so ohne Schutz ; denn er , er liebte sie ja nicht . „ Lieschen ! “ jubelte da eine helle Stimme , und in Thränen ausbrechend schlang Nelly die Arme um ihren Hals . „ Lieschen ! Schwester Lieschen ! “ Sie duldete die Küsse ; es flog wie ein flüchtiger Sonnenstrahl über ihr Gesicht , und dort oben , auf der Schwelle der alten traulichen Wohnstube breiteten sich ein Paar Arme nach ihr aus und umschlossen sie fest und fester , und einige Liebesworte tönten in ihr Wort . „ Meine liebe Mutter , “ flüsterte sie und beugte sich auf die schmale Hand , „ ich will Dir gewiß immer eine gehorsame Tochter sein und – und dem Army eine treue Frau . “ Das Letzte klang stockend und leise . „ Du verzeihst einen Augenblick , Lieschen ; ich will Großmama unseren Besuch anmelden lassen , “ sagte Army . Sie neigte bejahend den Kopf , und er ging , um gleich darauf schweigend zurückzukehren . Das Herz pochte ihr stürmisch ; unwillkürlich faltete sie die Hände , während sie in jähem Wechsel erröthete und bleich wurde , und mit einem Male stand Alles , was die stolze alte Frau ihr angethan , wie mit Flammenschrift vor ihrer Seele , und dann tauchte ein holdes Bild vor ihren Augen auf – Großtante Lisett und ein frühes Grab auf dem Kirchhof da drüben . „ Die Frau Baronin bedauern ; sie haben Kopfschmerzen heute und können Niemand annehmen , “ schreckte Sanna ’ s Stimme das junge Mädchen aus ihren fieberhaften Gedankengängen . „ So lasse ich bitten , mir für morgen eine Stunde zu bestimmen , wann ich mit meiner Braut einen Besuch machen darf . “ Das klang scheinbar ruhig , und doch blitzten Army ’ s Augen drohend zu dem alten Mädchen hinüber , deren Blick beinahe gehässig auf der jungen Braut ruhte . Diese hatte sich unwillkürlich höher aufgerichtet ; Nelly ergriff ihre Hand und streichelte leise ihre Wangen . „ Mama , “ begann Army und nahm in dem Sessel neben seiner Braut Platz , „ mein Schwiegervater läßt Dich um eine Unterredung bitten , und es wäre sehr liebenswürdig von Dir , wenn Du heute Abend mit Nelly zur Mühle kämst , um gemeinschaftlich unsere – “ „ Gewiß , Army , gewiß ! Ich wäre so wie so heute noch mit Nelly gekommen , vorausgesetzt , daß das Wetter es erlaubt . “ „ Die Frau Baronin können durchaus keine Zeit bestimmen , lassen aber den Herrn Lieutenant heute Abend auf einen Augenblick zu sich bitten , “ lautete der Bescheid , den die zurückkehrende alte Dienerin jetzt überbrachte . „ Es thut mir leid , Sanna , ich bin heute Abend begreiflicher Weise nicht disponibel , da wir unten in der Mühle unsere Verlobung feiern – hörst Du , Sanna , in der Mühle unten ! Es thäte mir ferner leid , Sanna , daß die Frau Baronin Kopfschmerzen hat und wir somit ihrer Gegenwart bei der Feier entbehren müssen ; im Uebrigen lassen wir – das Brautpaar – uns empfehlen und gute Besserung wünschen . “ „ Si , Signor ! “ zischte die Alte und verschwand . Es blieb still ; Army schritt im Zimmer auf und ab ; seine Mutter hatte das junge Mädchen neben sich auf ’ s Sopha gezogen und hielt ihre Hände fest in den ihren . Ach großer Gott ! Es war doch furchtbar schwer – das Bewußtsein ihrer drückenden Stellung überkam sie plötzlich mit der ganzen Wucht ; sie meinte erliegen zu müssen , wenn der Vater erführe , daß die Großmutter ihres Bräutigams sie nicht einmal hatte sehen wollen , und nun gar die Muhme ! Doch sie hatte es nicht besser gewollt ; sie würde nie klagen , hatte sie versprochen . Ja , wenn er sie wenigstens lieb hätte , dann – – „ Ich muß nach Hause , “ sagte sie aufstehend ; es war ihr zum Ersticken schwül zu Muthe . „ Warum so eilig ? “ fragte Army . „ Ich – ich möchte zu Hause Bescheid sagen , daß Mama und Nelly kommen , “ stammelte sie . Er nahm seine Mütze . „ Bleib ’ doch noch hier ! “ bat sie ängstlich , „ ich kann ganz gut allein gehen ; komm doch nachher mit Deiner Mutter ! “ Er zuckte ungeduldig die Schultern . „ Adieu Mama , auf Wiedersehen , adieu Nelly ! “ rief er , während Lieschen , den Schleier vornehmend , mit abgewendetem Gesicht ihnen die Hand reichte . Draußen toste noch immer das Wetter , und wieder gingen sie schweigend neben einander . „ Du bist zu leicht angezogen , “ sagte Army und nahm den Mantel ab , um ihn ihr über die Schultern zu hängen . „ Nein , mich friert gar nicht – ich danke wirklich . “ Er hing den Mantel über den Arm und schritt neben ihr weiter . „ Der Weg ist beinahe grundlos , “ begann er nach einer Weile , „ wir müssen übrigens gleich an die Stelle kommen , wo der Mühlbach etwas übergetreten ist – warte ! Da sind wir schon ; ich möchte sehen , ob nicht ein Pfad dort drüben durch das Gebüsch führt . “ Sie sah in der graue Dämmerung seine schlanke Gestalt , die suchend jenseits des Weges ging ; dann kam er zurück . „ Es geht nicht ; das Wasser steht zu beiden Seiten beinahe schuhtief ; ich trage Dich hinüber . “ „ Nein , “ rief sie zurückkretend , „ nimmermehr ! “ „ Warum nicht ? “ „ Weil ich nicht will , daß Du Dich um meinetwillen im Geringsten bemühst ; mir schaden nasse Füße nichts , gewiß nicht ; wir sind ja gleich zu Hause . “ Er antwortete nicht , und die Dunkelheit verbarg seine aufflammende Röthe , sie fühlte sich aber gleich darauf von starken Armen emporgehoben und hinübergetragen . „ Du mußt mir das schon zu Gute halten , “ klang es kühl und bitter in ihr Ohr , als sie wieder auf festem Boden stand . „ Eine Dame kann unmöglich diese Stelle ohne Hülfe passiren . “ Der Rest des Weges wurde schweigend zurückgelegt . Als sie in den Hausflur traten , lugten die neugierigen Gesichter der Mädchen aus der Küche , und die Muhme kam ihnen entgegen . „ Ist das ein Wetter ! “ meinte sie freundlich und öffnete ihnen die Thür zur Wohnstube . „ Guten Abend , Muhme , “ sagte Army und faßte nach ihrer Hand , aber die alte Frau zog sie merkwürdig eilig zurück . „ Gehen Sie immer hinein , Herr Baron ! “ bedeutete sie kühl . „ Lieschen kommt schon nach ; ich hab ’ ihr erst noch etwas zu sagen , und Sie werden ja noch so mancherlei mit Ihrem Herrn Schwiegervater zu besprechen haben . “ Sie zog das junge Mädchen an der Hand fort in ihr Stübchen . [ 842 ] „ Wir bekommen Besuch , Muhme , “ sagte diese ; „ Peter soll Army ’ s Mutter und die Nelly mit dem Wagen abholen . “ „ Schön werd ’ es bestellen . “ Die alte Frau ging hinaus , und als sie wieder eintrat , fiel der flackernde Scheiu der Lampe , die sie trug , auf ein ganz verweintes Gesicht , das vorhin die Dämmerung verdeckt hatte . „ Du hast geweint , Muhme ? “ fragte Lieschen und beugte sich zu ihr hinunter . „ Nun ja , Kind , das kommt so – laß ’ nur ! Ich wollte Dir heute Abend ein paar Worte sagen , weil doch Dein Verlobungstag ist . “ Sie stellte die Lampe auf den Tisch und trat zu dem jungen Mädchen . „ Sieh , Lieschen , ich hab ’ immer gemeint , er würde einmal fröhlicher werden , dieser Tag , und hab ’ gemeint , Du würdest einmal eine weniger blasse Braut sein . Es ist Dein Wille , Kind , Du sagst ja auch , Du bist glücklich , und hast den Eltern die Einwilligung auf den Knieen abgebettelt , aber mich , Lieschen , mich konntest Du nicht täuschen ; ich weiß es ganz genau , wie es in dem armen kleinen Herzen da aussieht , und das thut mir so jammervoll weh ; ich könnte schier vergehen vor Herzeleid . “ Sie wandte sich um , ging zur Kommode , zupfte die Decke zurecht und schob die Kasten auf und zu , und dabei liefen ihr die Thränen aus den Augen und fielen auf die alten Hände ; Lieschen stand noch schweigend mitten im Zimmer . „ Daß Du so still bist , Kind , und so starr , “ sagte die Alte und trocknete sich die Augen , „ das kann mich so angst machen ; sprich doch , mein Herzel ! Es wird Dir leichter darnach . “ „ Was soll ich denn reden , Muhme ? Ich habe ja nichts , wovon ich gern sprechen möchte , “ erwiderte sie . „ Komm einmal her zu mir , Liesel ! “ bat die alte Frau , „ versprich mir eins ! Wenn er jemals vergessen sollte , was Du für ihn gethan , wenn er jemals unfreundlich zu Dir ist und ich lebe noch , Kind , dann komme zu mir ! Dann werde ich mit ihm reden , und zum zweiten Male versucht er es nicht . “ Sie lächelte nur . „ Aengstige Dich doch nicht , Muhme ! “ „ Und die alte Baronin , Kind , hast Du sie gesprochen ? “ „ Nein , Muhme , ich glaube , sie will mich nicht sehen . “ Die alte Frau fuhr heftig auf , und ihr gutes Gesicht sah einen Augenblick unbeschreiblich bitter aus ; sie hatte eine derbe Rede auf den Lippen , aber ein Blick auf das bleiche Mädchen vor ihr ließ sie verstummen . „ Lieber Gott ! “ murmelte sie nur , „ und das Alles , ohne Liebe ! “ Und wieder füllten sich ihr die Augen mit Thränen . Draußen fuhr eben der Wagen dröhnend über die Brücke , der die Damen von dem Schlosse holen sollte , zu gleicher Zeit aber wurde auch die Hausthür geöffnet ; lautes Sprechen erschallte , und dann Dörte ’ s bedauerlicher Ausruf : „ Ach du lieber Gott ! Ach Jesses ! “ „ Das war doch der alte Thomas aus der Pfarre , “ sagte die Muhme und öffnete die Thür . Richtig , da stand der alte krumme Mann , und die Mütze , die er in der Hand hielt , triefte vom Regen , und Dörte rief der Muhme entgegen : „ Ach hören Sie doch nur , das Karlchen von Pastors ist gestorben , vorhin ; ach Gott , wie mir das doch leid thut ! “ „ Der Karl ? “ fragte Lieschen und stand plötzlich neben dem alten Boten , „ der Karl ? “ „ Ja , Fräulein , um sechs Uhr ist er eingeschlafen ; ach , Fräulein Liesel , die arme Mutter und der Vater ! Es war so ein prächtiger Junge ; Gott , ist das ein Jammer da unten ! Sie glauben ’ s gar nicht . “ Das junge Mädchen war noch in Mantel und Hütchen . Ohne sich zu besinnen , schritt sie der Hausthür zu . „ Wo willst Du hin , Kind ? Kind , bei diesem Wetter ! “ „ Ich gehe zu Onkel Pastor , Muhme , laß mich – bitte ! “ Und schon stand sie wieder in dem tosenden Wetter und kämpfte gegen den Wind , um vorwärts zu kommen . Die Rufe der alten Frau verhallten im Sturme , und über ihr bogen sich die Zweige der Erlen am rauschenden Mühlbache in wildem Kampfe . Da kam ihr ein Wagen entgegen ; sie trat zur Seite und ließ ihn vorüber , und dann setzte sie desto rascher den Weg fort . Ihr schien es eine Wohlthat , dieses tobende Wetter ; es war ja eine Qual , im geschützten Zimmer zu sitzen neben ihm ; es sah aus wie ein Bild des süßesten Glückes , und es war doch kein Schatten davon ; er liebte sie nicht ; er hatte sie nur ihres Geldes wegen begehrt . Das Gefühl freudiger Aufopferung , mit der sie ihm ihre Hand geboten , verschwand vor dem Demüthigenden , was sie erlitten , und er selbst , der das Opfer angenommen hatte , was that er , nur die Demüthigungen zu versüßen ? War es denn so schwer , ihr guter Camerad zu sein ? Wie wild die alte Linde ihre Aeste schüttelte , und wie rasch die Wolken dahin jagten am dunklen Himmel ! Und dort unten im Dorfe , im Pfarrhause , da wurden Thränen geweint , bittere , heiße Thränen – wer doch auch weinen könnte ! Aber sie wollte nicht , sie wollte ja nicht , daß die Leute sie so mitleidig ansähen , Vater und Mutter und gar die Muhme , selbst Dörte und Mine – nein , das war schrecklich , das konnte sie nicht ertragen . Tönten da nicht eilige Schritte hinter ihr ? Ja , und jetzt der Ruf „ Lieschen ! Lieschen ! “ Sie stand still , das war ja seine Stimme , wenn sie jetzt ihm entgegen gehen , sich an seinen Arm hängen könnte , wenn er sagte : „ Ich habe mich um Dich geängstigt , deshalb komme ich , “ aber nein , gewiß hatte ihn der Vater nachgeschickt , oder er wäre vielleicht Jeder gefolgt , er würde in diesem Sturme keine Dame haben allein gehen lassen . „ Aber Lieschen , ich bitte Dich , “ klang jetzt seine Stimme , „ wie kannst Du in solchem Wetter ausgehen ! Die Eltern ängstigen sich halb todt um Dich ; hier ist ein Tuch von der Muhme , und warte , der Wagen muß gleich kommen ; ich habe gesagt , daß er unverzüglich nachgeschickt wird . Bist Du noch immer die kleine leichtsinnige Liesel , deren gutes Herz in lichtlohen Flammen steht bei fremdem Unglücke ? “ fragte er , ihr das Tuch umwerfend . Sie lächelte bitter . „ Pastors sind keine Fremden für mich ; sie gehören ja wie zu unserer Familie . “ Er erwiderte nichts auf den harten Ton , und jetzt kam auch schon der Wagen heran und hielt dicht vor ihnen . „ Darf ich Dich begleiten ? “ fragte er , ihr beim Einsteigen helfend , „ oder ziehst Du es vor allein zu fahren ? “ Sie wollte das Letztere bejahen , aber dann fiel ihr Blick auf ihn ; er war nur im Waffenrock ohne Poletot . „ Ich will nicht , daß Du Dich meinetwegen erkältest , “ sagte sie tonlos , „ bitte , nimm Platz ! “ Nach kurzer Fahrt hielt der Wagen ; Lieschen stieg allein aus und trat in die Pfarre ; es war dunkel im Flur und still rings umher ; sie tappte sich zur Thür der Wohnstube und klopfte . Fast unheimlich laut hallte es wieder , aber kein freundliches Herein ! ertönte . Ein unerklärliches Bangen überkam sie hier im Hause des Todes , aber muthig tastete sie sich vorwärts . Da war die Treppe und jetzt , hier oben rechts , das Studirstübchen ; leise klopfte sie ; wieder keine Antwort , aber durch den Spalt schimmerte Licht – sie öffnete die Thür und lugte hinein ; da saß der Onkel Pastor am Tische , das Gesicht in den Händen geborgen , und vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel . „ Onkel Pastor ! Onkel Pastor ! “ rief sie aufschluchzend und barg den Kopf an seiner Schulter . „ Liesel , Du gutes Kind ! Ja , es ist schwer über uns gekommen , “ sagte er ernst und strich ihr über die feuchten braunen Flechten , „ und Du bist in dem Wetter hergegangen ? Wie gut das von Dir ist ! Nicht wahr – unser Karl . Lieschen , unser hübscher wilder Junge – o , es ist schwer , nicht zu murren gegen Gott . Meine arme Rosine ! Er war ja ihr ganzer Stolz . “ „ Ach Onkel , Onkel ! “ schluchzte sie in heißem Schmerz , „ wie ist das Leben doch so traurig , so schwer ! “ „ Du hättest nicht kommen sollen , gutes Kind , “ flüsterte es an des Mädchens Ohr , und die kleine Fran mit den nassen , gerötheten Augen , die eingetreten war , hob ihr den Kopf auf und küßte sie . „ Es regt Dich auf , und Du könntest krank werden . “ „ Soll ich den Karl nicht noch einmal sehen ? Bitte , Tante ! “ sagte sie noch immer schluchzend . Und nebenan in der Kammer , da lag ein blasses Knabengesicht in den schneeweißen Kissen ; leise trat sie hinzu und sah in die lieben wohlbekannten Züge – wie oft hatte der Mund da „ Tante Lieschen “ zu ihr gesagt , wie oft hatten die großen Augen sie lachend angeschaut , und nun so still , so stumm ! Die kleine Frau preßte wieder das Gesicht in die Kissen des Bettchens , und der Vater stand auf der anderen Seite und schaute auf das , was ihm noch geblieben von seinen stolzesten Zukunftsträumen . Lieschens Thränen aber hörten auf zu fließen ; es webte so ein wundervoller Friede um des Kindes Antlitz vor ihr – wie schön mußte es sein , so süß zu schlafen , mit solch glücklichem Lächeln , ohne das Weh des Lebens erfahren zu haben ! [ 843 ] „ Weine nicht , Tante ! Er schläft so ruhig ; er sieht so glücklich aus . “ Dann wandte sie sich langsam zum Gehen . Im Stübchen blieb sie stehen . „ Onkel , “ sagte sie leise und legte die kleine Hand auf seinen Arm , „ darf ich Dir wohl in dieser Stunde mit einer Frage kommen ? “ „ Zu jeder Zeit , auch jetzt , mein Lieschen ! Ahne ich recht , wenn ich meine , es handelt sich um Dich und Army ? Es ist mir heute etwas davon zu Ohren gekommen “ „ Ja Onkel , und ich kann nicht so fortgehen , ohne daß Du mir gesagt hast , wie ich handeln muß . “ Sie setzte sich auf das kleine Sopha . „ Der Vater verweigerte sein Jawort , “ fuhr sie fort , „ und die Muhme sagte , die Verbindung mit Army sei mein Unglück , Onkel , weil er nicht an mich , weil er nur an mein Geld dabei denke , und der Vater rief meinen Mädchenstolz an . – Zuerst fügte ich mich ihm ; es war ein so furchtbares Gefühl das zu erfahren , ich wollte auch stark sein , Onkel , aber dann – dann kam seine Mutter und jammerte , er wolle fort nach Amerika , und da , Onkel , da trieb es mich hin zu ihm , und ich bat ihn , nicht fortzugehen ; ich war halb wahnsinnig vor Angst und Schmerz . Er sollte mich doch als guten Cameraden betrachten , habe ich ihm gesagt . Und dann hat der Vater eingewilligt , weil ich ihn so sehr bat ; auf den Knieen habe ich gelegen , Onkel – ich wäre ja gestorben , hätte Army fortgemußt nach Amerika , und ich hätte nicht Alles versucht ihn zu retten ; Army weiß nicht einmal , welche Kämpfe es gekostet hat . Und jetzt wird es mir so namenlos schwer , wenn ich neben ihm stehe ; bei jedem Schritt an seiner Seite thut mir das Herz weh , und da regt sich der Stolz in mir , daß ich zwar seine Braut bin , aber die ungeliebte . Ach , Onkel , ich bin so unglücklich ! “ Sie brach in Thränen aus und barg den Kopf in die Kissen des Sophas . „ Liebes Kind , “ sagte der geistliche Herr und streichelte ihr leise über das volle Haar , indem er sich neben sie setzte und ihre Hand ergriff , „ mir fällt da ein Sprüchlein aus dem Stammbuch meiner Rosine ein ; ihre alte Großmutter schrieb es ihr hinein , da sie , ein junges Mädchen , aus dem Vaterhause ging , um in der Fremde als Erzieherin ihren Lebensunterhalt zu erwerben . ‚ Wenn Du einmal im Zwiespalt bist mit Deinen Gefühlen , mein geliebtes Kind , und Gekränktsein und verletzte Eitelkeit kämpfen mit der Neigung zum Verzeihen , zum Lieben , dann laß die Liebe triumphiren , selbst um den Preis gedemüthigt zu erscheinen ! Das Herrlichste , das Schönste , was eine Frau zu thun vermag , ist zu lieben , immer zu lieben , ob ihr gleich weh geschah . ‘ Habe Geduld , Kind ! “ fügte er hinzu , als das Mädchen ihn mit thränenerfüllten Augen anblickte , „ er hat erst eben eine bittere Enttäuschung erlebt , und das Bewußtsein einen Schritt zu thun , der von keiner Seite zu seinen Gunsten ausgelegt werden wird , mag Marterndes genug für ihn haben . Er wird das überwinden , Dir dankbar sein , daß Du ihn vor Schande und Noth gerettet hast , und eines Tages entdeckst Du ein Fünkchen von Liebe für Dich in seinem Herzen , das , mit Demuth und Schonung , mit nimmermüdem Freundlichsein gehegt und gepflegt , dereinst noch zur hellen Flamme auflodert . Aber hüte Dich , daß Du den schwachen Funken nicht erstickst durch Empfindlichkeit , gehe mit ihm um wie mit einem kranken Kinde ! “ Lieschen war aufgestanden . „ Ich danke Dir , Onkel , “ sagte sie leise , „ und nicht wahr , Du beruhigst auch die Eltern , daß ich noch glücklich werden kann , und die Muhme ? Ich will freundlich zu Army sein und nachsichtig , und will meine Empfindlichkeit bekämpfen . Ach , wenn nur der Vater mir und dem Army nicht böse sein wollte ! Er ist so finster und so trübe ! “ „ Es ist schwer für ihn , Kind , die Sorge fahren zu lassen ; Du bist seine einzige Tochter , und Du trittst in so verwickelte Verhältnisse , in eine ganz andere Sphäre . Mach ’ ihm keinen Vorwurf , wenn er die Stirn in Falten zieht , und ebenso wenig der Muhme ! Die alte Frau hat Dich so lieb . Sie werden wieder heiter blicken , wenn sie Dich zufrieden sehen an Army ’ s Seite , und das liegt in Deiner Hand – Du liebst ihn , und Du weißt : die Liebe duldet Alles ; sie erträgt Alles , und sie hoffet Alles – “ „ Das ist das rechte Wort , Onkel , “ sagte sie mit aufleuchtendem Blick und reichte ihm die Hand ; „ ich will es wahr machen jetzt , Leb ’ wohl , Onkel ! Ich komme morgen wieder , und – – ach , lieber , lieber Onkel , dem Karl ist soviel Schmerz erspart geblieben ! “ Draußen vor dem Wagenschlag stand Army ; er half ihr einsteigen und nahm neben ihr Platz . Wieder fuhren sie schweigend in die Nacht hinaus . „ Army , “ sagte sie plötzlich und legte ihre Hand auf seine Schulter , „ ich war wohl verstimmt und unfreundlich ? Verzeihe mir – ich komme eben aus einem Sterbehause – “ Er nahm ihre Hand in die seine und wandte sich zu ihr . „ Ich habe eine Bitte an Dich , “ fuhr sie fort , ehe er antworten konnte , „ Du weißt , mein Vater gab nur schweren Herzens die Einwilligung zu unserer Verbindung . Verzeih ’ ihm , Army ! Ich bin ja sein einziges Kind – hilf mir die Wolken von seiner Stirn verscheuchen ! Thu ’ ein wenig , als ob Du mich lieb hättest , und laß ihn glauben , daß Du glücklich wärst ! Ich will es auch – ich bin es ja auch , “ setzte sie leise hinzu . Er antwortete nicht . „ Willst Du , Army ? “ fragte sie zögernd . Schon rollte der Wagen über die Mühlenbrücke und an dem Geschäftshause vorbei ; er fuhr um die kahlen Linden und hielt jetzt vor der Hausthür . Army hielt den Kopf abgewandt und blickte zum Fenster hinaus . Die Dörte mit der Laterne kam eben aus der Thür und riß den Wagenschlag auf ; er sprang hinaus und bot Lieschen die Hand zum Aussteigen ; es lag ein Zug tiefster Rührung auf seinem Gesichte . – So thun sollte er , als ob er sie liebte ! Und wenn er ihr jetzt sagte : „ Mein Herz schlägt Dir wirklich in warmer Neigung entgegen , Dir , Du Anmuthige mit dem reinen Gemüthe ; ich fühle ein Wehen des Friedens in Deiner Nähe , das mir die Wunden einer unruhigen und unseligen Leidenschaft mit sanftem Hauche kühlt , “ – würde sie es glauben ? Das war ja eben das Elend – er hatte ihr Vertrauen verloren – Er sah zu ihr auf – er wollte ihr antworten : was ? Ja , das wußte er im Augenblicke nicht zu sagen , und da bog sich schon in dem schaukelnden Lichte der Laterne ein reizender Kopf aus dem Wagen ; die kleine Pelzmütze saß etwas schief gerückt auf den üppigen braunen Flechten , das feine Gesicht war noch geröthet vom Weinen , doch lag ein leises verschämtes Lächeln um den blühenden Mund , das zwei reizende Grübchen in den Wangen vertiefte ; die Augen aber sahen , wie um Antwort bittend , in die seinen und ließen ihn fast betroffen zurückweichen . Wo hatte er doch solche Augen gesehen ? So leidversunken schauten sie ihn an , als suchten sie ein verlorenes Glück . Beinahe stürmisch zog er sie an sich und blickte tief in die trüben Sterne , die immer strahlender wurden – Der Wagen war fortgefahren , und Dörte lief aus dem Sturme in die schützende Hausflur ; es war dunkel um die beiden jungen Menschen da draußen ; wieder wollte er sprechen und wieder schlossen sich die Lippen . „ Sie würde Dir doch nicht glauben , “ sagte er sich . Und sie wagte nicht noch einmal zu fragen , als er ihre Hände langsam aus den seinen ließ . „ Er will nicht lügen , “ dachte sie und trat über die alte Schwelle ; „ er will Nichts versprechen , was er nicht halten kann – er liebt mich ja nicht . “ Und das Licht in den strahlenden Augen erlosch wieder , und sie preßte beide Hände auf ’ s Herz . „ Ach , er liebt mich ja nicht ! “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 52 , S. 853 – 860 Fortsetzungsroman – Teil 13 [ 853 ] 17. „ Und Du sagst , Heinrich , meine Großmutter habe die Beiden zusammen gesehen ? “ „ Die Fränzel hat es mir anvertraut , Herr Lieutenant , den Abend ehe sie verschwand . “ Der junge Officier saß in einem der großen Lehnstühle seines Zimmers und sah forschend und mit regem Interesse zu dem alten Mann hinüber , der in ehrerbietiger Haltung nicht weit von ihm stand und in dessen Zügen eine leichte Verlegenheit sich kennzeichnete . Army hatte ihn noch zu später Stunde rufen lassen ; er wollte wissen , welche Motive seine Großmutter leiteten und worin der Haß wurzelte , der sich auch heute wieder in der geringschätzigen Behandlung seiner Braut offenbarte ; aus unparteiischem Munde wollte er hören , worauf die Andeutungen seines künftigen Schwiegervaters zielten . Er war endlich darauf verfallen , es mit Heinrich zu versuchen , und der alte Mann hatte in der That auf seine Fragen stockend und verlegen zu erzählen begonnen von dem Baron Fritz , der die schöne Lisett dort unten in der Mühle so gar lieb gehabt . „ Zu jener Zeit , “ fuhr der Alte fort , „ da kam eines Abends der Baron Fritz geritten , so recht lustig ; ich nahm ihm seinen Paletot ab , denn es war kalt , und dann schloß ich ihm das Thurmstübchen auf und machte Feuer im Kamin an – “ „ Das Thurmstübchen ? “ unterbrach der junge Officier den Erzähler hastig . „ Jawohl , Herr Lieutenant . Der Baron Fritz wohnte dort immer , ich weiß auch warum ; er konnte von dort oben die Fenster seiner Liebsten sehen – also ich machte Feuer an , holte ihm eine Flasche Madeira und half ihm die Kleider wechseln . Und da fragt er nun nach Allem , was passirt , und ob sein Bruder schon wieder zu Haus wär ’ , und ich antworte ihm auf Alles und sage ihm , daß der Herr in drei Tagen zurückerwartet würde , na , und dann was die Frau Mutter macht und die Frau Schwägerin und so weiter , und dabei kramte er immer in den Schubladen des Schreibtisches herum , und endlich fragt er ganz ängstlich : ‚ Heinrich , hast Du hier aufgeräumt , als ich neulich so eilig abgereist bin ? ‘ ‚ Jawohl , Herr Baron , sag ’ ich . Hast Du nicht ein kleines goldenes Herz gefunden ? ‘ ‚ Nein ! ‘ und er fuhr fort zu suchen , und ich suchte mit