den stummen , blassen Buben , dessen Augen seltsam glänzten . Dann sagte er den Knechten , was sie tun müßten . Und während die drei zum Stall hinüberliefen , zog Malimmes den Buben zur Türe . Das blonde Mädel ging hinter den beiden her . Auf der Schwelle drehte Malimmes das Gesicht : » Willst du was helfen , Traudi ? « Das Mädel nickte froh . » So näh für den Heiner aus lindem Tuch eine Kapp ! Daß ihm der Eisenhut die frische Mordauer Narb nit aufdruckt . Geh ! Mach flink ! Bist ein gutes Maidl ! « Unbeweglich blieb Traudi stehen . Ein jähes Erblassen rann ihr über das müde Gesicht . Langsam glitt ihr Blick von Malimmes zu diesem andern , von dem sie nur wissen durfte , daß er ein Vetter des Runotter war . Und während sie dem schlanken Buben nachsah , der da so fürsorglich in das Dunkel der Türe geleitet wurde , blitzten ihre Augen in Haß und Eifersucht . Aus der Türe klang es noch heraus : » Hast du das Kappel fertig , so ruf die Unsrigen zusammen und bring uns Trunk und Speis ! « Jul und Malimmes traten in eine kleine , niedere Stube , durch deren Fenster die Sonne mit goldenen Augen hereinblinzelte . Ein Strahl fiel über den Runotter hin , der auf der Wandbank saß und mit dem Wetzstein sein Eisen schärfte , wie er einst bei trockener Mahd die Sense zu schärfen pflegte . » Mach die Schneid nit gar zu fein ! « mahnte Malimmes . » Wie gröber , so besser geht sie durch Hauben und Platten . « Der Bauer nickte . » Ich nimm schon den Faden mit dem Stein wieder weg . « Er tat einen schweren Atemzug . » Und geht mein Eisen in Scherben , so schlag ich mit dem Stumpen zu . Mir grauset vor Welt und Leut . « » Mir nit . « Malimmes lachte . » Alles ist , wie man ' s anschaut . Ein Katzenhaar in der Supp ist ein grauslich Ding . Aber wenn die Katz nackicht wär , so tät sie frieren . Sie will warm haben . Da muß man einsehen , daß sie einen Pelz braucht . Und was ein Pelz ist , muß Haar verlieren . Die Katz kann nit ausschauen , wie sie einer haben möcht , den jedes fremde Härlein kitzelt . « Bei diesem heiteren Schwatzen öffnete er eine Truhe und kramte allerlei Lederwerk und klirrendes Zeug auf den Tisch heraus . » Laß alles sein , wie ' s ist , und guck ' s lustig an ! Ein Fröhlicher verschluckt die haarige Welt , und sie peiniget ihm den Magen nit . Ein Trauriger muß sie wieder speien . Und nachher graust ihm . « Nun schob er den Buben in den Sonnenstreif , der durch das Fenster hereinfiel , und zog am Küraß des Jul die Schnallen auf . » Den laß mir ! « stammelte Jul erschrocken . » Kriegst ihn schon wieder ! Und ist ja doch kein Fremdes in der Stub . « Der Küraß klaffte auseinander , und Malimmes stellte die leere Eisenmuschel auf den Boden hin . » Der Segen kommt von oben , sagen die Frommen . Aber rüsten muß man von unt auf . Erst die Beinschienen . Die müssen fest am Gurt hängen , sonst drucken sie das Knie . Schau nur , wie gut sie passen ! Als hätt sie dir der Hofschneider angemessen ! « Er lachte . » Und ich hab sie doch in des Hauptmanns Rüstkammer nur nach dem Augenmaß ausgesucht . « Achtsam zog er die Schnallen zu ; sie mußten haken und durften nicht drücken . » So , Bub . Die Schuh hab ich dir scharf beschlagen . Auf deine Füß brauchst du nit achtgeben ! « Er schnallte den aus feinen Stahlringen geflochtenen Kettenschurz um des Buben Hüfte . » Tu nur nie einen Schritt nach rückwärts ! Spring all weil fest voraus ! Ein mutiger Sprung ist halb schon der Sieg . Und in der Not kriegen die Füß Verstand . Die laß nur tun , wie sie mögen . Mußt auch dem Feind nit auf die Füß schauen ! Dem schau auf die Hand und in die Augen ! « » In die Augen ! « wiederholte Jul mit leiser Stimme . Der Bub hatte den Blick eines Fieberkranken , der wach ist und ohne Bewußtsein träumt . Runotter erhob sich von der Fensterbank . Schweigend schob er das geschärfte Schwert in die Lederscheide und begann sich für die eiserne Arbeit zu kleiden . » So ! « sagte Malimmes . » Jetzt die Armkacheln ! Die müssen Luft haben . Versuch ' s , Bub , streck die Arm nach aufwärts ! « Jul hob die Arme . » Gut so ! Und vergiß das nie : Ein Streich geht um so tiefer , wie höher als er kommt . « Bei diesen Worten holte Malimmes vom Tisch ein wunderliches Wehrstück ; es sah wie eine große lederne Brille aus und hatte Achselbänder wie ein Mieder . » Was ist das ? « fragte Jul . » Wirst schon sehen ! Laß dir ' s nur antun ! Komm ! « » Nein ! « Die Wangen des Buben brannten . » Ich mag das nit ! « » Geh , sei nit unschickig ! « mahnte Malimmes herzlich . » Das Pölsterlein hab ich genäht für dich , daß dir die Harnaschplatten nit das Herzl drucken . « Nun lachte er heiter . » Angemessen hab ich ' s freilich nit . Aber es wird schon passen . Ich hab ein gutes Augenmaß . « Jul wehrte mit den Händen . » Ich mag das nit . « Da sagte Runotter ernst : » Tu folgen Bub ! Das Leben dreht sich nit um , wenn auch die Menschenleut alles zu öberst und unterst kehren . Tu , wie er ' s haben will ! Tät die Mutter noch leben , sie könnt nit treuer sorgen für dich . « Er legte dem Söldner die Hand auf die Schulter . » Vergelt ' s Gott , Mensch ! « Dann ging er zur Türe . » Ich schau derweil nach den Gäulen . « Schweigend gehorchte der Bub und ließ sich dieses wunderliche Wehrstück um die Brust schnallen . Als Malimmes die Haken schloß , sagte er lustig : » Gelt , es paßt . Ich verschau mich nit leicht . « Jul hatte feuchte Augen und sah in den Sonnenschein , der das Fenster umflimmerte . » So ! Jetzt kriegst den Küraß wieder , den du nit lassen magst ! Du schämigs Bürschl du ! « Malimmes nahm die zwei Eisenmuscheln , legte sie um Brust und Rücken des Buben , schob die Achselkanten unter die Schulterkacheln der Armschienen , ließ die Nuten einschnappen und schloß die Schnallen . » Sitzt alles gut ? « Der Bub nickte . Und Malimmes fragte lachend : » Sag selber , ob dir der Küraß nit leichter ist , seit du das Pölsterlein hast ? « Wieder nickte Jul . » Weißt , Bub , allem Hartem muß man was Lindes unterlegen . Sonst druckt ' s. - Jetzt heb den Arm und tu einen Streich ! « Die eisernen Platten knirschten , als Jul die Faust hinter den Nacken hob und unter festem Sprung einen Streich ins Leere tat . » Höia ! Gut so ! « lachte Malimmes in Freude . » Beim richtigen Hieb müssen Streich und Fürsprung allweil eins sein , wie Männdl und Weibl in der Lieb . Der Streich muß schlagen , der Sprung muß stoßen . Und wenn ' s den andern niederreißt - gleich drüber weg und gegen den nächsten los ! So springt man all weil der Not davon und dem Leben zu . « » Wenn es - den andern - niederreißt ? « Jul atmete schwer , und ein wehes Suchen war in seinen verstörten Augen . » Das muß hart sein - « » Was , Bub ? « » Den ersten fallen sehen . Und wissen , man ist schuld an seinem Tod . « » Da gewöhnt man sich dran . Beim ersten bremselt ' s einen . Beim zweiten tut man sich schon leichter . Beim dritten ist ' s wie Nußknacken . Und alles schiebt man auf den Krieg . Was willst ? So macht halt der Krieg die Leut . « » Krieg ? Das ist ein grausiges Wort ! « Wieder atmete der Bub , als lägen ihm schwere Gewichte auf der Seele . » Muß das sein auf der Welt ? « » Meinen sollt man freilich , es wär nit nötig . Von jedem Krieg , der anhebt , könnt ein Gescheiter sagen : Das muß nit sein , es geht auch anders . Aber da schreien die unsinnigen Narren gleich : Es muß , es muß ! Und so geht ' s halt los . « » Wird das allweil so bleiben ? « » Solang die Menschen nit anders werden . Jetzt sind sie halt noch , wie sie allweil gewesen . Und eh der Maulwurf nit das Graben laßt , wird der Mensch die Rechthaberei und das Zannen nit lassen . « Malimmes hatte vom Tisch ein stählernes Ringgeflecht genommen , welches Hauptschutz und Halsberge in einem Stück war . Und während er am Fenster in der Sonne stand und immer dieses leisklirrende Flechtwerk schüttelte , damit die Stahlringe sich glatt und gleichmäßig legen möchten , schwatzte er mit ruhigen Worten : » Freilich , es kann auch anders sein . Was Sicheres weiß keiner . Könnt auch sein , daß Elend , Schreck und Grausen ein notwendig Ding im Leben sind , damit die Menschen merken , was Glück und ruhsame Zeiten wert sind . Bei ewigem Tag müßten die Menschen wie blind sein . Sehen lernt man bloß in den Nächten . Und wie kostbar der Frieden ist , das lernt man bloß im Krieg . Und Katz ist Katz , und Krieg ist Krieg . Schlagt der ander zu , so mußt du dich wehren . Und stehen muß , wer nit fallen will . Noch allweil besser : Ich leb und schnauf , derweil der ander ins Gras beißt . In Gottesnamen , drischt man hak den andern nieder . So muß man ' s halten als guter Kriegsmann . « Er stülpte dem Jul eine leichte , wattierte Leinenkappe übers Haar und zog ihm dann das feine Stahlgeflecht über Wangen und Nase herunter . Aus dem Oval der Kettenhaube guckte das eng von glitzernden Ringen umrahmte Gesicht des Buben bleich heraus . Seine Augen sahen in die Sonne , während er düstern fragte : » Malimmes ? « » Was , lieber Bub ? « » Glaubst du , daß die Berchtesgadnischen viel gute Kriegsleut haben ? « » Nit viel . Mein Bruder ist keiner . « Lachend kniete Malimmes auf den Boden nieder , weil er an den Beinschienen noch was zu richten fand . Zögernd , immer mit dem Blick an dem leuchtenden Fleck der Sonne hängend , fragte Jul : » Meinst du , daß der Jungherr Someiner ein guter ist ? « Malimmes hob jäh das Gesicht . Seine sonnverbrannte Stirn entfärbte sich , und die große Narbe fing dunkel zu glühen an . Doch ruhig sagte er : » Ein schlechter oder guter - Angst brauchst du nit haben . Wir zwei , wir fürchten uns nit . Wirst du nit fertig mit ihm - ich hilf schon , weißt ! « Da klang es wie ein zorniger Schrei : » Das darfst du nit ! « » Was nit ? « Die Stimme des Buben wurde langsam und schwer : » Den mußt du mir lassen ! « Müd machte Jul mit der Faust die Bewegung eines Schlages . Ein kurzes Schweigen . » Gut ! « Und Malimmes mit einem wunderlichen Lächeln , stand vom Boden auf . » Wie ' s dir am besten taugt . Man muß nur allweil sagen , wie man ' s haben will . « Er ging zum Tisch und holte die eiserne Schaller . » Aber - eins mußt du dir merken , Bub : Was man will , muß man können . Oder man darf nicht wollen , was man nit kann . « Weiter sprach er kein Wort mehr , während er dem Buben den blanken Eisenhut über die Kettenhaube stülpte und unter dem geschützten Kinn die Sturmspange festmachte . Schweigend schnallte er ihm das Dolchgehenk um den Küraß und gab ihm die Schwertkette um die Schulter . Jul , den Knauf des Schwertes fassend , sagte leis : » Viel Ding im Leben sind hart . « » Das Härteste sollst du nit kennen lernen . « Mit großen Augen sah der Bub den Söldner an . » Das Härteste ? Was ist das ? « » Wenn einer friert . Und möcht sich wärmen an der besten Glut . Und kann seiner Lebtag nie nit zum richtigen Ofen kommen . « Jul fragte scheu : » Was tut so einer ? « » Lachen ! « Da fand Malimmes wieder seinen heiteren Ton . » Wenn er ein Kluger sein will . Oder heulen - wenn er ein wehleidiges Rindviech ist . « Runotter trat in die Stube . » Guck , Bauer ! Jetzt schau den Buben an ! Allweil heißt ' s : Herr Albrecht , der Münchner Prinz , wär von allen fürstlichen Jungherren der Feinste . Aber im Eisen kann er auch nit schöner dastehen als wie der Jul ! Und wenn der Bub erst droben hockt auf seinem Burghausener Falben ! Gotts Unmut und Schabernack des Lebens - ich freu mich drauf ! « » Geh , du ! « sagte der Bub erglühend . Und Runotter nickte . In dem Lächeln , das seinen schmalen Mund umzuckte , waren Schmerzen . Er faßte die Hand des Buben . » Geb ' s Gott , daß wir uns morgen die Hand wieder bieten können . Oder übermorgen . Weiter denk ich nit . « Die Knechte kamen . Heiner war sehr stolz auf die sauber genähte Leinenkappe , die unter seinem Eisenhut herausguckte . Er rühmte die Geschicklichkeit der weiblichen Hände im allgemeinen , insbesondere die geschickte Hand der guten Traudi . Aber die Traudi , obwohl sie schon in der Stube war , hörte das warme Lob nicht . Schweigend deckte sie den Tisch , brachte das Mahl und den Weinkrug mit dem letzten Trank , den die sieben in der Burg von Plaien nehmen sollten . Immer gingen die zornigen Augen des schweigsamen Mädels zwischen Jul und Malimmes hin und her . Die sieben beteten . Sechse redeten fromm mit Gott . Das blonde Mädel , das ein keimendes Leben unter dem Herzen trug , erflehte von der Allmacht des Himmels den Tod eines jungen Menschenkindes . Während die sieben unter sparsamen Worten aßen , rann immer wieder ein feines Zittern durch den Stubenboden , durch alles Gemäuer . Und ein dumpfer Lärm quoll aus dem Tal herauf , das dem Burghügel zu Füßen lag . Dieses leise Erdenzittern rührte von den schweren Geschützen her , von denen jedes - die beiden Kammerbüchsen , die grobe Farzerin und der schwere Blidenkarren - durch ein Gespann von sechzehn Pferden über die steile Bergstraße gegen den Hallturm hinaufgezogen wurde . Dazu noch zwanzig Kugel- und Pulverkarren , jeder mit zehn Pferden bespannt . Das geschah zu heilsamer Verwarnung - um den heiligen Peter wegen seiner friedensbrecherischen Brandschatzung bayrischer Bauernhöfe zu nachgiebiger Reue und zu schuldiger Buße zu bewegen . Vor und neben und hinter diesen dröhnenden , rasselnden Kriegsfahrzeugen marschierte und ritt ein Heerhaufe , der sich , seit er von Burghausen eingetroffen war , um zwanzig Reiter , sechzig Spießknechte und sechs Faustbüchsen vermindert hatte . Die waren mit Franzikopus Weiß am Ufer der Saalach abgeschwenkt , um unter Befehl des heiligen Zeno den Inhalt jenes Schatzkoffers abzuverdienen , der das kostbare Eingeweide des runden Turmes von Burghausen vergrößert hatte . Kurz vor der neunten Morgenstunde rückte auch die Wehrmacht von Plaien aus . Hinter den Mauern blieben nur ein paar Helme als Besatzung und Torwache zurück . Die gebrandschatzten Bauern vom Hirschanger , wie alle Mannsleute von den Bauernhöfen im Umkreis der Feste , mußten als Schanzgräber mit ausrücken . In dem Raiszuge , der von Plaien hinaufklirrte zum Hallturm , hielt sich das Häuflein der Ramsauer dicht hinter dem Hauptmann Grans und seinem Sergeanten : Jul auf dem zierlichen Falben , Runotter auf dem flinken Schimmel , der seinen Ramsauer Heubauch völlig verloren hatte , und Malimmes auf dem noch übrigen Ackergaul , bei dem die Künste des Reiters die Fälligkeiten des Kriegsrosses ersetzen mußten . Die drei Knechte schritten als Spießleut hintendrein . Runotter und Jul waren schweigsam . Hauptmann Grans tuschelte leis mit dem Sergeanten . Doch sonst ging ein heiteres Schwatzen , Lachen und Singen durch den frisch marschierenden Zug , für den in dieser reinen Morgenluft eine Witterung von Beute war . Der Berchtesgadnische Hallturm lag versteckt , weil der Weg durch dichten Hochwald führte . Als der Zug schon bald zur Paßhöhe kam , holte er den Burghausener Heerhaufen ein , dessen Spießknechte auf einem neben der Straße gelegenen Hügel Auf dem Fuchsenstein , die Bäume niederschlugen , um die drei Geschütze und das Schleuderwerk in gute Stellung zu bringen , achthundert Schritte von der Gadnischen Grenzmauer entfernt . Der Hall der Axtschläge , das Dröhnen der stürzenden Bäume , die aufgeregt durcheinander schreienden Menschenstimmen , das Stampfen , Keuchen und Wiehern der Pferde , das Rädergeknatter und die Kommandorufe übertönten das Murmellied der klaren Bäche und das schöne Rauschen des Waldes , über dessen Wipfel ein scharfer Ostwind herblies . Und die heiß werdende Sonne glänzte herunter auf ein Geblitze von Waffen und auf ein Gewimmel tollgewordener Farben , die so lustig durcheinander leuchteten , als sollte inmitten des ernstgrünen Bergwaldes eine bunte Faschingsmette ihren Anfang nehmen . Hauptmann Grans war mit dem Büchsenmeister Kuen und dem Hauptmann Seipelstorfer zu einem geheimen Kriegsrat zusammengetreten , abseits vom Gewimmel des Heerhaufens und vom Geschrei der Burghausener Gelägerdirnen , die ihre Huschelzelte und Zapfbuden aufschlugen , schon Feuer machten und zu kochen begannen . Die drei Herren , die sich da berieten , waren so guter Laune , als vertrieben sie sich die Zeit mit dem Erzählen lustiger Geschichten . Auch bei den Geschützen gab ' s eine Heiterkeit . Die Bauern , von denen die meisten noch nie eine Bumbarde gesehen hatten , drängten sich mit Hacken und Spaten auf den Schultern um die zwei Kammerbüchsen und die plumpe Trommelkanone , die sechs Rohre hatte , mit Hilfe des Springfeuers einer Zündschnur in flinker Folge sechs faustgroße Kugeln schoß - pu pu pu pu pu pu - und von diesem hurtigen Gepummer ihren Namen hatte . Die kleinere der beiden Kammerbüchsen hieß die Hornaußin , und auf der größeren war in schwer entzifferbarer Spiegelschrift ein Vers in Metall gegossen : Die Landshuterin heiß ich Auf den Ingolstädter pfeif ich . Als die Bauern das Sprüchlein enträtselt hatten , begannen sie eine derbe Debatte über die Frage , ob dieser unreine Reim als sinngemäß zu erachten wäre . Lang hatten sie nicht zu lachen ; sie mußten gleich die Schanzarbeit auf dem Fuchsenstein beginnen . Vor der zehnten Morgenstunde wurde der Sergeant mit dem weißen Fähnlein und einem Geleit von vier Knechten ausgeschickt , um sich beim heiligen Peter nach dem letzten Worte zu erkundigen . » Geh mit ! « sagte Hauptmann Grans zu Malimmes . » Du bist einer , der weiß , wie man eine Mauer angucken muß ! « Malimmes empfing diesen Auftrag wie eine willkommene Sache . Er ließ den Ackergaul galoppieren , um das Häuflein der Parlamentäre einzuholen . Das war ein kurzer Ritt . Schon nach hundert Schritten , an der Grenze des bayrischen Landes , ging der Wald zu Ende . Am Saum des Gehölzes liefen alte Schanzgräben durch das Tal und erzählten von Fehden vergangener Zeiten . Vor wenigen Tagen war da ein dichter Hochwald noch ein paar hundert Schritte weiter gegen den Hallturm hin gestanden . Die Berchtesgadnischen hatten quer durch das schmale Tal , von Bergwand zu Bergwand , diese tausend hundertjährigen Bäume niedergeschlagen , um für die Angreifenden die Deckung zu mindern . Dadurch hatten sie für sich selbst den Schutz eines fast unüberwindlichen Verhaues gewonnen ; in mannshohem Wuste lagen , jedem Ansturm wehrend , die niedergeschlagenen Bäume wirr durcheinander , den Waldgrund des engen Tales und die Straße bedeckend mit einem Gefilze starrender Äste . Wo die Straße unter diesem grünen und braunen Chaos verschwand , da standen friedlich drei Grenzpfähle in bunten Farben beisammen ; der eine trug das Wappen mit den Schlüsseln des heiligen Peter , der andre zeigte das Wappen des heiligen Zeno , an den dritten war eine Tafel mit der Inschrift genagelt : » Hie Paierlant ! « Und hinter dem braunen und grünen Gewirr von Stämmen und Ästen erhob sich die lange , nach links und rechts gegen die unwegsamen Felswände kletternde , durch sieben feste Türme gestützte Mauer des Gadnischen Grenzwalles am Hallturm , mit dem klobigen Torbau in der Talsohle , mit der hochgezogenen Brücke zwischen den beiden Tortürmen . Auf den Zinnen sah man viele kleine , zierliche Figürchen , die von Waffen blitzten . Steile , sonnbeglänzte Dächer stiegen hinter der Mauer auf . Die Sonne vergoldete alles Gestein und Gemäuer , machte alle Kanten gleißen wie poliertes Metall und zeichnete die Schatten der Türme wie blaue Bilder in dieses Gold . Ein so farbenschöner , wundersamer Anblick war ' s , daß man hätte träumen mögen : » Hier steht die Pforte eines paradiesischen Landes ! « Doch ums Träumen war es dem Sergeanten mit dem weißen Fähnlein , seinen vier Geleitsknechten und dem Malimmes in dieser Stunde nicht zu tun . Sie hatten die Pferde zurückgelassen , und während der Sergeant , der diesen üblen Weg seit Mitternacht schon zum fünften Male machte , das weiße Fähnlein mit den Zähnen festhielt , quälten sich die sechse unter Schwitzen , Lachen und Fluchen durch das Gewirr der Äste . Je näher sie dem Tor des Hallturmes kamen , um so deutlicher hörten sie die Spottreden der Gadnischen Herren und Knechte , die auf der Mauer waren und mit Heiterkeit der mühseligen Kletterei der Parlamentäre zuguckten . Aber diese Heiterkeit und ihre Späße hatten etwas Gezwungenes . Den Gadnischen war nicht sonderlich wohl zumute . Ein mächtiger Fürst , den man ernster nehmen mußte als den heiligen Zeno , war ihnen bös geworden , bedrohliche Dinge schienen da im Dunkel zu spielen , und eine schwere Übermacht lag vor der Mauer . Diese Mauer war von erfahrenen Kriegsleuten angelegt , war gut und konnte auch einem harten Sturme trotzen . Und der Weg zur Mauer war vorerst noch gesperrt durch diesen niedergeschlagenen Wald . Das Gewirr dieser hunderttausend Äste war aber nur ein Schutz , solang gut Wetter blieb und dieser scharfe Ostwind blies . Da würde der Hauptmann Grans sich hüten , Feuer in diesen Verhau zu werfen . Der Ostwind würde die Flammen hinunterblasen in die bayrischen Wälder , gegen den Heerhauf , der da drunten lagerte und sich eingrub mit seinen Geschützen , und gegen die Höfe und Mauern von Plaien . Doch wenn das Wetter umschlug und der Westwind einsetzte ? Aber war der Patron der Gadnischen , der heilige Peter , nicht der himmlische Wettermacher ? Der würde sich doch als verläßlich und treu erweisen ? Und die Sonne scheinen und den Ostwind blasen lassen ? Auch Herr Armansperger , der bejahrte Hauptmann des Berchtesgadnischen Hallturms , erhoffte sich alles Beste von den Schönwetterkräften des heiligen Peter . Dennoch hatte er in dunkler Sorge am hellen Morgen einen reitenden Boten nach Berchtesgaden zu Herrn Pienzenauer gesandt und ihm die rätselhafte Brandschatzung auf dem bayrischen Hirschanger , die unerfüllbare Forderung des Hauptmanns von Plaien und das Nahen eines mächtigen Heerhaufens melden lassen . Bei dieser Nachricht war Fürst Pienzenauer mit dem Stoßgebet aus dem Bette gesprungen : » Hätt doch der Teufel die siebzehn Ochsen geholt , eh Ruppert sie bei den Schwänzen packte ! « Was zu Berchtesgaden ein Eisen schwingen konnte , mußte zum Hallturm marschieren , die neue Anna und die neue Susanne rasselten im Galopp ihrer Gespanne der bedrohten Pforte des Landes zu , die Kugel- und Pulverkarren knatterten hinterdrein , und Fürst Pienzenauer ritt in sausender Hast nach der andern Seite davon , um von Salzburg Hilfe in der Not zu erflehen , und wär ' s auch gegen Verpfändung der Schellenberger Pfannstätte . Lieber ein kostbares Glied aus dem Leibe reißen , als mit dem Kopf bezahlen . Herr Armansperger , während er vom Bord der Mauer Zwiesprach mit dem Sergeanten von Plaien hielt , konnte das Rädergerassel der zwei nahenden Geschütze hören , die man binnen sechsunddreißig Stunden zu Berchtesgaden geschmiedet und gegossen hatte . Als sie über die Innenbrücke des Hallturms fuhren , machten sie einen so dröhnenden Spektakel , daß Herr Armansperger sein eignes Wort nimmer hörte und nicht weiterverhandeln konnte . Er verschwand von der Mauer . Vor den sechs Parlamentären fiel die Kettenbrücke über den Wassergraben herunter . Man sah in eine Halle , die von Gepanzerten wimmelte . An die zwanzig kamen heraus , und der Plaiensche Sergeant , dem man die Augen mit einem weißen Tuch umhüllte , wurde in die Feste geführt . Hinter ihm hob sich die Brücke wieder . Seine vier Geleitsknechte lagerten sich in der schönen Sonne auf dem Boden . Malimmes blieb stehen , auf den Bidenhänder gestützt , und musterte mit prüfendem Blick das Gemäuer und die Türme . Er sah es gleich : Diese Mauer mußte man in schwerem Sturme berennen . Zu umgehen war sie nicht . Zur Linken und zur Rechten , wo sie gegen den Untersberg und gegen den Rotofenkopf des Lattengebirges auslief , war steiles , unwegsames Gehänge . Oder gab es da doch einen Weg ? Irgendwo da droben ? Für Füße , die mit den Bergen vertraut waren ? Zur Rechten , auf dem Rotofenkopf ? Nein . Zur Linken , auf dem Untersberg ? Die Augen des Malimmes spähten . Hoch droben im Sturz des Berges entdeckte er ein Felsband . Das war , auch wenn der Mondschein half , ein übler Weg für die Nacht . Ein Weg , auf dem es bei jedem Schritt ums Halsbrechen ging . Aber ein Weg war es doch . Schmunzelnd musterte Malimmes die Mauer wieder . Wo war auf dieser linken Seite die schwächste Stelle ? Da gewahrte er auf einem Wehrsöller dieser Mauerseite unter andern Leuten der Besatzung das verwitterte Bartgesicht seines Bruders Marimpfel . Als langjähriger Hofmann stand Marimpfel bei der Kerntruppe des Stiftes . Die hatte man hingestellt , wo man die besten Leute brauchte , weil da die Mauer am leichtesten zu fassen war . Hier mußte man also stürmen , hier den Gadnischen in den Rücken fallen . Malimmes umging den Wassergraben , der in dem steinigen Talschnitt nur das Tor und seine Türme schützte . Auf steilem Felsgerölle stieg er gegen den Fuß der Mauer hin und winkte lachend zum Wehrsöller hinauf : » Grüß dich , Bruder ! Auch schon munter ? « Marimpfel war verdrießlich . Er brüllte über die Mauer : » Eh du heut die Augen auf getan hast , hab ich die Hos schon viermal umgedreht . « » Sooo ? « Malimmes lachte . » Wenn du mit dem Eisen so flink bist wie mit dem Hosenbändel , da wird ' s uns schlecht gehen . « » Kann schon sein , daß man dich aufzieht . Beim wievielten Hänfenen bist du schon ? « » Auf den sechsten wart ich . Oder kommt erst der fünfte ? Mir geht ' s wie einer Wittib , die nimmer weiß , was ihr zusteht . « Weil dieses Gleichnis die Mannsleut auf der Mauer erheiterte , lachte auch Marimpfel mit . » Bist du bei denen da drüben ? Soldest dem Landshuter ? « » Das nit . Aber haben hätt er mich mögen . « » Zu dem tatst passen ! Ist ein Feiner , der ! Wissen tut man ' s. Aber sagen darf man ' s nit . Mir scheint , der hat heut nacht auf dem Hirschanger die bayrischen Kinder schiech in den eignen Dreck gewickelt . « » Tu ' s ihm halt verzeihen ! Bedreckte Kinder muß man nit gleich wegschmeißen . Wozu ist das saubere Wasser da ? Geh , Bruder , sei gutherzig ! « » Was Bruder ! Ich bin Hofmann . Bei mir da heißt ' s : Hie Freund , seil Feind ! « Malimmes lachte . » Da bin ich dümmer wie du . Für midi bleibst allweil noch ein Tröpfl aus meiner Mutter Blut . Und da kannst mir als Bruder einen Gefallen tun ! « Im Gesicht des Malimmes spannte sich jeder Zug . » Magst von mir einen Gruß ausrichten an euren Jungherrn Someiner ? « Marimpfel , der lieber nach Ingolstadt geritten wäre , als daß er hier auf der Mauer stand , war seit zwei Tagen auf Lampert Someiner nicht gut zu sprechen . Er brüllte : » Den Gruß richt selber aus ! Aber weit wirst laufen müssen ! « Einer von den Spießknechten auf der Mauer faßte den Schreier am Arm , als wollte er ihn zum Schweigen mahnen . Marimpfel befreite seinen Arm . » Laß aus ! Ich weiß schon , was ich red .