ich nicht mehr . In mir war alles tot , einzig und allein die Sorge um die Kranke hielt mich aufrecht . » Ein paar Nächte kamen , da mußten wir glauben , sie werde uns genommen . Doktor Bodenstedt saß unermüdlich in dieser Zeit am Bett meiner Mutter , ich zu Füßen , er zu Häupten , gemeinsam betteten und beruhigten wir die Kranke , wir flüsterten uns unsere Wahrnehmungen zu , und wenn die Kompressen gewechselt wurden , berührten sich unsere Hände . Ich hatte alles dessen nicht acht , ich sah nicht seine langen teilnehmenden Blicke , nicht , daß er viel mehr opferte an Zeit und Muße , als er nötig gehabt hätte , wenn er als Arzt , nur als Arzt bei uns gewesen wäre , ich sah nicht , wie er erregt wurde , als ich wie von Sinnen schluchzte , bis er dann endlich freudestrahlend meine Mutter für gerettet erklärte . Ich stürzte vielmehr vollkommen aus den Wolken , als gegen Weihnachten zu – ein verschneiter Dezembertag war es und Mutter ging zum ersten Male mit matten Schritten , das Schlüsselkörbchen am Arm , durch die Zimmer – mein Vater zu mir an den Nähtisch trat und mir sagte : › Doktor Bodenstedt hat bei mir um deine Hand angehalten . Überlege es dir , du hast 286 Zeit bis morgen , liebes Kind . Zieh in Erwägung , wie viel Dank wir ihm schulden , und auch das , daß zum Frühjahr deine Eltern , wiederum dem Zufall preisgegeben , eine Stellung suchen müssen , und daß es ein Trost für uns sein würde , dich in den besten Händen und für dein ganzes Leben versorgt zu wissen . ‹ Es hatte sehr bekümmert und bedrückt geklungen . Schon im Begriff , aus der Stube zu gehen , fügte er hinzu : › Von Zwang ist natürlich keine Rede , du sollst selbst bestimmen . ‹ » Das wurden die schwersten Stunden , die ich je erlebt habe . Ich nahm ein Tuch um und wanderte in den schneetiefen Gartenwegen umher , um nur allein zu sein , um denken zu können . In mir schrie alles › Nein ‹ . Ich hatte dem entsagen müssen , den ich liebte , und hatte mich gefügt . Aber einen Mann nur zu nehmen , damit ich eine Versorgung hätte – nein , das nicht ! Ich wollte arbeiten und selbst für mich sorgen , und wie so vielen anderen , würde das gewiß auch mir gelingen . » Als wir wie sonst Abends bei der Lampe saßen , faßte ich mir ein Herz und sagte den Eltern , es sei mir unmöglich , den Doktor zu heiraten , da ich ihn wohl achten , aber nie lieben könnte . 287 » Sie antworteten beide nicht , ich sah nur , wie ihre lieben Gesichter sich verfinsterten , die eben noch ein wenig hoffnungsfroh gewesen waren . Aber sie hatten kein Wort der Mißbilligung für mich . Mein Vater nahm anderen Morgens seine Mütze und ging aus . Er wollte , wie ich von unserer alten Margaret erfuhr , dem Doktor die Absage selber bringen . » Nun schlichen die Tage einförmig dahin . » Ich hörte die Eltern sprechen von diesem und jenem , sah , wie mein Vater sich besorgt über die Zeitung beugte oder die Briefe las , die er bekam , wie er den in der letzten Zeit so grau gewordenen Kopf schüttelte und meiner Mutter die Schreiben brachte , die sie nach Lesung ebenfalls traurig wieder hinlegte . Eines Tages hörte ich , wie sie sagte : › Nein , das geht nicht mehr weiter so , wir ziehen in die Stadt und nehmen Pensionäre vom Gymnasium , damit hat sich schon mancher durchgebracht . ‹ Da ich zufällig hinter Mutters Stuhl stand , fing ich einen Blick auf aus meines Vaters Augen und vernahm die tonlosen Worte : › In die Stadt ! ‹ » Was da alles drin lag für mich , die ich ihn kannte ! » Als ob er es aushalten würde ohne freie Luft , ohne Garten , ohne seinen täglichen Gang durch den Buchenwald , der seine einzige Erholung war ! Als er hinausgegangen war , fragte ich Mutter : › Findet sich denn keine passende Stelle ? ‹ » › Nein ! ‹ antwortete sie . › Eine einzige war günstig , aber da soll der Administrator unverheiratet sein , oder wenigstens ohne Familie . Aber es ist ja noch immer Rat geworden , Helene , es wird auch diesmal wieder werden , ‹ setzte sie leiser hinzu . › Wenn der Vater sich nur nicht immer um dich so große Sorgen machte ! Für die Jungens ist ja gesorgt . Die schlagen sich schon durch . Aber ein Mädchen ! Das läßt ihm keine Ruhe ! ‹ » Bald darauf fuhren die Eltern gemeinschaftlich nach der drei Stunden entfernten Stadt , um beim Direktor des Gymnasiums Erkundigungen einzuziehen über Pensionspreise und ihn zu bitten , ihnen einige Schüler zum April zuweisen zu wollen . » Ich blieb allein zu Haus an einem windigen , naßkalten Februartage , in trauriger , schwer gedrückter Stimmung . 288 » Ich wollte den Eltern so gern helfen , ihre Sorgen vermindern , aber wie konnte ich das mit meinem guten Willen und meinen geringen Kräften ? Dazu mußte etwas Entscheidendes geschehen , eine Radikalkur , ein Bollwerk gegen etwaige Rückfälle in meine Liebe , ein Abbrechen aller Brücken hinter mir . Plötzlich sprang ich auf und lief die Hände ineinandergewunden im Zimmer umher , beherrscht von einer Idee , die aufgetaucht war in meinem Kopf und mein Denken so gebannt hielt , daß ich unfähig wurde , sie näher zu erwägen , zu prüfen . Alles in mir drängte zu dem Bringen eines Opfers . » › Margarete , ‹ sagte ich heiser zu der alten Dienerin , die eben eintrat , › ich glaube , ich bin krank . ‹ » › Gott , erbarme dich ! ‹ schrie die Alte . › Sie werden doch nicht auch den Typhus bekommen ? ‹ » › Ich weiß nicht , mir ist schlecht . ‹ Ich log nicht , ich zitterte und die Schweißtropfen standen mir auf der Stirn . » › Kommen Sie , legen Sie sich , ich schicke um den Doktor , Fräulein Helenchen . ‹ » › Ja , ja , tue es ‹ stieß ich hervor . Dann setzte ich mich , unfähig , aufrecht zu bleiben , in Vaters Lehnstuhl am Ofen . Margarete lief hinaus , so schnell sie vermochte . Dann hörte ich sie in der Küche klappern mit ihren Pantoffeln und dort am Herd das Feuer schüren . Ich erinnere mich nicht mehr , was ich dachte , ich lauschte nur hinaus . » Würde er kommen ? » Was sollte ich ihm sagen ? » Es war so schwer ! Er hatte sich vielleicht schon getröstet , war schon auf neuem Freiersgang um eine andere . Herr Gott , es war doch auch unglaublich , was ich vorhatte ! Aber ich sah keinen anderen Ausweg als diesen , um meinen Eltern zu helfen . Es blieb mir ja immer die Wahl : ich konnte schweigen , ihn nur als Arzt sehen . Die Phrase : Wenn Sie noch so denken wie vor wenigen Wochen und Ihnen der gute ehrliche Wille genügt , Sie lieben zu wollen , versuchen zu wollen , Ihnen eine gute treue Frau zu sein – brauchte ich ja nicht zu sagen , – ich brauchte ja nicht – 291 » Ein rasches Klopfen an der Tür , dann ward sie geöffnet , Doktor Bodenstedt trat ein . » Er kam ruhig und freundlich näher , mit einem besorgten Ausdruck im Gesicht . › Sie sind die Patientin , Fräulein Helene ? ‹ Ich konnte nicht antworten , die Zähne klapperten mir leise aufeinander , er griff nach meinem Handgelenk , zog die Uhr heraus und zählte die Pulsschläge . » Kopfschüttelnd sah er mich an . » › Haben Sie eine Alteration gehabt ? ‹ fragte er . » Ich weiß nicht , mit welch jämmerlichem Blick ich ihn angesehen haben muß ! Er zog einen Stuhl heran , setzte sich neben mich und sagte : › Haben Sie doch Vertrauen zu mir , ich kann Ihnen sonst nicht helfen . ‹ » › Ich habe das größte Vertrauen , ‹ stieß ich hervor , › aber es wird mir schwer , zu sprechen . ‹ » › Sie müssen denken , ich wäre Ihr Bruder , ‹ redete er einfach zu . › Beichten Sie mir ganz vertrauensvoll . Ist ' s etwa um die Eltern ? Hat der Baron Ihnen wieder das Herz schwer gemacht ? ‹ » › Der Baron ? O , Sie wissen – ‹ » › Alles . Ihr Vater hat es mir erzählt , als – ‹ » › Nein , nein , nicht der Baron ! ‹ fuhr ich auf , › das ist vorüber – ‹ » › Vorüber – wirklich ? ‹ » › Ja , ja ‹ » › Und nun wollen Sie mir etwas mitteilen ? ‹ » › Ja , aber ich kann doch nicht – ‹ » › Soll ich fragen ? ‹ » › Ja – ‹ » › Wollten Sie mir sagen : Ich habe mich übereilt , als ich den einfachen Doktor mir nichts dir nichts abwies ? ‹ » › Nein , das nicht , ich konnte nicht anders – damals . Aber jetzt ist etwas geschehen , das heißt , ich habe etwas erfahren , das mich Vaters Weigerung verstehen läßt – und da wollte ich – ich wollte – ‹ » › Sie wollten mich fragen : Denken Sie noch an mich ? ‹ half er . 292 » Ich nickte . » › Dann antworte ich Ihnen : Ja , Helene , ich habe Sie unaussprechlich lieb , und ich will geduldig werben um Ihre Neigung . Schenken Sie mir nur vorerst Ihr Vertrauen , Ihre Freundschaft ! ‹ » › Aber wenn es mir nie gelingt , Sie zu lieben , ‹ unterbrach ich ihn erschrocken über die Kürze des Verfahrens . » Er lächelte ein wenig traurig . › Wir wollen es der Zukunft überlassen . Vielleicht gelingt es Ihnen doch , vielleicht steckt meine Seele die Ihrige ein wenig an , wenn es nämlich wahr ist , daß die Liebe eine Art Krankheit ist.Und ich glaube fast , ich bin unheilbar . ‹ » › Wollen Sie es daraufhin wagen ? Auch wenn ich Ihnen sage , daß ich vorläufig über nichts verfüge als über einen ehrlichen guten Willen ? ‹ » › Ja , Helene , geben Sie Ihre Hand ! So , ich danke Ihnen . Und für Ihre Offenheit danke ich Ihnen ganz besonders , und nun – ‹ » › Und jetzt , bitte – gehen Sie fort , gehen Sie fort ! ‹ bat ich mutlos bis zum Äußersten , als die Würfel gefallen waren . » › Ja , jetzt gehe ich , und wenn die Eltern kommen , grüßen Sie sie . Morgen früh bin ich wieder da und hole mir ihre Einwilligung . ‹ Und bei diesen Worten zog er mich herzhaft an sich und küßte mich auf den Mund . » Dann lief er wie ein Junge zur Tür hinüber , rannte 293 Margarete , die mit einer Tasse Lindenblütentee über die Schwelle kam , beinahe um , erklärte ihr in aller Eile , ich solle keinen Tee trinken , er habe schon Sympathie gebraucht , und fort war er . » Margarete sah ihm nach . › Der ist wohl toll geworden ? ‹ murmelte sie , › oder hat getrunken . ‹ Sie hatte den ernsthaften Menschen kaum wieder erkannt . Und wie sie dann vor mir stand , fragte sie : › Wie sehen Sie denn aus , Fräulein ? Sie bebbern ja man so . ‹ » Da hielt ich mich nicht länger und begann zu weinen , wie ein kleines Kind , unbändig , trostlos . Und in diesem Augenblick kamen die Eltern wieder . » Sie umstanden mich mit ängstlichen Gesichtern , versorgt und vergrämt , denn ich merkte es ihnen an , sie hatten in der Stadt nichts ausgerichtet . Und nun mein unverständliches Wesen obenein ! – Da hielt ich mich denn nicht länger und spielte meinen Trumpf aus : › Ich habe mich mit Bodenstedt nun doch verlobt , Mutter , ich glaube , ich habe ihn doch recht gern – und – ‹ » Meine Mutter sah förmlich erschrocken aus , aber mein Vater – nie habe ich über eines Menschen bleiches Gesicht so die Freude aufgehen sehen . Und das allein hielt mich aufrecht in der schweren Zeit meiner Brautschaft . Die Vorbereitungen zur 294 Hochzeit flößten mir anfangs ein Grauen ein , später ließ ich alles beinahe apathisch geschehen . Die Eltern wünschten rasche Heirat , sie hatten sich ein bescheidenes Quartier am Ende des Dorfes gemietet mit der Aussicht auf die Berge und den Wald . Mein Bräutigam hatte das Haus gekauft inmitten des Ortes , in dem wir heute waren . Es war wünschenswert , daß die kleine Feier noch in den größeren Rentmeisterräumen stattfand , und so sollte Mitte März die Trauung sein . Es kam auch alles ganz programmmäßig , ich hatte sogar zwei Brautjungfern . Pastors Cäcilchen hatte mir großmütig vergeben , daß ich dem Doktor besser gefiel als sie , und dann meine junge Schwägerin , eure Tante Minna , die damals ein reizendes junges Mädchen war . » Der Herr Pastor hielt eine schöne Rede , in der von wahrer , tiefer Liebe die Rede war , so daß ich im Gefühl meines störrischen Herzens zu zittern begann , als sei ich ein ganz verworfenes Geschöpf . Ich sagte mir nur immer zum Troste , er weiß es ja , ich habe ihm nichts geheuchelt , ich will ihn ja lieben lernen , ich spreche also keine Lüge , wenn ich Ja sage und gelobe , daß uns nur der Tod scheiden solle , daß ich ihm treu sein werde . » Nun folgte das festliche Essen , das gar sehr einfach war , und dann führte mein junger Mann mich heim . » Ich erzählte euch schon , daß er fortgeholt wurde und erst am Morgen wiederkam , wo er mich mit verweinten Augen fand . » Ich bin auch nicht froher geworden in der nächsten Zeit , und nur die Wahrnehmung , daß meine lieben Eltern ruhiger geworden waren , hielt mich aufrecht . Ihre Sorgenlast war durch meine Verheiratung weniger schwer geworden , und mein Mann verschaffte ihnen auch in der zartesten Weise , ohne daß der Vater etwas davon merkte , alle möglichen Erleichterungen . » Als aber der Juni kam und ich eines Tages von Cäcilie erfuhr , der Baron sei wiedergekommen , da stand es schlimm mit mir . » Eine sonderbare Unruhe hielt mich in ihrem Bann . Ich irrte 295 in meinem kleinen Hause umher wie eine arme Seele , welche die rechte Bahn verlor und sich nicht heim finden kann . » Als ich dann zu meinem Schrecken noch bemerkte , daß der Baron zuweilen an unserem Hause vorbeischritt und das Fenster musterte , an dem ich hinter Blumenstöcken und Gardinen versteckt zu nähen und zu lesen pflegte , zog ich die Rouleaus nicht mehr auf in diesem Zimmer und hielt mich in der Stube meines Mannes auf . » Und doch geschah nichts von seiner Seite , keine auch noch so kleine Annäherung . Es war nur mein eigenes Herz , das ich fürchtete , das sich nicht abweisen ließ mit seiner Behauptung : Er liebt dich noch ebenso , er trauert um dich , er kann dich nie vergessen , so wenig wie du ihn . » Euer Vater fuhr damals fast jeden Nachmittag auf Praxis und kam erst Abends heim , oft sogar erst spät in der Nacht . Er wurde geholt bis in die höchsten Gebirgsdörfer . » Zuweilen bat ich die Mutter , mich während solchen langen Alleinseins zu besuchen , oder ging zu den Eltern . Mitunter lud ich auch Pastors Cäcilie ein , die ganz die alte war , seitdem sie ein neues Interesse hegte , das dem unverheirateten Nachfolger meines Vaters galt . Sie saß häkelnd und schwatzend neben mir , und ich war , ohne daß ich mich sehr beteiligte an dem Gespräch , schon beruhigt , daß ich einen Menschen neben mir hatte , der von meinen Seelenkämpfen nichts ahnte . » An einem entsetzlich schwülen Junitage , an dem mein Mann nach Priesenrode gefahren war , am zeitigen Nachmittag , schickte ich nach Tisch das Mädchen in die Pfarre und ließ Cäcilie zu mir bitten . Eine Unruhe , viel größer noch als sonst , war über mich gekommen . » Sie erschien denn auch bald in einem rosa Kleide und in strahlender Laune , eine Rose im Gürtel , bereit , sich über alles und nichts mit mir zu unterhalten . Da es unmöglich war , bei der sengenden Glut im Garten zu sitzen , zogen wir uns in mein Zimmer zurück , in dem ich es durch geschlossene Läden einigermaßen kühl gehalten hatte , und dort saßen wir uns gegenüger und tranken Kaffee und Cäcilie schwatzte von dem neuen 296 Rentmeister . Sie vertraute mir sogar an , daß sie mit ihm ein Stelldichein an dem Pförtchen in der Parkmauer gehabt habe und daß Robert , sie nannte ihn schon beim Vornamen , ihr erzählt habe , wie sehr ausgezeichnet er sich mit seinem Herrn , dem Baron , stehe . Der sage eigentlich zu allem , was er verlange , ja . Der Baron brüte so vor sich hin , säße bis in die Nacht im Garten oder gehe auf die Birsch , – augenscheinlich sei ihm die ganze Wirtschaft einerlei . › Und siehst du , Helene , ‹ schloß sie , › das ist alles nur deshalb , weil er verliebt ist . ‹ » Bei diesen Worten fühlte ich , wie ich ein starkes Zittern kaum beherrschen konnte . Wenn sie doch ginge , wenn du doch endlich allein wärst , dachte ich , denn ich fürchtete , meine Aufregung zu verraten . Aber sie bemerkte nichts , sondern blieb ruhig da und fuhr fort , gemütlich zu schwatzen . » Endlich , gegen sechs Uhr Abends – es war ein Gewitter aufgezogen , das schon den ganzen Tag gedroht – sprang Cäcilie plötzlich auf . › Um Gottes willen , das Wetter kommt ! ‹ schrie sie , griff nach ihrem Hut und stürzte aus der Tür , um das schützende elterliche Dach noch vor Ausbruch des Wetters zu erreichen . » Ein starker Windstoß warf plötzlich Tür und Fenster zugleich zu , daß es schütterte . Eine Schar weißer Tauben schoß 297 vor dem Fenster vorüber , vom Sturm seitwärts getrieben , grell sich abhebend von der einbrechenden Finsternis . Eine Wolke von Staub verhüllte dann die Straße , und während ich ängstlich umherstürzte , um nachzusehen , ob alle Türen und Fenster geschlossen seien im Hause , und das junge Dienstmädchen mit kreideweißem Gesicht mir nachschlich , brach ein Unwetter los , wie ich es nie wieder erlebt habe . Hagelkörner groß wie Taubeneier , Blitz auf Blitz , Donner auf Donner . » Auf einmal in einer Pause , die das tosende Wetter machte , als schöpfte es Atem zu erneutem Toben , drang eine zeternde Stimme durch das vom Hagel zertrümmerte Fenster , ein eilig laufendes Weib auf Holzpantoffeln hatte geschrien : › Vom Blitze getroffen mitten auf der Landstraße ! ‹ Andere laufende Menschen folgten . Ich aber sank plötzlich nieder auf den nächsten Stuhl , ein furchtbares , unabweisliches Gefühl in mir sagte : Dein Mann – das ist dein Mann ! » Wie eine Vision greifbar deutlich stand die einsame , regenüberschwemmte Landstraße vor meinen Augen mit den sturmgepeitschten Bäumen zur Seite und auf ihr das zertrümmerte Gefährt , das tote Pferd , der tote Mann . Und in diesem Augenblick ward mir bewußt , wie furchtbar das für mich sei , wie ich ja ohne ihn nicht mehr leben könnte , wie lieb , wie herzlich lieb ich diesen einfachen pflichttreuen Mann hatte , immer gehabt hatte – ohne zu wissen ! Alles andere war plötzlich verblichen vor dem schrecklichen Gedanken , daß er mir genommen sei , bevor ich ihm gesagt , wie ich ohne ihn , ohne meinen treuesten Freund , mein Leben mir nicht weiter denken könnte . » Unwillkürlich falteten sich meine Hände zum Gebet . Lieber Gott , laß ihn mir , laß ihn mir ! Aufstöhnend legte ich meinen Kopf auf den Tisch in meine verschränkten Arme , und in das Toben und Tosen des Gewitters scholl mein fassungsloses Schluchzen . » Ich hatte es überhört , daß ein Wagen kam , daß bald darauf meine Tür ging , ich fuhr erst empor , als seine Stimme mein Ohr traf : › Aber Helene , ängstigst du dich denn so sehr ? ‹ Und da lag ich im nächsten Augenblick an seiner Brust , und meine 298 Arme klammerten sich um seinen Hals . › Ja , ja ! ‹ schrie ich fassungslos ihm zu , › um dich , um dich ! ‹ » › Um mich ? ‹ Er fragte es ganz ungläubig staunend . › Sag ' s noch einmal , Helene , um mich ? ‹ » Ich konnte nicht mehr sprechen , ich nickte nur heftig . » › Helene , du hast mich also doch lieb ? ‹ fragte er leise . Und da nickte ich noch einmal . » Wie ich das alles hier so erzähle , das gibt kein Bild von dem , was in mir vorging . Als habe die Liebe für euren Vater schlafend gelegen in meinem Herzen , als habe die Angst um ihn sie plötzlich aufgerüttelt , daß sie dastand wie eine Streiterin , die rief : Platz für mich , ich bin da , nichts andres hat Raum neben mir ! – so war es in mir . » Und dann drängte ich ihn in sein Zimmer , daß er sich trocken kleiden sollte , und lief in die Küche und bereitete Tee für ihn . » Wie wir dann ein Weilchen später an dem Tisch saßen , lächelte die Sonne am klaren Himmel . Arg hatte das Wetter getobt . Ein Mann , der sich vom Felde nach dem Dorf retten wollte , war auf der Straße vom Blitz getroffen worden . Die Obsternte war vernichtet , die lieben Blumen lagen alle zerschlagen auf der Erde , unser Gärtchen glich , wie alles rund umher , einer Wüste . Aber über den Bergen stand ein Regenbogen , 299 und wir sahen zu ihm hinüber Hand in Hand . Unser Glück war erblüht unter ihm und ist mir treu geblieben bis zu dieser Stunde ! – » Wie es dann weiter kam , wie Vater das Dorf zu eng wurde für seine Tätigkeit , wie wir nach I. übersiedelten , wie er dort nach und nach zu der größten Berühmtheit der Universität wurde , das hast du ja eigentlich alles miterlebt . Du hast einen großen , seltenen Mann als Vater , Kind ! » Glaube und vertraue ihm nun auch in der traurigen Sache , die wir leider nicht von dir abwenden konnten . Du bist noch jung , und das Glück macht zuweilen auch Umwege , wie Vater scherzend sagt . Man glaubt , es oft für immer verloren zu haben , und plötzlich zeigt es sich , wo man es nie vermutete . Man kann auch lieben lernen , kann von der starken Liebe eines anderen so ergriffen werden , daß man sie zuletzt teilt und glücklich dadurch wird . Aber behüte mich Gott davor , dir zureden zu wollen ! Man muß das in sich selbst , im eigenen Herzen erfahren . « Und dann küßten sich Mutter und Tochter und suchten ihr Lager auf . Am anderen Tage wanderten sie noch einmal alle drei in das kleine Doktorhaus und die junge Braut meinte : » Gott sei Dank , Mama , daß man heute nicht mehr so entsetzlich primitiv zu wohnen braucht . Mir ist unser hübsches Quartier schon lieber . Es hat einen Erker und das Herrenzimmer ist mit Eiche getäfelt . Armes Muttel , du dauerst mich heute noch . Weiße Dielen ! Es muß ja entsetzlich gewesen sein ! « » Aber das Glück ist darüber geschritten mit leisen Füßen , das liebe einfache Glück von dazumal . Ich wollte , ein ähnliches zöge mit dir ein in deine feinen Stuben , Lori ! « Die ernsten Augen von Anne Dore suchten die der Mutter . » Das liebe , einfache Glück ! « wiederholte sie leise . Auch sie will es einladen in ihr Haus dereinst . Sie hofft , daß es noch kommen und wohnen wird mit ihr und einem , der sehnsüchtig an sie denkt und dem Anne Dore so gar keine Hoffnung gemacht hatte hisher . 300 » Du lächelst ja , Anne Dore ! Mutter , sieh doch , Anne Dore lächelt ! « rief Lori verwundert . Und sie stand über und über erglühend , die schöne Anne Dore , und die Mutter rief : » Nun kommt , wir wollen auf den Kirchhof zu den Großeltern und dann auf den Bahnhof ! Ich weiß , wir werden alle drei sehnsüchtig erwartet . «