hat die Entfernung der Möbel so lebhaft gewünscht , daß ich nachgeben mußte . “ sagte Doktor Bruck mit tonloser Stimme kalt und gleichgültig . „ Sie hat auch vollkommen Recht . Es war eine wunderliche Idee – nimm mir ’ s nicht übel , Großmama ! – das Krankenzimmer dermaßen vollzustopfen , “ warf Flora achselzuckend hin . „ Das arme Ding leidet ohnehin schwer an Brustbeklemmung ; es mag ihr zu Mute gewesen sein , als solle sie mit all dem dicken Polsterzeug erstickt werden . “ Die Großmama hatte eine herbe , schneidende Antwort auf den Lippen , das sah man ; allein sie schwieg in Rücksicht auf den Doktor und die in der Küchenthür stehende Magd und rauschte nach dem Krankenzimmer . Beim Eintreten fuhr sie ein wenig zurück – Henriette hatte sich weit aus dem Bette geneigt . Sie sah so erschüttert aus , und ihre weitgeöffneten , glänzenden Augen hingen mit einem so verzehrenden Ausdrucke an der sich öffnenden Thür , daß die Präsidentin befürchtete , mitten in einen Fieberparoxysmus zu kommen . Sie beruhigte sich indeß sofort , als die Kranke sie in der gewohnten kühlen Weise begrüßte ; sie sah auch , daß der Blick voll unaussprechlicher Spannung Flora galt , welche unmittelbar nach ihr auf die Schwelle getreten war . Die schöne Schwester ging direct auf die Tante Diakonus zu , die sich beim Eintreten der Damen erhoben hatte , und reichte ihr so zuvorkommend die Hand , als wolle sie den Händedruck nachholen , den sie gestern Abend vergessen hatte ; dann wandte sie sich nach denn Bette . „ Nun , Schatz , “ sagte sie zu der Kranken , „ es geht Dir ja vortrefflich , wie man hört – “ „ Und Dir , Flora ? “ unterbrach Henriette sie mit kaum bezähmbarer Ungeduld , während sie dem hinzutretenden Kommerzienrat , ihn zerstreut begrüßend , die Hand gab . Flora verbiß mit Mühe ein moquantes Lächeln . „ Mir ? Ei nun , leidlich ! Die gestrige Alteration spukt mir allerdings noch in den Nerven , aber ich habe ja Willen und Selbstbeherrschung genug , um sie niederzuhalten . Gestern freilich sah es schlimm aus in mir ; ich war krank ; ich glaube , ich bin halb wahnwitzig gewesen vor nervöser Aufregung ; wenigstens bin ich mir nicht ganz klar über mein nachheriges Tun und Lassen – was Wunder ! Daniel in seiner Löwengrube ist kaum übler daran gewesen , als ich in der ungeheuerlichen Situation . Unter solchen barbarischen Fäusten – “ „ Nun , davor hat Dich Käthe tapfer geschützt , “ sagte Henriette ergrimmt . „ Wie ein Schild hat sie vor Dir gestandenund den Streich aufgefangen , die arme , brave Käthe ! – Moritz , sie haben ihr die Kleider vom Leibe gezerrt , die Flechten von der Stirn niedergerissen – “ „ Dieses wunderschöne Haar ! “ fiel die Tante mit sanftem Bedauern ein und strich zärtlich über die glänzenden Wellen , die von der Stirn des jungen Mädchens zurückfielen . „ Nun ja , sie haben ihr arg mitgespielt , die Furien ! “ gab Flora mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln zu , „ aber ich muß mir ’ s denn doch ausbitten , daß ich dafür nicht allein verantwortlich gemacht werde . Ihre Manie , ewig in starrer Seide zu gehen , trägt zumeist die Schuld . Das Volk neidet uns nun einmal den Reichtum und die Eleganz ; das seidene Kleid reizte die Weiber , und da hat sie denn – und leider auch wir – anhören müssen , daß ihre Großmutter barfuß gegangen und der Schloßmüller vordem Knecht gewesen ist , daß der Kornwucher ihr ganzes großes Vermögen zusammengescharrt hat , und was dergleichen liebliche Dinge mehr waren . Käthe ’ s Erscheinen hat unsere peinliche Situation nur verschlimmert ; die Erbitterung gegen die reiche Erbin war grenzenlos – habe ich nicht Recht , Käthe ? “ „ Ja , Flora , “ versetzte das junge Mädchen bitterlächelnd , mit bebender Stimme . „ Ich werde viel tun müssen , um einigermaßen gutzumachen , was mein Großvater an der Menschheit gesündigt hat . “ Während Flora sprach , hatte sich die Gestalt der Präsidentin förmlich gestreckt vor innerer Genugtuung . Die schonungslose Bloßlegung des „ skandalösen Stammbaumes “ klang wie Musik in ihren Ohren ; sie fixierte lauernd den Kommerzienrat . Der neugebackene Edelmann mußte vor dem Gedanken zurückschrecken , daß das Volk mit den Fingern auf die Frau an seiner Seite zeigen und ihr Herkommen , den Ursprung ihres Geldes auf der Straße ausschreien würde . „ Ach geh ’ , Käthe , das klingt denn doch gar zu kindlich naiv und empfindsam ! “ sagte sie den Kopf hin- und herwiegend . „ Wie wolltest Du denn das anfangen ? “ Flora lachte . „ Sie will ihren kostbaren Geldspind öffnen und die Actien unter das Volk streuen . “ „ Wie Schwester Flora aus Angst um ihren tadellosen Teint gestern mit ihrer Börse gethan , “ warf Henriette beißend , in persiflierendem Tone ein ; der aufwallende Groll drängte selbst das fieberhafte Verlangen , die Braut bereuend im Staube vor dem Doktor zu sehen , für einen Augenblick in den Hintergrund . „ Einer solchen Gedankenlosigkeit werde ich mich wohl nicht schuldig machen , “ sagte Käthe gelassen , aber ernst abweisend zu Flora , die sich ärgerlich über Henriettens anzügliche Bemerkung auf die Lippen biß . „ Ruht Fluch und Unsegen auf dem Gelde – “ Der Kommerzienrat unterbrach sie mit einem lauten Gelächter . „ Kind , lasse Dir doch nicht bange machen ! Unsegen ! Ich sage Dir , das Glück hängt sich Deinem Erbe förmlich an die Fersen ; die Gewinnantheile , die ich gegenwärtig durch ein neues glückliches Arrangement erziele , sind geradezu riesig . “ Die breiten Lider der Präsidentin , die meist mit einer gewissen vornehmen Müdigkeit die Augäpfel halb verschleierten , hoben sich bei dieser Schilderung . Das eine Wort „ Gewinnantheil “ machte diese großen Augensterne gierig flimmern , wie es vielleicht kaum in ihrer Jugend das Verlangen nach Siegen ihrer Schönheit vermocht . „ Riesig ? “ wiederholte sie kurz mit fliegendem Athem . „ Das sind die meinen nicht . Ich will sofort verkaufen und mich an dem neuen Unternehmen betheiligen . “ „ Das läßt sich leicht arrangieren , theuerste Großmama ; ich werde heute noch die nöthigen Schritte tun . Ja , ja , der gemeine Mann sagt ganz richtig ; wo Tauben sind , da fliegen Tauben zu , und nie ist das Wort wahrer gewesen , als in unserer wunderbaren Zeit . Der Kapitalist ist ein Fels , dem die Wogen von selbst ihre Schätze zuwerfen – “ „ In den Augen der Ruhigdenkenden nicht , Moritz , “ sagte Doktor Bruck . Er war vorhin bei Henriettens lebhaftem Widerspruch an das Bett getreten und hatte sanft beruhigend ihre Hand zwischen die seinen genommen – so stand er noch . Er sah sehr vornehm aus ; noch trug er den Frack unter dem Ueberzieher und den Handschuh an der Linken , sein schönes , bärtiges Gesicht aber , das er jetzt voll den Anwesenden zuwandte , zeigte noch schärfer den eigenthümlich leidensvollen Zug , den Käthe heute zum ersten Male bemerkt hatte . „ Man ist schon seit längerer Zeit mißtrauisch , “ fuhr er fort , „ und fängt an , diesen mühelosen Erwerb mit einem sehr harten Wort zu bezeichnen – “ „ Schwindel willst Du sagen , “ unterbrach ihn der Kommerzienrat belustigt . „ Liebster Doktor , allen Respect vor Dir und Deinem Wissen , aber in kaufmännischen Dingen überlasse mir die Beurtheilung ! Du bist ein ausgezeichneter Arzt , hast eben Deinen Namen zu einem weltberühmten gemacht – “ In diesem Augenblicke richtete sich Henriette aus ihrer halbzurückgesunkenen Stellung auf . „ Weißt Du das , Flora ? “ fragte sie heftig , wie athemlos , wie halb erstickt von dem überwältigenden Triumphgefühle . „ Freilich weiß ich ’ s , Du Närrchen , obgleich der Herr Doktor es bis jetzt nicht der Mühe werth gefunden hat , mir in höchsteigener Person Mittheilung von seiner glücklichen Kur in L … .. g zu machen , “ antwortete Flora unbefangen und leichthin , und ihre Augen begegneten in beispielloser Herausforderung denen der Schwester . „ Ich weiß auch , daß ihn plötzlich die fürstliche Gnadensonne bescheint , wie selten einen Sterblichen . Natürlich ist das noch Hof- und Staatsgeheimniß , das vorderhand nicht einmal – die Braut wissen darf . “ Ein bezaubernd schalkhaftes Lächeln ließ ihre leuchtenden , scharfen Zähne sehen , und der Rosenhauch , der bei den letzten Worten plötzlich ihre Wangen anflog , stand ihr unvergleichlich . Henriette ließ bitter enttäuscht den Kopf in die Kissen sinken – selbst sie hatte sich in diesem chamäleonartigen Frauengeist verrechnet . Die Präsidentin , die in der Nähe des Doktors stand , klopfte ihm mit fast zärtlicher Zutulichkeit auf die Schulter . Als so gleichberechtigt in ihrem Verwandtenkreise hatte sie ihn bisher noch nicht behandelt . „ Dürfen wir noch nichts Näheres erfahren ? Sind die Präliminarien noch nicht beendet ? “ fragte sie schmeichelnd mit ihrer wohllautenden Stimme . „ Er kommt ja eben vom Fürsten , “ sagte die Tante , ohne den stolz strahlenden Blick von ihm wegzuwenden . „ Ah , also ist Herrn von Bär ’ s Pensionirung wirklich Thatsache ? “ Die alte Dame fragte das mit vornehm gleichgültiger Haltung , aber sie hielt den Athem zurück . „ Das weiß ich nicht – danach frage ich auch nicht , “ versetzte der Doktor ruhig abweisend . „ Der Fürst wünscht , daß ich – so lange ich mich hier noch aufhalte – sein langjähriges Fußübel in Behandlung nehme – “ „ So lange Du Dich hier noch aufhältst , Bruck ? “ unterbrach ihn Flora stürmisch . „ Willst Du gehen ? “ „ Ich werde mich mit Anfang October in L … .. g habilitieren , “ versetzte er kalt ; er sah sie nicht an . Sein Blick haftete auf dem knospenden Apfelbaume vor dem Fenster . „ Wie , Sie haben Stellung und Titel bei unserm Hofe ausgeschlagen ? “ rief die Präsidentin und schlug die Hände in bestürztem Erstaunen zusammen . „ Der Titel ist mir nicht erlassen worden “ – ein leises , ironisches Lächeln stahl sich über sein Gesicht – „ es ist jedenfalls nicht etiquettegemäß in Serenissimus ’ Augen , sich von einem titellosen Heilbeflissenen herstellen zu lassen . Er besteht darauf , mich zum Hofrathe zu ernennen . “ Bei seinen letzten Worten streckte ihm die Tante Diakonus , mit einer tiefen Rührung kämpfend , die Hand entgegen , und er – sonst die scheue Zurückhaltung selbst – umschlang mit beiden Armen die zarte Gestalt der alten Frau und drückte sie fest und innig an seine Brust . Das Leid , die bittere Heimsuchung , welche diese Beiden standhaft zusammen getragen , isolierte sie in diesem Augenblicke der Sühne vollkommen vom Kreise der Umstehenden . Flora wandte sich ab und trat geräuschvoll in das Fenster ; sie nagte sich die Unterlippe fast blutig ; man sah , es zuckte ihr in den Händen , die treue Frau wegzustoßen von dem Platze , den sie , die pflichtvergessene Braut , verwirkt hatte . „ Er geht ja aber fort , Tantchen , “ sagte Henriette mit ihrer heiseren , tonlosen Stimme vom Bette herüber . „ Ja , seinem Ruhme , seinem Glücke entgegen , “ antwortete die alte Frau und hob unter Thränen lächelnd den Kopf von seiner Schulter . „ Ich will gern hier zurückbleiben in dem Heim , das seine Sohnesliebe mir geschaffen hat , wenn ich ihn draußen geachtet , geehrt und befriedigt durch seinen großen Beruf weiß . Meine Mission an seiner Seite ist ohnehin bald zuEnde – eine Andere tritt an meine Stelle . “ Die Zärtlichkeit wich aus ihrer Stimme ; sie sprach mit tiefem Ernste , und die sonst so milden Augen hafteten fest , fast streng auf dem schönen Mädchen im Fenster . „ Sie mit ihrem reichen Geiste weiß jedenfalls die Heiligkeit , aber auch die oft herben Anfechtungen seines Berufes weit lebendiger zu erfassen , als ich , und wird ihm deshalb gewiß ein Daheim schaffen , das ihm , unabhängig von den äußeren Strömungen , gleichmäßig ein harmonisch-inniges Familienleben bietet . “ Das Betonen des einen Wortes ließ Käthe deutlich erkennen , daß die Tante Flora ’ s gestriges häßliches Gebahren sehr wohl bemerkt und als Launenhaftigkeit aufgefaßt hatte . „ Das ist Alles recht schön und gut , meine beste Frau Diakonus , und ich zweifle auch keinen Augenblick , daß Flora eine ganz tüchtige Frau Professorin werden wird , “ sagte die Präsidentin kühl – der indirect ermahnende Ton , welchen die simple PastorsWitwe ihrer Enkelin gegenüber anzuschlagen wagte , verdroß sie sichtlich – ; „ allein zu einem anmutenden Familienleben gehören heutzutage auch komfortable Räume , und das Beschaffen derselben macht mir augenblicklich große Sorge . Ich komme eben von einer erschöpfenden Beratung mit dem Möbelfabrikanten ; er behauptet , nunmehr – Gott weiß aus welchem Grunde – die längst bestellten Boule-Möbel für Flora ’ s Salon bis zu Pfingsten absolut nicht liefern zu können . Flora hat sich währenddem mit der Wäschelieferantin herumgezankt , die auch so fabelhaft langsam ist und die Vollendung der Ausstattung erst bis Anfang Juli in Aussicht stellt . Was fangen wir an ? “ „ Wir warten , “ sagte Doktor Bruck in seiner einsilbigen Weise und griff nach Hut und Stock , um Beides fortzutragen . Die Präsidentin fuhr ein wenig zusammen ; sie sah ziemlich perplex aus , und eine gewisse Aengstlichkeit schlich durch ihre Züge , aber sie faßte sich rasch und klopfte ihn leicht auf die Schulter . „ Das ist brav , liebster , bester Doktor ! Sie helfen uns selbst aus der peinlichsten Verlegenheit , während ich mich auf berechtigten Widerspruch Ihrerseits gefaßt gemacht hatte . Diese Pfingsten waren mir fast zu einem drohenden Gespenst geworden . Sie hielten so fest an dem einmal bestimmten Tage . “ „ Gewiß , allein meine Uebersiedelung nach L … .. g macht eine Abänderung sogar nothwendig , “ entgegnete er gelassen und ging hinaus . „ Und was meint die Braut ? “ fragte die Tante Diakonus mit ungewisser Stimme ; sie war augenscheinlich sehr betreten über die geschäftsmäßig kühle Ruhe des Doktors und das plötzliche verlegene Schweigen der Anwesenden . Flora wandte ihr ein heiter strahlendes Gesicht zu . „ Mir ist die gegönnte Frist insofern hochwillkommen , als meine künftige Lebensstellung plötzlich eine so ganz andere werden wird . Da bedarf es der Vorbereitung , der inneren Sammlung und Einkehr . Mein Gott , es ist ja doch ein himmelweiter Unterschied ! Von der Frau eines Universitätsprofessors mit großem Namen verlangt die Welt ein ganz anderes Auftreten , ganz andere Kapazitäten , als von einer einfachen Doktorsfrau , möge ihr Mann immerhin Hofrath und Leibarzt eines Fürsten sein . “ Ein unbeschreiblicher Hochmut sprühte förmlich aus der zarten , hoch emporgerichteten Gestalt ; in jedem Worte klang innerer Jubel , mühsam unterdrücktes Frohlocken mit – sie stand auf dem Gipfel ihrer glühendsten Wünsche . Der Kommerzienrat rieb sich vergnügt die Hände . Er hätte losplatzen und ihr in das Gesicht lachen mögen ; die Präsidentin aber kämpfte sichtlich mit einer ärgerlichen Aufwallung . Jetzt maßte sich wohl gar die Enkelin an , mit ihrer „ Partie “ noch um so und so viel Staffeln höher zu steigen , als selbst sie , die hochgestellte fürstliche Beamtenfrau . „ Wohin versteigst Du Dich , Flora ! “ rügte sie , in zorniger Mißbilligung den Kopf schüttelnd . „ In meine glänzende Zukunft , Großmama , “ antwortete sie mit einem kleinen , übermüthigen , boshaften Lächeln . Sie drehte der Präsidentin mit einer so ausdrucksvollen Geberde den Rücken , als sei sie nun mit einer unerquicklichen Vergangenheit vollkommen fertig und wolle mit keinem Worte mehr daran erinnert sein . „ Und nun ergebe ich mich Ihnen auf Gnade und Ungnade , lieb Tantchen , “ sagte sie zu der alten Frau , die jeder Bewegung der schönen Braut mit klugem , prüfendem Blicke gefolgt war . „ Machen Sie mit mir , was Sie wollen ! Ich unterwerfe mich Allem ; nur zeigen Sie mir den Weg , auf welchem ich Leo glücklich machen kann ! Ich will nähen , kochen “ – bei den letzten Worten streifte sie flink die Handschuhe ab , als wolle sie sofort Ernst machen und an den Kochherd treten . „ Ah ! “ stieß sie erschrocken heraus und fuhr mit der Hand , wie fangend , durch die leere Luft – der „ einfache Goldreif “ war ihr beim Abziehen des Handschuhs vom Finger geglitten . Niemand hatte ihn zu Boden fallen hören ; man suchte , allein es war , als habe ihn die Luft aufgesogen . „ Er wird zwischen Deine Kissen gefallen sein , Henriette , “ klagte Flora . Sie war ganz bleich geworden „ Erlaube , daß wir Dich für einen Moment emporheben und nachsehen – “ „ Das kann ich nicht zugeben , “ erklärte die Tante entschieden . „ Henriette darf nicht beunruhigt , nicht unnöthig aus ihrer bequemen Lage gebracht werden – “ „ Unnöthig ! “ wiederholte Flora vorwurfsvoll und schmollend wie ein Kind . „ Es ist ja mein Verlobungsring , Tantchen . “ Käthe schauderte in sich zusammen bei diesen Worten . War Flora wirklich ein solches Kind des Glückes , daß eine Art Wunder ihr den Ring wieder in die Hände zurückgespielt hatte , oder log und trog sie mit dreister Stirn so entsetzlich ? Sie suchte vergebens in den ängstlich umherforschenden Augen dieser Sphinx zu lesen . „ Das ist ein fataler Zufall , “ sagte die Tante Diakonus , „ aber verloren kann ja der Ring nicht sein . Wir werden ihn heute noch bei Henriettens Umbetten finden , dann soll ihn mein Dienstmädchen sofort in die Villa tragen . “ „ Ich werde es ihr fürstlich vergelten ; ich will ihr die Hand mit Gold füllen , wenn sie ihn mir heute Abend noch bringt , “ versicherte Flora ; eine peinliche Unruhe war über sie gekommen ; es kostete ihr offenbar Mühe , sich geduldig zu fügen . Die Präsidentin und der Kommerzienrat schoben sich jetzt Stühle an das Bett und nahmen Platz neben der Kranken , die sich mit keinem Worte mehr an den Verhandlungen betheiligt hatte . Nur einmal war der blonde Kopf jäh emporgetaucht , und ein bitter höhnischer Zug hatte die zum Sprechen geöffneten Lippen umzuckt . Bei der Versicherung der Großmama , daß sie nicht begreife , aus welchem Grunde der Möbelfabrikant die Ablieferung der Möbel verzögere , hatte sie hinüberrufen wollen : „ Weil sie bereits halb und halb abbestellt gewesen sind . “ Aber noch zur rechten Zeit wurde sie sich bewußt , daß nun mit keinem Worte mehr an das Vergangene gerührt werden dürfe . 17. Die Tante ging hinaus , um einige Erfrischungen zu besorgen , und Käthe folgte ihr . Ekel und Widerwillen trieben sie aus dem Zimmer , in welchem sich eben die empörendste Komödie abgespielt hatte . Sie bat die Tante , ihr das kleine Geschäft der Bewirtung zu überlassen , und die alte Frau legte willig den Schlüsselbund in ihre Hand . „ Hier , mein liebes , liebes Kind , meine treue , ehrliche Käthe , “ sagte sie weich und in so bebenden Lauten , als kämpfe sie mit einem tiefen Aufseufzen . Sie legte den Arm um den Leib des jungen Mädchens und schmiegte sich in zärtlicher Zuneigung an die schöne Gestalt . „ Mich überkömmt es wie süßes Ausruhen , wenn ich in Ihr offenes , frisches Gesicht sehen darf . Ich muß immer an Luther ’ s vielliebe Käthe denken , an die tapfere Frau , die stark und mutig an die Seite des streitbaren Mannes getreten ist . “ Jetzt schlüpfte in der That ein beklommener , sorgenvoller Seufzer über ihre Lippen ; sie entließ das hocherröthende Mädchen aus ihren Armen und kehrte in das Krankenzimmer zurück . Käthe holte die Kaffeebüchse und den zu Ehren des Tages gebackenen Napfkuchen aus der Speisekammer , und während die dicke , freundliche Magd frisches Holz unter den Wasserkessel legte , füllte sie die hübsche , blaue Glasschale , die schon gestern beim Thee figuriert hatte , mit Zucker und rieb den krystallenen Konfectteller blank . Sie schnitt eben den Kuchen in Stücke , als sie Jemand aus dem Krankenzimmer kommen hörte . Die Küchenthür war so angelehnt , daß ein breiter Spalt blieb , und durch diese Oeffnung sah sie Flora in den Hausflur treten.Die schöne Braut sah sich ungewiß und rathlos um ; die Zimmereintheilung der „ Spelunke “ war ihr ja völlig fremd , aber es war , als ob der Strahl dieser suchenden Augen den Doktor magnetisch berührt und angezogen hätte . Er trat in diesem Augenblicke aus dem Zimmer der Tante . Flora flog auf ihn zu und breitete die Arme aus . Das lange , schwarze Kleid schleppte über den Boden hin , und die dunklen Schleierfalten wogten ihr nach , wie gelöste , offen niederfließende Haarsträhne . Mit den bleichen Händen , die sich kinderklein und schmal aus dem zurückfallenden schwarzen Spitzengekräusel streckten , mit dem mattweißen Gesicht erschien sie wie eine jener gespenstischen , schönen Frauen , die der Volksglaube aus den Gräbern steigen und mordend über junges Leben herstürzen läßt . „ Leo ! “ vibrierte es wie ein Hauch , und doch klingend durch den Flur . Käthe horchte mit stockendem Athem hoch auf – es ging ihr durch Mark und Bein . War das wirklich Flora ’ s Stimme ? Kam dieser köstliche , innige Klang voll weicher Abbitte , voll bebender Sehnsucht wirklich von den Lippen , die so schnöde verurtheilende Worte sprechen , die so schneidend verächtlich lächeln konnten ? Das junge Mädchen wandte die Augen weg und sah vor sich nieder ; das Messer zitterte in ihrer Hand . Sie hätte so gern die Thür ganz geschlossen , um nicht zu sehen und nicht gesehen zu werden , aber sie fand , wunderlich genug , weder Mut noch Kraft , sich von der Stelle zu bewegen . Draußen erfolgte keine Antwort , aber auch kein Schritt wurde hörbar . „ Leo , sieh mich an ! “ sagte Flora lauter , halb flehend , halb gebieterisch . „ Wozu die Marter , die Deinem eigenen Herzen widerstrebt ? Ich weiß es , Du kämpfst mannhaft , aber unter Schmerzen Dein heiligstes Gefühl nieder , um hart zu erscheinen , um mich zu strafen . Und wofür ? Weil ich gestern halb wahnwitzig war vor Aufregung und nicht wußte , was ich that und sagte . Leo , mein Leben , das Dir gehört , war in Gefahr gewesen , noch kochte das Blut in mir , und – da reiztest Du mich auch noch . “ Käthe sah unwillkürlich empor . Neben ihr stand die Magd mit einem breiten Grinsen auf dem guten , dicken Gesichte ; es war jedenfalls sehr ergötzlich , daß die Dame da draußen ihrem jungen Herrn etwas abbitten mußte . Dieser Anblick brachte augenblicklich Leben in das junge Mädchen ; sie ordnete rasch die Kuchenstücke auf dem Teller , nahm ihn in die Hand und trat entschlossen in den Flur . Sie sah noch , wie der Doktor mit fest verschränkten Armen , das Gesicht von der Bittenden weggewendet , regungslos durch die offene Hausthür in die Gegend hinaus starrte ; wie fahl erschienen seine braunen Wangen und wie fest und erbittert biß er die Zähne zusammen , während Flora ’ s unheimlich düstere Gestalt an seinem Halse hing , so weich und geschmeidig und innig fest sich anschmiegend wie der Vampyr der Volkssage . Bei dem ziemlich lauten Geräusch der aufgestoßenen Thür fuhr der Doktor empor , und in demselben Moment traf sein scheu irrender Blick Käthe ’ s Augen . Als sei er auf dem schlimmsten Verbrechen betroffen , so schrak er zusammen – Flora folgte erstaunt der Richtung seines Blickes , aber die schönen Mädchenhände , die sich in seinem Nacken fest verschlungen hatten , lösten sich darum nicht . „ Ach , mein Gott , es ist ja nur Käthe , Leo ! “ sagte sie und drückte den Kopf fester an seine Brust . Käthe huschte wie auf der Flucht vorüber in das Krankenzimmer . Ihr Herz schlug fast laut vor Schrecken und schamvoller Bestürzung ; sie hatte eine Liebesszene à la Romeo und Julie unterbrochen . Mit bebenden Händen stellte sie den Teller auf den Tisch , lockte auf Henriettens Verlangen , die ein Attentat ihrer Lieblinge auf Kuchen und Zucker befürchtete , die umherschwirrenden Kanarienvögel in die kleine Volière und schloß hinter ihnen das Thürchen . Da sah sie im Käfige auf dem sauberen , weißen Sande den gesuchten Goldreifen liegen ; er war seltsamer Weise durch die Messingstäbe geflogen , ohne das geringste Klirren zu verursachen , und ebenso unhörbar auf der weichen Sandschicht niedergefallen . Käthe nahm ihn heraus und ließ ihn in die Tasche gleiten – und nun hätte sie wieder hinausgehen und den Kaffee fertig machen sollen , aber sie schüttelte sich fast vor Angst und Abneigung . Es war ihr , als solle sie in den Tod , in die Hölle gestoßen werden . Sie entfernte sich nicht um einen Schritt vom Tische und machte sich unnöthig mit den Kanarienvögeln zu schaffen , während die Präsidentin mit ihrer angenehmen , sanft gedämpften Stimme von Flora ’ s „ Trousseau “ sprach und der Tante Diakonus an den Fingern herzählte , was nun infolge der Ortsveränderung noch nachbestellt werden müsse ; die alte Frau durfte keinen Augenblick in Zweifel bleiben , daß ihr berühmter Neffe in der schönen Banquiertochter eine Art Prinzessin heimführe . Käthe wurde rascher aus ihrer Pein erlöst , als sie dachte . Der Doktor trat schon nach wenigen Minuten in das Zimmer , und nun schlüpfte sie , ohne aufzusehen , an ihm vorüber . Der Flur war leer . Flora mußte in den Garten gegangen sein . In der Küche knarrte die Kaffeemühle ; vielleicht hatte das mißtönende Geräusch , und nicht , wie sie vermutet , ihr Erscheinen , die Versöhnungsszene so schnell zu Ende geführt . Das Küchengeschäft war bald beseitigt , und während die Magd eine frische Schürze vorband , um das Kaffeebret hineinzutragen , trat Käthe in das Fenster und betrachtete den Ring , den sie unter Herzklopfen aus der Tasche gezogen . … „ E. M. 1843 “ stand auf der Innenseite – Ernst Mangold – es war also der Trauring von Flora ’ s Mutter , den sie in der Hand hielt . Sie stand wie gelähmt vor dem Uebermaß von Frivolität , mit welchem Flora sich zu helfen und jedes Bedenken zu überwinden gewußt hatte . Das war eine jener Frauennaturen , die sich stets der augenblicklichen Situation zu bemächtigen verstehen , die bei jedem Umschwung elastisch wieder auf die Füße zu stehen kommen und mit einem kecken Ignorieren des unliebsamen Geschehenen , mit der Zuversicht des Uebermutes die Fäden der Intrigue leise und glücklich auch an dem veränderten Terrain wieder anheften . Und das war die Schwester , vor deren weit überwiegenden Geistes- und Charaktereigenschaften ihr junges Herz demüthig gebangt hatte . Das kleine unscheinbare Symbol der Gattentreue , das Flora ’ s sanfte Mutter bis an den Tod getragen , war entweiht durch das Gaukelspiel der Tochter . Es brannte Käthe zwischen den Fingerspitzen ; sie hätte es am liebsten so weit von sich schleudern mögen , daß es keine Menschenhand wieder aufzufinden vermocht hätte , aber es war und blieb das ererbte Eigentum der Schwester und mußte zurückgegeben werden . Sie verließ sofort die Küche und trat hinaus auf die Thürstufen . Dort stand Flora am Staket und sah hinaus in das Weite . Sie wandte dem Hause den Rücken zu und hatte die Arme unter dem Busen gekreuzt , und durch die Maschen des Spitzenschleiers entlockte die Sonne dem blonden Haar ein goldenes Flimmern . Der Hofhund bellte unaufhörlich und erbost die stumme , fremde Gestalt an , und die Hühner umschritten scheu die leise rauschende Damenschleppe , die sich so lang und düster über den Rasen hinbreitete . Das Hundegebell übertönte Käthe ’ s Tritte , Flora bemerkte ihr Kommen nicht eher , als bis die Schwester dicht neben ihr stand . Sie fuhr herum ; ihr zarter Teint war betupft mit roten Spuren der Aufregung ; sie war offenbar in der ärgerlichsten Stimmung , und nun falteten sich die Brauen noch finsterer , und ihre Augen sprühten in ausbrechendem Zorne . „ Bist Du schon wieder da , wie ein unvermeidlicher Deus ex machina ? Ungeschicktes Ding , vorhin so hereinzupoltern ! “ fuhr sie Käthe in einem Tone an , als stehe nicht die stolze Erscheinung einer erwachsenen jungen Dame , sondern ein ungezogenes , boshaftes Schwesterlein vor ihr , das zeitweilig noch mit der Rute Bekanntschaft machen müsse . Eine gerechte Erbitterung quoll fast unbezwingbar in Käthe empor – so fromm war ihr Naturell nicht , und so sanftmüthig floß ihr frisches Jugendblut auch nicht in den Adern , daß sie einer ungezogenen Begegnung auch noch die andere Wange hingehalten hätte , aber sie beherrschte sich . „ Ich bringe den Ring , “ sagte sie kurz und kalt . „ Gieb her ! “ Flora ’ s Züge glätteten sich ; sie nahm hastig den kleinen Reifen von der hingehaltenen Handfläche und steckte ihn an den Finger . „ Ich bin sehr froh , daß er wieder da ist , der Ausreißer . Es