein achtzehnjähriges Mädchen kennen , eine Waise aus bürgerlicher protestantischer Familie , die bei ihrem Bruder , einem Arzte , lebte , der mit angestrengter Thätigkeit sich und die Schwester erhielt . Der junge Officier mit seiner bestechenden Persönlichkeit und seinen glänzenden Eigenschaften errang bald genug den Sieg , aber er wußte , daß er die Geliebte nur als Gattin besitzen konnte , und er war jung und leidenschaftlich genug , sie auch wirklich zum Altare zu führen . Seine ahnenstolze , streng katholische Familie durfte natürlich von diesem Schritt nichts wissen , der ihr bei der Entfernung auch leicht zu verbergen war , und da ein katholischer Priester sich geweigert hätte , die Ehe einzusegnen , so vollzog ein protestantischer Geistlicher , dessen Bedenken man zu besiegen gewußt hatte , die Trauung , welcher nur der Bruder der Braut und ein Freund desselben als Zeugen beiwohnten . Es mögen dabei wohl manche von den Förmlichkeiten , welche die Gesetze damals noch bei einer Verbindung zwischen dem hohen Adel und dem Bürgerthum , zwischen Katholik und Protestantin , zwischen den Angehörigen verschiedener Staaten verlangten , unterblieben sein . Man scheute vermuthlich das Aufsehen , die Streitigkeiten mit den Priestern , mit der Familie ; Absicht war es wohl nicht , einer solchen Niederträchtigkeit möchte ich den Grafen denn doch nicht zeihen . Genug , man ließ es bei der einfachen kirchlichen Trauung bewenden , der jungen Frau war es genug , daß die Hand des Geistlichen sie am Altar ihrem Gatten vermählte , diesem schien es genügend , und die Ehe dauerte ungefähr ein Jahr lang . Da plötzlich starb der älteste Bruder des Grafen , der Majoratserbe , der zweite war bereits im Kloster , und Titel und Güter der Familie fielen so dem jüngsten zu , der sofort nach Rhaneck berufen wurde . Die drei Monate , welche er dort zubrachte , wurden verhängnißvoll für drei Menschenleben . Er wagte es nicht , seine Vermählung dem Vater einzugestehen , und vertraute sich dem Bruder an . Der Prälat , von seinem Standpunkte aus , sah in dieser Ehe eines Rhaneck mit einer Bürgerlichen , eines Katholiken mit der Protestantin ein Verbrechen ; er ist eine eiserne , mitleidslose Natur , ich habe es gesehen bei unserer ersten Begegnung . In der Minute , in welcher er von der Verbindung [ 234 ] erfuhr , war auch ihr Todesurtheil gesprochen . Ob und welche Kämpfe es gegeben , ob man Bitten , Drohungen oder Ueberredung angewendet , mag dahin gestellt bleiben ; genug , die Familie siegte , der Graf trennte sich von seiner Gemahlin und diese erhielt zugleich mit der Nachricht , daß er seine Ehe für nichtig erkläre , das Anerbieten einer Entschädigung , wenn sie freiwillig zurücktrete . Beides kam von der Hand des Prälaten , Graf Ottfried hatte denn doch nicht die Stirn gehabt , sein Weib in solcher Weise zu beschimpfen . “ Benedict schwieg noch immer , nur in seinem Auge glühte es seltsam und unglückverheißend : was er auch empfinden mochte bei diesen Aufschlüssen über das Geschick seiner Mutter , Weichheit war diese Empfindung sicher nicht . „ Ich will Ihnen die ausführliche Beschreibung dessen , was nun folgte , ersparen , “ sagte Günther rascher , denn er mochte wohl fühlen , daß seine Erzählung einer Folter gleichkam . „ Die Gräfin vertheidigte vergebens ihr und ihres Sohnes Recht , sie mußte jetzt das Vertrauen büßen , das sie einst in argloser Liebe dem Gatten entgegengetragen . Der Graf und der Prälat siegten , denn sie hatten den Buchstaben des Gesetzes für sich . Die einseitig protestantische Trauung ward nicht anerkannt , die ohne Einwilligung der Familie geschlossene , im Auslande vollzogene Ehe für nichtig erklärt , und der Spruch der Gerichte raubte der Mutter und ihrem Kinde Namen und Ehre . Ihr Bruder hatte bis zum letzten Augenblicke dafür gekämpft , jetzt schlug er das Einzige in die Schanze , was ihm noch übrig blieb , sein Leben . Er forderte den Grafen und dieser stellte sich ihm ; aber die Hand des Arztes wußte nur schlecht mit Pistolen umzugehen , er fehlte . “ „ Und Graf Rhaneck ? “ „ Der Graf – schoß den Bruder seines Weibes nieder ! “ Es entstand eine Pause , aber Bernhard trat plötzlich auf den jungen Priester zu und legte , wie in erwachender Besorgniß , die Hand auf dessen Arm . „ Wischen Sie den Zug da weg von Ihrer Stirn , Bruno ! “ sagte er ernst , „ er verheißt immer nur Unglück oder Verbrechen . So , gerade so sah Ihr Vater aus , als Ihr Oheim von seiner Hand fiel . Dem geübten Schützen wäre es ein Leichtes gewesen , den Gegner nur zu verwunden ; aber dieser Rhaneck ’ sche Zug stand auch auf seiner Stirn , und er forderte gebieterisch den Tod Dessen , der ihn öffentlich einen Schurken genannt . Hüten Sie sich vor dieser Ader Ihres Geschlechts ; es ist das Einzige , was Sie von ihm ererbt haben , aber Sie kann auch Ihnen zum Verhängniß werden . “ Benedict fuhr langsam mit der Hand über die Stirn . „ Fürchten Sie nichts ! Sie soll sich gegen dies Geschlecht wenden , so wahr – so wahr ich meine Mutter an ihm zu rächen habe ! Es hat auch ihren Tod auf dem Gewissen , nicht ? “ „ Sie überlebte den doppelten Schlag nicht lange . Das Kind wurde von dem Vater in Anspruch genommen . Er hatte jenem zwar Alles geraubt , worauf ihm die Geburt ein heiliges Recht gegeben ; aber ihm ließ man nichtsdestoweniger das Recht , den Knaben seiner Heimath und dem Glauben , in dem er auf Wunsch der Mutter getauft war , zu entreißen , um ihn den Händen seines Bruders zu übergeben und endlich in ’ s Kloster zu stecken . Die Kirche forderte wohl diese Sühne für jene ‚ Vereinigung ‘ , und die ‚ Priesterweihe ‘ sollte den letzten Rest des ‚ Ketzerblutes ‘ tilgen , das es gewagt hatte , sich mit dem Rhaneck ’ schen zu vermischen . “ „ Sie sollen dies Blut kennen lernen ! Noch Eins – was Sie mir sagten , ist nicht nur gehört , sondern verbürgt ? “ „ Ich stehe für jedes Wort ein , das ich gesprochen , wenn es sein muß , mit meinem Schwur . “ „ So haben Sie Dank für Ihre Mittheilung . Mein Entschluß war vorher gefaßt , aber Sie nehmen ihm das Schwerste . Das Gefühl der Dankbarkeit machte mich immer noch feig den Beiden gegenüber ; jetzt weiß ich , daß der Haß Recht behalten hat , der sich immer und immer in mir gegen sie aufbäumte , weiß , wer hier zu richten hat – ich gehe zum Prälaten . “ [ 237 ] Im Stifte sollte das feierliche Todtenamt für den jungen Grafen Rhaneck gehalten werden . Der Rang und Name des Verstorbenen und die Umstände seines Todes erhoben diese Feier zu einer außergewöhnlichen , die selbstverständlich all den kirchlichen Pomp und Glanz beanspruchte , den ihr düsterer Charakter nur gestattete . Der ganze Adel der Umgegend erschien , um den Eltern seine Theilnahme zu beweisen , aber auch die sämmtlichen Dorfschaften , welche unter der Herrschaft des Stiftes oder des Schlosses Rhaneck standen , hatten ihre Bewohner gesandt , es galt ja dem Neffen des Prälaten und dem Sohne des Majoratsherrn . Die Landleute drängten sich noch sämmtlich in dem Klosterhofe , um zu sehen , wie der Prälat an der Spitze seiner Geistlichkeit und begleitet von dem Adel und den Beamten der Umgegend sich in die Kirche begeben werde . Die Gräfin Rhaneck hatte den ersten furchtbaren Schlag einigermaßen überwunden , aber ihr Zustand gestattete ihr noch immer nicht , einer so aufregenden Feier beizuwohnen , der Graf dagegen war erschienen und hatte sich bis zum Beginn derselben in die Gemächer seines Bruders zurückgezogen . Seine Uniform trug heute die Abzeichen tiefer Trauer , und wer ihn so sah , wie er im Armsessel saß , den Kopf in die Hand gestützt , das Auge düster vor sich hinstarrend , der hätte in ihm kaum den noch immer schönen , lebenskräftigen Mann wiedererkannt , die wenigen Tage hatten ihm etwas Greisenhaftes gegeben . Der Prälat , der kalt , selbstbewußt und energisch wie immer neben ihm stand , erschien heute als der Jüngere von Beiden . „ Quäle Dich und mich doch nicht mit solchen Sorgen , Ottfried ! “ sagte er nachdrücklich . „ Die Beweise gegen diesen Günther sind nicht erschöpfend genug , um ihm ernstlich etwas anzuhaben . Wir können ruhig der Untersuchung zusehen , im schlimmsten Falle bleibt es uns immer noch , unseren Einfluß geltend zu machen , um das Aeußerste zu verhüten . “ Rhaneck ’ s Antlitz hellte sich nicht auf , trotz dieses Zuredens . „ Du hast ihn schon einmal vergebens geltend gemacht , als es sich darum handelte , die Untersuchung überhaupt zu verhindern , es gelang Dir nicht . “ Der Prälat zog die Stirn in Falten . „ Dieser neue Landrichter ist eine höchst unbequeme Persönlichkeit , die erste dieser Art , die man uns nach E. schickte ; ich werde sorgen , daß er nicht allzulange dort bleibt . Aber ich wiederhole es Dir , diese Kette von Zufälligkeiten war genug , Günther zu verhaften , nicht ihn zu verurtheilen , dazu gehören andere Beweise , man wird ihn wegen Mangels derselben freisprechen müssen . “ „ Und damit einen ewigen Makel auf seine Ehre werfen . “ „ Willst Du es unternehmen , ihn davon zu reinigen , so thue es ! “ sagte der Prälat scharf . Der Graf machte heftig eine abwehrende Bewegung und wandte sich nach dem Fenster , seine Augen schweiften theilnahmlos über die Landschaft draußen , aber man sah es , seine Gedanken waren ganz wo anders . Der Prälat schwieg , doch ein leiser Ausdruck von Befriedigung lag in seinem Blick ; ihm war es vielleicht nicht unlieb , daß die Untersuchung gerade diese Wendung genommen ; wurde damit doch ein Feind unschädlich gemacht , der mit seinen Neuerungen und seiner Autorität die ganze Gegend bedrohte ; was galt ihm die bedrohte Freiheit und Ehre dieses Mannes ! Er war künftig machtlos dem Volke gegenüber , wenn ein solcher Flecken an seinem Namen haften blieb . „ Hast Du – hast Du die Maßregeln ausgeführt , von denen Du mir schriebst ? “ fragte der Graf plötzlich . Die Frage kam bebend und leise von seinen Lippen und er wandte sich dabei nicht um , um dem Auge des Bruders begegnen zu müssen . „ Ich habe ! “ erwiderte dieser ruhig . „ Das Hochgebirge war seit drei Tagen abgeschnitten von uns , erst seit gestern sind die Wege wieder passirbar , ich habe das sofort benutzt , um einen Boten hinaufzusenden . Er bringt Benedict meinen Befehl , N. unverzüglich zu verlassen und nach dem Kloster abzureisen , das ich ihm bezeichnete . Der Bote muß ihn gestern noch erreicht haben , und jetzt ist er jedenfalls schon auf dem Wege nach seinem neuen Bestimmungsorte . “ „ Und nach welchem Kloster hast Du ihn gesandt ? “ Es klang durch die Frage wieder etwas von der früheren Angst hindurch . „ Ottfried , die Angelegenheit liegt in meinen Händen , “ sagte der Prälat kalt , „ laß sie mich auch allein zu Ende führen . Es handelt sich jetzt nur darum , Benedict fern zu halten , und zu verhindern , daß man ihn zu einem Zeugniß herruft , ich werde es verhindern – wegen des Weiteren frage mich nicht . “ Mit einem schweren Seufzer ließ sich der Graf wieder nieder . Sein Bruder hatte richtig gerechnet , er ließ den einst so leidenschaftlich vertheidigten Schützling widerstandlos in seinen Händen – der Schlag hatte zu hart getroffen . [ 238 ] Die Thür ward leise geöffnet und der Kammerdiener erschien in derselben . „ Ist es schon Zeit für die Kirche ? “ fragte der Prälat sich umblickend . „ Noch nicht , Euer Gnaden , aber der Herr Pater Benedict wünscht – “ „ Wer ? “ fuhr der Prälat auf , während auch Rhaneck bei dem Namen emporzuckte . „ Herr Pater Benedict wünscht , sofort vorgelassen zu werden und – “ weiter kam der Meldende nicht , denn der Genannte stand bereits neben ihm auf der Schwelle und sagte fast gebietend : „ Lassen Sie es gut sein ! Der Herr Prälat wird mich empfangen ! “ Der Kammerdiener erschrak beinahe vor diesem Tone , er hatte so gar nichts mehr von der Art , mit der ein Mönch bei seinem Oberen eintritt . Pater Benedict that ja , als hätte er hier zu befehlen , und er drängte auch wirklich den Mann zurück in ’ s Vorzimmer , schloß die Thür und schritt rasch durch das Gemach auf den Prälaten zu . Der Graf war bei seinem Erscheinen aufgesprungen und schaute ihn mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Angst und Schmerz an , aber der junge Priester sah das nicht , oder wollte es nicht sehen , er streifte fast den Arm Rhaneck ’ s , ohne auch nur mit einem Blicke von ihm Notiz zu nehmen . Vor dem Abte blieb er stehen und verneigte sich , es war noch der übliche Klostergruß , aber es schien , als habe der Nacken des Mönches es auf einmal verlernt , sich zu beugen , so gezwungen war die Bewegung . Der Prälat schaute ihn streng an . „ Sie hier , Pater Benedict ? Haben Sie meine Botschaft nicht erhalten ? “ „ Welche Botschaft ? “ „ Den Befehl , unverzüglich den Pfarrer Clemens zu verlassen und sich nach dem Kloster zu begeben , das ich Ihnen nannte , vor allen Dingen aber das Gebiet von E. nicht wieder zu betreten . Der Brief muß schon gestern Abend in Ihren Händen gewesen sein . “ „ Gestern Abend war ich bereits in E. , “ sagte Benedict kalt . „ Und was führte Sie ohne Erlaubniß dorthin ? “ frug Jener drohend . „ Die Verhaftung Bernhard Günther ’ s ! “ Der Prälat ballte unwillkürlich die Hand . „ Sie wissen – “ „ Ich erfuhr , was man mir um jeden Preis verbergen wollte , weshalb ich heimlich entfernt werden sollte , und ich komme , um Sie jetzt zu fragen , Hochwürdigster : verlangen Sie noch mein Schweigen ? “ Es kam zu keiner Erwiderung , denn der Graf , der bisher regungslos der Unterredung zugehört , trat jetzt dazwischen . „ Wenn mein Bruder Dein Schweigen forderte , “ sagte er gepreßt , „ er hatte Recht , Bruno . Ich verlange es auch von Dir ! “ Benedict hatte sich bei dem Klange der Stimme umgewandt , und der unglückverheißende Ausdruck trat wieder in sein Auge . „ Sie auch , Herr Graf ? Also wirklich ! “ „ Laß es an dem einen Opfer genug sein ! “ fuhr Rhaneck dumpf , aber fest fort . „ Ich will kein zweites , Du sollst Dich nicht auch noch in ’ s Verderben stürzen ! “ Einige Secunden lang stand der junge Priester da und sah ihn völlig verständnißlos an , dann auf einmal blitzte die Wahrheit in ihm auf . „ Ich mich in ’ s Verderben stürzen ? “ brach er heftig aus . „ Halten Sie etwa mich , mich für den Mörder Ihres Sohnes ? “ „ Du bist es nicht ? “ schrie der Graf auf und es klang wie der Jubel eines Erlösten von Todesqualen . „ Nein ! “ „ Gott sei gelobt ! – Und Du , “ wandte sich Rhaneck jetzt sprühenden Auges an seinen Bruder , „ Du sagtest mir – “ „ Ich sagte Dir nichts ! “ unterbrach ihn der Prälat finster . „ Erinnere Dich , daß Du es warst , der den ersten Argwohn weckte , nicht ich ! “ „ Aber Du nährtest ihn absichtlich mit Deinem Doppelsinn ! Du wußtest , in welche Verzweiflung er mich stürzte , ein Wort von Dir hätte sie lösen können , und Du schwiegst ! “ Es war , als sei mit der furchtbaren Last , die von seiner Seele gesunken war , auch die Gebrochenheit verschwunden , er stand wieder aufrecht und fest , das Auge flammte wieder in der alten Leidenschaftlichkeit , und die Stimme klang voll und drohend . „ Der Herr Prälat konnte Ihnen den Thäter nicht nennen ! “ sagte Benedict fest . „ Sie hätten alsdann Aufschluß über die völlig räthselhafte That verlangt . Er hätte Ihnen zugleich bekennen müssen , wem sie galt und – wer sie befohlen . “ Das Antlitz des Prälaten wurde wieder fahl wie damals , als er die Beichte des jungen Mönches empfing , aber er richtete sich stolz empor . „ Pater Benedict , Sie vergessen , daß Sie vor Ihrem Abte stehen ! “ „ Vor dem Manne , der meinen Tod beschloß ! Ich klage Sie nicht an deswegen , denn ich weiß , es war kein persönlicher Haß . Sie opferten den Ungehorsamen , den Abtrünnigen , der den Orden bedrohte , und es