, daß mich die letzte Stunde nicht überrascht . Aber eins halten Sie fest : wir werden uns wiedersehen . Wenn auch nicht in diesem Leben und nicht wie die Toten in jenem Leben , aber an dem Tag , wo die Zeit zerbricht , - wo , wie es in der Bibel steht , der HERR die ausspeien wird aus seinem Munde , die lau waren und weder kalt noch warm . - - - Wundern Sie sich nicht , daß ich so rede ! Ich habe nie mit Ihnen über diese Dinge gesprochen und , als Sie einmal das Wort Kabbala berührten , bin ich Ihnen ausgewichen , aber - ich weiß , was ich weiß . Vielleicht verstehen Sie , was ich meine , und wenn nicht , so streichen Sie , ich bitte Sie darum , das , was ich gesagt habe , aus Ihrem Gedächtnis . - - Einmal , in meinen Delirien , glaubte ich - ein Zeichen auf Ihrer Brust zu sehen . - Mag sein , daß ich wach geträumt habe . Nehmen Sie an , wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten , daß ich gewisse Erkenntnisse gehabt habe - innerlich ! - fast schon von Kindheit an , die mich einen seltsamen Weg geführt haben ; - Erkenntnisse , die sich nicht decken mit dem , was die Medizin lehrt oder Gott sei Dank noch nicht weiß ; hoffentlich auch nie erfahren wird . Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft , deren höchstes Ziel es ist , einen - Wartesaal auszustaffieren , den man am besten niederrisse . Doch genug davon . Ich will Ihnen erzählen , was sich inzwischen zugetragen hat : Ende April war Wassertrum so weit , daß meine Suggestion anfing zu wirken . Ich sah es daran , daß er auf der Gasse beständig gestikulierte und laut mit sich selbst sprach . So etwas ist ein sicheres Zeichen , daß die Gedanken eines Menschen sich zum Sturm rotten , um über ihren Herrn herzufallen . Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen . Er schrieb ! Er schrieb ! Daß ich nicht lache ! Er schrieb . Und dann ging er zu einem Notar . Unten vor dem Hause wußte ich , was er oben machte : - er machte sein Testament . Daß er mich zum Erben einsetzte , habe ich mir allerdings nicht gedacht . Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnügen , wenn ' s mir eingefallen wäre . Er setzte mich zum Erben ein , weil ich der einzige auf der Erde bin , an dem er noch etwas gutmachen könnte , wie er glaubte . Das Gewissen hat ihn überlistet . Vielleicht war ' s auch die Hoffnung , ich würde ihn segnen , wenn ich mich nach seinem Tode durch seine Huld plötzlich als Millionär sähe , und dadurch den Fluch wettmachen , den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat mit anhören müssen . Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt . Rasend witzig , daß er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im Jenseits geglaubt hat , während er sich ' s das ganze Leben lang mühselig ausreden wollte . Aber so ist ' s bei allen den Ganzgescheiten ; man sieht es schon an der wahnwitzigen Wut , in die sie geraten , wenn man ' s ihnen ins Gesicht sagt . Sie fühlen sich ertappt . Von dem Moment an , wo Wassertrum vom Notar kam , ließ ich ihn nicht mehr aus dem Auge . Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens , denn jede Minute konnte die Entscheidung fallen . - Ich glaube , durch Mauern hindurch würde ich das ersehnte schnalzende Geräusch gehört haben , wenn er den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen hätte . Es fehlte vielleicht nur eine Stunde , und mein Lebenswerk war vollbracht . Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn . Mit einer Feile . Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen , mir wird es zu bitter , alles das niederschreiben zu müssen . Nennen Sie es Aberglaube , - aber , wie ich sah , daß Blut vergossen worden war - die Dinge im Laden waren befleckt davon , - kam es mir vor , als sei mir seine Seele entwischt . Etwas in mir , - ein feiner , untrüglicher Instinkt - sagt mir , daß es nicht dasselbe ist , ob ein Mensch von fremder Hand stirbt oder von eigener : - daß Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen müssen , dann erst wäre meine Mission erfüllt gewesen . - Jetzt , wo es anders gekommen ist , fühle ich mich als Ausgestoßener , als ein Werkzeug , das nicht würdig befunden wurde in der Hand des Todesengels . Aber ich will mich nicht auflehnen . Mein Haß ist von der Art , die übers Grab hinausgeht , und noch habe ich ja mein eigenes Blut , das ich vergießen kann , wie ich will , damit es dem seinigen nachgehe im Reich der Schatten auf Schritt und Tritt . - - - Jeden Tag , seit sie Wassertrum verscharrt haben , sitze ich draußen bei ihm auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein , was ich tun soll . Ich glaube , ich weiß es bereits , aber ich will noch warten , bis das innere Wort , das zu mir spricht , klar wird wie eine Quelle . - Wir Menschen sind unrein , und oft bedarf es langen Fastens und Wachens , bis wir das Flüstern unserer Seele verstehen . - - - In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt , daß mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat . Daß ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre , brauche ich Ihnen wohl nicht zu versichern , Herr Pernath . - Ich werde mich hüten , ihm - für drüben eine Handhabe zu geben . Die Häuser , die er besessen hat , lasse ich versteigern , die Gegenstände , die er berührt hat , werden verbrannt , und was an Geld und Geldeswert sich dann ergibt , fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu . - Ich sehe im Geiste , wie Sie aufspringen und protestieren , aber ich kann Sie beruhigen . Was Sie bekommen , ist Ihr rechtmäßiges Eigentum mit Zinsen und Zinseszinsen . Schon lange wußte ich , daß Wassertrum vor Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles gebracht hat , - erst jetzt bin ich in der Lage , es aktenmäßig nachweisen zu können . Ein zweites Drittel wird unter die zwölf Mitglieder des » Bataillons « verteilt , die den Dr. Hulbert noch persönlich gekannt haben . Ich will , daß jeder von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager - » guten Gesellschaft « . Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten sieben Raubmördern des Landes , die mangels zureichender Beweise freigesprochen werden müssen . Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig . So . Das wäre wohl alles . Und jetzt , mein lieber , lieber Freund , leben Sie wohl und gedenken Sie zuweilen Ihres aufrichtigen und dankbaren Innocenz Charousek . « Tief erschüttert legte ich den Brief aus der Hand . Ich konnte mich nicht freuen über die Nachricht von meiner bevorstehenden Enthaftung . Charousek ! Armer Mensch ! Wie ein Bruder kümmerte er sich um mein Schicksal . Bloß , weil ich ihm einst 100 fl . geschenkt hatte . Wenn ich ihm nur einmal noch die Hand drücken könnte ! Ich fühlte : ja , er hatte recht ; der Tag würde nie kommen . Ich sah ihn vor mir : seine flackernden Augen , die schwindsüchtigen Schultern , die hohe , noble Stirn . Vielleicht , daß alles ganz anders gekommen wäre , wenn eine hilfreiche Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hätte . Noch einmal las ich den Brief durch . Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag ! Ob er überhaupt irrsinnig war ? Ich schämte mich beinahe , diesen Gedanken auch nur einen Augenblick geduldet zu haben . Sagten seine Anspielungen nicht genug ? Er war ein Mensch wie Hillel , wie Mirjam , wie ich selbst ; ein Mensch , über den die eigene Seele Gewalt gewonnen hatte , - den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des Lebens emporführte in die Firnenwelt eines unbetretenen Landes . Er , der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen , stand er nicht reiner da , als irgendeiner von denen , die naserümpfend umhergehen und angelernte Gebote eines unbekannten , mythischen Propheten zu befolgen vorgeben ? Er hielt das Gebot , das ihm ein übermächtiger Trieb diktierte , ohne an eine » Belohnung « hier oder jenseits auch nur zu denken . Was er getan hatte , war es etwas anderes als frömmste Pflichterfüllung in des Wortes verborgenster Bedeutung ? » Feig , hinterlistig , mordgierig , krank , eine problematische - eine Verbrechernatur « - ich hörte förmlich , wie das Urteil der Menge über ihn lauten mußte , wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele hineinzuleuchten käme , - dieser geifernden Menge , die nie und nimmer begreifen wird , daß die giftige Herbstzeitlose tausendfach schöner und edler ist als der nützliche Schnittlauch . - - - Wieder ging das Türschloß draußen , und ich hörte , daß man einen Menschen hereinschob . Ich drehte mich nicht einmal um , so sehr war ich erfüllt von dem Eindruck des Briefes . Kein Wort über Angelina , nichts von Hillel stand darin . Freilich : Charousek mußte in größter Eile geschrieben haben , die Schrift verriet es mir . Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich überbracht werden würde ? Ich hoffte heimlich auf den morgigen Tag , auf den gemeinsamen Rundgang der Gefangenen im Hof . - Da war es noch am leichtesten , daß mir irgendeiner vom » Bataillon « etwas zusteckte . Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grübeleien : » Würden Sie gestatten , mein Herr , daß ich mich Ihnen vorstelle ? Mein Name ist Laponder . Amadeus Laponder « . Ich drehte mich um . Ein kleiner , schmächtiger , noch ziemlich junger Mann in gewählter Kleidung , nur ohne Hut , wie alle Untersuchungsgefangenen , verbeugte sich korrekt vor mir . Er war glattrasiert wie ein Schauspieler , und seine großen , hellgrün glänzenden , mandelförmigen Augen hatten das Eigentümliche an sich , daß , so geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren , sie mich doch nicht zu sehen schienen . - Es lag so etwas wie - Geistesabwesenheit darin . Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich wieder umdrehen , konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht wenden , so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lächeln , das die aufwärts gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen beständig seinem Gesicht aufdrückten . Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz , mit seiner faltenlosen , durchsichtigen Haut , der mädchenhaft schmalen Nase und den zarten Nüstern . » Amadeus Laponder , Amadeus Laponder « , wiederholte ich vor mich hin . » Was er wohl begangen haben mag ? « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Mond » Waren Sie schon beim Verhör « , fragte ich nach einer Weile . » Ich komme soeben von dort . - Hoffentlich werde ich Sie hier nicht lange inkommodieren müssen « , antwortete Herr Laponder liebenswürdig . » Armer Teufel , « dachte ich mir , » er ahnt nicht , was einem Untersuchungsgefangenen bevorsteht . « Ich wollte ihn langsam vorbereiten : » Man gewöhnt sich allmählich an das Stillsitzen , wenn einmal die ersten , schlimmsten Tage vorüber sind . « - - - Er machte ein verbindliches Gesicht . Pause . » Hat das Verhör lange gedauert , Herr Laponder ? « Er lächelte zerstreut : » Nein . Ich wurde bloß gefragt , ob ich geständig sei , und mußte das Protokoll unterschreiben . « » Sie haben unterschrieben , daß Sie geständig sind ? « fuhr es mir heraus . » Allerdings . « Er sagte es , als ob es sich von selbst verstünde . Es kann nichts Schlimmes sein , legte ich mir zurecht , weil er so gar keine Aufregung zeigt . Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell oder etwas Ähnliches . » Ich bin leider schon so lange hier , daß es mir wie ein Menschenleben vorkommt ; « - ich seufzte unwillkürlich , und er machte sofort eine teilnehmende Miene . » Ich wünsche Ihnen , daß Sie das nicht mitzumachen brauchen , Herr Laponder . Nach allem , was ich sehe , werden Sie wohl bald wieder auf freiem Fuß sein . « » Wie man ' s nimmt « , antwortete er ruhig , aber es klang wie ein versteckter Doppelsinn . » Sie glauben nicht ? « , fragte ich lächelnd . Er schüttelte den Kopf . » Wie soll ich das verstehen ? - Was haben Sie denn gar so Schreckliches begangen ? Verzeihen Sie , Herr Laponder , es ist nicht Neugierde von mir , - lediglich Teilnahme , daß ich frage . « Er zögerte einen Augenblick , dann sagte er , ohne mit der Wimper zu zucken : » Lustmord . « Mir war , als hätte er mich mit einem Stock über den Kopf geschlagen . Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen . Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite , aber nicht das leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft lächelnden Gesicht verriet , daß er über mein plötzlich verändertes Benehmen verletzt gewesen wäre . Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei . - - - Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte , folgte er sogleich meinem Beispiel , entkleidete sich , hängte sorgsam seine Kleider an den Wandnagel , streckte sich aus und schien , nach seinen ruhigen , tiefen Atemzügen zu schließen , unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu sein . Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen . Das beständige Gefühl , ein solches Scheusal in meiner nächsten Nähe zu haben und dieselbe Luft mit ihm atmen zu müssen , war mir so gräßlich und aufregend , daß die Eindrücke des Tages , Charouseks Brief und all das erlebte Neue tief in den Hintergrund traten . Ich hatte mich so gelegt , daß ich den Mörder beständig im Auge behielt , denn ich würde es nicht haben ertragen können , ihn hinter mir zu wissen . Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdämmert , und ich konnte sehen , daß Laponder regungslos , fast starr , dalag . Seine Züge hatten etwas Leichenhaftes bekommen , und der halbgeöffnete Mund erhöhte diesen Eindruck . Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges Mal seine Lage . Erst spät nach Mitternacht , als ein dünner Mondstrahl auf sein Gesicht fiel , kam eine leise Unruhe über ihn und er bewegte unaufhörlich die Lippen , wie jemand , der im Schlaf spricht . Es schien immer dasselbe Wort zu sein , - ein zweisilbiger Satz vielleicht , - so wie : » Laß mich . Laß mich , Laß mich . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die nächsten paar Tage vergingen , ohne daß ich Notiz von ihm genommen hätte , und auch er brach niemals das Schweigen . Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswürdig . So oft ich auf und ab gehen wollte , sah er es mir sofort an und zog höflich , wenn er auf der Pritsche saß , die Füße zurück , um mir nicht im Wege zu sein . Ich fing an , mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit zu machen , konnte aber den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden . So sehr ich gehofft hatte , mich an seine Nähe gewöhnen zu können , - es ging nicht . Selbst in den Nächten hielt es mich wach . Kaum eine Viertelstunde verbrachte ich im Schlaf . Abend für Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang : Er wartete respektvoll , bis ich mich ausstreckte , zog dann seine Kleider aus , legte sie pedantisch in Falten , hängte sie auf , und so weiter und so weiter . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Eines Nachts - es mochte um die zweite Stunde sein - stand ich schlaftrunken vor Müdigkeit wieder auf dem Wandbrett , starrte in den Vollmond , dessen Strahlen sich wie glitzerndes Öl auf dem kupfernen Gesicht der Turmuhr spiegelten , und dachte voll Trauer an Mirjam . Da hörte ich plötzlich leise ihre Stimme hinter mir . Sofort war ich wach , überwach , - fuhr herum und horchte . Eine Minute verging . Schon glaubte ich , ich hätte mich getäuscht , da kam es wieder . Ich konnte die Worte nicht genau verstehen , aber es klang wie : » Frag ' mich . Frag ' mich . « Es war bestimmt Mirjams Stimme . Schlotternd vor Aufregung stieg ich , so leise ich konnte , herab und trat an das Bett Laponders . Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht , und ich konnte deutlich unterscheiden , daß er die Lider offen hatte , doch nur das Weiße der Augäpfel war sichtbar . An der Starre der Wangenmuskeln sah ich , daß er im Tiefschlaf lag . Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich . Und allmählich verstand ich die Worte , die hinter seinen Zähnen hervordrangen : » Frag ' mich . Frag ' mich . « Die Stimme war der von Mirjam täuschend ähnlich . » Mirjam ? Mirjam ? « rief ich unwillkürlich , dämpfte aber sofort den Ton , um den Schläfer nicht zu erwecken . Ich wartete , bis sein Gesicht wieder starr geworden war , dann wiederholte ich leise : » Mirjam ? Mirjam ? « Sein Mund formte ein kaum vernehmbares , aber doch deutliches : » Ja . « Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen . Nach einer Weile hörte ich Mirjams Stimme flüstern - so unverkennbar ihre Stimme , daß mir Kälteschauer über die Haut liefen . Ich trank die Worte so gierig , daß ich nur den Sinn begriff . Sie sprach von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glück , daß wir uns endlich gefunden hätten - und uns nie wieder trennen würden - hastig - ohne Pause , wie jemand , der fürchtet , unterbrochen zu werden und jede Sekunde ausnützen will . Dann wurde die Stimme stockend - erlosch zeitweilig ganz . » Mirjam ? « fragte ich , bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem , » Mirjam , bist du gestorben ? « Lange keine Antwort . Dann fast unverständlich : » Nein . - Ich lebe . - Ich schlafe . « - - Nichts mehr . Ich lauschte und lauschte . Vergebens . Nichts mehr . Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf die Kante der Pritsche stützen , um nicht vornüber auf Laponder zu fallen . Die Täuschung war so vollständig gewesen , daß ich Mirjam momentelang tatsächlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft zusammennehmen mußte , um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu drücken . » Henoch ! Henoch ! « - hörte ich ihn plötzlich lallen , dann immer klarer und artikulierter : » Henoch ! Henoch ! « Sofort erkannte ich Hillel . » Bist du es , Hillel ? « Keine Antwort . Ich erinnerte mich , gelesen zu haben , daß man Schlafenden , um sie zum Reden zu bringen , die Fragen nicht ins Ohr stellen dürfe , sondern gegen das Nervengeflecht in der Magengrube richten müsse . Ich tat es : » Hillel ? « » Ja , ich höre dich ! « » Ist Mirjam gesund ? Weißt du alles ? « fragte ich schnell . » Ja . Ich weiß alles . Wußte es längst . - Sei ohne Sorge , Henoch , und fürchte dich nicht ! « » Kannst du mir verzeihen , Hillel ? « » Ich sage dir doch : sei ohne Sorge . « » Werden wir uns bald wiedersehen ? « - Ich fürchtete , die Antwort nicht mehr verstehen zu können ; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht worden . » Ich hoffe es . Ich will warten - auf dich - wenn ich kann - dann muß ich - Land - « » Wohin ? In welches Land ? « - ich fiel beinahe auf Laponder - » In welches Land ? In welches Land ? « » - Land - Gad - südlich - Palästina - « Die Stimme erstarb . Hundert Fragen schössen mir in der Verwirrung durch den Kopf : Warum nennt er mich Henoch ? Zwakh , Jaromir , die Uhr , Vrieslander , Angelina , Charousek . » Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen « , kam es plötzlich wieder laut und deutlich von den Lippen des Mörders . Diesmal in Charouseks Tonfall , aber ähnlich so , als hätte ich selbst es gesagt . Ich erinnerte mich : es war wörtlich der Schlußsatz aus Charouseks Brief . - Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel . Das Mondlicht fiel auf die Kopfenden des Strohsacks . In einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle verschwunden sein . Ich stellte Frage auf Frage , bekam aber keine Antwort mehr : Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider geschlossen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe , alle die Tage über in Laponder nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben . - Nach dem , was ich soeben erlebt , war er offenbar ein Somnambuler - ein Geschöpf , das unter dem Einfluß des Vollmonds stand . Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand begangen . Bestimmt sogar . - Jetzt , wo der Morgen graute , war die Starrheit aus seinen Zügen gewichen und hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht . So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern , der einen Mord auf dem Gewissen hat , sagte ich mir . Ich konnte den Moment , wo er aufwachen würde , kaum erwarten . Ob er wohl wüßte , was geschehen war ? Endlich schlug er die Augen auf , begegnete meinem Blick und sah zur Seite . Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand : » Verzeihen Sie mir , Herr Laponder , daß ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin . Es war das Ungewohnte , das - « » Seien Sie überzeugt , mein Herr , ich begreife vollkommen , « unterbrach er mich lebhaft , » daß es ein scheußliches Gefühl sein muß , mit einem Lustmörder beisammen zu sein . « » Reden Sie nicht mehr davon « , bat ich . » Es ist mir heute nacht so mancherlei durch den Kopf gegangen , und ich werde den Gedanken nicht los , Sie könnten vielleicht - - - « ich suchte nach Worten . » Sie halten mich für krank « , half er mir heraus . Ich bejahte : » Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schließen zu dürfen . Ich - ich - darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen , Herr Laponder ? « » Ich bitte darum . « » Es klingt etwas merkwürdig , - aber - würden Sie mir sagen , was Sie heute geträumt haben ? « Er schüttelte lächelnd den Kopf : » Ich träume nie . « » Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen . « Er blickte überrascht auf . Dachte eine Weile nach . Dann sagte er bestimmt : » Das kann nur geschehen sein , wenn Sie mich etwas gefragt haben . « - Ich gab es zu . » Denn wie gesagt , ich träume nie . Ich - ich wandere « , setzte er nach einer Pause halblaut hinzu . » Sie wandern ? Wie soll ich das verstehen ? « Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen , und ich hielt es für angezeigt , ihm die Gründe zu nennen , die mich bewogen hatten , in ihn zu dringen , und erzählte ihm in Umrissen , was nachts geschehen war . » Sie können sich fest darauf verlassen , « sagte er ernst , als ich zu Ende war , » daß alles auf Richtigkeit beruht , was ich im Schlaf gesprochen habe . Wenn ich vorhin bemerkte , daß ich nicht träume , sondern wandere , so meinte ich damit , daß mein Traumleben anders beschaffen ist als das - sagen wir : normaler Menschen . Nennen Sie es , wenn Sie wollen , ein Austreten aus dem Körper . - - So war ich z.B. heute nacht in einem höchst sonderbaren Zimmer , zu dem der Eingang von unten herauf durch eine Falltür führte . « » Wie sah es aus ? « fragte ich rasch . » War es unbewohnt ? Leer ? « » Nein ; es standen Möbel darin ; aber nicht viele . Und ein Bett , in dem ein junges Mädchen schlief - oder wie scheintot lag , - und ein Mann saß neben ihr und hielt seine Hand über ihre Stirn . « - Laponder schilderte die Gesichter der beiden . Kein Zweifel , es waren Hillel und Mirjam . Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen . » Bitte , erzählen Sie weiter . War sonst noch jemand im Zimmer ? « » Sonst noch jemand ? Warten Sie - - - nein : sonst war niemand mehr im Zimmer . Ein siebenflammiger Leuchter brannte auf dem Tisch . - Dann ging ich eine Wendeltreppe hinunter . « » Sie war zerbrochen ? « fiel ich ein . » Zerbrochen ? Nein , nein ; sie war ganz in Ordnung . Und von ihr zweigte seitlich eine Kammer ab , darin saß ein Mann mit silbernen Schnallen an den Schuhen und von fremdartigem Typus , wie ich noch nie einen Menschen gesehen habe : von gelber Gesichtsfarbe und mit schrägstehenden Augen ; - er war vornüber gebeugt und schien auf etwas zu warten . Auf einen Auftrag vielleicht . « » Ein Buch , - ein altes großes Buch haben Sie nirgends gesehen ? « , forschte ich . Er rieb sich die Stirn : » Ein Buch sagen Sie ? - Ja . Sehr richtig : ein Buch lag auf dem Boden . Es war aufgeschlagen , ganz aus Pergament , und mit einem großen , goldenen A fing die Seite an . « » Mit einem I , meinen Sie wohl ? « » Nein , mit einem A. « » Wissen Sie das bestimmt ? War es nicht ein I ? « » Nein , es war bestimmt ein A. « Ich schüttelte den Kopf und fing an zu zweifeln . Offenbar hatte Laponder im Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr durcheinander gebracht : Hillel , Mirjam , den Golem , das Buch Ibbur und den unterirdischen Gang . » Haben Sie die Gabe zu wandern , wie Sie es nennen , schon lang ? « , fragte ich . » Seit meinem 21. Jahr - - - « , er stockte , schien nicht gern davon zu reden ; da nahm seine Miene plötzlich den Ausdruck grenzenlosen Erstaunens an , und er starrte auf meine Brust , als ob er dort etwas sähe . Ohne auf meine Verwunderung zu achten , ergriff er hastig meine Hand und bat - fast flehentlich : » Um Himmels willen , sagen Sie mir alles . Es ist heute der letzte Tag , den ich bei Ihnen verbringen darf . Vielleicht schon in einer Stunde werde ich abgeholt , um mein Todesurteil anzuhören - - . « Ich unterbrach ihn entsetzt : » Dann müssen Sie mich mitnehmen als Zeugen ! Ich werde beschwören , daß Sie krank sind . - Sie sind mondsüchtig . Es darf nicht sein , daß man Sie hinrichtet , ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben . So nehmen Sie doch Vernunft an ! « Er wehrte nervös ab : » Das ist doch so nebensächlich , - bitte , sagen Sie mir alles ! « » Aber was soll ich Ihnen denn sagen ? - Reden wir doch lieber von Ihnen und - - « » Sie müssen , ich weiß das jetzt , gewisse , seltsame Dinge erlebt haben , die mich nah angehen , - näher als Sie ahnen können ; - - ich bitte Sie , sagen Sie mir alles ! « , flehte er . Ich konnte es nicht fassen , daß ihn mein Leben mehr interessierte als seine eigenen , doch wahrhaftig genügend dringenden Angelegenheiten ; um ihn aber zu beruhigen , erzählte ich ihm alles , was mir an Unbegreiflichem geschehen war . Bei jedem größeren Abschnitt nickte er zufrieden , wie jemand , der eine Sache bis zum Grund durchschaut . Als ich zu