hochglühenden Wangen inmitten ganzer Berge von Wäsche und Kleidern und packte verschiedene Koffer ; ein Gärtnergehilfe zerstörte die Blumentische , um sie neu zu besetzen , und das Tageslicht fiel blendend durch die hohen Fenster , von denen man die seidenen Gardinen behufs des Abstäubens weggenommen hatte . Ehe noch Lena ihrer erstaunt auf der Schwelle verharrenden Gebieterin berichten konnte , trat der Minister in Frau von Herbecks Begleitung aus einer Seitentür . Er war sehr erregt und hielt Bleistift und Notizbuch in den Händen , offenbar als Hilfsmittel in rasch eingetretenen , sich überstürzenden Geschäften . » Ach , mein liebes Kind « , rief er der jungen Dame entgegen – er ließ plötzlich das förmliche , eiskalte » meine Tochter « fallen und war ganz und gar wieder der zärtlich schmeichelnde Papa von ehedem – , » mein Goldkindchen , in welch tödlicher Verlegenheit bin ich dir gegenüber ! ... Da telegraphiert mir der Fürst vor einer halben Stunde , daß er schon morgen abend in Arnsberg eintreffen werde , und zwar mit einem weit größeren Gefolge , als er mir anfänglich angezeigt hat ! ... Ich bin ganz außer mir , denn ich sehe mich gezwungen ... ach Gott , wie peinlich ist mir doch die ganze Geschichte ! « unterbrach er sich selber und fuhr , als wolle er die Widerwärtigkeit abwehren , mit der Hand durch die Luft . Frau von Herbeck kam ihm bereitwillig und sehr geschickt zu Hilfe . » Aber mein Gott , darüber sollten sich Exzellenz doch nicht so aufregen ! « rief sie . » In solchen Dingen ist unsere Gräfin viel zu vernünftig ! « Sie wandte sich an die junge Dame , indem sie auf Lena deutete . » Sie werden sich denken können , um was es sich handelt , liebe Gräfin ! ... Bitte , beruhigen Sie Exzellenz , den Papa , Sie sehen , wie außer sich er ist , Ihre Abwesenheit von Arnsberg für einige Tage wünschen zu müssen ! ... Das Schloß ist viel zu klein und zu eng für die vielen Menschen – nicht wahr , wir gehen der ganzen geräuschvollen Zeit während des fürstlichen Besuches aus dem Wege und fahren heute noch nach Greinsfeld ? « Gisela fühlte eine Art von Schrecken ... warum wurde ihr plötzlich so weh ums Herz bei dem Gedanken , Arnsberg verlassen zu müssen ? – Wie ein Nebelbild , ihr selbst fast unbewußt , glitt das Waldhaus pfeilschnell an ihrer Seele vorüber . » Ich bin jeden Augenblick bereit zu gehen , Papa ! « sagte sie trotzdem ruhig in ihrer gelassenen Weise . » Du siehst ein , mein Kind , daß ich nur der dringenden Notwendigkeit nachgebe ? « fragte der Minister schmeichelnd . » Vollkommen , Papa ! « » Oh , wie dankbar bin ich dir , Gisela ! ... Aber nun setze auch deiner Freundlichkeit und Nachsicht die Krone auf und entschuldige Mama und mich , wenn wir dir heute nicht einmal ein Mittagessen anbieten . Mama sitzt mit Mademoiselle Cecile unter Toiletten vergraben und hält großen Rat ; sie wird auf ihrem Zimmer essen , und mir bleibt heute nicht so viel Zeit , mich auch nur an den Eßtisch zu setzen ... Ich habe deinen Koch sofort nach Greinsfeld geschickt – du findest bei deiner Ankunft allen Komfort , der in der Eile eben möglich zu machen ist . « » Nun , dann bleibt nur noch der Wagen zu bestellen « , sagte das junge Mädchen . » Lena , wollen Sie so freundlich sein und hinuntergehen ? « Die Kammerjungfer erstarrte fast darüber , daß sie so » freundlich « sein solle ; Frau von Herbeck aber blieb buchstäblich der Mund offen stehen , während sie einen vernichtenden Blick auf die Zofe schleuderte . Gisela knüpfte ganz unbefangen die Hutbänder unter dem Kinn und zog die Handschuhe wieder an , die sie beim Eintreten abgestreift hatte – das sah sehr eilfertig aus . » Aber du gehst selbstverständlich erst noch zu Mama , nicht wahr , mein Kind ? « fragte der Minister – er ignorierte die plötzliche humane Anwandlung der Stieftochter vollständig . » Denke doch , mein kleiner Liebling , der Fürst kann möglicherweise über acht Tage bleiben , und während der ganzen langen Zeit sind wir verurteilt , dich so nahe zu wissen , ohne dich auch nur ein einziges Mal sehen zu dürfen ! « » Es steht dir ja frei , eine Spazierfahrt nach Greinsfeld zu machen , Papa ! « meinte das junge Mädchen gelassen . » Frau von Herbeck hat mir erzählt , daß der Fürst zu Großmamas Lebzeiten sehr oft in Greinsfeld gewesen ist . « Die Lider fielen plötzlich tief über die Augen Seiner Exzellenz – seine Lippen aber verzogen sich zu einem spöttisch mitleidigen Lächeln . » Liebchen , das ist wieder einmal die Idee eines Kinderkopfes ! « sagte er . » Was soll Seine Durchlaucht im Hause eines siebzehnjährigen Backfischchens – verzeihe , meine Tochter – , das noch nicht bei Hofe vorgestellt ist – « » Bei dieser Gelegenheit könnte es ja geschehen « , fiel Gisela leicht erregt ein . » Großmama , die unerbittlich streng auf das Festhalten unserer Standesvorrechte und der damit verbundenen Pflichten gehalten hat , würde sich sehr wundern , daß es überhaupt noch nicht geschehen ist – sie war noch nicht volle sechzehn Jahre , als man sie bei Hofe vorgestellt hat . « Der Minister zuckte mit einer eigentümlichen Bewegung die Achseln ; seine nähere Umgebung würde damit gewußt haben , daß Seiner Exzellenz die Geduld ausgegangen sei – er blieb jedoch scheinbar gelassen . » Überlege dir selbst einmal , mein Kind , was für eine Rolle du mit sechzehn Jahren am Hofe zu A. gespielt haben würdest ! « versetzte er kalt . » Übrigens muß ich dir gestehen , die Kühnheit überrascht mich einigermaßen , mit der du dich neben die Großmama zu stellen wagst ! – Die brillante , hochgefeierte Gräfin von Völdern und du , meine Tochter ! « Er hob die Lider – ein sehr ausdrucksvoller , wenn auch unheimlich lauernder Blick fuhr über das Mädchengesicht . » Was überhaupt für Hindernisse deiner Vorstellung bei Hofe entgegenstehen , kannst du selbst ja gar nicht ahnen ! « fügte er mit großem Nachdruck hinzu . » Die Aufklärung kann und wird für dich nicht ausbleiben , allein – « Ein Diener trat ein und meldete , daß die Anwesenheit Seiner Exzellenz im Fremdenflügel dringend nötig sei . » Nun , da behüte dich Gott , Kindchen ! « wandte sich der Minister eilfertig , aber mit völlig verändertem , zärtlich väterlichem Tone an Gisela . » Laß dir die Zeit in Greinsfeld nicht zu lang werden . « Er hob den Hutrand der jungen Dame und wollte sie auf die Stirne küssen ; sie wich heftig zurück , und die braunen Augen maßen ihn finster und sprühend . » Närrchen du ! « lächelte er und strich nichtsdestoweniger mit dem Zeigefinger liebkosend über die Wange – die spitzen weißen Zähne blitzten raubtierartig zwischen den einwärts gekrümmten Lippen , und aus den Augen hervor zuckte es wie ein Wetterleuchten . Er entfernte sich , und Gisela ging mit Frau von Herbeck , um sich bei der schönen Stiefmutter zu verabschieden . Die Baronin bewohnte gegenwärtig die Gemächer , welche die junge Gräfin als Kind innegehabt hatte , sie boten die schönste Aussicht im ganzen Schloß . Ihre Exzellenz empfing die Besuchenden in ihrem Ankleidezimmer . Sie blieben einen Augenblick unschlüssig an der Türe stehen , denn es war in der Tat ein Rätsel , wie sie zu der Dame gelangen sollten . Mademoiselle Cecile , die sehr vergilbte französische Kammerfrau , hatte die Pariser Kiste ausgepackt , und endlos , wie die Übel aus der Pandorabüchse , waren Gazewogen und glitzernde Seidenstoffe hervorgequollen . Selbst das Parkett war bedeckt mit Kartons voll Blumen und mit Kästen , aus denen buntfarbige Stiefelchen ihre kleinen Absätze streckten . Die Baronin stand vor dem Ankleidespiegel und hielt Anprobe , jedenfalls ein blutsaures Geschäft , denn der Kammerfrau , die mit flinken Händen ordnete und arrangierte , standen die hellen Schweißtropfen auf der Stirne ... Der Pariser Schneider war offenbar mit hoher Intelligenz auf die Ideen der schönen Frau eingegangen – die Toilette versinnbildlichte den Wald , den frischen , grünen Wald in dem kleinen Kranz von Maiblumen , Erdbeerblüten und jungen Tannenspitzen , der an der Stirne der Dame lag , in dem schweren , mit eingewebten Eicheln bedeckten grünen Stoff , der in seinem Knistern an das ferne Rauschen der heiligen Eichen erinnerte . Weniger heilig und dem keuschen Hauch des deutschen Waldes entsprechend war die Form des Gewandes , das , ohne Ärmel , nur mittels einer schmalen grünen Spange auf den Schultern zusammengehalten wurde . Wohl traten die alabasterweißen , wundervollen Formen der Arme und des Nackens plastisch hervor – die Frau erschien hinreißend schön ; aber es war doch gut , daß sie – keinen deutschen Namen mehr trug . Die Damen konnten beim Eintreten das Gesicht der Baronin im Spiegel sehen – es strahlte im Triumph ; gleichwohl zog sie weheklagend die Augenbrauen zusammen , und um den reizenden Mund glitt ein schmollender Zug , fast wie bei einem verzogenen eigensinnigen Kinde . » Liebste Gisela , danke Gott , daß du nicht in meiner Lage bist ! « rief sie , sich umwendend , dem jungen Mädchen entgegen . » Da sieh nur , wie ich mich plagen muß . Stundenlang martert diese Mademoiselle Cecile mich armes Geschöpf ! Ich kann kaum noch auf den Füßen stehen ! « Die kleinen Füße waren jedenfalls nicht so treulos , wie ihre reizende Besitzerin verleumderischerweise behauptete ; denn sie stand plötzlich leicht und sicher nur auf dem rechten , hob die Robe ein wenig empor und streckte den linken mit einem eleganten Schuh bekleideten Fuß graziös hervor . » Sagen Sie , Frau von Herbeck « , meinte sie lächelnd , » ist die Toilette nicht herrlich ? « Die Askese der Gouvernante hatte mit ihrem » vortrefflichen Geschmack « nichts zu schaffen , und deshalb pries sie mit überfließenden Lippen und entzückten Augen das Meisterwerk des Pariser Schneiders . Währenddessen hatten die Damen einen Weg ausfindig gemacht und standen jetzt vor der schönen Frau . » Herzliebste Gisela , was sagst du nur dazu , daß wir so rücksichtslos sein müssen , dich nach Greinsfeld zu schicken ? « fragte sie lebhaft . Gisela antwortete nicht . Sie blickte durch das Fenster hinunter in den Garten ; über ihr ganzes Gesicht flog jener zartrosige Hauch , der auch die weiße Rose verschämt aussehen macht ; das junge Mädchen sah zum erstenmal einen jener modernen Damenanzüge , die den Zweck als Hülle völlig verlieren und fast nur noch den Eindruck eines eleganten Rahmens machen , der ein reizvolles , aber schamloses Bild umschließt . Die schöne Stiefmutter mißverstand das Schweigen und die Verlegenheit der jungen Dame vollständig . » Du bist beleidigt , liebes Herz « , sagte sie in bedauerndem Ton – eine Beimischung von Ärger klang aber auch mit ; » allein können wir denn anders ? ... Wir werden ohnehin wie die Heringe zusammengepackt sein in diesem verwünschten Nest , das so weitläufig und großartig aussieht und doch so wenig Platz und Komfort bietet ! « Inzwischen hatte die Kammerfrau verschiedene Etuis geöffnet und begann den Kranz im Haar ihrer Gebieterin und die Bukette auf dem Kleid mit Diamanten buchstäblich zu bestreuen . Welch eine Pracht funkelte auf dem blauen Samtpolster der geöffneten kleinen Kästchen ! Es war eine wahrhaft kolossale Menge der auserlesensten Brillanten , zu deren Anhäufung jedenfalls mehrere Generationen einer Familie und fabelhafte Geldsummen gehört hatten . » Ah , Großmamas Brillanten ! « rief Gisela überrascht , aber doch unbefangen , beim Anblick der Steine . Unmittelbar nach diesem Ausruf stieß die Baronin einen leisen , halbunterdrückten Schrei aus , zog die Schultern in die Höhe und schauerte in sich zusammen wie die berührte Mimose . Sie stampfte leicht mit dem Fuße auf . » Wie oft soll ich Ihnen noch sagen , Mademoiselle Cecile , daß Sie mir nicht mit den Fingern an die Schultern kommen sollen ? « fuhr sie die Kammerfrau an . » Ihre Hände sind geradezu froschartig – ich verabscheue sie ! ... Eine perfekte Kammerfrau muß ihre Dame anziehen können , ohne daß sie es merkt – begreifen Sie das noch immer nicht ? « Wie um der unglücklichen gescholtenen Zofe zu Hilfe zu kommen und die erzürnte Frau auf ein anderes Thema zu lenken , griff Gisela nach einem Armband und legte es um das Handgelenk – sie erreichte ihren Zweck vollkommen – die Dame hatte auch während ihres Zornausbruches jedenfalls nicht einen Moment die Stieftochter und die großmütterlichen Brillanten aus den Augen verloren , denn jetzt verfolgte sie mit einem wahrhaft verzehrenden , tigerartigen Blick die Handbewegung des jungen Mädchens . » Liebes Kind , das macht mir Herzklopfen ! « sagte sie mit nervös bebender Stimme und griff ohne weiteres nach dem Armband . » Du magst nun streiten wie du willst , deine Hände haben leider einmal eine krankhafte Unsicherheit – du bist imstande , das Armband fallen zu lassen und verdirbst mir den Schmuck ! « Gisela heftete die ruhigen braunen Augen erstaunt auf ihre Stiefmutter . » Ei , liebe Mama « , sagte sie lächelnd und legte die Linke wie verteidigend auf das Armband , » wenn Papa dir die Diamanten zur Anprobe anvertraut hat , so habe ich wohl auch ein wenig das Recht , sie einmal in die Hand zu nehmen ! ... Übrigens begreife ich nicht recht , was die Steine hier sollen . Wie oft habe ich Papa um das Medaillon gebeten , das Großmama an einem Samtband trug ; es enthielt das Bild meiner seligen Mama . Er hat es mir stets streng verweigert , weil nach Großmamas Testament der gesamte Schmuck unter Verschluß bleiben sollte , bis ich mündig sei . « » Ganz recht , mein Schatz « , entgegnete die Dame langsam , mit schwerer , hohnvoller Betonung – ein wahrhaft dämonischer Ausdruck lag auf dem Gesicht mit den lodernden , dunkeln Augen . » Diese Testamentsklausel hat Kraft für dich , nicht aber für mich – und deshalb , Kind , wirst du mir schon erlauben müssen , das Armband an seinen Ort zu legen , lediglich damit der Letzte Wille der Gräfin Völdern nicht geschädigt werde . « Die betroffene junge Dame ließ sich widerstandslos den Schmuck vom Arme nehmen ; sie war ja so unerfahren , und ihre Rechte hinsichtlich des Mein und Dein hatten sie bisher sehr wenig interessiert . Sie hatte demzufolge augenblicklich keinen Maßstab für die Handlungsweise ihrer Stiefmutter ; der beste Helfershelfer für Ihre Exzellenz aber war die unbesiegliche Abneigung der Stieftochter gegen die schweren , kältenden Steine , sie war froh , als sie ihre Haut nicht mehr berührten . Unten war unterdes der Wagen vorgefahren . Frau von Herbeck , die stumm , aber in der peinvollsten Verlegenheit der kleinen Szene beigewohnt hatte , atmete tief auf , als sich die junge Gräfin mittels einer sehr förmlichen Verbeugung von ihrer Stiefmutter verabschiedete . Sie selbst empfahl sich wortreich und sichtlich erleichtert bei Ihrer Exzellenz , während Gisela nach der Tür schritt . » Apropos , nur noch eins , Herzenskind ! « rief die Baronin bittend dem jungen Mädchen nach . Gisela wandte sich in der Tür um und blieb stehen , sie schien durchaus keine Lust zu haben , sich noch einmal durch den bunten Kram und Tand zu winden , über den ihr Blick sarkastisch hinstreifte . Das Licht eines Eckfensters strömte voll über ihre Gestalt ; die ganze herbe Jungfräulichkeit , aber auch die entschiedene Verwahrung gegen jegliche Gemeinschaft mit der üppigen Stiefmutter lag in ihrer Haltung . Die schöne Frau ließ sich jedoch nicht abschrecken – sie stand ja auf dem erhabenen Piedestal der Muttersorgen und Mutterpflichten . » Seit ich weiß , daß du reitest , verzehrt mich die Angst ! « rief sie hinüber . » Nicht wahr , du versprichst mir , kein Pferd zu besteigen , solange du in Greinsfeld bist ? « » Nein , Mama , das Versprechen gebe ich dir nicht ; ich würde es nicht halten können . « Die Baronin biß sich auf die Lippen . » Kind , du bist grausam ! « sagte sie schmollend . » Nun muß ich auch noch bei all den Strapazen , die mir bevorstehen , in der Angst leben , daß du über Berg und Tal jagst und eines schönen Tages den Hals bricht ! « » Ich reite nicht so wild und unbesonnen , Mama , und Sara ist ein frommes Tier ! « » Das will ich ja ganz gern glauben , aber es beruhigt mich noch lange nicht ... Wenn ich zum Beispiel an das unebene Terrain zwischen Greinsfeld und Arnsberg denke , da schaudert mir die Haut ! Ich , für meine Person , habe es dem Papa stets verweigert , ihn dort zu Pferde zu begleiten . « Auf dem Gesicht der Gouvernante erschien ein häßliches zweideutiges Lächeln . » Beruhigen sich Eure Exzellenz ! « sagte sie mit einem verständnisvollen Blick . » Unsere liebe Gräfin wird sicher ein anderes Terrain für ihre Spazierritte wählen ; ich glaube nicht , daß sie sich besonders auf die Gegend zwischen Greinsfeld und Arnsberg versteift . Auch auf unseren Ausfahrten vermeiden wir , wenn wir nicht gerade nach Arnsberg wollen , den Weg fast immer – er ist zu holprig , wie Exzellenz ganz richtig sagen . « Die Baronin nickte ihr huldvoll und dankbar zu . » Nun , wenigstens ein Trost ! « seufzte sie auf . » Wenn mir auch die Angst bleibt , so habe ich doch die Beruhigung , dich nicht auf dem Pferde sehen zu müssen , du böser , kleiner Trotzkopf ! ... Du versprichst mir fest , daß du auf deinen Morgenritten nicht in meinen Gesichtskreis kommen willst , nicht wahr , liebste Gisela ? « Das junge Mädchen bejahte mit sichtlicher Ungeduld . Diese Zärtlichkeit , die auch nicht einen Funken von Sympathie in ihr zu erwecken vermochte , bedruckte sie wie ein Alp , den sie um jeden Preis abschütteln wollte . » Nun , so geh mit Gott , mein Kind ! « rief die schöne Stiefmutter und wandte ihr Gesicht wieder dem Spiegel zu . Gisela verschwand , und Frau von Herbeck folgte ihr nach einer tiefen Verbeugung gegen die Exzellenz am Spiegel . Die Tür fiel ins Schloß , und die Dame sank , wie zu Tode ermattet , auf einem Sessel in sich zusammen , während sie die Hand über die Augen legte . Daß die kleinen Pariser Maiblumen und Erdbeerblüten auf dem Kleid bei der heftigen , rücksichtslosen Bewegung alle Frische einbüßen mußten , kümmerte die Hingesunkene nicht – ein nie dagewesener Moment ! Die Kammerfrau schlug stillschweigend die Hände zusammen , aber bei aller Aufregung huschte doch ihr Blick schadenfroh und boshaft nach der gestrengen Herrin hinüber ... Das war freilich herzbrechend genug ! ... Wie oft hatte sie diese wundervollen Steine in das nachtschwarze Haar der schönen Frau versenkt und den stolzen Nacken , den sie selbst nie berühren durfte , mit ihnen geschmückt ! ... Vor zwei Jahren war die reizende deutsche Exzellenz , buchstäblich besät mit Brillanten , auf einem Pariser Balle erschienen ; seit jenem erhabenen , unvergeßlichen Augenblick hieß sie in der vornehmen Welt » die Diamantenfee « . Welche Triumphe , wie viel himmlisch-schöne Stunden knüpften sich an diese glitzernden Schätze ! Sie hatten den Sieg der Schönheit unzähligemal mitgefeiert ! Ihr Funkeln erinnerte an so manche Träne im glühenden Auge Besiegter , welche die verlockende Diamantensirene durch alle Stadien der Leidenschaft geführt hatte , um sie dann hohnlachend mit dem Fuße fortzustoßen ! ... Und nun sollte sie es hingeben , das glänzende Rüstzeug der Koketterie , ohne das sie nicht leben konnte und wollte , sie sollte es hingeben an eine andere , jüngere ! Einen Schleier über die Kämpfe in der Seele einer Frau , die mit bunten Steinen um ihrer Seele Seligkeit würfelt ! ... Währenddessen verließ die junge Gräfin Sturm das weiße Schloß . Alle die großartigen Vorbereitungen zu glänzenden Festen , die sie hinter sich ließ , berührten sie nicht – sie empfand keinerlei Bedauern ... Was lag ihr daran , den Fürsten von Angesicht zu sehen ? Allerdings hatte sie eine unbegrenzte Verehrung für seine erhabene Lebensstellung ; die war ihr ja von ihrem ersten Gedanken an fast noch sorgfältiger eingeprägt worden als die Gottesverehrung ; aber sie war auch weit entfernt von dem Kinderglauben der großen Menge , der einen ganz besonderen Stempel auf dem Gesicht der Herren von Gottes Gnaden sehen will . Ja , sie hatte den Wunsch , dem Fürsten vorgestellt zu werden ; aber nur aus Rücksicht auf die Traditionen der alten Geschlechter Sturm und Völdern ! Ihre Ahnen waren seit Jahrhunderten in den Festsälen der Höfe erschienen ; sie hatten den Thron umstanden , erlaucht durch die Geburt und durch die Auszeichnung von seiten der Herrscher ! Und diesen Glanz , diese Rechte sollte und mußte die letzte Sturm auch bis zum letzten Atemzug aufrechterhalten – das war eine heilige Pflicht ! ... War es wirklich nur der Gedanke an diese Pflicht , infolgedessen sie heute dem Papa den Wunsch nahegelegt hatte ? ... Eine tiefe Glut schoß in ihr Gesicht – sie hatte ein Geheimnis vor sich selbst , sie flüchtete angstvoll vor den Ausplaudereien ihrer Seele in die Außenwelt ... Ihre Hand griff in das Grün der Eichen , unter denen der Wagen langsam hinfuhr , aber wie die schlanken , zackigen Blätterzungen durch ihre bebenden , weißen Finger glitten , da stand es doch wieder da im zitternden Sonnenglanz , inmitten der uralten Eichen , die mit dem funkelnden Wasserstrahl um die Wette flüsterten – das alte , graue , grünumsponnene Waldhaus ... Und die prächtige Gestalt des Portugiesen schritt majestätisch die Stufen herab ... Der alte Mann in der Haustüre sah ihm nach , auch das Äffchen auf der Schulter des Edelknaben , und der Papagei schnarrte . Er ging in das weiße Schloß , der Portugiese mit der geheimnisvollen , weißen Stirn und den heißen , zuckenden Lippen . Er wurde dem Fürsten vorgestellt , und um den wunderbaren Fremdling her standen die eingeladenen Damen vom Hofe zu A. und die schöne Stiefmutter im waldgrünen Kleide , mit dem Strang von Maiblumen und Erdbeerblüten über den strahlenden schwarzen Augen ... Die Hände des jungen Mädchens sanken plötzlich in den Schoß zurück , und einzelne abgerissene Eichenblätter rieselten auf den Waldboden nieder ... 18 Das weiße Schloß beherbergte seit drei Tagen seinen durchlauchtigsten Gast . Jener üppige Glanz war zurückgekehrt , mit dem einst Prinz Heinrich die vergötterte Gräfin Völdern umgeben hatte . Der Fürst war in Begleitung mehrerer Kavaliere gekommen , und auch an Damen fehlte es nicht . Was die exklusiven Hofkreise in A. an jugendlichen Schönheiten besaßen , war eingeladen worden , selbst die leidende Fürstin , die ihren Gemahl nicht begleiten konnte , hatte als ganz besonderen Beweis ihrer Huld und Gnade für den Herrn des weißen Schlosses , » zur Erhöhung des Glanzes « ihre berühmt schöne und liebenswürdige Hofdame geschickt . Nun sahen die alten Lindenalleen des Schloßgartens wieder rote Frauenlippen lächeln in jener strahlenden Lust , die vom überschäumenden Becher trinkt . In dem geheimnisvollen grünen Halbdunkel wiederholte sich das uralte Spiel des Suchens und Fliehens zwischen schönen , glänzenden Gestalten der Jugend , die hinter dem Fächer die verräterisch leuchtenden Augen und unter oberflächlichem Geplauder das stürmische Klopfen der Pulse verbargen . Und des Prinzen Heinrich geliebte Orangen- und Myrtenbäume , die einst das keusche Weiß ihrer Blüten auf die üppigen Schultern und das gelbflimmernde Haar des » unseligen Weibes « geschüttelt hatten , sie standen auch jetzt in dem kleinen , von eisernen Kübelreifen eingeschnürten Fleckchen Erbe vor dem thüringischen Schlosse , das Haupt fremd in die herbe , harzige Waldluft hebend . Zu ihren Füßen rauschten seidene Schleppen ; keine süßen italienischen Laute , wohl aber Wortpfeile , aus nichts entstehend und doch für einen Augenblick funkelnd und blitzend , flogen durch das dunkle Laub hin und wider – fürstlich vornehme Konversation , in die sich die weichen Klänge der Morgen- und Abendständchen mischten . Die Lichter des Himmels glitzerten in verlockenden Augen , in Brillanten und in den Fontänen wider ; auf den Rasenflächen sprangen die isabellenfarbenen irischen Windspiele des fürstlichen Herrn , und hoch in den Lüften , von den alten Turmzinnen herab , flatterten Freudenfahnen . Der Fürst hatte schon am zweiten Tag das Neuenfelder Hüttenwerk besichtigt . Das Anwesen mit seinen mächtigen dampfenden Schloten , seinen neuen Häusern und dem Menschenschwarm , der auf und ab wogte , sah doch zu imposant herüber und hatte bereits einen zu großen Weltruf , als daß es sich noch hätte totschweigen lassen . Bei dieser Gelegenheit war auch der neue Besitzer dem Fürsten als Herr von Oliveira vorgestellt worden . Er hatte den hohen Herrn selbst durch alle Fabrikräume geführt , und der Fürst war bezaubert von dem schönen , vornehmen Mann , » der mit seinem interessanten Ernst die eleganten Umgangsformen des Kavaliers und Weltmannes so glücklich zu verbinden wußte « . Es war selbstverständlich , daß sich Herr von Oliveira nun auch im weißen Schlosse Seiner Durchlaucht vorstellte , und der Fürst selbst hatte ihm zu dem Zweck eine Stunde des nächstfolgenden Tages bezeichnet . Es war zwei Uhr nachmittags . Die Sonne hing sengend über dem Neuenfelder Tal , aber unter den Ulmen , die ihre Äste über dem Gittertor des Arnsberger Schloßgartens verschränkten , war es kühl und schattig – kühl auch wehte es aus den schnurgeraden Alleen herüber , und fern plätscherten die erfrischenden Wasser der Springbrunnen . Wohlige Lüfte lockten da drinnen , und doch blieb der Portugiese mit fahlbleichem Gesicht , tief Atem schöpfend , vor dem Gitter stehen , und seine Hand sank jäh vom Türschloß herab , als habe es die ganze Glühhitze der Sonne eingezogen . Die fahle Blässe wich auch nicht von dem schönen , braunen Antlitz des Mannes , als die Torflügel kreischend hinter ihm zufielen , als sein Fuß einbog in die Allee , die direkt nach dem Schlosse führte ... Flatterten die ruhelosen , abgeschiedenen Seelen unmenschlicher Schloßherren und sündiger Edelfrauen , mit denen der Volksglaube das weiße Schloß bevölkerte , auch bei hellem Tageslicht durch Gebüsch und Alleen ? Der einsam dahinwandelnde Fremde sah seitwärts , als schreite ein Etwas neben ihm her , hoch und gewaltig , zu dem er aufblicken müsse – ein Etwas , das ihm schmerzhaft den Atem beklemme und seine Pulse fiebern mache ... Am Portal standen plaudernd mehrere Lakaien , sie stoben beim Erblicken des Portugiesen verstummend auseinander und verbeugten sich bis zur Erde ; ein unbeschreibliches Gemisch von Verachtung und Sarkasmus zuckte um den Mund des Mannes . Einer der Diener flog ihm sofort voraus , um ihn anzumelden – er führte ihn nicht nach dem Fremdenflügel ; die Herrschaften hatten sich eben vom Gabelfrühstück erhoben , das in den Gemächern der Baronin serviert worden war . Die lange Zimmerreihe , die einst das Kind Gisela bewohnte , tat sich auf . In einem großen Salon räumten eben mehrere Diener den Frühstückstisch ab , der in Silber und Kristall blitzte . Die Füße des Portugiesen stießen an umhergestreute Champagnerpfropfen – er durfte demnach sicher voraussetzen , in angenehmer Stimmung empfangen zu werden . Nun trat er in ein Zimmer , dessen Türen und Fenster mit violettem Plüsch behangen waren . Seine Augen glitten unwillkürlich in die Ofenecke – der Fremde , der Südamerikaner konnte doch unmöglich wissen , daß dort vorzeiten auf seidenen Kissen der einzige , zärtlich geliebte Freund der kleinen Gräfin Sturm , Puß , die weiße Angorakatze , ihr gehätscheltes Dasein verträumt hatte ! ... Jedenfalls war die eine der Fensternischen weit interessanter als die öde Ofenecke . Dort unter dem weißen Spitzenstreifen hervor , der die Plüschgardine besäumte , bog sich der braune Lockenkopf der berühmt schönen fürstlichen Hofdame ; sie hatte sich mit einem anderen jungen Mädchen plaudernd in die Nische zurückgezogen , und über beide Gesichter flog eine helle Röte , als der Portugiese grüßend an ihnen vorüberschritt – vielleicht hatten die schönen Lippen eben noch von dem merkwürdigen Fremden geflüstert , der gleichsam im Sturme das hinter strengem Verschluß gehaltene Herz des Fürsten erobert hatte . Der anmeldende Lakai kam aus dem anstoßenden Zimmer zurück und stellte sich mit einem tiefen Bückling seitwärts , um den Portugiesen eintreten zu lassen . Seltsam , da stand die hohe Gestalt mit dem majestätisch getragenen Haupt wie gebannt vor der Schwelle – auf der Stirn erschien ein grellroter Streifen . Diese merkwürdig gezeichnete Stirn , verbunden mit einem nervösen Aufzucken der Lippen , gab dem klassischen Profil für einen Moment ein fast diabolisches Gepräge ... Da drin flutete ein zauberhaft grünes Licht und floß über weiße Marmorgruppen , und in einem Sessel lehnte die schöne Exzellenz im weißen Morgenkleide ; ihr leicht und graziös aufgenommenes Haar fiel über das grüne Polster , und die schmalen Kinderhände spielten mechanisch mit einem prachtvollen Granatblütenbukett . » Sonderbar ! « flüsterte die Hofdame erstaunt ihrer Nachbarin zu , als der Portugiese endlich , wie infolge eines plötzlichen gewaltsamen Ruckes , hinter der Plüschportiere verschwunden war – » der Mann schauderte vor dem Seezimmer ; › er konnte nicht über die Schwelle kommen ‹ , wie die Thüringer Hexengläubigen sagen – ich habe es deutlich gesehen ! « » Das ist leicht zu erklären ! « meinte die zarte , blasse Blondine . » Die gespensterhafter grüne Beleuchtung