in ver letzten Nacht einen so teuflischen Versuch gegen sein Leben gemacht ; und wenn es der Fall , warum er ihre Bosheit verschwiegen halte . Es lag wenig daran , ob meine Neugierde ihn ärgerte ; ich kannte das Vergnügen , ihn abwechselnd zu reizen und wieder zu besänftigen ; ich fand ganz besonderen Geschmack daran , und ein sicherer Instinct verhinderte mich stets , zu weit zu gehen : über die Grenze hinaus wagte ich mich nie , versuchte aber meine Geschicklichkeit gern bis zu der äußersten Scheidelinie . Während ich die kleinste Form des Respects und der Schicklichkeit beobachtete , die meine Stellung mir vorschrieb , konnte ich ihm dennoch ohne Furcht oder unruhigen Zwang begegnen : dies gefiel ihm und mir . Endlich krachte die Treppe unter einem Fußtritt ; Lea erschien , doch nur um mir anzukündigen , daß der Thee im Zimmer ver Mistreß Fairfax bereit sei . Dorthin begab ich mich , wenigstens froh , die Treppe hinuntergehen zu können , denn ich bildete mir ein , daß mich das dem Herrn Rochester näher bringe . „ Sie bedürfen Thee , “ sagte die gute Dame , als ich zu ihr kam , „ denn Sie aßen diesen Mittag so wenig . Ich fürchte , Sie sind heute nicht wohl , “ fuhr sie fort ; „ Sie sehen roth und fieberhaft aus . “ „ O ! ganz wohl , ich fühlte mich nie wohler . “ „ Dann müssen Sie es durch einen guten Appetit beweisen , wollen Sie den Theetopf füllen , während ich diese Nadel abstricke ? “ Als sie ihre Aufgabe erfüllt hatte , stand sie auf , um das Rouleau niederzulassen , was bisher noch nicht geschehen war , weil sie vermuthlich das Tageslicht so lange als möglich benutzen wollte , obgleich die Dämmerung jetzt in völlige Dunkelheit überging . „ Es ist diesen Abend schönes Wetter , obgleich nicht sternenhell , “ sagte sie , indem sie durch die Scheiben blickte ; „ Herr Rochester hat im Ganzen einen günstigen Tag zu seiner Reise gehabt . “ „ Reise ! — ist Herr Rochester denn verreist ? Ich wußte gar nicht , daß er aus sei . “ „ O ! er reiste gleich nach dem Frühstück ab ! Er ist nach Leas gegangen , wo Herr Eshton wohnt , zehn Meilen auf der andern Seite von Millcote . Ich glaube , es ist dort eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft versammelt : Lord Ingram , Sir George Lynn , Oberst Dent und Andere . “ „ Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück ? “ „ Nein — auch morgen nicht ; ich denke , er wird wahrscheinlich eine Woche over länger dort bleiben . Wenn diese feinen Leute zusammenkommen , sind sie so von Eleganz und Heiterkeit umgeben , so mit Allem versehen , was ihnen gefallen oder sie unterhalten kann , daß sie sich nicht gern zu bald trennen . Die Herren besonders sind bei solchen Gelegenheiten oft sehr gesucht , und Herr Rochester ist so talentvoll und so lebhaft in der Gesellschaft , daß er gewiß allgemein und besonders bei den Damen sehr beliebt ist , obgleich Sie denken werden , daß sein Aeußeres nicht besonders empfehlend ist ; aber ich vermuthe , seine Fähigkeiten und Geschicklichkeiten , so wie sein Reichthum und seine gute Herkunft , machen jeden kleinen Fehler seines Aeußern wieder gut . “ „ Befinden sich Damen in Leas ? “ „ Da sind Mistreß Eshton und ihre drei Töchter — sehr elegante junge Damen , in der That — und da sind auch Blanca und Maria Ingram , sehr schöne Frauenzimmer , vermuthe ich , denn Blanca habe ich vor sechs oder sieben Jahren gesehen , als sie ein Märchen von achtzehn Jahren war . Sie kam zu einem Weihnachtsball hierher , den Herr Rochester gab . Da hätten Sie das Speisezimmer sehen sollen — wie reich es dekorirt und wie glänzend es erleuchtet war ! Ich glaube fast , es waren fünfzig Damen und Herren da — Alle aus den ersten Familien der Grafschaft ; und Miß Ingram wurde für die schönste von Allen gehalten . “ „ Sie sahen sie also , Mistreß Fairfax ? Wie sah sie aus ? “ „ Ja , ich sah sie . Die Thüren des Speisesaales waren geöffnet , und da es Weihnachten war , so erhielten die Diener die Erlaubniß , sich in der Vorhalle zu versammeln , um einige von den Damen singen und spielen zu hören . Herr Rochester forderte mich auf , hereinzukommen , und ich setzte mich in einen stillen Winkel und sah zu . Nie habe ich eine glänzendere Scene gesehen : die Damen waren prächtig angezogen ; die meisten von ihnen — wenigstens die meisten von den jüngeren — schienen mir sehr schön ; aber Miß Ingram war gewiß die Königin . “ „ Und wie sah sie aus ? “ „ Sie war groß , hatte einen schönen Oberkörper und zierlich abfallende Schultern ; einen langen graziösen Hals ; eine dunkle und klare olivenfarbige Haut , edle Züge und Augen , denen des Herrn Rochester sehr ähnlich , groß und schwarz und so glänzend wie ihre Juwelen . Und dann hatte sie so schönes Haar , rabenschwarz und zierlich geordnet , hinten eine Krone von dichten Flechten , und vorne die längsten und glänzendsten Locken , die ich je gesehen . Sie war ganz weiß gekleidet und trug nur eine ambrafarbige Schärpe über Schulter und Brust , die an der Seite zusammengebunden war , und deren mit Franzen versehene Enden bis über ihr Knie niederfielen . Sie tug eine ambrafarbige Blume im Haar , die sehr gut gegen die dunkle Masse ihrer Locken abstach . “ „ Sie wurde natürlich sehr bewundert ? “ „ Ei freilich ! und nicht allein ihrer Schönheit , sondern auch ihrer Talente wegen . Sie war eine von den Damen , welche sangen ; ein Herr begleitete sie auf dem Piano und sie und Herr Rochester sangen ein Duett . “ „ Herr Rochester ! ich wußte nicht , daß er singen könne . “ „ O ! er hat eine schöne Baßstimme und einen vortrefflichen Geschmack für Musik . “ „ Und was hatte Miß Ingram für eine Stimme ? “ „ Eine volle und kräftige : sie sang zum Entzücken : es war ein Genuß , sie anzuhören — und dann spielte sie auch . Ich habe kein Urtheil über Musik , aber Herr Rochester ; und ich hörte ihn sagen , daß ihr Vortrag außerordentlich gut gewesen . “ „ Und diese schöne und talentvolle Dame ist noch nicht verheirathet ? “ „ Es scheint nicht so : ich glaube , sie und ihre Schwester haben beide kein großes Vermögen . Die Besitzungen des alten Lord Ingram waren größtentheils unveräußerlich , und der älteste Sohn erhielt fast Alles . “ „ Aber es wundert mich , daß sich nicht irgend ein reicher Herr in sie verliebt hat , Herr Rochester zum Beispiel . Er ist reich , nicht wahr ? “ „ O ja . Aber sehen Sie , das Alter ist beträchtlich verschieden : Herr Rochester ist beinahe vierzig , und sie erst fünf und zwanzig . “ „ Was thut denn das ? Es werden alle Tage noch viel ungleichere Verbindungen geschlossen . “ „ Es ist wahr ; doch sollte ich kaum denken , daß Herr Rochester einen solchen Gedanken hegt . — Aber Sie essen ja gar nicht zu Ihrem Thee . “ „ Nein , ich bin zu durstig , um zu essen . Wollen Sie mir noch eine Tasse erlauben ? “ Ich war im Begriff , zu der Wahrscheinlichkeit einer Verbindung zwischen Herrn Rochester und der schönen Blanca zurückzukehren ; aber Adele kam herein und die Unterhaltung nahm eine andere Richtung . Als ich wieder allein war , überdachte ich die erhaltene Nachricht , blickte in mein Herz , prüfte seine Gedanken und Gefühle , und war bemüht , die , welche sich in dem unbegrenzten und spurlosen Raume der Phantasie verirrt hatten , mit fester Hand in die sichere Hürde des gesunden Verstandes zurückzuführen . Von mir selbst als Zeugin aufgefordert , hatte die Erinnerung von Hoffnungen , Wünschen und Empfindungen , die ich seit der letzten Nacht gehegt , so wie von meinem allgemeinen Gemüthszustande seit beinahe vierzehn Tagen Zeugniß abgelegt ; die Vernunft war vorgetreten und hatte auf ihre eigenthümliche ruhige Weise in ungeschmücktem Berichte gezeigt , wie ich das Wirkliche zurückgewiesen und begierig nach dem Idealischen gestrebt , und ich sprach folgendes Urtheil aus : daß eine größere Thörin , als Johanna Eyre , nie gelebt ; daß eine phantastischere Wahnwitzige sich nie mehr als sie auf süße Lügen verlassen und Gift wie Nectar hinuntergeschluckt . „ Dich sollte Herr Rochester mit günstigen Blicken ansehen ? “ sagte ich . „ Du solltest mit der Macht begabt sein , ihm zu gefallen ? Du solltest ihm in irgend einer Art wichtig sein ? Geh ! deiner Thorheit ist mir zuwider . Und gelegentliche Zeichen des Vorzuges — zweideutige Zeichen , die ein Herr von Stande und ein Weltmann einer Untergebenen und Novize zu erkennen gegeben , haben Dir Vergnügen gewährt ? Wie kannst Du das wagen , armes , thörichtes Ding ? — Konnte Dich nicht das eigene Interesse weise machen ? Du wiederholtest Dir diesen Morgen die kurze Scene der letzten Nacht ? — Verhülle Dein Gesicht und schäme Dich ! Er sagte Nichts zum Lobe Deiner Augen , that er das ? Blinde Puppe ! öffne Deine geblendeten Augen . Sieh Deine eigene verdammte Sinnlosigkeit ! Es ist für kein Frauenzimmer gut , wenn ihr Vorgesetzer ihr schmeichelt , da es nicht zu erwarten steht , daß er die Absicht hat , sie zu heirathen ; und es ist Wahnsinn für alle Frauenzimmer , wenn sie zugeben , daß eine geheime Liebe sich in ihnen entzündet , die , wenn sie unerwiedert und unbekannt ist , ihr innerstes Leben verzehren muß , und die , wenn sie erweckt und erwiedert wird , gleich einem Irrlicht in Wildnisse führen muß , aus welchen kein Ausgang ist . “ „ So höre denn Dein Urtheil an , Johanna Eyre : stelle morgen den Spiegel vor Dich und zeichne getreu Dein eigenes Bild , ohne einen einzigen Mangel zu mildern , ohne eine harte Linie auszulassen , oder eine unangenehme Unregelmäßigkeit zu glätten , und schreibe darunter : Portrait einer armen und einfachen Erzieherin ohne Verwandte und Freunde . “ „ Dann nimm ein Stück glattes Elfenbein — Du hast ein solches in Deinem Farbenkasten — nimm Deine Palette , mische Deine frischesten , schönsten , klarsten Farben , wähle Deine zartesten Pinsel und male mit Sorgfalt das lieblichste Gesicht , welches Du nur erdenken kannst ; male es mit den sanftesten Schatten und glänzendsten Farben nach der Beschreibung , die Dir Mistreß Fairfax von Blanca Ingram gegeben : erinnere Dich ihrer dunklen Locken , ihres orientalischen Auges — wie ? Du kehrst schon wieder zu Herrn Rochester als einem Modell zurück ! Zur Ordnung ! keine Umschweife ! — keine sentimentale Gedanken — kein Bedauern ! nur Verstand und Entschlossenheit ist hier am Platze ! Erinnere Dich der erhabenen und doch harmonischen Züge , des griechischen Halses und der Büste : laß den runden und schimmernden Arm sichtbar sein und die zarte Hand ; laß nicht den Diamantring noch das goldene Armband aus ; stell getreu die Gewandung von luftigem Spitzengewebe und schimmerndem Atlas , die graziöse Schärpe und die goldene Rose dar , und nenne sie Blanca , eine vollendete Dame hohen Ranges . “ „ Wenn Du künftig Dir einbilden solltest , Herr Rochester denke gut von Dir , so bringe diese beiden Gemälde zum Vorschein , vergleiche sie mit einander und sage : Herr Rochester könnte die Liebe jener edlen Dame höchst wahrscheinlich gewinnen , wenn er darnach streben wollte — und ist es wahrscheinlich , daß er einen ernsthaften Gedanken an ein dürftiges und unbedeutendes Mädchen bürgerlichen Standes verschwenden sollte ? “ „ Ich will es thun , “ beschloß ich , und als ich diesen Entschluß gefaßt hatte , wurde ich ruhig und schlief ein . Ich hielt mein Wort . Eine oder zwei Stunden reichten hin , mein eigenes Portrait zu skizziren , und in weniger als vierzehn Tagen hatte ich ein Miniaturbild einer eingebildeten Blanca Ingram vollendet . Es war in der That ein liebliches Gesicht , und mit dem mit Bleistift gezeichneten wirklichen Kopfe verglichen , war der Contrast so groß , wie die Selbstdemüthigung ihn nur wünschen konnte . Die Beschäftigung war wohlthätig für mich : sie hatte meinen Kopf und meine Hände in Thätigkeit gesetzt und den neuen Eindrücken , die ich unauslöschlich meinem Herzen einzuprägen wünschte , Kraft und Festigkeit verliehen . Bald hatte ich Grund , mir zu der heilsamen Disciplin , zu der ich meine Gefühle genöthigt hatte , Glück zu wünschen ; ihr hatte ich es zu danken , daß ich im Stande war , den folgenden Ereignissen mit anständiger Ruhe zu begegnen , die ich , hätten sie mich unvorbereitet gefunden , wahrscheinlich nicht einmal äußerlich aufrecht zu erhalten vermocht hätte . Zweites Kapitel . Eine Woche verging und es kam keine Nachricht von Herrn Rochester : zehn Tage , und es war noch immer keine da . Mistreß Fairfax sagte , es würde sie nicht wundern , wenn er von Leas geradezu nach London , und von dort nach dem Continent gereist wäre , und in einem Jahre sein Gesicht in Thornfield nicht wieder zeige : er habe den Ort nicht selten auf eben so plötzliche und unerwartete Weise verlassen . Als ich dies hörte , empfand ich eine seltsame Kälte und Muthlosigkeit im Herzen . ch gestattete mir wirklich ein kränkelndes Gefühl fehlgeschlagener Hoffnung : aber meine Kräfte und Grundsätze sammelnd , ordnete ich sogleich meine Empfindungen wieder , und es war wunderbar , wie leicht ich diesen augenblicklichen Fehler überwand — wie ich den Irrthum verbannte , daß Herrn Rochester ' s Handlungen em Gegenstand seien , woran ich ein lebhaftes ' Interesse zu nehmen Ursache habe . Nicht als hätte ich mich durch eine sclavische Ansicht der Untergebenheit gedemüthigt ; im Gegentheil sagte ich nur : „ Du hast Nichts weiter mit dem Herrn von Thornfield zu thun , als das Gehalt in Empfang zu nehmen , welches er Dir für den Unterricht und die Erziehung seiner Schutzbefohlenen gibt , und für eine solche respectvolle und freundliche Behandlung dankbar zu sein , die Du , wenn Du Deine Pflicht thust , von ihm mit Recht erwarten kannst . Halte Dich überzeugt , daß das das einzige Band ist , welches er im Ernste zwischen Dir und ihm anerkennt : so mache ihn nicht zum Gegenstande Deiner schönen Gefühle , Deines Entzückens , Deiner Schmerzen u. s. w. Er ist nicht von Deinem Stande : halte Dich zu Deinesgleichen und achte Dich zu sehr , um die Lebe Deines Herzens und Deiner Seele an einen Mann zu verschwenden , der einer solchen nicht bedarf und sie mit Verachtung zurückweisen würde . “ Ich setzte ruhig mein tägliches Geschäft fort ; aber von Zeit zu Zeit fielen mir Gründe ein , Thornfield zu verlassen , und ich entwarf unwillkürlich Ankündigungen und dachte an neue Stellen . Diese Gedanken zurückzuweisen , hielt ich nicht für nöthig : sie mochten Wurzel schlagen und Früchte tragen , wenn sie wollten . Herr Rochester war etwa vierzehn Tage abwesend gewesen , als Mistreß Fairfax mit der Post einen Brief erhielt . „ Er ist vom Herrn , “ sagte sie , als sie die Aufschrift ansah . „ Jetzt werden wir vermuthlich erfahren , ob wir seine Rückkehr zu erwarten haben oder nicht . “ Während sie das Siegel erbrach und den Inhalt las , trank ich meinen Kaffee , denn wir saßen beim Frühstück . Er war heiß und diesem Umstande schrieb ich die feurige Glut zu , die sich plötzlich zu meinem Gesichte erhob . Warum meine Hand zitterte , und warum ich unwillkürlich den halben Inhalt in die Untertasse verschüttete , hielt ich zu überlegen nicht der Mühe werth . „ Nun , zuweilen denke ich , es ist zu still hier , aber jetzt haben wir zu erwarten , daß wir wenigstens auf eine Weile genug zu thun haben werden , “ sagte Mistreß Fairfax , den Brief noch vor ihrer Brille haltend . Ehe ich mir gestattete , eine Erklärung zu fordern , band ich Adelens Lätzchen zu , welches aufgegangen war , und nachdem ich ihr noch ein Stück Kuchen gegeben und ihre Tasse mit Milch gefüllt hatte , sagte ich nachlässig : „ Herr Rochester wird also wohl bald zurückkehren ? “ „ Freilich — in drei Tagen , sagt er ; das heißt , am nächsten Donnerstag , und auch nicht allein . Ich weiß nicht , wie viele von den feinen Leuten aus Leas mit ihm kommen werden . Er sendet den Befehl , pie besten Schlafzimmer in Bereitschaft zu halten , die Bibliothek und die Gesellschaftszimmer auszuräumen . Ich soll mehr Leute für vie Küche aus George Inn zu Millcote , und woher ich sonst kann , kommen lassen . Die Damen werden ihre Mädchen und die Herren ihre Diener mitbringen : so werden wir freilich das Haus voll haben . “ Und Mistreß Fairfax schluckte ihr Frühstück hinunter und beeilte sich , ihre Operationen zu beginnen . Die drei Tage waren , wie sich erwarten ließ , geschäftig genug . Ich hatte alle Zimmer in Thornfield für wohlgeordnet und sehr reinlich gehalten , aber wie es scheint , hatte ich mich geirrt . Es wurden drei Frauenzimmer angenommen , um zu helfen , und solches Scheuren , solches Bürsten , solches Waschen , solches Aufnageln von Teppichen , solches Herunternehmen und Aufhängen von Bildern , solches Poliren von Spiegeln und Leuchtern , solches Anzünden von Feuern in Schlafzimmern , solches Auslüften von Decken und Federbetten an Kaminen sah ich nie vorher oder nachher . Adele lief ganz wild durch dies Alles hindurch : die Vorbereitungen auf Gesellschaft und die Aussicht auf ihre Ankunft schien sie in Entzücken zu versetzen . Sophie mußte ihre ganze Garderobe mustern , alles Abgetragene ausbessern , es auslüften und neu ordnen . Sie selber that Nichts weiter , als daß sie in den Vorderzimmern herumsprang , auf die Betten hüpfte und sich auf die Matratzen und Kissen niederlegte , die vor den ungeheuren Feuern aufgehäuft waren , die man in den Kaminen angezündet . Von Schulpflichten wurde sie befreit : Mistreß Fairfax hatte mich in ihren Dienst genommen und ich war den ganzen Tag in der Speisezimmer , wo ich ihr und der Köchin half oder sie hinderte , Eierkäse , Käsekuchen und französische Pasteten machen , Wildpret bereiten und Kuchen zum Dessert backen lernte . Die Gesellschaft wurde am Donnerstag Nachmittag um sechs Uhr zur Mittagstafel erwartet . Während dieser Zwischenperiode hatte ich nicht Zeit , meinen Träumen nachzuhängen , und ich glaube , ich war so thätig und heiter wie nur irgend eine Adele ausgenommen . Von Zeit zu Zeit wurde meine Heiterkeit gedämpft , und ich wider meinen Willen in die Region der Zweifel , Befürchtungen und dunklen Vermuthungen zurückgeworfen . Dies geschah , wenn ich die Treppenthür zum dritten Stock , die in der letzten Zeit immer verschlossen gewesen , sich langsam öffnen und die Gestalt Gratia Poole ' s in zierlicher Haube , weißer Schürze und Tuch erscheinen sah : wenn sie in ihren Tuchschuhen leise die Gallerie dahinschlich , und ich sie in das geschäftige Treiben der auf den Kopf gestellten Schlafzimmer blicken sah , um zu den Frauen ein Wort zu sagen , wie man am besten das Kamingitter putzen , ein marmornes Kamingesims reinigen , oder Flecken von den Tapeten wegbringen könne . Dann ging sie weiter , stieg einmal täglich in die Küche hinunter , verzehrte ihr Mittagessen , rauchte eine mäßige Pfeife Taback am Heerde , kehrte zurück und nahm ihren Porterkrug zu ihrem Privattroste in ihren düstern Aufenthaltsort mit . Nur eine einzige Stunde von vier und zwanzig brachte sie mit ihren Dienstgenossen unten zu : die ganze übrige Zeit hielt sie sich in einem mit Eichenholz getäfelten Zimmer mit niedriger Decke im zweiten Stock auf : dort saß sie und nähete so einsam wie ein Gefangener in seinem Kerker , und wahrscheinlich vertrieb sie sich die Zeit mit Lachen . Das Seltsamste war , daß außer mir keine Seele im Hause auf ihre Gewohnheiten achtete oder sich über sie wunderte Niemand sprach von ihrer Lage oder Beschäftigung , Niemand bemitleidete ihre Einsamkeit oder Verlassenheit . Einmal freilich hörte ich einen Theil eines Gesprächs zwischen Lea und einer von den Arbeiterinnen , die man angenommen , und Gratia bildete den Gegenstand desselben . Lea hatte etwas gesagt , was ich nicht gehört , und die Frau antwortete darauf : „ Sie wird einen guten Lobn bekommen , sollte ich denken ? “ „ Ja , “ sagte Lea , „ ich wollte , ich bekäme so viel : nicht als hätte ich mich über den meinen zu beklagen – denn man ist nicht karg in Thornfield – aber es ist nicht der fünfte Theil von dem , was Mistroß Poole erhält . Sie legt zurück , und geht alle Vierteliahr auf die Bank nach Millcote . Es sollte mich nicht wundern , wenn sie sich schon so viel erspart hätte , um unabhängig leben zu können , wenn sie gehen wollte ; aber ich vermuthe , sie hat sich an den Ort gewöhnt ; und überdies ist sie noch nicht vierzig , stark und zu allen Arbeiten fähig . Es ist noch zu früh für sie , sich von den Geschäften zurückzuziehen . “ „ Sie ist nicht dumm , vermuthe ich , “ sagte die Frau . „ Ach ! sie weiß , was sie zu thun hat , Niemand weiß es besser , “ versetzte Lea bedeutungsvoll : „ doch möchte nicht Jede in ihre Schuhe treten , um all das Geld , welches sie bekommt . “ „ Gewiß nicht ! “ war die Antwort . „ Es soll mich wundern , ob der Herr – “ Als die Frau sich weiter aussprechen wollte , wendete sich Lea um , bemerkte mich und gab ihrer Dienstgenossin einen Stoß mit dem Ellbogen . „ Weiß sie es nicht ? ” hörte ich die Frau flüstern . Lea schüttelte den Kopf und die Unterhaltung verstummte natürlich . Alles , was ich daraus erfahren hatte , war , daß ein Geheimniß in Thornfield herrschte , und daß ich absichtlich von der Theilnahme an demselben ausgeschlossen werde . Der erwartete Donnerstag kam . Alle Arbeit war am vorhergehenden Abend vollendet worden . Teppiche waren hingelegt , Vorhänge befestigt , glänzend weiße Decken ausgebreitet , die Toilettentische geordnet , die Möbeln abgerieben , die Vasen mit Blumen gefüllt , und Zimmer und Salons sahen so frisch und glänzend aus , wie menschliche Hände sie nur machen konnten . Auch die Vorhalle war gescheuert und das große geschnitzte Uhrgehäuse , sowie die Stufen und Geländer der Treppe so glänzend , wie Glas , polirt . Am Speisezimmer strahlte der Seitentisch von Silbergeschirr , und im Gesellschaftszimmer und Boudoir schimmerten auf allen Seiten Vasen mit ausländischen Blumen . Der Nachmittag kam : Mistreß Fairfax legte ihr bestes schwarzseidenes Kleid , ihre Sandschuhe und ihre goldene Uhr an , denn es war ihr Geschäft , die Gesellschaft zu empfangen , die Damen in ihre Zimmer zu führen u. s. w. Auch Adele wollte angekleidet sein , obgleich ich es nicht für wahrscheinlich hielt , daß sie an dem Tage in die Gesellschaft werde eingeführt werden . Ihr zu Gefallen erlaubte ich indeß , ihr eins von ihren kurzen und vollen Mousselinkleidern anzuziehen . Was mich betraf , so war es nicht nöthig , mich umzukleiden , denn es stand nicht zu erwarten , daß man mich auffordern werde , das Heiligthum meines Schulzimmers zu verlassen , denn ein Heiligthum war es für mich geworden ein sehr angenehmer Zufluchtsort in einer stürmischen Zeit . Es war ein milder und heiterer Frühlingstag gewesen : einer von jenen Tagen , die gegen Ende des März oder zu Anfang des April sich als Vorboten des Sommers über die Erde erheben . Er nahte sich jetzt seinem Ende ; aber der Abend war warm , und ich saß bei offenem Fenster im Schulzimmer bei meiner Arbeit . „ Es wird spät , “ sagte Mistreß Fairfax , in rauschendem Staat eintretend . „ Es ist mir lieb , daß ich das Mittagsessen eine Stunde nach der von Herrn Rochester bestimmten Zeit bestellt habe , denn es ist jetzt schon sechs Uhr . Ich habe John zum Thor hinuntergeschickt , um zu sehen , ob auf dem Wege etwas zu bemerken ist , denn man kann von dort weit nach Millcote hinsehen . Sie ging zum Fenster . „ Da ist er , “ sagte sie , lehnte sich hinaus und rief : „ Nun , John , was gibt ’ s Neues ? “ „ Sie kommen , Madame , “ war die Antwort . „ Sie werden in zehn Minuten hier sein . “ Adele eilte zum Fenster . Ich folgte , stellte mich aber auf die Seite , so daß ich , vom Vorhange geschützt , sehen konnte , ohne gesehen zu werden . Die zehn Minuten , die John angegeben , schienen sehr lang , aber endlich hörte man das Geräusch von Wagenrädern ; vier Reiter galoppirten den Weg daher , und nach ihnen kamen zwei offene Wagen . Flatternde Schleier und wehende Federn füllten diese ; zwei von den Reitern waren junge , vornehm aussehende Herren , und der dritte war Herr Rochester , auf seinem schwarzen Pferde Mesrour . Pilot sprang vor ihm her , und an seiner Seite ritt eine Dame , mit welcher er den Zug eröffnete . Ihr purpurnes Reitkleid berührte fast den Boden , ihr Schleier flatterte weit dahin , und mit seinen durchsichtigen Falten vereint , und durch dieselben strahlend , zeigten sich volle schwarze Ringellocken . „ Miß Ingram ! “ rief Mistreß Fairfax , und fort eilte sie , um unten ihren Posten einzunehmen . Die Reiter folgten der Wendung des Weges , und bogen rasch um die Ecke des Hauses , wo ich sie aus den Augen verlor . Adele bat jetzt , hinuntergehen zu dürfen , aber ich nahm sie auf den Schooß und gab ihr zu verstehen , sie dürfe weder jetzt noch zu anderer Zeit sich den Damen darstellen , wenn man sie nicht rufen lasse : Herr Rochester würde sehr ärgerlich darüber sein u. s. w. Als ihr dies gesagt wurde , vergoß sie einige natürliche Thränen ; doch als ich sehr ernst auszusehen begann , willigte sie endlich ein , sie abzutrocknen . Eine freudige Bewegung war jetzt in der Vorhalle hörbar : die tiefen Töne der Herren und die Silberklänge der Damen verschmolzen sich harmonisch , und vor Allen , obgleich nicht laut , machte sich die volltönende Stimme des Herrn von Thornfield Hall hörbar , der seine schönen und galanten Gäste unter seinem Dache bewillkommte . Dann kamen leichte Schritte die Treppe herauf und trippelten durch die Gallerie ; ich vernahm ein sanftes und heiteres Lachen , dann wurden Thüren geöffnet und geschlossen , und für den Augenblick war Alles still . „ Sie verändern ihre Toilette , “ sagte Adele , die , aufmerksam horchend , jeder Bewegung folgte . „ Wenn bei Mama Gesellschaft war , “ sagte sie seufzend , „ so folgte ich ihnen überall , in den Salon und in ihre Zimmer ; oft sah ich zu , wie die Kammerjungfern die Damen frisirten und ankleideten , und das war unterhaltend , und man lernt Manches dabei . “ „ Hast Du keinen Hunger , Adele ? “ „ Ei ja , Mademoiselle : es sind fünf oder sechs Stunden , daß wir nicht gegessen haben . “ „ Nun gut , während die Damen in ihren Zimmern sind , will ich hinuntergehen und Dir etwas zu essen holen . “ Und mit Vorsicht aus meinem Asyl hervortretend , suchte ich die Hintertreppe auf , die geradezu in die Küche hinunterführte . In dieser Region war Nichts als Feuer und Bewegung ; die Suppe und die Fische waren fast fertig , und die Köchin bückte sich so weit über ihre Kohlen nieder , daß es schien , als wolle sie sich freiwillig verbrennen . Im Bedientenzimmer saßen und standen zwei Kutscher und drei Bedienten um das Feuer ; die Abigails waren vermuthlich bei ihren Damen , und die neuen Diener , die man in Millcote gedungen , waren überall beschäftigt . Durch dieses Chaos gehend , erreichte ich endlich die Speisekammer , setzte mich in den Besitz eines kalten Hühnchens , eines Brötchens , einiger kleinen Torten , einiger Teller , so wie eines Messers und einer Gabel , mit welcher Beute ich hastig meinen Rückzug antrat . Ich hatte die Gallerie erreicht , und machte eben die Hinterthür wieder zu , als ein lauteres Summen mir verkündete , daß die Damen im Begriff seien , aus ihren Zimmern hervorzukommen . Ich konnte nicht zum Schulzimmer gelangen , ohne an einigen von ihren Thüren vorüberzukommen und in Gefahr zu gerathen , mit meiner Ladung von Lebensmitteln überrascht zu werden . Ich blieb also an diesem Ende stehen , welches dunkel , war , da es kein Fenster hatte , und wo hin jetzt , da die Sonne untergegangen war , kein Strahl drang . Sogleich gaben die Zimmer ihre schönen Bewohnerinnen nach einander heraus , und alle kamen heiter und lustig in einer Kleidung zum Vorschein , die durch die Dämmerung schimmerte . Einen Augenblick standen sie in Gruppen