, es waren ja die Einzigen , die ihr im Leben nahe gestanden , denn seit jener Zeit war sie mit keiner Seele mehr in engere Beziehungen getreten . Den Menschen hatte sie studiert — die Menschen waren ihr fremd geblieben . Und wie sie dachte und sann , da wünschte sie wieder das Kind zu sein , das mit der Windsbraut um die Wette rannte und sich auf sturmgepeitschen Wipfeln wiegte . O , noch einen Atemzug aus jener jugendlich hoffenden Brust , noch einen Schlag jenes liebebereiten Herzens , noch eine Träne jenes ringenden Glaubens ! Tot und stumm Alles — erstorben jede Blüte der Kindheit und Jugend , eine Greisin mit zweiundzwanzig Jahren , die von der Warte leidenschaftsloser Betrachtung herabsieht auf ein Leben , das hinter ihr liegt , ohne daß sie es ge ­ nossen , auf eine Zeit , die ihr vergangen , ohne daß sie dieselbe gelebt . Sie wandte mit einem tiefen Seufzer das Auge von dem sonnigen Bild ab . „ Unser Leben währt an die siebenzig und , wenn es hoch kommt , an die achtzig Jahre “ , sprach sie vor sich hin , „ und ist es köstlich gewesen , so ist es Mühe und Arbeit gewesen ! “ 27 Dieses goldene Wort der Schrift , das sie zum Wahl ­ spruch erkoren , seit ein großer Philosoph der Neuzeit es sie verstehen gelehrt , übte auch jetzt wieder seinen Zauber auf sie aus.28 Was wollte sie Köstlicheres vom Leben als Mühe und Arbeit ? Was brauchte sie mehr , ob in der Jugend oder im Alter , als diese ? — Sie trat vom Fenster weg und wand ihr aufgelöstes Haar , das sie wie ein schwarzer Schleier umfloß , rasch in einfachen Flechten um den Kopf . Ihre Blicke fielen dabei nur flüchtig und gleichgültig in den Spie ­ gel , sie sah es selbst nicht , welch ein Antlitz ihr daraus entgegenschaute , so vollendet schön , wie sich eines Künstlers Phantasie die düstere Gestalt einer Mariken von Nymwegen nur denken kann.29 — Dann warf sie ein einfaches weißes Gewand über und ließ ermüdet die Arme sinken . Der Ausdruck von Tatkraft , der so eben mit dem Worte Arbeit ihr Gesicht belebt hatte , wich einer tiefen Traurigkeit , fast Hoffnungslosigkeit , und sie sank erschöpft in den Stuhl . Eine Minute saß sie so mit eingefallener Brust und vorgebogenem Kopfe , dann quollen ein paar große Tränen über ihre Wangen . „ Arbeit ist ein köstlich Ding , wenn man die Kraft dazu hat — aber ich habe sie nicht mehr ! “ sagte sie und ihre durchsichtigen schmalen Hände um ­ klammerten ihre Knie , während ihre Augen verzweif ­ lungsvoll ins Weite starrten.30 Die Wirtschafterin , Frau Willmers , trat ein . „ Es ist ein Fremder draußen , Fräulein , der mir diese Karte gab ; der Herr , dessen Name auf der Karte steht , schicke ihn . “ Ernestine las den Namen : „ Professor Dr. Heim “ und darunter mit Heims Hand : „ empfiehlt den Überbringer dieser Karte dringend . “ „ Er ist willkommen ! “ rief sie wie neubelebt . „ Führen Sie ihn in die Bibliothek . “ „ Wollen das Fräulein ohne Wissen des Herrn Onkels ? — “ fragte die Frau zögernd und sehr erstaunt . „ Ich will es ! “ erwiederte Ernestine fest . „ Nun Gott sei Dank “ , murmelte die Alte , „ daß Sie endlich einmal einen Menschen sehen mögen — und der Herr draußen ist schon der Mühe wert , daß man ihn anschaut . Aber nicht wahr , Sie über ­ nehmen die Verantwortlichkeit bei dem gestrengen Vormund , damit ich ’ s nicht büßen muß ? “ „ Ich werde es verantworten ! “ Frau Willmers eilte hinaus und geleitete den Ankömmling in Ernestinens Bibliothek . Eine angenehme bläuliche Dämmerung umfing ihn beim Eintreten , verursacht durch die schweren blauseidenen Gardinen , mit denen die hohen Bogen ­ fenster verhangen waren . Es war ein großes acht ­ eckiges Gemach , im Stil der mittelalterlichen Turmstuben , mit einem offenen Erker , der gleichfalls durch blauseidene Vorhänge von dem Zimmer getrennt war . Inmitten des Erkers hing die Äolsharfe , von der jener Bauer erzählt hatte , und lose Ranken wilden Weines , der sich außen empor schlang , peitschten , vom Winde bewegt , die Saiten und entlockten ihnen abge ­ brochene , wirre Klänge , die ein starker Luftzug immer wieder in Eins verwob ; wie ein Kind , die Hand vom Lehrer geführt , ein Instrument spielt , bis die geübten Finger des Meisters dazwischen greifen und einen vollen , reinen Akkord ertönen lassen . In den dunklen Baumwipfeln , die den Erker beschatteten , flöteten Singvögel und kamen zutraulich dann und wann in die Rosenbüsche geflogen , mit denen er geschmückt war . „ Sie hat Poesie “ , dachte Johannes und blickte wohlgefällig in dem kühlen , stillen Gemache umher , welches nur Ruhe und tiefsten Frieden atmete . Und ein schöner Geistesfriede mußte es sein , der sich auf den hier Weilenden niedersenkte ; wo der Blick hinfiel , traf er auf die unsterblichen Werke aller großen Den ­ ker der Neuzeit , eine kostbare Bibliothek türmte sich auf prachtvollen Gestellen von geschnitztem Eichenholz empor . Johannes las die Titel , aber je mehr er las , desto bedenklicher wurde er : wenn der Inhalt dieser Bücher in ein einziges Frauengehirn gepreßt war , oder werden sollte , dann konnte hier kein Friede , son ­ dern nur der rastloseste , aufreibendste Kampf herr ­ schen . — Sein Blick fiel endlich auf einen Schreib ­ tisch , der wie alle Möbel des Zimmers reich mit dunklem Schnitzwerk versehen war . Er las die am obersten Aufsatz des Tisches in erhabenen Buchstaben eingeschnittene Schrift : „ Unser Leben währet an die siebenzig und , wenn es hoch kommt , an die achtzig Jahr ’ — und ist es köstlich gewesen , so ist es Mühe und Arbeit gewesen ! “ Seine Augen hafteten lange sinnend auf dem ernsten Wahlspruch dieses noch so jungen Mädchens . Seine hohe kräftige Stirn umschattete eine milde Trauer , als er sich abwandte und die hunderterlei Blättchen betrachtete , die umhergestreut waren , alle mit wenigen Zahlen oder Zeilen beschrie ­ ben , unverkennbar schnell verworfene Anfänge von wissenschaftlichen Arbeiten aller Art und , wie es schien , meist unwillig und hastig weggeschleudert . Seitwärts des Tisches , teils auf einem Pult , teils auf der Erde lagen ganze Stöße aufgeschlagener , mit Zetteln und Anmerkungen versehener Bücher , Broschüren usw. Namen wie Helmholtz , du Bois , Ludwig , Darwin u. a. m. zeigten , welch ’ riesiges Material dieser kühne strebende Geist zu seinen Arbeiten herbeizog , — über welche Berge von Mühe er den Weg nach seinen ehr ­ geizigen Zielen nehmen wollte . „ So viel lebendige Kraft an fruchtlose Bestrebungen , so viel edlen Eifer an eine Verkehrtheit verschwendet , wie schade ! “ sagte Johannes mit einem unwillkürlichen Seufzer . Da bemerkte er ein kleines offnes Fach inmitten des Schreibtisches , wo Ernestine ihr besonders wertvolle Bücher zu bewahren schien . Das Eine war Kuno Fischers „ Leben Kants “ — das Zweite du Bois ’ Gedächtnisrede über Johannes Müller , und das Dritte : Andersens Märchenbuch . Eine eigene Rührung spiegelte sich in den Zügen des ernsten Mannes , da er dies erblickte . Nur ein starkes tiefes Gemüt vermochte die Erinnerungen seiner Kindheit so treu zu bewahren . — Er konnte nicht widerstehen , sich des Buches zu bemächtigen , um es genauer zu betrachten . Als er es in die Hand nahm und darin blätterte , fiel ihm ein vergilbtes Papierzeichen auf — es lag zwischen den letzten Seiten des Märchens vom häßlichen jungen Entlein , gerade da , wo die Kinder um den Teich stehen und rufen : „ Es ist ein neuer Schwan hinzugekommen ! “ Das war es wohl , was ihr die Märchen so wert machte — die Prophezeiung , daß aus dem Entlein ein Schwan werde , nicht das fromme Festhalten an dem , was ihrer Kindheit einst wert war ? Er stellte das Buch an seinen Platz zurück . Ein Schatten legte sich wieder über Johannes ’ Gesicht , — diese letzte Betrachtung hatte ihm weh getan . Er war so tief in Sinnen versunken , daß er fast erschrak , als sich eine Tür hinter ihm öffnete und Ernestine ihm entgegentrat . Als er die hohe Gestalt mit ihrer königlichen Würde vor sich stehen sah , schweigend und ruhig in dem edlen Be ­ wußtsein ihrer geistigen Bedeutung , da wiederholte er in Gedanken die Worte : „ Es ist ein neuer Schwan gekommen . “ Ja ! dem häßlichen jungen Entlein waren die Flügel gewachsen . Einen Augenblick pochte ihm vor innerer Erregtheit das Herz rascher . Er hatte Mühe , seine Haltung zu bewahren . „ Vergebung , mein Fräulein “ , begann er , „ daß ich an Stelle dessen , den Sie riefen , Ihnen meine Hilfe anzubieten wage . “ „ Wenn der alte Heim Sie schickt , sind Sie mir willkommen ; ist er krank — daß er mir einen Stell ­ vertreter sendet — oder zürnt er mir ? “ Ernestine faßte bei diesen Worten den Fremden fest ins Auge . „ Weder das Eine noch das Andere , mein Fräu ­ lein “ , erwiderte dieser ; „ er erlaubte mir nur , seinen Namen als den Talisman zu gebrauchen , welcher mir dies verzauberte Schloß öffnen sollte . “ „ Und warum das ? “ fragte Ernestine , ihn immer aufmerksamer betrachtend . „ Weil ich die Überzeugung habe , daß ich Ihre Krankheit besser zu behandeln verstehe , als der alte Heim . “ Ernestine stutzte und wandte den Blick von dem stolzen Sprecher ab , ein Anflug von Unwillen verdüsterte ihr Gesicht , aber es währte nicht lange ; bald schlug sie ihre großen Augen wieder prüfend zu ihm auf und sagte voll Vertrauens : „ Nein ! Sie sprechen nicht im Ernst . Einen Mann , der so an ­ maßend und eitel wäre , wie diese Worte Sie erschei ­ nen lassen , würde mir Heim nicht empfohlen haben ! “ Johannes reichte ihr erfreut die Hand . „ Das war ein tüchtiges Wort , mein Fräulein — das ge ­ fällt mir ! Aber dennoch muß ich den Vorwurf der Anmaßung und Eitelkeit auf mir ruhen lassen , bis Sie ihn selbst von mir nehmen , — denn ich sprach nur meine und Heims eigene Überzeugung aus ! Sie schütteln befremdet das Haupt und verstehen mich nicht . — Ich hoffe , Sie werden dies bald lernen . Wie hätte ich den Mut gehabt , durch eine so kecke Sprache Ihre Mißbilligung herauszufordern , wenn ich nicht wüßte , daß die nächste Zeit mich rechtfertigen wird ? “ Ernestine winkte ihm , sich zu setzen , „ Ist es indiskret von mir , mein Herr , wenn ich Sie , bevor wir weiter sprechen , nach Ihrem Namen frage ? “ Johannes sah sie freundlich bittend an . „ Liebes Fräulein — lassen Sie mich diesen noch verschweigen , ich möchte so gern , daß Sie Vertrauen zu mir faßten , zu mir , zu meiner Person , ohne die Ge ­ währ eines wohlbeleumundeten Namens . Wie köstlich , wie beglückend wäre solch ein Vertrauen ! Nennen Sie das eine Grille , wenn Sie wollen , aber lassen Sie mir dieselbe ! “ „ Wie Sie wünschen , mein Herr “ , sagte Ernestine etwas befangen , und ein forschender Blick heftete sich wieder auf sein Gesicht . Es war , als suche sie etwas in den reinen , edlen Zügen , als dämmere etwas wie eine Erinnerung bei Betrachtung derselben auf , und dann schlug sie die Augen wieder nieder , als ver ­ gleiche sie das Gesehene mit einem Bilde in ihrem Innern , ohne ins Klare kommen zu können . Johannes beobachtete jede Bewegung ihrer Mie ­ nen . Kein Gedankenschatten entging ihm , der über diese weiße , sinnende Stirn hinzog , er schaute und schaute sie an und vergaß darüber das Reden , sie war so wunderbar schön , diese keusche , ernste Jungfrau , bleich und leidend durch den strengen Dienst des Ge ­ dankens , dem sie mit priesterlicher Weihe dahingegeben . In solcher Gestalt wird auch der traurigste Irrtum rührend — ja erhaben , und wir beugen uns vor ihm statt ihn zu belächeln . Dies waren Johannes ’ Empfindungen , als er so schweigend vor ihr saß und es mußte sich etwas davon in seinen Augen spiegeln , denn Ernestine wandte plötzlich verlegen den Blick von ihm ab und fragte fast unwillig : „ Nun , mein Herr , was für Nachrichten bringen Sie mir von Vater Heim ? Ist er geistig und körperlich rüstig ? “ Johannes ernüchterte sich etwas durch den kühlen Ton , in dem sie dies sprach . „ Ja , mein Fräu ­ lein , das ist er . Geliebt und verehrt von seinen Fachgenossen wie von seinen Patienten , genießt er einen heitern Lebensabend . “ „ Das freut mich . Auch ich bin durch Fesseln der Dankbarkeit an ihn gebunden , er hat mir viel Gutes getan , ja — ich darf ihn wohl als den Retter meines Lebens betrachten . Deshalb hoffte ich auch jetzt wieder von ihm alles Heil . Er ist ein großer Praktiker , wenn er auch in seinem Greisenalter nicht ganz mit der modernen Wissenschaft Schritt gehalten hat ! “ „ Das ist er , mein Fräulein . Aber von Ihrem schlimmsten Übel kann er Sie doch nicht befreien und deshalb schickt er mich . “ „ So sind Sie wohl ein berühmter Spezialist ? Aber wie kann Heim wissen , ob ich eines solchen bedarf ? “ „ Und dennoch weiß er es , mein Fräulein , denn mit dem Übel , von welchem ich rede , waren Sie schon als Kind behaftet und Heim besaß kein Rezept dagegen . Da er sich überzeugte , daß ich im Besitz der richtigen Heilmethode bin , nahm er mich zu sei ­ nem Assistenten an . Ich frage Sie daher offen und einfach : Wollen Sie mich zu Ihrem Arzt haben ? Ja oder nein ? “ Ernestine schwieg einen Augenblick , dann sagte sie fest : „ Ja , wenn Heim glaubt , daß Sie mich wieder herstellen werden , so genügt mir das und werde ich mich Ihrer Heilmethode unterwerfen . “ „ Ich danke Ihnen ! “ rief Johannes froh , „ aber ich sage Ihnen im Voraus : ich bin ein strenger Arzt und meine Arzneien sind bitter ! “ „ Doch wohl nicht bitterer als die Krankheit ? “ fragte Ernestine . „ Wer weiß ! Um gerade heraus zu reden , mein Fräulein , das Übel , von dem ich Sie zu befreien komme , welches Ihre Vergangenheit und Zukunft ver ­ giftet , ist der Einfluß Ihres Oheims ! “ Ernestine stand auf . „ Mein Herr ! “ „ Hören Sie mich erst , bevor Sie mir zürnen ! Ich behaupte nichts , was ich nicht beweisen kann . “ „ Mein Herr , ich will davon nichts hören . Sie tun meinem Oheim Unrecht , welcher Art auch Ihre sogenannten Beweise sein mögen . Ein ganzes Leben voll Treue und Aufopferung wiegt schwerer als die Anklage eines Unbekannten . Was danke ich ihm , was tat er für mich ! — Ihm schulde ich meine wissenschaftliche Bildung , was ich bin , hat er aus mir gemacht . “ „ Und wenn ich nun so kühn wäre , Sie zu fra ­ gen , mein Fräulein , ob Sie so gewiß sind , daß das , was er aus Ihnen machte , das Rechte ist ? “ Es entstand eine Pause , während welcher Erne ­ stine einen Schritt zurücktrat und beleidigt und be ­ schämt vor sich nieder sah . Johannes fuhr fort : „ Wenn ich nun gekommen wäre , Ihnen gerade das Gegenteil zu beweisen ? “ Ernestine blickte ihn finster an . „ Hierauf weiß ich allerdings nichts zu erwidern , aber Ihre Gering ­ schätzung zwingt mich , zu fragen , ob Sie meine Schrif ­ ten kennen und ob diese meine Fähigkeiten in ein so schlechtes Licht gestellt haben ? “ „ Im Gegenteil , mein Fräulein , Ihre Abhandlung über die Reflexbewegungen ist genial , und Ihre Schrift über den Raumsinn des Auges hat den Preis erhalten . “ Ernestine horchte hoch auf , ihr Antlitz rötete sich , ihre Augen flammten . „ Und das sagen Sie mir jetzt erst ! Meine Schrift den Preis ! Wach ’ ich — träume ich ? Ist es denn wahr , — wirklich wahr ? O wie soll ich Ihnen für diese Botschaft danken ? Ich finde keine Worte — möchten Sie sich belohnt fühlen durch die Versicherung , daß Sie mir die größte Freude meines Lebens machten ! Aber nun schmähen Sie mir auch nicht mehr den Mann , dessen aufopfern ­ dem Bemühen um meine Erziehung — ich allein dies Glück verdanke ! “ „ Armes Herz , wenn das Ihre größte Freude ist ! Arme Betrogene , wenn Sie Ihrem Oheim kein an ­ deres Glück zu verdanken haben ! “ „ O mein Herr , was gibt es Höheres als Ehre und Ruhm ? “ Johannes blickte sie ernst an . „ Etwas , das Ihr Oheim Sie jedenfalls nicht lehren wird ! “ Ernestine hörte ihn nicht in ihrer ehrgeizigen Er ­ regung . Sie ging einige Schritte auf und nieder , dann setzte sie sich wieder und fragte mit klopfendem Herzen : „ Bringen Sie mir vielleicht auch eine Antwort auf meine Bitte , an der hiesigen Universität Vorlesungen zu besuchen ? “ „ Allerdings , mein Fräulein , aber sie ist von beiden Fakultäten , an die Sie sich wandten , abgelehnt ! “ Ernestine ließ die Arme sinken . „ Abgelehnt ! Und wußte man schon , als man dies beschloß , daß jene Preisschrift von mir war ? “ „ Man wußte es . “ Ernestine stand einen Augenblick wie betäubt . Endlich begann sie langsam und tonlos : „ Jetzt ist mir Alles klar : Die Herren hielten den Verfasser der Abhandlung wohl für einen Mann , deshalb krönten sie dieselbe ; mein Gesuch aber wurde abgeschlagen , weil ich das Unglück habe , eine Frau zu sein . — Es ist ja natürlich — wie darf man denn einer Frau ge ­ statten , mit den Herren der Schöpfung wetteifern zu wollen ? “ „ Sie sind ungerecht in Ihrem Unmute “ , sagte Johannes ; „ man hat Ihre Schrift gekrönt , weil sie ihren Zweck erfüllte . Die Frau , die sie verfaßte , weist man ab , weil eine Frau im Kolleg ihren Zweck nicht erfüllt . “ 31 „ Und wie wollen Sie mir das beweisen ? “ frug Ernestine bitter . „ Weil sie für ihren naturgemäßen Beruf ver ­ loren geht und in dem selbst erwählten das Erforder ­ liche nicht leisten kann . “ „ So gehören Sie auch zu meinen Gegnern ? “ „ Ja , mein Fräulein ! “ „ O das tut mir leid ! “ „ Warum ? Was liegt Ihnen an dem Urteil eines Unbekannten ? “ Ernestine schlug die Augen nieder : „ Der Ein ­ druck Ihres Wesens ist so edel , daß es mich schmerzt , in Ihnen einen jener engherzigen Materialisten zu finden , die den Frauen nur die niedrigste Begabung zugestehen . “ „ Das tu ’ ich keineswegs . Ich traue denselben und insbesondere Ihnen sehr Großes zu ! “ Ernestine sah ihn erstaunt an . „ Nun , wie sollen wir aber unsere Fähigkeiten geltend machen , wenn wir die Grenzen des kleinen Berufs nicht erweitern dürfen , den die Natur uns so stiefmütterlich zugewiesen ? “ „ Ich denke nicht so gering von diesem Beruf , ich finde ihn so schön , so erhaben , daß auch die höchste Begabung sich in demselben genügen kann , wenn er nur richtig verstanden wird ! “ „ Wenn aber ein Weib — verzeihen Sie die Unbescheidenheit , — wenn ich anders ausgestattet wäre , als gewöhnliche Frauen , hätte ich dann mit der Kraft nicht auch das Vorrecht , mich über die gewöhnlichen Grenzen zu erheben ? “ „ Dann hätten Sie das Vorrecht , Ihr Geschlecht zu adeln und ihm zu zeigen , was es innerhalb seiner Schranken wirken kann , dann hätten Sie die Kraft , das größte Weib , aber nicht ein Mann zu sein . “ Ernestine blickte trübe vor sich hin . „ Sie kennen meine Schrift ? “ „ Ja ! “ „ Sie finden , daß sie den Preis verdiente ? “ „ Ja ! “ „ Und sprechen mir doch das Recht ab , männliche Aufgaben zu lösen ? “ „ Sie haben eine solche gelöst — in wie weit aber Ihr gefälliger Oheim dabei geholfen , wollen wir dahin gestellt sein lassen . “ Ernestine schlug die Augen nieder . Johannes fuhr fort : „ Sie wissen es vielleicht selbst nicht ; auch war die Konkurrenz der Preisbewer ­ ber eine geringe , ohnehin nicht schwer zu besiegende . Aber Sie glauben , mein Fräulein , weil der Instinkt Ihres Genies diese eine Frage beantwortet hat , das ganze unabsehbare Gebiet der Forschung beherrschen zu können ? Haben Sie eine Ahnung von der Größe dessen , was Sie sich vorgenommen ? “ „ Ich denke , ich lernte genug , um zu wissen , was ich noch lernen muß ! “ „ Täuschen Sie sich nicht über Ihren Zweck . Sie wollen nur lernen , um zu lehren — nicht zu lehren wie jeder Schulmeister , d.h. nachsprechen , was man Ihnen vorgesagt ; Sie wollen auf Grund der überlieferten Wahrheiten neue Wahrheiten dartun , mit andern Worten : Sie wollen produzieren ! “ „ Und Sie sprechen mir hierzu die Fähigkeit ab ? “ „ Durchaus nicht “ , erwiderte Johannes , „ aber ich räume der weiblichen Produktion nur ein Feld ein , es ist das der Kunst , weil bei dem Kunstwerk Herz und Verstand sich in die Arbeit teilen , weil bei der Schöpfung des Schönen ein tiefes Seelenleben , eine hochgehende Phantasie die männliche Gedankenschärfe ersetzen kann . Beides bringt die bevorzugte Frau von Anbeginn mit . Die Wissenschaft aber bietet die schwersten Aufgaben nicht sowohl für den Geist , als für das Denkvermögen an sich . Ich spreche der Frau nicht die Fähigkeit ab , die großen Resultate des Wissens zu begreifen , aber die geistige Technik , die ausdauernde Denkkraft , selbstständig zu diesen zu gelangen . “ Ernestine faltete fast bittend die Hände . „ Vernichten Sie mir nicht , was meinem Leben Zweck und Inhalt ist . “ Johannes bog sich zu ihr nieder und sagte mild : „ Mein teures Fräulein ! Möchten Sie doch einen andern Zweck Ihres Lebens finden , als diesen , den Sie nie erreichen werden . “ „ Nie erreichen ? “ rief Ernestine sich stolz erhebend . „ Noch wüßte ich nicht , was dieses Wort rechtfertigen könnte . O wäre ich nur gesund , wäre mein Körper ein gehorsameres Werkzeug meiner Seele , dann wollte ich zeigen , was ein Weib kann ! Wollte zeigen , daß wir nicht nur denkende Haustiere sind , wie uns eine gewisse Klasse von Männern bezeichnet , sondern daß wir ihnen ebenbürtige , freie Wesen sind . O , wenn Sie wüßten , wie mein ganzes Sein sich verzehrt in dem Zorn über unsere soziale Unterdrückung , unsere geistige Sklaverei ! Glauben Sie , glauben Sie , mein Herr , es ist nicht eitler Ehrgeiz , was mich treibt , — es ist der Schmerz um die tausend Schmerzen jener Seelen , welche gleich mir sich blutig gerungen an den Ketten der Alltäglichkeit oder gleich dem Blindgeborenen in dem Dunkel der Unwissenheit ahnten von dem Lichte , das die Welt erleuchtet , dem Wonne und Frei ­ heit entströmt , und von welchem sie ausgeschlossen sind ! Es ist die Schmach meines ganzen Geschlechts , die ich tilgen , der Jammer meines ganzen Geschlechts , den ich rächen will , und dafür setze ich Gut und Blut ein , dafür gebe ich jeden Anspruch auf weib ­ liche Freuden , gebe mich selbst zum Opfer hin ! “ Johannes hatte ihr mit über der Brust gekreuzten Armen gelauscht und begann nun ruhig : „ Mein Fräu ­ lein , ich verstehe und bewundere Sie , aber Sie über ­ treiben ; die soziale Stellung der Frauen ist eine ihrem Können und Wollen entsprechende . Wesen , wie Sie , gehören zu den seltenen Ausnahmen , im Allgemeinen steht Ihr Geschlecht auf einer zu niedern Stufe der Entwicklung , um größere Ansprüche machen zu können ! “ „ Und an wem liegt die Schuld ? “ unterbrach ihn Ernestine lebhaft . „ An Euch , Ihr Herren der Welt ! Wenn wir denn doch Euch geistig untergeordnet sind , warum erzieht Ihr uns nicht besser , warum hebt Ihr uns auf keine höhere Stufe der Intelligenz ? In Eurer starken Hand liegt es ja , aus uns zu bilden , was Ihr wollt ! Und nirgend in christlichen Ländern steht es wohl auch schlimmer um das Weib , als gerade bei uns . Sehen Sie hin nach Rußland , in das Land , in dem sich Leibeigenschaft und Knute am Längsten erhielten , selbst dort tauchen mehr und mehr gelehrte Frauen auf , und die russischen Hochschulen schämen sich weiblicher Zöglinge nicht . Sehen Sie nach Frank ­ reich , nach England , überall werden Frauen beschäftigt , anerkannt , ihre Fähigkeiten erweitert , indem sie geübt werden und das ganze Geschlecht hat sich dort bereits größere Achtung gewonnen.32 Ja , ich kann es leider nicht leugnen , daß die Mehrzahl unserer Frauen entweder schlichte Haushälterinnen sind , denen nichts über die Interessen ihrer Küche und ihrer Kinderstube geht , oder glänzende Puppen , die nur Sinn haben für die Geltendmachung ihrer äußeren Vorzüge . Von Politik , von den Interessen ihres Vaterlandes , von Wissenschaft und Dichtung verstehen sie wenig oder nichts , selbst von den Künsten fordern sie nur Unterhaltung , nicht Belehrung und Erhebung . Solche Frauen können nicht den Keim der Vaterlandsliebe in die Herzen ihrer Söhne legen , nicht die Bestrebungen ihrer Männer teilen , noch die Seelen ihrer Töchter dem Schönen und Erhabenen öffnen.33 O , es ist traurig — aber wer trägt die Schuld ? Doch nur die Männer , welche das Weib ausschließen aus ihrer Welt , welche , sein höheres Ingenium ein für allemal leugnend , es in die Küche verweisen , oder es zwingen , durch eine Herrschaft über ihre Sinne sich für den versagten Anteil an ihrem Geistesleben zu entschädigen ! “ Johannes erwiderte nichts . Ihm war es ein Genuß , sie zu sehen und zu hören . Er wollte sie sich erst ganz aussprechen lassen , bevor er sie widerlegte . Ernestine fuhr fort : „ Das Alles zähle ich zu der Schmach meines Geschlechts , welche aufgehoben werden muß , wenn sie sich nicht selbst rächen soll , — und das wird sie unausbleiblich ; denn an üppiger Ver ­ weichlichung , an Ausschweifung gingen die Nationen unter , die das Geistige im Weibe nicht achteten ! Diese Achtung müssen wir uns zu erringen suchen um jeden Preis — ehe es zu spät ist . Lächeln Sie meinetwegen über die Anmaßung , daß ich ein weib ­ licher Arnold von Winkelried sein und unserer geistigen Freiheit Bahn durch die Lanzen des Hohnes und Vor ­ urteiles brechen will . Ich weiß ja , was mir bevor ­ steht ! Das alltägliche Weib fühlt sich nicht in seinem Geschlechte geehrt , wenn eine seiner Schwestern sich über das Gewohnte erhebt , es empfindet nur seine eigene Armut um so bitterer , rächt sich dafür , wenn es nichts Besseres weiß , mit den Waffen der soge ­ nannten Sitte und hat gar leicht den Schimpf der Unsittlichkeit auf eine freie Seele geworfen ! Die Männer aber verschließen mir verächtlich und miß ­ günstig die Tür , und Kampf und Mühe sind ’ s , die mir winken . Dennoch zag ’ ich nicht und ist ’ s nicht hier , so zieh ’ ich in ein anderes Land , wo Humanität und Ritterlichkeit die strebende Frau unterstützen . “ „ Wo Humanität und Ritterlichkeit der Frau ge ­ statten , die Blüte ihres Daseins abzustreifen : ihre Weiblichkeit ! “ fiel ihr Johannes nun in die Rede , „ denn , wie wollen Sie diese bewahren , wenn Sie sich in anatomischen Studien abhärten gegen Alles , was der feinfühlenden Frau Grauen einflößt , — wenn Sie in Einzelheiten einzugehen gezwungen sind , durch deren nähere Bezeichnung schon ich Ihr mädchenhaftes Zart ­ gefühl verletzen würde . — Ich habe Sie bisher nicht unterbrochen , weil ich Sie kennen lernen wollte , weil Sie mich in Ihrem heiligen Eifer rührten und ent ­ zückten . Es lag neben vielem Törichten und Überspannten , was ich jetzt nicht erörtern will , auch viel Wahres in dem , was Sie sagten . Aber das Eine , glauben Sie mir , daß der weibliche Körper eben so wenig dem wissenschaftlichen Studium gewachsen ist , wie der weibliche Geist ! Ich habe Sie auf das Ge ­ biet des Schönen , der Kunst hingewiesen , davon aber