, als er dann stumm am Bettchen saß , nachdem das Mädchen . den Kleinen umgezogen , ihm seine Milch gebracht und ihn sein Gebet hatte sprechen lassen . „ Nein , mein Junge – wie kommst du darauf ? “ „ Du erzählst heute gar nichts . “ „ Ich werde gleich anfangen , Heini , ich dachte mir , du wärest sehr müde . “ „ Ja , Papa ! Und du auch ? “ „ Ich auch , Heini “ . „ Dann sollst du nicht erzählen , heute nicht , dann morgen abend . Vergiß , bitte , nicht , wo du aufhörtest , Papa – der junge Knappe machte sich gerade auf die Reise , um die schöne Prinzessin zu suchen , und sein Wams war aus blauem Atlas , und seine Rüstung von Silber mit einer goldnen Sonne auf der Brust . “ „ Ich vergesse es nicht , Heini . “ „ Findet er sie , Papa ? “ „ Ich hoffe doch , Heini . “ „ Ich weiß , wie .. sie aussieht , Papa ! “ „ Wirklich ? “ „ Ja , wie die Dame , die mir gestern früh das Glas hielt mit der Milch – sie war so lieb , und die Augen glänzten so schön , und weinen kann sie auch , wie die Prinzessin . “ Heinz faßte nach der Hand des Kindes , er dachte , es phantasierte , aber die Augen des Kleinen sahen ruhig und klar zu ihm empor in dem Dämmerlicht der rotverschleierten Lampe . Das Mädchen trat noch einmal herein mit einem Glas Citronenlimonade , die das Kind während der Nacht in kleinen Schlückchen zu trinken liebte . „ Wer war die Dame , die sich gestern im Park mit Heini beschäftigte ? “ fragte Heinz . „ Ich habe sie zuerst nicht erkannt “ , stotterte verlegen die Person , „ aber die Förstersfrau , die ich nachher frug , meinte , es sei Medizinalrats Fräulein gewesen . “ Er nickte kurz und wandte sich zu dem Kinde . „ Schlafe , mein liebes Herz , “ sagte er mühsam . „ Sie war so lieb “ , versicherte der Kleine nochmals , als das Mädchen sich entfernt hatte , „ und sie hat um mich geweint , Papa . “ Dann lag er ganz still , schloß nach einem Weilchen die Augen , und endlich schlief er . – Es hatte neun Uhr geschlagen , als Heinz aus dem Zimmer schlich , um ihn nicht zu wecken . Er beorderte das Mädchen in die Nebenstube und ging hinüber nach dem Salon seiner Frau . Es war dunkel drinnen , die Fenster standen offen und draußen im Fliedergebüsch schlugen die Nachtigallen . „ Bist du hier , Toni ? “ fragte er . Keine Antwort . Er klopfte an die Thür ihres Schlafzimmers – keine Antwort . Sie wird bei Tante Gruber sein , sagte er sich und pochte eine Treppe tiefer an . Die ältliche Jungfer öffnete mit an die Lippen gelegtem Finger . „ Gnä ’ Frau haben Chloral genommen “ , flüsterte sie , „ und sind eben eingeschlafen . “ „ Pardon “ , sagte Heinz , „ ich glaubte , meine Frau sei hier . “ „ Frau von Kerkow ist wohl im Park , ich sah sie über den Schloßhof gehen , “ wisperte das Mädchen . Heinz stutzte , sie war sonst so ängstlich abends . Er dankte , schritt die Treppen hinunter und betrat ebenfalls den Schloßgarten durch die Seitenpforte . Vielleicht fand er sie . Es lag ihm daran , sie noch zu sprechen , er hatte das drückende Gefühl , seit Jahren zu hart gegen sie gewesen zu sein ; er durfte sie nicht weiter reizen durch Strenge und Gleichgültigkeit – er gedachte einzulenken , er mußte – es durfte so nicht weiter gehen ! Er wollte dies alles , weil er sich selbst schuldig fühlte , weil er mit seiner Gewissenhaftigkeit , seiner peinlichen Pflichttreue nicht Schuld gegen Schuld setzen wollte , weil er einen Halt , eine Rettung in seiner Pflicht zu finden hoffte , Rettung gegen die alte heiße Liebe , die ihn jählings überfallen , seitdem er Aennes Namen wieder gehört , erfahren hatte , daß sie seiner noch gedachte . Sie hatte geweint über sein krankes Kind – warum mußte er das heute auch noch erfahren ! Und er wollte nicht wieder hinaus in die Stürme , aus denen er sich für immer gerettet glaubte , er wollte in der Wüste zu Grunde gehen , die er sich selbst geschaffen , die Toni ihm schuf . Er wollte ihr sagen . Wir gehören ja doch nun einmal zusammen um des Kindes willen laß uns in Gottes Namen Frieden halten nebeneinander ! Ich will mich aufraffen aus dem Starrkrampf der letzten Jahre – es geht nicht länger so ! Er stürmte durch die Wege mit großen Schritten dunkel und schwül war die Nacht und die Nachtigallen schlugen lauter als je . In der Lindenallee setzte er sich auf eine Bank , vor ihm im Teich hielten die Frösche Konzert , als wollten sie die Nachtigallen überschreien . Ueber der dunklen Wasserfläche und der schwarzen Masse der Baumgipfel zuckte von Zeit zu Zeit ein fernes Wetterleuchten , die Lindenblüten dufteten stark und süß und der Märchenzauber legte sich wie betäubend um seine Sinne . Er sagte sich noch ein paarmal , Toni müsse längst wieder droben sein , er wolle hinaufgehen , wolle mit ihr reden und blieb doch regungslos sitzen . Hinter ihm , durch die Allee fuhr im Schritt ein Wagen vorüber , und sich umwendend erkannte er den Hofwagen , mit dem Lieutenant Grellert nach der Kreisstadt gefahren war . Kutscher und Diener schwatzten miteinander , offenbar saß niemand darin , der Offizier hatte sie heimgeschickt , weil er drüben noch Gesellschaft gefunden – richtig , es fand ja ein Ball statt nach dem Konzert . Das hatte Toni nun alles versäumt ! Natürlich , es war ja verrückt von ihm , diese Frau mit dem lebenslustigen Sinne zwingen zu wollen an das Siechbett ihres Kindes . Sie hatte die richtige Lebensauffassung ! Zum Teufel , man macht es doch nicht besser mit dem ewigen Trübsalblasen , ändert nicht das Geringste und – was schadet ’ s denn , wenn der kleine Bursche dann und wann mit dem Mädchen allein bleibt ? Nichts , gar nichts ! – Dumme Sentimentalität ist ’ s , wenn man die Sachen nicht nehmen will , wie sie einmal liegen , ja ja ! – – Und er blieb sitzen und schalt auf sich und rüttelte sein Herz in der Brust zurecht und mühte sich , ihm etwas einzureden das er selbst nicht glauben wollte , und in diesem Widerstreit war es ihm , als ob plötzlich die Stimme des Kindes laut und deutlich sagte : „ Und sie hat um mich geweint , Papa ! “ Er sprang empor und schritt plan- und ziellos in den Park hinein , zuerst rasch dahinstürmend , dann langsam , immer langsamer , und plötzlich hielt er inne . Es herrschte tiefe Stille um ihm , die Nachtigallen waren verstummt und die Frösche auch . Er stand im Dunkel eines Baumganges , dicht vor ihm auf einer kleinen Lichtung erblickte er , kaum erkennbar , das geschweifte Dach des Theepavillons , und daraus scholl halblaut und doch deutlich , furchtbar deutlich , die Stimme Tonis ! “ „ Kurz und gut , ich sage es noch einmal , er hat Verdacht – sei vorsichtig ! “ Und ebenso deutlich klang die Antwort „ Zum Teufel auch , das ist peinlich ! “ Eine Eiseskälte überfiel Heinz , und dabei ein Reiz zum Lachen über sich selbst – den dummen guten anständigen Kerl , der er war . [ 224 ] Und was nun ? Was nun ? Hineinstürzen in dieses unselige Versteck ? Den Buben ins Gesicht schlagen , das Weib am Arm packen und jenem vor die Füße schleudern ? – Er hielt sich an dem Stamme der Weißbuche , neben der er stand – ihm schwindelte , er keuchte und ein Stöhnen rang sich von seinen Lippen . Mit Aufbietung aller Kräfte setzte er einen Fuß vor den andern , und am Pavillon angekommen , lehnte er sich , wieder schwankend , an den roh behauenen Eingangspfosten . Eine Gestalt trat ihm entgegen . „ Grellert ! “ stieß er hervor . „ Sie hier , Kerkow ? “ fragte die wohlbekannte näselnde Stimme zurück . „ Famoser Abend – wollen Sie nicht Platz nehmen ? “ Und gleichzeitig strich er ein Zündhölzchen an , das für ein paar Sekunden den kleinen Raum völlig erhellte . Er war leer , die in der Rückseite befindliche Thür offen . „ Grellert “ , sagte Heinz fast heiser , „ Sie sind ein Schurke ! “ „ Herr ! “ „ Ein Schurke – sage ich ! “ – wiederholte Heinz fast schreiend . „ Sie werden von mir hören , Herr Schloßhauptmann ! “ Heinz lachte laut und höhnisch und wandte ihm den Rücken . Er wußte später nie mehr , wie er sich nach Hause gefunden , er erinnerte sich nur , daß er gegen Morgengrauen noch immer in seinen Kleidern neben dem Bettchen des Kindes gesessen und immerfort den Gedanken in seinem Kopfe umhergewälzt hatte , was wird aus ihm , wenn es für mich schlecht ausgeht ? Hede ist ja da – natürlich ! Aber das arme , in abhängiger Stellung befindliche Mädchen noch mit der Sorge für das Krüppelchen belasten zu wollen das hieße grausam handeln . – Die Mutter würde es einfach vernachlässigen , und als Frau dieses gewissenlosen Bengels ? – – Es schüttelte ihn – – nur das nicht ! Das an Liebe so gewöhnte Kind durfte nicht verkümmern . Hinterlassen konnte er ihm natürlich nichts , gar nichts , und unter solchen Umständen einen Zweikampf ausfechten , einen mit geschärften Bedingungen ? Die Ehre will ’ s freilich so , ja , ja – ach diese alberne unverständliche Welt ! Das beste wäre , er nähme den Revolver und schösse zuerst das jammervolle kleine Geschöpf da und hinterher sich selbst tot . Aber nein , das wäre feige , und außerdem , es geht nicht , denn er hat kein Recht dazu ! Er erhob sich schwerfällig und ging ins Nebenzimmer an seinen Schreibtisch . Dort warf er ein paar Worte auf eine Karte , steckte sie in ein Couvert und adressierte es . Er wollte klingeln und sah auf die Uhr – es war noch viel zu früh , die erste graue Morgendämmerung drang eben durch die Fenster . Ihn fröstelte , er trat an den Liqueurschrank und nahm eine Flasche Cognak und ein Glas heraus , trank und streckte sich dann auf das Ruhebett neben dem Schreibtisch . Ein paarmal glaubte er , im Nebenzimmer leise Tritte zu hören , aber es mußte Täuschung sein ; Toni stand nicht vor zehn Uhr auf , auch konnte sie ja noch keine Ahnung haben . Dann kam eine bleierne Müdigkeit über ihn und er schlief ein . Mit heftig schmerzendem Kopf erwachte er , taumelte empor und blickte ins Nebenzimmer nach dem Bettchen des Kindes , die großen Augen lugten wach aus dem geduldigen blassen Antlitz verwundert zu ihm herüber . „ Papa “ sagte der Kleine , „ es ist schon so spät und ich bin hungrig , aber wenn du müde bist , warte ich noch . “ „ Nein , mein Herz , nur das Gesicht mit kaltem Wasser waschen dann öffne ich die Fenster und klingele um dein Frühstück . „ Kommst du dann mit mir in den Garten ? “ „ Ja , das heißt , heute nicht , mein Junge , ich habe nämlich – ich erwarte einen Besuch , aber dann , dann werde ich dich sogar in den Wald fahren , und dort wollen wir den ganzen Tag zusammenbleiben . Das Kind nickte befriedigt . Als Heinz die Schelle zog , die das Mädchen herbeirufen sollte , fiel sein Blick auf die Uhr , er erschrak – halb elf Uhr vorüber ! Grellerts Kartellträger hätte längst da sein müssen . „ Ist niemand hier gewesen , der nach mir fragte ? “ forschte er das Mädchen aus . „ Niemand , Herr Schloßhauptmann . Soll ich das Frühstück für Herrn Schloßhauptmann auch hierher bringen ? “ „ Nein “ , ich gehe hinüber . Bedienen Sie Heini heute ! “ „ Gnä Frau sind aber nicht zu Hause . „ Meine Frau ? Wo – “ „ Wir haben gnä Frau schon überall gesucht , und Frau von Gruber schickte schon um acht Uhr nach oben ; sie ist kränker geworden , aber gnä Frau war nirgends zu finden . Er war mit ein paar Schritten durch das Nebenzimmer geeilt und hatte die Thüre nach dem Salon aufgerissen . Die ganze Schwüle des gestrigen Tages , gemischt mit dem Geruch , der aus Blumenvasen quillt , die nicht täglich mit frischem Wasser gefüllt wurden , schlug ihm entgegen . Er durchmaß auch dieses Zimmer , gelangte von dort in die Eßstube und musterte den unberührten Frühstückstisch , und dann trat er in Tonis Schlafzimmer . Das Bett war unberührt ; in der roten Ampel unter dem Plafond brannte trübe ein Oellämpchen , dem Verlöschen nahe . Vor dem Toilettentisch lagen einzelne zusammengeknüllte Papierballen , die Schübe waren aufgezogen und in demjenigen , welchem die junge Frau ihren Schmuck anzuvertrauen pflegte , steckte der Sicherheitsschlüssel . Er trat näher und öffnete : die roten Juchtenetuis mit dem Namenszug der Besitzerin und der siebenzackigen Krone darüber waren verschwunden , statt dessen lag ein Brief da , an ihn adressiert . Mit der flüchtigen charakterlosen Schrift Tonis war geschrieben : „ Du wirst zugeben , daß es ein Blödsinn wäre , wenn Ihr Euch duelliertet . Ich habe daher Grellert gebeten , mit mir heute bereits abzureisen ; in einigen Wochen wäre es ohnehin geschehen , denn so konnte ich nicht weiterleben ! Grellerts Onkel ist ein sehr reicher Mann , wir gehen zu ihm nach New York . Er hat keine Kinder und seinen Neffen schon seit längerer Zeit inständig gebeten , herüberzukommen . – Für uns ist gesorgt , und Dir ist auch geholfen . Du bist frei . Ich scheide mit dem beruhigenden Bewußtsein , daß weder Du noch Heini mich vermissen werden . Nach gewisser Zeit werden wir geschieden sein , und dann wirst Du vielleicht auch noch glücklich – ich gönne es Dir . So leb ’ wohl , der Vorhang ist gefallen , das Trauerspiel unserer Ehe zu Ende . Daß es ein wenig plötzlich schloß , ist Schuld des Zufalls , der Dich gestern in den Park führte . Mache keine Thorheiten und versuche nicht , den Vorhang wieder aufzuziehen , dies meine letzte Bitte . Toni . “ Mit dem Briefe in der Hand trat er eine Stunde später an das Bett der alten pensionierten Hofdame . Sie lag mit starren Augen und hochroten Wangen und wand das spitzenbesetzte Tüchlein in den mageren Händen . „ Ach Heinz , Heinz , “ stotterte sie , „ ich hätte dich früher warnen sollen ! Ich hab ’ s ja schon längere Zeit gemerkt , aber man will doch so ungern zwischen Eheleute reden . “ „ Beruhige dich nur , Tante , “ sagte er beschwichtigend . „ Ich bitte dich , Heinz – was hast du unternommen ? Hast du telegraphiert ? Sie muß doch wiederkommen , und du mußt dich mit ihm schlagen ! “ „ Ein fahnenflüchtiger Offizier ist nicht mehr satisfaktionsfähig , “ sagte er hart , „ und ein davongelaufenes Weib nehme ich nicht wieder . “ „ Du bist verrückt , Heinz – so urteilt der Spießbürger , aber kein Edelmann ! Du mußt ihn fordern ! “ „ Nein – er mich ! “ Ich nannte ihn einen Schurken , als solcher geht er nun hinüber . – Es fällt mir nicht ein , einen trojanischen Krieg anzufangen um diese Frau , ich wünsche glückliche Fahrt ! “ „ Man wird alle Schuld auf dich wälzen ! “ schrie sie , „ man wird ’ sagen – “ „ Mögen sie ! Was geht übrigens die Menschen an , ob dem Kerkow die Frau davonläuft ? “ fuhr er bitter fort . „ Es wird schließlich ein jeder begreiflich finden – der Kerl ist ja halb verdreht , nächstens reif für das Irrenhaus ! Ein Teil menschenscheuer noch , ein Teil empfindlicher und mutloser wird er wohl noch werden , und wenn das Kind die Augen zuthut – dann – “ er hatte sehr leise gesprochen – „ Na , aber bis dahin hält man es aus , muß es aushalten . Guten Morgen , Tante ! “ Sie sah ihm nach mit großen angstvollen Augen , wie er in der Thür verschwand , ein Mann , ohne einen Funken Energie , zu nichts mehr fähig ! „ Meine Frau ist auf mehrere Woche verreist , “ sagte Heinz Kerkow zu den Dienstleuten . Um Mittag kam eine Depesche vom Regiment an Lieutenant [ 226 ] Grellert , mit dreitägiger Urlaubsbewilligung nach Bremen . Der Unteroffizier meldete es dem Herrn Schloßhauptmann , und auch , daß er vorläufig das Kommando übernommen habe . Heinz nickte stumm – was ging ihn die Reise des Lieutenant Grellert an , was das düpierte Regiment ! Als Heini nach Tische schlief , verschloß er selbst die Läden und die Thüren der Zimmer , die Toni bewohnt hatte , und legte die Schlüssel in seinen Schreibtisch , dann saß er am Fenster und schaute über die kleine Stadt hinweg , die noch nichts ahnte von dem neuen prächtigen Klatschstoff . Welche Lust ! Er sah sie bereits zusammensitzen , die Bierphilister am Stammtisch , sah das Stubenmädchen der Frau Oberamtmann in wehender , weißgestärkter Schürze mit Kaffee-Einladungen von Haus zu Haus eilen – so was mußte ja ausführlich besprochen , mußte gefeiert werden ! Etwas Interessanteres hatte es seit Menschengedenken nicht gegeben in Breitenfels : dem Schloßhauptmann von Kerkow war die Frau durchgebrannt mit dem Lieutenant der Schloßwache ! - Geschieht ihm recht ! Geschieht ihm recht ! Er lächelte vor sich hin . Was war aus ihm geworden ? Und plötzlich , ohne daß er es selbst wollte , flogen seine Blicke zu dem kleinen Hause hinunter , in dem Aenne May jetzt weilte , und das Lächeln verschwand . Würde auch sie lachen ? Er schüttelte den Kopf . Ach , und wenn auch – er brauchte es ja nicht zu sehen , nur den Frieden sollten sie ihm lassen ! Mochten sie alle lachen , mochte die Eine weinen über ihn , ihm war es recht , nur den müden Frieden sollten sie ihm lassen , der ihn in seiner einsamen Stube , in dem leeren Schlosse so wohlig überkam angesichts des schlummernden Kindes – den müden Frieden , der sich wie ein linder Balsam über seine wunde Seele senkte . [ 241 ] Hede Kerkow pochte den folgenden Morgen an das Zimmer des Oberförsters . Auf sein „ Herein ! “ kam sie über die Schwelle mit blassem verstörten Gesicht . „ Herr Oberförster , ich habe eine Bitte , “ begann sie , „ dieselbe ist eigentlich unbescheiden , aber verzeihen Sie mir angesichts der großen Verlegenheit , die mich zwingt , sie auszusprechen ! “ Der große Mann hatte sich vom Schreibtisch erhoben und schaute betroffen seine Hausdame an , deren feines Gesicht weiß wie eine Kalkwand war und deren Augen tief eingesunken schienen . „ Sie haben doch nicht eine Trauernachricht bekommen ? “ fragte er , an die Schwester im Irrenhause denkend . „ Aber bitte , setzen Sie sich doch , Fräulein Hedwig ! “ „ Danke ! “ sagte sue , „ Eine Trauernachricht , ja ! Sie wissen , Herr Oberförster , wie gern ich in Ihrem Hause allezeit gewesen bin und daß es mir sehr schwer wird , die Kinder verlassen zu müssen , aber ich muß Sie bitten , mir zu erlauben , daß ich sobald als möglich meine Stellung hier aufgebe – ich muß zu Heinz . “ Der Oberförster , der am vorhergehenden Tage in aller Herrgottsfrühe ausgewandert und erst nach zehn Uhr abends zurückgekehrt war , hatte thatsächlich keine Ahnung von irgend welcher [ 242 ]  Katastrophe , von der erst im Lanfe des geswigen Abends unbe ^ fammte Gerüchte die Luft zu durchschwirreu begauneu und die wahrscheiulich erst beim heutigen Frühschoppeu genauer den er ^ regten Gemütern in Breitenfels bekannt werden würde . , ,Frän leiu Hedwig , Sie fehen mich anßer ftande , etwas zu erwidern , stotterte er , , , was ist denn geschehe ? Ueber Hede Kerkows Gesicht flackerte die duukle Röte ver . letzteu Stolzes . Sie fetzte ein paarmal zum Sprecheu au , dauu schwieg fie , uud endlich brachte sie kaum hörbar die Worte her . vor . , ,Taute Gruber schreibt mir foebeu , daß meiueu Bruder ein neues Uuglück betrosse hat- seiue Frau hat ihn verlassen Er autwortete uicha Nach eiuem Weilcheu sagte er ruhigt , ,Die Pslicht gegen den Bruder und sein krankes Kind geht allem vor ^ bitte , verfügen Sie ganz frei über fich , Fräulein von Kerkow ! Sie hob den Blick uud sah ihn au . Es lag etwas Wuuder . liches in ihren Augeu , aus denen das klare Schmerzeuswasser fich Dropfeu um Dropse dräugte , etwas Borwurfsvolles , als thäte ihr die rasche Gewährung der Bitte weh . Er sah es uicht , er hatte deu Kopf halb abgeweudet uud blickte durch die Scheibeu auf die Straße . , ,Ich dauke Ihueu , stammelte fie . , ,Machen Sie sich keine Sorgen um uus , fprach er weiter , , , Karoliue hat viel gelerut von Ihueu , Agnes ist faft erwachfen , uud - , ,Sie werden ja leicht einen Erfatz fiudeu , ergäuzte fie . Er antwortete wieder nicht . . , ,Ich will dem Mädchen die nötigen Anweifungen geben fügte sie mit fefter Stimme hinzu , , , dann mache ich von Ihrer Erlaubuis Gebranch uud gehe hiuauf zu meiuem Bruder . Sie ueigte erufthaft den Kopf , uud schon nach wenigen Mi. nuteu faeg sie den Schloßberg empor . Ohne sich bei Frau vou Gruber des nähereu zu erkuudigeu , ging sie stracks in die Woh . nung ihres Bruders . Es war Regeuwetter hereingebrochen , uud er befaud sich iu . folgedeffeu mit Heiui in feiuem Erkerzimmer . Das Kiud lag auf dem Ruhebett in Decken und Dücher gewickelt , war nerväs uud ungeduldig , es haUe erfahreu , daß die Mutter uie wiederkomme uud daß der Vater darum traurig fei . Das geuügte , das Gleich . gewicht des armeu kleinen Kopfes völlig zu zerftöreu . Das krauke Kerlcheu weinte bald plötzlich laut heraus , bald war es unartig , um gleich hiuterher mit rühreuder Samme um Verzeihung zu bitte , uud das trübe Wetter fiel ihm volleuds auf die zarteu Nerveu . Hedes Auklopfeu war überhört worden Heiui schluchzte gerade so laut . Heiuz kuiete vor dem Lager feines Kindes und . redete ihm zu , als plötzlich Hede vor ihueu ftaud . , ,Da bin ich , Heiuz , sagte sie einfach , , , und wenn du mich gebrauche kauuft , bleibe ich gleich hier . Sie hielt ihm die Haud hin , er legte die seine hinein , uud Heiui hörte auf zu weiuen Sprecheu thateu die Geschwifter kein Wort . Nach einer laugeu Paufe , währeud welcher sie dem Kleiueu immer wieder die heruuter . salleudeu Bausteine aushob uud Heiuz im Zimmer auf uud ab schritt , fragte er fteheu bleibend .. , ,Kauuft du deuu gleich so ohne weiteres fort , Hede ? , ,Ia ! sagte sie dumpf . , ,Aber es wird dir gewiß schwer ? , ,Du bist doch meiu Bruder , meiu Eiuziger auf der Welt ! Sie sah ihn nicht an dabei , erhob sich uach eiuem Weilcheu uud giug in die Küche , um Auorduungen zu treffen uud von da zu der kraukeu Daute Gruber , die sie seit lauger Zeit nicht besucht hatte . Die alte Dame empfing sie feufzeud uud ftöhueud . , ,Du bleibft jetzt uatürlich bei ihm , Hede ? endete ihr langer Klagenerguß . , ,In Daute ! , , Kauuft du deuu gleich ? Du bist doch in einer Art Miets ^ verhältuis , uud folche Leute uützeu ihre Macht geru aus - , ,Solche Leute ? Welche Leute ? , ,Der Oberförfter . der Parveuu ! Wenn sie weiter nichts Gutes hat , diese fatale Durchbreungeschichte , das wenigstens hat sie , daß du aus dieser untergeordneten Stellung kommst . Also - er er . laubt in Guadeu , daß du sosort zu Heiuz gehst ? Alles mögliche ! Iu Hedes Augen erstarrte der seuchte Schimmer , aber sie erwiderte kein Wort . , ,Hast du noch irgend welche Wünsche , Dante ? fragte sie kühl . , ,Nein , jammerte die alte Frau aus den weiße ^ Kisfen heraus , , , nur Heiuz follte vernünftig fein , sollte wenigstens fo i thun , als ob er rafend wäre über diesen Menschen , diesen Grellert , sollte so thuu , als ob seiue Forderung ihn nicht mehr erreicht häae , oder von ihm iguoriert würde . Er blamiert sich ja nat feinem refignierten Stillhalten . , ,Weil er sich nicht geschoffen hat mit dem ehrlofen Men . schen- dieser Frau wegeu ? fragte das Mädcheu mit zuckenden Lippen . , ,Na , gottlob , Dante , dazu ist er zu veruünftig - er denkt an feiueu hilflofeu Sohn , ,Sie hätten ja in die Luft schießeu köuueu ! rief die alte Dame . Hedwig zuckte die Achfeln . , ,Was kann Heinz dafür , wenn Grellert durchbrennt , ehe noch die Forderung geftellt werden konnte ? Mein Bruder hätte ficher das Seiuige gethau , um diefer leider noch immer festgehaltenen Sitte zu geuügeu , die ich sür eiu Verbrechen für ein Gottverfucheu ausehe . Frau von Gruber wars ihr einen böfeu Blick zu . , ,Das kommt davou , wenn man jahrelaug mit Plebejeru verkehrt , fagte fie , den Kopf zur Seite wendend . Hedwig giug . Ihr war das Herz sehr schwer , und während fie Anordnungen für ihre Ueberfiedlnug traf , weiute sie eine falle Dhräue um die andere . Sie fand nicht den Mut , noch eiumal uuteu in die Augen der Kiuder zu feheu , um Abschied von ihueu zu uehmeu , die sie so eilig verließ uud die sie so lieb gewounen hatte . Daß ihr auf so ruhige , fachgemäße Weise das Scheiden erlaubt werden würde , hatte sie nicht gedacht , sie hatte gemeint , wenigstens ein Wort des Bedauerns zu höreu . Hiuterließ denn ihr Gehen keine Lücke ? Galt deuu ihr treues Walteu als so wefeulos ? Sie warf plötzlich den Kopf empor , ein harter , ftolzer Zug erschien um ihren Mund - sie hatte wieder einmal die bitterfte Erfahrung gemacht , hatte an ein wenig Dankbarkeit geglaubt uud - , ,Gieb mir .meiu altes Zimmer , in dem ich damals wohnte , i bat sie Heinz , der eben eintrat . , ,Und das Kind nehme ich felbft . verständlich mit herüber zu mir ^ dich ftört es , du mußt Schlaf habeu , Heinz . , ,Das Kind ? Nein ! sagte er ruhig , , , Heiui bleibt bei mir . Sie sah ihn groß au , schluchzte ein paarmal , aber sie schwieg . , ,Hede , uimm ' s nicht übel , bat er . , ,Ich bin traurig , daß ich dir nichts nützen kann , Heinz ! , ,Dn kannst ' s , und du follft fedeusalls hier bleibeu , Hede . Du hättest schou immer hier bleiben müssen , es war ja aber leider fo - na , du weißt es . , ,Hier sein müfseu ? Als Müßiggäugerin ! Das fehe ich nicht ein , antwortete sie bitter . Sie kämpfte noch mit fich , Heiuz fah , sie wollte etwas fagen , aber dann wandte sie sich rasch ab uud ging hiuaus . Am liebste wäre sie sosort wieder in die Obersörsterei ge . flüchtet , alleiu das lia ihr Stolz uicht . Man würde sie ja gar nicht vermisse ! - Die Karoliue habe viel von ihr gelernt - die Aelteste sei fast erwachsen - so sagte er ja , der große gelassene Mann . Sie war am Ende schon seit langer Zeit ein überflüffiges Ding gewesen , . man haae sie nur aus Gewohnheit behalten ? Sie ging in die leere , schlecht gelüftete Stube , in der noch uichts darau gemahute , daß sie wieder hier wohnen follte , schloß dieDhür hiuter sich ab uud grübelte über ihr armes , inhaltsleeres Dasein , das in seiner ganzen Nacktheit uud Oede wieder vor ihr ftaud , uachdem es ihr ein paar Jahre laug ganz freundlich erschienen war . Alles erborgter Schimmer , den sie für echt genommen ! Sie konnte sich nicht erinnern , daß ihr je biaerer zu Mute geweseu - - Uud währeud die Beteiligte fall in dem ^ alteu Schlosse ihrem Kummer nachhangen , war ganz Breitenfels in Aufregung über das Geschehnis . Die widersprechendsten Gerüchte tauchten auf . Die einen sagten , der Schloßhaupauauu habe seine Fran schon seit Jahren schlecht behandelt , die andern , sie sei mit seiner Erlaubuis davongegangen , nur weuige entschuldigten ihu uud klagten die Entflohene an , aber sie drangen nicht durch . Die Wohuftube der Frau Mediziualrat war vielleicht die eiuzige , in