vor etwa einer halben Stunde ein Telegramm erhalten und sei fortgestürzt , zu seiner Schwester . Ob er selbst nicht kommen solle ? Sie wußte genug . Sie bat ihn , nicht zu kommen . Kaum hatte sie den Hörer angehängt , als es klingelte . Stanislaus trat ein , mit verstörtem Gesicht , das zerknitterte Telegramm in der Hand : gustav hat sich erschossen steht mir bei edda In jenen schweren , schmerzlichen Tagen , die nun folgten , erblaßte ihr eigenes Weh . Das , was sie erlebt , - es hatte ja nicht die letzte , die hoffnungslose Nacht über sie gesenkt , die dort über einen gekommen war . Das Grauen vor dem Selbstmord griff an ihr Herz , - und alles in ihr lehnte sich auf gegen diese Tat , die die letzten Ziele selbst setzte , die das dunkle Tor , das zu seiner Zeit sich dem Wanderer ladend erschließt , gewaltsam aufstieß ... Nur einen Grund gab es für solches Tun : hoffnungsloses Siechtum . Aber war das wirklich Diamants Schicksal gewesen ? Hatte er selbst sich für unheilbar gehalten , oder , - sie wagte nicht , es auszudenken , - hatte er an mögliche Heilung geglaubt , er , der so manchen von demselben Leiden geheilt , - und trotzdem die Tat getan , - - die Geschwulst in seinem Gehirn darzubieten , - als Triumph für seine Theorie ? ... Aber über dieser vernichtenden Frage lagerte das Schweigen . Ob er sich für heilbar oder unheilbar gehalten , verlautete nie . Er hatte keine Zeile darüber hinterlassen , kein Wort mit jemandem darüber gesprochen . Hier war sein Geheimnis . Stanislaus war nach Wien gereist . Olga kam nicht mit , denn sie fühlte sich jetzt arm an Kraft , sie hatte nichts zu geben . Bangen Gemüts erwartete sie seine Rückkehr . - Sie war ruhiger geworden in diesen Tagen . Ihr eignes Leid hob nicht mehr so sehr seine düstere Gestalt vom hellen Tage ab , - denn noch Dunkleres hatte sich darum gelagert . Und sie glaubte , überwunden zu haben . Aber als eines morgens Werner sie zum Telephon rief und sie drängend um eine Unterredung bat , - da merkte sie , daß die dumpfe Stille , die sich über den Aufruhr gelegt , noch nicht dicht und tief genug war . Sie fühlte , als sie seine bittende und warme Stimme hörte , wie erst ein erstarrender und dann ein glühender Hauch ihren Körper überflog , wie das Herz stillstand und der Puls sank , wie das Blut , dumpf aufrauschend , an ihre Stirne schlug . Das » Du « , mit dem er sie ansprach , beleidigte sie , und sie hätte es am liebsten zornig zurückgewiesen . Und während sie seine Bitte ablehnte , fühlte sie , daß sie log , - daß sie selbst ihn sehen und sprechen wollte . Da sie sich nicht nachgab , so schrieb er ihr : » In einer großen Not nach Ausdruck hat der Mensch die Sprache erfunden . Entsetzen faßt einem manchesmal darüber , wie hilf- und machtlos dieses Symbol ist . Wie alle Worte und Begriffe versagen , um Gefühle zu klären und wie , wie wir sehen , keinerlei Klärung , Aufklärung , Erklärung durch Worte etwas erzielt , - die nicht durch übereinstimmende Gefühle gegeben ist . Fast könnte es scheinen , als vermöchte dieses Symbol , die Sprache , nichts , als vorhandene Ahnung zu klären , Gleiches Gleichem zu nähern , Ungleiches noch weiter zu trennen ... Und doch muß man trachten , voneinander zu erfahren , - was es auch sei . Erfahren - das ist das höchste erreichbare Ziel , damit sich finde und stärke , was seiner Wesenheit nach zusammengehört . Unser wesentlich Letztes , Olga , gehört zusammen . Fürchte nicht , daß ich zur Umkehr locke , daß ich zurückbiegen will , was auseinander kam . Ich würde Dich nicht kennen , wenn ich solches versuchte , oder ich würde Dich wissentlich betrügen . Nein , ich sage Dir , wie ich in jenem ersten Briefe sagte : dies wird kein Liebesbrief . Aber schrieb ich Dir damals nicht auch , - verlasse mich nicht , was immer geschehen mag , auch dann nicht , wenn ich eines Tages schuldig werde an Dir ? - - - Und so komme ich jetzt , ein Schuldiger und doch noch Fordernder , - von dem zu holen , was ich Dich bat , mir ewig zu wahren . Keine und keinen wüßte ich , dem ich dieses Unversiegliche so vertrauen wollte , wie Dir . Nun , da wir geschieden sind , nun weiß ich genau , was das Unvergängliche ist zwischen uns . Und ich kann nicht eher ruhig werden , bevor nicht auch Du friedlichen Herzens bist und erkennst , daß unser vermeintliches Irren doch eine volle Frucht trug , - daß uns also doch eine uns verborgene Wahrheit führte . Denn die Früchte des Irrtums sind leer und taub . Das aber , was wir nun heimsen sollen , ist echte und edle Nahrung . Laß mich kommen , damit ich nicht Worte hier aufbauen muß , damit wir uns verstehen durch unsere Nähe , - nun , da wir aus einer Gasse , die nicht ins Freie führte , zurückgefunden haben auf den Weg . « Sie lachte schmerzlich auf , da sie gelesen hatte ; ... und sie konnte nicht verhindern , daß die Tränen wieder heiß aus ihren Augen stürzten ... Er hatte ihr reifes Weibtum begehrt , - und hatte es erhalten . Nun wollte er - wie sagte man doch - ihre » Freundschaft ! « Noch einen Tag lang bäumte sich ihr beleidigtes Geschlecht . Dann war sie ergeben . Mochte denn auch dies noch getan werden . So saßen sie sich denn gegenüber und sie sah , wie schwer er nach Worten suchte . Er war bleicher und schmäler geworden , der sanfte Glanz war nicht mehr in seinen Augen , aber in der Tiefe seines Blickes brannte eine Flamme , die sie bisher nicht gekannt . Er sagte ihr , daß ihm sein Gewissen ihr gegenüber keine Ruhe ließe . Sie hatte sich vorgenommen , sich in strenger Zucht zu halten , ihm weder beleidigt noch gebrochen , weder scharf und bitter , noch etwa klagend zu begegnen . Mit starkem Geiste mußte hier gelöst und gehoben werden . Und so fragte sie , warum er denn ein böses Gewissen habe . Was geschehen sei , war notwendig und darum gut . Er lächelte wehmütig : » Weißt du nicht , daß ich zu denen gehöre , die auch , wenn sie das Richtige und Notwendige tun , - oder erleiden , - nicht ruhig sind ? Immer quält sie der Gedanke : vielleicht hätte es doch auch anders getan - oder erlitten - werden müssen . « » Es ist gefährlich und unfruchtbar , seinem Ich auf diese Art nachzuspüren . Was geschieht , ist darin beschlossen . Wir entrinnen uns selbst doch nicht . « » Aber man weiß so wenig von diesem Ich , in dem alles beschlossen ist , wie du mit Wahrheit sagst . Und das ist das Schaurige daran . Denn was ich von mir weiß , das bin nicht Ich , - mein Ich , jenes , das mein Schicksal macht , « - ein hilfloses Lächeln glitt über sein Gesicht , - » ist dort , wohin ich nicht ausblicken kann . Und diese vergebliche Suche ist ' s , an der man sich verbraucht . « Er atmete tief , und sein Kopf sank . In diesem Augenblick empfand sie , daß er weinte , wenn auch keine Träne in sein Auge kam . Sie wußte nun , daß er in schweren Banden war . » Erzähle « , sagte sie . Und er erzählte . Es kam aus ihm heraus , ohne jeden Rückhalt . Er sprach vom Tode seiner Liebe zu ihr , als spräche er zu einer dritten Person , die das alles nicht betraf . Mit jener naiven Grausamkeit dessen , der übervoll ist von sich und seinem beständigen Kampf , berichtete , klagte er , - warb er um Trost . Draußen lagerte sich die Nacht in die Nebel . Wie eine Decke fiel der Schnee über sie , weich , dicht und feucht . Die Finsternis drang immer tiefer in den Raum , in dem die beiden saßen , und verhüllte ihnen ihre Gestalten . Olga entzündete ein Lämpchen auf dem Schreibtisch , das sein Licht unter grünem Schirm sammelte und es schwach in jene Ecke entließ . Er sprach von der plötzlichen Wandlung seines Herzens . Eines Morgens wachte er auf - und liebte nicht mehr . Es war » abgerissen « , - so nannte er es . Er begriff nicht , warum , und litt darunter . Dieses Magische kam über ihn , und alles war aus . Da trat in dieser Dämmerung seiner Seele , strahlend hell , jene andere Frau . Und er sprach von seiner Leidenschaft , - er schilderte , wie sie jedes andere Gefühl in ihm übertäubte . Nur der Gedanke wuchs und wuchs in ihm , diese Liebe zu erfüllen . Er berichtete auch von seiner Hoffnung . Er glaubte , daß er nicht unerwidert liebe . Scharf und grell , wie eine moderne Lichtmaschine , die Überhelle verbreitet , so leuchtete er hinein in das Chaos seiner Gefühle . Ein einziges Mal unterbrach ihn Olga . Sie fragte ihn , ob er seiner Gefühle diesmal denn so sicher sei , ob er nicht glaube , sich zu täuschen . Da sagte er ihr , - er hätte nur einen Wunsch : sich zu binden mit allen Fesseln . Er wollte kein » Freier « mehr sein . Er wünschte , daß sein Wille ewig so gebunden bliebe , wie jetzt . Sie fragte ihn , ob er dann an Ehe dächte , und er sagte , daß es seiner Wünsche höchstes Ziel wäre , die geliebte Frau frei zu wissen von den sie jetzt fesselnden Banden und sich ihr zu verschreiben auf Leben und Tod . Da rüttelte der Gram an ihrem Herzen und ließ sie erschauern , und Scham überflammte sie , weil er solches von ihr niemals begehrt hatte . Und dann sprach er davon , daß die Frauen die Größeren und Stärkeren wären . Und als sie wehmütig den Kopf schüttelte , da faßte er ihre Hand und sah ihr ins Auge : » Nie bist du mir so groß erschienen , - nie so weit die Grenzen deiner Persönlichkeit , - als eben jetzt , - heute . « - - Und er fuhr fort : » Glaube mir , wenn ich dir sage , daß wir zusammen bleiben müssen , - auch weiterhin . « Sie senkte den Kopf . » Und wenn es keine Freude für mich ist ? « » Du kannst es jetzt noch nicht als Freude empfinden ; aber ich glaube , daß es gar nicht von deinem freien Willen abhängt , ob wir verbunden bleiben oder nicht . Für Menschen unserer Art ist es bezeichnend , - daß sie immer wieder zusammentreffen . Die Leidenschaft kann da eine kurze Unterbrechung bringen . Dann zieht sich der betroffene Teil für eine Weile schmerzlich zurück ... Aber der Kreis , der Menschen unserer Art verbindet , schließt sich immer wieder , - trotz aller Kreuz- und Quersprünge darin . Glaube mir das ! « Einen Augenblick meinte sie den Boden unter den Füßen zu verlieren . Sie hob die Hand an die Augen , und über ihre Lippen stahl sich flüsternd das Wort : » Einsam , einsam « . Und dieses Wort durchflog die Wälle seiner Selbstsucht und schlug da eine schwere Bresche . Scheu erfaßte er ihre Hand : » Das ist jetzt dein Los . - Gehe nur weiter , - immer weiter ! « In der Nacht , die diesem Gespräch folgte , kam das Bewußtsein ihrer Verlassenheit wieder aus der Tiefe herauf . Riesenhaft , schwer , kalt und hart wie Erz , fahl wie der Tod , - so stand es über ihr . Jammer durchfraß ihr Inneres , und eine schwählende Begier kam über sie , - eine Begier , hinaus auf die Gasse zu laufen und sich dem ersten Besten in die Arme zu werfen . Plötzlich hatte sie die Vision der nächtlichen Friedrichstraße , - sie sah sie , wie sie den Tag vortäuschte , mit ihrem Menschengewühl , im Lichte der Bogenlampen . Und diese Vision genügte , um sie vor Ekel frieren und zittern zu machen . Aber - verzehrend , versengend , - - jagte es sie aus dem Bett . Mitten im Zimmer stand sie . Im großen Spiegel sah sie sich selbst , im Mondlicht irrend , als weißen gespenstigen Schatten . Das Bett in der Ecke leuchtete herüber ; die Decke hatte sie mit zu Boden gerissen , als sie heraussprang , und so sah sie das weiße Laken fest ausgespannt , und es schien ihr starr , wie ein Bahrtuch und das ganze Lager wie ein Totenbett . Endlich legte sie sich auf den Divan nieder ; noch grübelnd , verfiel sie in Halbschlaf . Sie sah sich auf der Erde kauern , vor einer schwarzen , verhüllten Gestalt , und jeden Augenblick erwartete sie , getreten zu werden . Und sie spürte die Furcht und die Erniedrigung im Traum . - Wie gelähmt , vermochte sie am anderen Morgen nicht den Tag zu beginnen und suchte ihr Bett auf . Nein , sie hatte sich getäuscht , sie kam darüber nicht weg . Verlassen und einsam - für ewig ... Und sie war keine von den Frauen , die , mit trockenen Lippen , still und allein durchs Leben gingen und irgendeiner fremden Sache fleißig und nüchtern dienten , mit kühlem Kopf und selbstlos resigniertem Gemüt . Nein , so war sie nicht . Sie - sie war eine Fordernde , eine Begehrende ; und gerade darum war sie gezüchtigt worden ... Sie lehnte sich auf , sie stöhnte unter ihrem Geschick . Geistig lösen und heben - , das hatte sie noch gestern gewollt . Und heute , da sie sich hier , bei hellem Tag , ohne krank zu sein , ohne Schlaf zu suchen , auf ihrem Lager hin und her warf , - wie stand es heute mit ihrer Macht , geistig zu lösen und zu heben ? Überrädert war sie . Wie konnte sie je wieder aufstehen , heil , mit gesunden , regen Gliedern ? Und dabei war sie sich doch klar geworden , daß Werner für sie nicht der war , der die letzten Bande ihres Wesens gelöst hatte . Er war es nicht - und doch verzweifelte sie , da sie ihn verlor , - denn die Verlassenheit öffnete sich vor ihr , wie ein dunkler Abgrund , gespenstisch und unentrinnbar , wie das Grab . - - - Am selben Tag kam Stanislaus zurück . Er war erstaunt und besorgt , als sie ihm erst nach zweimaligem Läuten , in eine Decke gewickelt , mit hängendem Haar , öffnete , und als er sah , daß sie aus dem Bett kam . » Es ist nichts « , sagte sie und kleidete sich hastig an , während er in ihrem Arbeitszimmer wartete . Auch der staubbedeckte Schreibtisch mit den unberührten Papieren , den uneröffneten , dicken Manuskriptbriefen , den ungelesen aufgehäuften Zeitschriften , sagte ihm mehr als genug . Er beschloß , diesmal nicht zurückzuweichen und mutig an die Wunde zu rühren . Sie kam herein , und ungeduldig und angstvoll fragte sie ihn , wie die Dinge in Wien ständen . Er berichtete , daß gestern Gustavs Begräbnis war . Und er erzählte von der Panik , die er da angetroffen hatte . Mit dem Tode Gustavs war Eddas ganze Existenz zusammengestürzt . » Vermögen hat der Professor , wie du weißt , nie gehabt . Was er verdiente - und darüber hinaus , - wurde verbraucht . Versichert war er nicht . Die einzige Geldquelle war seine tägliche Arbeit . Alles , was die Ordination , die Visiten , die Kollegien und die glänzend bezahlten Operationen einbrachten , - das alles mußte hineingeschüttet werden in den Rachen , der alles verschlang : den Hausbrauch . « » Aber Eddas Vermögen ? « » Ja , - hier liegt der Hase im Pfeffer . Damit hat der arme Gustav auch gerechnet . In seinem Testament bittet er sie um Verzeihung , daß er ihr den Ernährer nehme ... er empfiehlt ihr , von den Zinsen ihres bei ihrem Bruder angelegten Vermögens bescheiden zu leben , - bis sie in anderer , besserer Obhut sei , als die seine war . « » Nun - und ? « » Ja - die Sache liegt so : der Bruder Vinzenz scheint bedenklich zu wackeln . Er hat die Zinsen , die Edda immer persönlich einkassierte , schon in letzter Zeit sehr unregelmäßig bezahlt ; Gustav wußte nichts davon . Sie verlangte nun jetzt , er solle ihr das Vermögen herauszahlen , - und das kann oder will er nicht . « » Wie soll das nun werden mit ihr ? « » Ich habe ihr geraten , vor allem dem Moloch ihres Haushalts keine weiteren Opfer zu bringen . Verkaufen , auflösen , einschränken . « » Und dann ? « » Dann - muß sie einen Erwerb suchen . Und da für sie Arbeit zu finden in Wien besonders schwer sein dürfte , so soll sie nach Berlin kommen . Hier wird sich schon etwas Passendes für sie bieten . « » Sie kann zeichnen , « sagte Olga bekräftigend , - » sehr gut und sehr originell Moden zeichnen , aber - « forschend wandte sie sich dem Bruder zu , - » du erzählst mir diese Geldgeschichten , die zwar wichtig für Edda sind , - indessen « - - » Ich kann mir wohl denken , was du sonst noch erfahren willst ; ... was ich da zu berichten habe , - ist so schwer zu fassen , daß ich kaum weiß , wie ich es schildern soll . « Eine Weile blieben sie stumm , dann fragte Olga mit leiser Stimme : » Was sagt man über Gustavs Tod ? « » Das Motiv ist ja allbekannt , - - - aber - du willst wissen , - wie nun die Wissenschaft Stellung nimmt zu - zu seiner Krankheit ? « Sie nickte stumm . » Man hat ihn seziert « , berichtete Stanislaus ; seine Stimme wurde plötzlich flüsternd und hob doch jedes Wort scharf heraus . » Natürlich , « sagte sie , - » und man hat gefunden , daß er recht hatte ? Man hat das Karzinom untersucht , - vielleicht sogar den Parasiten gefunden ? « Eine lange Pause folgte diesen Fragen ... » Man hat - sein Gehirn - - untersucht , « - Stanilaus stockte . » Nun - und ? « » Und hat gefunden , - daß es ein Irrtum war . « » Ein Irrtum - seine Theorie ? Nun , darüber werden seine Kollegen wohl noch lange weiter streiten , das dachte ich mir . Also an seinem eigenen Karzinom war auch nicht mehr zu erkennen , als an anderen Krebsgeschwülsten ? « » Es ist noch anders , als du glaubst , - aber - « er sah sie fest an - » das ist ein Geheimnis , hörst Du ? « » Was für ein Geheimnis , was meinst du ? « fragte sie . Stanislaus schwieg , als sammle er sich für das , was er zu berichten hatte ; ... endlich sagte er : » Sein Famulus - wie heißt er doch ? « » Du meinst den Pankratius - Pankratius Kaff ? « » Ja den ... also der hat mit einem anderen Arzt , - einem Freund und Kollegen von Gustav , einem Professor , der in dem ganzen Kampf auf Gustavs Seite war , - die Sektion vorgenommen , und sie haben gefunden , « - seine Stimme formte die Worte mit spitzer Eindringlichkeit , - » sie haben gefunden - daß - daß überhaupt kein Karzinom und auch kein Tumor da war - - - . « In erstarrendem Schweigen saßen beide . » Wie ist das zu verstehen ? « sagte sie endlich . » Das ist nicht anders zu verstehen , als daß Gustav , der doch ein tüchtiger Arzt war , der als hervorragender Diagnostiker sich wiederholt bewährt hat , - sich in seinem eigenen Fall so tief verirrt hat , daß man nicht mehr weiß , ob man diesen Irrtum nicht als fixe Idee bezeichnen soll . « » Kein Karzinom , - kein Tumor , - überhaupt keine Geschwulst - « flüsterte Olga , - » was sonst ? « » Nichts - nichts ... ein etwas blutarmes Gehirn , - eine nicht bedeutende Degeneration des Nervensystems , konstitutioneller Art , - wie mir gesagt wurde ; es hat sich um ein Druckgefühl im Kopf bei ihm gehandelt , um Schwindelzustände ; und nicht eine Geschwulst war die Ursache , - sondern Nervosität , - Erschöpfung , hervorgerufen durch Überarbeitung . Es soll das richtige Ringgefühl gewesen sein , an dem er litt , das manche Neurastheniker auch um den Leib herum spüren ; andere wieder im Kopf ; zu denen gehörte er ; ... vier Wochen völliger Rast und guter Erholung , und die Symptome , die er - verkannte , - wären fort gewesen . « In langem Schweigen verblieben beide . Nach einer Weile nahm Stanislaus das Abendblatt vom vergangenen Tag , das unberührt auf den anderen Zeitungen lag , zur Hand . » Im Abendblatt von gestern , da muß vom Begräbnis berichtet sein . « Und kaum hatte er das Blatt entfaltet , so fand er die gesuchte Nachricht unter den Telegrammen . » ... Der Selbstmord des verdienstvollen Forschers hat schmerzliches Aufsehen erregt . Am offenen Grabe sprach , außer den ersten Kapazitäten der Wiener Fakultät , auch Professor Vacheron vom Institut Pasteur in Paris , neben anderen ausländischen Kollegen des Verstorbenen . Unter allgemeiner Spannung , - « so lautete das Telegramm des Wiener Korrespondenten , » trat dann auch Professor Petersen vom Krebsinstitut in Kopenhagen an das offne Grab und feierte den zu früh Verstorbenen als den Begründer der experimentellen Krebsforschung . Die Witwe , deren Schönheit viel bemerkt wurde , stammt aus hochangesehener Wiener Fabrikantenfamilie . Sie lebte mit dem großen Gelehrten in glücklichster Ehe und brach unter dem unerwarteten Unglück beinahe zusammen . Beileidsdepeschen aus allen Teilen der zivilisierten Welt trafen im Trauerhause ein . Die amerikanische Kolonie , unter der der verstorbene Forscher zahlreiche Schüler besaß , hatte eine Deputation zum Begräbnis entsandt . « Olga unterbrach sein Vorlesen : » War Mr. Macpherson auch unter der amerikanischen Deputation ? « » Du meinst den Amerikaner , der damals abends mit im Champagnerkeller war ? « » Ja , den langen Amerikaner , Mr. Macpherson , den der Kaff in Wien herumführte . « » Von Mr. Macpherson war die Rede ; aber er war nicht beim Begräbnis , er ist längst wieder in Amerika . « » Sage doch , « fuhr Olga nachdenklich fort , » wie ist das möglich , - daß man hier den Toten so feiert als Begründer der Krebsforschung , - da doch - - « sie stockte . » Der war er , « sagte Stanislaus , er hat die hervorragendsten Tierexperimente gemacht , die ganz Neues brachten . Hier steht es ja , - höre weiter , was Professor Petersen sprach : » Ihm ist es nach rastloser , theoretisch-hypothetischer Forschung als erstem gelungen , aktiv und passiv Mäuse zu immunisieren und zu heilen , und ich habe auf seiner Klinik auch bei Menschen Erfolge gesehen , die , - neben manchen Versagern - nur durch die ungewöhnlich sichere und frühe Diagnose erzielt werden konnten . « Stanislaus ließ das Blatt sinken . » Neben manchen Versagern « , flüsterte Olga ... » Weiß man denn - das Resultat - der Sektion ? « » Das soll Geheimnis bleiben « , erwiderte Stanislaus und sah sie ernsthaft an . - - - Der Bruder blieb zum Abendessen bei ihr . Sie holte aus ihrer kleinen Speisekammer Wurst , Brot und Butter und kochte Tee . Er bewunderte , wie immer , ihr hübsches Junggesellinnenheim , wie er es nannte , und ließ ihr trauriges Kopfschütteln unbeachtet . » Hast du Frau Lore , - ich meine Fräulein Wigolski , - nicht gesehen ? « Sie gab zu , in den letzten Tagen nicht gearbeitet zu haben und auch sonst mit Lore nicht zusammen gekommen zu sein . » An Lore hättest du dich aber halten müssen in dieser Zeit , « sagte er , » nur an sie ; sie wäre dir zur Seite gestanden . « Als sie sah , daß er so unvermittelt an ihr Erlebnis rührte , ging sie darauf ein , es so mit ihm zu besprechen , als hätte sie sich ihm längst anvertraut . Er meinte , Werners Gefühlsumschwung überrasche ihn nicht ; er sei einer , der von Weib zu Weib müsse , und zwar nach ähnlichen Gesetzen , wie jene es waren , die Hegel geformt : so , daß immer These und Antithese aufeinander folgten . Nur die gegensätzlichsten Typen würden ihn anziehen , und so würde er zwischen den Extremen seiner eigenen Begier hin und her schwanken . Aber warum sollte sie sich von dieser wilden Beweglichkeit seiner Natur aus den Angeln heben lassen ? Warum die natürliche Schwerkraft ihres eigenen Wesens ins Unrecht setzen ? Seine Ratschläge wiesen sie auf völlige Lösung . Neuen Büchern , neuen Menschen , neuen Hoffnungen sollte sie sich eröffnen und , da der Verkehr mit einfachen , starken und organisch weisen Naturen das Heilsamste in solchen Kämpfen , wie in jeder Lebenslage sei , so hätte er gedacht , daß sie sich Loren anvertrauen würde . Er wenigstens empfange im Verkehr mit solchen Menschen etwas wie Ahnungen seiner eigenen Kraft und wie die Hoffnung eines endlichen Einklangs aller Strömungen des Willens und des Intellektes . » Nur ein Mensch , der solche Gefühle in uns löst , « sagte er mit Nachdruck , » ist unser echter Gesellschafter . Werner aber hat das Gegenteil an dir getan , « fuhr er fort ; » er hat von Anfang an deine Kräfte nicht nur nicht gelöst , sondern im Gegenteil gehemmt , ins Stocken gebracht , angezweifelt und damit paralysiert . Dieses Panikhafte des Entwurzelten , das sein eigenes Geschick ist , hat er auch über dich gebracht . « Es schien ihr , als ob Stanislaus mit diesem Worte eine Schuld auf Werner wälzen wollte , und unabweislich kam das Gefühl über sie , ihn vor dem Bruder zu verteidigen , sich selbst zu beschuldigen . Und sie breitete die Ergebnisse der zerfleischenden Selbstverwühlung ihrer letzten Tage vor ihm aus . Sie schilderte , wie sie den Boden unter den Füßen verloren , und sprach von den Qualen ihrer Tage und Nächte , aber nur , um ihre eigene Haltlosigkeit daran zu schildern ; sie erzählte von der schwarzen Angst , in der sie sich verloren hatte . Nachdenklich erwiderte er , ob sie denn dieses Erlebnis für einen Zufall halte , und , ohne ihre Antwort abzuwarten , sprach er davon , daß auch in diesem erschütternden Auf und Nieder der menschlichen Gefühle ein periodisches Gesetz vorwalte . » In Abständen , deren Spatien seit Urzeiten festgelegt sind , - sowie die Perioden , in denen sich Jahr und Tag , Werden und Vergehen , Blühen und Welken abspielen , - in solchen Spatien , deren Höhepunkte miteinander im Zusammenhang stehen wie die höchsten Flächen kommunizierender Gefäße , erneuern sich Hoffnung und Entsagung , Verzweiflung und Lebenskraft . Alles kommt und geht in Takt und Rhythmus , und was du für Unordnung und Chaos hältst , ist nur der Auftakt zu neuer Einheitlichkeit . Darum , wenn wir dieses wissen , kann es nicht allzu schwer sein , aus der Verschüttung sich selbst wieder zu erheben . « Und nachdenklich flocht er in seine Rede die ewigen Zeilen : » Denn so lang du das nicht hast , - Dieses Stirb und Werde , - Bist du nur ein trüber Gast , - Auf der dunklen Erde . « Aufmerksam , hingebend hatte sie gehorcht . Es schien ihr , als hätte sie ihn niemals besser überblickt , als wäre sie bislang vor ihm gestanden wie vor dem Gestrüpp eines Baumes , den man , auf seinen Wurzeln stehend , nicht in seiner Form erkennen kann . Nun aber hatte sie erhöhten Grund unter den Füßen , und sie sah den Baum , ein wenig von der Höhe , ein wenig von der Weite ; sie sah , wie rund und voll seine Krone war , wie geschlossen und dennoch frei sein Geäste , sie sah das frische , dichte Blattwerk , das ihr von unten nur wie Gestrüpp erschienen war , glänzend und wohlgereiht an den Zweigen , und sie sah die Knospen , die aus dem Holze hervordrängten und Früchte versprachen . » Ich glaube , ich habe dich verstanden « , sagte sie mit leiser , aber fester Stimme . » Nur so lange , meinst du , können wir uns empören , uns aufbäumen und verzweifeln , als wir glauben , Zufälligem ausgeliefert zu sein , von irgendeinem unberechenbaren , feindlichen Willen niedergetreten zu werden .