hatte dann auch wirklich sogleich die teure Alice aufgefordert , zu ihr zu kommen . Es war ja unerhört , einer » Dame « zu kündigen , als sei sie eine Erzieherin , einer Dame , die sie eigens ausgesucht hatte . Und sie hatte dennoch nicht gewagt , Gegenvorstellungen zu machen , man mußte ihr , die beinahe die fahrlässige Tötung des geliebten Enkelkindes verursacht hatte , sogar scheinbar zürnen . Frau von Berg saß , blaß wie ein unschuldig gekränkter Engel , in ihrem Gemach , äußerlich voll edler Fassung , innerlich voll Zorn . Das Kinderzimmer war nach unten verlegt , dicht neben die alte gemütliche Schlafstube Beates , nach dem weiten luftigen Hofe hinaus , wo es Pferdchen , Kühe und Hühner zu sehen gab – die nämliche Aussicht , die schon den Vater des Kindes und Tante Beate entzückt hatte , und dieselbe treue Hand , die jene einst gehütet , hielt jetzt das Kindchen auf dem Arme , eine saubere , etwa fünfzigjährige Frau mit den freundlichsten Augen der Welt unter der schwarzen Bauernhaube . Lothar hatte sie heute früh persönlich aus dem schmucken Häuschen am Ende des Dorfes zu seinem Kinde geholt . » Die Herzogin ist öfter leidend , wie wir alle wissen , Mama « , sagte Prinzeß Helene , die Lothar nicht aus den Augen ließ . » Natürlich ! Vielleicht hat sie sich über irgend etwas aufgeregt « , meinte die alte Prinzessin . » Übrigens , diese Schwüle ist erdrückend , ich hätte nie geglaubt , daß es in den Bergen hier so heiß sein kann , ich muß beständig an die kühle , wogende Nordsee denken . Herr von Pausewitz , « wandte sie sich an den Kammerherrn , » haben Sie Nachricht aus Ostende , ob wir die Zimmer in unserem Hotel bekommen werden ? « Beate schaute verwundert ihren Bruder an . Die ungeheuren Koffer , welche die durchlauchtigsten Damen nach Neuhaus brachten , hätten auf einen längeren Aufenthalt schließen lassen . Herr von Pausewitz machte eine bedauernde Bewegung . » Durchlaucht , der Wirt depeschiert , daß leider meine Bestellung zu spät kam , glaubt aber , in einem anderen Hotel – « » Sie werden uns hoffentlich begleiten , lieber Lothar « , unterbrach Prinzessin Thekla den alten freundlichen Herrn und wandte sich zu Baron Gerold . » Die Erinnerung an unsere teure Verewigte wird Sie ebenfalls dorthin ziehen , wo Sie die kurzen Wochen der Brautzeit miteinander verleben durften . « Lothar verbeugte sich . » Verzeihung , Durchlaucht ich sehe Plätze , an welche sich Erinnerungen knüpfen , die für mich so traurig sind , nicht gern zum zweitenmal . Aber abgesehen hiervon , ich habe in letzter Zeit bemerkt , daß meine Anwesenheit in Neuhaus mehr als nötig ist ; auch für meinen Besitz in Sachsen dürfte es gut sein , wenn das Auge des Herrn einmal wieder sorgend auf ihm ruht . « Die Prinzeß warf einen verzweiflungsvollen Blick durch das Fenster , der ebensogut den drohenden Wolken da draußen gelten konnte , wie der Starrköpfigkeit ihres lieben Schwiegersohnes . » Eine Frau , eine Mutter faßt das Angedenken an die Heimgegangene natürlich anders auf « , sagte sie kühl , » weniger heroisch . Verzeihung , Baron ! « » Durchlaucht « , erwiderte er mit Wärme , » es wäre schlimm , würde es anders sein ! Die Frauen haben das holde Vorrecht , Kultus zu treiben mit den äußeren Zeichen der Trauer wie der Freude . Sie sind es , welche Blumen streuen zum fröhlichen Fest , sie sind es , die das Grab bekränzen . Welcher Schimmer würde dem Leben fehlen , wenn sie › heroischer ‹ wären ! « Prinzeß Helene ward dunkelrot . Wie kam ihre Mutter auf den Einfall , von hier fortzugehen – jetzt ? Die Gabel in ihrer Hand zitterte , sie mußte sie hinlegen . Komtesse Moorsleben rief : » Um Gott ... , sind Durchlaucht nicht wohl ? « » In der Tat – ich bin – mir ist so schwindlig plötzlich « , stammelte die Prinzessin . » Verzeihung , wenn ich – « Sie hatte sich erhoben und , das Tuch vor die Augen gedrückt , schritt sie hinaus . Sie flog die Treppe förmlich hinauf und in Frau von Bergs Zimmer . » Alice ! « rief sie fassungslos , » Mama spricht vom Abreisen ! Es ist schrecklich – es ist alles verloren ! « Frau von Berg , die im hellblauen Morgenkleide im Zimmer auf und ab schritt und ihr Riechsalz zuweilen mit halbgeschlossenen Augen an die Nase führte , hielt inne und vergaß für einen Augenblick ihre Krankenrolle . » Gerold hat Mama seine Begleitung abgeschlagen « , fuhr die Prinzessin erregt fort , indem sie an ihrem Taschentuch zerrte , daß die feinen Spitzen zerrissen . » Er schwärmt plötzlich von seinen Wäldern , wie ein erbgesessener Bauernsohn , dem man zumutet , nach Amerika auszuwandern . Was soll ich in Ostende ? Und noch dazu wenn ich weiß , Sie sind nicht mehr hier , Alice ! Ich ertrage es nicht « , beteuerte sie und warf sich auf das Sofa , » ich springe unterwegs aus dem Zuge , ich stürze mich von der Mole in die See – ich – « Das weiße Gesicht der Prinzessin leuchtete kaum noch kenntlich aus der schnell hereinbrechenden Dunkelheit herüber zu der unbeweglich dastehenden Frau . » Ach Gott , es ist ja alles verloren ! « rief sie , als diese schwieg . » Ich gehe , und sie bleibt ! « Und sie begann leidenschaftlich zu weinen , indem sie aufs neue den Kopf in die Kissen barg . » Ich fühle es , Alice , ich fühle es , er liebt sie ! « schluchzte sie . Frau von Berg lächelte . Sie hatte keinen Grund mehr zur Schonung , seit ihrer heutigen Niederlage haßte sie alle diese Menschen . » Prinzessin , jetzt keine unnötigen Tränen « , sagte sie kühl , » jetzt müssen Sie handeln . Vor allen Dingen , meine ich , müßte der Herzogin bewiesen werden , daß Durchlaucht keineswegs gestern abend › im Fieber ‹ redeten . Alles andere würde sich dann finden . « Frau von Berg sah im Geiste schon die ganze Gesellschaft in die Luft fliegen , ihretwegen auch dieses kindische unentschlossene Geschöpf . » Aber ich kann es ihr nicht sagen , ich kann es nicht ! « flüsterte die Prinzessin , » ich habe einmal sehen müssen , wie sie ein Reh krankgeschossen hatten , und ebenso blickte sie mich gestern an . Ich kann es nicht ! Ich habe die ganze Nacht deshalb nicht geschlafen . « Frau von Berg zuckte die Achseln . » So gehen Durchlaucht nach Ostende , die Idylle hier wird sich dann ungestört entwickeln . « Draußen warf der Wirbelsturm , der vor dem Gewitter daherbrauste , Sand und Blätter gegen die Fenster und zerzauste wütend die Äste der Linden , dann fuhr der erste grelle Blitz hernieder und streifte das spöttisch verzogene Gesicht der schönen Frau , die am Fenster lehnte und in das Toben hinausschaute . » Ich will ihr schreiben « , sagte jetzt die Prinzessin , und nach einer Pause , während welcher ein Donnerschlag das Haus erbeben machte : » Ich bin es ihr schuldig – ja , ja , ich bin es ihr schuldig , Sie haben recht , Alice ! Kommen Sie in mein Zimmer , ich fürchte mich . « Frau von Berg zündete eine Wachskerze auf dem Schreibtisch an und leuchtete der Prinzessin über den Flur nach ihrem Zimmer . Auf dem weißen runden Frauen- gesicht lag ein Zug höchster Befriedigung . » Endlich ! « dachte sie und ballte heimlich die Faust . Wie hochmütig sie an ihr vorübergeschritten war , als Baron Gerold sie – Frau von Berg , – maßregelte , sie , deren Vorfahren mindestens so alt waren wie die ihren . » Was meinen Sie , Alice « , unterbrach die Prinzessin ihre Gedanken , » wie soll ich schreiben ? « Die zierliche Gestalt der kleinen Durchlaucht saß vor dem Rokokoschreibtischchen , vor sich ein wappengeschmücktes Briefblatt . Vorläufig stand nichts weiter darauf als : » Geliebte Elisabeth ! « » Irgend so etwas , Durchlaucht , wie – daß die Sorge um das Glück Ihrer Hoheit Sie veranlasse , die gestern hingeworfene Bemerkung näher zu begründen , Durchlaucht könnten es vor Ihrem Gewissen nicht verantworten und so weiter , und hier sei der Beweis – « Die Prinzessin wandte den Kopf und schrieb . Draußen tobte das Wetter , und wenn ein Donnerschlag das Haus erschütterte , hielt die schreibende Mädchenhand inne . Zuweilen fuhr sich die Prinzessin ängstlich über die Stirn , dann flog die Feder aufs neue über das Papier , und endlich reichte das Mädchen der bewegungslos inmitten des Zimmers stehenden Frau das Schreiben . Diese trat zu der kleinen Kerze und las . » Wie immer gefühlvoll « , sagte sie , » rührend ! Und nun das Briefchen Seiner Hoheit , Durchlaucht « , und ihre Augen schimmerten wie die einer beutegierigen Katze . Die Prinzessin zog das Kettchen unter ihrem Kleide hervor , zögernd nahm sie den Brief aus der Kapsel und schloß dann die Hand zur Faust darum . Ein letzter Kampf rang in ihrem Herzen . Frau von Berg lehnte an der Wand neben dem Tische . » Übrigens « , sagte sie langsam , » großartig sah sie aus , gestern , diese Klaudine . Sie haben einen eigenen Reiz , diese blonden Frauen mit den feuchten blauen Augen – « aber sie bemerkte doch , daß die Prinzessin bereits mit zitternden Fingern die Adresse schrieb . In diesem Augenblick erschien die Komtesse , um ihre junge Gebieterin zu der Mutter zu rufen . Die alte Prinzessin hatte Nervenanfälle und war in jener krankhaften Verfassung , wo sie Sachen zerschlug und Stoffe zerriß . Auch heute tobte sie wie das Wetter draußen . Mit verweinten Augen kam die Prinzessin nach einer halben Stunde zurück in ihr Gemach , sie hatte mit stummem Trotz die ganze Flut der Vorwürfe hingenommen . Auf dem Schreibtisch flackerte noch das Wachslicht im Verlöschen , die hastig hingeworfene Feder lag neben dem Schreibzeug , aber – die kleine Hand fuhr nach der Stirn – der Brief ? Wo war der Brief ? Eine zitternde Angst überfiel sie , sie stürzte durch den Flur nach Frau von Bergs Zimmer . » Alice ! « schrie sie in die Dunkelheit hinein , » der Brief ! Wo haben Sie den Brief ? Ich will ihn noch einmal lesen ! « Keine Antwort . » Alice ! « rief sie heftig und trat mit dem Fuße auf . Alles blieb still . Sie lief die Treppe hinunter . Durch die halbgeöffnete Tür der Halle drang wundervoll erfrischende Luft herein , es hatte aufgehört zu regnen . Draußen auf den Steinfliesen glitt ein Schatten auf und ab . » Alice ! « rief die Prinzessin zum drittenmal und eilte hinaus . » Der Brief ! Wo ist der Brief ? « » Durchlaucht , ich habe ihn pünktlich besorgt . « Ein halberstickter Schrei kam aus dem Munde der Prinzessin . » Wer hat Ihnen befohlen , den Brief abgehen zu lassen ? « stammelte sie zornig und faßte die Schulter der Dame . » Nun , Durchlaucht « , erwiderte diese , nicht im mindesten aus der Fassung gebracht , » ich fand just Gelegenheit . « Aber die Prinzessin beruhigte sich nicht . » Und was soll ich sagen , woher ich dieses entsetzliche Briefchen habe ? « fragte sie , die Hände ineinander windend . » Gefunden ! « erwiderte die Berg . » Ich lüge nie ! « rief das fürstliche Mädchen und ihre zierliche Gestalt wuchs förmlich . » Von Ihnen wisse ich es , werde ich sagen , so wahr mir Gott helfe , und ich spreche die Wahrheit damit , Alice ! « » Wie Durchlaucht darüber denken – dann habe ich das Briefchen gefunden « , erwiderte sie . » Ich gab es dem Reitknecht mit , den der Baron an Fräulein von Gerold nach Altenstein sandte , er soll es an Frau von Katzenstein abgeben ; ich schrieb ihr ein paar Worte , daß sie den inliegenden Brief Eurer Durchlaucht morgen früh Ihrer Hoheit überreichen solle . « Die Prinzessin war still geworden . Sie hielt sich an dem im blassen Mondlicht schimmernden Türklopfer von Bronze , den der sterngeschmückte Hirsch krönte . Sie konnte nicht mehr klar denken , sie fühlte sich unsäglich elend . Frau von Berg wußte ganz genau , daß es ein Brief Beates war , den der Reitknecht forttrug , aber warum das sagen ? So wurde das Feuer noch mehr geschürt . Die Prinzessin wandte sich nach der Halle zurück und dort stand sie still . Es war eine Furcht , ein unnennbares Grauen über sie gekommen . Beate trat eben aus dem Zimmer Lothars , das Schlüsselkörbchen am Arm . » Prinzessin ! « rief sie erschreckt , » wie sehen Sie aus ! « Da kam es wie Leben über sie . Sie eilte die Treppe hinauf und in ihr Zimmer , und da wühlte sie die Hände ins Haar und lag angekleidet auf ihrem Bette die Nacht hindurch , halb bewußtlos , und fürchtete , daß es Tag werden möchte . 22. Die Herzogin hatte beim Ausbruch des Wetters ihre Kinder holen lassen ; das jüngste schmiegte sich an sie , die , von Kissen unterstützt , im Bette saß . Der Erbprinz stand mutig am Fenster und schaute in die blitzdurchzuckte Nacht hinaus , und den zweiten Prinzen hatte Klaudine auf dem Schoß . Neben dem Erbprinzen stand der Herzog und horchte auf das Prasseln des Hagels und betrachtete die Wassermassen , die der Sturm an die Scheiben warf . Die Herzogin plauderte mit dem Kleinsten ; im Nebenzimmer befanden sich Frau von Katzenstein , die Erzieherin der Prinzen und die Kammerfrau . Als der Donner sich entfernte und der Regen nachließ , wurden die fürstlichen Kinder in ihre Zimmer entlassen . Der Erbprinz sah Klaudine einen Augenblick in das Gesicht . » Haben Sie sich gefürchtet ? « fragte er . Sie schüttelte freundlich den schönen Kopf . » Das gefällt mir « , sagte der schlanke Junge , » Mama fürchtet sich immer gleich . « Die Mutter zog ihr Kind an sich . » Fräulein von Gerold gefällt dir überhaupt ? « forschte sie mit trübem Lächeln . » Ja , Mama « , antwortete der Knabe , » wenn ich groß wäre , würde ich sie heiraten . « Niemand lachte über dieses Kindeswort . Die Herzogin nickte : » Schlaft wohl , ihr lieben , lieben Kinder , Gott behüte euch ! « Als das Getrappel der kleinen Füße verhallt war , sagte sie leise : » Ich bin recht müde , Adalbert . « Auch der Herzog empfahl sich . Er küßte seine Gemahlin auf die Stirn und verließ das Gemach . » Erwache gesund morgen ! « sagte er noch . » Ich verspreche es dir ! « erwiderte sie freundlich . Klaudine wollte sich mit Frau von Katzenstein in die Nachtwache teilen . Sie ging in das Zimmer , das man ihr angewiesen hatte , und zog sich ein bequemeres , wärmeres Kleid an . Dann kehrte sie zurück und saß neben dem Bette , still und geduldig . Die Herzogin lag mit geschlossenen Augen . Die kleine Nachtuhr tickte leise . Das Bildnis der Madonna leuchtete matt herüber , des Mädchens Augen blieben hängen an diesem holden Antlitz und wanderten dann zu dem bleichen der Kranken . Dann sank ihr Kopf an das Polster , sie schloß die Augen und dachte nach . Sie war wohl müde von der gestrigen Nacht . Ein leises traumhaftes Dämmern kam über sie , sie sah sich mit seinem Kinde auf dem Arme und fühlte seinen Dankeskuß auf der Hand und sie lächelte im Schlaf . Dann schreckte sie empor , und ein Grauen schlich durch ihren Körper . Sie sah in die Augen der Herzogin , die mit einem unheimlich forschenden Ausdruck auf sie gerichtet waren , so seltsam starr ! » Elisabeth « , fragte sie unter leisem Frösteln , » kannst du nicht schlafen ? « » Nein ! « war die kurze Antwort . » Soll ich dir vorlesen ? « » Nein , ich danke ! « » Willst du plaudern ? Soll ich dir das Kopfkissen zurechtlegen ? « » Gib mir die Hand , Klaudine . War ich sehr unleidlich heute ? « » Ach , Elisabeth , das kannst du gar nicht sein ! « rief das Mädchen und kniete neben ihr . » Doch , doch ! Ich fühle es . Aber dann – dann ist mein Herz krank und du mußt verzeihen . « » Sag , Elisabeth , geschah dir ein Weh ? « » Nein . Ich dachte nur ans Sterben , Klaudine . « » Oh denke das doch nicht ! « » Du weißt ja , Klaudine , daß wider die Liebe und den Tod kein Kraut gewachsen ist ! Ich glaube , ich fürchte auch nicht den Tod , ich habe eher Angst vor dem Weiterleben . « » Du bist überaus angegriffen , Elisabeth ! « » Ja , ja , und ich bin so müde . Du sollst auch schlafen , es ist besser , ich bleibe allein , bitte , geh ! Die Kammerfrau wacht nebenan . Geh ! Ich muß dich immer ansehen , wenn du hier sitzest . « Klaudine beugte sich betrübt über die fieberheiße Hand und zog sich zurück . Gegen Mitternacht schlich sie sich im Nachtkleide nach dem Krankenzimmer und lauschte hinter dem roten seidenen Vorhang , ob die Herzogin wohl schlafe . Es war alles still , aber als durch ihre Bewegung die Falten leise rauschten , wandten sich langsam die großen dunklen Augen der Kranken mit dem nämlichen starren fragenden Ausdruck wie vorhin zu ihr herüber . » Was willst du ? « fragte sie . Klaudine trat vor . » Ich ängstige mich um dich « , sagte sie , » verzeih ! « » Sage mir « , sprach die Herzogin völlig unvermittelt , » warum wolltest du anfänglich nicht nach Neuhaus ? « Klaudine war betroffen . Sie trat näher . » Warum ich nicht nach Neuhaus wollte ? « wiederholte sie erglühend . Dann schwieg sie . Es war ihr nicht möglich zu sagen : weil ich Lothar liebe , und weil er mich kränkt , wo er mich sieht – weil er mir mißtraut , weil – Die Herzogin wandte sich plötzlich um . » Laß , laß , ich will keine Antwort . Geh , geh ! « Ratlos wandte sich das Mädchen der Tür zu . » Klaudine ! Klaudine ! « scholl es hinter ihr , herzzerreißend und bang . Die Kranke saß im Bette und breitete die Arme nach ihr . Sie kam zurück , setzte sich auf das Bett und nahm die zarte bebende Gestalt in die Arme . » Elisabeth « , sagte sie innig , » laß mich bei dir bleiben ! « » Verzeih mir , ach , verzeih ! « schluchzte die Herzogin , das Mädchen küssend , ihr Kleid , das lange blonde Haar , das lose auf den Rücken herniederfiel , und ihre Augen . » Sage mir « , flüsterte sie , » sage es ganz laut , daß du mich liebhast ! « » Ich habe dich sehr lieb , Elisabeth « , sprach Klaudine und trocknete die großen Tropfen , die über das heiße erregte Gesicht der Kranken liefen , wie eine Mutter ihrem Kinde tut . » Du weißt überhaupt nicht , wie sehr , Elisabeth . « Erschöpft sank die Herzogin zurück . » Ich danke dir – ich bin so müde ! « Klaudine saß noch ein Weilchen , dann , als sie glaubte , die Kranke schlafe , wand sie leise ihre Hand aus der der Freundin und verließ auf den Zehen das Gemach . Ein seltsames Grauen schlich ihr nach . Was war es mit der Herzogin ? Dieses Anstarren , diese Kälte , diese leidenschaftliche Zärtlichkeit ? » Sie ist krank ! « sagte sie sich . Sie stand vor dem Spiegel , um das gelöste Haar zu befestigen – ein mißtrauischer Gedanke kam ihr , die Hand , welche die Schildpattnadel hielt , sank herunter . Dann schüttelte sie stolz die goldene Flut in den Nacken zurück . Weder sie noch die Herzogin waren kleinlich genug , an Klatsch zu glauben . Eine jener ahnungsvollen unbegreiflichen Ideenverbindungen ließ blitzgleich die Erinnerung an das verschwundene Briefchen auftauchen . Ein dumpfes , ängstliches Herzklopfen überfiel sie im Augenblick . Dann lächelte sie – wer konnte wissen , in welchem Waldeckchen es vermoderte im Regen und Tau ? Sie nahm das kleine Gebetbuch , aus dem ihre Mutter schon allabendlich ihr Sprüchlein gelesen , und schlug irgend eine Seite auf : » Behüte mich , Herr , vor böser Nachrede und wehre meinen Feinden ! Laß kein Übel mir und den Meinen begegnen und keine Plage unserer Wohnung sich nahen – « las sie und ihre Gedanken flogen nach dem friedlichen Hause , aus dessen Turmgemach die Studierlampe des Bruders in den Wald hinausschimmerte . Und von dort wanderten sie an das Bettchen des mutterlosen Kindes in Neuhaus . » Beschirme es auch ferner , lieber Gott , wie du es gestern behütet hast ! « flüsterte sie und senkte die Augen wieder auf das Buch . » Erbarme dich der Kranken , die schlaflos auf ihrem Lager nach Linderung schmachten « , las sie weiter , » und aller Sterbenden , denen diese Nacht die letzte sein soll . « Das Buch entglitt ihren Händen , eine eiskalte Furcht erfaßte sie – das entstellte Antlitz der Herzogin schaute sie plötzlich an . Erst nach einer langen Weile richtete sie sich auf und hüllte sich fröstelnd in die Decken . Und sie ließ die Lampe brennen auf dem Tischchen , sie mochte nicht im Dunkeln bleiben . 23. Der andere Morgen war so golden , so klar , von so köstlicher Frische . Die Sonne funkelte in Millionen Tautropfen auf den weiten Rasenflächen des Altensteiner Parkes , wo eine Schar Arbeiter die Vorbereitungen zu einem Feste traf . Wie lustig und bunt das alles erschien ! Eine Stange hatten sie errichtet mit einem buntgemalten Vogel daran , ein Karussel aufgestellt , dessen Pferdchen purpurrote Decken trugen , ein Kasperletheater und ein rot und weiß gestreiftes Zelt , von dessen Dache lustig eine Menge Purpurfähnchen und Wimpel wehten . Im Schatten der Bäume befand sich ein Aufbau für die Musikanten und ein gedielter Platz zum Tanz , alles für kleine Leute berechnet . Der Erbprinz feierte heute seinen Geburtstag , und dies war die Überraschung seiner Großmama väterlicherseits , außer dem reizenden kleinen Schimmel , der gestern abend heimlich in den Pferdestall geführt wurde . Die Herzoginmutter wurde gegen Mittag erwartet laut einer Depesche , die in aller Morgenfrühe eingetroffen war . Um zwei Uhr sollte die Familientafel stattfinden , und zum Nachmittag war eine Menge Einladungen ergangen . Selbst die kleine Elisabeth aus dem Eulenhause und Leonie , Baronesse von Gerold , waren mittels großer feierlicher Karten befohlen . Das Unwohlsein der Herzogin , dazu das gestrige Unwetter , hatte mancherlei Bedenken erregt . Würde das Fest stattfinden können ? Aber , Gott sei Dank , die gefürchtete Absage war nicht erfolgt , Ihre Hoheit befanden sich wohler , und das Wetter war unvergleichlich . Man durfte sich ungetrübt auf den Nachmittag freuen als auf eine Fortsetzung von neulich . Im Schlosse war es heute schon früh lebendig . Das zierliche Stubenmädchen , das auf einen Druck der elektrischen Klingel in Klaudines Zimmer trat , brachte einige Briefe mit . » Weiß man schon , wie Ihre Hoheit sich befinden ? « fragte Klaudine . » Oh , außerordentlich gut ! Hoheit sollen ja schön geschlafen haben und wollen um elf Uhr dem Erbprinzen im roten Saal bescheren . « » Gott sei Dank ! « Als Klaudine fertig angekleidet war , erbrach sie Beates Brief . » Ich komme mit zwei Nichten zum Hofball « , schrieb sie , » wie klingt das ehrwürdig – und wie drollig ist es in Wirklichkeit . Gott gebe , daß Hoheit wohler ist , wenn Du diese Zeilen erhältst . Lothar ist bereits mit den Durchlauchtigsten zur Tafel befohlen . Ich wollte , Klaudine , wenn er denn einmal durchaus eine Prinzessin freien will , er machte die Sache klar . Dies lange Schmachten ist mir fremd an ihm , er ist doch sonst ein so entschlossener Mensch . Vielleicht jetzt , wo die alte Durchlaucht abreisen will ? Ach , Klaudine , ich hatte mir meine Schwägerin einmal anders vorgestellt . Auf Wiedersehen ! « Dann klopfte es und das gutmütige Gesicht der Frau von Katzenstein schaute herein . » Darf ich ? « fragte sie , und gleich darauf stand sie vor Klaudine . » Hoheit wachten so fröhlich auf « , erzählte sie . » Sie wollten selbst den Geburtstagstisch aufbauen . Sie nahmen das Frühstück im Bette ein und verboten noch besonders , Sie , liebste Klaudine , zu wecken , damit Sie ausschlafen könnten . Die Kammerfrau mußte für die Mittagstafel ein rotseidenes Kleid zurechtlegen , und nun – « » Ist Hoheit kränker ? « fragte Klaudine atemlos und tat einen Schritt nach der Tür . » Bleiben Sie , liebstes Kind , ich muß Ihnen noch weiter erzählen . Die Herzogin bekam Briefe heute früh , und plötzlich – ich hatte die Umschläge aufgeschnitten – höre ich vom Nebenzimmer aus einen sonderbaren Ton , wie einen schweren Seufzer , und als ich zurückkomme , liegt die Herzogin mit geschlossenen Augen in den Kissen . Ich bemühte mich um sie , und da sagte Hoheit auf einmal mit eigentümlich schwerer Zunge : › Gehen Sie hinaus , liebe Katzenstein , ich will allein sein . ‹ Ich ging widerstrebend , und als ich vorhin in meiner Angst hinein wollte , hatte die Herzogin sich eingeschlossen . Seine Hoheit hatten schon zweimal geschickt , um sich anzumelden , der Erbprinz vergeht vor Ungeduld , im Garten steht die Kapelle und wartet auf den Befehl zum Beginn des Ständchens , und noch rührt sich nichts in dem Zimmer der Herzogin . « » Mein Gott , sie bekam doch keine schlimmen Nachrichten von ihrer Schwester ? « Die alte Hofdame zuckte die Schultern . » Wer kann es wissen ? « » Kommen Sie , liebste Frau von Katzenstein ! Hoheit war gestern schon so sonderbar , so aufgeregt ! « Das schöne Mädchen mit dem sorgenvollen Gesicht stand an der kleinen Tapetentür , die in das Schlafzimmer der Herzogin führte , und lauschte . Kein Ton zu hören . » Elisabeth ! « rief sie leise und angstvoll . Dort innen wurde der Ruf gehört . Vor ihrem Bette kniete die Herzogin und hob den Kopf , ihre starren Augen wandten sich nach jener Richtung , aber ihre Lippen preßten sich nur noch fester aufeinander . In der Hand hielt sie ein kleines , vielfach gebrochenes Briefchen . Das Zweifeln , das Bangen war vorüber , mit der Gewißheit war Ruhe über sie gekommen , eine schreckliche starre Ruhe , und mit ihr der Stolz , der Stolz der königlichen Prinzessin . Niemand durfte es ahnen , wie arm sie geworden war ! Nur diese kurze Rast noch , nur diese eine Stunde , um das todeswunde Herz zu beschwichtigen , zu betäuben ! Gönnte man ihr auch das nicht ? » Elisabeth ! « klang es wieder . » Um Gottes willen , ich sterbe vor Angst ! « Die Herzogin erhob sich plötzlich . Sie trat einen Schritt auf die Tür zu , die Fäuste an die Schläfen gepreßt wie verzweifelt . Dann ging sie und öffnete . » Was wollen – was willst du ? « fragte sie kühl . Klaudine war eingetreten und blickte in zwei starre , glühende Augen , auf eine hochaufgerichtete Gestalt . » Elisabeth « , fragte sie leise , » was ist dir ? Bist du krank ? « » Nein ! Rufe die Kammerfrau ! « » Kämpfe nicht so dagegen an , Elisabeth , lege dich . Du siehst fiebernd aus , du bist leidend « , stammelte Klaudine , die furchtbare Veränderung gewahrend . » Rufe die Kammerfrau und bringe mir ein Licht ! « Klaudine tat schweigend , wie ihr befohlen . Die Herzogin hielt ein Papier in die Flamme , sie ließ es erst zur Erde fallen , als das Feuer um ihre schmalen , durchsichtigen Finger spielte , und trat dann mit dem Fuße darauf . » So ! « sagte sie , indem sie die Hand auf die Brust legte und tief Atem holte . Ein Zucken flog dabei über ihr Gesicht , als empfinde sie lebhaften körperlichen Schmerz . Sie ließ sich ankleiden , sie ließ alles mit sich tun , als aber die Kammerfrau eine Rose im Haar befestigte , riß die Herzogin ungestüm die Blume herunter und warf sie zur Erde . » Rosen ! « sagte sie mit unbeschreiblicher Betonung . Wie in tiefen Gedanken stand sie dann vor dem Spiegel , Klaudine etwas hinter ihr mit bekümmertem Ausdruck . Endlich begann die Herzogin zu lachen . » Kennst du das Sprichwort « , fragte sie : » › Alles verstehen , ist alles verzeihen ‹ « Und ohne die Antwort