schwülen Abendstunde sind mir allerlei gute Einfälle gekommen , und ich hoffe Ihnen bald manches Sonderbare über Ägidius erzählen zu können , wie der mordlustige und traurige Jüngling nun endgültig benannt ist , über den tiefsinnig-undurchdringlichen Fürsten , über den lächerlichen Herzog Heliodor , unter welchem Namen ich Ihnen den Bräutigam der Prinzessin vorzustellen die Ehre habe , und ganz besonders über die Prinzessin selbst , die ein viel merkwürdigeres Geschöpf zu sein scheint , als ich anfangs vermutet habe . « » Das bezieht sich auf den Operntext ? « fragte Anna und ließ ihre Arbeit sinken . » Natürlich « , antwortete Georg und las weiter . » Sie sollen auch gleich erfahren , mein Lieber , daß ich in den letzten Wochen einige vorläufig nicht besonders unsterbliche Verse zum ersten Akt verfertigt habe , die nun bis auf weiteres , ohne Ihre Musik nämlich , in der Welt herumhüpfen , wie ungeflügelte Engel . Der Stoff reizt mich in seltsamer Weise . Und ich bin schon selber neugierig , worauf ich eigentlich mit ihm hinaus will . Auch allerlei anderes hab ich begonnen ... entworfen ... bedacht . Und , kurz und frech gesagt , es ist mir , als kündigte sich eine neue Epoche in mir an . Doch das klingt frecher , als es ist . Denn auch Rauchfangkehrer , Salamutschimänner und Feldwebel haben ihre Epochen . Unsereiner weiß es nur immer gleich . Was ich für sehr wahrscheinlich halte , ist , daß ich aus dem phantastischen Element , in dem ich mich jetzt behage , sehr bald in ein höchst reales hinab oder hinauf steigen dürfte . Was würden Sie zum Beispiel dazu sagen , wenn ich mich in eine politische Komödie einließe ? Und schon fühl ich , daß das Wort von der Realität nicht völlig stimmt . Denn mir scheint , Politik ist das phantastischeste Element , in dem Menschen sich überhaupt bewegen können , nur , daß sie es nicht merken ... Hier wäre die Sache vielleicht anzupacken . Dies fiel mir ein , als ich neulich einer politischen Versammlung anwohnte , ( unwahr , diese Gedanken kommen mir soeben ) , jawohl einer Versammlung von Arbeitern und Arbeiterinnen in der Brigittenau , in die ich mich an der Seite von Mademoiselle Therese Golowski verfügt hatte und in der ich sieben Reden über das allgemeine Wahlrecht anzuhören bemüßigt war . Jeder von den Rednern auch Therese war darunter sprach ungefähr so , als gäbe es für ihn persönlich nichts Wichtigeres , als die Lösung dieser Frage , und ich glaube , keiner von ihnen ahnte , daß ihm in der Tiefe der Seele die ganze Frage ungeheuer gleichgültig war . Therese war natürlich sehr empört , als ich ihr das eröffnete , und erklärte mir , daß ich von dem vergiftenden Skeptizismus Nürnbergers angesteckt sei , mit dem ich überhaupt zu viel verkehre . Sie ist sehr schlecht auf ihn zu sprechen , seit er sie vor einigen Wochen im Kaffeehaus gefragt hat , ob sie zu ihrem nächsten Hochverratsprozeß hohe Frisur oder aufgesteckte Zöpfe tragen werde ? Übrigens stimmt es , daß ich mit Nürnberger viel zusammen bin . In schweren Stunden gibt es wohl keinen , der einem mit mehr Güte entgegenkäme . Nur daß es manche Stunden gibt , von deren Schwere er nichts ahnt oder nichts wissen will . Es gibt allerlei Schmerzen , von denen ich fühle , daß er sie unterschätzt und von denen ihm gegenüber zu sprechen ich daher aufgehört habe . « » Was meint er denn ? « unterbrach ihn Anna . » Offenbar die Geschichte mit der Schauspielerin « , erwiderte Georg und las weiter : » Dafür ist er wieder geneigt , andere Schmerzen zu überschätzen , aber das ist wahrscheinlich meine Schuld , nicht seine . Ich muß es gestehen , dem Verlust , den ich durch den Tod meines Vaters erlitt , hat er eine Teilnahme entgegengebracht , die mich beschämt hat . Denn so furchtbar es mich getroffen hat , wir waren einander so fremd geworden , schon lange bevor der Wahnsinn über ihn hereinbrach , daß sein Tod mir gleichsam nur ein weiteres , grauenhafteres Entrücken bedeutete , nicht eine neue Erfahrung . « » Nun ? « fragte Anna , da Georg innehielt . » Mir fällt eben was ein . « » Was denn ? « » Die Schwester von Nürnberger liegt auf dem Friedhof von Cadenabbia begraben . Ich hab dir ja von ihr erzählt . Ich will dieser Tage einmal hinüberfahren . « Anna nickte . » Ich fahr vielleicht mit , wenn mir ganz wohl ist . Mir ist Nürnberger nach allem , was ich von ihm höre , viel sympathischer als dein Freund Heinrich , dieser schauerliche Egoist . « » Du findest ? « » Na höre , wie er über seinen Vater schreibt , das ist doch beinahe unerträglich . « » Gott , wenn man einander so fremd geworden ist wie die zwei . « » Trotzdem . Auch meinen Eltern bin ich innerlich nicht gerade sehr nah . Und doch ... wenn ich ... nein , nein ich will lieber gar nicht an solche Dinge denken . Willst du nicht weiter lesen ? « Georg las : » Es gibt ernstere Dinge als den Tod , traurigere gewiß , weil eben diesen andern Dingen das Endgültige fehlt , das im höhern Sinn das Traurige des Todes wieder aufhebt . Es gibt zum Beispiel lebendige Gespenster , die auf der Straße wandeln bei hellichtem Tag , mit längst gestorbenen und doch sehenden Augen , Gespenster , die sich zu einem hinsetzen und mit einer Menschenstimme reden , die viel ferner klingt als aus einem Grab heraus . Und man könnte sagen , daß in Augenblicken , da man dergleichen erlebt , das Wesen des Todes sich viel unheimlicher erschließt , als in solchen , da man dabeisteht , wie jemand in die Erde gesenkt wird ... und wär er einem noch so nah gestanden . « Georg ließ den Brief unwillkürlich sinken , und Anna sagte mit Bestimmtheit : » Du kannst ihn dir schon behalten deinen Freund Heinrich . « » Ja « , erwiderte Georg langsam , » er ist manchmal ein bißchen affektiert . Und doch ... o , das ist ja schon das erste Läuten zum Lunch , lesen wir rasch zu Ende . « » Aber nun muß ich Ihnen doch erzählen , was sich gestern hier zugetragen hat , die peinlichste und lächerlichste Geschichte , die mir seit langem vorgekommen ist , und leider sind die Beteiligten unsere guten Bekannten Ehrenberg Vater und Sohn . « » O « , rief Anna unwillkürlich . Georg hatte die folgenden Zeilen rasch für sich durchgeflogen und schüttelte den Kopf . » Was ist denn ? « fragte Anna . » Das ist doch ... höre nur « , und er las weiter . » Wie sehr sich das Verhältnis zwischen dem Alten und Oskar im Lauf des letzten Jahres zugespitzt hat , wird Ihnen ja nicht entgangen sein . Sie kennen ja auch die innern Gründe , so daß ich den Vorfall einfach berichten kann , ohne mich über die Motive des breitern auszulassen . Denken Sie also . Gestern zur Mittagszeit geht Oskar an der Michaelerkirche vorüber und lüftet den Hut . Sie wissen , daß es zurzeit kaum eine Eigenschaft gibt , die für eleganter gilt als die Frömmigkeit . Und so bedarf es vielleicht nicht einmal einer weiteren Erklärung wie z.B. die , daß eben ein paar junge Aristokraten aus der Kirche gekommen sein mögen , vor denen sich Oskar katholisch gebärden wollte . Weiß der Himmel wie oft er schon vorher sich dieser Falschmeldung ungefährdet schuldig gemacht hat . Das Unglück wollte nun gestern , daß im selben Moment der alte Ehrenberg des Wegs daherkommt . Er sieht wie Oskar vor dem Kirchentor den Hut abnimmt ... und von einer fassungslosen Wut ergriffen , holt er aus und haut seinem Sprößling eine Ohrfeige herunter . Eine Ohrfeige ! Oskar dem Reserveleutnant ! Mittag , im Zentrum der Stadt ! Daß die Geschichte noch am selben Abend in der ganzen Stadt bekannt wurde , ist also weiter nicht merkwürdig . Heute steht sie auch schon in einigen Zeitungen zu lesen . Die jüdischen schweigen sie zwar tot , von ein paar Klatschblättern abgesehen , die antisemitischen legen sich natürlich mächtig hinein . Das beste leistet der Christliche Volksbote , der verlangt , daß beide Ehrenbergs wegen Religionsstörung oder gar Gotteslästerung vor die Geschworenen kommen . Oskar soll vorläufig abgereist sein , unbekannt wohin . « » Nette Familie « , sagte Anna mit Überzeugung . Wider Willen mußte Georg lachen . » Du an der Geschichte ist Else wirklich vollkommen unschuldig . « Die Glocke tönte zum zweitenmal . Sie begaben sich in den Speisesaal und nahmen an ihrem kleinen Tisch am Fenster Platz , wo immer für sie allein gedeckt war . An der langen Tafel , in der Mitte des Saals , saßen kaum ein Dutzend Gäste , meist Engländer und Franzosen , auch ein nicht mehr ganz junger Mann , der erst seit zwei Tagen da war und den Georg für einen österreichischen Offizier in Zivil hielt . Im übrigen kümmerte er sich um ihn so wenig als um die andern . Georg hatte den Brief Heinrichs zu sich gesteckt . Es fiel ihm ein , daß er ihn noch nicht zu Ende gelesen . Beim schwarzen Kaffee nahm er ihn wieder vor und überflog den Schluß . » Was schreibt er denn noch ? « fragte Anna . » Nichts Besonderes « , antwortete Georg . » Von Leuten , die dich nicht besonders interessieren dürften . In seine Kaffeehausgesellschaft scheint er wieder hinein geraten zu sein , mehr als ihm lieb ist , und mehr als er zugesteht , offenbar . « » Er wird schon hineinpassen « , sagte Anna beiläufig . Georg lächelte nachsichtig . » Es ist immerhin ein komisches Volk . « » Was ist denn mit ihnen ? « fragte Anna . Georg hatte den Brief neben der Tasse liegen , blickte hinein . » Der kleine Winternitz ... weißt du ... der im Winter einmal mir und Heinrich seine Gedichte vorgelesen hat ... geht nach Berlin als Dramaturg eines neu gegründeten Theaters . Und Gleißner , der uns einmal im Museum so angeglotzt hat ... « » Ja der ekelhafte Kerl mit dem Monokel ... « » Also der erklärt , daß er das Schreiben überhaupt aufgibt , um sich ausschließlich dem Sport zu widmen ... « » Dem Sport ? « » Einem ganz eigenartigen . Er spielt mit Menschenseelen . « » Wie ? « » Hör nur . « Er las : » Jetzt behauptet dieser Hanswurst mit der Lösung folgender zweier psychologischen Aufgaben zugleich beschäftigt zu sein , die sich in geistreicher Weise ergänzen . Erstens : ein junges , unverdorbenes Geschöpf aufs furchtbarste zu depravieren und zweitens eine Dirne zur Heiligen zu machen , wie er sich ausdrückt . Er verspricht nicht zu ruhen , ehe die erste in einem Freudenhaus , die zweite in einem Kloster endet . « » Eine nette Gesellschaft « , bemerkte Anna und stand vom Tisch auf . » Wie klingt das alles hierher ! « sagte Georg , und folgte ihr in den Park . Über den Wipfeln der Bäume ruhte sonnenschwer ein dunkelblauer Tag . Eine Weile standen sie an der niederen Balustrade , die den Garten von der Straße schied , und sahen über den See zu den Bergen hin , die hinter silbergrauen im Sonnenlicht bebenden Schleiern dämmerten . Dann spazierten sie tiefer in den Park , wo die Schatten kühler und dunkler waren , und während sie Arm in Arm über den leise knisternden Kies wandelten , längs der hohen braunen efeubewachsenen Mauer , über die alte Häuser mit schmalen Fenstern hereinstarrten , plauderten sie von den Nachrichten , die heute gekommen waren . Und zum ersten Male stieg eine leichte Sorge in ihnen auf , bei dem Gedanken , daß sie nun aus der freundlichen Geborgenheit der Fremde so bald wieder nach Hause sollten , wo selbst der Alltag von geheimen Fährlichkeiten erfüllt schien . Sie setzten sich unter die Platane an den weiß lackierten Tisch . Wie mit Absicht war dieser Platz immer für sie freigehalten . Nur gestern Nachmittag war der neu angekommene österreichische Herr dagesessen , hatte sich aber , durch einen mißbilligenden Blick Annas fortgewiesen , mit höflichem Gruß entfernt . Georg eilte aufs Zimmer und holte für Anna ein paar Bücher , für sich einen Band von Goethe-Gedichten und das Manuskript seines Quintetts . Nun saßen sie beide da , lasen , arbeiteten , sahen zuweilen auf , lächelten einander an , sprachen ein paar Worte , guckten wieder ins Buch , blickten über die Balustrade ins Freie und fühlten den Frieden in ihren Seelen und den Sommer in der Luft . Sie hörten , wie der Springbrunnen hinter dem Busch ganz nahe rauschte und dünne Tropfen auf den Wasserspiegel fielen . Manchmal knarrten die Räder eines Wagens jenseits der hohen Mauer , zuweilen tönten vom See her dünne , ferne Pfiffe , seltener noch klangen Menschenstimmen von der Uferstraße in den Garten herein . Von Sonne vollgetrunken drückte der Tag auf die Wipfel . Später , mit dem leisen Wind , der jeden Nachmittag vom See her wehte , verstärkten und mehrten sich Laute und Stimmen . Die Wellen schlugen hörbar an den Strand , Rufe der Schiffer tönten herauf , jenseits der Mauer klang Gesang junger Leute . Vom Springbrunnen sprühten winzige Tröpfchen her . Der Hauch des nahen Abends weckte Menschen , Land und Wasser wieder auf . Schritte tönten auf dem Kies . Therese , schlank und weiß , kam rasch die Allee gegangen . Georg stand auf , ging ihr ein paar Schritte entgegen , reichte ihr die Hand . Auch Anna wollte sich erheben , Therese ließ es nicht zu , umarmte sie , gab ihr einen Kuß auf die Wange und setzte sich zu ihr . » Wie schön ist es da ! « rief sie aus . » Aber bin ich euch nicht zu früh gekommen ? « » Was fällt dir ein , ich freu mich ja so « , erwiderte Anna . Therese betrachtete sie mit prüfendem Lächeln und ergriff ihre beiden Hände . » Na , dein Aussehen ist beruhigend « , sagte sie . » Es geht mir auch sehr gut « , erwiderte Anna . » Und dir wie es scheint nicht minder « , setzte sie mit freundlichem Spott hinzu . Georgs Augen ruhten auf Therese , die wieder ganz weiß wie morgens , diesmal noch eleganter , in englisches gesticktes Leinen gekleidet war und um den freien Hals eine Schnur aus lichtrosa Korallen trug . Während die beiden Frauen über den sonderbaren Zufall ihres Wiedersehens sprachen , erhob sich Georg , um Aufträge für das Diner zu erteilen . Als er in den Garten wiederkehrte , waren die beiden andern nicht mehr da . Er sah Therese auf dem Balkon , den Rücken an das Geländer gelehnt , mit Anna reden , die unsichtbar , in der Tiefe des Zimmers weilen mochte . In guter Stimmung spazierte er in den Alleen hin und her , ließ Melodien in sich singen , fühlte seine Jugend und sein Glück , warf zuweilen einen Blick auf den Balkon oder über die Balustrade auf die Straße und sah endlich Demeter Stanzides herankommen . Er ging ihm entgegen . » Seien Sie willkommen « , begrüßte er ihn am Gartentor . » Die Damen sind oben auf dem Zimmer , werden aber bald erscheinen . Wollen Sie sich indessen ein bißchen den Park ansehen ? « » Gern . « Sie spazierten miteinander weiter . » Haben Sie die Absicht , länger in Lugano zu bleiben ? « fragte Georg . » Nein , wir fahren morgen nach Bellaggio , von dort an den Lago Maggiore , Isola bella . Die ganze Herrlichkeit dauert ja nimmer lang . In vierzehn Tagen müssen wir wieder zu Hause sein . « » So kurzen Urlaub ? « » Ach , es ist nicht meinetwegen . Aber Therese muß zurück . Ich bin ein ganz freier Mann . Ich hab schon meinen Abschied im Sack . « » Sie wollen sich also ernstlich auf Ihr Gut zurückziehen ? « » Mein Gut ? « » Ja , ich hab so was gehört , bei Ehrenbergs . « » Aber ich hab doch das Gut noch gar nicht . Steh allerdings in Unterhandlungen . « » Und wo werden Sie sich ankaufen , wenn ich fragen darf ? « » Wo sich die Füchs ' gute Nacht sagen . Es wird Ihnen wenigstens so vorkommen . An der ungarisch-kroatischen Grenze . Ziemlich einsam und entlegen , aber sehr merkwürdig . Ich hab eine gewisse Sympathie für die Gegend . Jugenderinnerungen . Drei Leutnantsjahre . Offenbar bild ich mir ein , ich werde dort wieder jung werden . Na , wer weiß . « » Eine schöne Besitzung ? « » Nicht übel . Vor zwei Monaten hab ich sie mir wieder angesehen . Hab sie nämlich schon aus früherer Zeit gekannt . Dem Grafen Jaczewicz hat sie gehört dazumal . Zuletzt einem Fabrikanten . Dem ist seine Frau gestorben . Jetzt fühlt er sich einsam da unten und will ' s los werden . « » Ich weiß nicht « , sagte Georg , » aber ich stell mir die Gegend ein bissel melancholisch vor . « » Melancholisch ? Na , mir scheint , in einer gewissen Lebensepoche kriegt jede Gegend ein melancholisches Ansehen . « Und er blickte rings um sich , wie um sich einen neuen Beweis von der Wahrheit seiner Worte zu verschaffen . » In welcher Epoche ? « » Na , wenn man anfängt alt zu werden . « Georg lächelte . Demeter erschien ihm so schön , und trotz der grauen Haare an den Schläfen noch jung . » Wie alt sind Sie denn Herr Stanzides , wenn ich fragen darf ? « » Siebenunddreißig . Ich sag ja nicht alt sein , sondern alt werden . Die Menschen reden meist erst vom Altwerden , wenn sie ' s schon lang sind . « Am Ende des Gartens , dort wo er an die Mauer stieß , setzten sie sich auf eine Bank . Von hier aus hatten sie das Hotel und die große Gartenterrasse im Auge . Die obern Stockwerke mit den Balkons waren ihnen durch die Baumkronen verborgen . Georg bot Demeter eine Zigarette an und nahm sich selbst eine . Und beide schwiegen eine Weile . » Sie gehen übrigens auch von Wien fort , hab ich gehört « , sagte Demeter . » Ja , das ist sehr wahrscheinlich ... wenn ich nämlich eine Stellung an irgendeiner Opernbühne bekomme . Na und ist ' s heuer nicht , so ist ' s nächstes Jahr . « Demeter saß mit übereinandergeschlagenen Beinen , hielt das eine mit der Hand beim Knöchel fest und nickte . » Ja , ja « , sagte er und blies den Rauch langsam und schmal durch die Lippen . » Ein Talent zu haben ist schon was Schönes . Da muß sich auch das mit den Lebensepochen irgendwie anders verhalten . Das ist eigentlich auch das einzige , um was ich einen Menschen beneiden könnte . « » Dazu haben Sie doch keinen Grund . Überhaupt Leute mit Talent sind gar nicht zu beneiden . Höchstens Leute mit Genie . Und die beneid ich wahrscheinlich noch mehr , als Sie es tun : Aber ich finde , Talente , wie das Ihrige , sind etwas viel Absoluteres , etwas viel Sichereres sozusagen . Man ist halt gelegentlich nicht in Form , gut ... aber da leistet man , wenn man überhaupt was kann , noch immer sehr Beträchtliches , während unsereiner , wenn er nicht in Form , gleich ein vollkommener Pfründner ist . « Demeter lachte . » Ja , aber es halt ' länger , so ein künstlerisches Talent , und es bildet sich mit den Jahren sogar weiter aus . Zum Beispiel der Beethoven . Die neunte Symphonie ist doch die allerschönste , nicht wahr ? Na , und der zweite Teil Faust ! ... Während wir mit den Jahren unbedingt zurückgehen , da hilft nichts . Selbst die Beethovens unter uns ! Und wie früh das schon anfangt . Von ganz seltenen Ausnahmen abgesehen . Ich zum Beispiel war mit fünfundzwanzig auf der Höhe . Nie wieder hab ich das erreicht , was ich mit fünfundzwanzig in mir gehabt hab . Ja , lieber Baron , das waren Zeiten ! « » Na , ich erinnere mich , Sie vor zwei Jahren ein Rennen gewinnen gesehen zu haben gegen Buzgo , der damals Favorit war , ... ich hab sogar auf ihn gewettet gehabt ... « » Lieber Baron « , unterbrach ihn Stanzides . » Glauben Sie mir , ich weiß , warum ich aufgehört hab . So was kann man nur selber spüren . Und darum weiß eben keiner so gut , wann das Altwerden anfängt wie ein Sportsmann . Da nützt auch alles Weitertrainieren nicht . Es wird nur eine künstliche Sache . Und wenn Ihnen einer erzählt , daß es anders ist , dann ist er einfach ... aber da kommen ja unsere Damen . « Sie standen beide auf . Arm in Arm näherten sich Therese und Anna , die eine ganz weiß , die andre in einem schwarzen Kleid , das , in weiten Falten zur Erde sinkend , ihre Formen völlig verbarg . Beim Springbrunnen begegneten sich die Paare . Demeter küßte Anna die Hand . » Das ist wirklich ein schöner Fleck Erde , auf dem ich das Glück habe , Sie wieder zu begrüßen , gnädige Frau . « » Es ist auch mir eine angenehme Überraschung « , erwiderte Anna , » ganz abgesehen von der Gegend . « » Weißt du « , sagte Georg zu Anna , » daß die Herrschaften morgen schon wieder abreisen ? « » Ja , Therese hat ' s mir erzählt . « » Wir wollen uns doch möglichst viel ansehen « , erklärte Demeter . » Und meiner Erinnerung nach sind die andern oberitalienischen Seen noch großartiger , als der hier . « » Von den andern weiß ich nichts « , sagte Anna . » Wir sind von da noch gar nicht weggekommen . « » Nun , vielleicht benützen Sie die Gelegenheit « , sagte Demeter , » und schließen sich uns für einen kleinen Ausflug an . Bellaggio , Pallanza , Isola bella . « Anna schüttelte den Kopf » Es wäre wohl schön , aber ich bin leider nicht mobil genug . Ja , unglaublich faul bin ich . Es gibt ganze Tage , wo ich nicht aus dem Park herauskomme . Aber wenn Georg Lust hat , mir auf ein bis zwei Tage zu echappieren , so habe ich gar nichts dagegen . « » Ich denke gar nicht dran dir zu echappieren « , sagte Georg . Er warf einen raschen Blick auf Therese , deren Augen leuchteten und lachten . Sie bummelten alle langsam durch den Garten , während es allmählich dämmerte , und plauderten über die Orte , die sie in der letzten Zeit gesehen hatten . Als sie wieder an den Tisch unter der Platane kamen , war gedeckt , und in den Glasglocken brannten die Gartenlichter . Eben brachte der Kellner den Kübel mit Asti . Anna setzte sich auf die Bank , die an den Stamm der Platane gelehnt war , ihr gegenüber saß Therese , zu ihren beiden Seiten Georg und Demeter . Das Essen wurde aufgetragen und der Wein eingeschenkt . Georg erkundigte sich nach den Wiener Bekannten . Demeter erzählte , daß Willy Eißler von der Reise ein paar glänzende Karikaturen mitgebracht hatte , sowohl von den Jägern , als von den Tieren . Der alte Ehrenberg hätte die Bilder gekauft . » Wissen Sie übrigens schon « , sagte Georg , » die Geschichte mit Oskar ? « » Welche Geschichte ? « » Nun , die Sache mit seinem Vater vor der Michaelerkirche . « Er erinnerte sich , daß er schon vorher , als die Damen noch nicht erschienen waren , Demeter die Geschichte hatte erzählen wollen , daß er es aber für richtiger gefunden hatte , sie zu unterdrücken . Nun war es wohl der Wein , der ihm wider Willen die Zunge löste . Er berichtete in kurzen Worten , was ihm Heinrich geschrieben hatte . » Das ist aber eine höchst traurige Geschichte « , sagte Demeter sehr betreten , so daß auch alle andern sich plötzlich ernster werden fühlten . » Warum eine traurige Geschichte ? « fragte Therese , » ich finde sie zum totlachen . « » Liebe Therese , du bedenkst nicht die Folgen , die sie für den jungen Menschen haben kann . « » Gott , ich weiß ganz gut , er wird halt in einem gewissen Kreis unmöglich sein . Das wird ihn höchstens zur Einsicht bringen , was für ein dummer Kerl er bisher gewesen ist . « » Na « , sagte Georg , » ob Oskar gerade zu den Leuten gehört , die zur Einsicht kommen ... ich glaub eigentlich nicht . « » Abgesehen davon , liebe Therese « , fügte Demeter hinzu , » daß das , was du Einsicht nennst , durchaus noch nicht die richtige zu sein braucht . Alle Menschengruppen haben ihre Vorurteile , auch ihr seid nicht frei davon . « » Was haben wir für Vorurteile , das möcht ich wissen « , rief Therese . Und sie trank zornig ihren Wein aus . » Wir wollen nur mit gewissen Vorurteilen aufräumen , besonders mit dem , daß es privilegierte Kasten gibt , die ihre besondere Ehre ... « » Bitte , liebe Therese , du bist hier in keiner Versammlung . Und es ist zu fürchten , daß der Applaus am Schluß deiner Rede dünner ausfallen wird , als du ' s gewohnt bist . « » Also schau « , wandte sich Therese zu Anna , » das ist die Art , wie ein Kavallerieoffizier Diskussionen führt . « » Pardon « , sagte Georg , » diese ganze Geschichte hat doch mit Vorurteilen kaum etwas zu tun . Eine Ohrfeige auf offener Straße auch von der Hand des eigenen Vaters ... ich glaube , man muß da gar nicht Reserveoffizier oder Student sein ... « » Diese Ohrfeige « , rief Therese , » hat für mich geradezu etwas Befreiendes . Sie bildet den würdigen Abschluß einer lächerlichen und überflüssigen Existenz . « » Abschluß , das wollen wir nicht hoffen « , sagte Demeter . » Man schreibt mir « , bemerkte Georg , » daß Oskar abgereist ist , unbekannt wohin . « » Wenn mir einer in der Sache leid tut « , sagte Therese , » ist es jedenfalls nur der Alte , der bei seinem guten Herzen wahrscheinlich heute die Unannehmlichkeiten schon bedauert , die er seinem versnobten Sohn verursacht hat . « » Gutes Herz ! « rief Demeter aus , » ein Millionär ! ein Fabrikbesitzer ! ... Aber Therese ... « » Ja , es kommt vor . Das ist zufällig einer von jenen , die in der Tiefe ihrer Seele mit uns eines Sinnes sind . Und an dem Abend , Demeter , an dem du das Vergnügen gehabt hast , mich zum erstenmal zu sehen , weißt du , warum ich damals bei Ehrenbergs gewesen bin ... ? Und weißt du , für welchen Zweck er mir damals ohne weiteres tausend Gulden gegeben hat ... ? Für ... « , sie biß sich auf die Lippen , » ich darf ' s ja nicht sagen , das war die Bedingung . « Plötzlich erhob sich Demeter und verbeugte sich vor jemandem , der eben vorbeiging . Es war der österreichische Herr , der gestern angekommen war . Er lüftete den Hut und verschwand im Dunkel des Gartens . » Sie kennen den Mann ? « fragte Georg nach ein paar Sekunden . » Mir ist auch , als kennte ich ihn , wer ist ' s denn nur ? « » Der Prinz von Guastalla « , sagte Demeter . » So ? « rief Therese unwillkürlich , und ihre Augen bohrten sich ins Dunkel . » Was schaust du denn ? « sagte Demeter . » Ein Mensch wie ein anderer . « » Er soll ja von Hof verbannt sein « , sagte Georg , » nicht wahr ? « » Davon ist mir nichts bekannt « , entgegnete Demeter , » aber jedenfalls ist er nicht gern gesehen . Er hat neulich eine Broschüre herausgegeben über gewisse Zustände in unserm Heer , insbesondere über das Leben der Offiziere in den Provinzen , was ihm sehr übel genommen wurde , obwohl in Wirklichkeit gar nichts Böses darin steht . « » Da hätt ' er sich an mich wenden sollen « , sagte Therese , » ich hätt ' ihm auch einiges mitteilen können . « » Liebes Kind « , wehrte Demeter ab , » das , was du wahrscheinlich wieder meinst , ist doch ein Ausnahmefall , da darf man nicht gleich verallgemeinern . « » Ich verallgemeinere nicht , aber ein solcher Fall genügt , um das ganze System ... « » Keine Rede , Therese ... « » Ich spreche von Leo « , wandte sich Therese an Georg . » Was der heuer durchmacht , das