verlassen müsse , bot ihr eine gefüllte Börse für die augenblicklichen , dringendsten Ausgaben , kümmerte mich nicht um Geschrei , hysterische Thränen , Bitten , Beteuerungen , Krämpfe und Zuckungen , und traf mit dem Vicomte eine Verabredung für den folgenden Morgen im Bois de Boulogne . Am nächsten Morgen hatte ich das Vergnügen , ihm gegenüber zu stehen , ließ eine Kugel in einem seiner beiden jämmerlichen , kranken Arme zurück , die so schwach waren , wie die Flügel eines jungen Huhns , das den Pipps hat , und glaubte dann , mit der ganzen Gesellschaft fertig zu sein . Unglücklicherweise hatte die Varens mir aber sechs Monate zuvor dieses Mädchen Adele geschenkt , von welcher sie beschwor , daß es mein Kind sei , – und vielleicht ist sie ' s auch , obgleich ich in ihrem Antlitz keinen Zug ihres grausam häßlichen Vaters entdecken kann ; Pilot hat mehr Ähnlichkeit mit mir als sie . Einige Jahre nachdem ich mit der Mutter gebrochen hatte , verließ sie ihr Kind und lief nach Italien mit einem Musikanten oder einem Sänger , Ich erklärte , daß Adele durchaus keine natürlichen , selbstverständlichen Ansprüche habe , von mir erhalten zu werden , und ebensowenig erkenne ich jetzt solche Ansprüche an , denn ich bin nicht ihr Vater ; als ich aber hörte , daß das arme Geschöpf ganz verlassen sei , nahm ich es aus dem Schmutz und dem Elend und dem Schlamme von Paris und verpflanzte es hierher , um in dem reinen und gesunden Boden eines englischen Landhauses aufzuwachsen . Dann fand Mrs. Fairfax Sie , die Sie die zarte Pflanze pflegen und erziehen wollen ; aber jetzt , wo Sie wissen , daß sie der Sprößling einer französischen Sängerin ist , werden Sie vielleicht anders von Ihrer Stellung und Ihrem Schützling denken ; eines Tages werden Sie zu mir mit der Nachricht kommen , daß Sie eine andere Stelle gefunden haben – daß Sie mich bitten , mich nach einer anderen Gouvernante umzusehen u. s. w. u. s. w , nicht wahr ? « » Nein – Adele ist weder für die Sünden ihrer Mutter , noch für die Ihren verantwortlich ; ich hege eine Neigung für sie , und jetzt , wo ich weiß , daß sie in gewissem Sinne elternlos ist – verlassen von ihrer Mutter und verleugnet von Ihnen , Sir – jetzt werde ich sie noch lieber haben als bisher . Wie wäre es denn möglich , daß ich den verzogenen Liebling einer reichen Familie , der seine Gouvernante wie ein notwendiges Übel hassen würde , einer armen , einsamen Waise vorziehen könnte , die an mir hängt wie an einer Freundin ? « » Ah ! das ist also das Licht , in dem Sie die Sache ansehen ! Nun , ich muß jetzt hineingehen , und Sie ebenfalls . Es wird dunkel ! « Aber ich blieb noch einige Minuten mit Pilot und Adele draußen , – lief mit ihr um die Wette und spielte noch eine Partie Federball . Als wir endlich ins Haus gegangen , nahm ich ihr Hut und Mantel ab und setzte sie auf meinen Schoß ; dort behielt ich sie eine Stunde und erlaubte ihr , nach Herzenslust zu plaudern . Ich erteilte ihr auch keinen Verweis über einige kleine Freiheiten und Plattheiten , in die sie leicht zu verfallen pflegte , wenn sie sich beobachtet glaubte , und welche eine Oberflächlichkeit des Charakters verriet , die sie wahrscheinlich von ihrer Mutter geerbt hatte , da sie einem englischen Gemüt durchaus nicht verwandt war . Aber sie hatte doch auch ihre guten Seiten , und ich war geneigt , alles was gut war , bei ihr aufs höchste wertzuschätzen . Ich suchte in ihren Zügen und ihrem Gesichtsausdruck eine Ähnlichkeit mit Mr. Rochester , aber ich fand keine ; kein Zug , keine Miene verrieten eine Verwandtschaft . Es war schade . Wenn man ihm nur hätte beweisen können , daß sie Ähnlichkeit mit ihm habe , so würde er mehr Liebe für sie gehegt haben . Erst nachdem ich mich abends in mein Zimmer zurückgezogen hatte , um mich schlafen zu legen , begann ich ernstlich über die Geschichte nachzudenken , welche Mr. Rochester mir erzählt hatte . Wie er selbst sagte , war der Kern der Erzählung wahrscheinlich gar nichts außergewöhnliches ; in der Gesellschaft war die Leidenschaft eines reichen Engländers für eine französische Sängerin oder Tänzerin und ihr Verrat an ihm gewiß eine Sache , die ohne Zweifel alle Tage vorkam ; aber in dem Paroxismus von Rührung , der ihn so plötzlich erfaßte , als er im Begriff war , mir die gegenwärtige Zufriedenheit seiner Seele und seine neu erstandene Freude an dem alten Herrenhause und seiner Umgebung zu schildern , lag entschieden etwas seltsames . Über diesen Umstand dachte ich verwundert nach ; aber nach und nach entließ ich ihn aus meinen Gedanken , da ich ihn für den Augenblick unerklärlich fand , und wandte mich der Betrachtung über die Art und Weise zu , welche der Herr des Hauses mir gegenüber an den Tag legte . Das Vertrauen , welches er mir zu schenken für gut befunden hatte , schien ein Tribut , den er meiner Diskretion zollte : ich sah es wenigstens dafür an und schätzte es als solchen . Während der letzten Wochen war sein Betragen gegen mich gleichmäßiger gewesen als im Anfang . Ich schien ihm niemals im Wege zu sein ; er bekam nicht mehr jene Anfälle erstarrenden Hochmuts ; wenn er mir unerwartet begegnete , schien diese Begegnung ihm willkommen zu sein ; er hatte stets ein Wort und zuweilen auch ein Lächeln für mich ; wenn er mich in aller Form auffordern ließ , ihm Gesellschaft zu leisten , so wurde ich mit einem so außerordentlich freundlichem Empfange beehrt , daß ich deutlich merkte , wie ich wirklich die Macht besaß , ihn zu unterhalten , und daß er diese abendlichen Zusammenkünfte ebenso sehr zu seinem eigenen Vergnügen wie zu meinem Wohle suchte . Ich sprach in der That verhältnismäßig wenig ; aber es war mir ein Genuß , ihn sprechen zu hören . Es lag in seiner Natur , mitteilsam zu sein . Er liebte es , einem Gemüte , das mit der Welt unbekannt war , Bilder und Scenen aus derselben vorzuführen , ( ich meine nicht sittenverderbte Bilder und wüste Scenen , sondern solche , welche durch ihre Neuheit fesseln konnten und ihr Interesse von dem großen Schauplatz herleiteten , auf welchem sie spielten ) und es war für mich eine reine Wonne , die neuen Gedanken , welche er bot , in mich aufzunehmen ; mir die Bilder zu vergegenwärtigen , welche er malte und ihm durch die neuen Regionen zu folgen , welche er eröffnete . Niemals erschreckte oder bekümmerte er mich durch eine verderbliche , schädliche Anspielung . Die Leichtigkeit und Freiheit seiner Manieren befreite mich von quälendem Zwange ; seine freundliche Offenherzigkeit , die ebenso korrekt wie wohlthuend war , zog mich zu ihm hin . Zuweilen war mir , als sei er mir nahe verwandt , ich vergaß ganz , daß er eigentlich mein Brotherr ; wohl war er hier und da noch gebieterisch und herrisch ; aber es kränkte mich nicht mehr ; ich wußte , daß dies nun einmal so seine Art sei . Ich wurde so zufrieden , so glücklich mit diesem neuen Interesse , welches mein Leben erhalten hatte , daß ich aufhörte mich nach Gefährtinnen meines Geschlechts zu sehnen ; die zarte Mondessichel meines Geschicks schien zu wachsen ; die Leere meines Daseins war ausgefüllt ; meine körperliche Gesundheit wurde besser , ich wurde stark und kräftig . Und war Mr. Rochester in meinen Augen noch immer häßlich ? Nein , mein lieber Leser . Dankbarkeit und andere gute , freie , sympathische Regungen machten , daß sein Gesicht das wurde , was ich auf der Welt am meisten zu sehen liebte ; seine Gegenwart machte das Zimmer heller und wärmer und gemütlicher , als das loderndste Kaminfeuer . Seine Fehler hatte ich jedoch noch immer nicht vergessen , und ich konnte es auch in der That nicht , denn er führte sie mir beständig vor Augen . Er war stolz , sarkastisch , hart gegen Untergebene jeder Art ; in der geheimsten Tiefe meines Herzens wußte ich , daß ungerechte Strenge gegen viele andere seiner großen Güte gegen mich die Wage hielt . Er war auch launenhaft und das in der unberechenbarsten Weise . Wenn er mich hatte holen lassen , daß ich ihm vorläse , fand ich ihn mehr als einmal allein in der Bibliothek , den Kopf auf die verschränkten Arme gebeugt ; und wenn er dann aufblickte , verdüsterte ein mürrischer , fast maliziöser Blick seine Miene . Aber ich glaubte , daß seine Launenhaftigkeit , seine Härte und seine früheren Sünden ( ich sage frühere , denn jetzt schien er sich bekehrt zu haben ) ihren Ursprung in irgend einem harten Schicksalsschlage hatten . Ich glaubte , daß die Natur ihn zu einem Menschen von besseren Neigungen , strengeren Grundsätzen und reinerer Geschmacksrichtung bestimmt hatte , als die traurigen Verhältnisse später in ihm entwickelt , die Erziehung ihm eingeträufelt , das Schicksal in ihm ermutigt hatten . Ich glaubte , daß ausgezeichnete Eigenschaften in ihm schlummerten , obgleich für den Augenblick sein ganzes Innere verworren und elend schien . Ich kann nicht leugnen , daß ich um seinen Schmerz trauerte , welcher Art er auch sein mochte ; und ich muß gestehen , daß ich viel gegeben hätte , wenn ich ihn hätte auf mich nehmen können . Obgleich ich meine Kerze jetzt ausgelöscht hatte und bereits im Bette lag , konnte ich nicht schlafen , weil ich fortwährend den Blick vor mir sah , mit welchem er in der Allee stehen geblieben war und mir erzählt hatte , daß sein Schicksal vor ihm erstanden und ihn trotzig gefragt habe , ob er es wage , in Thornfield glücklich sein zu wollen . » Weshalb nicht ? « fragte ich mich ; » was entfremdet ihn dem Hause ? Wird er es bald wieder verlassen ? Mrs. Fairfax erzählte , daß er niemals länger als vierzehn Tage hier bleibe , und jetzt residiert er schon acht Wochen hier . Wenn er wieder geht , wird es eine schmerzliche Veränderung für mich sein . Wenn er nun Frühling , Sommer und Herbst fortbliebe : wie freudlos würde dann der Sonnenschein , wie traurig würden die schönen Tage für mich sein ! « Ich weiß nicht , ob ich nach diesen Reflexionen eingeschlafen war oder nicht ; auf jeden Fall fuhr ich aber erschreckt empor , als ich ein undeutliches Murmeln , seltsam und unheimlich , vernahm , das , wie ich glaubte , gerade über meinem Kopfe war . Ich wünschte , daß ich meine Kerze hätte brennen lassen ; die Nacht war trübe und dunkel , mein Gemüt war bedrückt . Ich erhob mich und richtete mich im Bette auf , um zu horchen . Die Töne verstummten . Wiederum versuchte ich zu schlafen ; aber mein Herz klopfte ängstlich , meine innere Ruhe war hin . Weit unten in der Halle verkündete die Uhr die zweite Stunde . In diesem Augenblick war es , als berühre jemand die Thür meines Zimmers , als hätte jemand sich durch die dunkle Galerie an den Holzverkleidungen der Wand entlang getastet . Ich rief : » Wer ist da ? « Niemand antwortete . Die Furcht machte mich fast erstarren . Plötzlich fiel es mir ein , daß es Pilot sein könne , welcher oft , wenn die Küchenthür nicht geschlossen war , seinen Weg bis an die Schwelle von Mr. Rochesters Zimmer fand . Oft hatte ich ihn am Morgen selbst dort liegen sehen . Einigermaßen durch diesen Gedanken beruhigt , legte ich mich wieder . Stille und Ruhe stärken die Nerven , und da jetzt eine ununterbrochene Stille im ganzen Hause herrschte , fühlte ich , wie der Schlaf sich wiederum auf meine Lider senkte . Aber das Schicksal hatte beschlossen , daß ich in dieser Nacht keinen Schlummer finden sollte . Kaum hatte ein Traum sich leise flüsternd meinem Ohre genähert , als er erschreckt von dannen floh , von einem markerschütternden Zwischenfall verjagt . Es war ein dämonisches Lachen – leise , unterdrückt , tief – welches , wie es schien , durch das Schlüsselloch meiner Zimmerthür drang . Das Kopfende meines Bettes stand nahe an der Thür , und im ersten Augenblick glaubte ich , daß dieser teuflische Lacher neben meinem Bette stehe – oder vielmehr auf meinem Kopfpolster krieche ; aber ich stand auf , blickte umher und konnte nichts sehen ; als ich noch ins Dunkel starrte , wiederholte sich der übernatürliche Laut , und ich wußte dann , daß er von der anderen Seite der Thür kam . Mein erster Impuls war aufzustehen und den Riegel vorzuschieben ; der nächste wiederum auszurufen : » Wer ist da ? « Ich hörte ein Gurgeln , ein Stöhnen . Nicht lange und ich vernahm leise Schritte , die sich über die Galerie nach dem dritten Stockwerk zurückzogen ; auf jener Treppe war vor kurzem eine verschließbare Thür angebracht ; diese wurde ganz vernehmbar geöffnet und wieder geschlossen . Dann war alles still . » War das Grace Poole ? Und ist sie vom Teufel besessen ? « dachte ich . Jetzt war es unmöglich , länger allein zu bleiben , ich mußte zu Mrs. Fairfax gehen . Eilig warf ich mir Kleid und Shawl über ; mit zitternder Hand zog ich den Riegel zurück und öffnete die Thür . Draußen stand auf dem Teppich , welcher in der Galerie lag , ein brennendes Licht . Dieser Umstand setzte mich in Erstaunen ; aber noch erstaunter war ich , zu bemerken , daß die Luft ganz trübe war , wie mit Rauch angefüllt ; und während ich nach links und rechts blickte , um zu sehen , woher die blauen , sich kräuselnden Wolken kamen , machte sich schon ein starker Brandgeruch bemerkbar . Ein Knarren ; es war eine halbgeöffnete Thür ; diese Thür führte zu Mr. Rochesters Zimmer , und von dort kamen auch jetzt dichte , schwere Rauchwolken . Ich dachte nicht mehr an Mrs. Fairfar . Ich dachte nicht mehr an Grace Poole oder an das Lachen , – in einem Augenblick befand ich mich in jenem Gemache . Rund um das Bett züngelten Flammen empor , die Vorhänge brannten lichterloh . Inmitten dieses Feuers , dieses Rauches lag Mr. Rochester bewegungslos ausgestreckt ; tiefer Schlaf hielt ihn umfangen . » Wachen Sie auf ! Wachen Sie auf ! « schrie ich – ich schüttelte ihn , aber er murmelte nur etwas unverständliches und wandte sich um . Der Rauch hatte ihn bereits betäubt . Es war kein Augenblick zu verlieren ; die Betttücher fingen bereits Feuer . Ich stürzte an die Waschschüssel und an den Wasserkrug ; zum Glück war erstere groß und weit , letzterer tief , und beide waren mit Wasser angefüllt . Ich hob sie auf , überflutete das Bett und den darin Liegenden , flog zurück in mein eigenes Zimmer , brachte meinen Wasserkrug , taufte das Lager von neuem , und mit Gottes Hilfe gelang es mir , die Flammen zu löschen , welche es verzehrten . Das Zischen des verlöschenden Elements , das Zerbrechen des Kruges , den ich aus der Hand schleuderte , als er geleert war und vor allen Dingen das Plätschern des Tropfbades , welches ich so reichlich über ihn ausgegossen , weckten Mr. Rochester endlich . Obgleich es jetzt dunkel war , wußte ich , daß er erwachte , denn ich hatte ihn seltsame Flüche murmeln hören , als er sich in einem Wasserpfuhl liegend fand . » Ist das eine Überschwemmung ? « schrie er . » Nein , Sir , « entgegnete ich , » aber es war ein Feuer ; stehen Sie auf , ich flehe Sie an , Sie sind gänzlich durchnäßt ; ich werde ein Licht holen . « » Im Namen aller Feeen der Christenheit , ist das Jane Eyre ? « fragte er . » Was haben Sie mit mir gemacht , Hexe , Zauberin ? Wer ist noch außer Ihnen im Zimmer ? Haben Sie sich verschworen , mich zu ertränken ? « » Ich werde Ihnen ein Licht holen , Sir ; und stehen Sie auf , um Gottes willen ! Irgend jemand hat ein Komplott geschmiedet ; Sie können nicht früh genug untersuchen , wer es , was es ist ! « » So , jetzt bin ich auf ; aber es geht auf Ihre eigene Gefahr , wenn Sie jetzt ein Licht holen . Warten Sie noch zwei Minuten , bis ich in trockene Kleider komme , wenn es deren hier überhaupt noch trockene giebt – ja , hier ist mein Schlafrock , jetzt eilen Sie ! « Und ich eilte . Ich brachte das Licht , welches noch in der Galerie stand . Er nahm es mir aus der Hand , hielt es in die Höhe und betrachtete das Bett , welches ganz schwarz und versengt war , die Betttücher waren durchnäßt , der Teppich rund umher stand unter Wasser . » Was ist es ? Und wer hat es gethan ? « fragte er . Ich erzählte ihm kurz , was ich bemerkt hatte , das seltsame Lachen in der Galerie , der leise Tritt , welcher in das dritte Stockwerk emporstieg ; der Rauch – der Brandgeruch , welcher mich an seine Thür geführt hatte ; in welchem Zustande ich ihn da gefunden hatte , und wie ich ihn mit allem Wasser , dessen ich habhaft werden konnte , überflutet hatte . Er hörte sehr ernst zu ; als ich fortfuhr , drückte sein Gesicht mehr Kummer als Erstaunen aus . Als ich zu Ende war , schwieg er noch einige Minuten . » Soll ich Mrs. Fairfax rufen ? « fragte ich . » Mrs. Fairfax ? Nein . Weshalb zum Teufel wollten Sie sie rufen ? Was könnte sie thun ? Lassen Sie sie unbehelligt schlafen . « » Dann will ich Leah holen und John und seine Frau wecken . « » Nein , durchaus nicht . Seien Sie nur ganz still . Haben Sie ein Tuch ? Wenn Ihnen nicht warm genug ist , so nehmen Sie meinen Mantel , der dort hängt ; hüllen Sie sich ein und setzen Sie sich in jenen Lehnstuhl ; so – ich werde Sie zudecken . Jetzt legen Sie Ihre Füße auf den Stuhl , damit sie nicht naß werden . Ich werde Sie ein paar Minuten allein lassen . Bleiben Sie , wo Sie sind , bis ich zurückkomme ; halten Sie sich so still wie eine Maus . Ich nehme das Licht mit . Jetzt muß ich in das zweite Stockwerk hinaufgehen , um zu sehen , ob auch dort etwas geschehen . Rühren Sie sich nicht . Rufen Sie niemanden , ich bitte Sie darum . « Er ging . Ich sah , wie das Licht sich entfernte . Leise ging er die Galerie hinauf ; mit so wenig Geräusch wie möglich öffnete er die Treppenthür , schloß sie wieder hinter sich – und somit verschwand der letzte Lichtstrahl . Ich blieb in undurchdringlicher Finsternis zurück . Angestrengt horchte ich , ob ich kein Geräusch vernehmen könne , aber ich hörte nichts . Es verging eine Zeit , die mich fast eine Ewigkeit dünkte . Ich wurde müde ; trotz des Mantels fror mich ; und dann begriff ich auch nicht , zu welchem Zweck ich bleiben und warten sollte , wenn ich niemanden im Hause wecken durfte . Grade war ich im Begriff , Mr. Rochesters Mißfallen zu riskieren , indem ich seine Befehle nicht befolgte , als der schwache Schein des Lichts wiederum an der Mauer der Galerie sichtbar wurde , und ich den Tritt seiner unbeschuhten Füße auf dem Teppich der Galerie vernahm . » Ich hoffe , daß er es ist , « dachte ich , » und nichts schlimmeres . « Er trat wieder ein , bleich , düster , niedergeschlagen . » Ich habe jetzt alles entdeckt , « sagte er , indem er den Leuchter auf den Waschtisch stellte , » es ist alles so , wie ich vermutete . « » Wie , Sir ? « Er entgegnete nichts , sondern stand mit verschränkten Armen da und blickte zu Boden . Nach Verlauf von einigen Minuten fragte er mit seltsamem Ton : » Ich habe vergessen , ob Sie mir sagten , daß Sie irgend etwas gesehen , als Sie die Thür Ihres Zimmers öffneten . « » Nein , Sir , ich sah nichts als den Leuchter , welcher auf dem Teppich dicht vor meiner Thür stand . « » Aber Sie hörten ein eigentümliches Lachen ? Haben Sie dasselbe oder ein ähnliches schon früher gehört ? « » Ja , Sir . Hier ist eine Person , die sich mit Nähen beschäftigt ; sie heißt Grace Poole – sie lacht in dieser Weise . Überhaupt ist sie ein sonderbares Geschöpf . « » Die ist ' s. Grace Poole – Sie haben es erraten , Sie ist , wie Sie sagen , sonderbar – sehr sonderbar . Nun , ich werde über die Sache nachdenken . Inzwischen bin ich froh , daß Sie außer mir die einzige Person sind , welche die genauen Umstände bei den Geschehnissen dieser Nacht kennt . Sie sind keine geschwätzige Närrin – also sprechen Sie nicht darüber . Für diese Zustände hier ( auf das Bett zeigend ) will ich schon eine Erklärung finden . Und jetzt kehren Sie in Ihr Zimmer zurück . Ich werde es mir für den Rest der Nacht auf dem Sofa in der Bibliothek bequem machen . Es ist beinahe vier Uhr : – in zwei Stunden werden die Dienstboten wach sein . « » Gute Nacht denn , Sir , « sagte ich im Begriff fortzugehen . Er schien erstaunt – mir war das unerklärlich , denn er hatte mir ja soeben gesagt , ich sollte gehen . » Wie ! « rief er aus , » Sie verlassen mich schon , und in dieser Weise ? « » Sie sagten ja , Sir , daß ich gehen könne ! « » Aber doch nicht , ohne Abschied zu nehmen ; nicht ohne ein oder zwei Worte des Mitgefühls , des guten Willens ; kurzum , nicht in jener kurzen , trockenen Manier . Sehen Sie ! Sie haben mir das Leben gerettet ! – Sie haben mich einem entsetzlichen , martervollen Tode entrissen ! – und Sie gehen an mir vorüber , als wären wir gegenseitig Fremde ! – Wenigstens reichen Sie mir die Hand ! « Er streckte seine Hand aus ; ich gab ihm die meine ; er faßte sie erst mit der einen , dann auch mit der zweiten Hand . » Sie haben mir das Leben gerettet . Es macht mir Freude , Ihnen gegenüber eine so große Pflicht der Dankbarkeit zu haben . Keinem andern lebenden Wesen gegenüber hätte ich solche Verpflichtungen ertragen , aber mit Ihnen ist es anders ; – Jane , die Dankbarkeit gegen Sie ist mir keine Last . « Er hielt inne , er blickte mich an . Ich sah , wie ihm die Worte auf den Lippen zitterten , – aber seine Stimme versagte ihm den Dienst . » Noch einmal gute Nacht , Sir . Sprechen Sie nicht von Schuld , Wohlthaten , Verpflichtungen ; in diesem Falle giebt es keine solchen . « » Ich fühlte immer , « fuhr er fort , » daß Sie mir zu irgend einer Zeit Gutes erweisen würden ; – als ich Sie zum erstenmal erblickte , sah ich es in Ihren Augen ! nicht umsonst – ( hier hielt er inne ) – nicht umsonst – ( und hastig weiter sprechend ) – nicht umsonst strahlte Ihr Lächeln , Ihr Ausdruck mir Wonne bis in den geheimsten Winkel meines Herzens . Die Menschen sprechen von natürlichen Sympathien ; ich habe von gütigen Schutzengeln gehört – selbst in den wildesten Fabeln giebt es doch ein Körnchen Wahrheit . Meine geliebte Lebensretterin , gute Nacht . « In seiner Stimme lag eine seltsame Energie , in seinen Blicken ein wunderbares Feuer . » Ich bin glücklich , daß ich zufällig wach war , « sagte ich ; dann wollte ich wieder gehen . » Wie ! Sie wollen gehen ? « » Mich friert , Sir . « » Es friert Sie ? Ja , – und da stehen Sie mitten in einem Wasserpfuhl ! Gehen Sie denn , Jane , gehen Sie ! « Aber er hielt noch immer meine Hand , und ich konnte sie nicht frei machen . Da fiel mir ein Auskunftsmittel ein . » Ich glaube , Sir , ich höre Mrs. Fairfax , « sagte ich . » Gut denn . Lassen Sie mich allein , « er ließ meine Hand los , und ich ging . Ich suchte mein Lager auf , aber ich dachte nicht an Schlaf . Bis zum Tagesanbruch schaukelte ich auf einem bewegten , tobenden Meere , wo Wogen von Kummer und Sorge unter Brandungen von Glück und Wonne dahinrollten . Zuweilen war mir ' s , als sähe ich hinter jenen wilden Gewässern eine Küste , schön wie die Hügel von Beulah ; dann und wann trug eine erfrischende Brise , durch die Hoffnung geweckt , meine Seele triumphierend der Küste entgegen , aber ich konnte sie nicht erreichen , nicht einmal im Geiste – eine hindernde Brise blies vom Lande her und trieb mich unaufhörlich zurück . Die Sinne wollten dem Delirium widerstehen : die Vernunft wollte die Leidenschaft warnen . Zu fieberhaft , um ruhen zu können , erhob ich mich mit Tagesanbruch . Sechzehntes Kapitel . An dem Morgen , welcher dieser schlaflosen Nacht folgte , fürchtete und wünschte ich zugleich , Mr. Rochester wiederzusehen . Ich sehnte mich , seine Stimme zu hören , und doch fürchtete ich , seinem Blicke zu begegnen . Während der ersten Morgenstunden erwartete ich jeden Augenblick , ihn kommen zu sehen . Es war nicht seine stete Gewohnheit , in das Schulzimmer zu kommen , aber zuweilen trat er auf einige Minuten ein , und ich hatte die Idee , daß er an diesem Tage gewiß kommen würde . Aber der Morgen ging hin wie gewöhnlich ; nichts trug sich zu , das den ruhigen Verlauf von Adelens Studien hätte stören können . Nur kurz nach dem Frühstück vernahm ich einigen Lärm in der Nähe von Mr. Rochesters Zimmer , Mrs. Fairfaxs Stimme , und Leahs und der Köchin , welche Johns Frau war , – sogar Johns eigene rauhe Töne hörte ich . Ich vernahm Ausrufe , wie » Welch ein Glück , daß unser Herr nicht in seinem eigenen Bette verbrannt ist ! « – » Es ist stets gefährlich ein Licht während der Nacht brennen zu lassen ! « – » Welch ein glücklicher Zufall , daß er Geistesgegenwart genug hatte , an den Wasserkrug zu denken ! « » Es wundert mich nur , daß er niemand geweckt hat ! « » Hoffentlich wird er sich bei dem Schlafen auf dem Sofa der Bibliothek nicht erkälten ! « u. s. w. u. s. w. Auf dies endlose vertrauliche Gespräch folgte das Geräusch von Reiben und Waschen und Aufräumen ; und als ich auf dem Wege hinunter zum Mittagessen an dem Zimmer vorüberging , sah ich durch die geöffnete Thür , daß sich alles bereits wieder in der alten Ordnung befand ; nur von dem Bette waren die Vorhänge heruntergenommen . Leah stand in der Fenstervertiefung und rieb die Glasscheiben , welche durch den Rauch geschwärzt waren . Ich war im Begriff , sie anzureden , denn ich wünschte zu wissen , welche Deutung der Sache gegeben worden ; als ich jedoch näher trat , sah ich noch eine zweite Person im Zimmer – eine Frau , die neben dem Bette saß und Ringe an die neuen Vorhänge nähte . Diese Frau war keine andere als Grace Poole . Da saß sie , ruhig und schweigsam wie gewöhnlich , in ihrem braunen Wollkleide , der karrierten Schürze , dem weißen Halstuche und der Haube . Sie war emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt , in welcher alle ihre Gedanken aufzugehen schienen ; auf ihrer harten Stirn und in ihren gewöhnlichen Zügen war nichts von der Blässe und der Verzweiflung sichtbar , welche man als Kennzeichen auf dem Gesichte einer Frau erwartet haben würde , die einen Mordversuch begangen hatte , und deren auserkorenes Opfer ihr am vorhergehenden Abende in ihren Schlupfwinkel gefolgt war und sie – wie ich glaubte – sie des Verbrechens angeklagt hatte , das sie zu verüben beabsichtigt hatte . Ich war erstaunt – versteinert . Sie sah auf , als ich sie noch anstarrte . Sie fuhr nicht zusammen , kein Wechsel der Farbe verriet irgend eine Bewegung , von der man auf ein Schuldbewußtsein hätte schließen können , oder auf eine Furcht vor Entdeckung , Sie sagte : » guten Morgen , Fräulein , « in ihrer gewöhnlichen , kurzen , phlegmatischen Weise . Dann nahm sie einen neuen Ring und ein Stück Schnur zur Hand und fuhr fort zu nähen . » Ich werde sie auf eine Probe stellen , « dachte ich , » eine so absolute Undurchdringlichkeit geht über meine Verstandeskräfte . « » Guten Morgen , Grace ! « sagte ich . » Ist hier irgend etwas geschehen ? Mir war , als hätte ich vor kurzem die Stimmen aller Dienstboten gehört . « » Nein . Der Herr hat nur gestern Abend im Bette gelesen