, so geschah ' s , weil der merkwürdig veränderte Zustand Egils eine fast ganz begrabene Hoffnung wiedererweckte . Seine Angstzustände , die bisweilen an den Beginn des Verfolgungswahnsinns erinnert hatten , seine verworrenen und von tiefer Verbitterung zeugenden Selbstgespräche , die Konrad hie und da vom Fenster aus belauschte , waren gewichen und hatten einer stillen , selbstsicheren Ruhe Platz gemacht ; oft schien er sogar von starker Siegeszuversicht erfüllt . Nur daß er sich noch immer am Tage nicht zeigte , und aus lebhaftestem Gespräch plötzlich erschlafft in sich zusammenfiel , bewies , daß er nicht völlig genesen war . In einer jener Nächte , die keinerlei Kühlung brachte , ging Konrad zum Strande hinunter , um zu baden . Als er mit ein paar kräftigen Stößen hinausgeschwommen war , bemerkte er einen nicht weit vor sich , der dieselbe Erfrischung suchte . Er schwamm mit erstaunlicher Sicherheit und Gewandtheit , so daß Konrad es aufgab , ihm zu folgen . Plötzlich tauchte der Fremde unerwartet dicht neben ihm auf . » Egil ! « rief Konrad überrascht . » Eine alte Wasserratte ! Auf einem Kutter bin ich zur Welt gekommen , « antwortete der lachend . » Allnächtlich werfe ich mich wieder in die Arme meiner ersten Liebe und lasse mir von alten Seegreisen Geschichten erzählen . « » Weiß Sabine ? « frug Konrad , als sie miteinander den Hügel aufwärts gingen ; er dachte unwillkürlich , daß sie sich sorgen müsse . » Gewiß ! « sagte Egil ; und nach einer Weile , wobei seine Stimme wieder den Tonfall feierlicher Rede annahm : » Das Wasser , das mich geboren hat , wird mich erlösen . « Eines Abends - schon fingen die ersten gelben Blätter an , von den Bäumen zu fliegen - trat der Gast früher als sonst auf die Terrasse , um die nun keine Rosen mehr blühten . Ein feines Rot färbte seine eingefallenen Wangen und gab seinem schmalen Antlitz etwas Knabenhaftes . Freudig erregt kam Sabine ihm entgegen , und zärtlich und vorsichtig , als wäre die zierliche Gestalt sehr zerbrechlich , legte er den Arm um sie : » Ja , du Beste , Treuste , « sagte er in einfacher Herzlichkeit , » nun wirst du mich bald - bald nicht mehr zu pflegen brauchen . « Sie hob die Arme , um mit beiden Händen seinen Kopf umfassen zu können , dabei leise fragend : » Aber immer lieben ? ! « » Immer ! « hörte ihn Konrad inbrünstig beteuern , während er leise davonschlich , die beiden ihrem Glück überlassend . Später , als die Nacht sich tief herabgesenkt hatte , und alle drei durch den Garten gingen , blieb Egil am Tor der alten Kapelle stehen . » Meine Kirche , « sagte er andächtig und drückte die eiserne Klinke nieder . Sie gab nach . Sie drehte sich , als wäre sie immer benutzt gewesen , lautlos in den Scharnieren . Er trat ein . Sabine legte in plötzlicher Angst die Hand auf seinen Arm : » Wenn sie über dir zusammenstürzt ! « Mit einem großen fremden Blick sah er sie an . » Baufälliges muß stürzen , damit Lebendiges wachse , « sagte er und ging mit festen Schritten , die in dem leeren Raum dumpf widerhallten , dem Altar zu . Es raschelte und knarrte in dem dunklen Gotteshaus . Vor den Fensterhöhlen hing der Sternenhimmel wie ein Vorhang . Da erhob sich seine Glockenstimme , vor der jeder andere Laut verstummte : » Wahrlich , ich sage euch , die Zeit ist nicht mehr ferne , da ihr weinen müßt , wenn die Grillen friedlich in euren Feldern zirpen , von keines Feindes eisengeschientem Fuße zertreten . Ihr wollt den Frieden und sucht die Sattheit ? Wehe , wenn ihr sie finden werdet ! Von der Seligkeit des Leids predige ich euch ! Vom Schmerz , der großen , ewig fruchtbaren Mutter - Behaltet eure klingenden Rechenpfennige des Glücks , ihr Armen ! Den verborgenen Schatz des Leids will ich heben . Weihe deinen Sohn dem Kampf , du Gebärende ! Und deinen Geliebten der blutigen Wahlstatt , tanzendes Mädchen ! « Die Glockenstimme schwieg . Eine andere , stöhnende , klanglose schien es zu sein , die fortfuhr : » Ihr wartet , daß ich euch das Ziel gebe für eure Güte und den Geist für euer Streben - ihr wartet umsonst - Und daß ich euch den Gott offenbare , den unbekannten Gott , dem eure Altäre schon rauchen « - Sabinens Hand krampfte sich in Konrads Arm . Die Stimme , die aus dem Dunkel kam , war kreischend geworden . Etwas fiel polternd zu Boden , - Konrad stürzte nach vorn , stolpernd und schwankend , Sabine hinter ihm - » Ich kann es nicht - ich kann es nicht ! « schrie es gellend . Egil lag lang ausgestreckt auf dem Boden . Sie brachten ihn ins Haus . Tagelang verschloß er sich wieder in sein Zimmer . Bis er eines Nachts wieder heimlich aus dem Fenster kletterte . Konrad hörte das Geräusch und schlich ihm nach . Egil aber wandte sich um und ging ihm entgegen . » Gut , daß Sie kommen , es ist Zeit ; « - sein Gesicht , das fahl und eingefallen war wie ein Totenkopf , verzerrte sich vor Entsetzen . Mit den Händen , an denen die Adern wie Stricke schwollen , wies er um sich : » Sehen Sie - sehen Sie , wie sie mich verfolgen und verhöhnen , « flüsterte er heiser , » Buddha und Christus und Mohammed . Weil ich nichts - nichts weiß - was sie nicht schon gewußt haben - Und dort - dort - « er schlug stöhnend die Hände vor das Gesicht - » dort lauert das ausgemergelte Heer der Hungernden , dem ich - ich das Brot versprach ! « Ein Weinen , wie das eines wimmernden Kindes , erschütterte seinen Körper . » Jörun Egil , « sagte Konrad mitleidig und suchte ihn fortzuführen . Das Weinen verstummte . Die verzerrten Züge glätteten sich . Er folgte ruhig . Konrad aber fand von da an keinen Schlaf mehr . Sabine , die sich allmählich von dem Schrecken der nächtlichen Predigt zu erholen begann , wagte er von seinem Erlebnis nichts mitzuteilen , um so weniger , als Egils Verhalten ihr gegenüber sie zu neuen frohen Hoffnungen berechtigte . So verurteilte er sich denn selbst zu der Rolle des geheimen Aufsehers . Er ließ Egil nicht aus den Augen ; er folgte ihm des Nachts , ohne sich von seiner scheinbaren Ruhe und Beherrschung täuschen oder von seinem Zorn einschüchtern zu lassen . Sabine vor dem schrecklichsten Erleben zu schützen , sah er als die Aufgabe an , die er hier noch zu erfüllen hatte . Es war ein milder Septembertag mit mattem Sonnenschein . Silberne Nebel wogten vom See herüber und legten sich bald fest wie ein Mantel um Häuser und Bäume , bald flatterten sie wie graue Fahnen von Dächern und Wipfeln . Den Kirchturm umschlangen sie besonders zärtlich : oft schien ' s , als leuchteten weiße Arme unter ihrem zarten Gewebe hervor , als zeigten sich winkende Hände . » Die Schleier der Seejungfern , « sagte Egil , der schon am Nachmittag das Zimmer verlassen hatte ; » immer , wenn ich müde war , umhüllten sie mich ; in keinem Daunenbett schläft es sich besser . « Und er sah mit großen , offenen Augen in die Ferne . Freudestrahlend betrachtete ihn Sabine . » Das Licht tut dir nicht mehr weh , Jörun ? « frug sie zärtlich . » Selbst blendende Helle kann ich vertragen , « entgegnete er , sie auf die Stirne küssend . » Ich hätte Lust , mit Ihnen spazieren zu gehen , « wandte er sich an Konrad , » wir kennen uns noch zu wenig . « Und sie gingen im Walde einsame Wege , auf deren weichem Boden der Ton des Schrittes erstarb . » Sie verfolgen mich , Baron , « begann Egil , als sie außer Hörweite waren . » Warum ? « » Um Sie zu schützen ! « » Vor wem ? ! « » Vor sich selbst ! « Egil zuckte lächelnd die Achseln . » Und wenn sie überzeugt werden könnten , statt eines guten Werkes , ein böses zu tun ? « Seine großen glänzenden Augen bohrten sich förmlich in seines Begleiters Antlitz . » So würde ich es unterlassen , « entgegnete Konrad fest . » Kennen Sie die Legende von den beiden Propheten ? « Konrad schüttelte den Kopf . Und der andere erzählte im Weitergehen , wobei seine Schritte den Rhythmus der Rede skandierten . » Es lebten einmal zwei Weise im Morgenlande . Sie kannten alle heiligen Bücher und wußten um alle Geheimnisse . Viel Volks folgte ihnen , Offenbarung und Wunder erwartend . Und der eine trat auf den Felsen und predigte laut . Da er aber geendet hatte , lachten , die ihm zuhörten , und schrien : Er versprach uns Enthüllung der Tiefen des Seins und redet wie andere Priester . Sie zogen darauf jenem nach , der noch immer schwieg . Denn sie lechzten sehr nach Erkenntnis . Er aber entwich , hauste in Höhlen und kasteite sich . Und viele , die ihm nachgegangen waren , wurden irre an ihm und suchten wieder den anderen , der inzwischen die Künste der Magier und Taschenspieler gelernt hatte und der wachsenden Menge seiner Jünger Kiesel gab für Edelsteine . Nach den Tiefen des Seins grub indessen der Einsiedler mit blutigen Händen . Und er fand nichts , als was er schon kannte : Erde und Würmer . Der Hoffenden vor seiner Höhle wurden immer weniger . Sie jammerten ihn , denn ihr Leid war groß . Sollte er sie in Glaskugeln blicken lassen und ihre Sehnsucht betrügen mit eitel Blendwerk ? - Danach , als die Nacht kam , wurde es sehr still in der Höhle und die Wartenden hatten große Furcht . Und eine aus ihrer Schar sah , daß der Krug , den sie an den Eingang zu stellen pflegte , - denn sie liebte den Heiligen sehr und schleppte ihm Wasser und Brot zu durch die brennende Wüste , - voll blieb und der Korb unberührt . Und sie trat mit ihrer Lampe tiefer in das Dunkel und fand , daß er , dessen sie harrten , gestorben war - - « Sie schwiegen beide , der Erzähler und der Zuhörende . Bis Egil plötzlich händeringend aufsprang und schrie : » Und wenn ich alle - alle betrügen könnte , - sie nicht - sie nicht ! « » Sie sind noch jung , « sagte Konrad gepreßt , » Sie haben noch Zeit , noch Kraft - « » Nein , nein ! « rief der andere , » ich gehöre zu denen , die alt geboren wurden ! Und dann - « seine Stimme sank zum Flüstern hinab , und in seine Züge trat jener Ausdruck , halb Wildheit , halb Blödsinn , wie in der Nacht , da er von seinen Verfolgern sprach . Er drängte sich dicht an Konrads Ohr : » In die Wände des Zimmers haben sie Löcher gebohrt und glotzen hindurch mit runden Glasaugen . Auf der Straße folgen sie mir und brüllen : Betrüger ! Und aus dem See steigen die Geister empor mit den Polypenarmen - « » Jörun Egil ! « mahnte Konrad . Der Phantasierende zuckte zusammen und kam langsam wieder zu sich . » Sie sind gut - ein Mensch - und stark , « murmelte er . Dann legte er ihm schwer beide Hände auf die Schultern und sagte laut : » Graben Sie nie - nie - als bis zu den Wurzeln der Eintagspflanzen ! « Sie gingen den Weg zurück am Ufer in dichtem Nebel . Da , wo er zur Kapelle umbog , blieb Egil noch einmal stehen , zog ein Etui aus der Tasche , dem er eine kleine Spritze entnahm , und ein Fläschchen mit einer kristallhellen Flüssigkeit . » Kokain , « - sagte er mit bitterem Lächeln ; » davon lebe ich . Wie hätte ich sonst die letzten Jahre ertragen können . Der erste Tropfen davon ist Rausch - der letzte , Wahnsinn . Wissen Sie nun , daß Sie mich nicht mehr verfolgen dürfen ? « Statt aller Antwort umklammerte Konrads Rechte die seine . Und so , Hand in Hand , gingen sie bis nach Hause . Am Morgen darauf war Egil verschwunden . Eine alte Frau hatte ihn in der Nacht zum See hinuntergehen sehen , und ein Fischer , der im Morgengrauen hinausgesegelt war , hatte einen einsamen Schwimmer verfolgt , bis er versank . Der See gab seine Leiche nicht zurück . Als Konrad , der die verzweifelnde Sabine nicht einen Augenblick verlassen hatte , in München von ihr Abschied nahm , einen letzten , langen , sorgenden Blick auf sie werfend , sagte sie , zum erstenmal den schmerzverzogenen Mund zu einem Lächeln zwingend : » Fürchten Sie nichts für mich , lieber Freund . Ich glaube an das Geheimnis , das er mit sich genommen hat . Ich werde weiter den Menschen dienen . « Unterwegs erreichte Konrad Hochseß die Nachricht der schweren Erkrankung der Gräfin Savelli . Siebentes Kapitel Von Konrads Pilgerfahrt und den Wundern der heiligen Fiorenza Ein feuchter , kühler Vorfrühlingstag . Auf der Chaussee von Hochseß nach Ebermannstadt - der nächsten Eisenbahnstation - die über das kahle Hochplateau hinüberführte , standen kleine , schmutzige Wasserlachen ; langsam fielen schwere Tropfen von den spärlichen blätterlosen Bäumen am Wege ; in ihren Wipfeln saßen die Krähen und kreischten . Der Wind pfiff und fauchte hier oben ungefesselt über den steinigen , dürren Boden , den nur eine dürre Grasnarbe überzog . Das klägliche Blöken der Schafe , die die Öde ein wenig belebten , klang dazwischen . Aus den Dörfern liefen die Leute zusammen ; sie standen und warteten , die Frauen in Tücher gehüllt , blaß , die Augen blau umrändert , die Männer in dicken Jacken , in deren Taschen sie die roten Fäuste vergruben . Märzkälte ist unbarmherziger als Dezemberfrost ; sie ist ein aszetischer Mönch , dessen Zerstörungswut keine Schönheit widersteht ; unter ihrer Berührung wird alles häßlich . Von fern her bimmelte ein Glöckchen , ein zweites , ein drittes antwortete . Es klang nicht , wie sonst Glocken klingen : jubelnd , tröstend , feierlich ; es klang wie gleichgültiges Geschwätz . » Sie kommen ! Sie kommen ! « rief ein pockennarbiger Bub und sprang vom Apfelbaum im Wirtsgarten , auf dem er gesessen hatte . Der Straßenschmutz spritzte hoch auf um ihn . Und die Neugierde erhellte die mißmutigen Gesichter . Neugierde - sonst nichts . Die Gräfin Savelli in dem Sarge dort , der sich in riesiger Silhouette vom Grau der geraden Chaussee und des bleiernen Himmels näher und näher kommend abhob , war ja nur eine Fremde gewesen ! » Vor rund zwanzig Jahren kam sie her , ich weiß es wie heute , « sagte ein alter Mann , sich umständlich in sein großes , rotes Sacktuch schnäuzend , » schön war sie und stolz wie eine Königin , schöner als de Frau Baronin , die schon damals kein Pfund Fleisch mehr auf dem Körper hatte . « » Grad ' hier an derselben Telegraphenstange stand ich , « fiel die dicke Wirtin ein , » als der Herr Baron sie vom Bahnhof holte . Mit vier Füchsen , rot wie sein Bart , fuhr er und knallte mit der Peitsche , daß mir vor Schreck der Korb aus den Händen fiel , und alle Äpfel ihm unter die Räder rollten . « » Er hat sie dir wohl mit süßer Münze bezahlt - was ? ! « johlte ein junger Bursche , das eitel und vielsagend lächelnde Weib in die wulstig hängenden Wangen kneifend . Das Lachen der Umstehenden verstummte jäh . Schwer schwankte der Leichenwagen , von sechs schwarz gedeckten Pferden gezogen , vorüber . Von Kränzen war er umhängt ; die armen Blumen darin , die , wenn sie noch dem Erdreich verbunden sind , den Regen freudig aufblühend als sehnsüchtig erwartete Nahrung empfanden , aber unter seiner Berührung zum zweiten Male sterben , sobald sie gebrochen wurden , hingen welkend die Köpfchen . Ein zweiter Wagen folgte . Sonst nichts . Irgendwo bimmelte ein Glöckchen , - blechern und gefühllos . » Ist auch der Mühe wert gewesen , « brummte eins der Weiber ; die anderen nickten , zogen die Tücher fröstelnd enger um die Schultern und trotteten davon . Nur ein paar Kinder steckten noch eifrig tuschelnd die Köpfe zusammen . » Habt ihr ' s gesehen , « sagte der Große mit den Pockennarben grinsend , » der Satan selbst fuhr hinterdrein in der Kutsche ! « Die Kleinen sahen ängstlich hinab , wo die schwarzen Wagen Schritt vor Schritt sich weiter bewegten . » Grasaff ' , dummer ! « sagte ein Mädchen , » der alte Giovanni war ' s mit dem jungen gnädigen Herrn . « » Ist ' s etwa nicht der Gottseibeiuns , der grausliche Welsche ? « meinte eine andere und riß die Augen weit auf , wie märchentrunken . » Von wo käm ' s denn sonsten , das schrecklich viele Geld auf Hochseß ? Die Grete , die Magd vom Schloß , hat dem Vater erzählt , in Tonnen hätt ' s der Alte aus dem Keller hinaufgetragen , als die Frau Gräfin gestorben ist , und die Baronessen seien kalkweiß geworden vor Schrecken . « » Der Kaufpreis ist ' s für Herrn Konrads Seele - « lachte dröhnend der Pockennarbige , - er war ein Aufgeklärter und glaubte schon längst nichts mehr . Die Kinder stoben auseinander . Ein Mädchen mit flachsblondem Kraushaar und Augen , blaßblau wie das Stückchen Himmel , das eben mit zögerndem Lächeln zwischen den sich ballenden Wolken hervorsah , blieb allein zurück . Sie war eine Katholische und ein lediges Kind obendrein , und die anderen Dorfbuben und -mädchen , die Standesunterschiede strenger aufrecht erhalten als Schloßherren und Damen , stießen sie stets beiseite . Mit zuckenden Lippen blickte sie noch einmal den Wagen nach , die fern , wie schwarze Punkte , im Nebel schwankten . » Wie der Erzengel Michael schaut er aus , « flüsterte sie und preßte die verfrorenen Finger aufeinander , » Heilige Mutter Gottes , rette seine arme Seele . « Durch die Nacht ratterte der Zug . An schlafenden Dörfern , die in den Armen ihrer Felder und Wiesen friedlich ruhten , an Städten mit zahllosen , immer noch wachenden , weiß , rot und gelb glänzenden Fensteraugen sauste er vorbei . Mit triumphierendem Fauchen - denn er , das häßliche Ungeheuer , hat sie alle bezwungen : die starren Felsen , die schimmernden Gletscher , die träumenden Täler , die drohenden Schlünde - kroch er durch die Berge , schwang er sich über die vom schmelzenden Alpenschnee gelb schäumenden Wasser . Seine Räder aber sangen , als ob die gräßlich gigantische Schlange eine Seele habe . » Wir tragen die Toten zu Grabe - zu Grabe , « klang es Stunden um Stunden unablässig in Konrads Ohren . Ob das Pärchen nebenan , das sein junges Liebesglück unter Italiens Himmel führte , dasselbe hörte , oder ob sein kosendes Gezwitscher die Trauerhymne übertönte , die der Gräfin Savelli kalten Körper in die Heimat geleitete ? Konrad lag lang ausgestreckt auf dem schmalen Bett des Schlafwagens , das Fenster weit offen . In schwarzen Schatten , schmalen , gestreckten , und wuchtigen , breiten , flog die Landschaft draußen an seinen müden Augen vorüber ; nur der Himmel stand still , und die Sterne sahen in ruhigem Ernst auf das hastende Leben tief unten . Langsam stieg der Zug zur Höhe des Passes empor ; die Maschinen stöhnten , die Räder vergaßen ihr Lied ; vor Anstrengung heulten sie . Konrad richtete sich auf ; ein Frostschauer ließ ihn zusammenfahren ; er sah hinaus . Um dunkle Berggipfel , die sich immer dichter und drohender zusammenschoben , strichen Wolken wie tanzende Gigantengespenster . » Das steigt und steigt , in der Hoffnung , droben der Sonne näher zu sein , « dachte er , » und ist die Höhe erreicht , so hat sie nichts als Eis und Einsamkeit . « Der Zug hielt . Er mußte Atem schöpfen . Dichte Schneeflocken umtanzten ihn . Wer von den Reisenden sie gesehen haben mochte , sank sicherlich rasch in die Kissen zurück , sich nur noch fester in die Decken wickelnd . Konrad allein stieg aus . Wie wundervoll still es war ! So weich und sanft , so lind und liebevoll sank der Schnee , als breitete über ihr schlummerndes Kind die Hand einer Mutter die Daunendecke aus . Ein wildes Schluchzen , jäh und ursprünglich , daß der Wille , es niederzuzwingen , zu spät kam , drang aus Konrads Kehle . Eine Mutter ! Er hatte niemand , - niemand mehr ! - Er sah sie in Gedanken vor sich , die mit ihm fuhren : Die jungen , verliebten Hochzeiter , das alte Ehepaar mit dem zufriedenen Lächeln derer , die einen sorgenlosen Lebensabend erreichten , die beiden im Überschwang des Daseinsgefühls strahlenden Freunde - sie waren alle zu zweien , Freude und Sehnsucht glänzte auf allen Gesichtern ; Ströme von Lebensfülle schien dies ferne Land an sich zu ziehen , das einmal im Leben gesehen zu haben , jedes Deutschen Sehnsucht war . Nur er war allein , nur ihm schlug das Herz in der Brust wie eine aufgezogene Maschine , nur er geleitete eine Tote . Eine Hand berührte seinen Arm ; Giovannis faltiges Antlitz tauchte neben ihm auf . » Rasch , Herr Baron , wir fahren weiter ! - Und jetzt - jetzt geht es hinab ! « Ein gurgelnder Ton , wie von erstickten Tränen , klang in der alten Stimme . Konrad sah ihn an , ehe er in den Wagen sprang ; das Leuchten heller Verklärung lag über dem gelben Gesicht und gab den Augen den Glanz der Jugend wieder . » Unten blühen die Mandelbäume ! « Seltsam , wie jetzt das Lied der Räder anders tönte . » Unten blühen - die Mandelbäume ! « wiederholten sie . Und es war wie ein Tanz in die Täler hinab . Konrad schlief ein ; rosenrote Blüten sah er vom Himmel gaukeln , sie mischten sich leise unter die Winterflocken , sie wurden dichter , immer dichter , sie verdrängten den Schnee , sie hüllten die ganze Erde in ein Festkleid von Seide . Und weiter und weiter ging die rasende Fahrt . Schon wurden die Linien der Berge starrer , feierlicher , wie von eines klassischen Künstlers Hand gezogen ; die romantische Zerklüftung wich und mit ihr die Lieblichkeit der Dörfer im Tal . Es waren nicht die roten Giebeldächer mehr , die zwischen Obstbäumen und Fliederbüschen behaglich hervorlugen ; grau , wie gewachsene Felsen , drängten sich die Häuser eng zusammen , jeder Ort eine Burg . Breiter wurde das Tal . In schweren , gelben Fluten rauschte die Etsch bergab . Die Berge , die finster drohenden , treuen Wächter am Zaubergarten Europens traten zurück . Der blaue Himmel umschlang zärtlich die grüne Ebene . Wie sie sich dehnte und reckte , wie sie siegreich die letzten Hügel zur Seite drängte - ein einziges hoffnungsstarkes Sehnen ! Soweit das Auge reichte : saftige Wiesen , von niedrigen Weiden und Maulbeerbäumen gleichmäßig durchzogen , die Ranken sprossenden Weins in anmutigem Schwung miteinander verknüpften ; dazwischen kleine Gärtchen um kleine Häuser voll blauleuchtender Schwertlilien und Alleen königlich stolzer Pappeln . Konrad riß Fenster und Türe auf . Fuhr er wirklich mit einer Toten ? ! » Ich werde dich nach Hause führen , « hatte sie wieder und wieder gesagt , laut und angstvoll , leise und hoffnungsfroh , während das Fieber ihre Sinne verwirrte und ihr Körper , leidenschaftlich an das Leben sich klammernd , mit dem letzten Überwinder rang . Sie hatte gelacht , triumphierend , wie eine siegende Amazone gelacht haben mochte , als sie ihn in die Flucht geschlagen zu haben glaubte , und die Krankheit wich . Doch heimtückisch war er durch Hintertüren wieder eingeschlichen , hatte sich einen eisigen , sturmdurchtobten Winter und einen grauen , nassen Frühling zu Helfern geholt , und die stolze Frau , da er sie in offener Schlacht nicht hatte treffen können , wie ein Meuchelmörder rücklings überwältigt . » Ich werde dich - nach Hause führen , « waren ihre letzten Worte gewesen . Und führte sie ihn nicht heute ? War sie nicht neben ihm und in ihm ? Oder war es nur das mütterliche Blut , das in ihm aufrauschte und in seinen Ohren brauste und sang ? Ihm war , als spränge plötzlich ein Eisenband über seiner Brust , das er , von Geburt an daran gewöhnt , niemals gespürt hatte . » Verona - « der Zug hielt : ein kleiner , öder Bahnhof , die Stadt sehr fern , in blendendes Licht getaucht , hinter ihr ein gestreckter Hügel , und aufsteigend an ihm in geraden schwarzen Strichen zwei Reihen dunkler Zypressen . Führten sie vielleicht zu Julias sagenumwobenem Sarkophage ? Oder liegt sie tief und heimlich im Arm des Todes wie einst an der Brust des Geliebten ? Wie hatte doch einmal jener berühmte Berliner Kritiker doziert , als sie nach einer Vorstellung von Shakespeares Liebesdrama im Kaffeehaus saßen und Konrad seinem Ärger über den Darsteller Romeos , der die klingenden Verse des Dichters heruntergeschwatzt hatte , als gelte es , in einem parfümierten Salon von Berlin W geistreiche Konversation zu machen , Ausdruck gab . » Mit solch einer Gestalt kann ein moderner Mensch überhaupt nichts mehr anfangen . Mutet uns nicht die ganze Geschichte an , als ob man Erwachsenen ein Weihnachtsmärchen vorspielen wollte ? Die Zeit dürfte nicht mehr fern sein , wo ein moderner Mensch für die Sentimentalitäten der Liebe nur noch ein Lächeln übrig hat , wo man sich des sogenannten Bedürfnisses nach ihr entledigt wie anderer animalischer Funktionen , und mit ruhiger Bewußtheit Kinder zeugt auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen und Prognosen . « Niemand widersprach ihm damals ; wenn er sich zu so einer langen Rede herbeiließ , galt , was er sagte , wie ein Orakelspruch . Dunkle Schamröte stieg Konrad in Erinnerung daran in die Stirne , - denn auch er hatte geschwiegen ! Wie weit lag sie hinter ihm , die entgötterte Welt ! Die Sonne stand jetzt im Zenit . In breiten silbernen Wassern spiegelte sie ihr glühendes Angesicht . Es war , als verlange sie sehnsüchtig danach , in der geheimnisvoll stillen Tiefe zu versinken . Schwere , dunkle Mauermassen stiegen aus ihnen empor . Mit vergitterten Fenstern - geschlossenen Pforten . Graue Paläste ; die Steine wie von harten Fäusten grimmig aufeinandergefügt : Mantua . Verse Virgils - längst vergessene Verse - zogen im gleichmäßigen Takt des Hexameters durch Konrads Erinnern . Unter dem hellen Licht , das draußen von Himmel und Erde strahlte , sanken die Lider ihm tiefer über die Augen . Er sah Isabella d ' Este , die göttliche . Ob sie hinter den verschwiegenen Mauern dort , in einer heimlichen , heißen Stunde nicht doch dem Allbesieger Cesare zu eigen geworden war ? Gehörten sie nicht zusammen , dieses Weib und dieser Mann ? Wog eine Stunde überströmender Lust , die ihnen gemeinsam gehörte , nicht die kärglichen Freuden eines ganzen Lebens auf ? Durch die geschlossenen Lider meinte er an ihren weißen Händen die grünen Smaragde wie Schlangenaugen leuchten zu sehen . Feucht und heiß strich die Luft der Muränen um seine Stirne . Tief in ihrem Moorgrund stand die Totenurne Livias , der großen Hetäre : unter den Küssen ihres Geliebten war sie gestorben , in ihr Todesröcheln hatten sich die Seufzer beseligter Liebe gemischt . Konrad hörte das Rattern der Räder nicht mehr . Schwer lag die Hitze auf seinen Gliedern und lullte ihn ein . Auch seine Träume waren schwer , - er hörte die Tote mit harten Knöcheln an den Sargdeckel stoßen . In einen Schrein aus Glas bei offenen Fenstern hätte man sie betten sollen , denn ihre Augen , ihre großen Augen suchten sehnsüchtig das Licht . Und dann saßen sie plötzlich neben ihm - alle drei : Else , hauchdünn und zerbrechlich , den ganzen Arm voll weißer Puppen mit goldenen Krönchen im Flachshaar , - Renetta , im Ballkleid , die weiße Seidentaille voll schmutziger Fingerspuren ; Leonie , als wäre sie eben aus dem Bade gestiegen , das Wasser hing noch in silbernen Perlen an ihrem schwarzen Trikot . Was wollten die ? ! Er war ja fort - weit fort - mit einer Toten - . Ein tiefer Seufzer der Befreiung hob seine Brust . Er erwachte . » Bologna ! « klang es kreischend von draußen an sein Ohr , und hin und her eilende Schritte und Gelächter und Geschrei ! Er sah auf : wie fröhlich bewegt hier die Menge war ! Auf einem deutschen Bahnhof setzte jeder eine geschäftsmäßigtrübselige Miene auf . » Chianti , Herr Baron ! « In der einen Hand das volle Glas , in der anderen die strohumsponnene Flasche , stand Giovanni vor ihm . Seine Augen blickten verklärt , seine zusammengeschrumpfte Gestalt schien sich mit jeder Station mehr gereckt zu haben . Jedem Vorüberhastenden warf er ein paar Worte zu und lächelte entzückt , wenn er als Antwort immer wieder die gleichen Laute der eigenen geliebten Sprache