Wut an , wenn ihr ein solch kleines Ding unversehens über den Weg läuft – « » Ja , weil ihr der liebe Gott keine eigenen beschert , « fiel Mamsell Birkner ein und schob und ordnete an dem Gebäck auf dem Teller , den sie in der Hand hielt . » Na , vielleicht betet sie deshalb in Rom , « lachte der Bediente . » In Rom ist sie ja gar nicht mehr , « flüsterte der Gärtner . » Sie ist zu Besuch in einem Kloster – « er verstummte plötzlich verlegen , und auf die erstaunten Fragen der anderen hin sagte er ausweichend , er habe » ein Vögelchen davon singen hören – « daß er bei Ausübung seiner Obliegenheiten im Wintergarten und Atelier in einen offen daliegenden Brief der Gnädigen geschielt hatte , konnte er freilich nicht sagen . – » Ich glaube , sie kommt bald wieder , « meinte er mit verständnisvollem Augenzwinkern , – » nachher sollt ihr aber sehen , was geschieht ! Die amerikanische Gesellschaft fliegt aus der Türe , daß es eine Art hat – denkt an mich ! « – » Das leidet der Herr nicht , « sagte die Hausmamsell ganz erregt . » Ich bitte Sie , reden Sie doch kein dummes Zeug , Mamsell Birkner ! « versetzte der Bediente grob . » Wem gehört denn der Schillingshof ? « » Uns ! « platzte sie erbittert heraus . » Uns gehört er , und nicht den Steinbrücks ... Wie wir noch zusammen waren , der alte Freiherr und der Arnold – der gnädige Herr wollt ' ich sagen – und ich , da gab es keine Gnädige bei uns , und wir haben auch gelebt und sind in unserem Gott vergnügt gewesen . Aber das Haus hier hatte der alte Herr allein zu befehlen , da ist er geboren und gestorben ... Und gut und kreuzfidel waren alle , und die Kellerschlüssel sind auch nie auf die Reise mitgenommen worden , als wäre das Haus voll Spitzbuben – « sie hielt plötzlich inne und trat respektvoll zur Seite ... Die schöne , stolze Frau kam mit der kleinen Paula von Luciles Gemächern her . Wie ein breiter , schwarzer Schatten lagen die Wimpern tief auf ihren Wangen ; sie schritt vorbei , als seien die Leute an der Türe von Stein , wie die Statuen in den Nischen , und der lose herabhängende Spitzenbesatz ihres Kleides rieselte auf den Mamorfliesen nach wie zerflatternder Schnee ... » Bettelprinzeß ! « murmelte der Bediente Robert grimmig zwischen den Zähnen , während sie in der Türe nächst der Laokoongruppe verschwand . 20. Lucile hatte sich nach der stürmischen Szene wie ein erbostes , trotziges Kind in ihre Zimmer eingeschlossen und war auch nicht zum Tee im Salon erschienen . Die Kammerjungfer hatte eine Platte voll Erfrischungen aus der Küche holen und ihrer Herrin für den Rest des Abends Gesellschaft leisten müssen – auch sie war nicht wieder zum Vorschein gekommen . So hatte die kleine Frau nicht erfahren , daß der Hausarzt auf Baron Schillings Wunsch noch spät am Abend dagewesen war , um José ein beruhigendes Mittel zu verschreiben , weil sich die fieberhafte Aufregung des Knaben eher steigerte , als verminderte . Donna Mercedes hatte sein kleines Bett in ihr Schlafzimmer tragen lassen , um ihn selbst zu überwachen . Er war auch unter der Wirkung der Medizin eingeschlafen , zur Beruhigung aller . – Aber nun , gegen Mitternacht , wachte er plötzlich auf . Er glühte , als schlügen Flammen aus dem Bettzeug über ihn hin , und sein heftig schmerzender Kopf lag mit hämmernden Schläfen schwer wie Blei auf dem Kissen . Mühsam hob er die Lider und sah sich fremd um – er hatte ja noch nie hier geschlafen . Dort an der gegenüberliegenden Wand stand Tante Mercedes ' Bett – sie lag unausgekleidet auf der weißatlassenen Steppdecke und schlummerte . Das ganze Zimmer schwamm in einem sanften Rosaschein , den die Glasampel an der Decke verbreitete . – Er färbte die weiße Spitzenwolke , die vom Betthimmel herab das Lager der schlafenden Frau umfloß , er weckte ein seines Sprühen aus dem steinfunkelnden Gerät des Toilettentisches , quoll durch die offene Türe schräg über das blanke Parkett des anstoßenden großen , unbeleuchteten Salons und ließ drüben den breiten Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern wie einen bleichen Silberstreifen aus der Dunkelheit dämmern . Auch die Pflanzengruppe , die , hart neben diesem Spiegel , in dem Fensterbogen Tante Mercedes ' Schreibtisch flankierte , reckte ihre langen Wedel und Schwertblätter in das blaßrote Licht hinein – dem fieberumflorten Blick des kranken Kindes erschienen sie wie riesige , krallenhaft gekrümmte Finger , die zusehends wuchsen , um nach dem Bett herüber zu greifen . Der Knabe schloß die Augen vor Furcht – in der entsetzlichen Dachkammer war ja auch alles lebendig geworden , was er angesehen . Und jetzt knisterte es auch drüben in der stillen , dunklen Fensterecke , als werde im Vorüberstreifen ein bewegliches Stück Papier berührt – war das die große Maus wieder ? – Er hob den Kopf vom Kissen und starrte auf den Fußboden jenseits der Türe , über den das gefürchtete Tier hinlaufen mußte – da trat ein langer , hellbekleideter Menschenfuß auf einen der Parkettwürfel , die der rote Lichtfleck spiegelnd hervorhob – dieser Fuß ging lautlos auf den Zehen ... Instinktmäßig sah das Kind empor und suchte den Kopf des Menschen , der da aus der Fensterecke kam – und es sah in ein bärtiges , ihm flüchtig zugewendetes Gesicht auf schattenhafter Männergestalt , es sah den kurzgeschnittenen , starren Haarschopf , der hartlinig tief in die Stirne ging , und drunter die herabhängenden , buschigen Brauen , unter denen so grimme Augen funkelten – und entsetzt fuhr der Kleine mit dem Kopf unter die Bettdecke , jeden Augenblick fürchtend , die große , braune Hand des Mannes falle auf ihn nieder , um ihn zu züchtigen . Er wagte nicht zu schreien , nur ein angstvolles Stöhnen rang sich aus der kleinen schweratmenden Brust . Aber schon bei den ersten Lauten fuhr Mercedes aus ihrem leichten Schlummer empor und eilte an das Bett des Kindes . Sie zog ihm die Decke vom Gesicht und erschrak heftig über die brennenden Händchen , die krampfhaft fest ihre Finger umklammerten , über den verstörten Blick , mit welchem der Knabe ihr zuflüsterte : « Lasse den schrecklichen Mann nicht herein , Tante – du weißt , er will mich schlagen ! – Klingle schnell , Jack soll kommen und Pirat auch ! « » Kind , du hast geträumt , « sagte sie bebend – wie ein Feuerstrom ging die Fieberglut von dem kleinen Körper aus – und jetzt schnellte der Knabe empor ; er stieß sie von sich . » Jack , Pirat ! « schrie er mit gellender Stimme . Donna Mercedes riß an der Klingel . Die schwarzen Diener erschienen voll Bestürzung , und bald darauf stand der herbeigerufene Arzt mit bedenklichem Gesicht am Bett des Kindes , das im vollsten Delirium fort und fort nach Hilfe rief , um den » schrecklichen Mann « fortzujagen . Damit begann eine furchtbare Zeit ... Der Tod stand lange am Bett des kleinen José und drohte , das Geschlecht der Lucians in seinem letzten Sproß für immer auszulöschen . Oft schien es , als recke er seinen Arm bereits hinüber bis an das junge , wildschlagende Herz ; dann lag das Kind im schlafähnlichen Zustande und tiefe Schattenzüge verwischten bis zur Unkenntlichkeit das frühere Gepräge des schönen , blondlockigen Köpfchens . Die Ärzte boten alles auf , den Knaben dem Leben zu erhalten , und es war seltsam zu sehen , wie sie fast instinktmäßig in ihrem Benehmen darin übereinstimmten , als gelte es , ihn einzig und allein zu retten für die junge Frau mit dem südlichen Bronzegesicht , die tränenlosen , starren Blickes , mit fest zusammengepreßten Lippen , ihre Berichte entgegennahm , die nie klagte , aber jede Speise und Labung schweigend zurückwies , und Tag und Nacht nicht von dem Krankenbett wich . Die kleine Mama dagegen , die oft mit dickverschwollenen Lidern , in vernachlässigter Toilette am Fußende des Bettes lauerte und unaufhörlich flüsterte und gestikulierte , war ein wahrer Schrecken für die Ärzte . Angesichts des bewußtlosen Kindes brach das Muttergefühl leidenschaftlich durch , aber auch zugleich der ganze Egoismus dieser Frauenseele . Die Angst , die sie folterte , wollte sie nicht ertragen ; sie wollte beruhigt sein , sie peinigte die Ärzte mit Fragen , und doch nahm sie jedes besorgte Achselzucken , jeden noch so verhüllten Hinweis auf die Gefahr wie eine beleidigende Schonungslosigkeit auf . Sie warf sich jammernd über den kleinen Kranken hin und erging sich in maßlosen Schmähungen und Vorwürfen gegen diejenigen , die ihr Kind nach Deutschland , in den spukhaften Schillingshof geschleppt und in eine solche Lebensgefahr geflissentlich gebracht haben sollten ... Mit ihrem Gebaren füllte sie den Leidenskelch für Mercedes bis an den Rand – sie mußte selbst überwacht werden , wie ein Kind , und erschwerte die Pflege , die ohnehin eine aufreibende war , da auch Deborah in ihrem unbeherrschten Schmerz durchaus nicht als Stütze gelten konnte . Die Schwarze litt doppelt . Die Leute des Hauses behaupteten einstimmig , das Kind müsse sterben – Adam sei ihm erschienen . Ein panischer Schrecken hatte alle gepackt , seit die gellenden Hilferufe des Knaben Korridor und Flurhalle erfüllt hatten – niemand mochte sich nachts , selbst bei hellster Beleuchtung , bis an die Laokoongruppe , nächst der Tür des Salons mit den Holzschnitzereien , wagen , und Deborah zitterte am ganzen Leibe bei dem leisesten Geräusch im anstoßenden Zimmer , sie warf die Schürze über den Kopf , um nicht zu sehen , wie der » schreckliche Mann « plötzlich auf die Schwelle trete , um die Seele ihres Lieblings zu holen . In Haus und Garten des Schillingshofes herrschte Totenstille , die Baron Schilling selbst behütete und überwachte . Keine rauhe Stimme , kein hart auftretender Fuß durfte laut werden ; man hatte alle Klingeln im Erdgeschoß abgenommen , das Geräusch des rollenden und rasselnden Kieses auf den Wegen des Vorgartens war gedämpft durch aufgeschüttetes Stroh , kein plätschernder Wasserstrahl sprang aus den geschlossenen Leitungsröhren , und der lärmende Pirat wurde Tag und Nacht in strenger Haft gehalten . In diesen schweren Tagen stand das Atelier völlig verwaist , Baron Schilling verließ das Säulenhaus nicht mehr . Er war in der ersten Nacht fast mit dem Arzt zugleich erschienen , und seitdem hatte er ein Hinterzimmer des Oberbaues bezogen , um stets bei der Hand zu sein . Anfänglich kam er nur auf Stunden in das Krankenzimmer ; er fühlte sehr gut , daß die schweigende Pflegerin in ihrer namenlosen , wenn auch heroisch niedergekämpften Angst nicht beobachtet sein wolle . Nur ganz allmählich verlängerte sich sein Aufenthalt am Bett des Kindes , und er stieß auf keinen Widerspruch ; die Kräfte der Pflegerin waren nahezu aufgerieben , und sie mochte einsehen , daß sie eine zuverlässigere Stütze nicht finden konnte , als in dem Mann , der mit Augen voll Schmerz und tiefer Zärtlichkeit ihren Liebling behütete . Sie empfing ihn nicht mehr mit finster abweisenden Blicken , wenn er eintrat ; seine nahenden Schritte machten sie nicht mehr zornig emporschrecken aus der Stellung , die sie oft stundenlang , auf dem Teppich knieend , vor dem Krankenbett einnahm ... Sie hatte sich neulich gegen jegliche Art des Zusammengehens verwahrt , und doch kam und ging er jetzt infolge stillschweigenden Einvernehmens und wachte des Nachts bei dem Kranken , während er darauf bestand , daß die tieferschöpfte Pflegerin sich in der anstoßenden Kinderstube zur Ruhe niederlege – und sie fügte sich ; angesichts des furchtbaren Unglückes , das über sie hereinzubrechen drohte , versanken alle Bedenken , die sonst die Oberhand in ihrer stolzen Seele hatten . Es fiel fast nie ein Wort zwischen ihnen , und doch kamen sich beide näher in der gegenseitigen Beurteilung . Er hatte es freilich mit einer Sphinxnatur zu tun , die oft genug seiner Prüfung entschlüpfte , um ihm plötzlich wildfremde , rätselvolle Züge zuzuwenden . So oft er den Blick vom kleinen Krankenbett hob , wurde ihm ganz märchenhaft zu Sinne . Als hätten Gnomenhände einen ganzen Regen ihrer unterirdischen Schätze hier verstreut , um eine schöne Frau mit kühlem Feuer zu umspielen , so funkelte der Steinschmuck an allem Gerät , selbst vom kleinsten Trinkbecher sprühte Rubinenlicht wie aus halbversteckten , rotglühenden Koboldaugen . Und die weiße Duftwolke mit ihrem eingewobenen köstlichen Blumen- und Blättergerank , die über den weißen Atlas , die Spitzenkanten der Polster herabfloß , die farbenglänzenden Matten auf dem Parkett , die Sitzmöbel , aus kostbaren Hölzern so luftig aufgebaut , als sollten sie auf ihren Seidenkissen nur leichte Feengestalten tragen – das alles war aus einer mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Pflanzervilla über das Meer hergeschwommen , um wenigstens einen Raum des deutschen Hauses für die verwöhnte Tochter des Südens heimisch und erträglich zu machen . Für Donna Mercedes war der raffinierteste Luxus sichtlich die Lebensluft , das Element , das ihre ätherische Erscheinung vom ersten Atemzug an auf seinen Wogen gleichsam hoch über der Erde gewiegt und getragen – und dieselbe Frau hatte es gleichwohl verschmäht , in Zeiten der Gefahr auf ihre sturmgeschützte Besitzung zu flüchten – sie hatte sich in andere Wogen geworfen , in die brausende Brandung des erbitterten Kampfes ; das verwöhnte Ohr war nicht zurückgeschreckt vor dem Schlachtendonner , es hatte geschärft auf die Signale , die rauhen Kommandos lauschen gelernt ; durch Dornen und Gestrüpp waren die zarten Füße gewandert , die schlanken , ringgeschmückten Finger hatten kräftig die todbringende Waffe umspannt , und das atlasschimmernde Lager war mit der harten Erde , dem groben Soldatenmantel vertauscht worden – statt der Spitzenwolke des Betthimmels hatte sich das feucht niederschauernde Nachtgewölk über die am Lagerfeuer Rastende hingebreitet . Ja , sie war rücksichtslos und unbeugsam hart gegen den eigenen verweichlichten Körper , angesichts großer Fragen , wie sie unerbittlich , ja fanatisch gehässig denen gegenüberstand , die » unberechtigt « ein menschenwürdiges Dasein erstrebten . » Menschen ? ! « hatte sie neulich im Hinblick auf die aufrührerischen Schwarzen mit empörendem Hohn gerufen – man hätte damals glauben müssen , sie habe auch zu jenen raffiniert grausamen Plantagenherrscherinnen gehört , die das Fleisch ihrer Sklavinnen als Stecknadelpolster benutzen sollten , und doch – kamen die sanften , gütevollen Laute , mit denen Jack und Deborah stets und immer angeredet wurden , wirklich von den stolzen Lippen ? ... Deborah war infolge des Schreckens und Kummers selbst erkrankt ; sie lag in der Kinderstube und sträubte sich in kindischer Furcht gegen die verordnete Arznei . Baron Schilling hörte , wie ihr Donna Mercedes besorgt , in unerschöpflicher Geduld und Langmut zuredete – sie litt es nicht , daß eine andere Hand als die ihre der » alten , treuen Dienerin « die Labung reicht , ihr das Lager aufschüttle . Sie zeigte seiner offenbaren Haß gegen das Germanentum , seit sie deutschen Boden betreten hatte , deutsche Luft atmete ; aber sie las und kaufte fast nur deutsche Bücher ; auf dem Flügel lagen Bach , Beethoven und Schubert , und verschiedene Schriftstücke auf dem Schreibtisch bewiesen , daß sie vorzugsweise in deutscher Sprache schreibe ... Diesem Arbeitstisch kam Baron Schilling nur nahe , wenn einer der Ärzte dahinter saß , um ein Rezept zu schreiben . Da wurde flüsternd über den Zustand des kleinen Patienten verhandelt , manchmal vielleicht einen Augenblick länger als nötig , denn die Fensterecke hinter den grünen Seidenvorhängen war höchst interessant . Donna Mercedes hatte auch hier in enggezogener Schranke ein kleines Stück ihres amerikanischen Heims aufgebaut . Da hing das Ölbild ihrer stolzen spanischen Mutter . Von derselben undinenhaften Schönheit wie die Tochter , das herabflutende » Zigeunerhaar « an den Schlafen leicht mit Perlenschnüren zurückgenommen , ließ diese Frau ihre feine , biegsame Gestalt , nach Fürstenart , von schwerem , violettem Samt umbauschen ; Perlenspangen rafften da und dort die Faltenwucht zusammen , und da , wo der köstliche Marmorton der Schultern und Anne hervortrat , sah es aus , als strebe ein hellgeflügelter Schmetterling der erdrückenden Last zu entschlüpfen ... Ja , der Urtypus des Hochmuts war sie gewesen , diese zweite Frau , die sich der imposant schöne Major Lucian , nachdem er im Leben schon halb und halb Schiffbruch gelitten , noch zu erobern gewußt hatte ... Seine Photographie hing unter dem Ölbild , daneben sein Sohn Felix , beide Porträts umringt von herrlichen kleinen Landschaftsbildern in Wasserfarben , Ansichten von Lucianschen Besitzungen vor dem Kriege . Und auf dem Schreibtisch selbst , inmitten kostbarer Gerätschaften von Edelmetall , stand im ovalen Bronzerahmen die Photographie eines jungen Mannes , ein Kopf von großer Schönheit , aber ziemlich unbedeutend im Ausdruck . – » Der arme Valmaseda « – hatte Lucile , Baron Schillings Blick nach dem Bilde verfolgend , in ihrer verletzenden Art eines Tages geflüstert – » er war ein netter , ein bildhübscher Mensch , aber – es war doch gescheit von ihm , zu sterben . Wissen Sie – ein großes Licht war er gerade nicht ... Mercedes hatte sich mit fünfzehn Jahren verlobt , da paßten sie noch zusammen ; aber nachher tat sie ja so furchtbar geistreich , und da konnte der arme Schelm nicht mehr mit – in der Ehe hätte das kein Jahr lang gut getan – mein Gott , was sage ich – nicht vier Wochen ! – Die brave Feindeskugel kam gerade recht noch in seine Bräutigamsträume hinein – Mercedes ist an seiner Seite gewesen und hat ihn in ihren Armen aufgefangen . » Ein himmlisches Sterben ! « soll er gesagt haben . « An den Verhandlungen in der Fensterecke beteiligte sich Donna Mercedes später nicht mehr – aus Furcht vor der eigenen Schwäche , die sie allmählich überkam ; sie ließ sich deshalb die Aussprüche der Ärzte durch Baron Schilling berichten ... Es war ein seltsam neues Gefühl , das sie immer mehr beschlich , das Bewußtsein eines Haltes , der ihr von außen kam . Bis dahin hatte sie sich stets nur auf die eigene Kraft verlassen und ihre Selbständigkeit eifersüchtig wie ihre Tugend ; so hatte sie nie gewußt , was es heiße , Schutz zu genießen – jetzt fühlte sie ihn als eine Wohltat . Sie sagte sich , daß der Mann , der sich mit ihr in den Krankenwärterdienst teilte , aufmerksamen Auges zugleich ihr Wohl und Wehe behüte , aber das stolze verächtliche Lächeln , mit dem sie gewohnt war , unbegehrte Teilnahme zurückzuweisen , spielte ihr dabei nicht um die Lippen ... Wenn der nichts weniger als schöne , aber kraftvoll stattliche Mann mit dem Ausdruck stillen Ernstes am Krankenbett saß , dann schöpfte sie Trost aus seinem Anblick , dann war ihr , als sei ihr Liebling geborgen , als müßten alle finsteren Gewalten zurückweichen . Sie wurde unruhig , wenn er fortging , und atmete freudig klopfenden Herzens auf , sobald sie seinen nahenden Schritt draußen im Korridor hörte . Sie dachte nicht mehr an die Frau , die in Rom betete , um die verhaßten Eindringlinge möglichst schnell los zu werden , an diese Klosterschülerin , welche im finsteren Aberglauben ihr eigenes Heim mit spukhaften Seelen bevölkerte , und alle Wohnräume bis auf die verrufene Zimmerflucht verschlossen hatte , jedenfalls , damit der unsaubere Geist den ungewünschten Besuch austreibe . Etwas Unheimliches hatte diese Erdgeschoßwohnung allerdings auch für Donna Mercedes – es waren die mächtigen , tief auf den Boden herabgehenden Fenster . Die Brüstung zwischen den Zimmern und der draußen hinlaufenden Säulenhalle war so niedrig , wie kaum ein Balkongeländer , das man mühelos übersteigen kann ... Der erstickenden Hitze wegen durften abends die inneren Läden nicht vorgelegt werden ; die Fensterflügel des Krankenzimmers standen auf Anordnung der Ärzte meist offen , und damit kein helles Licht von außen hereinfalle , hatte Baron Schilling das Anzünden der Gasflammen im Vorgarten verboten . Es herrschte somit gähnende Finsternis unter der Wölbung der Halle ? nur ganz fern glühten drüben auf der menschenleeren Promenade vereinzelte Gaslichter , der Nachtwind zog schwach seufzend an der Säulenreihe hin , und vom Klostergut kamen die Fledermäuse herüber und schwammen scheu in dem schwachen grünen Licht , das die kleine Flamme durch den Lampenschirm des Krankenzimmers hinauswarf . Aber dieser blasse Schimmer , den die Nacht draußen schon aufsog , ehe er nur die nächste Säule erreichte , er hob auch andere Erscheinungen aus der Finsternis , und das war unheimlich , visionenartig ... Donna Mercedes sah zweimal dasselbe , als sie regungslos im Dunkel hinter dem Spitzenbehang ihres Bettes sitzend , das phantasierende Kind behütete . Kein Schritt war draußen auf dem Steingetäfel hörbar geworden , nicht das leiseste Geräusch hatte Menschennähe ahnen lassen , und doch hatte sich plötzlich ein Antlitz über die Brüstung hereingeneigt , ein totenweißes , schönes Frauengesicht mit Zügen wie in Stein gemeißelt , mit dunkelglühenden Augen , die starren , verzehrenden Blickes auf das kranke Kind gerichtet waren , als wollten sie ihm die Seele aussaugen ... Bei dem unwillkürlichen Emporschrecken der Pflegerin aber war das Gesicht jedesmal verschwunden , als sei es von einer schwarzen Tafel weggelöscht worden . Donna Mercedes hatte das weibliche Dienstpersonal des Schillingshofes nie beachtet ; aber sie meinte , dieses in Schmerz und Gram förmlich versteinerte Antlitz müßte ihr doch bei der Begegnung notwendig aufgefallen sein . Sie forschte jedoch nicht nach , wie sie überhaupt während der ganzen schweren Prüfungszeit nur über das Allernötigste sprach . So waren viele Tage in unbeschreiblicher Angst und Aufregung verstrichen – nun eine furchtbare Nacht noch , in der man jeden Augenblick fürchtete , den schwachen Kindesodem für immer verlöschen zu sehen , dann brach ein rosig schöner Morgen an , und das goldene Tageslicht flammte auf , um ein junges Menschenkind wiedergewonnen in seine lebenatmende Flut zurückzunehmen – der kleine José war gerettet . Der Jubel darüber war groß . Die beiden Schwarzen gebärdeten sich wie toll , und Lucile war in ihrer Freude so maßlos wie vorher in ihrer Angst . Zum erstenmal wieder sorgsam frisiert , in hellseidenem Kleide , die Locken voll frischer Rosen , einen Rosenstrauß an der Brust und in den Händen , kam sie geschmückt und grazienhaft wie eine Bajadere früh in das Krankenzimmer geflogen und machte Miene , sich stürmisch über den Knaben hinzuwerfen und sein Lager mit den starkduftenden Blumen zu bestreuen ; allein die anwesenden Ärzte verbaten sich energisch derartige Freudenausbrüche , was die kleine Frau durchaus nicht begreifen wollte und als ein gänzliches Mißverstehen ihrer Zärtlichkeit sehr übel nahm . Sie kehrte ihnen trotzig den Rücken und lief schmollend hinaus – die Gefahr war ja vorüber – nun konnte man ja wieder naiv und unartig sein . Donna Mercedes war tagsüber standhaft geblieben ; sie hatte den Tränen des Glückes , der unaussprechlichen Erleichterung vor den Augen der anderen gewehrt . Aber nun war es wieder Abend geworden ; Baron Schilling hatte sein Atelier aufgesucht , Lucile und Paula tranken den Tee in den Gemächern der kleinen Frau , und Deborah war hinübergegangen , um dabei zu bedienen . Es war um die neunte Stunde , aber schon herrschte die Finsternis der tiefen Nacht – der Himmel hing voll Regenwolken . Nur hinter der weit drüben liegenden Häuserreihe der Straße schoß dann und wann die grelle Lohe des Wetterleuchtens empor , um machtlos in den düfteschweren , schwülen Lüften zu verlöschen . Der kleine José schlief – es war der traumlose Schlaf der tiefsten Erschöpfung ; ein in den Kissen ruhender Engel von Wachs hätte nicht lebloser daliegen können , als dieses Kind in seinem spitzenbesetzten , weißen Nachtkleidchen ... Donna Mercedes kniete an seinem Bette und hatte die Rechte leise auf das kühle , fieberlose und schlaff hingesunkene Händchen gelegt . Nun war sie allem mit ihm , nun konnte sie ihre Augen wieder werden an dem Gesichtchen unter dem blonden Gelock , wenn es auch noch so unheimlich vertieft und dunkel in den Augenhöhlen , so abgezehrt und blutlos wächsern dalag – es sollte sich ja wieder runden und aufblühen zu seiner früheren Lieblichkeit . – Sie grub die Stirn in die weiße Decke , die den schwachatmenden kleinen Leib halb verhüllte , und ein lautloses , aber heftiges und befreiendes Ausweinen durchschüttelte ihren Körper . Der Nachtwind kam über die Rosenbäume des Vorgartens her ; er zog heiß und balsamisch durch das Zimmer , und blähte die Vorhänge auf – die Knieende hörte , wie sich die Seidenfalten im Zurücksinken aneinander rieben . Es klang aber auch , als schleife ein Gewand draußen über die Steinmosaik der Säulenhalle , und plötzlich tastete eine Hand auf der Fensterbrüstung . Donna Mercedes fuhr empor – und da war das weiße Gesicht wieder . Eine schwere , graue Flechte wie ein Fürstendiadem über der Stirn , um die Schultern einen zurückgesunkenen schwarzen Schal , der jedenfalls das Haupt vermummt gehabt , stand die fremde Frau da und krallte die Hände um den Holzrahmen des Fensters . » Gestorben ? ! « stöhnte sie im wilden , halberstickten Aufschrei . Die Knieende erhob sich – dieser Anblick , der Stimmklang , der sich unbeherrscht einer schmerzgefolterten Menschenbrust entrungen , erschütterten sie . Lebhaft verneinend schüttelte sie den Kopf und wollte auf das Fenster zugehen – sofort wich das Gesicht draußen in die Nacht zurück ; sie sah noch , wie sich die Brauen über die funkelnden Augen in finsterer Zurückweisung falteten , wie die großen , weißen Hände in wilder Hast das Tuch über den Kopf zogen , dann war die Fremde wie ein Trugbild verschwunden . Diesmal wollte und mußte Donna Mercedes Aufklärung haben . Sie eilte in die anstoßende Kinderstube ; dort brannte kein Licht , und die Fenster standen offen . Sie bog sich weit hinaus , allein es war unmöglich , in der völligen Finsternis irgend einen Gegenstand zu sehen ; nur einen Augenblick später hörte sie das eiserne Gittertor drüben an der Promenade leise klirrend zufallen . » Nun weiß ich ' s ganz genau – es war ein Mann – « sagte plötzlich eine männliche Stimme ganz in ihrer Nähe . » Daß du doch immer streiten mußt , alter Dickkopf ! « fiel eine andere ärgerlich ein – sie gehörte dem Bedienten Robert . » Willst du nicht auch behaupten , es sei der tote Adam gewesen ? – Eine Frau war ' s und dabei bleibt ' s – Hab ' ich sie doch vor ein paar Tagen beinahe erwischt ! « Das Fenster , an welchem Donna Mercedes stand , war das letzte der Zimmerreihe , es stieß an die Flurhalle und befand sich nahe der Haupttür , in welche die Männer soeben getreten sein mußten . » Wenn ich nur wüßte , was sie eigentlich will , « fuhr der Bediente fort . » Soviel steht fest , sie hat ' s auf die Säulenhalle abgesehen und guckt in die Fenster . Er lachte leise und höhnisch auf . » Na , dumm ist ' s gerade nicht ; unsereiner tut ' s ja auch ! ... Da drin ist ' s gerade wie auf dem Theater – schwarze Mohrenfratzen , eine aufgeputzte Schlafstube , als sollte der Kaiser von Marokko drin schlafen , und falsche Edelsteine die schwere Menge ... Und die stolze Madame liegt auf den Knien vor dem kranken Prinzen , und unser Herr sitzt dabei wie eine Schildwache und sieht sich die Knierutscherei an , als wollte er sie auf seine Bilder bringen ... Er treibt ' s zu arg , Tag und Nacht sitzt er drin , und die Dame muß auch keine Scham und Scheu im Leibe haben , daß sie das leidet und sich vor unsereinem gar nicht geniert – das ganze Haus macht seine schlechten Witze drüber ... Ach ja , ich glaube , der wär ' s schon recht , wenn die Gnädige gar nicht wiederkäme – im Schillingshofe sitzt sich ' s warm – aber prosit , damit ist ' s nichts ! ... Guck , Fritz , ich lachte mich tot , wenn die Gnädige einmal unvermutet heimkäme und sähe die Bescherung durchs Fenster . « Er sprach in gedämpften Lauten , fast flüsternd , und doch war es , als schlüge jedes dieser hämische « Worte wie ein tönender Hammer auf das Ohr der jungen Dame . Die Stimmen draußen schwiegen , und noch stand sie , die Unterlippe zwischen die seinen , scharfen Zähne geklemmt , wie zu Stein erstarrt . Sie sah durch die offene Tür Deborah in das Krankenzimmer treten und ging hinüber , und als sie in den grünen Lichtschein trat , da erbebte die arme Schwarze – so hatte die verstorbene Herrin daheim ausgesehen , wenn sie zürnte ; so dämonisch flimmernden Auges , so blaß , als rolle nicht ein Tropfen färbenden Blutes in dem schönen Leibe , hatte sie grausame Strafen über die Schuldigen verhängt , und nie ein Jota von dem zurückgenommen , was sie einmal ausgesprochen . Donna Mercedes wischte sich mit dem Taschentuch über die Lippen , die sie sich wund gebissen , und bedeutete schweigend der Negerin , sich an das Bett des schlafenden Kindes zu setzen , dann ging sie hinaus , hinaus in die Luft wollte sie – in diesem Hause mußte sie ersticken ... 21. Sie schritt an den hellbeleuchteten Steinbildern hin ; die Gestalten der Liebe , der losen Schelmerei lächelten als Aphrodite und Eros von dem einen Piedestal auf die lautlos vorübergleitende schöne Frau nieder , die mit dem hartgeschlossenen Mund , den ausdrucksvoll geschwellten Nasenflügeln und dem sprühenden Blick unter den tiefgesenkten Brauen recht gut als Statue des Hasses da droben hätte stehen können . Die