sehr . Poncet , der auch Ruhm hatte . Mehr wie Einhart . Der jetzt einer der Ersten zu gelten begonnen . Wo Einhart noch immer den Massen nichts bedeutete , die über seine Bilder nach wie vor Glossen machten . Auch die meisten Kritiker noch , die an das Durchschnittliche gewöhnt , nie die leidenschaftliche Inbrunst der Seele nach dem eigensten , erlesenen Glücke erfahren haben . So geschah es , daß bald in dem Zusammensein der beiden mit Poncet allerlei Verstecken aufkam . Poncet stand schließlich mit Johanna schon manchmal am Morgen im Lichte auf der Kleestoppel unter den Schafen , aber nur neckisch und kindlich scherzend noch immer . Dann war doch einmal ein Abend gekommen , der ganz anders war . Schon der Tag war schwül gewesen . Gegen Abend war in dräuendem Zuge vom Lande her ein Gewitter , Sturmvögel kreischend voran , mit grellen Blitzen und wildem Erdröhnen ins Meer hinausgezogen . Dann lag der Himmel , als die Nacht begann , wieder wundersam reingefegt und glänzte aus Mitternacht her blutrot nach . Es war gegen acht . Einhart hatte gleich versucht , von den auserlesenen Farbenspielen der sich enthüllenden Nachtwelt und ihren langsam erglühenden , perlmutternen , finsteren Tinten einiges auf Studienblätter einzufangen . Er war deshalb auf der Höhe , nahe dem bekannten Felsen , sitzen geblieben . Johanna , die mit Einhart allein am Meeresstrande gewandert war , lockte es heimlich zum Meere zurück . Deshalb war sie von dem Felsen lautlos die Schlucht im Sande , ein wenig tastend , hinabgeglitten und stapfte staunend und geblendet in der unerhörten , aus sich leuchtenden Düsterpracht von Himmel und Meer und Dünenstrand . Der Dünenhügel , über den sie schritt , ragte körperlich groß und schaurig vereinsamt im fahlen Nachtdämmer . Das Meer in der Ferne wogte blutrot in grellem Himmelswiederschein . Der Himmel darüber dunkel gewölbt , ganz doch ätherklar . Johanna hatte lange ohne Hut und mit nackten Füßen , weil sie bei Einhart Hut und Schuhe und Strümpfe hatte liegen lassen , einsam auf dem Hügel gestanden und trat nur zögernd Schritt um Schritt , in einem unbestimmten , hungernden Verlangen , den Schaumspielen am Strande näher und näher . Aber wie sie so einsam erstarrt aufragte dicht am Wasser aus dem Meersand , das brennende Auge weit hinausgebannt , schienen die stürzenden , spielenden , schäumenden Purpurfluten immer düsterer und düsterer heranzudrängen . Das lebendige , treibende Meer däuchte sich immer gewaltiger aufzutürmen . Unermessene Körpermacht gewinnend , wuchs es düster empor , wie ein grausig sich nahendes Ungetüm . Zwischen den glühen Purpurflecken gebaren sich , ewig neu dem Blicke , höllische , blaue Dunkelheiten , wie schaurige Gründe , die sie bedrohten . Draußen in der fernen Dämmerwelt wälzten sich tausend Gewalten in wildem Begehren . Und tausend Gewalten schienen aus Düsternis herzudrängen vom fernsten Meersaum in rasender Eile . Aufrauschend sich hebend und in Schäumen zerberstend , spielten die Wogen wie bleiche Geister um einen Felsblock , der näher aus den Fluten sich hob . Und in Johanna brachen ganz langsam die Halte zusammen . Als wenn sich in ihrem Herzen Stützen zerlösten und in dem finsteren Reichtum der drohend lebendigen Meernacht versänken . Die Wogen zu ihren Füßen schlürften und schlüpften schon um sie , wie wenn tastende Wesen nach ihr griffen . Die Wogen jagten und schäumten heran . Aber sie rannen unversehens noch einmal zurück , die Angst entlastend und wieder noch eine Minute Zeit gewährend . In Johanna zuckte die Bedrohung in jeder Fiber . Das Spiel war um sie höllischer und höllischer geworden . Es hatte sie ein Frostschauer plötzlich durchrieselt . In dieser menschenfernen , erstorbenen , purpurglühenden Einsamkeit stand sie allein . In dieser menschenfernen , erstorbenen , purpurblendenden Einsamkeit däuchten jetzt unzählige Blutzungen plötzlich sinnbetörend nach ihrem Kleidsaume zu lecken . Mit grausiger Gewalt fing es an züngelnd und lechzend nahe zu wachsen . Die Blutzungen rings um sie leckten und schlürften und schlüpften schon nach ihren nackten Füßen , furchtbar begehrlich . Als wenn ein gewaltiger , unerbittlicher Riese nach ihr sich mit unentrinnbarer Sehnsucht zu sehnen begonnen . Da hatte Johanna sich endlich nach Hilfe umgesehen . Da hatte sie sich noch einmal mit aller Gewalt gehalten , weil der Himmel darüber mit seiner sanften Rosenröte noch einmal flüchtig Trost gegeben . Da ging auch schon ein heiserer Schrei aus ihr aus in die nächtliche Meerwelt , wie Möven schrill und flüchtig rufen . Da hatte sie auch schon jemand von rückwärts schützend angerührt . Da hielt sie längst jemand sicher in seinen Armen . Da preßte jemand sie an sich , und preßte seinen heißen Mund auf ihre bebenden , zuckenden Lippen . Johanna log sich vor , daß es Einhart wäre . Sie gab sich ganz hin . Leidenschaftlich . Sie wußte es längst , daß sie es nun voll genoß . Sie wehrte sich nicht . Der Schrecken hatte ihre Seele ohnmächtig gemacht und innig brünstig nach einer Kraft , die sie hielte . Und die Kraft war gekommen . Die Kraft hielt sie jetzt ehern gebannt , daß Minute um Minute lautlos zerrann . Einhart saß noch immer auf dem Felsen , um die farbige Düsterwelt einzusaugen . Er kam erst spät zum Strande , als alle Farben verblichen waren . Das Meer lag jetzt graudunkel unter einem bleichblauen Nachtschein . Da kamen ihm Poncet und Johanna laut sprechend entgegen . » Oh , das hättest du sehen sollen , « rief sie neckend , schon von ferne . » Einen furchtbaren Schrecken habe ich ausgestanden , « sagte sie richtig im Übermut . » Und wenn Poncet nicht kam , « erzählte sie dann in allem Ernste , » hätte ich eine Ohnmacht bekommen , wie in dieser Nacht das Meer furchtbar aussah ! « Poncet erzählte sehr gewichtig , daß das Gefühl Johannas , in solchem nächtigen Glutdunkel dem Wogenspiel und dem Himmel mutterseelenallein gegenüber zu stehen , die Seele völlig erschüttern kann , und daß es sich dabei wohl um das gehandelt haben möchte , was die Alten einen » panischen Schrecken « nannten . » Pan lechzte und züngelte mit tausend Blutzungen nach mir , als wenn die ganze Nachtwelt ein gräuliches Gespenst wäre , « sagte Johanna ganz eingesponnen neu in den Schreck . » Ich habe genau den Eindruck auch aufgefaßt , « sagte Einhart zufrieden lächelnd , » und werde das einmal malen . « » Denkt ihr denn , ich wäre umsonst so lange dort oben sitzen geblieben und hätte wie ein Felsen so starr in die seltsamen Verwandlungen hineingeblickt , wenn es mir nicht darum zu tun gewesen ? « sagte er noch arglos . 12 Sonderbare Menschen , die in den jungen Tagen im eigenen , summenden Blute es aus tausend Seligkeiten erhören , aber sobald das Leben mit seinen Erfüllungen begonnen , Schritt um Schritt scheu zurückweichen . Und die dann ewig stehen , den Blick in die Ferne , gar nicht mehr bereit , das Leben und seine Erfüllungen hinzunehmen , anders , als mit bitterer Verachtung . Und die immer neu zum Leben in plötzlichem Lustflackern sich hinwenden , immer tiefer enttäuscht und immer herrischer erregt gegen den Trug aller Trüge . Solche Menschen sind wie heiße Glutstätten , in denen innige Brände doch nur schwelen , solange keine leichte , frohe Hand ihre Feuer beschwört und ihre Asche lockert . Und aus denen es , wenn eine hohe , liebende , sanfte Frau zur Opferstätte solchen heimlichen Erharrens getreten , emporbrennt wie ein Blühen . Der Harm ist zerstoben , wie noch ein wenig Rauch unter Flammen und Funken . Eine neue Jugend , scheint es , blüht . Eine köstliche Fülle reiner , stolzer , lodernder Feuertriebe wähnt sich das kranke Herz dem weihenden Blicke offen . In solcher Menschen Tiefgrund klingt ewig die Mythe von der Erlösung durch die Liebe . In jede neue Phase ihrer Weltverachtung nehmen sie diese einzige , sichere Verheißung mit , träumen immer neu den großen Traum , erharren und erhoffen neue Entfaltung . Denn jedes Menschengemüt auch , wie der Rosenstock und die Feuersglut entzückt sich im Entfalten und sich Darbieten . Und nie sind größere , letzte Erfüllungen , als sich weit und frei auftun und sich hingeben dürfen von Seele zu Seele . » Aber vielleicht ist das im Truge Leben der letzte , tiefste Trug ! « sagte oft Poncet . Mit solchem Zweifel in der Seele ist es nicht gut , einem andern Freund sein . Flüchtig sind die goldenen Fäden , in denen Baum und Früchte am Sommerende eingesponnen . Sie zerreißen leicht vom leisen Windhauch . Die goldenen Blätter , vom Lebenszweifel unversehens gelockert , wehen hin . Es gibt kahles Land und astkahle Bäume , vom Winde zerweht , und kahle Seelen von der Verachtung verarmt . Und immer ferner verklingt solchen Seelen das sanfte , heilende Wunder . » Auch das Weib ist nur eine Verheißung , die sich selbst zum Truge geboren , « sagte Doktor Poncet . » Und unter jeder Herzflamme , von Himmelsbränden voll , lauert der leere , finstere Abgrund , lauert die Zeit , und lauert das Sich-selbst-entführt-werden , wie Blatt um Blatt der Baumkrone im Winde . « Doktor Poncet war immer zernagt nach dem Weibe . Er war als Jüngling ein Menschensüchtiger gewesen . Er hatte überall hin mit Schwärmerblick neue Glückslehren gebracht . Er hatte auch , wie alle großen Schwärmer eine Zeit wähnen , es einmal ganz gefunden geglaubt . Er hatte das Leben nur zu sehr geliebt , wie er es noch träumte . Und Schritt um Schritt hatte das Wirkliche gegen ihn gestritten . Wenn man ihn genauer hätte einsehen können , das heiße , heimliche Erlebnis seiner Seele seit Jugendbeginn , so hätte man einen weiten Traumgarten gesehen , worin der Wolf Wirklichkeit immer neu alle Blumen geknickt und alle Bäume umgebrochen . Die Leidenschaft war immer heiß gewesen . Ein Weib berühren , galt schon dem Jüngling als verzehrendes Leiden . Allmählich hatte er die Liebe und alles Ding in der Welt käuflich und zur Gewohnheit und Notdurft erniedrigt gesehen . Er hatte sich immer wieder in unbegreiflichem Zwange hingeworfen . Die Gewohnheit Ehe , die Gewohnheit Kinderliebe , die allzu reiche Fülle Wiederkehr auf allen Wegen , daß auch die Leidenschaft , die sich ein höchstes Wunder wähnte , sich an Ecken und Enden profan gebärdete , daß das entzückteste Preisen der Seele nur Worte , nicht Wahrheit , nur Flucht , keine Dauer darstellte , das hatte er längst in sich genommen und trug mit solchem entweihenden Grundakkorde sein armes Leben . Und immer wieder war für ihn doch neu die Rätselblume des Hungers nach dem Weibe vor sein Auge emporgesproßt . Er mußte jetzt Johanna zu sich locken . Er mußte neu an die Erfüllungen glauben . Er fühlte es wieder wie eine Erlösung . Es däuchte ein ehernes Gesetz . Unentrinnbar . Er mußte . Und Doktor Poncet war ein zersetzender Liebhaber . Als der Winter in der Stadt dahinfloß , fühlte sich Johanna ganz verstrickt . Einhart liebte Johanna mit sanfter Güte . Er hing an allen ihren Handreichungen . Er liebte ihre junge , frohe Gestalt . Er hatte jeden Zug ihres Wesens in seinen Bildern licht gemacht . In ihm ruhte sozusagen und wuchs das Bild , das sie sich selber geworden war . Der Mensch selber weiß so wenig , was er an sich darbietet . Und unversehens kommt einer herzu , der ein Lied zur Dauer aus ihm anspinnt . Da hört sich die Seele plötzlich klingen und will es kaum glauben , daß so das Lied des eigenen Lebens hallt . Johanna ging wirklich ganz im Wundergewande , das Einharts Reichtum ihr wie einen Zaubermantel umgewoben . Aber um so mehr lockte sie jetzt der verzehrte Glutblick des » armen Heinrich . « So geschah es , daß Johanna das Blut glühen fühlte , wenn sie den arglosen Einhart mit Poncet zusammen sah . Poncet kam jetzt auch , wenn Einhart nicht daheim war . Man besprach sich heimlich und traf sich heimlich . Poncets Liebe war hart . Seine Illusionen waren flüchtig . Es griff das Gerippe des matten Unglaubens gar zu hart durch das weiche Fleisch seiner Begehrung . Er hatte es oft in den Fingern zucken wie herrische , böse Laune , sobald die Phantasmagorie , die sein Begehren geweckt , in der Erfüllung untergesunken . Aber je jäher die Härte seines Wesens und seiner Enttäuschung aufquoll , desto jäher und süchtiger wurde ihm Johannas Wesen Untertan . Die Liebe Einharts war eine zärtliche , sanfte , frische Weise . Grade in Einharts Wesen lag Liebe und Begehren wie Heiterkeit . Auch im Rausche der Sinne spielten die Genien um das Lager zweier Liebenden . Jetzt in den Wintermonaten in den heimlichen Beziehungen zu Poncet gewann Johanna einen Zug fremder Schicksalshärte in ihren Blick . Einhart begann ihre Seele langsam durch zu schauen . Zuerst hatte er Johanna noch in arglosem Scherz mit einem Satan im Hintergrunde gemalt . Und auch , daß er sie als eine junge Hexe im Morgengrauen fortgeführt , hatte seine Seele noch ganz ohne Wissen , gleichsam im Traumspiel vorweg getan . Johanna verwahrte sich gleich dagegen . Sie fand die Bilder abscheulich . Sie hing sich an ihn und weinte einmal , und mochte gar nicht sprechen . Sie war sich heimlich wie erraten vorgekommen . Obwohl Einhart ganz und gar nichts wissen konnte . Denn alles war noch immer völlig geheim gewesen , was Poncet betraf . Aber diese feinen , schauenden Wesen , die das Denken gar nicht brauchen , um die treibenden , Mächte auszuspüren ! Einharts beginnende Wissenschaft scheute gleich vor allem offenen Ausdruck zurück . Wie er zu erkennen begann , bekam er auch nur seltsame Linien der Vernichtung in seine gelbgrauen , hageren Backen . Und der Blick seines Auges glomm in Erstaunen . Johanna kam immer zu ihm mit Demut wie Liebe . Sie schien ihm manchmal , wie etwas abzubitten . Aber er hätte zuerst und noch lange seinem Mißtrauen keinen Raum in sich , nun gar Worte geben mögen . Auch zu Poncet blieb er immer gleich freundlich . Daß der ganze Winter ungestört hinging . Erst einmal gegen den Frühling kam es zu einem wirklichen Erschrecken . Daß die Gewißheit Einhart gleich wie eine Kralle anfaßte . Johanna war schon in sonderlicher , verschleiernder , erregter Demut und in nicht weniger flatternder Frühlingspracht mit irgend einer sehr plausiblen Absicht , Einkäufe oder dergleichen zu tun , ausgegangen . Sie war , den Hut frischer Springen von goldenen Stäbchen gehalten über breiten Dunkelscheiteln , zu Einhart getreten mit zärtlichem Auge , das nur ein wenig noch unsicher nebenher sich zu schaffen gemacht , und hatte dann in einer innigen Anwandlung Einhart plötzlich leidenschaftlich auf den Mund geküßt , was sie aus freien Stücken noch nie getan . Einhart durchfuhr es gleich sonderbar . Aber er hatte , versunken in die Pinselstriche für die große Tafel , die er für das Speisezimmer der Gräfin Schleh eben vollendete , die Sache doch noch einmal vergessen . Da war der Abend herangekommen , wo sich Johanna noch immer nicht einfand . Und auch Poncet , der um diese Zeit gewöhnlich kam , war ausgeblieben . Einhart lebte es plötzlich sicher und mit dem ganzen Wesen , was sich jetzt im Grunde der Seelen zugetragen . Jetzt zum ersten Male schoß auch Entschluß und Wille auf . Er hatte sich im Dämmer in seinen Gesellschaftsrock geworfen und hatte die klare Absicht , in eine fremde Gesellschaft zu gehen . Da kam Poncet , bleich , offensichtlich verlegen , erregt die Treppe empor und trat ein . Einhart war stumm und scheu . Poncet redete zuerst auch nicht . Er wagte auch nicht , nach Johanna zu fragen . Wie er es doch tat , nachdem er sich das große Bild Einharts lange stumm angesehen , gab Einhart eine harte Antwort . » Du wirst es besser wissen , als ich ! « sagte er nur , während er sich an dem einsamen Lichte seine Zigarette anglomm , ehe er das Licht rücksichtslos löschte . Es war eine sehr peinliche Pause , die Einhart und Poncet , beiden gleich , einen heißen Schmerz im Blute zum Aufbrennen brachte . Sie waren dann schweigend die Treppe hinuntergegangen , weil Einhart gewissermaßen sich ganz ohne Anwesenheit Poncets zu fühlen schien und seinem Vorhaben wie allein nachging . Einhart wollte um keinen Preis , daß jetzt noch gar Johanna dazu sich fände . So schritten sie stumm nebeneinander einige Straßen lang , bis Einhart mit flüchtigem Gruß in das Treppenhaus der Gräfin Schleh verschwand . Er wünschte jetzt durchaus nur mit dem Rauch einer feinen Zigarette und dem sanften Geplauder der alten , feinsinnigen , gütigen Frau am Kaminfeuer eine Stunde lang sich aus den Trümmern seiner zerbrochenen Zutraulichkeit zu sich zu finden . Wie er dann heimkam um Mitternacht , lag Johanna schon im Bett . Sie wagte nicht , ihre Augen aufzutun . Tat nur , als wenn sie fest eingeschlafen und sah scheu und zärtlich durch die blinzelnden Lider zu Einhart hin , der , die kleine Kerze in der Hand haltend , im Zimmer sich noch eine Weile zu tun machte . Einhart schien ein wenig eingesunken fast . Demütig ging dann und wann ein Lächeln aus seinen beglänzten Blicken . Einhart konnte noch immer lächeln , wenn er nagende Schmerzen hatte . Und auch wenn er sich recht aus der Tiefe selber sonderbar dünkte . 13 Johanna erwachte spät . Einhart stand bereits vor der Staffelei und malte versunken und mit einem Blick voll demütiger Tiefe . Johanna erkannte an allem , daß seit gestern eine völlige Verwandlung mit ihm vorgegangen . Sie hatte das Feingefühl , was aus der stummen Geste der Dinge mehr erhört , wie aus Worten . Wie es manche Frauen haben und auch manche Tiere . Sie wissen ohne weiteres und unmittelbar , was die Glocke geschlagen hat . Johanna begriff also plötzlich mehr , als ihr lieb war . Sie war ein sehr zartes Geschöpf voll sanfter Anmut . Die Eulenaugen waren noch immer groß und voll gütigen Staunens . Das kleine , schluchzende Lachen konnte nie aus der Rolle fallen . Als Johanna die Augen aufgetan , hatte sie gleich gespannt zu Einhart hinübergeblickt . Und sie betrachtete ihn lange , ohne daß er es merkte . Seine Verlorenheit in die Arbeit fiel lautlos wie ein Schicksal über sie her . Früher , wenn sie erwachte , hatte Einhart manchmal wohl , wenn es Frühling war , mit Scherz und Späßen vor ihrem Lager gestanden . Oft hatte er sich dann schon eine Weile damit vertrieben , ihre schlafenden Mienen belustigt anzusehen . Oder bunte Blumen auf dem Kopfkissen um ihren dunklen Kopf auszubreiten und aufzubauen . Einmal hatte er sich ein Vergnügen daraus gemacht , ihren geschlossenen Augen einen großen Spiegel vorzuhalten , daß , wie sie die Augen auftat , sie sich selber zu eigener Verwirrung vor sich sah und einen Augenblick nicht recht ihre Lage begriff . Das waren so Einharts Neckereien gewesen . Einhart hatte so auch die drolligsten Skizzen von Johanna als Schlafende gemacht , Zeichnungen und in Farbe . Sie sah darauf ganz wunderlich aus . Die vollen Wimperkränze auf dem unteren Augenrand gaben ein solches Gefühl von Schattendunkel in die jungen , schmalen , im Schlafe eigenwilligen Züge , daß man eine wahre Spannung empfand , diese weichen Lider und schweren Wimpern sich heben zu sehen und die Seele sich auftun . Wie vor eine Knospe voll unbekannten Blumenlebens gestellt , die bald springen und das heilige Lebensgeheimnis verraten will . Jetzt stand Einhart ganz vertieft vor seiner Arbeit und hatte keine drollige Miene zu ihr gewendet . Sie sah an der Art seiner Haltung , daß in ihm nicht Freude , daß eine Last in seiner Seele war . Johanna quälte ein furchtbares Gefühl . Sie lag und rührte sich nicht . Und weil auch Einhart seine Stellung in nichts änderte , ließ sie die Augen neu sich schließen und sank in Halbträume . Es kam ihr plötzlich ein harter Schrecken an . Es däuchte ihr , doch noch wach , als wenn sie eine volle , reife Ähre aufragte , goldhell in den Sommerhimmel und voll Glanz . Aber der Himmel wurde eine drohende Finsternis . Und ein Fegewind , der heranbrauste , riß und zauste sie hin und her und vertrieb unbarmherzig Korn um Korn . Daß sie sich im Treiben der bedrohlichen Mächte dünner und dünner schien , ein ärmlicher Stab und endlich ein dürres Nichts . Johanna hatte die Augen jetzt wieder fest geschlossen und war in das Nichts ganz hineingeschlafen . Einhart trat zu ihrem Lager , von ihrem Sorgenatem angeweht und aus seiner Versunkenheit geweckt . Johanna hatte im Schlafe aufgeseufzt . Aber wie er sie jetzt lange zärtlich ansah , erwachte sie nicht , nur immer tiefer in Träume gebannt , die ihr vieles sagten , was die Seele sich nicht frei eingesteht . Da träumte ihr ein Traum , der wie eine Erstarrung über ihr stand . Es träumte ihr , daß man ihr das Gewand , die runden , vollen Flechten ums Haupt , ihr ganzes , reiches Schwarzhaar und ihre Jugendfülle und knospende Gestalt , daß man ihr alles genommen . Und daß sie irgendwo auf einem einsamen Hügel bar und bloß läge , mitten in einem einsamen Steingeröll . Nichts um sie , rein nichts . Nur ein unendlicher Horizont . Es war offenbar um sie ein Meer . Aber in einer ganz trostlosen Stummheit . Es war tief lautlos zum Hilferufen . Und Johanna wollte auch Hilfe rufen . Sie hatte schon gerufen , verhallend . Sie rief wieder , weil der Ruf erstickte . Und der Ruf hielt sich doch auch gleichsam in der Luft . Der Schrei war der Schrei der Stille selber geworden , der nun ewig in der Luft hing . Da begann sie die Angst immer mehr zu pressen . Denn auch die Wellen des Meeres schienen ganz starr . Die lebendige Blutwelle der Schlafenden raste in Johannas Herzen so arg , daß sie sich umwälzte und neu zu stöhnen angefangen . Daß Einhart wieder mit seiner ganzen Teilnahme an Menschen und Dingen zu ihr herantrat und sie ansah . Aber Johanna erwachte nicht . Der Bann hielt sie wie mit Krallen . Sie war verödet . Es waren die Blumen und Träume von ihr genommen . So lebte sie es jetzt . Die schönen Kleider , in denen sie Einhart vor sich hingestellt , die Götterzeichen seiner Liebe und seiner Visionen , die waren längst abgefallen , weil sie verurteilt war . Es war noch immer niemand um sie . Es war noch auf demselben öden Dünenhügel . Sie war weit fort verschlagen . Sie war es gar nicht . Es war kein Leben . Nur lebloses Erstarrtsein . Nur bleiches Land . Nur vertrackte Gebilde von weißen Kieseln im bleichen , glühen Sonnenbrande . Brütende Launenspiele von einem ewigen Gestorbensein . Wie nur Knochen und bleiches Totengebein lag sie unter allerhand grinsenden Schädeln mitten auf dem Hügel . Das sengende Licht erstarrt . Die jagende Woge erstarrt . Der Schrei hing erstarrt in den Lüften , bleichend und ganz ohne Hoffnung . » Ach ! - - ach ! - - ach ! « Johanna hatte die Augen jetzt wirklich aufgetan und sah in Einharts Blick und hing sich auch gleich mit ihren nackten Armen an ihn . Denn Einhart hatte nicht mehr von der Stelle gekonnt , in seinem Verlangen , die Schlafende zu ergründen . » Ach , mein Geliebter ! « flüsterte Johannas erschrockene Stimme , traumbenommen und sanft flehend , und sie hing sich an ihn , verworrenen Haares , aus der Bleiche ihres geängstigten Lebens so inbrünstig aufweinend , als wenn Einhart jetzt gekommen wäre , ihr die Zauber , die er um ihr kleines , lustiges Leben gewoben , wirklich herunterzureißen . In Einhart war ein Kampf . Eine widerwillige Blutwelle ging in ihm , die seinen Blick zu ihr starr und weh machte . » Sinne nicht ! « schluchzte Johanna hastig . Und sie hatte sogleich seinen Kopf an sich und an ihre weiche Brust gepreßt , indem sie Einhart mit aller Gewalt festhielt . » Sinne nicht ! « flüsterte sie leidenschaftlich . » Es kann besser werden ! Laß uns bald fortgehen ! « redete sie in Überstürzung von allerhand Bekenntnissen . » Auch du hast es mit verschuldet , selber , « sagte sie weinend . » Du hast mir zuerst den Satan gezeigt , und meine Neugier geweckt . Und hast mich nie zurückgehalten ! « » Mir graust vor den harten Lüsten ! « weinte sie kläglich . » Geliebter , ruf mich noch einmal zurück ! hilf mir , hilf mir ! « bat sie und rang sie . » Ich will wieder werden , was ich durch dich geworden war . Ich will meine Schönheit wieder haben ! ich will meine Schönheit wieder haben ! « Einhart war so einfachen und schlichten Anschauens , daß er nie dachte , daß die verklärende Liebe der Seele des Andern wirklich eine Elle zusetzt und sie erhöht über alle , die von dem Geheimnis nichts wissen . Deshalb , wie Johannas Selbstanklage so über ihn herfiel , konnte er nichts als verlegene Güte sein . Er war sanft , wie Moses vor Gott . Er sah durchaus nicht heiter aus , obwohl er doch lächelte . Er wußte es jetzt , was es hieß , diese Verzweiflung . Auch in ihm blutete es . Auch in ihm wollte eine Stimme furchtbar aufschreien , wie der reißende Sturm , der Äste und Blätter tummelt . Es war nichts Ruhiges in ihm . Und doch streichelte seine Hand die weißen Hände und die weiße Stirn Johannas . Einhart wußte : die Frühlinge der Seele kommen selten . Und wer kann sie halten ? Er wußte , daß Johanna jetzt eine nackte Büßerin sich wand nach einem ewig Verlorenen . Und er begann sanft und treu in sie hineinzutrösten mit leisen Worten und sie in seine Arme sanft einzustricken . Er begehrte auch nichts zu wissen weiter . Er redete nur ganz zum Besinnen . Er war so weit gekommen , in alles einzuwilligen . » Wir gehen fort , « sagte er . » Wir gehen ans Meer . « Er war , wie sie dann schon ruhiger erwogen und besprachen , in seiner Art und Sachlichkeit so töricht , gar den alten , lieben Ort neu in Aussicht zu nehmen . » Nein , nein ! um nichts in der Welt dahin zurück , « brach Johanna , noch einmal ganz in die Erschütterung zurücksinkend , aus , » wo alles begonnen . Dort wird mich jeder Stein und jeder Ast treffen und schlagen . Alles wird mich erinnern und zermartern . Ich werde nicht mehr am Meere stehen können , wo der Bann mich blutig gegriffen . « Der Gedanke daran brachte Johanna geradezu in einen Zornesausbruch und eine wahre , reißende Inbrunst , daß sie Einhart noch leidensvoller wieder beschwor , ihr zu vergeben , so daß ihre Versicherungen der Liebe kein Ende fanden . 14 Eigentlich müßten wir uns nach guter Mannesart schießen , mein lieber Poncet ! « sagte Einhart lächelnd . » Aber Leidenschaften muß der Künstler wohl oder übel doch einmal anerkennen . Schließlich muß er davon leben , « lachte er , » wenn sie einen unter Umständen auch verbrennen oder zerbrechen . « Einhart und Poncet besprachen sich mit Offenheit , erwogen das Sinnlose des Hasses oder auch nur Vorwurfs in ihrer Lage , und daß darin die Entscheidung Johannas allein der Sinn wäre , um den es sich handelte . » Johanna hat sich entschieden , « sagte Einhart zu Poncet , als er zuerst bei Poncet eintrat . Und er sagte es noch ein paarmal dann . Und als die beiden von Poncet begleitet am Bahnhofe eine Weile noch vor dem Kupee standen , wußten und fühlten es alle drei . » Johanna hat sich entschieden . « So hatte auch Poncet in Gegenwart Einharts Johanna , die mit blassem , scheuem Gesicht vor ihm stand , die Hand zum Abschied gereicht . Der Sommer am Meer verging wie ein hegericher Tag , den milchige Dünste trüben . Man sah nie das volle Licht . Trotzdem lebte man freundlich , ja froh , kann man sagen . Hoffnungen schwammen nicht wie weiße Schäfchen am Himmel . Die Heidehügel erinnerten an viel ernste Dinge . Aber die schliefen im Blute jetzt . Die Arbeit brachte Ruhe . Johanna war unglaublich sorglich für Einhart . Einhart empfand ihre Güte , und daß sie den Gram wollte vergessen machen . Man hatte sich bei einem alten Kapitänspaar eingemietet . Vor dem Hausgarten ragte wieder ein verwittertes Holztor im Bogen . Darüber blühten auch hier Heckenrosen . Johanna konnte jetzt stundenlang einsam sitzen , einen Rosenzweig in Händen , auf den sie beständig niedersah . Ihr Dunkelblick schien weich und kindlich . Vieles war hingegangen . Sie wollte nicht zurückdenken . Man badete jetzt nicht mehr wie im Paradiese . Einhart trieb Kurzweil und versuchte aus dem Ernst manchmal herauszukommen . Keiner gestand es sich ein , daß etwas in dieser Zeit wie verweht schien . Einhart war eifriger wie je . Er unterhielt sich oft mit dem Kapitän . Er spürte Seemannszauber und allerhand Meersagen nach . Der Alte wußte mancherlei . Er erzählte von Meerfrauen , und daß manche von ihnen in Meervögel verzaubert wären . Er sagte auch , daß alle Meervögel eine ewig sehnsüchtige Seele besäßen ,