Tisch zu setzen und Speisen und Bier aufzutragen . Während sie es tat , zerschlug ich mit der Axt Ofen , Truhen und Schränke , Türen und Fenster . Dann tat ich die Haustüre sperrangelweit auf . Jungfer Thekla schleppte indessen zerschlagene Töpfe , Stroh und Bettfedern bis vorn in den Hausflur und auf die Straße . Wir aßen und tranken etliches von den Speisen und dem Bier . Und nun sahe das Haus also wüste aus , als sei hier für Plünderer rein gar nichts mehr zu holen . Es war die höchste Zeit , denn schon hörten wir Schüsse bei der Johanniskirche . Von der Magd geführt , gingen wir die Treppe hinauf unters Dach in eine Bodenkammer . Ich und Jungfer Thekla prüften unsere Waffen , ob sie auch in Ordnung . Die Magd aber hielt das Beil gefaßt und zitterte vor Begier , den eindringenden Feind anzufallen . » Trude , « sprach ich - » ist es möglich , daß wir nebenan ins Predigerhaus gelangen ? Dorten ist im Keller sichere Zuflucht , nämlich ein heimlicher Gang , so unterirdisch zur Johanniskirche führt . « Die Magd starrte mich an , als begreife sie nicht . » Ins Predigerhaus müssen wir ! « fuhr ich fort . » Aber die Haustür ist verrammelt . Können wir nicht auf andere Weise hingelangen ? Vielleicht übers Dach . « Sofort tat ich die Dachluke auf und spähete hinaus . Dicke Rauchwolken , vermischt mit Funken , flogen über die Dächer . Ein feuerschnaubender Drache wälzte sich auf die Stadt . Drüben in der Johanniskirche hub ein Choral zur Orgel an . Von der Straße her scholl ein roh Gebrüll und Jauchzen : » All gewonnen ! All gewonnen ! « Ich prüfte , ob der Weg übers Dach möglich . Es war nach unten steil , hatte jedoch oberhalb der Luke eine platte Stelle , über die man wohl sichern Fußes zu einer ähnlichen Stelle der Predigerhauses gelangen konnte . » Fort von hier ! « sagte ich . » In wenigen Stunden steht das ganze Viertel in Flammen . Wollen wir nicht verbrennen oder dem Feind in die Arme laufen , so müssen wir den unterirdischen Gang im Predigerhause aufsuchen . Vorwärts , klettern wir übers Dach ! « Die Magd rang die Hände . Jungfer Thekla nahm entschlossen einen Strick , so durch die Bodenkammer gespannt war , und knüpfte das eine Ende um ihren Leib . Ich kletterte nun zur Lucke hinaus und ließ mir des Strickes anderes Ende reichen , kroch zur platten Stelle des Daches empor und schlang den Strick um den Schornstein . Hierauf kehrte ich zur Luke zurück und half der Jungfer Thekla auf das Dach und hinan zur platten Stelle steigen . Ebenfalls mit Hilfe des Strickes , den Thekla nun frei gab , holte ich die Magd herauf , versäumte auch nicht , unsere Waffen mitzunehmen . Dann kroch ich hinüber zum Predigerhause , wo ich eine Dachluke offen fand , und befestigte daselbst den Strick , der nun gespannt als ein Geländer vom Schornstein zur begehrten Stelle hinleitete . Uns gelang der schwindelige Stieg übers Dach , und durch die Luke kamen wir in eine Bodenkammer , wie sie vom Gesinde bewohnt wird . Also waren wir endlich angelangt , allwo ein Weg zur Rettung winkte . Doch unsere Hoffnung ward gar bald verdüstert . Da wir nämlich die Tür der Bodenkammer auftaten , scholl von unten ein bestialisch Toben . Die Beutemacher waren also doch gekommen . Und nun polterte ein schwerer Schritt die Treppe zu uns herauf . » Nicht schießen , « raunte ich , ergriff den Strick und lauerte hinter der Tür . Thekla trat neben mich mit gezücktem Degen , während die Magd auf der anderen Seite das Beil erhub . » Lebendig müssen wir ihn haben ! Er soll uns die Losung sagen ! « flüsterte ich . Gleich darauf trat ein Soldat mit vorgestrecktem Degen ein . Im Nu hatte ich den Strick um seinen Hals geworfen und würgte ihn , daß er vor Schwäche zusammenbrach . Thekla schloß die Tür der Bodenkammer , und während die Magd dräuend das Beil über dem Kopfe des Gefangenen hielt , herrschte ich ihn an : » Schweig ! So du schreiest , bringen wir dich um ! « Hierauf ließ ich den Strick etwas lockerer , daß der Gefangene wieder Odem bekam und sagte : » Wie lautet eure Losung ? Antwort , oder du bist des Todes ! « » Jesus Maria ! « krächzete der Soldat . » Heißet die Losung Jesus Maria ? « » Ja . « Nun zog ich den Strick wieder fester und sprach zu Thekla : » Was machen wir mit ihm ? « » Totschlagen « , knirschte die Magd . » Knebeln wir ihn ! « meinte Thekla , trennte mit dem Degen ein Stück vom Bettlaken und rollte es zum Knebel zusammen . Der Gefangene setzte sich zur Wehr . Wie ich aber meines Schwertes Schneide an seinen Hals hielt , ward er kirre und ließ sich den Knebel ins Maul stecken . Hierauf banden wir ihm Füße und Hände hinterrücks zusammen und fesselten ihn an einen Dachbalken . » Trude ! « sprach ich zur Magd , » so jetzo andere Beutemacher heraufkommen , verbleibt uns nur ein Rettungsmittel : Ich und mein junger Kamerad hier müssen uns stellen , als ob wir zur kaiserischen Soldateska gehören . Die Losung wissen wir ja . Du aber , Trude , bist unsere Gefangene und mußt immer sagen : Das Geld liegt im Keller , da ist ein heimlich Gewölbe . Hörst du , Trude , hier im Keller des Predigerhauses ist ein Gewölbe mit Geld ... Mut , Trude ! Und wenn ich mich stelle , als sei ich selber ein Beutemacher - und wenn ich dich sogar würge ... « Hiermit packte ich die Magd an der Gurgel und schüttelte sie , doch ohne ihr wehe zu tun . Entsetzt starrte sie mich an . » Macht nichts , « fuhr ich fort . » Es geschieht ja nur , den Feind zu täuschen . Es kommt darauf an , daß wir ins Gewölbe gelangen - es ist wirklich da und führt vom Keller zur Johanniskirche ... « Nun redete auch die Jungfer Gräfin der Magd zu : » Tu , was der Korporal gebeut . Es ist eine Kriegslist . Der heimliche Weg kann uns retten . « Auf einmal erhellte sich das Antlitz der Magd und sie sprach : » Ja , nun verstehe ich . Ja , ich will es tun . Aber mir ist bange . Herr Jesus , wenn die Sache schief geht ! ... « Indem vernahmen wir Tritte auf der Treppe . Da galt es , nicht länger zu zaudern , sondern dem Feinde entgegenzugehen . » Noch eins , « sagte ich - » wir gehören dem Grafen Mansfeld und sind von der Sudenburg her in die Stadt gedrungen . Nun denn in Gottes Namen los ! « Packte also die Magd bei der Gurgel und rief : » Wo ist der Geldschatz ? Im Keller ? Führe uns hin , Bestie ! « Dann tat ich die Tür auf , wiederholte recht grimmig diese Worte und zerrte die Magd die Treppe hinab , während mein Junker Jaroslaus folgte . Unten auf dem Flur stund ein Soldat , die Beine gespreizt und die Muskete mit brennender Lunte auf uns angeschlagen . » Losung ! « brüllte er . Gleichmütig entgegnete ich : » Jesus Maria ! « und schleppte die Magd vollends hinunter . Da der Kroat noch immer stutzig und mißtrauisch stund , sagte ich ihm keck ins Angesicht : » Holla , Kamerad ! Komm Er mit mir in den Keller , dorten liegt Gold - ja Gold - ein großer Schatz ! « Da blitzte freudige Gier aus seinen Augen , er setzte die Muskete ab und schloß sich uns an , indessen wir die Magd auch die nächste Treppe hinunterschleppten . Unten drangen auf einmal drei Beutemacher auf uns ein und riefen , mit ihren Waffen dräuend : » Losung ! « » Jesus Maria ! « antwortete ich , während der Kroat in fremder Sprache auf seine Kameraden einredete , worauf sie sich zufrieden gaben . Nur einer - ein junger Offizier - hielt seinen Degen gezückt und sprach : » Wos seids denn Ös ? Doch nit Pappenheimer ! « » Mansfelder ! « entgegnete Thekla . Ich aber fügte hinzu : » Ja , wir Mansfelder waren allbereits früher da , als ihr . Was gaffet ihr , Kameraden ? Kommet lieber mit in den Keller - dorten liegt Gold - ja Gold - ein großer Schatz - diese Magd wird ihn uns weisen . « Die Soldaten redeten eifrig durcheinander . Der Offizier aber fragte verdutzt : » Sakrament noch emol ! Sein die Monsfelder ollbereits in der Stodt ? Verflucht ! Aber gut , Gold nehmen wir ! Gehen wir in Keller ! « Nun ließ ich die Magd los , hielt ihr die Faust unter die Nase und herrschte sie an : » Wehe dir , Bestie , so du läugest ! Führe uns sogleich in den Keller und weise den unterirdischen Gang ! « » Mit Verlaub , ihr Herren ! « antwortete die Magd weinerlich . » Lasset mich nur erst die Laterne anzünden . Unten ist es stichdunkel . « Hiermit ging sie in die Küche , und ich folgte ihr . Mit dem Feuerzeuge machte sie Licht und tat es in die Laterne , worauf ich das Feuerzeug in meiner Tasche barg . Nun drangen wir alle in den Keller , und ich leuchtete mit der Laterne umher . Vom geheimen Gange nichts zu sehen ; wohl aber lag in einer Ecke Gerümpel aufgeschichtet , alte Tonnen und Kisten . » Gesteh , daß der Schatz dahinter liegt ! « fuhr ich die Magd an . » Ja doch , ihr Herren , « entgegnete sie und begunnte , das Gerümpel wegzuräumen . Wir halfen , und siehe , in der Mauer war ein niedrig Türlein , mit Eisen beschlagen . Da es unverschlossen war , taten wir es auf und fanden einen Gang , den man nur gebückt passieren konnte . » Mein lieber Jaroslaus ! « sprach ich laut zu Thekla . » Nimm die Laterne und suche den Schatz ! Findest du , was wir begehren - du verstehst mich , Jaroslaus - so rufe , daß ich nachkommen soll . « Sogleich ergriff Thekla die Laterne und kroch in den Gang . Da rief der Offizier etliche Worte in kroatischer Sprache und sagte dann zur Magd : » Geh mit Milivoi in Kuchel - holen mehr Licht - andere Laterne , auch Fackel - ganz gleich - ist zu dunkel - fort Milivoi ! « Und es ergriff einer der Soldaten die Magd am Arm und ging mit ihr hinauf . Ich war allein mit dem Offizier und dem andern Soldaten . Da konnte ich einen Angriff wagen , zumal es so weit dunkel war , daß nur aus dem Gange ein Schimmer herfürdrang . Gebückt stund der Offizier am Eingange und schaute hinein . » Hast du etwas gefunden , Jaroslaus ? « rief ich . Da antwortete Thekla in böhmischer Sprache : » Ja , Johannes ; der Gang biegt links ab , wird ganz geräumig und geht weiter - ich glaube , er kann uns retten - komm geschwind nach und laß uns kämpfen . « » Wos sogt er ? « fragte der Offizier mißtrauisch . - » Er hat den Schatz ! « antwortete ich und griff nach meiner Muskete . » Hot er ? « sprach der Offizier und kroch in den Gang . In diesem Augenblick erhub sich oben im Hause ein Poltern und Geschrei ; die Magd Trude eilte zum Keller herein und rief : » Ach Gott , ach Gott - aus der Bodenkammer kommt der Soldat - andere haben ihn frei gemacht . « Da holte ich mit meiner Muskete zum Schlagen aus und traf den Soldaten , so bei mir stund , daß er lautlos zusammenbrach . Nun kam der Offizier wieder aus dem Gange heraus , ich aber schlug ihn nieder , bevor er sich aufgerichtet hatte . Und sofort flüchtete ich in den Gang . Gleich darauf erscholl Rufen und Waffenklirren im Keller , Fackelschein strahlte in den Gang , so daß ich meinen Schatten sah . Ein Schuß krachte . » Johannes ! « rief Thekla ängstlich . » Ich komme , « antwortete ich . » Schnell , schnell ! « rief sie - » daß du hierher um die Ecke biegst - da trifft dich keine Kugel . « Und es bog sich der Gang wie ein Knie , nach oben geräumig , so daß man sich aufrichten konnte . Hier stund Thekla hinter der Laterne , den Degen gezückt , ein Pistol in der Linken . » Verteidigen wir diese Stelle ! « sagte sie . Ich aber bedachte , ob man den engen Teil des Ganges nicht mit Steinen verrammeln könne . An der Decke fand ich das Gemäuer rissig und morsch , beschloß daher , es mit Pulver zu sprengen . Riß aus meiner Feldbinde einen Fetzen , schüttete reichlich Pulver darauf , legte ein Stück Lunte hinzu und wickelte alles dermaßen zusammen , daß es ein Päcklein bildete . Das zwängte ich tief in eine Mauerritze und stopfte Steine hinterdrein , jedoch so , daß die Lunte herausragte . » Fort ! « sprach ich zu Thekla und zündete das Ende der Lunte an . Wir liefen den Gang entlang . Auf einmal erscholl hinter uns ein furchtbar Krachen , und der Lufstoß hätte mich beinahe zu Boden geworfen . Die Laterne war erloschen . Rauch und Staub benahm mir den Odem . » Thekla , « stöhnte ich . Sie antwortete erst nach einer Pause : » Hier bin ich . « Nun holte ich das Feuerzeug aus meiner Tasche und zündete die Laterne wieder an . Wir gingen rückwärts und sahen , daß die Sprengung den Zugang mit Mauerstücken versperrt hatte . Lauschend vernahmen wir des Feindes Stimmen nur als ein verworren Gemurmel . Stumm blickten wir einander ins Angesicht . Thekla seufzete , und als ich ihre Hand ergriff , verspürete ich , wie sie zitterte . » Mein gnädig Fräulein ! « stammelte ich . Gemeinsam sanken wir auf die Knie , und mir war , als halte ich die Vaterhand umklammert , die so gütig und so stark aus Feindesnot erretten kann . Nach ihrem Gebete schaute Thekla auf , als erwache sie vom Traume , sie starrte auf die Trümmer , so den Gang verschüttet hatten , sah mich hierauf an mit stummer Frage . » Ein Zurück gibt es nicht mehr , « antwortete ich - » und ob das Vorwärts zur Rettung führt , steht bei demselben Gotte , der uns zu dieser Stunde so wunderbarlich geleitet . « Aufschluchzend umschlang Thekla meinen Hals und barg an meiner Brust ihr tränenvolles Antlitz . Ich legte den Arm um die bebende Gestalt . Wir fanden keine Worte . Mich deuchte , ich sei ein Nachtfalter und schwirre , vom Lichte trunken , um eines Engels lichtes Angesicht . Wie ich meinen Sinn gesammelt hatte , sprach ich : » O meine Thekla , liebe Thekla , warum nur ist die Ewigkeit so kurz ? « Da sie mich liebreich , doch fragend anschaute , meinte ich : » Wir waren in der Ewigkeit - und sind auf einmal wieder in der bangen Zeit . « Mit einem schweren Seufzer preßte sie meine Hand an ihren Busen , flüsternd : » Ach , hätte der treue Gott jetzo uns beide zu sich genommen ! « » Es ist wohl noch nicht so weit - Pilger sind wir , und wer weiß , wo unser Ziel . Komm , liebe Braut ! Ich bin bei dir , du bist bei mir . « Und meinen Arm um ihre Schultern gelegt , stützte und leitete ich sie . Bald hörte der Gang auf , eine sehr schmale Treppe von Stein führte aufwärts , bis sie von einem hölzernen Dache abgeschlossen ward , geformt als ein Sargdeckel . Ich drückte dawider , und es hub sich der Deckel . Ich ließ mir von Thekla die Laterne reichen und leuchtete in den aufgetanen Raum . Es war eine Gruft , darin etliche Särge stunden . Wir erkannten , daß wir unter der Johanniskirche waren . Die Tür , durch die ich eindrang , war ein Sarg inmitten der anderen - ein Sarg ohne Boden ; sein Deckel war der Verschluß unserer Treppe . Wir stiegen in die Gruft empor und taten den Sargdeckel hinter uns zu . Außer den Särgen befand sich in der Gruft ein Schrein , dessen Tür verschlossen war . Eine Leiter führte zur Decke , und hier mußte eine Falltür sein . Ich kletterte hinan und stemmte mich wider die eiserne Platte . Sie hub sich und klappte mit dumpfem Falle seitwärts . Wir stiegen in ein Gewölbe , das wohl ebenfalls unterirdisch war , da es keinerlei Fenster hatte . Nur eine Tür , mit Eisen beschlagen . Ich rüttelte daran , sie schien von außen mit einem Vorhängeschloß versperrt . Das Gewölbe enthielt Truhen und Schreine , sowie etliche Fässer . Ich ward nun inne , daß wir in einer Gerätekammer der Kirche waren , wohin ich als Knabe meinen Vater einmal begleitet hatte . Tat eine Truhe auf und fand eine Altardecke von schwarzem Sammet . » Kirchengerät ! « sprach ich . » Vor den Plünderern hat man ' s geborgen . Hier muß ein guter Versteck sein . « Auch die Truhen waren mit seinen Geweben angefüllt . Ein Schrein enthielt kostbare Leuchter und Wachskerzen , ein anderer silberne Kelche und Kannen , ein dritter ein Kästlein von Ebenholz , angefüllt mit Oblaten des heiligen Abendmahls . Da ich Thekla fragend ansahe , erschauderte sie und faltete die Hände . Ich verspürete auf einmal nagenden Hunger , brennenden Durst . » In den Fässern ist Altarwein , « flüsterte ich ; » sollen wir nicht ein Weniges davon trinken ? « Thekla schwieg . » Der Wein hat noch keine Weihe , « - fuhr ich fort - » man darf ihn trinken . « Wankend setzete sich Thekla auf eine Truhe , ließ den Kopf hängen und ächzete : » Ach - ich - verschmachte . « Da holte ich hastig eine der silbernen Kannen , drehte am Zapfen eines Fasses , ließ dunklen Wein in die Kanne laufen und hielt sie an Theklas Mund . Thekla tat einen langen Zug , und nun trank auch ich , flammend Leben rann durch unsere Adern , neue Kraft und Hoffnung war auf einmal da . » Auch essen dürfen wir , « sagte ich . » Stehet nicht geschrieben , daß Gottes Knecht David sich Hungers halber vom Priester die heiligen Schaubrote geben ließ ? Überdies werden die Oblaten ja erst im Abendmahl der Leib des Herrn . « Thekla blickte zuversichtlich : » Und wären sie selbst schon geweiht , unser Heiland würde denken : Euch zwei armen Menschenkindern ist meine Speise Rettung des Leibes und der Seele . Nehmet hin und esset ! « » Amen ! « sprach ich und brachte meiner Braut das Kästlein mit dem heiligen Gebäck ; wir aßen und genossen dazu vom Weine . Taumelnd lehnte Thekla ihren Kopf an meine Brust , und für ein Weilchen kehrte wieder jenes Entzücken , so mich im unterirdischen Gange begnadet hatte . Singen und klingen hörte ich die himmlischen Heerscharen . Bald freilich ward ich inne , daß man droben in der Kirche zur Orgel sang . Da ergriff mich Zagen . Hatte allbereits vermeinet , seit unserer Flucht über die Dächer , allwo ich das Choralsingen der bangen Kirchengemeinde zuerst vernommen , sei eine lange Zeit verflossen ; und nun ward mir klar , daß es wohl nur ein Viertelstündlein gewesen , und daß die Feindesnot erst eigentlich beginne . » Was ist dir ? « fragte Thekla erschrocken . Ich sprang auf . » Wir dürfen der Gefahr nicht vergessen . « Und ich leuchtete mit der Laterne in der Gerätekammer umher , beunruhigt von dem Gedanken , wir möchten keinen Ausweg finden . Da vernahm ich Orgelton und Gesang , er kam von einer Ecke des Gemaches her , und dort führte eine Schneckentreppe aufwärts . Ich stieg mit der Laterne hinauf und gelangte in einen schmalen Raum , allwo ich nicht weiter konnte . Der Choral aber scholl deutlich durch die eine Wand . Sie betastend ward ich inne , daß sie aus schwanker Leinewand bestund , und durch ein taghell schimmernd Löchlein sah ich in die Kirche , gerade auf den Prädikanten , so am Altare betete , während die Gemeinde rings um ihn auf den Knien lag . Nun erkannte ich , daß ich in einer ausgehöhlten Seitenwand der Kirche war , nur durch eines Gemäldes Leinewand vom Altarraume getrennt . Ein Ausweg aus den unterirdischen Räumen war ja nun gefunden . Zugleich aber bildete dieser Ausweg eine Gefahr . Da sprach ich zu Thekla , die neben mir stund und durch das Loch des Bildes schaute : » Wir müssen wieder hinunter zu den Särgen ! In der Gerätekammer ist keine Sicherheit . Dringen die Feinde in die Kirche ein , so werden sie alles nach Schätzen durchstöbern . Und wimmern Küster und Prediger erst in der Folter , so verraten sie wohl , wo die silbernen Geräte liegen . Übrigens braucht ein Plünderer nur seine Picke in dies Gemälde zu stoßen , so ist die Höhlung entdeckt und wird für einen Versteck von Schätzen oder Menschen gehalten . Und wird nicht die nahende Feuersbrunst auch die Kirche ergreifen ? Kann nicht der Dachstuhl brennend zusammenbrechen ? Wer weiß , ob das obere Gewölbe den Einsturz aushält ? Hinunter also ! « Wir kehrten zur Gerätekammer zurück , Thekla nahm das Kästchen mit dem Abendmahlgebäck , ich zween Leuchter nebst Wachskerzen , und wir begaben uns durch die Falltür wieder in die Gruft . Holten noch eine Kanne Weines , einen Becher , die Truhe mit Altardecken und Tüchern . Anfangs hatten wir vor , den ganzen Kirchenschatz zu bergen ; indessen schien es ratsam , den Plünderern etliche Kostbarkeiten zu lassen , auf daß sie nicht weiter suchen möchten . Um zu beobachten , was sich ereigne , waren wir aufs neue zur Gerätekammer emporgestiegen ; da vernahmen wir , wie der Choral in der Kirche abbrach , wie dann ein Poltern und Krachen losging , als ob man die Kirchenpforte erbreche , und auf einmal ein vielstimmig Angstgeschrei und Weheklagen anhub . Ich fühlte mein Herz pochen und Kampfeswut mir zu Häupten steigen . Machte meine Muskete bereit , hastete die Schneckentreppe hinan und lugete durch das Loch . Um den Prediger , der mit entsetzt aufgerissenen Augen und ausgebreiteten Armen am Altare stund , drängten sich weinend und händeringend Weiber und Kinder , wie Küchlein , so unter der Mutter Fittig Schutz suchen . Etliche Männer aber waren handgemein mit der eingedrungenen Soldateska . Schüsse krachten , Partisane und Säbel blitzten , man brüllte gleich wütenden Stieren , stöhnend sanken die Opfer hin , und aus ihren Körpern quollen rote Bäche . Nun lösete sich der Menschenknäuel um den Altar in einzelne Gruppen auf , wo allerlei Drangsale vorgenommen wurden . Wie Teufel sahen die Beutemacher aus , dunkelrot die Gesichter , blitzend die Augen . Da würgete einer einen alten Mann , einem Frauenzimmer riß man die Kleider vom Leibe . Zween Soldaten packten einen Bürger und quälten ihn durch Drehen seiner Arme , daß er aufschrie . Dann ließen sie nach und herrschten ihn an : » Gesteh ! « Viele Plünderer schleppten ihre Opfer fort , auf daß sie in den Wohnungen verborgene Schätze angeben sollten . O wie schnitt mir die Folter der armen Menschen , das Stöhnen und Kreischen , das Wimmern und Röcheln ins Herze ! Zu mehreren Malen bäumte sich in mir die Rachsucht auf , und ich hätte mit der Muskete in die Plünderer hineinschießen mögen . Doch zügeln mußte ich mich , um meine geliebte Braut nicht zu gefährden . Und so schaute ich tatenlos zu , wie grausam der Feind meinen Landsleuten und Glaubensgenossen mitspielete . Manchesmal wandte ich mich ab vor Entsetzen , schüttelte die Faust und biß hinein in ohnmächtiger Wut . Da legte sich eine Hand auf meine Schulter , Theklas Antlitz stund voll Schmerz und Tränen . Das grausige Schauspiel hatte sie mit angesehen , da auch sie eine Öffnung im Gemälde gefunden . Nun stund sie erschüttert und ratlos , die Hände ringend . Dann warf sie sich an meine Brust und schluchzte . Ich hielt die zitternde Braut umschlungen und streichelte wortlos ihre Wange . » Ach , Johannes , laß uns nicht wieder hinschauen ! Das ist ja die Hölle ! Ihr Anblick weckt böse Geister . « Ich nickte , und wir kauerten uns in eine Mauernische . Aber nun vernahmen wir mit dem Ohre , was in der Kirche geschah ; es war , als ob ein Bann uns zwinge , darauf zu achten . Und es dehnte sich die Zeit - wir seufzeten - aber des Schreckens war kein Ende . Horch , nun scholl aus rauhen Kehlen ein Sauflied und ein Jauchzen , als ob man sich beim Weine verlustiere . Dann Weiberkreischen und wiehernd Gelächter . Die Augen aufgerissen , als ob sie innerlich schaue , brütete Thekla schweigend . Ungeduld quälte mich . Dies Hinhorchen war ja schlimmer als das Zuschauen . Sprang also auf und lugete wieder durch die Öffnung des Gemäldes . Ist das nicht der Prädikant ? Ganz nahe lehnt er an einer Säule , matt zum Hinsinken . Bleich sein Gesicht , der Priesterkragen mit Blut besudelt . Ein Kroat hält die Muskete auf ihn angeschlagen , während ein zweites Feuerrohr am Boden liegt . Als eine reißende Bestia ist der Kerl anzuschauen , wie er die Augen funkeln läßt im gelben Gesicht und , den gepichten Schnauzbart wie Eisen spitzig , in jeder Backe eine Mordkugel vorrätig hält . » Pfaff , gib Geld ! « stößt er heiser hervor . » Gib Geld - oder - « Da wirst sich eine junge Frau , ihr Kindlein im Arm , vor den Kroaten hin und ruft : » Erbarmen ! Gnade ! Pardon ! Wir haben ja kein Geld mehr ! Gnade ! Pardon ! Mein Mann ist geistlich ! « » Ah , Ketzer ! « schnaubt der Kerl . » Pfaff , gib Geld - oder - « Nun legt die Frau ihr wimmernd Kind auf den Boden , nestelt an ihrem Brustleibchen , reißt etwas Glitzerndes ab und beut es dem Eisenbeißer dar . Kalt blickt der Wüterich , bläset darauf die Lunte seiner Muskete an und will schießen . Da ermannet sich die verzweifelte Frau , schlägt ihm die Muskete in die Höhe , wobei der Schuß losgeht , rafft das andere Feuerrohr vom Boden auf und legt es wider den Feind an . Der glotzt wie versteinert . Indem aber tritt ein anderer Feind von hinten zur Frau und trifft sie mit einer Keulhaue auf den Kopf , daß sie taumelt . Zugleich springen von allen Seiten Feinde herbei , geschwungene Säbel blitzen und zerhacken den hingesunkenen Körper wie Fleisch auf dem Metzgerblocke . Hierauf so packen die Mörderfäuste das am Boden liegende Kindlein an den Beinen und reißen es voneinander wie einen Tuchfetzen . Da halte ich mich nicht länger , und wie Thekla mir zuruft : » Ja , schieß ! « stecke ich die Muskete durch die Öffnung , nehme mir einen Bluthund aufs Korn und brenne los . Zugleich knallt Theklas Pistol . Der Pulverdampf verhüllt die Gruppe . Wie er sich verteilt , wälzen sich zween Soldaten im Blute , während die anderen sich fortgemacht haben , und nur einer , den Karbiner angeschlagen , zum Gemälde emporstarrt , verdutzt , weil zwar Rauch , aber kein Schütze zu erblicken . Dann wendet der Soldat sein Gesicht ganz aufwärts , als ob er oben im Gewölbe etwas Seltsamliches gewahr werde . Gleich darauf reißt er die Augen auf und schreit : » Feurioh ! « Wie ich mich bemühe , durch das Loch emporzuspähen , siehe , da bricht an einer Stelle der gewölbten Decke schwarzer Qualm herfür und eine Funkengarbe . Und auf einmal geht ein Gebrüll los : » Feurioh ! Die Kirche brennt ! « Ein Teil der Plünderer rennt zur Kirchenpforte , der andre Teil scheint es nicht eilig zu haben . Aber da kommt ein Soldat zurückgelaufen : » Macht fort ! Das ganze Stadtviertel brennt ! « Nun geht die Flucht erst recht los , alles , was sich regen kann , drängt zum Ausgange . Bis auf wenige Kerle , die entweder kaltblütig oder sinnlos fortfahren , ihren räuberischen und bestialischen Gelüsten zu fröhnen . Einer zerrt am Fuß eines erschlagenen Bürgers , ihm den Stiefel abzuziehen . Ein paar Saufbrüder wanken gröhlend Arm in Arm , den gefüllten Kirchenpokal erhoben . Bald aber sind die Menschenlaute verstummt , und nun haucht und wispert und knattert die Feuersbrunst . Fragend sehe ich Thekla an : » Sollen wir hinaus ? Oder bleiben ? « » Bleiben ! « meint sie . » Denn so wir selbst der Feuersbrunst entgehen , wird uns diese Soldateska empfahen . « » Laß uns zuvörderst kundschaften ! Komm Thekla , wir wollen uns umschauen ! « Mit dem