Hause gegangen , wenn ich zur rechten Zeit erfuhr , daß die Herrschaften aus der Stadt daseien . Sie zogen aber immer noch an ihrem Joche weiter , wie damals Ruth ihrer Mutter verkündete . Nur war jetzt die schöne Frau ungeduldiger als vor ihrer Reise , und Eberhardt finsterer als je . Heute konnt ' ich nicht mehr fliehen , ich stand schon mitten im Zimmer unter ihnen . Meinem Erscheinen folgte ein plötzliches Verstummen , nur Ruth hatte eigentümlich aufgelacht , und Eberhardt machte eine heftige Bewegung , als wollte er mich hinausschicken . Frau v. Bendeleben erwiderte meinen Gruß nicht , der Baron sah mich finster an . » Kurz und gut « , nahm die junge Frau das Wort und stand von ihrem Sessel so hastig auf , daß er ein Stück auf dem Teppich hinflog , » ich kann mich einmal nicht in einer Ehe glücklich fühlen , wo das Herz des Mannes mir nicht ganz und ungeteilt gehört . Ich bin nicht die Person , die sich mit einigen Überbleibseln abspeisen läßt , und darum schenk ' ich dir deine Freiheit wieder und zugleich die Erlaubnis , ganz dem Zuge deines Herzens zu folgen . « Wieder lachte sie , indem sie vor ihrem Manne stehenblieb mit über der Brust gekreuzten Armen . Ich zog mich erschrocken zurück bei diesen Worten und wollte die Tür öffnen ; um alles in der Welt hatte ich dieser entscheidenden Szene nicht beiwohnen mögen . » Halt ! « rief da die schöne Frau und war mit einem Sprunge an meiner Seite . » Nicht davonrennen , mein Herzchen . Du bist es ja , die er mit aller Inbrunst eines schüchternen Jünglings anschmachtet ! – Hier geblieben ! Dir verdanke ich die ganze widerwärtige Zeit , die ich jetzt durchleben muß , du allein hast mir sein Herz abwendig gemacht . Verantworte dich doch , wenn du kannst , du hochmutstolle Prinzessin , du ! – « Sie hatte mich bis in die Mitte des Zimmers gezerrt und schleuderte meine Hand von sich , als hätte ich Gift an den Fingern . Ich war so betäubt , daß ich gar nicht antworten konnte . Wie hilfesuchend irrte mein Blick umher und starrte in Frau v. Bendelebens entsetztes Gesicht . » Mich kannst du verleumden , Ruth , soviel du magst « , tönte da die Stimme Eberhardts , » aber zieh nicht unschuldige Personen mit in diese traurige Geschichte . « » Unschuldig ? « fragte Ruth . » Sie ist wohl im Traume dazu gekommen , dir Briefe zu schreiben ? Und im Traume hat sie dir ihr Bild geschenkt ? Da , Mutter , hast du die ganze Unschuld ! « rief sie und warf ein Päckchen Briefe auf den Tisch vor die Baronin . » Sieh da , das fand ich , als er gestern vergaß , den Schlüssel von seinem Schreibtisch zu ziehen . Und hier ist ihr Bild , das ich aus seiner Schreibtafel nahm und das mir den ersten Beweis seiner Untreue gab . Hier ! Und nun werdet ihr dieses ganze unglückliche Leben an seiner Seite verstehen . « » Gretchen ! « schrie Frau v. Bendeleben auf mit einem Tone , der mir durch die Seele schnitt , so vorwurfsvoll , so jammernd klang die Stimme . Noch immer starrte ich wie abwesend auf die Briefe , von denen Frau v. Bendeleben einen nach dem andern nahm . » Deine Margarete « , las sie die Unterschriften , und wieder klang es schmerzlich : » Gretchen , haben wir das um dich verdient ? « » Nein , Mama « , unterbrach Eberhardt die schreckliche Pause , die einen Moment entstand , » urteile nicht zu rasch ! Höre mich erst . Auch du , Papa , sieh nicht so furchtbar böse auf Margarete – die Sache liegt anders , als ihr denkt . Die Briefe und das Bild beweisen keine Untreue , denn sie sind geschrieben , noch ehe Ruth als Witwe zurückkehrte zu euch , das weiß Ruth nur zu gut . Daß sie jetzt etwas hervorsuchen will , um mit möglichstem Eklat eine Trennung von mir in Szene zu setzen , will ich ihr nicht verdenken , auch ich sehne mich danach , daß ein Ende wird , aber daß sie diesen Grund erfindet , das ist eine Perfidie , die ich denn doch der Mutter meines Kindes nicht zugetraut hätte ! « » Nein ! « rief Ruth . » Glaub ' es nicht , Mama , an sie hat er gedacht Tag und Nacht , ihr Bild hat er stets auf dem Herzen getragen und gegen mich war er immer abstoßend und unfreundlich – ist das noch keine Untreue ? « » Ruth , ich möchte in Gegenwart des Mädchens da mich nicht mit allen Mitteln , die mir zu Gebote stehen , verteidigen « , fiel Eberhardt ein . » Bei Gott , du solltest mich nicht herausfordern . Denke daran , wie du mir das Leben auf jede Weise zur Hölle gemacht hast , was für eine nachlässige Mutter du deinem Kinde warst ! Ich habe , weiß Gott , das mögliche getan , um den Frieden zu erhalten , es ging oft über meine Kräfte . « » Margarete « , rief des Barons Stimme , und sie war heiser und unfreundlich . » Margarete , hast du wirklich diese Briefe geschrieben ? « » Ja , ich tat es « , sagte ich tonlos und legte die Hände vor mein Gesicht . » Sag ' nur , Kind « , rief er heftiger , » was dachtest du dir dabei ? Wie kommst du , die ich für ein vernünftiges , gesittetes Mädchen hielt , dazu , Briefe mit dem Leutnant v. Eberhardt zu wechseln ? « Ich schwieg . Es wäre mir nicht möglich gewesen , ihn als wortbrüchig hinzustellen , indem ich die Wahrheit sprach . Frau v. Bendeleben stand auf , und indem sie mir einen kalten , verachtenden Blick zuwarf , schritt sie aus dem Zimmer . » Es tut mir sehr weh , Gretchen , daß ich dergleichen Dinge von dir hören muß « , nahm der Baron das Wort . » Ich kann mir jetzt manches erklären : deine Abneigung gegen Pastor Renner , dein verstörtes Wesen , als sich Ruth verlobte – es ist unrecht , daß Eberhardt vergaß , wie nahe du mir standest , und dir wie einer hübschen Kammerjungfer Sachen in den Kopf setzte , die für die Freundin meiner Tochter nicht passend sind . Das war nicht ehrenhaft von ihm . Du siehst , was für traurige Folgen es nun gehabt hat . « » Verzeihung , Papa « , sagte Eberhardt , » du bist im Begriff , ein sehr hartes Urteil zu sprechen . Ich habe an Fräulein Siegismund nicht einen Augenblick in dem Sinne gedacht , wie du es aufzufassen scheinst . Margarete war meine Braut « – hier bebte seine Stimme – » und ich hätte sie ebenso sicher geheiratet , wie ich jetzt Ruth heiratete , wären mir nicht Dinge erzählt worden , die ich so schwach war zu glauben , und die mich eine Verbindung lösen ließen , die meiner nicht würdig zu sein schien . « » Deine Braut ? « fragte der Baron , als könne er nicht fassen , was da so ruhig gesagt wurde . » Ich sagte es « , wiederholte er noch einmal . » Meine Braut war sie , und die Briefe sind völlig legitim , sozusagen . « » Da siehst du , Papachen , seine Braut ! « lachte Ruth und trat zu dem erstaunten Vater , während ich , an allen Gliedern zitternd , krampfhaft die Lehne eines Stuhles in der Hand hielt . Ein heißes Gefühl wie erwachender Frühling überkam mich trotz aller Beschämung . » Da siehst du es , es ist schade , daß diese Partie nicht zustande kam . Du hättest dann deinen Bekannten deine Nichte Frau v. Eberhardt , geborene Siegismund , vorstellen können . « » Keinen Spott ! « unterbrach sie Eberhardt zornig . » Kommen Sie , Fräulein Siegismund ; hier ist kein Platz für Sie ! Gehen Sie nach Hause und vergessen Sie das Häßliche , was Sie hier gehört haben . « Er nahm meinen Arm und führte mich zur Tür , die er öffnete . Wie im wüsten , schweren Traum wandelte ich meiner Heimat zu . Graue Wolken hingen tief vom Himmel hernieder . Ein warmer Wind strich um meinen heißen Kopf , und aus den zerrissenen Wolken blickte hier und da wie ein freundliches Auge ein kleiner Stern . Und droben auf dem Schlosse da kämpften sie weiter , die miteinander nicht leben konnten und die Fesseln zu zerbrechen suchten , die sie aneinanderketteten . Das eine Herz , weil es ein wankendes , eitles Ding war , nur für die Freuden dieser Welt geschaffen , ein Herz , das selbst die Liebe zu ihrem Kinde nicht an den Gatten zu fesseln vermochte , den sie einst so glühend begehrt , den zu besitzen sie sich nicht gescheut hatte , die teuflischsten Mittel anzuwenden – wie sie nun zu ähnlichen Mitteln griff , ihn wieder wegzustoßen und frei zu sein ! Und das andere Herz , – ach , ich hatte es ja herausgefühlt , das konnte nicht vergessen , konnte seine erste Liebe nicht hinausweisen , obgleich er es gezwungen hatte mit ernstem Willen . Das war doch trotz allem Unglück ein heimliches süßes Gefühl , und ließ mich beinahe das Bittere in dem Benehmen der anderen vergessen . Er hatte ja auf meiner Seite gestanden . » Kathrin « , sagte ich , als ich die Alte sah , und ein Tränenstrom stürzte aus meinen Augen , » nun glaub ' ich , ist ' s vorbei mit denen auf dem Schlosse und mir . Ruth , die mich immer schon verleumdete , hat jetzt auch Zwietracht zwischen ihren Eltern und mir gesät . « Kathrin schwieg . Einmal schien sie antworten zu wollen , aber sie blieb still . Es war am Ende auch besser – sie hätte vielleicht nur bittere Bemerkungen gehabt . Am anderen Morgen ging ich zu Frau v. Bendeleben , ich wollte ihr alles erzählen , mit möglichster Schonung Ruths , es mußte klar werden zwischen uns . Sie sollten nicht denken dort oben im Schlosse , daß sie ihre Wohltaten an eine Unwürdige verschwendet hätten . An Hanna hatte ich gleich geschrieben , ihr erzählt , wie alles gekommen , und sie gebeten , sie möge mich rechtfertigen helfen bei ihrer Mutter . Es war ein schwerer Gang an jenem Morgen , und mein Herz pochte gewaltig , als ich Johann hinaufschickte , um mich zu melden . Er kehrte mit erschrecktem Gesicht zurück : » Ach , Fräulein Gretchen , nehmen Sie es nur nicht übel , aber die Frau Baronin und Frau v. Eberhardt packen gerade die Sachen , um zu verreisen . Sie sind nicht imstande jetzt – « er stockte und sah mich traurig an . » Ich kann die gnädige Frau nicht sprechen ? « » Nein , in zwei Stunden wollen sie fort – « » Dann frag den Herrn Baron , Johann « , sagte ich und drängte meine Tränen zurück . » Der Herr Baron – der ist auch drinnen bei den Damen – « » Frage , Johann ; bitte ! « » Der Herr Baron bedauert , er muß gleich nach Wiesenau reiten ! « kam Johann zurück . » Adieu , Johann ! « sagte ich . » Da werde ich wohl nicht wiederkommen . « Langsam wendete ich mich und ging die Stufen der breiten Treppe hinunter . Durch die geöffnete Tür der Halle konnte ich den Reisewagen auf dem Schloßhofe sehen . Er wurde eben gewaschen , und Liesel stand dabei und schwatzte mit dem Kutscher . Ich hörte , wie sie sagte : » Aber diesmal komme ich mit , das wird eine Lust ! « Mir stürzten die Tränen aus den Augen , als ich durch das alte Tor schritt , über die Terrasse und durch den Park . Es war mir beinahe zumute , als hätte ich meinen Vater zum zweiten Male verloren . Es schmerzte so tief , daß die Leute mich nicht sehen wollten , die ich so sehr geliebt hatte . Als hätte ich ein Verbrechen begangen , mußte ich jetzt das Haus verlassen , das mir so lange eine Heimat war . Wieviel Bitteres brachte das Leben für mich ! Alle meine Hoffnungen hatte ich noch auf den Baron gesetzt , aber freilich , es war die Tochter , die mich anklagte . Es war überhaupt schon ein Verbrechen , daß ich , die Bürgerliche , gewagt hatte , meine Augen zu dem Neffen des alten adligen Hauses zu erheben . Wer blieb mir nun noch ? Auf zwei alten , müden Augen stand mein ganzer Schutz , den ich in dieser Welt hatte , schlossen sich die , dann war ich allein . Ich setzte mich auf das Grab meiner Eltern und barg das Gesicht in dem grünen Efeu – wie war es nur möglich , daß noch immer mehr Leid kommen konnte ! Nochmals schrieb ich an den Baron und bat um eine kurze Unterredung . » Es ist besser « , antwortete er mir in einem kleinen Billett , » wir sehen uns jetzt nicht , und es wächst erst Gras über die letzte Geschichte . Viel Kummer habe ich jetzt zu tragen , und über meine unglückliche Tochter kaum weniger als über dich , die du meine besondere Liebe hattest . – Zur Nachricht diene dir , daß meine Frau mit Ruth nach der Schweiz gereist ist , und daß wir uns mit Eberhardt sehr im Bösen getrennt haben . « » Mein Gott , wie ist es nur möglich , daß Eltern so verblendet sein können ! « stammelte ich , als ich die paar Zeilen überflog . Ich gab es auf , mich zu rechtfertigen , man hätte mir doch nicht geglaubt . Kathrin sah tiefbekümmert aus . » Weißt du , Gretchen « , nahm sie gegen Abend dieses Tages das Wort , » du tätest mir einen rechten Gefallen , wenn du mich einmal ruhig anhören wolltest . Sieh , ich werde nun schon so alt , es kann mal eines Tages passieren , daß ich daliege , kalt und steif , und daß du mich halt begraben mußt . Tue mir dann den Gefallen und weise es nicht zurück , wenn sie dir drüben eine Heimat anbieten . Du bist noch zu jung , um allein zu leben , und so viel hat dir der Vater hinterlassen , daß du nicht unter fremde Leute zu gehen brauchst . Ich meine ja nicht , daß du drüben hineinheiraten sollst , das findet sich später und mag Gott einrichten , wie er will . Nein , nur hinüber sollst du zu der Frau Renner . Versprich mir das , damit ich ruhiger werde . « » Quäle dich nicht , Kathrin « , bat ich und kniete vor ihr nieder , » du bleibst noch lange bei mir . Denke nicht ans Sterben , ich bitte dich ; ich will dir auch versprechen , alles zu tun , was du wünschest . « Die Alte streichelte mir den Kopf und legte sich in den Stuhl zurück : » Dann ist es gut , mein Herz , dann bin ich ruhig . « Ich setzte mich wieder an das Fenster und sah in das Abendrot . Neben mir stand ein Strauß Schneeglöckchen . Sie erinnerten mich an einen Abend , da ich auf Eberhardt gewartet mit bangem Herzen , und da Bergen statt seiner gekommen und mir gesagt hatte , daß er mich nicht mehr liebe . Was hatte ich alles seitdem verloren ! Aber was war das ? Da stand in der geöffneten Tür eine hohe Gestalt , ich konnte nicht mehr erkennen , wer es war , aber ich fühlte es . Mein Herz klopfte gewaltig , und ich vermochte mich nicht von meinem Stuhl zu erheben . » Margarete « , klang es leise , » darf ich eintreten ? Wirst du mich nicht von deiner Schwelle weisen , wo ich jetzt mit einer so großen Bitte nahe ? « » Wilhelm ! « sagte ich leise , » tritt ein ! « Wir standen uns gegenüber . Es war dunkel im Zimmer , und ich konnte nicht in sein Gesicht sehen . Aber heiße Tropfen fühlte ich auf meinen Händen , die er an seine Lippen zog , und mit leiser Stimme bat er : » Verzeihe mir ! « » Alles , Wilhelm , alles ! Ich wünschte , ich hätte dich glücklicher wiedergesehen ! « » Gretchen , ich will dir nicht die ganze Geschichte meiner Schuld erzählen heute « , sagte er , noch immer meine Hand in der seinen haltend . » Ich bin elender gewesen , als du vielleicht geahnt hast . Ich schenke es mir nicht , alles will ich zu deinen Füßen büßen – später , jetzt kann ich es noch nicht , es ist noch nicht Zeit dazu . Nur um eines bitte ich dich jetzt : nimm dich meines Kindes an . « » Dein Kind ! « rief ich . » Oh , bringe es mir , Wilhelm , ich bitte dich . « » Es ist draußen im Wagen « , sagte er und schritt hinaus . Mit bebenden Händen zündete ich Licht an . Da trat er herein , ein reizendes Kindergesichtchen schaute schlaftrunken aus einem Gewirre von Tüchern und Mänteln , und auf einmal lächelte der rosige Mund , und zwei kleine Ärmchen streckten sich mir verlangend entgegen – mit einem Ausruf des Entzückens nahm ich das Kind in meine Arme . Halb weinend , halb lachend küßte ich die dunklen Augen , und der kleine Kerl jauchzte und lachte mit und fuhr mit den Händen in meine Haare . » So weiß ich es gut aufgehoben « , sagte Eberhardt , und es schimmerte feucht in seinen Augen . » Ich habe ein Kommando von mehreren Wochen , und sie ist abgereist , ohne sich nach dem Kinde umzusehen . Sie glaubte vielleicht , ich werde es pflegen können , wie immer , und ich hätte es getan , wäre nicht dies dazwischengekommen . Die Kinderfrau ist mir davongelaufen , indem sie erklärte , in einem Hause , wo die gnädige Frau stets böse wäre , wollte sie nicht bleiben . Gretchen , ich weiß , du – « Er hielt mir seine Hand hin . » Ohne Sorge ! « rief ich . » Es wird meine heiligste Pflicht sein , das Kind zu hüten ! « » Lebe wohl ! « Er beugte sich über das Kind hernieder und küßte die kleinen Händchen , dann ging er aus der Tür . Ich war allein – nein , nicht allein , ich hielt ja sein Kind in meinen Armen . Das Herz wollte mir springen vor Wonne , vor Glück . Ich eilte an das Licht und sah in die süßen Kinderaugen , und küßte den kleinen Mund und die runden Schultern , die aus dem Kleidchen hervorsahen . » O du süßes , geliebtes , kleines Kindchen , du sollst deine Mutter nicht vermissen ! « flüsterte ich ihm zu , und dann hob ich es wieder auf meinen Arm , schritt im Zimmer auf und ab , und fast unbewußt fing lange nicht singen hören . Schlaf , Kindchen , schlaf ! Da rief Kathrin ängstlich aus der Nebenstube : » Aber , Gretchen , Kind , was ist dir denn ? « Die Alte hatte mich so lange , lange nicht singen gehört . » Oh , Kathrin , sieh doch , sieh ! « rief ich und hielt ihr das Kind entgegen , das , lachend und strampelnd mit Händchen und Füßchen , auf meinem Arme saß . » Was ich hier habe ! Sieh doch , er brachte mir sein Kind , sein Liebstes ! Ach , Kathrin , nun will ich wieder fröhlich und lustig sein und singen ! « Marie , die hereingekommen war , mußte die Lampe bringen , damit Kathrin das süße Ding ordentlich sehen konnte . Die Lippen der Alten bebten leise , als die großen , dunklen Kinderaugen verwundert auf sie herniederschauten , und Marie nannte es einmal über das andere : » Ach , das hübsche , kleine Buberl ! « Wie verweht war meine Trauer , seit langer Zeit hatte mein Herz nicht so frisch geklopft wie jetzt . Ich tummelte mich , die Wiege mußte vom Boden heruntergebracht werden , Milch wurde gekocht , und dann saß ich an der Wiege , in welcher schon meine Mutter und ich gelegen , und sang mit leiser Stimme alte Wiegenlieder , die mich Kathrin als kleines Mädchen gelehrt hatte . Als sich die langen Wimpern des Kindes senkten , da kniete ich nieder , und ein Gebet voll inniger Dankbarkeit stieg aus meinem Herzen empor . Eine glückliche Zeit durchlebte ich nun , um keinen Menschen kümmerte ich mich , nur das Kind – das Kind war meine einzige Sorge . Daß ich es nicht immer würde bei mir behalten können , daran dachte ich nicht . Ich trug es im Garten umher , wenn die Sonne schien , ich leitete die ersten unbeholfenen Schritte und war selig , als ich aus dem undeutlichen Stammeln nach meinem unermüdlichen Vorsagen das erste klare » Papa « heraushören konnte . Es sollte dies ja der Gruß für Eberhardt sein , wenn er kam , sein Kind zu besuchen . So vergingen Tage und Wochen . Vom Schloß erfuhr ich nichts , als daß die Damen noch immer in der Schweiz weilten . Eberhardt war nicht hiergewesen , nur Friedel hatte sich hin und wieder eingestellt , um nach dem Kinde zu fragen und einen Gruß zu bringen . Endlich , an einem schwülen Sommertage , als ich mit dem Kleinen in der schattigen Laube unseres Gartens saß und ihm bunte Steinchen auf den Tisch gelegt hatte , die er mit seinen Händchen unermüdlich wieder herunterwarf , erzählte mir Frau Renner , die mir mit dem Strickstrumpf ein wenig Gesellschaft leistete , gestern abend seien die beiden Damen wieder zurückgekommen , und heute früh sei die Frau v. Eberhardt zur Stadt gefahren . Wahrscheinlich habe sie einen Termin vor Gericht wegen der Scheidung . » Ein hochmütiges , pflichtvergessenes Frauenzimmer « , setzte sie entrüstet hinzu und zeigte auf das spielende Kind . » Es ist eine Sünd ' und Schand ' ! Wenn ' s nur Gott ihr nicht so hingehen lassen wollt ' . « » Bin neugierig « , fuhr sie nach einer Weile fort , » wem das Kind zugesprochen wird , ihm oder ihr ? « – » Ihr ? « wiederholte ich . » Mein Gott , ist denn da überhaupt noch ein Zweifel ? Das Kind , um das sie sich nie gekümmert hat ! « Ich preßte es angstvoll an mich , als wollte man mir es schon entreißen . » Ja , das kommt ganz darauf an « , meinte die kleine Frau , » wie die Sache liegt . Wenn er schuldig ist , kriegt sie es , und umgekehrt kriegt er es , oder nein , ich glaube , wenn sie alle beide schuld haben , dann behält es die Mutter bis zum vollendeten fünften Jahre , später kann es der Vater reklamieren . « » Mein Gott ! « sagte ich und blickte ganz erstarrt in eine Reihe schrecklicher Möglichkeiten hinein . Da hörte ich auf einmal einen leichten Tritt auf dem Sande des Gartenweges , das Rauschen eines Kleides , und Frau v. Bendeleben stand vor der Laube , mit großem , erstauntem Blick das Kind auf meinem Schoße musternd . Ich erhob mich verwirrt und ängstlich . » Bleib sitzen , Gretchen « , sagte sie mit ruhiger Miene und nahm Platz auf dem Sessel , den Frau Renner , die ich eilig auf dem Wege nach Hause verschwinden sah , soeben verlassen hatte . Einen Augenblick blieb es still zwischen uns . Um die Lippen des seinen , blassen Gesichts spielte ein eigentümlicher Zug . Sie sah auf den kleinen , schönen Knaben im weißen Kleidchen , der , unbekümmert um die neue Erscheinung , fortfuhr , mit den Steinchen zu spielen , während er jene unverständlichen und doch zum Herzen gehenden Laute von sich gab , die ein Mutterherz so gut begreift , als hätte das kleine Geschöpf sich in deutlichster Rede ausgedrückt . » Ich hörte bereits gestern abend , als ich ankam « , begann sie endlich , » daß du die Freundlichkeit hast , mein Enkelkind zu pflegen . Wir sind dir in der Tat vielen Dank schuldig und wollen dir nun auch nicht länger die Last aufbürden , die dir die Wartung des Kleinen gemacht hat . Ich werde ihn mitnehmen und sage dir unseren besten Dank für deine Güte . « » Das Kind ist mir keine Last « , sagte ich , vor Angst kaum imstande zu sprechen – » ich habe es lieb und – « » Das glaube ich wohl , und es war , wie gesagt , sehr freundlich von dir « , wiederholte Frau v. Bendeleben , und eine leichte Röte stieg in ihre Wangen . » Es ist allerdings eine eigentümliche Idee von Eberhardt gewesen , das Kind gerade hierherzubringen , indessen – « » Aber mein Gott , gnädige Frau « , rief ich , » wo sollte denn das Kind bleiben ? Sie waren verreist mit Frau v. Eberhardt , die Wärterin lief davon – wie sollte ein Mann , der ohne weibliche Bedienung ist und außerdem noch seinen Dienst versehen muß , es denn anfangen , ein kleines Kind zu beaufsichtigen ? « » So ? Die Wärterin lief davon ? « fragte Frau v. Bendeleben . » Wunderbar ! Es war doch sonst eine ganz vernünftige Person . Nun gleichviel , es wäre am Ende nur in der Ordnung gewesen , daß er das Kind auf das Schloß gebracht hätte , wo es prächtig aufgehoben gewesen wäre bei der Rißmann , anstatt den Skandal noch zu vergrößern und es gerade hierherzubringen . Für Ruth ist dies ein Schlag ins Gesicht , der – das mußt du einsehen – geradezu perfide genannt werden muß . Und nun gib mir den Kleinen , der Wagen hält vor der Tür . « » Gnädige Frau , verlangen Sie alles von mir , nur nicht das Kind « , bat ich und stand von meinem Platze auf . Der Kleine schlang beide Ärmchen um meinen Hals und wandte scheu das Köpfchen zurück . » Ich weiß , wie tief ich in Ihrer Schuld bin , alles will ich tun , um meine unbegrenzte Dankbarkeit , meine Liebe für Sie und den Herrn Baron zu beweisen . Aber das Kind , das er mir anvertraute , kann ich nur ihm , oder auf seinen Befehl herausgeben . « Einen Augenblick sah sie mich wie verdutzt an , dann sagte sie , noch ruhig , obgleich schon ein verhaltenes Beben in der Stimme lag : » Wenn du wirklich dankbar wärest , so würdest du nicht so sprechen – denke nach , in was für eine Situation bringst du dich und uns , wenn du dich weigerst , das Kind herauszugeben . « » Es tut mir leid , aber ich – « » Übrigens ist es lächerlich , daß ich erst noch frage « , schnitt sie mir die Antwort ab . » Du hast überhaupt nicht das mindeste Recht , dich zu weigern . Es ist das Kind meiner Tochter und geht dich gar nichts an . Es ist nicht allein mein Recht , es ist auch meine Pflicht , das Kind seiner Mutter zurückzugeben . « » Seiner Mutter , die sich nie um das Kind kümmerte ? « fiel ich gereizt ein . » Alles , was sie dazu bewegt , es wieder zu verlangen , ist Angst vor der Welt , wenn man erführe , daß sie abreiste , ohne auch nur die geringste Anordnung für die Pflege des Kindes zu treffen ! Sie überließ dies dem Vater , nun mag sie auch zufrieden sein mit dem , was er in dieser Sache zu tun für gut fand . – Ich wiederhole es nochmals , gnädige Frau , es tut mir leid , aber ich gebe das Kind nur in die Hände dessen zurück , der es mir anvertraute . « » Gretchen ! « klang es gereizt und atemlos . Leichenblaß sah sie aus . » Vergißt du ganz , mit wem du sprichst ? Willst du der Unglücklichen nicht nur den Gatten , sondern auch das Kind abspenstig machen ? « » Den Gatten ? « fragte ich . » Und Sie , gnädige Frau , Sie glauben das immer noch ? Sie , die ich so verehrt , so über alles geliebt habe ? Freilich , wie soll ich mich verteidigen , ohne zugleich die Tochter furchtbar anzuklagen . Das Mutterherz würde mir doch keinen Glauben schenken . Aber fragen Sie Hanna oder Bergen , vielleicht urteilen Sie dann anders über mich , wenn sie Ihnen die ganze Wahrheit gesagt haben werden . « » Genug ! « unterbrach mich Frau v. Bendeleben . Ihre Blässe war einer hohen Röte gewichen . Möglich , daß sie ahnte , es könne nicht alles so sein , wie man ihr gesagt hatte . Ihre Augen blitzten mich