fragte Mainau kalt lächelnd zurück . » Ei , da wird man schleunigst sein Latein , seine botanischen und chemischen Studien , mit denen man in der Backfischzeit wahrhaft gepeinigt worden ist , hervorsuchen müssen , « lachte die fürstliche Frau hart auf . » Man sagt mir nach , daß ich rasch und leicht auffasse – vielleicht hat sich auch mit den Jahren der innere Trieb eingestellt – es käme auf einen Versuch an ... Was meinen Sie dazu , Baron Mainau , wenn ich Sie bei Ihrer Rückkehr aus dem Orient mit einer lateinischen Anrede begrüßen und dann in mein Laboratorium führen würde , um Sie mit allen möglichen gelehrten Experimenten zu regalieren ? « » Hu , ein Blaustrumpf in salopper Toilette , mit ungeordnetem Haar ! « rief Mainau in ihr Spottgelächter einstimmend . » Hoheit , diese Antipathie wurzelt unausrottbar in meiner Seele – ich bilde mir aber plötzlich ein , es könnte Frauengeister geben , die mit einigem Verständnis den Spuren der Natur nachzugehen und deren Wunder , gleich den Männern , aufzuschließen suchen , die bei klarem Blick den unüberwindlichen Trieb haben , selbständig , ohne das Gängelband der Tradition , zu denken und den Erscheinungen und Dingen auf unserem Planeten bis auf den Grund zu folgen – wobei sie diesen Trieb jedoch erst in zweiter Linie berücksichtigen , indem sie sich sagen , daß das Behüten der heiligen Herdflamme , das Zusammenhalten › des Hauses ‹ mit weichen , linden und doch starken Armen ihre Hauptlebensaufgabe sei . « » Mein bester Baron Mainau , vielleicht findet sich ein großer Künstler , der Ihnen eine solche Frau – malt , « rief die Hofdame , in ein spöttisches Kichern ausbrechend , während sich die Herzogin mit einer ungestümen Gebärde erhob . Liane hatte in dem Moment , wo Mainau und der Hofprediger so hart und ingrimmig aneinander gerieten , die Arme um Leos Schultern gelegt und war mit ihm in die entfernteste Fensternische getreten . Die Wetterwolken draußen entluden sich in einem prasselnden Regen , der breitströmend an den Scheiben niederklatschte . In einem dicken , grauen Dampf gleichsam versunken , bogen und neigten sich schattenhaft , wie Gespenster , die an Ort und Stelle gebannt , zu fliehen versuchen , drüben die Baumwipfel unter dem zerzausenden Sturm , und auf den Rasenflächen standen bleifarbene Teiche . Durch die niederstürzenden , erlösenden Wassermassen zuckte längst kein Blitz mehr , aber dort am Tische , dem die junge Frau den Rücken kehrte , war es beängstigend gewitterhaft – lehnte sich doch plötzlich der seltsame Mann unerwartet gegen die leise , aber fest gehandhabte Bevormundung auf , die er bisher stillschweigend ignorierte , weil er – in seinem Lebensgenuß nicht gestört sein wollte – ja , er ging noch weiter , er verwarf frühere Ansichten ; war das dieselbe Kaprice , infolge deren er die Verheiratung mit der protestantischen , vermögenslosen Frau durchgesetzt hatte , oder ein wirklicher innerer Umschwung ? Die junge Frau wandte sich nicht um – auch nicht , als sie die Stühle heftig rücken und den Hofprediger mit seinen festen , majestätischen Schritten nach der Glasthür zu gehen hörte – gleich darauf trat Mainau an den Schreibtisch und stieß hörbar den Kasten zu . Fast in demselben Moment rauschte eine Schleppe ; ein süßer Jonquillenduft – das Lieblingsparfüm der Herzogin – flog in die Nische , und plötzlich legte sich ein Arm um die weiche Taille der jungen Frau . » Sie haben eine verführerische Gestalt , schöne Frau , « zischelte ihr die Herzogin in das Ohr ; – » aber bemühen Sie sich nicht – ich nehme es mit diesen weichen , linden und doch so starken Armen auf – Sie müssen unterliegen – Sie scheitern an der unerbittlich festgehaltenen Reise . « Die Lippen , die das aussprachen , waren weiß wie Schnee und zogen sich krampfhaft nach innen – ein furchterweckendes Medusengesicht , das die erschrockene junge Frau in der That förmlich versteinerte . » Lasse meine Mama gehen – du thust ihr ja weh , « rief Leo , indem er sich zwischen die beiden Damen drängte ; aber schon trat die Herzogin zurück . » Ei behüte , mein kleiner Mann , wie könnte ich das wohl über das Herz bringen ! « scherzte sie heiter auflachend und trat vor den Spiegel im Hintergrunde des Saales , um sich den Hut tiefer in die Stirn zu rücken und die in der hereinströmenden schweren Regenluft sich auflösenden Locken höher zu stecken ; die Hofdame eilte herbei , ihr zu helfen . Währenddem verließ Liane die Fensternische und kam in Mainaus Nähe – noch schlugen ihre Pulse heftig infolge des Schreckens . » Lasse dich nie wieder von der Frau berühren – ich will es nicht haben , « gebot er finster mit unterdrückter Stimme , so daß nur sie es hören konnte und unwillkürlich stehen blieb . » Himmel , was für ein Wetter ! – Wie fatal ! Mein Arminius wird in Schönwerth übernachten müssen , « rief die Herzogin in demselben Moment – sie stand zwar mit dem Rücken nach dem Saale , aber ihre großen Augen funkelten aus dem Spiegel herüber . » Wollen Sie die große Güte haben , mich heimfahren zu lassen , Baron Mainau ? – Ich muß zurück – es ist schon fast zu spät . « Mainau erbot sich , sie selbst zu fahren , da er die unbändigen Apfelschimmel anderen Händen nicht überlassen dürfe , und ging hinaus , um Befehl zu geben und im Vorbeigehen dem angekommenen Hofmeister einige begrüßende Worte zu sagen . Als sei nichts vorgefallen , setzte sich die Herzogin noch einmal neben den Hofmarschall , der sich in ein grimmiges Schweigen gehüllt hatte , und plauderte , auch den Hofprediger in das Gespräch ziehend , unbefangen über alltägliche Dinge , bis Mainau im Regenmantel zurückkehrte , die Apfelschimmel schnaubend drunten an der Freitreppe hielten , und zwei Lakaien mit aufgespannten Schirmen sich draußen vor der Glasthür postierten . » Wollen Sie mitkommen ? « fragte sie den Hofprediger . Er entschuldigte sich mit einer Schachpartie , die er dem Hofmarschall für die späten Abendstunden zugesagt habe , und wich ruhig zurück , als Mainau neben ihm unsanft und klirrend die Glasthür aufriß . Die schöne Fürstin schwebte verbindlich grüßend an Mainaus Arm hinaus , und ächzend kehrte der Hofmarschall an seinen Stuhl zurück . » Bitte , schließen Sie die Thür , Herr Hofprediger ! « sagte er mürrisch und sank in die Polster . » Sie hätten sie vorhin nicht aufmachen sollen , liebster Freund – ich wagte nicht zu protestieren , weil es auch Ihre Hoheit zu wünschen schien – aber diese miserable Luft schlug mir wie Blei in die Beine ; morgen bin ich todkrank – dazu der furchtbare Aerger , der Grimm , der mir die Kehle noch zuschnürt ... Bitte , fahren Sie mich in mein warmes Schlafzimmer ; dort will ich mich sammeln und warten , bis hier der Kamin geheizt ist – es ist bitter kalt geworden ... Allons , Leo , du gehst mit mir ! « rief er dem Knaben zu , der sich an die junge Frau schmiegte . » Ich möchte gern bei der Mama bleiben – sie ist so allein , Großpapa , « sagte das Kind . » Die Mama ist nie allein – sie empfängt › die Naturgeister ‹ und braucht uns nicht , « versetzte der alte Herr malitiös . » Komm nur hierher ! « Er griff nach der widerstrebenden Hand des Knaben und zog ihn mit sich , während der Hofprediger den Rollstuhl zur Thür hinausschob . 20. Die junge Frau trat wieder in das Fenster . Eben verbrauste das letzte Rollen des fortfahrenden Wagens – jetzt fuhr sie , in die weißen Atlaskissen geschmiegt , mit den Apfelschimmeln durch den Wald – die junge Frau mit dem schönen Medusengesichte , die ihn liebte mit verzehrender Glut , die ihre fürstliche Hoheit vergaß , ihren berüchtigten Hochmut abwarf , und in seiner Nähe nichts war als das leidenschaftlich anbetende Weib voll glühender Eifersucht ... Warum hatte er das junge Mädchen aus Rudisdorf an eine Seite geholt ? Warum hatte er nicht am Fürstenhofe gefreit ? Er wäre mit offenen Armen empfangen worden und hätte glücklich werden können mit ihr , die ihm ja durchaus nicht gleichgültig war – die Begegnung im Walde am Hochzeitstage tauchte in grellen Farben vor der jungen Frau auf – da lag ein Geheimnis . » Sie scheitern an der unerbittlich festgehaltenen Reise , « hatte ihr die Herzogin zugeflüstert – noch fühlte sie den heißen Atem der Frau an Hals und Ohr – welche Bemühung sollte den scheitern ? Sie hatte alles aufgeboten , ihre Pflichten zu erfüllen , aber – Gott sei Dank – ihr Stolz war ihr treugeblieben ; sie hatte nie auch nur einen Finger gerührt , um Mainaus Liebe zu erringen – darin irrte sich die Frau Herzogin ; aber sie hatte Recht mit ihrer Behauptung , daß die Reise das lose geknüpfte Band vollständig lösen werde , selbst wenn Liane ihren Entschluß fortzugehen nicht mehr ausführen wollte ... Es war doch niederschlagend ! Wenn er nach Jahr und Tag zurückkehrte , dann wußte niemand mehr , daß einmal eine Gräfin Trachenberg nach Schönwerth geschleppt worden war , um dort eine Reihe unglücklicher Tage voll Prüfungen und Anfechtungen zu verleben ; er selbst hatte draußen die unerquickliche Erinnerung abgeschüttelt und kam , um endlich die schöne Hand zu ergreifen , die sich ihm in gebührender Sehnsucht entgegenstreckte . Unwillkürlich fuhr die junge Frau mit der krampfhaft geballten Hand nach dem Herzen – was quälte sie plötzlich für ein unerklärliches Weh ? War es denn so schrecklich , verstoßen zu werden um einer anderen willen ? ... Sie dachte an den Moment , wo er ihr verboten hatte , sich von der Herzogin berühren zu lassen – was war da sein Motiv gewesen ? Doch nur die Eifersucht – er gönnte ihr , seiner Frau , diese Gunstbezeigung nicht ... Sie vergrub das Gesicht in den Händen – war für eine erbärmliche Schwäche überkam sie ! ... Langsam verließ sie das Fenster , um sich in ihre Zimmer zurückzuziehen . Sie ging an dem Schreibtisch vorüber und blieb plötzlich wie festgewurzelt stehen – an dem Kasten steckte noch der Schlüssel ; Mainau hatte vergessen , ihn abzuziehen , und dem Hofmarschall war es » in seinem furchtbaren Aerger und Grimm « nicht eingefallen , ihn zurückzufordern ... Das Herz der jungen Frau klopfte heftig – da drin lag das Papier , an welchem Gabriels Schicksal hing – nur einmal mochte sie es herausnehmen ; sie wußte , daß man solche Dokumente ganz anders prüfen müsse , als mit dem bloßen Auge . Aber der » Raritätenkasten « mußte aufgezogen werden ; er war fremdes Eigentum und den Schlüssel hatte man aus Versehen stecken lassen ... War es nicht unehrlich , das Papier herauszunehmen ? Nein , sie legte es ja unverletzt wieder an Ort und Stelle , und es zu prüfen hatte ihr Mainau selbst zur Pflicht gemacht und zu dem Zwecke die Papierrolle dem Hofmarschall abverlangt . Sie zog rasch entschlossen den Kasten auf – das verhängnisvolle rosenfarbene Billet ihrer Mutter lag vor ihr – wie von einer Viper gestochen wich ihre Hand zurück , als sie es zufällig berührte – sie griff nach dem obersten , offen daliegenden Blatt – es war das , welches sie suchte . Atemlos flog sie , das Papier in der Tasche , hinunter in ihre Appartements , und nach wenigen Minuten lag es unter dem Mikroskop , dem treuen Gehilfen bei ihren Studien ... Unwillkürlich prallte sie zurück und schauerte in sich zusammen – da unter dem unerbittlichen Glas lag sonnenklar und erwiesen ein scheußlicher Betrug . Jeder sorgsam ausgeführte Buchstabe war vorher mit Bleistift vorgezeichnet gewesen – war man mit bloßem Auge nicht zu entdecken vermochte , hier trat es als breiter Schatten fast bei allen diesen so ungezwungen scheinenden Zügen neben dem festen Tintenstrich heraus , und da , wo die Tinte selbst dünner aufgetragen war , schimmerte die Linie des Bleistiftes klar durch ... Es war eine mühevolle Arbeit gewesen – der Fälscher hatte die einzelnen Buchstaben aus vorhandenen Schriftstücken zusammensuchen müssen , um sie zu den Worten , die er zu schreiben wünschte , zusammenzusetzen ... Wer aber hatte das gethan ? Und wozu ? Der Zettel war ohne gerichtliche Zeugen geschrieben – man hatte mithin nur gefälscht , um einen moralischen Zwang auf eine wichtige Stimme auszuüben , die in der Angelegenheit mitsprechen durfte , und das – war Mainau ; er hatte ihr ja selbst gesagt , daß er anfänglich zu gunsten des Knaben aufgetreten sei ... Handelte es sich hier einzig um Geld und Gut , oder wirkte auch der religiöse Fanatismus mit ? ... Da stand ja auch : » Die Frau aber soll und muß die heilige Taufe empfangen , zur Rettung ihrer Seele – « Die junge Frau warf sich auf das Ruhebett – ihre Pulse schlugen heftig , und durch die Glieder lief ein nervöses Zittern – sie mußte erst ruhiger werden – in dieser Aufregung durfte sie niemand begegnen ... Mainau war doch eine edle Natur – um seinen gerechten Widerspruch zu beugen , mußte man zum Betruge greifen ; die Verführung zu einem wirklichen Unrecht durfte es nicht wagen , ohne geschlossenes Visier an ihn heranzutreten . Das Papier mußte vorläufig an seine Stelle zurück – sie konnte mit dieser Enthüllung nur wirken , wenn sie es vor seinen Augen aus dem Schubfach nahm – ihre Mundwinkel zuckten schmerzlich – er hätte jedenfalls weit eher sie , die neu Eingetretene und Mißtrauische verdächtigt , als es für möglich gehalten , daß in seinem Schönwerth , diesem Sitz der Ehrenhaftigkeit und Sittenstrenge , solche Dinge vorgehen könnten ... Erfahren aber mußte er die Thatsache – es galt , Gabriel zu retten . Leise huschte sie in den Saal zurück . Man hatte unterdessen den Kamin geheizt . Die schweren Damastvorhänge fielen zugezogen an den hohen Fensternischen nieder , und vor der Glasthür lagen festschließende Eichenholzflügel . Nur als schwaches , eintöniges Murmeln drang das unermüdliche Rauschen und Gießen des Regens herein . Der Theetisch war bereits vorgerichtet , und die große Kugellampe unter wohlthätig grünem Schleier brannte inmitten der weißgedeckten Tischplatte – sie erhellte dürftig den weiten Raum – dunkel , in unförmlichen Gruppen , standen die Polstermöbel an den fernen Wänden , in die Ecken aber drangen nicht einmal die ungewissen Ausläufer des smaragdgrünen Lichtes und nur vor dem Kamin breitete behaglich der volle , gelbe Schein der brennenden Scheite über das glänzende Parkett . Die junge Frau sah sich scheu um – es war niemand da . Beruhigt trat sie an den Schreibtisch , zog den Kasten auf , und in ihm selbst die Rolle sorgfältig wieder zurechtschiebend und auseinanderfaltend , legte sie den Zettel hinein – in diesem Augenblick wurde ihre Hand erfaßt und gleichsam bei der That im Schubfach selbst festgehalten – sie war nicht einmal fähig , aufzuschreien das Blut trat ihr im entsetzten Schrecken so rasend schnell nach den Herzen , daß sie zu sterben meinte – halb zusammenbrechend , sah sie mit versagenden Blicken in das Gesicht – des Hofpredigers . Er erfing sie in seinem Arm , und die hilflose Gestalt an seine Brust drückend , zog er wiederholt die Hand , die er noch festhielt , an seine brennenden Lippen . » Fassen Sie sich , teure Frau ! Ich habe es allein gesehen – es ist niemand außer mir im Salon , « flüsterte er in weichen , tröstenden Tönen . Diese Stimme gab ihr sofort die Besinnung zurück . Sie riß sich los und schleuderte seine Hand von sich . » Was haben Sie gesehen ? « fragte sie mit wankender , klangloser Stimme ; aber ihre schöne Gestalt reckte sich empor in stolzer Haltung . » Enthalten diese Schubfächer Gold – und Silberwert ? ... Habe ich – stehlen wollen ! « » Wie könnte ich hinter dieser königlichen Stirn einen solchen Gedanken vermuten ! – Eher würde ich das Andenken meiner – Mutter mit einem so häßlichen Verdachte beflecken als Ihre himmlisch reine Seele – glauben Sie mir das ! ... Sie werden diesen Ausspruch freilich nicht begreifen können , denn eben durch die Kindesliebe getrieben stehen Sie doch hier ... Gnädige Frau , wer will Ihnen verargen , wenn Sie den kleinen Brief , mit welchem man Sie peinigt und demütigt , vernichten wollen ? « – Er nahm das Billet aus dem Kasten . – » Verbrennen wir diesen rosenfarbenen Zeugen der mütterlichen Verirrung gemeinschaftlich ! « Mit einem raschen Griffe entriß sie ihm den Brief und warf ihn an seine vorherige Stelle . » Ist das nicht Diebstahl ? Ist er an mich gerichtet ? « zürnte sie . » Er bleibt , wo er ist . Mit einem Unrechte kann ich den Flecken vom Rufe meiner Mutter nicht wegwischen . « Sie wich zurück und trat an die andere Ecke des Schreibtisches , als könne der Raum zwischen ihr und diesem Priester , der gewagt hatte , sie zu berühren , nicht weit genug sein . Der grüne Lampenschein fiel auf ihr lieblich edles Profil – es erschien steinern in seinem stolzen Ausdrucke wie eine Kamee ... Er hatte aber versucht , ihr eine Schlinge um den Hals zu werfen ; bei weniger Energie , ja nur bei einem augenblicklichen Schwanken der Bestürzung , wäre sie ihm rettungslos verfallen gewesen – er mußte erfahren , daß sie ihn durchschaue . » Wie können Sie die Stirn haben , mir die Hand zu einer lichtscheuen That bieten zu wollen ? « » Sie verkennen meine Motive absichtlich und stellen sich mir feindlich gegenüber , wo Sie können , « sagte er mit schmerzlicher Bitterkeit – der Ton , in welchem er sprach , hatte etwas tief Leidenschaftliches ; er war nicht gemacht , das mußte sie selbst zugeben – » und doch haben Sie keinen treueren Freund auf Erden als mich . « » Ich habe zwei Freunde – meine Geschwister – eine andere Freundschaft suche ich nicht , « versetzte sie . Er schlug bei dieser eisigkalten Zurückweisung die geballten Hände vor die Brust , als habe er einen Schuß empfangen – mit unheimlich glimmenden Augen trat er ihr einen Schritt näher . » Gnädige Frau , hier in Schönwerth sollten Sie nicht eine so stolze , verletzende Sprache führen , « sagte er mit heiserer Stimme . » Hier , wo Sie wurzellos im Boden hängen , wo Sie der Spielball eines jeden Windhauches sind – « » Gott sei Dank ! vom Standpunkte meiner Grundsätze hat er mich nicht um eine Linie drängen können . « » Was fragt die Welt nach diesem inneren Halt , die Welt , die sich über Ihre schiefe Stellung hier im Hause , über das Motiv , infolgedessen man Sie zur Frau von Mainau gemacht hat , lächelnd die demütigendsten Dinge zuraunt ! « Sie wurde noch blässer als vorher . » Wozu sagen Sie mir das ? « fragte sie mit ungewisser Stimme . » Uebrigens kenne ich › die Motive ‹ , infolge derer ich hier bin – ich soll Leo Mutter und dem verwaisten Hause Herrin sein – eine Stellung , die mein Frauengefühl in keiner Weise verletzt , « fügte sie mit ungebeugter stolzer Haltung und kühler Ruhe hinzu . Diese Gelassenheit erbitterte ihn sichtlich . » Wohl – wären Sie es in Wirklichkeit gewesen ! « sagte er rasch . » Aber der Mangel einer Herrin ist in Schönwerth wohl selten empfunden worden . Die vorgerückten Jahre und die Respektabilität des Hofmarschalls machen eine dame d ' honneur bei Festivitäten vollkommen überflüssig , und das Hauswesen versteht er ja zu kontrollieren , wie kaum eine Frau ; Leo aber soll die militärische Karriere machen – er wird Schönwerth und die mütterliche Obhut früh verlassen müssen – diese Motive sind schwerlich in Betracht gekommen ; die Haupttriebfeder ist Rachedurst , glühender Rachedurst gewesen ; ich weiß nicht , ob das Gefühl einer Frau auch unverletzt bleibt , wenn man ihr mitteilt , daß sie einzig und allein gewählt worden ist , um eine andere zu züchtigen , um derselben ein entsetzliches Weh in einer Art und Weise zuzufügen , wie sie sich raffinierter und grausamer nicht denken läßt . « Die großen , grauen Augen der jungen Frau starrten den Sprechenden wie entgeistert an ; aber gerade dieses schmerzliche Verstummen , dieser Blick voll unverhüllten Schreckens ließen ihn hart und unerbittlich fortfahren ; » Wer Baron Mainau kennt , der weiß , daß sein ganzes Thun und Wesen auf den Effekt berechnet ist . Hören Sie , wie er hier zu Werke gegangen ist ! Er hat in seinen Jünglingsjahren eine hochgestellte Dame leidenschaftlich geliebt und sie hat diese Liebe ebenso glühend erwidert ; durch ihre Angehörigen aber ist sie gezwungen worden , zu entsagen , um den höchsten Rang im Lande einzunehmen – Baron Mainau mag vielleicht nicht ganz im Unrecht sein , wenn er das strafbare Untreue nennt ; in den Augen aller Eingeweihten aber war es ein furchtbares Hinopfern für Standespflichten ... Der Tod hat die Frau , die nie aufgehört , ihn zu lieben , wieder frei gemacht ; der armen Dulderin in Hermelin und Purpur ist ein neues Morgenrot aufgegangen – sie hat all den schweren Fürstenglanz abwerfen wollen , um in der elften Stunde noch eine liebende und geliebte Gattin und glücklich zu werden – wem ist es je geglückt , die wahren Absichten , den Endpunkt des Handelns bei Baron Mainau zu berechnen ? ... Er hat ungezwungen , in liebenswürdigster Weise während der Trauerzeit mit der Dame verkehrt und sich wahrhaft teuflisch unbefangen gezeigt bis zu dem Moment , wo sie , glühend vor Liebe und seliger Hoffnung , seine Werbung um ihre Hand erwartet , und er ihr , angesichts des ganzen Hofes , kaltblütig seine Verlobung mit – Juliane , Gräfin von Trachenberg , anzeigt . – Das hat allerdings einen ungeheuren Effekt gemacht – es war ein satanischer Triumph . « Die junge Frau hatte die verschränkten Hände auf den hohen Aufsatz des Schreibtisches gelegt und preßte die Stirn darauf . Sie hätte sich am liebsten tief im Schoß der Erde vergraben mögen , um nur diese mitleidslose Stimme nicht mehr zu hören , die ihrem Familienstolze , ihrer weiblichen Würde und ihrem , ja , ihrem Herzen nie zu heilende Wunden schlug . » Was nach dieser Komödie kommen mußte , das war ihm sehr gleichgültig , « fuhr der Hofprediger in überstürzter Hast fort – es klang , als geize er mit jedem Augenblick , in welchem er dieser Frau endlich einmal allein , ohne Zeugen , gegenüberstand . » Für Pflichtgefühl hat ja dies Seele dieses Mannes keinen Raum , wie er schon seiner ersten hinreißend liebenswürdigen , edlen Gemahlin gegenüber durch die rücksichtsloseste Vernachlässigung bewiesen « – jetzt hob sie das Gesicht : er log , der Priester , edel war jene Frau nicht gewesen , die bei jedem Widerspruch mit den Füßen gestampft und mit Messern und Scheren um sich geworfen hatte – » auch sie hat er einst an seine Seite gerissen , lediglich um der fürstlichen Dame zu beweisen , daß er sich aus ihrer Untreue nicht mache ... Gnädige Frau , sie war noch zu beneiden im Vergleiche zu der zweiten , die er seiner verletzten schrankenlosen Eitelkeit opferte – ihr stand der Vater zur Seite – die zweite Frau hat auch ihn gegen sich , ja , er ist ihr furchtbarster Feind ... Er weiß jetzt , daß die Einsegnung dieser verhaßten zweiten Ehe nichts als die Besiegelung eines unerhörten Racheaktes gewesen ist , er weiß , daß die fürstliche Dame alles aufbieten wird , doch noch zu siegen , und er ist ihr eifrigster Verbündeter – der Stammtafel der Mainau wird freilich der fürstliche Name mit dem Nimbus der Souveränität einen beneidenswerten Glanz verleihen – « » Ich frage Sie nochmals : wozu sagen Sie mir das alles ? « unterbrach sie ihn plötzlich – sie hatte ihre feste , hoheitsvolle Haltung wieder errungen . » Ich gehe ja freiwillig , wie Sie alle wissen – ich werde der Frau Herzogin und ihrem Verbündeten wenig Mühe machen – aber solange ich den Namen Mainau nicht abgeschüttelt , so lange dulde ich nicht , daß der Mann , dem ich angetraut bin , vor meinen Ohren verunglimpft wird , mag er noch so schuldig sein . Ich bitte , das im Auge zu behalten , Hochwürden ... Uebrigens will ich nicht entscheiden , was schwerer zu verdammen ist , ob der Leichtsinn des Weltmannes oder die Frivolität des Priesters , der , um jenen Frevel wissend , um erschütternden Gebet den Segen des Himmels auf das unwürdige Spiel herabfleht – der eine zertritt Frauenherzen , ganz im Sinne der meisten seiner Standesgenossen , der andere lästert Gott , indem er den Altar zur Bühne herabwürdigt , wo er als glücklich begabter Schauspieler agiert . « – Sie sprach laut , heftig ; sie vergaß alle Vorsicht , alle Selbstbeherrschung . » Dieses Schönwerth ist ein Abgrund , und zu Mainaus Ehre sei es gesagt , er weiß es nicht – er geht unbewußt an finsteren Thaten vorüber , die gleichsam die Luft des Schlosses erfüllen ; er ahnt nicht , daß die Dokumente , auf welche er sich im guten Glauben stützt , gefälscht sind – « sie verstummte erschrocken ; der Hofprediger fuhr mit einer so ausdrucksvollen Gebärde empor , als gehe ihm plötzlich ein Licht auf – blitzschnell griff er in den Kasten , nahm das obenauf liegende Papier und hielt es prüfend in den Lampenschein . » Sie meinen dieses Dokument , gnädige Frau ? Die Gelehrte , die Denkerin hat es mikroskopisch untersucht und hat entdeckt « » Daß es mit Bleistift vorgeschrieben ist , « sagte sie fest . » Ganz recht , mit Bleistift ist jeder Buchstabe auf der Fensterscheibe nachgezeichnet und dann mit Tinte überzogen worden , « bestätigte er vollkommen ruhig ; » ich weiß das ganz genau , weiß auch , daß es eine mühevolle , nervenangreifende Arbeit gewesen ist , denn ich – ich selbst habe dieses Dokument verfaßt und geschrieben – o , nicht diesen Abscheu , gnädige Frau ! Gilt es in Ihren Augen so gar nichts , rührt es Sie nicht , daß ich mich vor Ihnen demütige und rückhaltlos bekenne ? ... Sie könnten getrost diese Hand berühren – nicht um Geld und Gut , nicht um irdische Macht und Ehren , sondern in Verwirklichung hoher Ideen hat sie gehandelt ... Hätte ich nicht ebenso erfolgreich diesem letzten Willen irgend eine Schenkung an Kapitalien oder Grundbesitz zu gunsten meines Ordens anfügen können ? Baron Mainau glaubt an die Echtheit des Dokuments ; er würde auch eine solche Verfügung nicht angetastet haben – und der alte Herr , der Hofmarschall – nun , er hätte aus guten Gründen glauben müssen . – Ein solcher Raub aber lag mir fern – ich wollte nur die zwei Seelen , die heidnische der Mutter für die Taufe , und die des Knaben für die Mission ... Unser Jahrhundert haßt und verfolgt diese selbstlose Hingebung einer glühenden Mannesseele an den Priesterberuf als Fanatismus – man bedenkt nicht , daß eiserne Bande , um einen Feuerkern gelegt , die Flammen zum Himmel lodern machen und – « » Ketzer verbrennen , « warf sie in eisigem Tone ein und wandte sich ab . Er zerdrückte den Zettel in der geballten Hand . » Sie lodern nicht mehr , « murmelte er mit erstickter Stimme ; – der Mann kämpfte schwer mit einem furchtbaren inneren Aufruhre . » Nicht das inbrünstigste Gebet , nicht die verzweifeltste Selbstkasteiung vermögen sie wieder anzufachen – mich verzehrt eine andere Glut . « – Er streckte ihr die Hand mit dem zerknitterten Papiere hin . » Gnädige Frau , Sie können mich der Fälschung anklagen – mit zwei Worten und diesem überführenden Dokument können Sie Gabriel befreien , mich von meiner vielbeneideten Stellung herabstürzen und mir allen Einfluß , alle Macht rauben , die ich über Hochgestellte besitze – thun Sie es ! Ich will stillhalten , ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – werfen Sie mich meinen zahlreichen Feinden hin – nur gestatten Sie , daß ich – wenn Sie Schönwerth verlassen haben werden – in Ihrer Nähe leben darf ! « Sie sah ihn mit großen Augen wie versteinert an – war er wahnwitzig ? ... Ihre schöne Gestalt wuchs gleichsam vor ihm empor . » Sie vergessen , Hochwürden , daß mein Bruder als Patronatsherr von Rudisdorf die Pfarrerstelle nur an protestantische Geistliche vergeben darf , « sagte sie mit leicht bebender Stimme , aber kalt lächelnd über die Schulter zurück . » Es ist wahr – der Psycholog hat recht , wenn er die kälteste Grausamkeit in diejenigen Frauenköpfe verlegt , die den blonden Glorienschein über der Stirn tragen . « Das kam fast zischend von seinen Lippen . – » Sie sind klug , gnädige Frau , und hochmütig , wie selten eine aristokratisch Geborene , die Fürstenblut in ihren Adern weiß – mit einer einzigen Wendung Ihres schönen Hauptes meinen Sie sich über das › Gesindel ‹ zu stellen , das in den Staub gehört . Mag es Ihnen bei anderen gelingen – bei mir nicht . Ich folge Ihnen Schritt um Schritt ; ich hänge mich an Ihre Fersen – nicht um eine Linie ziehe ich die Hand zurück , die ich einmal nach Ihnen ausgestreckt habe , und sollte ich sie dabei verlieren ! Schlagen Sie nach mir , treten Sie mich mit Füßen – ich werde alles dulden , schweigend , ohne Gegenwehr