gleich eine solche Note von Wärme und Hingabe hatte . Er dachte wirklich geradezu : Mutter hofiert sie per procura Raspe . Tulla sprach von der Oper . Es war ziemlich voll gewesen . Bekannte ? O ja - Dora Vierbrinck und der Hauptmann Fritz von Patow und eine Dame dabei , die vielleicht Dorys Mutter sein konnte . Rötliche Haare ? Sehr glatt gescheitelt ? Ja . Und es sah so aus : Verlobte , die von der befriedigten Mutter geleitet werden . Tulla hatte herangehen wollen . Aber die Herrschaften waren so umdrängt gewesen - und sie hatte im Vorbeigehen genau gehört , daß die Dame mit den glatten , rötlichen Scheiteln abwehrend gesagt hatte : » Glückwünsche werden durchaus noch nicht angenommen ... « Und rund herum hatte alles gelacht - ja , sehr vergnügt waren sie gewesen in der Gruppe . Und man hörte heraus , daß Tulla sich fremd und allein im Zwischenakt gelangweilt habe ... Das war so begreiflich . Sophie war voll Mitleid und tröstete : es solle auch nie wieder vorkommen . Heute hatte es sich so gefügt - es waren ernste Sachen zu besprechen gewesen - Geschäfte , und davon mögen junge Mädchen nichts hören . Zu entschuldigen brauchte Mutter sich auch nicht gerade , dachte Allert . Und die Oper selbst ? Oh , ganz nett - aber Tulla hatte Caruso als Radames gehört , und sie fand auch die Amneris der Götze besser - ja , Mama hatte jenesmal für den Platz achtzig Mark bezahlt - aber schön war es gewesen ... Und es klang ein leises , fernes bißchen Blasiertheit und Protzentum heraus - ganz unbewußt - Am andern Tage sagte Tulla : » Sie haben Sorgen , liebe , gnädige Frau - ganz gewiß - irgendeinen Kummer haben Sie - ach , ich kenne Ihr Gesicht so genau - « Das rührte nun Sophie . » Ja , liebes Kind . Dumme Sorgen . « » Sorgen ? « sprach das junge Mädchen in einem Ton des Widerwillens . » Das hängt immer mit Geld zusammen . « » Kann sein - auch hier - in zweiter Linie . Ich will es Ihnen lieber sagen : es scheint , in der Familie Dorne sind Katastrophen eingetreten ... « » Wegen der gräßlichen Frau ? « Sophie stand verdutzt . Welches Urteil hatte denn die junge Tulla über diese Frau ? Wie konnte sie überhaupt ein Urteil haben ? » Wie kommen Sie darauf , Kind - ? « Tulla zuckte die Achseln . » Ach , « sagte sie in einem Gemisch von Naivität und Erfahrung , » ich weiß nicht - die kommt einem nicht geheuer vor ... « Das war unbestimmt - ganz ins Blaue hinein gesprochen . Sophie hütete sich aber , näher nachzuforschen . » Was eigentlich vorgegangen ist , wissen wir nicht . Nur dies ist klar : Allert wird noch ernste Auseinandersetzungen haben und möchte sich von Doktor Dorne trennen . Dazu gehört viel Geld . Und so haben wir allerlei zu bedenken . « » Jetzt gerade , wo bald Ihr Sohn Raspe kommt ! « sprach Tulla und bekam eine weinerliche Stimme . Seit Wochen war sie nun hier und wartete geduldig auf die schöne Osterzeit . Und nun kamen Sorgen ? Oh , Tulla wußte gut : Sorgen - Geld - Verstimmung - Streit - das hing zusammen . Das war ihre Erfahrung aus dem Leben der Mama . Seit Papas Tod gab es ja seltener Streit , denn Onkel Karl von Buschke , Mamas Bruder , der Junggeselle , hatte solche Schwäche für die jüngere Schwester und schickte immer Geld , wenn sie festsaß . Aber wenn Harald und Viktor schrieben , fuhr Mama im Zimmer umher und schimpfte ... Also von nun an wurde es hier auch so ungemütlich ... Sie ging in ihr Zimmer und starrte lange auf die Höfe und Hinterhöfe hinaus und auf die Wipfel , in die der Frühling grüne Pünktchen hineinwirkte , und die sich zwischen den Mauern wie Gefangene ausnahmen oder wie vergessene Ueberreste der Natur ... Diese Aussicht machte sie noch bekümmerter . Sie dachte an ihr Zimmer in Berlin - an den großen Raum voll weißer Lackmöbel und blau und weißer Libertyseide . Aus einem dumpfen Gefühl heraus schrieb sie einen Brief an Fiffi v. Samelsohn und dachte : sie ist doch ganz nett - und man war so aneinander gewöhnt , von klein an . Es wurde ein sehr tiefsinniger Brief , voll von Betrachtungen über die Schwierigkeiten des Daseins , und wie besonders doch die Liebe Opfer fordere . Ja , an den Opfern , die man bringe , könne man erst recht ermessen , wie groß eine Liebe sei . Tulla weinte aus einem ihr selbst nicht erklärbaren Grund über diesen ihren Herzenserguß . Dann fügte sie noch ein P.S. hinzu : » Wie war es denn in Paris ? Bist Du schon in Nizza ? Wie gefällt es Dir ? Hast Du Dich in Paris verliebt ? Ist der Baron Legaire noch bei unsern Mamas ? Schreibe bald Deiner Tulla . « Und das » bald « unterstrich sie fünfmal . Hiernach wurde ihr plötzlich wieder sehr mutvoll ums Herz . Sie holte aus ihrer Schmuckkassette das Bild Raspes hervor , das sie - ihrem Glauben nach heimlich , dennoch von seiner Mutter wohl beobachtet - sich aus einem Kasten mit Photographien » gestohlen « hatte . Es war sehr ähnlich . Ein Kabinettbild und Raspe in Uniform darstellend . Sie versank in den Anblick . Ja , er war der stattlichste , wundervollste Mann , den sie je gesehen . Ihre Verliebtheit schwoll hoch an - flutete als Glückseligkeit über ihr junges Herz und ließ sie alles vergessen . Sie küßte das Bild voll Andacht - ganz und gar liebende , bescheidene Demut . Dann sah Tulla in den nächsten Tagen wohl ein , daß ihre Voraussetzung , es gäbe hier nur Streit und Verstimmungen , nicht zutraf . Ganz im Gegenteil schien dieses liebevolle Verstehen zwischen Mutter und Sohn noch inniger . Sie gingen so herzlich miteinander um , als könne Güte ihnen helfen - aber daß die Stimmung sehr ernst war , sah Tulla wohl . Und sie sah ja auch : wenn Allert abends kam , zog er sich mit der Mutter immer erst für einige Minuten zurück . Sie hörte auch : er verzweifelte beinahe , weil die Lage dunkel blieb . Der abgereiste Doktor Dorne schrieb nicht . Man wußte nicht , wohin er gereist war . Man konnte gar nicht nachforschen . Das vorsichtige Anfragen bei den Dienstboten schien schon fast zu viel riskiert . Man wollte , durfte kein Aufsehen machen . Skandal war zu vermeiden . Der Mann konnte doch unerwartet zurückkehren . Oder schreiben . Die Leute in der Wohnung wußten nichts ... In der Fabrik sagte Allert , daß sein Teilhaber in wichtigen Familienangelegenheiten verreist sei . Die wissenschaftliche Arbeit mußte inzwischen der Assistent weiterführen , der , das sah Allert gleich , ein tüchtiger und selbständiger Mann war . Schon sprach Allert mit seiner Mutter davon , ob man sich mit der Polizei in Verbindung setzen wolle ... Sechs Tage schlichen so hin - Und Raspes Ankunft stand vor der Tür . So klagte Tulla es denn laut der Mutter des geliebten Mannes vor : » Diese Geschichte wird ihm seinen Osterurlaub verderben . Und sie geht ihn doch gar nichts an . « » Nun , die Sorgen des Bruders gehen ihn wohl an , « sagte Sophie . Aber sie dachte selbst voll Bekümmernis daran : Er kam , vielleicht das Herz voll Spannung und Vorfreude - vielleicht sollte er sich über sein ganzes zukünftiges Mannesleben entscheiden - in festlichen Frühlingstagen sich prüfen , ob junge Liebe und seliges Hoffen zu herrlicher Wahrheit werden können . Und da drängten sich diese häßlichen Sachen dazwischen . Die Furcht vor Aufsehen , die Allerts geschäftlichen Ruf doch immer ein wenig trüben konnte - wie , wenn der unselige Mann sich ein Leid angetan ? - Wenn das alles in die Presse käme ? Allert in solchem Zusammenhang genannt zu sehen - welch ein Gedanke ! Sophie dachte daran : am besten würde es sein , mit Tulla und Raspe zusammen fortzugehen . An Vorwänden fehlte es nicht . Sie war überarbeitet , sie durfte das Bedürfnis nach einer Ausspannung wohl geltend machen . Man konnte in die Lüneburger Heide gehen - malerische Studien versuchen und den herben nordischen Frühling skizzieren . Aber Tulla , das verwöhnte Prinzeßchen , würde in den einfachen Wirtshäusern der Heidedörfer vielleicht zu viel entbehren . Doch Helgoland ? Sophie kannte es nicht . Als sie den Gedanken laut erwog , schien Tulla entzückt . Sie war mal dagewesen - als ganz kleines Kind , mit Papa und Mama , in den Zeiten , als es noch vorkam , daß Papa und Mama zusammen reisten . Sie konnte sich jedoch beim besten Willen nicht mehr erinnern , wie es dort aussah . Ja , ja , nach Helgoland . Und sie ward so belebt von der Aussicht auf diese kleine Reise , daß Sophie wohl herausfühlen mußte : es hatte schon an Abwechslung gefehlt . Sie war es ja auch nicht anders gewöhnt : immer Veränderung , Vergnügen . Neues Vorhaben tauchte schon auf , wenn ein Programm noch nicht ganz zu Ende genossen war ... Es gab nun einen Kampf für das Mutterherz . Sie wünschte so heiß , ihrem älteren Sohn in dieser schweren Zeit der Ungewißheit zur Seite zu bleiben . Aber sie wünschte nicht minder dringlich , dem jüngeren Sohn die bevorstehenden Tage zum Fest zu machen . Aber da kam ein im Grunde für sie ja recht nebensächliches Ereignis und verhalf zur Entscheidung . Dory Vierbrinck verlobte sich mit dem Baron von Patow . Er war der Sohn von Sophiens verstorbenem Bruder . Wie hätte sie sich der Teilnahme an all den Festlichkeiten entziehen können ? Das neue Brautpaar sollte in der Osterzeit durch viele Diners gefeiert werden . Einladungen für sie und ihre Söhne kamen gleich reichlich ins Haus . Dies alles mitmachen und den jungen lieben Gast dann immer allein lassen , hätte geheißen , die ganze Urlaubszeit Raspes um ihren eigentlichen , unausgesprochenen Zweck bringen . Und wie wenig war der Mutter nach Festen zumute , jetzt , wo so schweres Gewölk über dem Leben ihres Sohnes stand . Allert selbst riet : reise ab , nimm Raspe und Tulla mit Dir , ich will versuchen , ab und an die Familie zu vertreten ; und übrigens weiß ja Fritz ziemlich Bescheid und kann mir ' s nicht verargen , wenn ich nicht allemal dabei bin , wo er und seine Braut angefeiert werden . Es schien ihm selbst fast willkommen , ein paar Tage allein zu sein . Er fühlte täglich mehr : alles erträgt sich gut , ja besser zu zweien . Nur gerade nicht Ungewißheiten - deren Peinlichkeit steigert sich beim Besprechen . So war es denn beschlossen . Am Dienstag nach Palmsonntag wollte man sich einschiffen und am Ostermontag zurück sein . Und Sophie fuhr am Montag spät nachmittags zur Bahn , um Raspe abzuholen . Tulla blieb in der Wohnung zurück - ganz aus aller Haltung vor fieberhafter Spannung . Zweimal zog sie sich um , und Therese mußte ihr die Kleider im Rücken schließen . Das nahm Therese übel , denn sie war nicht gewohnt , in ihrer Arbeit so oft gestört zu werden . Tulla wollte wissen , welches Kleid ihr besser stehe , und bekam die Antwort : » Beides ejal . Schwarz steht jnä Fräulein nu mal nich . « Und Mamas Jungfer hatte doch immer bewundert , wie vorteilhaft die Trauerkleidung für Tulla sei ! Sie weinte beinahe . Sie zog ein drittes Kleid an . Das aus schwarzen Spitzen , das den Hals freiließ . Und geängstigt von Theresens Kritik , suchte sie sich heller aufzuputzen . Sie legte ihre Perlenschnur um den Hals . Sie starrte in den Spiegel und kam sich nun schöner vor . Aber in ihr war doch eine große Ungewißheit : bin ich eigentlich hübsch oder nicht ? Wenn man so sah , wie die meisten Frauen über diesen Punkt sich unglaublicher Selbsttäuschung hingaben ! ... Ja , es war offenbar schwer , es zu wissen . Und sie hätte so gern schön sein mögen - für ihn ! Sie sah nach der Uhr - jeden Augenblick konnte er hier sein . Sie lief nach vorn . Ihr Herz klopfte hart und schnell . Sie riß ein Fenster auf und bog sich hinaus . Da fuhr gerade unten ein Auto vor . Sofort schlug sie das Fenster wieder zu und rannte in ihr Zimmer zurück . Da saß sie mit heißem Gesicht und wartete . Das Leben im Hafen tönte als grandioser Rhythmus durch die Morgenfrühe . Vom hellen Dunst leise überschleiert lag das gewaltige und in steter Bewegung sich verschiebende Bild . Vom hohen Geländer herab , über begrüntem Hang und knospenden Baumriesen her , sah das ungeheure Haupt aus Granit . Die ganze hellgraue Riesengestalt Bismarcks hatte fast den gleichen Farbenton wie der Himmel . Und so wurde das Ueberlebensgroße zu einer unbeschreiblichen Feinheit und Märchenhaftigkeit - der Stein verlor seine Härte , die Größe das Erdrückende - einer Geistererscheinung gleich stand der Mann aus Granit und bewachte den großen Strom und die Nähe wie die Ferne und begrüßte alle , die hereindampften , und entließ alle , die hinaussegelten , mit einer Mahnung . Von der Sankt-Pauli-Landungsbrücke ging der Salondampfer » Prinz Heinrich « Anker auf . Es fröstelte die Reisenden . Ein Apriltag - acht Uhr morgens - der konnte keine einschmeichelnden Temperaturen hergeben . Aber Raspe und seine Mutter freuten sich an der herben Luft . Denn man spürte wohl : der Ozean blies von weit her hinein . Und das noch nicht Gesehene , erst noch zu Erschauende lockte . Die Gewißheit , neue Eindrücke erleben zu dürfen , gab der reifen Frau jedesmal Kinderfreudigkeit zurück . » Auf der Reise bin ich immer ganz jung , « behauptete sie . Und Raspe war , in diesen Augenblicken wenigstens , auch von der ungetrübten Genugtuung erfüllt , eine erfrischende kleine Fahrt antreten zu können . Er war so wenig verwöhnt . Ganz hell war seine Seele in ihrer schönen , aufrechten Einfachheit . Und wenn eine Freude , ein gesunder Genuß ihm geschenkt wurde , nahm er das mit einer gewissen dankbaren Sammlung in sich auf . Tulla aber hatte seit gestern nachmittag so viel in sich erlebt , daß sie vor Verworrenheit und Aufregung gar nicht wußte , ob sie sich nun eigentlich freue oder nicht . Sie ging mit Raspe auf Deck spazieren , stand auch wohl mit ihm an der Reling still , wenn er einem vorbeifahrenden Schiffe nachsehen wollte . Aber im Grunde bemerkte sie nichts von dem bunten Wechsel der Dinge auf dem wuchtig meerwärts flutenden Strom . Die hohen Ufer zur Rechten zogen sich hin , prunkvoll , von Villen gekrönt , von prachtreichen Gärten behangen . Zur Linken verdämmerte das weite , flache Land . Schiffe kamen ihnen entgegen , an deren ragenden Borden sich heimkehrfrohe Menschen drängten . Die grüßten die hamburgische Flagge mit hellem Jauchzen - man sah , sie waren erregt vor Ungeduld und fieberten der nahen Minute der Landung im deutschen Hafen entgegen . Sie winkten mit Mützen und wehenden Tüchern . Die kleine Zahl der Passagiere auf dem » Prinz Heinrich « grüßte wieder , und auch Raspe nahm unwillkürlich die Mütze ab und lächelte hinüber zu diesen Menschen , die auf der langen Seefahrt gleich Gefangenen geworden und nun vorweg schon im Befreiungstaumel lachten und gerührt waren . Scharf vor dem Winde , der in ihren schweren Segeln rauschte , schnitten Fischereikutter durch die graugelben Fluten . Schleppdampfer mit schwarzwolkigen Rauchfahnen oben an ihren plumpen Schornsteinen arbeiteten hart gegen den Strom und zogen ein Gefolge von kleineren Schiffen hinter sich drein . Von Bord einer Kuff her , die sich mit gerefften Segeln so hafenwärts gleiten ließ , kläffte ein schwarzer Spitz ; er stand auf den bleichen Brettern der hochgehäuften Holzladung und verzehrte sich in Zorn über diese Dinge , die da respektlos vorüberzogen , ohne daß er ihnen an die Beine hätte fahren können . Man kam später auch an Inseln vorbei . Lang und schmal lagen sie da , stille Gelände , rasig und von Pappeln und Eschengruppen überragt , zwischen denen wohl auch ein großes , tieflastendes Dach hervorschimmerte . So wenig erhoben sie ihre Erde über das sie unruhig und in großer Bewegung umspülende Stromwasser , daß man sich vorstellen konnte , wie jede Flut und jeder Sturm Ueberschwemmungsgefahr bedeutete , und wie die einsam Lebenden vom Marschfieber geschüttelt wurden . Und der Himmel wurde blauer , er schien sich förmlich zu heben , und das gab den Reisenden drunten auf dem rasch vorwärts wühlenden Dampfer ein Gefühl von größerer Leichtigkeit des Lebens . Das Unterwegssein war flotter , vergnüglicher . Dann kam auch noch die Sonne . Mit einem Male bewarf sie die Flut mit so viel Licht , daß es aussah , als seien hunderttausend Spiegelsplitter verstreut und das Wasser schaukele sie . Raspe hatte das Gefühl : man bekommt größere Augen vor so gewaltiger Sehfläche . Er empfand : alles in einem weitet sich mit der Weite des Bildes , der Fülle aller bedeutenden Bewegung . Er machte mit einem frohen Wort , einem raschen Ausruf Tulla zur Gefährtin dieser Freudigkeit . Er wollte sie zur Gefährtin machen - denn nach und nach spürte er wohl : die Welt zog an ihr vorüber - ungewürdigt - kaum gesehen - sie war so zerstreut , antwortete kaum . Und Raspe mußte an seine Mutter denken , die alternde Frau - die ganz gewiß voll Glückseligkeit war und wie berauscht von jeder Segelsilhouette , die in kecker Linie und kühner Raschheit vor dem Horizont vorbeisauste - und gewiß stumm vor Bewunderung über die Feinheit des dunstigen Lichtes , in dem das Flachland verschwamm . Und dankbar und ferienfroh , dies Wandelbild von Größe und Raumunermeßlichkeit überhaupt genießen zu dürfen ... Ja - die Mutter ! Vielleicht nahm er zu sehr den Maßstab nach ihr ... Sie war immer so ganz Kind mit den Kindern gewesen - schien immer gerade das Alter , die Interessen und Begeisterung der Söhne zu haben - sich mit ihnen entwickelnd - sich ihnen ganz anpassend . Solche Mütter stehen vielleicht , ohne daß sie es wollen oder auch nur ahnen , zwischen dem Sohn und seinem Mut zur Ehe . Sophie saß auf der Bank an der Steuerbordreling und hatte ihre Hände warm in die weiten Aermel ihres Mantels von links nach rechts , von rechts nach links gesteckt . Alle Sorgen waren weggehuscht wie Nachtgetier vorm Licht ; alle Hoffnungen waren so gut wie erfüllt . - In einer so göttlich großen , erhabenen , von Sonne durchfluteten , von fröhlichem Wellengewoge erfüllten Welt mußte es auch noch Glück geben ! Jedes dahinschießende Segelboot verbürgte es ihr ; die stolz heranziehenden Dampfer brachten es mit ; der lachende Himmel schüttete es herab ... Sie genoß die ganz grundlose , reine Daseinswonne , die Natur zu verschenken vermag - und nur sie ... Sophie sah auch immer wieder den Anblick vor sich , den die junge , holde Tulla gestern gewährt . - Mütterlich ging sie in das Zimmer der Wartenden und sagte so unbefangen wie möglich : » Nun , liebe Tulla , wollen Sie denn nicht nach vorn kommen ? Mein Sohn ist da . « Und als Tulla dann auf der Schwelle stand , war es ein Erlebnis . Sophie wußte wohl : Frauen - alte wie junge - alle , alle können einen begnadeten Augenblick haben , der ihre Schönheit verklärt , ihre Erscheinung adelt - eine geheimnisvolle Erhebung ist das - sie reicht auch der Bescheidensten eine Krone . Und die herbe Anmut der jungen Tulla war zu rührendstem Reiz verklärt , als sie da zögernd stand - die Augen fast schwarz vom Feuer des Glücks - auf den schmalen Lippen ein Lächeln voller Poesie der Jugend - die ganze schlanke Gestalt verkörperte Erwartung und keusches Zögern zugleich - Sie , die Mutter , sie spürte es auch , obschon sie vermied , den Sohn gerade anzusehen : über sein männliches Gesicht ging der Glanz einer großen , beglückenden Ergriffenheit . Es war ein Augenblick voll Andacht gewesen . Nachher freilich schien da irgendeine Hemmung zu sein - der Glanz losch hinweg aus Tullas Wesen - Vielleicht trug der Brief schuld daran , den sie noch mit der Abendpost aus Nizza bekommen hatte ... Sophie durfte ihn lesen . Und er verletzte auch ihr Herz - und ihr war , als wolle man einen teuren Toten beleidigen . Der Brief war die Antwort von Fiffi v. Samelsohn auf Tullas letztes Schreiben . Eine eilige Antwort , denn Fiffi hatte eigentlich keine , keine Minute Zeit , man wollte gleich zum Blumenkorso fahren . Sie teilte aber doch genau mit , daß ihre Mama und Tullas Mama den Wagen ganz mit weißen Rosen verkleidet haben würden . Dann floß noch eine neckische Bemerkung ein : » Wollen wir wetten , Tulla ? Noch ehe das Trauerjahr ganz vorbei ist , bekommst Du einen Stiefpapa . Meine Mama fände es nicht sehr geschmackvoll , sagt sie , weil doch der Baron Legaire zwei Jahre jünger ist als Deine Mama . Aber er hat ja ein Schloß in der Touraine - wenn ' s auch recht verkommen sein soll . Dies finde ich himmlisch ! Obschon ich sonst nicht romantisch bin . Aber ein Schloß in der Touraine ! « Jetzt , wie Sophie hier saß und sich an dem gewaltigen Schauspiel erhob , das der in riesenbreiter Majestät sich dem Meere hingebende Strom ihr bereitete , jetzt dachte sie : der Brief kam zur rechten Stunde - er wird helfen , Tulla erkennen zu lassen , wo die wahren Werte des Lebens liegen . Sie konnte von ihrem Platz aus manchmal die beiden sehen , wenn sie auf und ab schritten oder stehenblieben und hinausblickten - und sie sah auch wohl - die Unterhaltung floß spärlich . Aber versteht man sich nicht oft am tiefsten im Schweigen ? Daß die Gedanken ihres Sohnes vergleichend sie suchten , ahnte sie nicht . Tulla fror eigentlich , trotzdem sie ihre Persianerjacke anhatte und den Kragen hochgeschlagen . Sie war so herabgestimmt und wußte doch nicht genau warum . Fiffis Mitteilung schmerzte natürlich ein wenig . Nur ein wenig . Denn im Grunde genommen dachte sie doch bald nach Papas Tod schon : Mama heiratet gewiß noch mal wieder . Auch Viktor hatte in St. Moritz dergleichen geäußert und noch scherzhaft gesagt : » Meine Einwilligung dazu müßte Mama aber mit der Verdoppelung meiner Zulage erkaufen . « Fiffis Prophezeiung überraschte sie also nicht so sehr . Und sie fühlte deutlich : wenn ich nur selbst glücklich werde , kann es mir ja egal sein , was Mama tut . - Und wenn Mama wieder heiraten will , ist sie gewiß vergnügt , mich rasch los zu sein , und knappt nicht mit dem Zuschuß ... Ach nein , die Möglichkeit , daß Mama den Baron Legaire heirate , lag nicht so auf ihr - drückte nicht so seltsam allen Jubel nieder . Was für eine merkwürdige Ueberraschung war es gestern abend gewesen . Raspe in Zivil ! Wie verwirrend . Ein vornehmer , stattlicher Mann , auch im schwarzen Gehrock - Aber man mußte sich erst daran gewöhnen ... Und Tulla sah auch : das Zivil war sehr gut gehalten - aber der Rock hatte solche Schals mit Seidenaufschlägen , die vor zwei Jahren Mode gewesen waren - Herrenmoden kannte sie genau von Viktor und Harald her , die sich glänzend kleideten - selbst Fiffi gab zu , daß Viktors Zivil auf der allerhöchsten Höhe sei - ja , Tulla ärgerte sich über sich selbst , daß sie überhaupt so etwas sah - und sah es eben doch . Heute aber , auf der Reise , hatte er einen weiten Paletot an , der unter allen Umständen fertig gekauft war ... Wie Viktor sich wohl darüber mokiert hätte - - Aber - das war doch kleinlichste Nebensache - Und dann : sie war doch reich . Später brauchte Raspe nicht sparsam mit Zivil zu sein ... Nun tat sich das Meer auf - grün und glasig drängte es sich in beginnender Flut dem Ufer zu , dem ausgehenden Strom entgegen . Die Wellen stiegen an und zerwarfen ihre Spitzen beim Fallen zu weißem Geschäum . Schwarz und groß kam der Schiffsleib eines Ozeandampfers auf dem Wasser daher , das die Farbe dunkelbraun durchströmter Smaragde hatte ; die Möwen , des Schiffes durcheinanderschießendes Gefolge , flatterten kreischend über dem Strudel seiner Schrauben . Die Sonne traf ab und zu einen Flügelschlag , dann blitzten weiße Linien auf und verhuschten sofort wieder . » Großartig ! « sagte Raspe voll Andacht . » Aber der Golf von Neapel ist viel schöner , « sprach Tulla ; » und all die eleganten Menschen da an Bord - und die Mandolinenspieler - die so komisch übertrieben singen - ach ja - wenn man so nach Capri fährt - ich weiß nicht : dies ist gar nicht wie Vergnügen - so ernst ist es ... « Er schwieg . Nun kamen ein paar Tage , die aussahen , als liefen sie gelassen ab , und die Mutter lobte immer von neuem , daß sie ihr wohltäten , weil sie nichts von ihr forderten . Und forderten doch etwas sehr Mühsames für ihr lebhaftes Temperament und ihr vor Erwartung klopfendes Mutterherz . Nämlich die Maske der vollkommensten Unbefangenheit . Sie mußte ihren Augen jeden beobachtenden und fragenden Blick verbieten . Sie mußte sehr viel Takt und sehr viel Kunst aufbieten , um das junge Paar sich selbst zu überlassen , ohne daß eine Absicht dabei spürbar ward . Sich selber mußte sie vor dem Gefühl bewahren , daß sie das Handwerk einer Ehestifterin übe ... Sie wollte ja auch keine Ehe » stiften « ... Aber ihre Seele war erfüllt von dem innigen Hoffen , daß die junge Liebe dieser beiden sich festige und kläre . - Denn sie sah rasch : diese Liebe nahm nicht den schnellen und sicheren Werdegang zu einem Bündnis . - Da waren auch keine stürmischen Kämpfe - viel Beängstigenderes wuchs da : eine stille , trübe Schwere ... Sie sah : die Wage schwankte auf und ab ... Und in ihrem erfahrenen Herzen dachte sie inbrünstig dem Sohne zu : Könnt ' ich dir doch das Beste , das Notwendigste hineinlegen in die Seele - den Mut , den Glauben - Es war sehr merkwürdig , auf diesem Eiland zu sein . Es glich einem von Waffen starrenden Kriegsschiff , einem von phantastischen , zyklopischen Formen und Größen , das eines Zauberes Riesenfaust hier verankert hatte . Mitten in dem flutenden Meer , in der gewaltigen Einsamkeit der Wasser stand dieses Wunderwerk - Körper gewordene Drohung ! Durch das Gestein seiner roten Felsen führten geheime Gänge von umschützten Landungsstellen aus hinauf zum Oberland . Und von seiner ragenden , kahlen , windumtobten Höhe richteten die Geschütze ihre schlanken Läufe meerwärts . Die Bauten und feinen Linien von Telefunkenstationen , Signalvorrichtungen , allerlei fremdartigem und für den Laien unbegreiflichem Gestänge ragten aus dem roten Felsenrücken . Der Leuchtturm , einst in Oede und feierlicher Stille der einsame Wächter , war nur noch ein Teil der geheimnisvollen , mächtigen Sprache , die durch die Wundermittel der Elektrizität ihre Sprüche und Warnungen weit hinausrief . Aber er stand in ehrwürdiger Feste und blinzelte abends aus seinem roten Strahlenauge scharfe Blicke hinaus über das dunkelwogende Meer . Zu Füßen der nordwestlichen Felsschroffen , unten an den jähen Abstürzen , wuchs neues Land an . Was der Ozean vor Jahrhunderten dem Knochenbau der Felsen vom Erdkörper abgerissen , so daß sie kahl und karg stehenblieben , nicht mehr umschmiegt von lieblichen Geländen - das schien nun die große Dienerin der Macht und der Völkerblüte , die Kriegskunst , der Insel wieder zurückerobern zu wollen . Ein pochendes , unaufhörliches , streng bewachtes und geleitetes Arbeitsleben war um die Insel . Bagger kreischten in Ketten und strudelten klatschend sandigen Inhalt in umhegte Reviere ; Barkassen schossen hin und her . Ein Kreuzer , grau und eisern , ankerte auf der Reede ; die weiße Kriegsflagge mit dem Reichsadler in dem rechten obern Viertel strich der Wind glatt aus . In den engen Straßen , die das Häusergehocke zwischen Fels und Strand am südwestlichen Ende der Insel durchschnitten , war jeder zweite Mensch ein Matrose in der blauen Uniform der Kriegsmarine . Und man erriet es wohl , daß der eingeborenen Bevölkerung Daseinsbedingungen anderer Art aufgezwungen sein mußten - nicht mehr der Badegast war für sie der hauptsächlichste Geldgeber - nicht mehr der Fischfang und die Seefahrt nährten zumeist ihr Leben - die Kriegsmarine hatte ihre eisernen Fäuste auf das rote Eiland gepreßt - und aus diesen ehernen Händen empfing es nun seine ungeschriebenen Gesetze , seine Arbeit , seinen Gewinn . - Dies alles hatte für Raspe geradezu etwas Berauschendes . Er bewunderte , er staunte , er war stolz , als Deutscher , als Soldat . Die kühne Arbeit , die hier getan wurde , im Kampf mit tosenden Stürmen und brausenden Wogen , bedeutete ihm eine Schönheit der größten Art : die der Technik , die des Mutes . - Tulla war immer von neuem in ihn verliebt , wenn er straff und stolz neben ihr einherschritt und mit einem stillen , großen Leuchten in den Augen auf all diese Mannestaten sah . Von Herzen gern wollte