aufnahm , war ihr klar . Endlich schlug es elf Uhr . Da erhob sie sich und sagte , sie müsse in die Küche , um Feuer zu machen . Es kam an Mittagen sonst eine Bedienerin , die das Essen kochte , diese war noch nicht da . Im Flur riß Lenore ihren Strohhut vom Nagel und flog schnell wie der Wind zu Gertrud hinüber . Daniel war nicht zu Hause ; Gertrud schälte Kartoffeln . Drei Sätze , und Lenore hatte der Schwester alles gesagt . » Geh gleich mit mir und geh hinauf zum Vater , « schloß sie ; » acht auf ihn , halt ihn zurück , wenn er fortgehn will , in einer halben Stunde bin ich wieder bei euch . « Gertrud wurde von Lenore die Stiege förmlich hinuntergezerrt , und eh sie noch eine Frage stellen konnte , war Lenore verschwunden . In der Generalagentur kam ihr Herr Zittel mit dem geöffneten Antworttelegramm entgegen . Es war von jenem Gerber , Bennos Freund , unterzeichnet und lautete : Benno Jordan ist nicht hier gewesen . Benjamin Dorn stand hinter Herrn Zittel und trug eine Miene süßlich klagenden Bedauerns zur Schau . » Herr Diruf läßt Sie bitten , sich zu ihm zu bemühen , « sagte der Bureauchef kalt . Mit bleichem Gesicht trat Lenore in Dirufs Privatkanzlei . Herr Diruf schrieb an die drei Minuten weiter , ehe er von ihrer Gegenwart Kenntnis nahm . Dann öffneten sich die Pflaumenaugen träge , ein seltsam genußsüchtiges Lächeln huschte blitzschnell unter seinem Schnurrbart hervor , und er sagte : » Der Filou ist also gepurzelt . Nicht wahr ? « Lenore rührte sich nicht . » Kann die veruntreute Summe binnen vierundzwanzig Stunden ersetzt werden ? « fragte der fette und finstere Fürst der Schreiber . » Mein Vater wird tun , was menschenmöglich ist , « flüsterte Lenore gepreßt . » Haben Sie die Güte , Ihrem Vater auszurichten , daß ich morgen Mittag um zwölf Uhr die Anzeige erstatten werde , wenn bis dahin die dreitausendsiebenhundert Mark nicht an meine Kasse bezahlt sind . « Lenore eilte nach Hause . Nun mußte der Vater aufgerüttelt werden . Gertrud und der Inspektor saßen in einem furchtbaren Schweigen beieinander . Lenore enthüllte das nicht mehr zu verbergende Unglück . » Mein guter Name , « stöhnte Jordan gemartert . Vor der Schande mußte er sich retten . Die gewährte Gnadenfrist erschien ihm als ein sicheres Mittel zur Rettung . Er zweifelte nicht , daß er dienstbereite Freunde finden würde , denn er hatte ja etwas , worauf er pochen konnte : eine makellose Vergangenheit und den Ruf eines zuverlässigen Mannes . So sagte er sich ; und als er einmal den Entschluß gefaßt hatte , die Dienste der Freunde , deren er sicher zu sein wähnte , aufzurufen , schien ihm auch der schwierigste Teil seines Vorhabens überwunden . Das Leiden , zu dem ihn der tödlich getroffene Stolz , die enttäuschte und zertretene Vaterliebe verurteilte , hatte er allein zu tragen ; das stand auf einem Blatt für sich . Und er ging aus , sich an die Freunde zu wenden . 6 Sein erster Gang galt dem Schwager seiner Schwester , dem pensionierten Oberstleutnant Kupferschmied . Seine Schwester war vor einem halben Jahr gestorben und hatte nichts hinterlassen , der Oberstleutnant jedoch war vermögend ; er hatte in die Familie eines reichen Fabrikanten geheiratet . Jordans Beziehungen zu ihm waren stets angenehm gewesen , ja der alte Militär schien eine besondere Vorliebe für ihn gefaßt zu haben . Kaum vernahm er aber jetzt , was von ihm gefordert wurde , so zeigte er sich höchst aufgebracht . Er sagte , er habe das Unheil kommen gesehen ; wer seine Kinder über die Verhältnisse erziehe , müsse sich nicht wundern , wenn schlechte Menschen aus ihnen würden , und nichts in der Welt könne ihn bestimmen , auch nur einen roten Heller herzugeben . Jordan entfernte sich wortlos . Der zweite Gang führte ihn zu seinem alten Bekannten , dem Notar Rübsam . Da vernahm er viel Bedauern , zahlreiche Ausrufe des Entsetzens , ein Ach übers andere , Klagen über die elenden Zeiten , Verwünschungen säumiger Zahler , endlose Trostsprüche und leere Ratschläge . Gestern noch sei das Geld annähernd beisammen gewesen ; künftigen Monat fließe vielleicht wieder etwas ein , aber heute , gerade heute habe man die fälligen Steuern erlegen müssen , und so weiter , und so weiter . Niedergedrückt von dem Gewicht der Demütigung , wanderte Jordan zum Dritten , einem Kaufmann namens Hornschuch , dem er einst wichtige Hilfe geleistet . Diese hatte Herr Hornschuch vergessen , nicht aber die Warnungen , die er dem Inspektor im Hinblick auf den zutage tretenden Leichtsinn des jungen Benno angeblich habe zufließen lassen . An Geld fehle es ihm selber ; er habe ultimo vorigen Monats eine Hypothek kündigen müssen , und seine Frau habe sogar ihren Diamantschmuck verpfändet . Und so ging es beim vierten , einem Baumeister , der einmal zu Jordan gesagt , er werde Hab und Gut für ihn opfern , wenn Not am Mann sei ; und so beim fünften und beim sechsten und beim siebenten . Mit wehem Herzen tat Jordan schließlich das äußerste : er ging zu Diruf , um ihn zu bitten , die Frist auf drei Tage zu verlängern . Aber Herr Diruf saß unnahbar auf seinem Schreibsessel . Er rauchte eine knüppeldicke Havannazigarre , der Solitär warf ein blendendes Feuerwerk , er lächelte müd , kalt und erstaunt und schüttelte den Kopf . Als Jordan gegen Abend nach Hause kam , befanden sich Daniel und Gertrud im Zimmer . Gertrud stützte den Wankenden und brachte ihm ein Glas Wein zur Stärkung . El hatte seit dem Frühstück nichts zu sich genommen . » Wo ist Lenore ? « murmelte er , schien jedoch kein Interesse an der Antwort zu haben , sondern ließ sich auf einen Stuhl fallen und preßte den Kopf zwischen beide aufgestützte Arme . Gertrud , die ihn erlöschen sah wie ein Licht verlischt , wurde es schwindlig vor Mitleid . Ihre letzte Hoffnung war auf Lenore gerichtet , die um fünf Uhr fortgegangen war , weil sie es unerträglich gefunden hatte , Stunde um Stunde nichtstuend auf den Vater zu warten . Bei jedem Geräusch , das im Hause erschallte , horchte sie begierig auf . Daniel stand am Fenster und starrte in die violette Dämmerung über dem stillen Platz . Es schlug sieben Uhr , es schlug halb acht , es schlug acht , Lenore kam nicht . Daniel fing an , erregt durch das Zimmer zu gehen . Wenn er mit dem Fuß an einen Sessel stieß , zuckte Gertrud zusammen . Kurz nach acht Uhr ertönten Schritte auf der Stiege . Der Schlüssel kreischte im Gatterschloß , die Stubentür ging auf , und herein traten Lenore und Philippine Schimmelweis . 7 Alle sahen Philippine an ; sogar der Inspektor heftete einen matten Blick auf sie . Daniel und Gertrud waren sehr befremdet . Daniel erkannte seine Base nicht , denn er wußte nichts von ihr und hatte sie nur einmal als Kind gesehen . Er wußte nicht , wer das abschreckend aussehende Wesen war und forderte mit einem fragenden Emporheben der Brauen von Lenore eine Aufklärung . Lenore war die einzige , die Philippine wohlwollend betrachtete , und außerdem lag in ihrer Miene eine gewisse Neugier . Philippines ganze Erscheinung hatte etwas Monströses . Schon ihre Toilette war abenteuerlich . Der große , braune Strohhut mit dem steif in die Höhe strebenden Band war ein wenig nach hinten geschoben , damit die über die Stirn hängenden modischen Simpelfransen nicht um ihre Wirkung gebracht würden . Das grell karierte Kleid war unterhalb der Brust mit einem gelben Stoffgürtel so fest umschnürt , daß die Plumpheit des Körpers dadurch ins Lächerliche wuchs und ihn einer großen Sanduhr ähnlich machte . Die grob geschnittenen Züge hatten den Ausdruck lauernder Tücke . Nach einigen Minuten peinlicher Stille schritt sie auf Daniel zu und zupfte ihn am Ärmel . » Gell , du weißt gar nicht , wer ich bin ? « fragte sie , und ihre kleinen Augen blitzten ihn mit rätselhafter Wildheit an ; » ich bin die Philippine ; die Philippine Schimmelweis bin ich . « Daniel wich vor ihr zurück . » Nun gut , was soll ' s ? « fragte er stirnrunzelnd . Sie folgte ihm , packte ihn abermals am Ärmel und zog ihn in eine Ecke . » Hör zu , Daniel , « lispelte sie , » mein Vater , der muß dir Geld geben , so viel du brauchst . Dein Vater nämlich hat vor vielen , vielen Jahren alles Geld , was er gehabt hat , dreitausend Taler , meinem Vater gebracht , damit er ' s für dich aufhebt . Verstehst ? Ich hab ' s erhorcht , wie mein Vater mit meiner Mutter davon gesprochen hat . Das ist auch schon an die sieben Jahre her , aber ich hab mirs damals hinter die Ohren geschrieben . Mein Vater hat das Geld für sich verwendet ; er denkt , er kann ' s behalten . Geh hin und verlang , was du haben mußt , um denen da zu helfen . Darfst mich aber nicht verraten , sonst schlagen sie mich tot , verstehst ? Darfst kein Sterbenswort von mir sagen , gell ? « » Ist das wahr ? « entrang es sich Daniel , in dem unsäglicher Zorn mit unsäglichem Ekel kämpfte . » Es ist wahr , Daniel , bei meiner Ehr und Seligkeit , « erwiderte Philippine , » geh nur hin ; wirst schon sehen , daß es wahr ist . « Lenore wandte während des Zwiegesprächs der beiden , aus dem kaum der Ton der Stimmen zu ihr drang , keinen Blick von ihnen ab . 8 Seit dem Tage , an welchem Philippine ihren Bruder Markus zum Krüppel gemacht hatte , war sie eine Geächtete im Haus ihrer Eltern gewesen . Schwerlich hatte sie jemals Anlagen zur Güte und Heiterkeit besessen , aber die barbarische Züchtigung ihres Vaters hatte ihre Seele für immer verdunkelt und befleckt . Von ihrem zwölften Jahr an wurde ihr Geist ausschließlich vom Haß regiert . Der Haß erweckte sie , zeugte Gedanken und Pläne in ihr , verlieh ihr Willenskraft und Kühnheit und gab ihr eine frühzeitige Reise . Sie haßte ihren Vater , ihre Mutter und ihre Brüder . Sie haßte das Haus und seine Stuben , das Bett , in dem sie schlief , den Tisch , an dem sie aß . Sie haßte die Leute , die in die Wohnung , die Kunden , die in den Laden kamen , die Müßigsteher am Schaufenster , den langen Zwanziger , die Bücher und die Zeitschriften . Aber an jenem Mittag , als sie das Gespräch zwischen Vater und Mutter belauscht , hatte sich in ihrem finsteren und verwahrlosten Gemüt dem Haß eine zweite Macht beigesellt . Mit brennendem Kopf hinter der Tür stehend , hatte sie gehört , daß sie mit Daniel sollte verheiratet werden . Dieses Wort hatte sich die Dreizehnjährige mit der ganzen Wildheit einer Gefesselten , mit der ganzen Verbissenheit einer Phantasielosen zu eigen gemacht . Sie hatte darin nicht einen mehr oder weniger aussichtsvollen Plan des Vaters , sondern eine Schicksalsbotschaft hatte sie vernommen und lebte von nun an einer Idee , die Licht und Zweck in ihr Dasein brachte . Kurz nach seiner Ankunft in Nürnberg hatte sie Daniel unter den Meßbuden auf der Insel Schütt zum erstenmal gesehen ; der Vater hatte ihn ihr gezeigt . Sie wußte , daß er Musiker werden wollte ; sie empfand dabei nichts . Sie wußte , daß es ihm schlecht ging ; sie spürte weder Mitleid noch Bedauern . Als sie ihn später im Konzertsaal erblickte , war er ihr schon der Versprochene ; er gehörte ihr ; ihn zu erringen , ihn in ihre Gewalt zu bekommen , gleichviel auf welche Art , war ihr unveränderliches Trachten , ein Gefühl , in welchem sich Tierisches und Wahnsinn seltsam mischte . Die Diebstähle , die sie entschlossen und regelmäßig verübte , häuften sich im Laufe der Jahre zu einer stattlichen Summe . Nicht frech wie Diebe sonst , wurde Philippine mit der Zeit immer vorsichtiger . Darin , eine ehrliche Miene zur Schau zu tragen , erreichte sie eine solche Meisterschaft , daß selbst Jason Philipps Argwohn , als es einmal doch zu einer strengen Untersuchung kam , durch ihr Benehmen zerstreut wurde . Sie hoffte wohl , sich mit dem gestohlenen Geld eine gewisse Unabhängigkeit zu sichern . Denn stets war sie darauf gefaßt , daß ihr die Eltern eines Tages das Haus verbieten würden . Sie war überzeugt , Vater und Mutter warteten nur auf die Gelegenheit , sich ihrer unter einem Schein von Recht zu entledigen . Ferner hatte sie zwei Leidenschaften : eine für Süßigkeiten und eine für bunte Bänder . Die Süßigkeiten kaufte sie am Abend ; da schlich sie heimlich in den Laden des Zuckerbäckers Degen und verlangte mit lüstern aufgerissenen Augen für zwanzig Pfennige gefüllte Pralinees , an denen sie bis zum Schlafengehen schleckte . Die Bänder nähte sie zu Schleifen , um sie entweder auf dem Hut oder am Hals oder am Kleid zu tragen . Je greller eine Farbe war , je mehr gefiel sie ihr . Fragte die Mutter , woher hast du das Band ? so mußte sie lügen , und obwohl sie keine Freundin hatte , überhaupt keinen Verkehr , sagte sie , dies oder jenes Mädchen schenke ihr bisweilen Bänder . Wenn der Reichtum gar zu auffällig schien , zierte sie das Kleid erst nach dem Verlassen des Hauses in irgendeinem dunklen Torweg mit dem Band . Den Gang auf den Dachboden wagte sie höchstens einmal in der Woche . Da mußten die Brüder in der Schule und die Eltern im Laden sein . Die Angst , man könne sie ihres Schatzes berauben , machte sie von Jahr zu Jahr unsteter und drücke sich in ihrem Gesicht als ein bösartiges Mißtrauen aus . Zitternd stieg sie die dreizehn Stufen vom Vorplatz der Wohnung zum Bodenraum empor . Daß es gerade dreizehn Stufen waren , gab den ersten Anstoß zu dem Aberglauben , dem sie sich in späterer Zeit mit wollüstigem Schaudern überließ . Hatte sie die unterste Stufe mit dem linken Fuß betreten und merkte es in der Mitte der Treppe , so kehrte sie um und verzichtete für diesen Tag auf den Anblick ihres Reichtums . Sie fürchtete sich vor Gespenstern , Hexen und Zauberern und wurde kreideweiß , wenn eine Katze vor ihr über die Straße lief . Therese hielt keine Magd mehr , und durch die Arbeit in der Küche wurde Philippines Teint rauh und an ihren Händen sprang die Haut . Oft entzog sie sich dem Geschirrwaschen und Tellerspülen durch die Flucht , dann keifte und schrie Therese , daß die Nachbarinnen die Köpfe zu den Fenstern herausstreckten . Da rächte sich Philippine , indem sie Bettüberzüge , Hemden und Handtücher , die im Flickkorb lagen , absichtlich beschädigte und zerriß . Sie bediente sich hierbei einer Verwünschungsformel , die sie sich erdacht hatte , und die aus bedeutungsvoll klingenden , aber völlig sinnlosen Worten zusammengesetzt war . Sie hegte den absonderlichen Wahn , daß es ihr gegeben sei , Unglück über die Menschen zu bringen . Um die Zeit , als Jason Philipp anfing , über schlechten Geschäftsgang zu klagen , verspürte Philippine eine teuflische Genugtuung . Sein Gesinnungswechsel hatte die ehemaligen Parteigenossen vertrieben und die neuen glaubten ihm nicht . Er mußte wieder zu zweideutigen Druckwerken greifen , um Geld zu verdienen , und bald war es üblich , daß die Leute verächtlich lächelten , wenn von der Schimmelweisschen Buchhandlung die Rede war . Die Arbeiter-Assekuranz warf lange nicht mehr so viel ab wie am Anfang , denn der Kredit der Prudentia und ihrer Werber war untergraben . Es gibt ein Gesetz beim Fallen und Steigen bürgerlicher Existenzen . Von heute zu morgen veralten des einen Redlichkeit und Fleiß , veralten die Schliche und Winkelzüge des andern . So fiel der Inspektor Jordan , so ging es mit Jason Philipp Schimmelweis bergab . Philippine schrieb dies ihrem stillen , verderblichen Wirken zu . Jedes Mißgeschick , das den Vater traf , lockerte die Kette , die sie an freier Bewegung hemmte . In verruchten Stunden träumte sie von Not und Hunger , Bankrott und Verzweiflung der Ihren . Dann brauchte sie nicht länger das Aschenbrödel zu sein , früh aufzustehen , um Holz zu spalten und den Brüdern die Stiefel zu putzen ; dann war offener Weg zwischen ihr und Daniel . 9 Manchmal dachte sie , sie könne einfach hingehen und bei ihm bleiben . Manchmal schien es ihr , als werde er kommen und sie mitnehmen . Eines oder das andere mußte geschehen , so dachte sie . An einem Sonntagabend , es war gerade der Tag , an dem sie achtzehn Jahre alt geworden , kam ein Unteragent Jason Philipps , ein Mensch namens Pfefferkorn , in die Wohnstube und erzählte beiläufig , daß die ältere der Jordanschen Töchter seit langer Zeit mit dem Musikus Nothafft verlobt sei , daß dieses Verlöbnis geheim gehalten worden sei , daß aber nun die Hochzeit unmittelbar bevorstehe . » Wie ich höre , ist ja der Musikus Ihr Neffe , « schloß Pfefferkorn seinen Bericht . Jason Philipp starrte finster vor sich hin , Therese , die ihren Zichorienkaffee schlürfte , stellte die Tasse auf den Tisch und musterte ihren Mann mit geringschätzigem Blick . Da brach Philippine in ein Gelächter aus , das allen durch Mark und Bein ging . Sie rannte aus dem Zimmer und schlug die Türe krachend hinter sich zu . » Die ist wohl nicht bei Trost , « murmelte Jason Philipp wütend . Es kam dann jene Julinacht , in der sie ganz vom Hause fortblieb . Jason Philipp wetterte und brüllte , als sie am andern Morgen zurückkehrte , aber sie blieb stumm . Er sperrte sie sechzehn Stunden lang in den Keller ; sie blieb stumm . Hierauf verließ sie monatelang das Haus nicht mehr ; wusch und frisierte sich nicht mehr ; hockte in der Küche und die versträhnten Haare hingen wüst über Nacken und Schultern . Eine verzehrende Rachgier tobte in ihrer Brust , und die Geduld , die sie wider Willen üben mußte , erstarrte nach und nach zur Miene heuchlerischen Stumpfsinns . Plötzlich fing sie wieder an , sich zu schmücken und schlenderte an Nachmittagen durch die Straßen . Ihre geschmacklos grellen Bänder erregten Spott bei jung und alt . Sie hatte auskundschaftet , daß Lenore Jordan häufig die Vorträge im Kulturverein besuchte . Sie ging gleichfalls dorthin , drängte sich immer dicht an Lenore heran , aber deren Aufmerksamkeit zu erregen wollte ihr lange nicht gelingen . Einmal saß sie neben Lenore ; ein Wanderprediger hielt eine Rede über Leichenverbrennung . Philippine zog ihr Taschentuch und drückte es an die Augen , als ob sie weine . Betroffen wandte sich Lenore zu ihr und fragte , was ihr fehle . Es sei halt gar so traurig , was der alte Herr dort oben vorbringe , antwortete Philippine . Lenore verwunderte sich , da in den Ausführungen des Redners nichts enthalten war , was traurig genannt werden oder irgendeinem Menschen Tränen entlocken konnte . Nachher ging sie mit Philippine zusammen weg , und als ihr das häßliche Geschöpf sein Elend schilderte , wie sie von den Eltern und Brüdern Mißhandlungen erleiden müsse und niemand auf der Welt habe , der sich um sie kümmere , wurde Lenore von diesen Klagen bewegt ; der Umstand , daß Philippine Daniels leibliche Base war , beschwichtigte ihren Widerwillen und sie versprach ihr , sie bisweilen zu einem Spaziergang abzuholen . Sie hielt ihr Versprechen . Sie achtete nicht auf das Kopfschütteln der ihnen Begegnenden , wenn sie mit der vierschrötigen , marktschreierisch aufgetakelten jungen Dame in den Anlagen am Stadtgraben wandelte . Aber später zog sie es doch vor , die Promenaden , die zwei- oder dreimal jeden Monat stattfanden , in die Abendstunden zu verlegen . Philippine wünschte es selbst . Sie deutete an , daß zwischen den Familien Nothafft und Schimmelweis eine geheimnisvolle Feindschaft herrsche und beschwor Lenore , sie möge Daniel den Verkehr mit ihr verschweigen . Es war Lenore peinlich , dies von Philippine immer von neuem gefordert zu hören . Die lauernde Art , mit der Philippine das Gespräch auf Daniel und Gertrud zu bringen suchte , hatte etwas Zudringliches ; sie wollte bald dies bald jenes wissen , fragte unverschämt nach Gertruds Mitgift und verlangte schließlich , Lenore solle ihre Schwester einmal mitbringen . Da verspürte Lenore ein heftiges Grauen vor dem Mädchen , und Bestürzung erfaßte sie , als sie trotz der Dunkelheit die megärenhafte Bosheit in Philippines Gesicht bemerkte . Eine unüberhörbare Stimme warnte sie ; soweit sie es ohne beleidigende Abwehr zu tun vermochte , entzog sie sich dem Umgang wieder . Hätte sie auch nicht Verschwiegenheit zugesagt , ein Gefühl , halb Furcht , halb Scham , hätte sie gehindert , vor Daniel den Namen Philippines zu nennen . Sie ahnte nicht , daß sich Philippine im verborgenen an ihre Fersen heftete . Philippine kannte alsbald die Stunden , in denen sich Daniel und Lenore zu treffen pflegten , und folgte ihnen in bemessenem Abstand auf allen ihren Wegen . Warum sie dies tat , wußte sie kaum ; es zwang sie dazu . Und was sie bei Lenore erreicht hatte , wollte sie auch bei Gertrud erreichen . Im Metzgerladen , auf dem Buttermarkt , bei der Gemüsehändlerin , tauchte sie auf einmal auf , starrte Gertrud frech ins Gesicht , gab sich eine alberne Wichtigkeit und sagte etwa : » Gottich , Gottich , wie teuer sind heuer die Bohnen ; « oder : » ein kaltes Lüftla weht , da kann man das Reißen kriegen . « Aber Gertrud war viel zu weltverloren und viel zu empfindlich gegen fremde Berührung , um so plumpe Annäherungsversuche zu beachten . Warte nur , dachte dann Philippine ergrimmt , dein Hochmut wird dir noch heimgezahlt . 10 An dem für die Jordansche Familie so verhängnisvollen Montag hatte es wegen Philippines beständigen Streunens wieder einen heftigen Zank mit ihrer Mutter gegeben . Therese keifte noch , als Jason Philipp aus dem Laden heraufkam und sich erkundigte , was denn schon wieder los sei . » Frag nicht , « rief Therese gellend , » lehr lieber deine Tochter Mores . Die Kanaille wird noch im Zuchthaus enden , das prophezei ich dir . « Philippine verzog hämisch das Gesicht . Jason Philipp schien aber heute keine Lust zu haben , als strafende Macht aufzutreten ; er hatte eine Neuigkeit im Sack und strahlte . » Da bin ich dem Hornschuch begegnet , « wandte er sich an Therese , » du kennst ihn ja , Firma Hornschuchs Erben , schwerreiche Leute übrigens , und der Mann erzählt mir , der junge Jordan hätte bei der Prudentia Geld unterschlagen und sich aus dem Staub gemacht . Ich laufe gleich auf die Generalagentur , und Zittel bestätigt es mir Wort für Wort . Beinahe viertausend Mark sind es ! Der Inspektor soll das Geld ersetzen , hat aber nicht das Schwarze unterm Nagel im Vermögen und ist infolgedessen bös in der Klemme , denn Diruf droht mit dem Gericht . Diruf versteht da keinen Spaß . Was sagst du dazu ? « Therese wickelte die Hände in ihre Schürze und warf einen schrägen Blick auf Jason Philipp . Sie erriet den Grund seiner Freude und ließ schweigend den Kopf sinken . Jason Philipp schmunzelte vor sich hin . An den Ofen gelehnt , pfiff er behaglich . Immer noch die Marseillaise , aus Vergeßlichkeit und in jahrelanger Gewöhnung . Er hatte nicht gesehen , wie Philippine seinen Worten mit verhaltenem Atem gelauscht und wie ein schreckliches Flammen ihre Züge von innen erleuchtet hatte . Sie erhob sich und verließ mit raschelnden Schritten die Stube . Fünf Minuten später stand sie vor dem Jordanschen Haus . Sie schickte einen kleinen Buben hinauf und ließ sagen , das Fräulein Lenore möge herunter kommen . Sie erhielt den Bescheid , Lenore sei fortgegangen . Da blieb sie am Tor stehen und wartete . 11 Von ihrer Qual getrieben , war Lenore zu Martha Rübsam geeilt und hatte erfahren , daß der Vater schon vor drei Stunden dort gewesen war . Aus dem verlegenen Wesen der Freundin erriet sie , daß der Vater eine Bitte , und eine vergebliche Bitte , getan hatte . Dann stand sie auf einer Hauptstraße und schaute verstört in die vorbeiflutende Menge . Alles war so grauenhaft wirklich . Sie dachte nach . An wen sich wenden ? Eine Purpurwelle schoß in ihr Gesicht , als ihr Eberhard einfiel . Unwillkürlich machte sie eine leidenschaftlich wehrende Bewegung . Der erste Strahl dieser Hoffnung war zugleich der letzte . Das Gewissen schlug ihr , doch konnte sie nicht anders ; hier war ein Gefühl , unzugänglich für Gründe , gegen jeden Zuspruch zehnfach gewappnet . Er war außerdem verreist ; mit einem Seufzer der Erleichterung entsann sie sich , es erfahren zu haben . Ob Daniel nicht zur Freifrau gehen würde ? Nein , es war nicht zu denken . Sie ertrug die Stadt nicht , die Menschen nicht mehr und ging durch die Gärten der Beste aufs Feld . Sie ertrug den Himmel nicht , die weiten Blicke nicht und kehrte wieder um . Sie kam durch die Füll , trat ins Caroviussche Haus und läutete bei Frau Benda an . Sie wußte , daß die alte Dame fort war ; trotzdem , wie mit verwirrten Sinnen , läutete sie viermal . Wenn doch Benda käme , wenn doch der gütige Freund in seinem Zimmer säße und zu ihr herauskäme ! Aber es rührte sich nichts . Aus dem ersten Stock drangen die Töne eines Klaviers in vollen Akkorden herauf , im Hof heulte Cäsar , der Hund . Mit pochendem Herzen begab sie sich auf den Heimweg . Am Tor gewahrte sie Philippine . » Hab von euerm Unglück gehört , « redete Philippine sie mit ihrer krähenden Stimme an . » Keiner kann euch helfen , nur ich . « » Sie ? Sie können helfen ? « stammelte Lenore und der ganze Platz drehte sich im Kreis um sie . » Ehr und Seligkeit , ich kann ' s. Muß bloß mit dem Daniel sprechen . Fackeln wir nicht lang . Ist er droben ? « » Ich glaube , er ist droben . Wenn nicht , hol ich ihn . « » Also gehn wir hinauf . « Sie schritten zur Stiege . 12 Jason Philipp war zu einem gemütlichen Abend in der Gesellschaft » Schlapperatzen « geladen und benutzte die Siesta nach dem Nachtessen zur Lektüre des Leitartikels im Kurier . Darin war eine Rede Bismarcks so witzig glossiert , daß Jason Philipp einigemale ein schadenfrohes Beifallsknurren hören ließ . Er hatte sich eine Apfelsine mitgebracht ; die Frucht lag zerschnitten und mit Zucker bestreut neben ihm auf einem Teller . Von Zeit zu Zeit langte er hin , ergriff ein Stückchen , schob es in den Mund , schmatzte umständlich und leckte , wenn es verschlungen war , die Lippen . Da stierten dann beide Söhne lüstern auf seine Hand und leckten im geistigen Mitgenuß ebenfalls ihre Lippen . Willibald stöhnte über einer algebraischen Gleichung ; auf seinem grauen , finnigen Gesicht lag Unbegabtheit und üble Laune . Markus durfte seines Gebrechens halber nicht bei Lampenlicht arbeiten ; er half seiner Mutter beim Linsenlesen und machte , um diese gegen Philippine aufzureizen , fortwährend giftige Bemerkungen über das Ausbleiben der Schwester . Das letzte Stück der Apfelsine verschwand hinter Jason Philipps Bart , da bimmelte das Gatterglöckchen . » Es ist ein Mann draußen , « sagte Markus , der hinausgegangen war und nun mit seinem einzigen Auge dumm glotzend auf der Schwelle stand . Jason Philipp reckte den Hals . Gleich darnach sprang er vom Stuhl empor . Er hatte den im halbdunkeln Flur stehenden Daniel erkannt . » Ich habe mit dir zu sprechen , « sagte Daniel , indem er ins Zimmer trat . Er zerknüllte den Filzhut in den Händen , und die Blicke , mit denen er umherschaute , zeugten von großer Erregung . Er sah weder Jason Philipp , noch Therese , noch einen der Knaben an . Sein Auge flog über die Wände und die geringen , unschönen und seltsam gemeinen Gegenstände , die an ihnen hingen : ein Zeitungshalter mit gestickten Bändern ; ein Eckbrett , auf welchem ein Bierkrug den dicken Leib und Kopf eines Mönches darstellte ; ein Öldruck mit einem in den Krieg ziehenden und von seiner zahlreichen Familie Abschied nehmenden Landwehrmann . Diese Dinge hatten für Daniel etwas wie ein unsinniger Traum . Tiefatmend bohrte er endlich seinen Blick in den Jason Philipps . Da waren viele Jahre weggewischt , da sah er sich am Brunnen in Eschenbach stehen ; ringsum glühten die Steine sowie die gekreuzten Balken in den Häusermauern , und Jason Philipp hastete in scheuem Bogen erbittert vorbei , als fliehe er vor der Welt vor der Sonne , vor den Menschen und vor der Musik . » Ich habe mit dir zu sprechen , « wiederholte er . Therese schien es , daß sich nun ihre schlimmen Ahnungen erfüllten . Mit schlotternden Knien stand sie auf . Sie wagte nicht , in die Richtung zu schauen , wo Daniel sich befand und sie gewahrte nicht , sie spürte nur den Wink Jason Philipps , mit dem er ihr und den Knaben das Zimmer zu verlassen befahl . Sie packte