nach ihrer Statur und Bewaffnung zu urteilen , in den nach Süden abfallenden Tälern Graubündens geworben haben . Nur einen in der Rotte sicherlich nicht . Es war ein wahrer Riese , derb von Gliedern und rot von Gesichtsfarbe , in dem Lucretia einen wegen seiner sprichwörtlichen Körperstärke weithin gefürchteten Raufbold , den Wirtssohn von Splügen , erkannte . Er hatte sich gegen den Regen eine Bärenhaut wie einen Haubenmantel übergehängt und blickte unter der Schnauze und den Ohren des erlegten Ungetüms wie ein tierischer Waldmensch hervor . Lucretia ließ das wilde Gesinde , das seine Ankunft mit Musketenschüssen kundtat , durch ihren Kastellan in einem Nebengebäude unterbringen und bewirten . Den unwillkommenen Vetter empfing sie erst am Abendtische , an welchem ihre Dienerschaft teilzunehmen pflegte und Lucas das Amt des Hausmeisters versah . Nachdem die Tischgenossen sich entfernt hatten , begehrte Rudolf eine Unterredung mit seiner Base und blieb ungebeten im Gemache zurück , wo Lucas auf einen Wink des Fräuleins das Abräumen des Tafelgerätes nur langsam und zögernd besorgte . Die Gegenwart des alten Knechtes hielt ihn nicht ab , vor sie hinzutreten und ihr mit leiser Stimme Drohungen zuzuflüstern . Er warf ihr ins Gesicht , daß er wohl wisse , wer für den neuen Despoten Bündens , der morgen in Chur seinen prunkenden Einzug halten werde , in Mailand die ersten Botendienste getan . » Der Verschwender ist mir mit seinem fürstlichen Gefolge und seinen kostbaren Berberhengsten über den ganzen Berg auf den Fersen gewesen « , sagte er neidisch . » In Splügen mußte ich ihm die Straße freigeben , wenn ich nicht immerfort seine Knaben hinter mir über die Armut des Planta wollte spotten hören ! « Lucretia gab den Zweck ihrer Reise nach Mailand ruhig und stolz zu . Da warf der Freche jede Scheu von sich und bezichtigte sie vertraulicher Abhänglichkeit von dem Obersten . » Es ist Zeit mit ihm ein Ende zu machen « , schrie er ihr zu . » An Betrogenen und Beschimpften , die wie ich nach diesem gemeinen Blute dürsten , ist heute Überfluß , seiner Feinde sind in Spanien so viel wie in Frankreich ! Du aber , Lucretia , hast die heilige Pflicht der Rache schmählich vergessen und bist deines Vaters ganz unwürdig geworden ! – Weg mit ihm , lieber heute als morgen ! Der Mörder des Pompejus Planta soll sich der Gunst seiner Tochter nicht berühmen ! Mir fällt es zu , die Ehre des Hauses wiederherzustellen . Sobald der Verräter auf dem Rücken liegt , werde ich dich als mein Weib heimführen . Ich lasse die Güter der Planta nicht von unberechtigten Händen verzetteln . « Das Fräulein antwortete nicht . Aber Lucas , dem das Herz vor Ingrimm schwoll , als er seine Herrin so unwürdig behandelt sah trat , die Fäuste ballend , neben sie . Aufrecht und bleich mit geschlossenen Lippen stand Lucretia vor ihrem Beleidiger . » O wie gut weißt du , daß jedes deiner Worte eine Lüge ist « , stöhnte sie endlich aus gepreßtem Herzen und verließ das Gemach . Ehe sie die Tür ihres Turmzimmers hinter sich verschloß , hatte sie ein Knechtlein nach Cazis hinübergeschickt , um den Pater Pancraz auf den Riedberg zu holen . Aber der Pater war nach Almens berufen wor den , und es war nicht denkbar , daß man ihn von dort in der schlimmen Sturmnacht zurückkehren ließ . Er werde morgen in der Frühe hinüberkommen , ließ Schwester Perpetua berichten . Jetzt war Lucretia allein . Sie trat ans Fenster und schaute in das nächtliche Land hinaus . Der Sturm schwieg , aber kein Stern stand am Himmel . Schwere niedere Dunstgebilde verdeckten den Mond und ließen kaum auf ihren zerrissenen Säumen einen schwachen Widerschein seines Lichtes ahnen . Überall schwarze drückende Massen des Gebirgs und der Wolken . Mitternacht ging vorüber und immer noch saß Lucretia am Turmfenster und horte ratlos und ohne klare Gedanken dem dumpfen Rauschen des Rheines zu . Wie ein riesenhaftes dunkles Unheil stand vor ihr was aus ihrem Leben geworden . Aber das Leid um ihren Vater , eine vertrauerte Jugend , ihre jetzige Verlassenheit und die Schrecken der Zukunft sanken in ein unbestimmtes , dumpfes Schmerzgefühl zurück , aus dem ein einziger , stärker und stärker ertönender Vorwurf emporstieg und ihr ans Herz griff : Sie war ihres Vaters nicht würdig . Sie hatte ihre Rache versäumt . Konnte sie nicht jetzt noch von dieser Last sich befreien ? Nicht jetzt noch einem Feigling das Recht nehmen , sie im Einklange mit ihrem eigenen Herzen einer leichtfertig vergessenen Kindespflicht anzuklagen ? Nein ! Sie war zu schwach dazu ! – Nein , sie wollte nicht stark genug sein . Ihr allein gehörte das Recht der Rache und sie übte es nicht aus ; aber sie erbebte vor Zorn , als sie sich es möglich dachte , daß ein anderer es ihr entreißen könnte ... Freilich daß Rudolf dies gelinge , das war ihr auch jetzt , da sie ihn im höchsten , widerwärtigsten Wutaufwande seiner feigen Natur gesehn , durchaus unglaublich . Wie sollte diese Viper ihren stolzen Adler erreichen ! Aber sie erschrak vor dem Zwiespalte ihrer eigenen Seele , vor ihrer Ohnmacht die alte Rache zu hegen und vor ihrer verzehrenden Eifersucht auf jeden , der in ihr Amt eintreten konnte . So beschloß sie ein Ende zu machen und der Welt abzusagen . Jenseits der Klosterschwelle war sie sicher . Sie verzichtete ja dort auf all ihren Besitz , opferte ihre stolze , immer bekämpfte Liebe , verzichtete auf die zu lange wie ein Heiligtum bewahrte Rache . – Jenseits der Klosterschwelle konnte weder Jürgs frevelhafte Werbung , noch Rudolfs ekler Eigennutz sie mehr erreichen . Im Schlosse war es ruhig geworden . In den Dörfern brannte kein Licht ; nur von Cazis drang ein matter Schimmer über den Rhein . Er kam aus der Klosterkirche , wo die Schwestern schon Frühmette sangen . Dort war ihre Friedensstatt offen und sie zögerte nicht länger an der Pforte . Sie goß Öl in ihre Lampe , die erlöschen wollte , und begann ihre Papiere zu ordnen . Sie stellte über alle ihre Güter Schenkungsurkunden aus zugunsten der Schwestern in Cazis und gedachte , in ihrem Gemache eingeschlossen zu bleiben bis zur Ankunft des Paters Pancraz . Nachdem alles vollendet war , legte sie sich angekleidet noch kurze Zeit zur Ruhe . Gegen Morgen erhob sich der Föhn von neuem mit heulender Wut , wie er nach der oft wiederholten Erzählung des alten Knechtes in jener Nacht getobt , als ihr Vater erschlagen wurde . Sie fiel in einen unruhigen Schlummer , aus welchem sie , von den Geräuschen des Sturmes geweckt , immer wieder emporfuhr . Ein Traum führte sie in die Todesstunde ihres Vaters . Sie sah ihn – groß und blutig lag er hingestreckt und jammernd wollte sie sich über ihn werfen – aber die Leiche verschwand , sie stand allein und hielt das gerötete Beil in der Hand , während sie die Rosse der Mörder mit stampfenden Hufen enteilen hörte . Ein neuer Windstoß rüttelte am Turme und ließ die Fensterscheiben des Gemaches in ihrer Bleifassung erklirren . Lucretia erwachte . Im Hofe hörte sie Pferdegetrappel und das Knarren des sich öffnenden Tors . Sie eilte ans Fenster und sah in der stürmischen Morgendämmerung zwei Pferde wegtraben . Das eine war der Schimmel ihres Vetters . Erstaunt ließ sie Lucas rufen . Er war nicht mehr auf dem Schlosse , sondern mit Herrn Rudolf nach Chur verritten , dessen Gefolge , wie ihr gesagt wurde , Befehl erhalten hatte , später aufzubrechen , um zur Mittagszeit mit dem Herrn in der Schenke zum staubigen Hüttlein bei Chur zusammenzutreffen . – Daß der treue Lucas nach dem Auftritte von gestern mit Rudolf Planta weggeritten , daß er sie ohne Urlaub verlassen , was er noch nie getan , das war Lucretia unbegreiflich und erfüllte sie mit schlimmen Ahnungen . Sie betrat die Kammer des Alten und öffnete eine hölzerne Truhe , worin er mit eigensinniger Verehrung das Beil aufbewahrte , das ihren Vater erschlagen hatte und das sie zum schmerzlichen Ärger des greisen Knechtes nie hatte sehen wollen . Die Truhe war leer . Lucretia erbleichte . Die mit dem Blute ihres Vaters benetzte Waffe also war ihr entrissen ; die ihr allein zustehende Rache sollte heute schon von den Händen eines Feiglings oder von denen ihres Knechtes vollzogen werden ! Das Blut der Planta stürzte ihr wild zum Herzen und empörte sich gegen solch unwürdigen Eingriff . Die Entsagung der verwichenen Nacht entschwand ihrem Gemüte . Heute war sie noch die Herrin auf Riedberg – heute war sie noch die Erbin ihres Vaters und waltete zum letzten Male ihres Amts . Was morgen komme war ihr gleichgültig , lag doch wie ein stiller Friedhof das Kloster Cazis dort über dem Rhein . Noch warf sie einen Blick hinaus in die trübe , sturmgepeitschte Gegend , ob der Pater nicht komme . Sie wollte ihm die von ihr in der Nacht geschriebenen und besiegelten Dokumente übergeben . Aber Stunden verstrichen und er kam nicht . Das Gefolge Rudolfs war seinem Herrn nachgeeilt . Jetzt ließ auch sie satteln und ritt nach Chur , von ihrem jüngsten Knechte , dem Sohne des alten Lucas , begleitet . Sie wollte zu Georg , ihn warnen und retten , oder ihn mit reinen , gerechten Händen töten . » Jürg ist mein ! « sagte sie zu ihrem Herzen . Erst gegen Mittag klopfte der verspätete Pater ans Tor , und hörte mit Schrecken von dem Erscheinen Rudolfs , und daß das Fräulein in der Frühe nach Chur verreist sei . Eine vertraute Magd hatte den Auftrag , den Kapuziner in das Turmzimmer zu führen , wo ihre Herrin zu schreiben pflegte . Dort fand er die Schenkungsurkunden in vollständiger Ordnung und die schriftliche Erklärung , daß Lucretia Planta der Welt entsage und im Kloster Cazis den Schleier nehme . Nachdenklich und traurig stand der Mönch vor diesen Zeugen eines schweren und schmerzlich vollendeten Seelenkampfes . Die Entscheidung erfreute ihn weniger , als es von einem echten Sohne des heiligen Franziskus zu erwarten gewesen wäre . Auch beunruhigte ihn Lucretias Ritt nach Chur . Er wußte , daß sein Beichtkind in schwierigen Lagen die kleinen Hilfsmittel und Auswege weltlicher Klugheit nicht fand , daß Lucretias Gefühle mit unzerstörbarer Liebe im einmal Ergriffenen wurzelten , daß ihre Gedanken mit erschreckender Gewalt in der einmal betretenen Bahn fortstürzten . Es war ihm oft aufgefallen , daß ihr nahe lag und sie natürlich fand , was andern als gefahrvoll und unerhört erschien , und daß sie es in aller Einfachheit tat . Er horchte die Dienstleute über die Vorfälle der vergangenen Nacht aus und ihm wurde immer bänger . Er steckte die Urkunden sorgfältig zu sich , bestieg sein Eselchen und ritt trotz Wind und Wetter ohne Aufenthalt gen Chur , wo er Lucretia bei der greisen Gräfin Travers zu finden hoffte , fest entschlossen , wenn so oder so ein Unheil geschehen sei , das Fräulein nach Cazis in Sicherheit zu bringen . Vierzehntes Kapitel Vierzehntes Kapitel Zu dieser Stunde saß in seinem Hause zu Chur der Ritter Doktor Fortunatus Sprecher mit einem geehrten Gaste an der festlich besetzten Mittagstafel . Die erwärmte Stimmung der Tischgesellschaft und der solide Reichtum des Gemaches stand in behaglichem Widerspruche mit dem Unwetter draußen auf der Gasse , wo der rauschende Orkan den schmelzenden Schnee von den Dächern warf und mit ohnmächtiger Wut an den vergoldeten Eisengittern rüttelte , die in unten weit ausgebauchter Korbform die breiten Fenster von hellem Glase schützten . Der mit Silber und venezianischen Kelchen besetzte Tisch nahm die Mitte des Zimmers ein . Der größte , ebenso reiche als heimatlich behagliche Schmuck dieser schönen Familienstube war ihr kunstreich geschnitztes Nußbaumgetäfel , das durch zierliche korinthische Holzsäulen in zwölf mit Trophäen gefüllte Felder geteilt war . Das oberste Gesimse wurde von Karyatiden in halber Figur getragen , zwischen welchen ein rings herumlaufender Holzfries die verschiedenen Szenen einer Jagd mit Schützen , Hunden und zum Teil fabelhaftem Getier in erhabener Arbeit darstellte , auf welches Werk der Doktor mit Recht besonders stolz war . Die Stelle des Deckengemäldes vertrat das kühngeschnitzte Wappen der Sprecher von Bernegg . Die Ecke des Zimmers füllte , stattlich und kranzgekrönt , das warme Gebäude des Kachelofens . Ein großartiger und zugleich kurzweiliger Anblick ! Denn da entfaltete sich zwischen zartgefärbten Engeln und Fruchtschnüren in mehreren Bilderreihen die ganze Geschichte des Erzvaters Abraham . Die biblischen Szenen waren in violetten , gelben und blauen Umrissen und Schattierungen mit großem Fleiße auf die weißen Kacheln gemalt und durch daruntergesetzte geistreiche Reimsprüche erklärt und nutzbar gemacht . Der Tischgenossen waren jetzt nur noch drei . Die jüngern Kinder des Hauses , welche das untere Ende der Tafel eingenommen und in bescheidener Stille ihr Essen stehend verzehrt hatten , waren beurlaubt worden . An dem Ehrenplatze , zwischen dem Hausherrn und seinem blonden Töchterlein , saß , als gefeierter Gast , der Herr Amtsbürgermeister Heinrich Waser . Heute am Tage der öffentlichen Überreichung der Friedensakte , wozu ihn seine den drei Bünden immer besonders gewogene Vaterstadt , die Republik Zürich , abgeordnet hatte , befand er sich in voller Amtstracht und im Schmucke seiner bürgermeisterlichen Kette . Die höchste Würde des Staates war ihm um seiner besonnenen Leistungen und mit berechneter Bescheidenheit nur nach und nach ans Licht gestellten Verdienste willen ungewöhnlich früh und neidlos zuteil geworden , denn er stand , frisch und lebenslustig , erst am Eingange der Vierzigerjahre . Ein Hauch von Jugendlichkeit schwebte auf seinen vom Gastmahle geröteten Zügen , deren frühere bewegliche Feinheit sich zum behäbigen Ausdrucke einer wohlwollenden , aber ans Schlaue streifenden Klugheit ausgeprägt hatte . Heute sah er bewegt aus , besonders wenn er mit seiner Nachbarin sprach , deren Worten und Mienen er eine prüfende liebevolle Aufmerksamkeit schenkte . Ihr kindliches Köpfchen , das auf einem lichten Halse über dem blauen Tuchkleide und den von ihrer Mutter geerbten Holländerspitzen des durchsichtigen Flügelkragens schwebte , hatte für ihn etwas äußerst Anziehendes . Die weiche Rundung des hellen Gesichtes , der damit übereinstimmende sanfte Glanz ihrer unter langen blonden Wimpern und angenehm gelockten Haaren hervorleuchtenden Augen machten einen Eindruck von befriedigter Ruhe , welche Herrn Waser an die silberne Luna erinnerte , wie sie sich in den klaren Wassern des Zürchersees spiegelt . Immer sehnlicher wünschte er , dieses anmutige Gestirn möchte glückbringend an seinem Abendhimmel aufgehen . Obgleich des Doktors Lebensauffassung infolge seines galligen Temperamentes im ganzen eine trübe war , sah er dem unter seinen Augen sich vorbereitenden häuslichen Ereignisse nicht ohne väterliche Befriedigung entgegen . Aber seine Gedanken waren zerstreut . Herr Waser hatte ihm in allem Vertrauen vor der Mittagstafel eine Kunde mitgeteilt , mit welcher er Fräulein Amantia nicht vorzeitig , nicht heute betrüben wollte – die Kunde vom Tode des Herzogs Rohan . Ein deutsches Flugblatt , das denselben mit rührenden Worten beschrieb , war nach Zürich gelangt und Waser hatte es für seinen geschichtskundigen Freund mitgebracht . Überdies beschäftigte diesen der jeden Augenblick erwartete Einzug des Triumphators in Chur , dessen Persönlichkeit ihm von jeher fremdartig und widerwärtig gewesen und dem er am wenigsten verzeihen konnte , daß er das Sprechersche Haus , eine Festung der Ehre , wie der Doktor früher mit Stolz zu sagen gewohnt war , durch Verrat befleckt hatte . Doch sonderbar ! Was der Bürgermeister dem Fräulein in dieser Stunde festlichen Zusammenseins noch verschweigen wollte , schien einen magnetischen Zug auf dessen ahnungsvolles Gemüt auszuüben , wenigstens kam Amantia heute in Gedanken und Worten von dem guten Herzog Heinrich Rohan nicht weg und konnte bei diesem Anlasse nicht umhin , auch seines tapfern Adjutanten mit Interesse sich zu erinnern . Herr Waser ließ für seinen Mitbürger keine übertriebene Vorliebe blicken . Der Bravour und dem aufgeweckten , gebildeten Geiste Wertmüllers widerfuhr von seinem Munde Gerechtigkeit , aber er schüttelte bedenklich den Kopf über des Locotenenten schneidiges und den Widerspruch absichtlich reizendes Wesen , womit er seine Landsleute beunruhige und sich eine unangenehme Berühmtheit in seiner Vaterstadt zugezogen habe . So selten er in Zürich verweile , sei es ihm gelungen , durch seine Ausfälle gegen eine hohe Geistlichkeit Abscheu , durch sein hochmütiges Geringschätzen der in ihrer Art interessanten städtischen Angelegenheiten allgemeine Mißbilligung und durch allerlei physikalischen Hokuspokus , der ihn dem freilich törichten Verdachte der Zauberei aussetze , bei dem gemeinen Manne unheimliche Furcht zu erregen . So habe er sich in Zürich den Weg verrammelt und das Zutrauen einer löblichen Bürgerschaft in alle Zukunft verscherzt , welches doch , nebst einem reinen Gewissen , die Lebensluft des echten Republikaners sei . – » Das Schlimmste aber an dem jungen Manne « , schloß der mehr als billig erregte Bürgermeister , » ist sein Mangel an aller und jeder Pietät – denn , ich bitt Euch , innig verehrte – dürft ich sagen innig geliebte ! – Jungfer Sprecherin , was ist alles Wissen und Können der Welt ohne die Grundlage eines religiösen Gemütes ! « » Was mir den Locotenenten wert machte « , sagte Fräulein Amantia fast beschämt , » war seine Treue an dem edlen Herzog Heinrich . Da hat er sich als echten Kavalier gezeigt neben dem Verräter Georg Jenatsch , der mir trotz seines gewinnenden Wesens immer wie ein böser Geist vorkam , wenn er über unsere Treppen zum Herzog hinaufsprang . « » Ein schwer zu beurteilender Charakter « , sagte der zürcherische Bürgermeister , indem er , in einen traurig ernsten Ton übergehend , sich an Herrn Fortunatus wandte . » In einem Stücke wenigstens überragt Georg Jenatsch unsere größten Zeitgenossen – in seiner übermächtigen Vaterlandsliebe . Wie ich ihn kenne , so strömt sie ihm wie das Blut durch die Adern . Sie ist der einzige überall passende Schlüssel zu seinem vielgestaltigen Wesen . Ich muß zugeben , er hat ihr mehr geopfert , als ein aufrechtes Gewissen verantworten kann . Aber « , fuhr er zögernd und mit gedämpfter Stimme fort , » ist es nicht ein Glück für uns ehrenhafte Staatsleute , wenn zum Heile des Vaterlandes notwendige Taten , die von reinen Händen nicht vollbracht werden können , von solchen gesetzlosen Kraftmenschen übernommen werden – die dann der allwissende Gott in seiner Gerechtigkeit richten mag . Denn auch sie sind seine Werkzeuge – wie geschrieben steht : Er lenkt die Herzen der Menschen wie Wasserbäche . « » Das ist ein seltsam gefährlicher Satz « , rief Herr Fortunatus entrüstet , » den ich erstaunt bin , unter den Betrachtungen und Maximen Eurer Gestrengen zu finden ! Damit ist man auf geradem Wege , die schlimmsten Verbrechen zu rechtfertigen . Bedenkt , wie leicht solch ein gesetz- und gewissenloser Mensch , einmal in seine unberechenbare Bahn geschleudert und von seinen Leidenschaften wie von einem Orkan getrieben , sein eigen gelungen Werk zerstört . Wißt Ihr , wohin es schon mit Jürg Jenatsch gekommen ist ? Ich erfahre aus zuverlässigen Quellen , daß er bei den Verhandlungen in Malland dem an seinen Vorschlägen mäkelnden Herzog Serbelloni wie ein Rasender gedroht hat , er rufe die Franzosen wieder nach Bünden , wenn Spanien nicht seinen Willen tue , ja , daß er , um den Beichtvater Seiner hispanischen Majestät zu gewinnen – denn er wollte einen andern Einfluß gegen den Serbellonis zu Madrid in die Waagschale werfen – seinen angestammten evangelischen Glauben freventlich abgeschworen hat . « » Da sei Gott vor « , sagte der Bürgermeister aufrichtig erschrocken . » Und was fängt unser kleines Land mit diesem jetzt müßig gewordenen und an Taten noch ungesättigten Menschen an « , fuhr Sprecher fort , » der unsern engen Verhältnissen entwachsen und von seinen beispiellosen Erfolgen trunken ist bis zum Wahnsinn ? – In den Pausen seiner Unterhandlungen zu Mailand hat er in unserer Grafschaft Chiavenna , wo er sich von den drei Bünden zum Lohne seines Verrats an Herzog Heinrich die ganze Zivil- und Militärgewalt unumschränkt übertragen ließ , gewirtschaftet wie ein ausschweifender Nero und einen mehr als fürstlichen Hofhalt geführt . Ich könnte Euch manches davon erzählen , denn ich verzeichne seine Taten allwöchentlich mit dem scharfen Griffel der Klio , dessen Spitze ich übrigens zu niemandes Gunsten abstumpfen würde , nicht einmal zugunsten eines Sohnes oder – Schwiegersohnes « , schloß Herr Fortunatus mit trübem Lächeln . » Gott genade uns , welch ein Unwetter ! « rief Fräulein Amantia , unter diesem Schreckensruf ein zartes Erröten verbergend , und wirklich hatte sich der Sturm draußen verdoppelt und seine Stöße , welche die Gitterverzierungen am Fenster wegzureißen drohten , ließen das feste Haus erbeben und die Gläser auf der Tafel leise klingen . Es öffnete sich die Tür , eine erschrockene Magd erschien und berichtete , der alte Glockenturm zu Sankt Luzi sei , nachdem man ihn einige Male habe schwanken sehen , in dem Unwetter krachend zusammengestürzt , gerade als der Oberst Jenatsch mit seinem Gefolge durch das Tor eingeritten . » Das ist nicht ohne Bedeutung « , sagte ernst Herr Fortunatus , während die Männer ans Fenster traten . » Wir wissen aus Tito Livio und haben auch hier die Erfahrung öfter gemacht , daß die Natur mit der Geschichte in geheimem Zusammenhange steht , große Begebenheiten vorausfühlt und mit ihren Schrecknissen ankündigt und begleitet . « Unter andern Umständen hätte wohl der Bürgermeister diese abergläubische Bemerkung mit einem feinen Lächeln beantwortet , diesmal aber konnte er sich eines peinlichen Eindrucks nicht erwehren . Das Zusammenstürzen des Luzienturmes erinnerte ihn an die dem Veltlinermord vorhergehenden Tage seines Aufenthaltes in Berbenn , an die damaligen Zeichen und Wunder und an den blutigen Tod der schönen Lucia . Der Sturm schien sich ausgetobt zu haben , aber die Luft war feucht und schwer und dunkle Wolken hingen tief herab . Die Gasse hatte sich mit geringem Volke von zerzaustem und verstörtem Aussehen gefüllt . Jetzt sprengte ein Reiter um die Ecke in juwelenglänzender roter Tracht und wehendem Mantel , den Hut mit den flatternden Federn fest in die Stirn gedrückt . Es war Jürg Jenatsch , der seinen unruhigen Rappen hart vor dem Sprecherschen Hause bändigte und sich nach seinem Ehrengeleit umsah , das , vom Sturme aufgehalten , eine Straßenlänge hinter dem Voranjagenden zurückgeblieben war . Waser konnte seinen Blick von der Erscheinung des Jugendfreundes nicht verwenden . Er hing wie gebannt an dem starren Ausdrucke des metallbraunen Angesichts . Auf den großen Zügen lag gleichgültiger Trotz , der nach Himmel und Hölle , nach Tod und Gericht nichts mehr fragte . Das Auge blickte fremd über den erreichten Triumph hinweg – welches unbekannte Ziel ergreifend ? . . . Und wieder tauchte dem Bürgermeister eine alte Erinnerung auf : der Brand von Berbenn . Er sah Jürg , die schöne Leiche in den Armen , mit jenem aus Glut und Kälte gemischten Ausdrucke , den er nie hatte vergessen können . Wie kommt es , fragte er sich , daß Jürg heute auf dem Gipfel des Ruhmes geradeso dreinschaut wie damals in der Tiefe des Elends ? » Seht einmal « , flüsterte Sprecher durch die gleichgültige Haltung des ihn nicht beachtenden Reiters gereizt , » der Abtrünnige trägt die Ordenskette St. Jacobi von Compostella ! « Waser antwortete nicht , denn ihm zu Häupten ertönte – eine Seltenheit zu Anfang des Frühjahrs – dumpfes Donnerrollen und jäh zerriß ein falber Blitz die niederhangenden Wolken . » Der Strahl des Gerichts ! « murmelte Sprecher erbleichend . Auch Waser glaubte , Feuer vom Himmel habe den Trotzigen getroffen ; aber als seine geblendeten Augen wieder aufblickten , saß Jenatsch unbewegt auf dem sich bäumenden , stampfenden Rappen . Er zwang sein Tier mit fester Hand . Er allein schien Blitz und Donner nicht bemerkt zu haben . Waser verweilte nicht mehr lange . Es drängte ihn , Jürg aufzusuchen , um den peinigenden Eindruck , den dieser aus der Ferne auf ihn gemacht , durch ein paar freundschaftliche Worte von Mund zu Munde zu brechen . Dies gedachte er noch vor der feierlichen Ratssitzung zu tun . Sprechers Stimmung gegen Jenatsch konnte , war seine Befürchtung , in Bünden eine verbreitete sein . Ich will ihn beschwören , sagte sich Waser , daß er sich bescheide und , nachdem er das Friedensdokument dem Rate übergeben und so den Höhepunkt seiner ruhmvollen Bahn erreicht hat , sich eine Weile zurückziehe , um den Neid der Götter und der Menschen nicht zu reizen . Er möge , wollte Waser ihm andeuten , seine kriegerische Laufbahn im Auslande fortsetzen , oder den Versuch machen , ob es ihm gelinge durch Begründung eines häuslichen Herdes auf seinen Gütern in Davos seine unruhige Seele auf stillere Wege zu führen . Von Herrn Fortunatus unter die Hauspforte geleitet , hatte sich Waser bei diesem erkundigt , wo Jenatsch absteige , und der Ritter in bitterm Tone geantwortet : » Wie könnt Ihr fragen , verehrter Freund ? Natürlich im bischöflichen Hof . « Als der Bürgermeister von einem Diener geleitet durch die hallenden Gänge der bischöflichen Residenz schritt , tönte ihm durch eine Türe zur Rechten die wohlbekannte Stimme seines Freundes in heftiger Erregung entgegen . Sie war im Zwiegespräch , um nicht zu sagen im Wortwechsel , mit einer andern etwas fetten und schwerfälligen . Er wurde von dem bischöflichen Kammerdiener in ein gegenüberliegendes Zimmer geführt und dieser ging ihn anzumelden . Die fernen Stimmen wurden unhörbar , kurz darauf aber wurde eine Tür im Gange aufgerissen . Es war Jenatsch , der Urlaub nahm . » Macht Euch keine Rechnung darauf , Gnaden « , hörte Waser ihn auf dem Gange draußen mit heiserer fast schreiender Stimme zurückreden . » Daraus wird nichts ! Ich will keine hergestellten Klöster im Lande ! Ich dulde keine geistlichen Übergriffe ! « » An diesem Eurem Ehrentage , Herr Oberst « , beruhigte man von innen mit salbungsvollem Tone , » will ich Euch mit unsern bescheidenen Wünschen nicht belästigen , bin ich doch gewiß , daß unsere kleinen Meinungsverschiedenheiten sich mit der Zeit von selbst ausgleichen werden , jetzt , da Ihr im Glauben wiedergeboren und aus einem Saulus ein Paulus geworden seid . « – Die Zimmertür flog auf und Jürg schritt seinem Jugendfreunde mit ausgebreiteten Armen entgegen . Er faßte ihn an beiden Schultern : » Auch einer , der sein Ziel erreicht hat ! « sagte er mit dem alten , fröhlichen Lachen . » Ich gratuliere , Herr Bürgermeister ! « » Es ist mir eine besondere Freude « , erwiderte Waser , » daß ich , kaum mit meiner neuen Würde bekleidet , von meinen gnädigen Herren zu deinem Triumphe nach Chur abgeordnet bin . Du hast , ich muß es dir sagen , das Unerhörte getan , und das Unmögliche erreicht . « » Wenn du wüßtest , Heini , um welchen Preis und mit welchen Verrenkungen meines Wesens ! Noch in den letzten Augenblicken wollten sie meine Heimat um das von mir Erraffte betrügen . – Da habe ich die letzte Karte ausgespielt – eine schmutzige Karte ... puh ! Aber ich drängte vorwärts , vorwärts , damit der Fieberschauer meine Leben nicht ohne Frucht bleibe , nicht umsonst sei . Nun bin ich am Ziele und gern möcht ich sagen : Ich bin müde ! wäre nicht ein Dämon in mich gefahren , der mich vorwärts ins Unbekannte , ins Leere peitscht . « » Mit jenem letzten unsaubern Mittel « , sagte Waser bang und nur an einem Gedanken haftend , » meinst du doch nicht den Abfall von unserm helvetisch-reformierten Glauben zum Papismus ? . . . das wird nicht , kann nicht sein ! « » Und ist es « , rief der andere mit frevler Heiterkeit , » so hab ich eine Fratze gegen eine Fratze getauscht ! « » Du hast in Zürich Gottesgelahrtheit studiert ... « sagte Waser erschüttert , wandte sich ab und bedeckte das Angesicht mit beiden Händen . Schwere Tränen rannen durch seine Finger . Da schlug Jenatsch den Arm um ihn und sagte in einem zornmütigen Humor : » Flenne mir nicht wie ein Weib , Bürgermeister ! Was ist denn da Besonderes ? Da habe ich ganz andere Dinge auf meinem soliden Gewissen ! « ... Dann plötzlich den Ton wechselnd , fragte er dringend : » Was habt ihr denn in Zürich für Bericht von der bei Rheinfelden von Herzog Bernhard den Kaiserlichen gelieferten Schlacht ? Ich weiß noch nichts Näheres « , fügte er bei , » in Thusis hieß es , Rohan sei leicht verwundet . « Waser versetzte mit unsicherer Stimme : » Sein Zustand war gefährlicher , als man anfangs glaubte « ... hier hielt er inne . » Heraus mit der Sprache , Heinrich « , rief Jenatsch rauh , » er ist gestorben ? « Und es ging wie ein grauer Todesschatten über sein Antlitz . In diesem Augenblicke ertönte – Herrn Waser sehr unwillkommen , der noch gern seinen Freund gewarnt und sein eigenes Gemüt in ruhigem Gespräch mit ihm erleichtert hätte – die Glocke , welche die beiden auf das Rathaus rief . Jenatsch ergriff die Rolle , welche Bündens Rettung enthielt , hob sie gegen Waser empor und rief : » Teuer erkauft ! « Letztes Kapitel Letztes Kapitel Auf dem Rathause zu Chur wurden nach dem Schlusse der feierlichen Sitzung , in welcher Georg Jenatsch das Friedensdokument überreicht hatte , Vorbereitungen zu einem glänzenden Feste getroffen , mit dem ihn die Stadt am Abende desselben Tages ehren wollte . Es war Fastnachtszeit und die Churerinnen freuten sich auf den fröhlichen Anlaß ; der Winter war den durch die Geselligkeit der frühern Jahre Verwöhnten allzu still und ernsthaft vergangen , sie hatten die erfindungsreiche Galanterie der französischen Edelleute vermißt , die allwöchentlich aus der nahen Rheinfestung nach Chur zu eilen pflegten