ab und ließ sie erschauern . Klaus Mewes saß in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des Riemens , als wenn es etwas zu bedeuten hätte . Eine Jolle , die kein Licht brennen hatte , ging mit ihrem hohen , dunkeln Segel wie ein Gespenst vorbei , dann stieg der Ewer groß und schwarz vor ihnen auf , daß Klaus Mewes erbebte , denn er meinte , ein fremdes Schiff vor sich zu haben . Sie kletterten an Bord und weckten die Leute , die in den Kojen schliefen . Die Laterne wurde angesteckt ; dann suchten sie Körbe und Hummerkasten her und packten die Fische aus dem Eis . Das Boot wurde klargemacht , der Mast aufgesetzt und das Segel gehißt , sie verstauten die Körbe und Kasten zwischen den Duchten , dann versank der Ewer wieder in Nacht und Schweigen . Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem Boot nach dem Fahrwasser hinaus . Es war mittlerweile Flut geworden , so daß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten . Sie saßen beide auf der Achterducht , und jeder hatte eine Hand auf dem Helmholz des Ruders liegen . Große , hohe , leere Kohlendampfer , die von oben kamen , mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot , sich tief hinter ihnen zu verneigen . Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und wirbelten den Schaum hoch auf . Vor und hinter ihnen segelten viele Jalken und Jollen , Boote und Ewer , aber obgleich Klaus Mewes manches Fahrzeug erkannte , rief er doch keins an , denn ihm war zum Schweigen zumute . Machte es der Herbst , der sich ankündigte , dachte er der Stürme , die ihm bevorstanden , oder kam es von dem Jungen her , der neben ihm saß ? Er konnte es nicht deuten . Als der Morgen graute , kamen sie zu St. Pauli an und legten Temp , setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der Versteigerung ab . Um sechs schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die Fischhändler , die Höker und die Weiber zusammen , der Auktionator erhob seine Stimme , und ein Hammerschlag folgte dem andern , denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen . Der große und der kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und warteten , bis die Reihe an sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte , die großen Zungen , die Mittelzungen , die kleinen , die Kleiße und Steinbutte , die Schollen und Rochen , die Petermännchen und Knurrhähne . Störtebeker mußte sich bannig wundern , denn als er dachte , nun ginge der Handel los , da war schon alles verkauft , und die Händler standen bereits auf andern Kisten , aber auch Klaus Mewes machte sich seine Gedanken darüber , daß alles so schnell gegangen war . Was er in langen , mühseligen Streeken , an stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen hatte , was er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet hatte , das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan . » Nu goh man hin un hol man frische Fisch , Klaus Mewes « - und damit basta . Die Abrechnung konnte er erst später bekommen , - sie hatten deshalb noch viel Zeit . Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter gesehen hatten , guckten sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die Bünnen , dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee ein und tranken Kaffee . Und weil es schien , als wenn die Weiser der Uhr festgebunden wären , stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn hinauf . Aber da war noch alles tot , der Kasper schlief noch : sie guckten denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt . » Non , Klaus , schall de Jung nu wedder mit no See ? « fragte Jan Tiemann , der Elbfischer . » Ne , Jan , he is bloß mol mit to Markt « , sagte Klaus Mewes . » Jä , jä , Klaus , dat magst du woll seggen . Is ok all to winnig buten , is to ruselig , Klaus ! Is keen Gelegenheit mihr för son lütte Geuten , Klaus ! « Klaus Mewes nickte halb , Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig an und dachte : Wat weeß du Buttpedder dorvan af ? Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten , inmitten der vielen Dreuchewer , die unter Segel waren , war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig und blickte wieder fröhlich über die Elbe . Und Störtebeker sah ihn von der Seite an und wollte fragen , was er schon gestern am Bollwerk fragen wollte , und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag : ob er wieder mit an Bord solle , wieder mit nach See . Sie hatten eine schöne Reise gemacht , das hatte er in der Halle wohl gehört : konnte es da nicht sein , daß sein Vater ja sagte ? Aber so viele Male er auch ansetzte , er brachte die Worte doch nicht heraus : im letzten Augenblick stotterte er und fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm . Klaus Mewes fühlte wohl die Not seines Jungen , aber er tat , als sei er ganz unbefangen . So segelten sie die Elbe hinunter . Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den Tisch , daß sie jeder sehen konnte , und der Knecht bekam dreizehn Prozent , der Junge neun Prozent des Erlöses . Klaus Mewes , der gute Leute hatte und ein glücklicher Seefischer war , konnte ein Prozent mehr geben als die andern Fischer , und er tat es gern . * * * Wenn ich ein Fischer wäre , ließe ich meine Segel nicht von Thees to Baben machen . Ich ginge zu Jakob von Cölln am östlichen Norderelbdeich oder zu Kai Kröger auf der Müggenburg , aber zu Thees to Baben ginge ich nicht . Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann noch , der kleine , krumme Segelmacher . Wie übernatürlich lodert es in seinen dunkeln Augen , wie zuckt es um seinen Mund , wenn er spricht , wie wirr ist sein Haar ! Überall sieht er es spuken , allerwärts wittert er Unglück , und ewig hat er es mit den Hexen zu tun . wie unheimlich ist sein Tun , wenn er Segel näht : erst legt er die Karten , um den rechten Tag und die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern , und dann rutscht er wie ein Magier auf dem Segeltuch umher , murmelt unverständlich vor sich hin , spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar über die Lieken , um die Hexen zu bannen . Er weiß , welche Segel zerreißen und welche Fahrensleute bleiben : alle Schiffsuntergänge der letzten vierzig Jahre hat er im Kopf . Mir graut vor ihm . * * * Jan Hinnik und Jan Harm , die beiden redseligen Wattenfischer , saßen auf dem Segelboden und erzählten sich etwas mit ihm . Thees to Baben hockte auf einem neuen Großsegel , wie der Schah von Persien auf seinem Teppich , und verklarte ihnen sein Steckenpferd , das Leben von Doktor Faust , der sich dem Teufel verschrieben hatte und dafür alles bekommen , was er haben wollte : Gold und Silber und Edelsteine , schöne Mädchen und das Feinste zu essen und zu trinken . Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur Tür herein , bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den Segelmacher , was er für den neuen Klüver zu bezahlen hätte . Thees lächelte eigentümlich und sagte : » Du kummst ok jümmer , wenn ik di ne bruken kann , Klaus Mees . Ik wür hier so scheun mit Doktor Faust inne Gangen , un nu frogst du , wat de Klüber löppt , un ik mütt upstohn un an to reken fangen ! « » Dorüm kannst du doch wieter vertillen , Thees « , lachte Klaus . » Ne , ne , di vertill ik nix « , antwortete der Segelmacher , der aufgestanden war und sein Buch suchte . » di vertill ik nix , du lachst jo doch bloß ober sowat ; du meenst , dat gift bloß dat , wat du vör Ogen sühst : aber ich sage dir : irre dich nicht , Klaus Mewes ! Schall ik di mol de Korten leggen ? « » Ne , lot man , Thees « , wehrte der Seefischer heiter ab , » ik gläuf ne an Hexen . « » Wat he guchelt , de grote Klaus Mees ! « wandte der Alte sich an die beiden Wattenläufer , » wat he glüst , as wenn he ne blieben kunn ! « » Man keen Bangen « , rief Klaus sicher , » ik bliew ok ne ! « Und Störtebeker , der auch einmal zu Wort kommen wollte , setzte nachdrücklich hinzu : » Vadder kann ne blieben , he kummt jümmer wedder ! « » Do ik ok , mien Jung ! « Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte mit veränderter Stimme : » Dat hett dien Vadder ok seggt , Klaus Mees ! De kunn ok ne blieben ! Thees , sä he troß to mi : van tein bliwt jümmer bloß een : ik hür ober to de negen , de glücklich fohrt . Jä , und de See is em doch ober worden , is em doch ober worden , Klaus Mees , und de See , dat gläuf man , is noch jümmer hungerig no Ebers un Kutters ! « » Dat vertill man ole Wieber , de keen Tähnen mihr hebbt « , erwiderte Klaus Mewes unerschüttert , » wi könnt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln ! Wat ist mit den Klüber ? Kannst dien eegen Schrift ne lesen ? « Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der Hand über die Augen , dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu blättern , aber er kam wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt , er sei wieder behext , die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm die Augen zu , damit er das Konto nicht finden solle . » Betohl anner Reis , Klaus Mees , dat löppt jo ne weg ! « » Och wat , kiek man mol eulich to , Thees « , mahnte der Fischer , » ik kann ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm dienenhalben . « » Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi « , sagte Thees und vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung . Das dauerte Klaus zu lange , er trat näher und sah ihm über die Schulter . Plötzlich rief er : » Hier steiht dat jo doch , Thees , kiek hier : Klaus Mewes , ein Klüfer 98 Mark . « Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an . Dann sagte er wie in Gedanken : » Dat is jo all dörstreeken , Klaus : keen hett dat denn dohn ? « » Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp dohn ? « , lachte Klaus , » betohlt hebb ik gewiß noch ne . « Und er zählte das Geld auf . » Sühso , Thees , till no , wat dat ok stimmt ! « Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte , er könne es nicht nehmen , das Geld gehöre ihm nicht . » Kumm , Störtebeker ! « Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt , er wollte auch noch nach Peter Fick . hin : deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der Segel- und Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus . » Dat is jo een bannigen Quarkbüdel , Vadder « , sagte Störtebeker , als sie draußen waren . Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort , denn es ging ihm doch etwas durch den Sinn , dann aber sagte er : » Jo , de hett allerhand Grabben . « Sie gingen westwärts . Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters Hand , was er sonst nur selten tat . » Vadder ... « » Non ? « » Och , - nix ... Du bliwst doch gewiß ne , Vadder ? « » Ne , mien Jung , ik bliew ne ! « rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer auf dem Wasser . * * * Thees to Baben , der griese Segelmacher , sah ihm nach , und nachher , als die Gäste ihn verlassen hatten , um Abendbrot zu essen , nahm er sein Buch nochmals vor und besah forschend die Striche , die über Klaus Mewes und seinen Klüver gingen . Er konnte nicht begreifen , wie sie dahin gekommen waren , denn er strich die Reihen nur dann durch , wenn der Fischermann bezahlt hatte , oder - wenn er geblieben war . Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das Geld , das immer noch auf der Fensterbank lag , unter scheuen Seitenblicken ein . * * * Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden : nach zwei Wochen lag er wieder vor dem Neß . Stürme hatten ihn einige Tage hinter List festgehalten , und er hatte nur wenig gefangen , aber Störtebeker freute sich , ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord , wo er nur konnte . Sie gingen diesmal mit dem Ewer zu Markt , weil es stark wehte . Die deutsche Flagge war gänzlich zerrissen : Klaus kaufte deshalb auf dem Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf . Als sie gegen Mittag die Elbe hinunterkreuzten , hatten sie zu pulen , denn der Wind war aufgefrischt , und die Elbe ging in Hemdsmauen . Bei Teufelsbrücke , dwars vom Beek , gerieten sie in eine gewaltige Hagelflage hinein , die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf . Aber der Ewer , von dem besten Fischermann gesteuert , wehrte sich wie ein Stier und wies dem Wind die Hörner . Plötzlich rief Kap Horn : » U , kiek « , und sprang nach vorn . Da trieb eine Fischerjolle kieloben . Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und stürzte auch nach dem Steven . » Dor drift een ! « schrie Kap Horn und wies leewärts . » Denn fot man gau de Boot mit an « , schrillte Klaus , » Hein , inne Wind den Eber ! « So schnell es ging , warfen sie das Boot vom Deck , die Riemen nach und sprangen über den Setzbord . » Hilpt uns , hilpt uns ! « rief es todesängstlich an Backbord , aber der Hagel ließ wenig Sicht zu : sie konnten niemanden erblicken . » Liek vörut mütt dat wesen « , rief Klaus , » roon wat du kannst , Kap Horn ! « Der Südwester war ihm in den Nacken geweht , und die scharfen Körner flogen ihm in das Gesicht , aber er ließ den Riemen nicht los . » Holt jo , wi kommt ! Wi kommt ! « gröhlte er , so laut er konnte . » Hilpt uns ! « » Dor drift een ! Roon an , roon an , he buddelt weg ! « Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten nach dem Steven , er beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden bei den Haaren . Und als er ihn hatte , ließ er ihn nicht mehr los . Kap Horn stand neben ihm , und sie zogen den gänzlich ermatteten Fischer in das Boot . Hans Danker war es , der Lüttfischer . » Neem is Trino ? « fragte Klaus dringend und spähte umher , denn er hatte die Frau in Altona an Bord stehen sehen . » Kiek mol to , Kap Horn , wat se dor drift ! « Hans Danker aber ächzte dumpf : » De is wegsackt ! Harrn ji mi ok doch verdrinken loten ! « » So , un dien Kinner ? « fragte Klaus , er blieb aber noch eine ganze Zeit auf der Stelle ; sie ruderten hin und her und riefen und suchten , um die Frau zu finden . Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann : als die beiden abstießen , warf er sofort Anker , ließ die Fock fallen und machte das Ruder los , so daß der Ewer mit den klappernden , großen Segeln keinen Schaden nehmen konnte und die Flage gut überstand . Störtebeker stand an den Wanten und starrte nach dem Boot . Als es sichtiger wurde , kamen von allen Seiten Jollen und Ewer heran , auch vom Deich segelten Boote herbei . Da überließ Klaus Mewes denen das Suchen , nahm den gänzlich gebrochenen Fischer an Bord , richtete die gekenterte Jolle mit der Talje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk . Von ihm und Kap Horn gestützt , wankte der Fischermann seinem Hause zu . Der Deich war schwarz von Menschen , und viele Frauen weinten . Die vier Kinder kamen ihnen entgegen . Das älteste Mädchen fing laut an zu weinen , als es seinen Vater so ankommen sah , und jammerte : » Vadder , Vadder , neem hest du uns Mudder loten ? « Da stöhnte Hans Danker furchtbar auf und wollte sich losreißen , um wieder zu Wasser zu gehen , aber Klaus Mewes und Kap Horn hielten ihn fest , redeten ihm freundlich zu und brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein , wo sie ihn der Obhut der Nachbarn anvertrauten . Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der andere Tag war ein Sonntag , ein trüber , grauer Tag , an dem die Sonne nicht durchkommen konnte . Der Wind war still geworden . Da tat sich alles zusammen , was von Fischern zu Hause war . Sie holten die Totenangeln vom Strandvogt , machten die Leinen klar und segelten mit den Booten nach dem Fahrwasser hinaus , um die ertrunkene Frau zu fischen . Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo auf und ab . Klaus Mewes , Kap Horn und Störtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei . Sie sprachen aber wenig . Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte , schlichen alle Boote mit müden Segeln nach dem Deich zurück . Sie hatten die Tote nicht gefunden . Die Elbe hielt sie fest . * * * Drei Tage später lief der Wind raum , das heißt auf Finkenwärder : nördlich . Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den Anker , um zu fahren . Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel , und über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter Vogel . Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand . Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers , als wenn er der Lotse wäre , der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte . Als Hein seinen Tamp loswerfen wollte , machte er Lärm und hielt darum an , daß sie ihn ein Stück schleppten . Sein Vater bewilligte es . Sie warfen ihm ein längeres Tau zu , das er im Stevenring befestigen mußte , und zogen dann mit ihm los . » So geiht he god , Vadder « , rief er vergnügt , als der Ewer recht an den Wind kam und gute Fahrt machte , und freute sich über den Schaum vor seinem Bug und über die großen Segel , die ihn beschatteten . Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff . Er zog mächtig davon und hatte den Neß bald hinter sich . Störtebeker sollte abschwenken und umkehren , er wollte aber noch nicht , und weil das Wetter gut war , tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit . Junge , was für eine Fahrt ! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit dem Wasser gleich , und Störtebeker mußte aufmerksam mit dem Riemen steuern , damit er sich trocken hielt . Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende : er mußte das Tau losmachen und zurückbleiben . Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten . » Adjüst , Störtebeker ! « » Jüst , Vadder , kumm man bald mit een grote Reis wedder ! « ... » Adjüst , Störtebeker ! « ... » Jüst , Kap Horn , lot di de Tied man ne lang duern ! « ... » Adjüst , Klaus Störtebeker ! « ... » Jüst , Hein Klütenbacker , pett di man keenen Nudelkassen innen Foot ! « ... » Wauwauwauwau ! « ... » Jüst , Seemann , fall man ne ober Burd ! « Dann rannte ihm der Ewer davon . Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach . Wenn sie winkten , schwenkte er seine grüne Wollmütze . Erst als die braunen Segel bei Schulau um die Huk waren , griff er zu den Riemen und guckte sich nach Finkenwärder um . Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen ? Fünfzehnter Stremel . Sinne , öffnet eure Tore ! Grabbe Die Äquinoktien ! Herbsttagundnachtgleiche ! Die bösen Tage sind angebrochen : Land und See stehen in großer Angst . Ringsum lauern die grauen Stürme , die die Natur brechen und die Sonnenkraft totmachen sollen : wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie an den Wolken : jeden Tag und jede Stunde können sie fallen . Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen , wie im Krampf bebt er bei unruhigem Wetter . In vielen Häusern liegt die Bibel jeden Abend aufgeschlagen auf dem Tisch . Mehr als sonst noch achten die Frauen auf Wind und Wetter , und die Finkenwärder Nachrichten mit der Cuxhavener Meldung über die hinter der Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reißt eine der andern aus den Händen . Jeder Ankömmling aber wird befragt : Weeß nix von Jan af oder hest Hinnik ne sehn , oder hett Paul ne bi jo fischt ? Wie beben sie , wenn abends eine schwere Wolkenwand seewärts auf der Elbe steht , oder wenn die Winde im Schornstein sausen ! In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert . Es ist eine stille , bange Zeit . Glücklich preist sich die Frau , deren Mann seinen Ewer anbinden und auflegen kann : das können und wollen aber nur wenige , denn die Zeiten sind schon nicht mehr danach , daß man mit dem Sommerfang auskäme : es muß auch winters gefischt und verdient werden . Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel , die den Stürmen entgegenfahren . * * * Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank , hundertfünzig Seemeilen hinter Helgoland auf der Höhe von Hornsriff . Mit der abnehmenden Sonnenwärme haben die Fische die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte der Nordsee , in die Tiefe geschwommen , wo das Wasser wärmer und der Grund stiller ist . Wer noch einen guten Streek tun will , der muß Helgoland und Neuwerk weit hinter sich lassen und sich schutzlos der weiten See anvertrauen . Die Schollen müssen aus den Stürmen herausgeholt werden . Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer , die diesen Winterfang betreiben können : die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven und warten auf den Hering . Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank . Sein Ewer ist gut , seine Segel sind stark , seine Leute sind erprobt , und für sich selbst kann er auch einstehen : so kurrt er getrost zwischen den Engländern und Holländern und läßt seine deutsche Flagge im Winde wehen . Es verschlägt ihm nichts , wenn die See einmal so grob wird , daß er reffen muß , oder wenn der Wind es so gut meint , daß er das Netz einhieven und treiben lassen muß : gefischt wird doch wieder , und wer die Wache hat , der singt in jeden Wind hinein , denn die Fröhlichkeit von Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff . Nichts fehlt ihnen als der kleine Klaus Störtebeker , von dem sie noch jeden Tag sprechen . Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter , als wenn sie binnen wollen : aber Klaus Mewes meint , sie tun es , weil sie die Reise haben , guckt Heben und Wetterglas an und fischt weiter . Gegen Abend kreuzt nur noch ein holländischer Logger bei ihm , aber er ist noch ohne Mißtrauen und geht geruhig zu Koje . In der Nacht ruft Kap Horn , der die Wache hat , zum Reffen . Sie verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden , denn es ist stur geworden , dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu Bett , um noch einen Stremel zu schlafen , und Hein Mück tut dasselbe , denn das Wetterglas ist schon öfters gefallen , und auf Kap Horn , den Altbefahrenen , können sie sich verlassen wie auf den Deich bei springender Tide . Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals . Es ist zu stur geworden , und er muß befürchten , daß der jagende Ewer die Kurrleine abreiße . Klaus Mewes guckt in den Wind und ist damit einverstanden , daß sie einziehen . In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische , dann schickt er die Leute zu Koje und übernimmt selbst die Wache . Im Sturm gehört das Ruder ihm , dem Schiffer ! * * * Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein , immer scharf am Winde , so daß die Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen , und hatte keine Havarei , so viel Wasser er auch überbekam , und so stark der Ewer auch stampfte und schlingerte . Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte etwa in Stärke 8 nach dem alten , englischen Admiral Beaufort . Da mit einem Male legte er sich gänzlich , - ganz still wurde die Luft . Mit schlaffen , schlagenden Segeln , furchtbar knarrenden Gaffeln und donnernden Schoten dümpelte der Ewer in der hohen Dünung . Klaus Mewes rief seine Leute , denn er traute dieser Stille nicht . Sie machten sich klar zum Sturm , der kommen mußte , denn das Wetterglas fiel rasend . Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut , das Boot wurde ausgepackt und mit doppelten Ketten umwunden , damit es nicht über Bord gehe , das Bugspriet wurde eingezogen und Plichten und Luken wurden geschalkt . Auch sich selbst machten die Seefischer sturmbereit , dann steckten sie das zweite Reff in die Segel , - und dann kam der Sturm wieder , diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an Gewalt . Es trommelte und pfiff im Südwesten , als wenn ein Heer in der Schlacht zum Stürmen lärmte , der weiße Geifer floß aus dem Maul des Untieres , das brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf , daß die Masten sich bogen und Hein Mück laut aufschrie . Einen Augenblick schien es , als wenn der Ewer dem ersten gräßlichen Anprall nicht standhielte , als wenn er umkippte aber es schien nur so , denn Klaus Mewes war auf der Hut und riß ihn auf . Wie brauste es in den Lüften , wie erhob sich die See , wie tanzte der Ewer ! Wenn er mit dem Kopf tauchte , stand er mit dem Achtersteven so hoch , daß es aussah , als überschlüge er sich , und erhob er den Bug hoch aus der See , so zeigte er das tränenüberströmte Gesicht eines Riesen : das Wasser rann ihm aus den Klüsenaugen und über die Backen . Wenn nur die Masten nicht über Bord gingen , wenn nur die Luken nicht zerschlagen wurden ! Südweststurm - Noch vor Mittag mußten sie das dritte und letzte Reff einstecken , denn der Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen . Sie standen nun allemann an Deck , mit Tauen festgebunden : Klaus Mewes unverzagt am Ruder , das er nicht los ließ . Als die Seen immer naseweiser wurden , scherte Kap Horn einige starke Taue kreuz und quer über Deck , von Wanten zu Wanten und von der Winsch nach der Besan , damit sie überall einen Halt fänden , wenn sie stolpern sollten . Die Flagge war in Fetzen zerrissen . Klaus Mewes sah es wohl , aber er tröstete sich , daß es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe , und ließ sich nicht unruhig machen , so wenig wie Seemann , der unbekümmert im Nachthaus ruhte . Er hatte schon andre Stürme erlebt und überstanden . Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger , die schlimmen Regenflagen jagten einander , und die See kochte immer furchtbarer . Der Ewer wollte es auch mit dem gerefften Großsegel nicht mehr tun : sie mußten es wegnehmen und dafür das Sturmsegel setzen . Als die Sturzseen über den Ewer brachen und alles zu Wasser machten , wurde Hein in die Koje geschickt , damit er nicht über Bord spüle , und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn