Tonart seines weinenden Nachbars einzufallen , nicht aber seine Trauermelodie selbst anzustimmen . » Die Natur , « hub er leise an , als setze er sein Selbstgespräch fort , » ist doch von tiefer Gerechtigkeit , sie gleicht das äußere Leben durchs innere aus . Je schwärzer es außen um den Menschen wird , desto mehr wird er nach innen gedrängt , desto lebendiger entzündet er das Licht seiner inwendigsten Seele ; Leute , denen es immer nach Wunsch geht , sehen niemals die verborgenen Reize des unergründlichen Menschen . Der Flüchtling entdeckt alle versteckten Täler seiner Heimat . Nur das wäre ein zweifelloses Unglück , wenn großes Leid keine Poesie in dem Menschen zu wecken vermöchte , aber das geschieht nicht : die unglücklichsten Menschen sind immer die begabtesten . Ein jeder von ihnen trägt seine Tragödie im Herzen , die hebt und erquickt ihn . Der Schmerz ist der edelste Reiz . - - « Joel drückte ihm die Hand . Sein Schmerz löste sich in einzelne Worte , endlich in eine zusammenhängende Erzählung auf . Und es ist mit dem Schmerze ebenfalls wie mit schmollenden Liebesleuten : wenn sie erst zu sprechen anfangen , und sich ihr Leiden vorhalten , dann folgt auch die Versöhnung . Sein Vater Manasse spielte die Hauptrolle in der Erzählung . » Dieser lange , magere Mann , « sagte Joel , » war einst kräftig und schön , und in seiner gefurchten Stirn liegen lange , abenteuerliche Geschichten , unglückliche Geschichten . Er hat allen Wissenschaften obgelegen , die den menschlichen Geist anziehen , und nichts ist ihm geblieben , was sein Alter reizt und mit Anteil erfüllt , als sein Geld und sein Sohn . Nach jenem strecken tausend Diebe die Hände , über Nacht kann es verschwunden sein ; der Sohn , sein Stab und seine Stütze , verläßt ihn mit Undank . Der Glaube , an den sich der Vater krampfhaft klammert , obwohl er seinem Herzen fremd ist , dieser Glaube ist seinem Sohne ein Greuel . Und schiene die Sonne zwölf Monden lang ununterbrochen Tag und Nacht , sie fände in dieser kleinen Familie keinen glücklichen Winkel . « Joel seufzte tief und hielt einen Augenblick inne . » Nur aus Szenen der Verzweiflung , welche meinen armen Vater zuweilen überfällt , weiß ich einiges aus seinem Leben . Er ist verschlossen wie das Grab . Die Medizin scheint er in seinen jungen Jahren am eifrigsten betrieben zu haben ; in allen bedeutenden Städten Europas hat er sie ausgeübt . Aber auch die Ärzte haßt er wie die Pest . Einst war ich schwer krank und lag im Fieberschlummer auf dem Lager . Manasse saß weinend an meinem Bett und glaubte meinen Geist vom Fieber oder vom Schlafe befangen . Dem war aber nicht so , ich hörte alles , was er vor sich hinlispelte . Er verwünschte die Natur , wenn sie mich tötete , das Auge seines Lebens . Kein Mensch kann einen Pulsschlag schaffen , nur die Frechheit behauptet ' s , murrte er vor sich hin , rette ihn Zufall oder Jehova , rette ihn , wer am mächtigsten ist . Dann brach sich seine Stimme zu großer Milde , er rief mehrmals den Namen Maria , und erzählte vor sich hin , wie er des Abends in den Mantel gehüllt unter Kirchenpfeilern gestanden , wie sie gekommen sei und ihn geküßt habe , heiß und brünstig . Aber Jude - Jude - ein Jude ! stöhnte er ingrimmig , ich verlor die ganze Welt , und mein eigen Kind mußt ' ich mir stehlen . - - Jene Maria war vielleicht meine Mutter . Einmal nur hab ' ich ' s zu Manasse gesagt , da starrte er mich an und verfiel in eine schwere Krankheit . Kurz , mein Herr , ich bin als Jude aufgewachsen , und in dem einen Worte liegt das Unglück eines ganzen Menschenlebens . Die Juden Jerusalems kreuzigten Christum , und seine Bekenner kreuzigen dafür seit achtzehnhundert Jahren alles , was Jude heißt auf dem weiten Erdboden . Und was noch schlimmer ist , sie haben bereits einen großen Teil dieses Volkes so weit gebracht , daß er der Geißelung , der Verachtung würdig ist . Sie haben ihnen Messer und Schere genommen , und prügeln sie , wenn sie mit ungeschornem Barte umhergehen . - - Was soll ich Ihnen mehr erzählen ? Mit jenem Worte ist alles gesagt . Ich bin blind von Kindesbeinen auf - nicht genug : ich bin taub geboren - nicht genug : meine Zunge ist lahm und lernt nicht sprechen . - Solche Menschen nennt man elend , aber viel größeres Elend liegt in den drei Worten : Ich bin ein Jude . Jene sehen und hören nichts von der Schönheit der Welt , sie wissen nicht , was sie entbehren . Wir sehen und hören und dürfen nicht genießen . Es gibt kein größeres Unglück , als verachtet zu sein , nicht wahr ? - Doch , doch - das Unglück , einem verachteten Volke anzugehören , ist noch ein größeres . Verbirg dich jenseits der Meere , fliehe auf den Flügeln der Abendröte in die Nacht hinein , wo du einen Menschen findest , hörst du die drei fürchterlichen Worte : Er ist ein Jude ! - - Mein Vater ließ mich alles lernen , was ich erlernen wollte . Die Wissenschaft tröstet nicht , aber sie hilft . Damals war er noch sanfter , aber mit dem Alter stieg sein Unglück , weil seine Schwäche stieg . Seit einiger Zeit gehört er zu der überspannten Sekte , welche sie Chassidim nennen , und ist grundlos elend . Sonst kümmerte er sich nicht um seinen Glauben , nur aus Stolz verließ er ihn nicht ; er ließ mich gewähren , wenn ich mich um die Bräuche nicht kümmerte , er fragte nie danach - jetzt ist er bigott , ohne an seine neuen Dinge zu glauben . Er will einen Glauben haben , und zwar den strengsten , um die Öde seines Wesens zu bevölkern . Jetzt mag ihm mein Heidentum viel Herzeleid machen , obwohl er mir nimmer ein Wort darüber sagt . Als ich von der Universität heimkam , fand ich meinen Vater bei dem Herrn dieses Hauses , bei dem er Geschäfte hatte . Als dieser hörte , daß ich musikalische Kenntnisse besäße , fragte er , ob ich seiner Tochter Musikunterricht geben wolle , ihr Verlobter , der Graf Stanislaus liebe Musik . Fräulein Hedwig war damals ein Jahr jünger als jetzt ; man hatte die beiden jungen Leute schon als Kinder verlobt - ich blieb . Da kam die Revolution und der Krieg . Ich bat um eine Soldatenjacke , ich wollte ein Vaterland haben - man gewährte sie mir . Mit Ihnen , mein Herr , kam ich zum erstenmal seit dem Dezember wieder hierher , und ich törichter Mensch wundere mich , daß man mir unter dem Kaskett noch immer den Juden ansieht . - - Ich weiß selbst nicht , was mir fehlt , und ich will auch nicht mehr weinen - lassen Sie uns zu Bett gehen . « Der Vorschlag war dem Valerius nur zu angenehm , er hatte keinen Trost für ihn . Die Lücke in seiner Erzählung , wo er von der Universität heimkehrte , war ihm nicht entgangen . Man hatte das Feuer vergessen , es war dunkel geworden , nur die glühende Asche warf einen unsicheren roten Schimmer auf das schmerzenreiche Antlitz des schönen Joel . Valerius nahm ihn bei der Hand , und sie suchten schweigend ihre Zimmer . 9. Den andern Morgen schien die Sonne ; das trübe Wetter hatte sie bisher immer verborgen . Sie brachte Mut in das schwer gedruckte Herz des deutschen Freiwilligen . Die Sonne hat wirklich ein wunderbares Belebungselement für die sinnenden Menschen , die in lauter Gedanken das Leben hindurchklettern und jener körperlichen Anregung zur Freude entbehren , welche die stumpfe Masse und die eigentlich glücklichen Menschen zu Lust und Jauchzen stachelt . Valerius gehörte nicht zu diesen letzteren , und er verehrte darum die Sonne wie ein Peruaner ; sie war ihm das wirkliche Auge des Himmels , und Gott und der Himmel waren für ihn der Begriff von eitel Schönheit , Freude und Glück . Es war ihm aber auch dieser Trost nötiger als je , es tat ihm mehr als je not , ins Auge , in die Seele der Welt hineinzublicken . Er befand sich auf jenem traurigen Standpunkte menschlicher Entwickelung , wo der graue Zweifel , die aschfarbene Ungewißheit Herz und Geist anfüllt , wo bei leidenschaftlichen Menschen die Verzweiflung ausbricht , bei ruhigeren aber jene tötliche Gleichgültigkeit des Unbehagens . Sogar die Vergangenheit war ihm verleidet : sein eigenes sicheres , abgemachtes Wesen , das ihn früher ausgezeichnet hatte , war jetzt seiner Erinnerung ein Greuel . Abgeschmackt , eitel , töricht erschien ihm diese knabenhafte Sicherheit , dies ganze gesetzte Wesen , das ihm stets ein so großes Übergewicht unter seiner Umgebung eingeräumt hatte . Und doch waren es nicht jene Freiheitsgedanken an sich , die er jetzt bezweifelte ; es waren die Verhältnisse im großen , die allgemeinen historischen Entwickelungen , die ihm den Geist mit Dämmerung bedeckten . Er ahnte das Tausendfältige der menschlichen Zustände , die tausendfältigen Nuancen der Weltgeschichte , die millionenfachen Wechsel in der Gestalt eines Jahrhunderts und in der Gestalt seiner Wünsche und Bedürfnisse . Er sah die Armut des menschlichen Geistes , der reformieren will , neben dem unabsehbaren Reichtume , der unendlichen Mannigfaltigkeit dieser Welt und ihres verborgenen ewigen Gedankens . Wie ein Prisma schimmerte ihm aus dem Dunkel seiner Seele jener ewige Gott der Welt mit seinen Farben . Und dies Gefühl der Schwäche , daß er nicht eine einzelne bestimmte Farbe herausblicken konnte , das Gefühl der Ohnmacht , sie nicht im Geiste alle vereinigt halten zu können , dies Gefühl der menschlichen Beschränktheit drückte ihn zu Boden . Es gibt Menschen , welche zu stolz sind , einen Schritt weiter zu gehen , bevor sie das Ziel genau kennen , auf welches sie losschreiten . Zu diesen gehörte Valerius . Er glaubte noch an all seine früheren Gedanken , aber sie erschienen ihm jetzt unvollkommen , Anfänge der Bildung . Das sind die trostlosesten Momente im Leben , wo wir den Fuß erhoben haben von einer früheren Entwicklungsstufe , und noch keinen neuen festen Boden unter uns fühlen . Wir sehen mit Schrecken , wie tief jene Stufe noch gelegen , wir erinnern uns mit Scham , wie weit wir uns schon vorgeschritten glaubten , als wir auf . jener Stufe standen , und der Gedanke zerknirscht unser stolzes Herz , daß wir beim nächsten Ruhepunkte wieder in denselben Irrtum verfallen , und uns für fertig , für vollendet halten werden . Wir sehen ängstlich fragend zum Himmel : Wo ist das Ende , wo ist der Gipfelpunkt des Menschen ? Aber der blaue Himmel ist endlos für das menschliche Auge , und wenn wir noch so hoch gestiegen sind , wir wissen ' s nicht , ob es höher Stehende gibt , die uns verlachen . Da bricht das Herz , und wir greifen nach jener Milde und Toleranz für andere , damit wir Versöhnung in das Leben bringen . Valerius seufzte tief auf nach solchen Gedanken und sah schmerzlich lächelnd in die Sonne : » Nun denn , du mildes Licht , ich will eben weiter gehen , und jeder deiner Strahlen soll mir Mut verleihen . « Es war ihm sanft zu Sinne , als habe er sich recht ausgeweint , und er ging leichten Schrittes in den Hof hinunter , um einen Ritt ins Freie zu machen . Er wollte mit der Sonne schwelgen . Magyac war nicht zu sehen ; als wieder rüstig gewordener Soldat ging er nach dem Pferdestall , den litauischen Gaul selbst zu satteln , den ihm der Graf geschenkt hatte . Zu seinem Erstaunen fand er das Pferd schon gesattelt , sogar schon aufgezäumt . Beim Umherblicken bemerkte er , daß alle übrigen Gäule ebenfalls angeschirrt und zum Ausreiten bereit waren . In geringer Entfernung von ihm legte Magyac eben dem letzten noch übrigen Tiere einen alten Kosakensattel auf ; Cölestin stand neben ihm an die Pfoste gelehnt , und Valerius hörte bald , daß sie in einem lebhaften Zwiegespräch begriffen waren . Beide kehrten ihm den Rücken zu , und hatten ihn nicht gesehen . » Und was wird ' s euch helfen , ihr Tellerlecker , wenn ' s glücklich ausgeht , « sagte Magyac , » was ? Für ' nen dummen Herrn bekommt ihr einen klugen ? « » Besser einen , als zwei ! « erwiderte Cölestin . » Besser gar keinen ! « » Das geht nicht , dummer Bauer , Herrschaft muß sein . « Magyac lachte , hielt einen Augenblick inne im Schnallen des Sattelgurtes und sah vor sich hin , als besänne er sich auf etwas , dann sprach er schnell : » Dem Graf ist einer der schlimmsten - er schlägt die Woche siebenmal nach dir , und schenkt dir ' s ganze Jahr nicht einen Schluck . « » Dafür nehm ' ich mir alle Stunden einen . « Cölestin zog bei diesen Worten eine kleine Flasche aus seiner kurzen abgetragenen Kutka , stemmte sie fest unter seinen Schnurrbart , legte den Kopf tief in den Nacken und tat einen langen Schluck . Darauf schüttelte und räusperte er sich , gleich als ob ihm der Trunk entsetzlich vorkäme , und reichte dem Magyac die Flasche . Valerius belächelte diese Säufermanier und stellte sich hinter einen hohen Futterkasten , um dem Gespräche weiter zuzuhören , wenn sich Magyac etwa beim Zurückgeben der Flasche umkehren sollte . » Wie lange dienst du dem Grafen schon ? « » Länger als du Grünschnabel pfeifen kannst - im sechsunddreißigsten Jahre . « » Da hast du Kosciusco noch gesehen ? « » Alle Tage . « Und dabei nahm er seine Mütze andächtig vom Kopfe und murmelte etwas vor sich hin . Magyac hatte sich bei der Frage umgewendet und sah ihn mit blitzenden Augen an . » Kosciusco hat nie einen Polen geschlagen - weißt du das ? « Und dabei fing er das alte Volkslied an » Noch ist Polen nicht verloren « , und wenn er an den Refrain kam , » Kosciusco führt uns an « , da zwickte und kitzelte er das Pferd , daß es wieherte und hinten und vorn ausschlug , und je mehr es lärmte , desto stärker sang er . » Hatt ' es der Schmied gestern eilig ? « fragte Cölestin nach einer Weile . » Jawohl , die Hunde zotteln wie die Wölfe überall herum , sie hungern ! « » Nun , zu packen habe ich nicht viel , das silberne Tischzeug ist schon lange in Warschau , meinetwegen können sie jede Stunde kommen , ' s ist mir nur um die gnädige Gräfin - « » Ist ' s denn wahr , Cölestin , daß König Stanislaus in sie verliebt gewesen ist ? « » Es ist die beste Polin von der Warthe bis an den Dniepr , du naseweiser Lümmel . « » Ich weiß , ich weiß , Alter . Laß uns noch eins trinken . Solange der Schmied ein Paar Augen im Kopfe hat und seine großen Fäuste auf die Flinte legen kann , sind ihre weißen Haare in Sicherheit . ' s wird ein lustiges Jahr , du krummer Schimmel , und ' s werden viele Franzosen traurig werden , die unsere Kutka nicht mehr tragen mögen . Gib her , du langer Saufaus , ich will eins auf den alten Krukowiecki trinken . « In diesem Augenblicke hörte man Cölestin rufen . Er steckte eiligst die Flasche ein , wischte sich den Schnurrbart ab , hauchte schnell einigemal in die Luft , und machte sich eiligst davon . » Vergiß nicht , Alter , heut ' abend wegen des Feuers , « rief ihm Magyac nach . Valerius ging jetzt nach dem Stande seines Pferdes und machte Geräusch , als ob er eben erst in den Stall trete . Magyac kam eiligst herbeigesprungen und bat ihn , heute noch nicht auszureiten . Valerius fragte ihn nach der Ursache dieser Bitte . Der junge Pole meinte , des Herrn Kopfwunde sei noch nicht so weit . » Possen , « sagte dieser , und griff nach dem Zaum . » Die Gegend ist unsicher , es reiten Russen durch die Wälder , Herr . « Valerius zog das Pferd hinter sich fort , der Stalltüre zu . Magyac kratzte sich verdrießlich in den Haaren , endlich als jener den Fuß in den Steigbügel setzte , kam er eiligst hinzugesprungen : » Herr , reitet nicht , der Schmied von Wavre ist dagewesen . « » Wer ist der Schmied von Wavre ? « » Ein Pole , Herr . « In diesem Augenblicke ward ein Fenster im Schlosse geöffnet , und Joel rief hastig herunter , der Herr Graf ließe Valerius bitten , eiligst zu ihm zu kommen . Hedwig öffnete den anderen Fensterflügel und winkte ihm heftig . Es blieb ihm keine Zeit , nähere Aufklärung von Magyac zu erfahren , und dieser hatte nichts eiliger zu tun , als das Pferd wieder in den Stall zu ziehen . Valerius fand ein lautes Leben im großen Saale . Kutscher und Pferdeknechte trugen allerlei Waffen herbei und stellten und legten sie neben den Stuhl des Grafen und auf den Tisch , der vor ihm stand ; Cölestin öffnete Weinflaschen , der Kutscher lud die Doppelflinte mit Kugeln , Hedwig tanzte singend herum , der Graf herrschte den Leuten allerlei Befehle zu . Selbst Joel lud Pistolen ; nur die alte Gräfin saß wie immer in ihren schwarzen Gewändern unbeweglich auf der Stelle , wo sie alle Tage saß ; ihre Augen sahen gläsern und unbeweglich auf all die Dinge und schienen nichts zu bemerken . » Sie müssen zu Hause bleiben , Herr von Valerius , « rief der Graf , » der Teufel ist los . Wir müssen einen Überfall gewärtigen , es sind russische Streifkorps in der Nähe ; Graf Stanislaus , den ich schon seit mehreren Tagen erwarte , kommt nicht . Er wollte uns mit einem Trupp Ulanen nach Warschau eskortieren , da er für unsere Sicherheit fürchtete . Vielleicht ist sein Trupp zu klein gewesen , und er ist abgeschnitten von uns , vielleicht hält er auch die Gefahr nicht für so dringend , kurz , wir sind unserem Mute überlassen . « » Wer sagt denn aber , daß die Gefahr so nahe sei ? Es ist durchaus nicht wahrscheinlich , daß - « » Ei , den Teufel auch , der Schmied von Wavre ist heute nacht dagewesen . « » Aber wer ist denn dieser - « In dem Augenblicke hörte man das schnelle Wechseln mehrerer Flintenschüsse im nahen Walde . » Auf eure Posten , ihr Schurken , « schrie der Graf , und die Bedienten flogen zur Tür hinaus . Valerius trat ans Fenster und sah alles , was von Knechten und Bedienten im Hause war , mit Waffen , meist Jagdflinten , an allerlei Verstecke eilen und sich postieren . Thaddäus Magyac stand an die Pfoste der Pferdestalltür gelehnt und sah unverwandten Blickes nach dem Walde . Des Grafen Stuhl und Tisch wurden nach dem Fenster hingerückt , damit er die ersten Kugeln in die Weite senden könne . Joel war zu demselben Zwecke ans zweite Fenster getreten ; Valerius ans dritte postiert . Cölestin stand zum Laden am Tische und hatte einen großen Haufen Patronen vor sich ausgebreitet . Der Graf bat seine Mutter , nach ihrem Zimmer zu gehen , sie schüttelte aber den Kopf und blieb unverrückt in der alten Stellung . Hedwig , der ein gleiches anbefohlen wurde , erklärte , daß sie die Großmutter nicht verlassen wolle , und es träfen nicht alle Kugeln . Der Graf stieß einen Fluch aus und lachte hinterdrein ; Joel machte eine bittende Bewegung nach Hedwig hin , sie trotzte ihm aber mit einem halb bösen Gesicht und sprach halblaut , wie die kleinen Kinder gewöhnlich sagen : » Ich will aber nicht ! « - Da schien es , als flöge ein Schatten ungewöhnlichen Lebens über das Gesicht der alten Gräfin , und als zucke ein schneller Strahl aus ihren sonst sprachlosen Augen über Joel hin . Sie griff hastig nach der Hand Hedwigs und zog sie zu sich nieder . Es trat eine erwartungsvolle Stille ein , die wohl eine Viertelstunde lang anhielt - nun hatte aber die Spannung dem leichtsinnigen Volkscharakter zu lange gedauert , der Graf schlug ein lautes Gelächter auf , griff nach einer Weinflasche , rief dem Thaddäus zu , in den Wald auf Kundschaft zu gehen , und bat Valerius , mit ihm zu frühstücken . Man schloß die Fenster , und das Leben des Tages ging weiter , als wäre man in der größten Sicherheit . Der Graf trank mehr als gewöhnlich und schickte beim Abendessen Cölestin in den Keller , um Champagner zu holen . » Die kleine Hedwig , « sagte er , » hat sich heute so tapfer bewiesen , sie trinkt gern ein Glas Champagner , sie muß ihr Siegesfest feiern . « Hedwig klatschte in die Hände , sprang zum Vater hin und küßte ihn - eine seltene Erscheinung in ihrem Wesen . » Papa , « sagte sie mit mutwilliger Stimme , und drehte mit den weißen Händen seinen dunkeln Schnurrbart , » laß mich Soldat werden . « - Der Graf lachte , antwortete aber dem Valerius , welcher unterdes seinen gestrigen Versuch mit dem Kamin erzählt hatte und ihn wiederholen wollte . Hedwig sprang fröhlich zu dem Vorschlage über , ein Bedienter ward sogleich beordert , und in wenig Minuten loderte ein lustiges Feuer auf . Eben kam Cölestin mit den Flaschen , sah mit großer Bestürzung nach der lodernden Flamme und flüsterte eiligst dem Grafen etwas ins Ohr . - » Halt ' s Maul , alter Narr , und mach den Draht von der Flasche . « - Cölestin zog sein Augenlid einmal ganz in die Höhe und schoß einen stechenden Blick auf Valerius . Dieser freute sich indes mit Hedwig und Joel des Feuers ; der Champagner spritzte , man trank auf die Befreiung des Vaterlandes , und es war ein wunderlicher Anblick , wie die Flamme über die Mordgewehre und lustigen Gesichter hinlief und von der alten düsteren Gräfin abzuprallen schien , welche dem Feuer den Rücken kehrte und nach den Fenstern hinstarrte , hinter welchen die Nacht lag . Joel , den der Wein aufgeregt hatte , sang mit Begeisterung ein altes polnisches Schlachtlied , und selbst der halbtrunkene Graf schien der sonoren Stimme und der alten herzergreifenden Melodie mit großem Anteil zuzuhören , das vaterländische Interesse war unverletzt , ja sogar poetisch in ihm erhalten . » Schade , Joel , « sagte er am Schluß des Liedes , und stürzte ein volles Glas hinunter , » schade , Joel , daß du ein Jude bist . « Wie ein Schwertschlag traf dies Wort drei Herzen : Joel zitterte am ganzen Leibe , Valerius fühlte sich von Scham- und Zornesröte übergossen , und aus Hedwigs Augen tropften große Tränen . Da flog Thaddäus wie ein Pfeil in den Saal : » Sie sind da , Herr - das unnütze Feuer hat sie gelockt , « und damit riß er dem Cölestin ein feuchtes Tuch aus der Hand , womit dieser den überfließenden Wein aufgetrocknet hatte , und warf es auf das Kaminfeuer , daß es zur Hälfte erlosch . » Dreister Schurke , « rief der Graf und hob die Hand nach ihm aus , Magyac wich auf die Seite und stieß dabei Cölestin in die Rippen : » Schafskopf , « vor sich hin murrend , » nicht mal soviel nütze . « Er riß das Fenster auf , warf die nächsten Lichter um , und nahm die Büchse , die er fortwährend in der Hand gehalten hatte , an den Backen . Das war alles ein Augenblick , und wirklich krachten zwei , drei Schüsse ganz in der Nähe , die Fenster klirrten , die Kugeln schlugen in die Decke des Saales , ein wildes Hurra drang herauf . - Valerius löschte schnell das Kaminfeuer vollends , es ward einen Augenblick finster im Saale , nur auf die den Fenstern gegenüberliegende Wand fiel ein lichter Streifen von einem brennenden Licht , das Cölestin hinter den Ofen postiert hatte . Schüsse und Geschrei von unten wuchsen . Die Leute des Grafen begannen aus Ställen und von Böden herunter ein sicher treffendes Gegenfeuer ; der Mond kam herauf und beleuchtete den Raum vor dem Schlosse und den Saal . Überrascht durch den unerwarteten Widerstand sammelte sich das russische Streifkorps - denn ein solches machte den Überfall - und hielt einen Augenblick an . Sie mochten etwa noch hundertfünfzig Schritte entfernt vom Schlosse sein , und man konnte sie beim Schimmer des Mondes von dort genau übersehen . Die baufälligen , schlechten Ställe und Wirtschaftsgebäude befanden sich zur linken und rechten Hand des Schlosses und ließen die Aussicht nach dem Walde frei . Man erkannte leicht , daß es eine gemischte Truppe war , nicht eben zahlreich , aber doch der Mannschaft des Schlosses um das Doppelte überlegen . Sie war nur zur Hälfte beritten , einige Kürasse und Lanzenspitzen flimmerten in der Luft , hie und da sah man ein Bajonett . Während des kurzen Stillstandes schienen sie auf jemand zu warten ; wirklich sprengte auch ein schwerer Reiter herzu , man hörte einige kurze , herrische Worte , und die Truppe setzte sich eben in Bewegung . Da begann Thaddäus jenes durchdringende Pfeifen , das ganz den scharfen Tönen einer Drossel glich , wenn sie einsam im Walde ihre Stimme erhebt - auf allen Böden , in allen Stalltüren ward es wiederholt . Wie vom Blitz getroffen hielt der Feind inne . - » Der Schmied , der Schmied , « ging ' s von Munde zu Munde - jetzt knallte der Schuß des Thaddäus , und jener schwere Reiter , welcher der Anführer zu sein schien , knickte vorn über den Hals des Pferdes herab . Dadurch wurde jener zweifelhafte Zustand aufgelöst ; die Russen , welche vor einer verborgenen Macht besorgt zu sein schienen , stürzten jetzt in wildem Sprunge auf das Schloß zu ; die Polen , welche jenen geheimen Schrecken benutzt hatten , um ihrer Lage irgend eine andere Wendung zu geben , brannten nun auch all ihre Schüsse ab , und die meisten schlugen sicher in die heranstürmende Masse . Die schlecht verwahrte Haustür gab den Belagerten nur soviel Zeit , frisch zu laden , die Tür des Saales mit Stühlen und Tischen zu verrammeln , und die außen versteckten Polen konnten noch einige gut gezielte Schüsse teils unter die Belagerer schicken , teils nach den unvorsichtigen Russen richten , welche sich einzeln nach den Ställen wagten , um ein Pferd zu erbeuten . Natürlich ging das alles rascher , als es erzählt werden kann ; die Schritte , die Schüsse und Tod und Wunden flogen . Und in all dem Lärmen saß die alte Gräfin regungslos an ihrer alten Stelle , der bleiche Mondesschimmer zitterte über ihr steinernes Gesicht hin ; nur wenn ihr Sohn seinen wilden Jubel ob eines frisch getroffenen Russen aufschlug , da schien es , als schlüge ein Funke aus ihren starren Augen . Hedwig lief hin und her , um Patronen zuzutragen . Joel flüsterte ihr leise etwas zu , und deutete auf die alte Balkontür , es schien aber nicht , als ob sie etwas erwidere . Die Haustür war gebrochen , der Schwarm stürzte die Treppe herauf , ein Schuß fuhr durch die Tür , und man hörte ihn noch durch die gegenüberstehende Tür des Saales dringen . Die gewaltige Wucht von mehreren Kolben flog an das Schloß , und stöhnend sprang es auf . Der Graf hatte sich in die Schußlinie rücken lassen , die drei übrigen Schützen standen neben und hinter ihm , nur zwei Schritt seitwärts saß die alte Gräfin ; umsonst schrie ihr Sohn , umsonst zerrte Hedwig , sie saß noch unbeweglich , als man die gierigen Augen der Feinde erblickte . Vier Schüsse drängten sich von innen mit tödlicher Hast durch die enge Pforte , die Vordersten stürzten , und Cölestin harrte mit gespannter Pistole an der Mauer neben der Tür , um den ersten Eintretenden niederzustrecken . Eine augenblickliche Pause trat ein ; Valerius glaubte während der letzten Salve ein Geräusch hinter sich gehört zu haben , er warf einen schnellen Blick herum , eine breite Gestalt stand hinter ihm , die Balkontür lag an der Erde , von allen Seiten hörte man jenes schrillende Pfeifen , » der Schmied von Wavre « , schrie alles durcheinander . 10. So gewaltig ist selbst bei stumpfen Barbaren die moralische Kraft eines Begriffes : vor diesem gefürchteten Namen schraken die Angreifer bis zur Untätigkeit zusammen . Cölestin war der erste , welcher ihn ausrief ; das verhängnisvolle Pfeifen in ihrem Rücken , der Anblick jener Gestalt , die nur drohend eine lange Flinte in die Höhe hielt , preßte den Russen das gleiche Geschrei dieses Namens aus , und sie standen gelähmt wie die Wölfe , welche eine Feuerflamme vor sich aufschlagen sehen . Die Genossen des Schmiedes , welche von der Haustür herauf gedrungen waren und sich mit der Besatzung aus den Ställen verbunden hatten , überwältigten mit leichter Mühe den Rest des Streifkorps , der sich nur matt widersetzte . In diesem Augenblicke hörte man vor dem Schlosse die Fanfare einer Trompete . Cölestin hob wirklich mit