Bewohner der Stadt durch ihre Tätigkeit verhindert waren , so daß er seine kunstvollen Zirkel fast allein und ohne lästige Gesellschaft zeichnen konnte . Hierauf baute Johanna ihren Plan ; denn an einer Stelle war das Eis dünn durch einen Quell , der vom Boden aus das Wasser bewegte , und wiewohl der gefährliche Punkt durch Tannhecke immer genügend gekennzeichnet war , so hatten sich an ihm doch schon zwei Unglücksfälle ereignet ; die Vorfahren erzählten , daß durch diesen Quell der See mit dem großen Netz der unterirdischen Wasseradern in Verbindung stehe , welche den Wassergeistern als Wege dienen zwischen ihren Städten und Schlössern . Johanna beschloß nun , an einem Morgen , wenn sie den Fremden auf dem See wußte , gleichfalls zum Schlittschuhlaufen zu kommen , und wenn er in der Nähe war , mit scheinbarer Ungeschicklichkeit an die dünne Stelle zu geraten , damit sie einbreche und von ihm gerettet werde , denn daß er vielleicht nicht so mutig sein könne , wie sie annahm , das kam ihr gar nicht in den Sinn . Nach diesem Plane ging sie nun vor , und es geschah alles , wie sie gewollt hatte , wenn schon ihr zuletzt schien , als handle sie gar nicht absichtlich , und das Eis gab an der Stelle nach , und sie sank ein , mit einem wunderlichen Gefühl darüber , daß das Wasser doch nicht so kalt war , wie sie sich gedacht , und obwohl sie hatte standhaft sein wollen , schrie sie doch laut nach Hilfe , aber es schien ihr , als habe sie dabei gar keine Angst . Der Musiker kam eilfertig auf sie zu , und wie sie seine Figur so von unten sah , erschien er ihr komisch ; ohne daß ihr der Grund recht klar wurde , rief sie dem ratlos Ängstlichen zu , er solle sich flach auf das Eis legen und ihr von weitem die Hand reichen ; unterdessen hielt sie sich aufrecht im Wasser , indem sie sich an das Eis festklammerte und die Beine nicht in die Höhe ziehen ließ . Er tat nach ihrer Vorschrift , und sie sah vor sich eine vornehme und schmale Hand in seinem Handschuh , die ergriff sie , und so kam sie aus dem Wasser . Wie sie beide aufrecht auf dem Eis standen und sie sein entsetztes Gesicht sah , in dem unter grauem Haar sich schon tiefe Runzeln zogen , da wurde sie so aufgeregt , daß sie ihm um den Hals fiel und ihn mehrmals auf den Mund küßte . Er brachte sie schnell nach Hause , und indem ihre erschreckten Leute sie empfingen , ging er mit dem Versprechen , daß er sich morgen nach ihrem Befinden erkundigen wolle . Wie er am nächsten Tage kam , war sie gesund und fröhlich , denn der Anfall hatte ihr nicht im geringsten geschadet , und empfing ihn mit heiterm Lachen , er aber stand mit einer fremden Verlegenheit vor ihr , die indessen ihr den schlanken und nicht jugendlichen Mann noch liebenswerter erscheinen ließ . Und indem an die ersten Fäden sich bald weitere anspannen , schien es ihm , daß er eine unwiderstehliche Liebe zu dem jungen Mädchen gefaßt habe , denn in seinem unsteten Leben hatte er zwar manches verliebte Abenteuer bestanden , aber es hatte noch nicht ein Weib wirklichen Einfluß auf ihn gewinnen können . So geschah es am Ende , daß die beiden sich heirateten , wider den Willen des Vaters und zur großen Verwunderung der kleinen Stadt . Schon am Hochzeitstage wurde sie ungeduldig über ihn und sprach verletzende Worte ; er schwieg , aber seine Lippen zitterten , und sein Gesicht sah alt aus ; da hängte sie sich um seinen Hals und sagte ihm , daß sie ihn lieb habe . Nun geschahen geheimnisvolle Dinge in dem stillen , alten Hause . Einmal wurde bekannt , daß der Mann ein junges Dienstmädchen , das sie angenommen hatten , in ihrer Gegenwart mit einer Feuerzange geschlagen hatte , und war nachher zu dem Mädchen auf ihre Kammer gegangen , hatte ihr Geld gegeben und gesagt , seine Frau sei schuld , er habe nicht anders gedurft , und sie solle heimlich aus dem Hause gehen . Noch viele andre sonderbare Geschichten wurden verbreitet , und am Ende , nachdem die beiden noch nicht ein Jahr verheiratet waren , wurde eines Morgens in der Stadt erzählt , daß der Mann sie heimlich verlassen habe . Es folgte dann nach einiger Zeit eine Ehescheidungsklage , in welcher die Frau einen Eid schwor , der mit der Aussage des Mannes nicht übereinstimmte , aber da dieser seine Aussage nicht auf seinen Eid nehmen wollte , so wurde ihr von den Richtern geglaubt , wenn schon die ganze Stadt der Meinung war , daß sie im Unrecht sei . Nach dieser Scheidung mochte sie nicht mehr zu Hause bleiben , weil niemand mit ihr verkehren wollte , und deshalb kam sie nach Berlin , wo sie bei einem Meister Malunterricht zu nehmen gedachte . Hier gewann sie bald eine gewisse Stellung ; denn wenn früher und auch noch jetzt in der ruhigeren Gesellschaft eine instinktive Abneigung gegen die geschiedene Frau herrschte , weil in ihr sich eine Verneinung dessen verkörperte , was der allgemeine Wille der Gesellschaft war , so wird jetzt in den unruhigeren Kreisen umgekehrt eine Geschiedene mit besonderer Freude empfangen als eine Verkörperung der neuen Bestrebungen , und auch ohne daß Johanna selbst Erfindungen zu machen brauchte , wurde von ihren Mitkämpferinnen gleich angenommen , daß sie eines der Opfer der bekannten männlichen Untugenden sei und beklagt werden müsse , und auch Männer schlossen sich der Meinung an . Inzwischen war jene Luise , welche die kindliche Entführungsreise mit dem Dichter Peter gemacht hatte , zu weiteren Jahren gekommen , und durch jenes unklare Streben und den Drang , eine Kraft zu betätigen , welche damals die Flucht veranlaßt hatten , war sie zu einer Beschäftigung mit dem getrieben , was man die Frauenfrage nannte , und hatte für sich selbst einen Ausgang gefunden , denn sie lernte fleißig bei Lehrern , weil sie das Abiturientenexamen machen wollte und dann in der Schweiz Medizin studieren ; und indem auch hier noch keine Scheidung eingetreten ist zwischen den tüchtigen Menschen , auf denen die Zukunft ruht , die ja irgendwie anders sein wird als die Gegenwart , und den zerfaserten und untüchtigen , die nur aus Schlechtigkeit und Ohnmacht mit allem Neuen gehen , so kam sie in ihren Kreisen mit Johanna zusammen und gewann eine Zuneigung zu ihr , wie ja solche innerlich gänzlich zerstörten Personen von Johannas Art oft die Liebe gerade der Besten gewinnen . Karl hatte durch seine Natur die Gewohnheit , daß er gern mit Frauen sprach , und nachdem seine wunderliche und unpassende Liebschaft ein Ende genommen , besuchte er wieder häufiger eine solche Gesellschaft , wo er Frauen und Mädchen antraf , die zu seiner Klasse gehörten . So kam er jetzt auch oft wieder zu Luisen , die ihn in ihrem jungfräulichen Stübchen empfing , mit ihrem Bruder zusammen , der sich immer mehr zu einem wortkargen und scheuen jungen Gelehrten entwickelt hatte , und saßen die drei dann behaglich um den runden Tisch , wo Luise mit Freundlichkeit als Wirtin waltete , und eine besondere Wärme , die von den friedlichen Wänden , der reinen Luft des Zimmers und der Stille ihrer Bewegungen ausging , bewirkte in seinem Herzen ein besonderes Wohlgefühl ; dann wurde nicht gestritten und disputiert , nur Kleinigkeiten wurden erzählt , oft in Andeutungen , die bloß den drei verständlich waren , und zuweilen brachte Karl eine Blume mit , und wenn Luise die in einem zarten Glase auf den Tisch setzte , so freute er sich . Schon länger hatte er von der neuen Freundschaft gehört , aber wegen des veränderten Namens war ihm keine Ahnung gekommen . So fand er unvorbereitet an einem Tage Johanna beim Eintritt in das Zimmer vor , wie sie an dem Platz gegen das einzige Fenster saß , den er selbst sonst innehatte , und so kam es , daß er sie bei der Vorstellung nicht erkannte , sich gleichmütig verbeugte und unbekümmert setzte . Da sprach Johanna zu ihm : » Ich denke , wir müssen uns kennen . « Dieser Worte Klang trieb ihm plötzlich das Blut zum Herzen , er sprang auf und zitterte , und war ihm , als müsse er ohnmächtig werden ; sie aber brach in ein silberhelles Gelächter aus , das von einer wunderbaren Lieblichkeit anzuhören war . Da schien es ihm , als geschehe das alles meilenweit entfernt von ihm . Es geschah Karl , daß unter seinem gewöhnlichen Menschen , den er kannte , sich plötzlich ein andrer und neuer Mensch erhob , den er nicht kannte , denn der hatte bis dahin unbewegt geschlummert . Ganz plötzlich erhob sich der und zeigte sich als blind und ganz erfüllt von einer unsinnigen und leidenschaftlichen Liebe zu Johanna , und während er sonst alle andern Regungen durch genaue und kranke Selbstbeobachtung in klares Licht stellen konnte , war an diesem Treiben gar keine Beobachtung möglich , denn es schien , als sei es ebenso einfach und nicht zu untersuchen wie der Hunger oder Durst . Gleichzeitig mit diesem verspürte er einen neuen Wunsch , nämlich , daß er an Gott glauben könnte , und indem er meinte , daß es keinen lebendigen Gott gibt , betete er zu dem , daß er ihm Glauben geben möge an ihn . Aber es war ein tiefes Dunkel und Schweigen , und kein Trost kam herab in sein furchtsames Herz . Ehe er Johanna wiedersah , hatte er oft an Luise gedacht und sie sich vorgestellt , und solches Bild hatte ihn dann getröstet . Etwa sie saß unter einem blühenden Kirschbaum , in welchem die Bienen summten , und ein Blütenblatt fiel langsam sich drehend in ihren Schoß , oder ihre großen und dunklen Augen hatten jenen wunderbaren , tiefinnerlichen Ausdruck , den viele durchweinte Nächte erzeugen , wenn es die Dinge unsrer Seele gewesen sind , um die wir geweint haben ; und ihre kühle Hand lag auf seiner Hand , Ruhe in ihm verbreitend und den Frieden , den sie sich erkämpft hatte . Denn auch sie hatte schwere Zeiten in ihrem Innern gehabt , aber wenn es im Gespräch an diese kam , so glitten die Worte an ihr ab ohne Wirkung , und nur im Gefühl teilte sie mit von dem , was sie besaß . Und er wußte , das Leben entflieht , wie der Schatten einer Wolke dahinzieht über schweigende Wälder und Berge . Nun waren zu dem noch die Gefühle und Triebe des andern und untenliegenden Menschen gekommen , die sich um Johanna bewegten . Sehr merkwürdig war es , welche Übereinstimmung er mit ihr in scheinbar unbedeutenden Dingen hatte , die doch auf Tieferes in uns weisen ; so liebten sie beide , wenn im Bücherbrett die Bände eng zusammenstanden , und wo eine Anzahl Werke von geringerer Höhe neben größeren aufgestellt waren , legten sie andre oben quer über , damit die Lücke ausgefüllt wurde . Eine eigne Rührung überfiel ihn , als er das bemerkte . Auch schien es , als seien sie in allem der gleichen Meinung , und eine Uneinigkeit entstehe nur scheinbar und durch Mißverständnisse . So gelangte er auch neben Johanna oft zu dem Gefühl der Beruhigung . Zuweilen , wenn seine Gedanken einander widerstritten , sagte sie ihm , welches seine richtige Meinung war , ehe er selbst Klarheit gewonnen hatte ; bei solchen Gelegenheiten konnte sie ihm scherzend vorwerfen , er rede oft doppelsinnig . Aber plötzlich wurde ihm dann klar , daß sein Kreis enger geworden , und daß er das frühere Gefühl verloren hatte , hinter seinem Bewußtsein breite sich noch ein großer und dunkler Raum aus , der ihm gehörte , wenn er nur seine Schritte in diese Pfadlosigkeit lenken wollte ; dann überkam ihn eine heftige Angst vor ihr , die ihn körperlich peinigte . Einmal spielte er Schach mit ihr ; sie hatte einen Zug getan , der das Spiel gegen sie entschied , und als es schon zu spät war , wollte sie ihn zurücknehmen . Er antwortete , daß das gegen die Regel sei , da stand sie auf und sagte , nun wolle sie nicht zu Ende spielen . Wie er ihren Gesichtsausdruck sah , wurde ihm plötzlich bewußt : sie brauchte ihn nur ; und wie sie in diese Klarheit hinein noch sprach , daß er ihrem früheren Mann sehr ähnlich sei , da spitzte sich in ihm plötzlich ein starker Haß zu , und er empfand fast körperlich , wie sie einen selbstsüchtigen Willen auf ihn wirken ließ und durch den vieles aus ihm herausholte , was ihm gehörte , um es sich anzueignen und sich in roher Weise damit zu schmücken . Unter solchen Umständen gelangten sie zum Einverständnis . Und zwar geschah das scheinbar unvorbereitet , aber er hatte es vorhergefühlt . Sie stand von ihrem Stuhl auf , legte die Hände auf den Rücken und ging im Zimmer auf und ab wie ein Mann . Vorher hatte sie geraucht , und von dem Ende ihrer Zigarette im Aschenbecher stieg noch eine dünne Rauchsäule in die Höhe , die jedesmal in Verwirrung geriet , wenn sie in die Nähe kam . Sie begann damit , daß es doch nötig sei für sie beide , zu Klarheit zu kommen , und weil für sie selbst die Peinlichkeit des Anfangens geringer sei , so wolle sie beginnen ; denn in seiner Natur liege es , daß er endgültige Entschlüsse scheue . Und wie sie so sprach , arbeiteten in ihm Furcht und Scheu , und er sah unglückliche Zeiten voraus , und doch konnte er nicht aufspringen und ihr entgegentreten , denn sein Herz bebte in tiefer Sehnsucht zu ihr . Dämmerung sammelte sich in den Winkeln des Zimmers . Sie ging auf und ab , sprach stockend und langsam . Es fiel ihm ein , daß er einen Vorwand haben mußte , um das Gespräch abzubrechen , aber seine Angst fand keinen Vorwand , und sein Herz schlug ihr entgegen . Ihr Tonfall war fremdartig ; und es wurde ihm plötzlich klar , daß sich hier für einen Augenblick in ihr der Vorhang lüftete , durch den ihr eignes Innere sich vor ihr verbarg , und daß sie erschrak vor sich selbst ; hätte er ihr jetzt alles sagen können , was er wollte , seinen Haß , seine Liebe , seine Furcht und seine Verachtung , so hätte sie alles begriffen und hätte ihn ziehen lassen . Aber er brachte kein Wort über seine vertrockneten Lippen , und schämte sich für sie . And weil sie im Staube lag und sich selbst verachtete in dieser Minute , so sagte er , wider seinen Willen und tonlos : » Du hast recht , ich liebe dich über alles . « Wie diese Worte verhallt waren , sonderbar waren sie verhallt in dem dunkelnden Raume , und sein Herz krampfte sich zusammen , da war auch in ihr der Vorhang wieder zugezogen , und sie wußte nicht mehr , daß sie im Staube gelegen hatte . Karl aber fühlte sich vernichtet , daß er hätte mögen ohnmächtig werden . Sie kam zu ihm und legte ihm die Arme um den Hals ; und er mußte sie küssen ; das war eine Heuchelei , daß er sie küßte , und eine Qual war es für ihn . Sie wich seinem Kuß aus , scheu und befangen ; aber auch sie heuchelte ja , indem sie auswich , nur wußte er , daß ihr das keine Qual war . Sie hatte jetzt einen Menschen , der ihre Leiden tragen mußte , einen Feigling , der am Abgrund gestanden hatte und hinuntergesprungen war in die Tiefe , trotzdem er wußte , daß er unten zerschmettern würde , aber er sprang hinunter , weil etwas in ihm war , das ihn zwang , sich in dieses Verderben zu stürzen . Und siehe , jetzt lachte sie schon , mit jenem melodischen Lachen , das ihm so furchtbar war . Er hätte sie fassen mögen und weit von sich schleudern , aber er zog sie an sich und flüsterte Liebesworte . And an Luise dachte er und ihren ruhigen Blick , und wußte jetzt mit Klarheit , daß es nur seine Schwäche war , die sie fern von ihm gehalten . Denn ihre Seele hatte sich zu ihm geneigt und wollte ihm ihre sanfte Blüte erschließen . Es folgten die äußerlichen Dinge , Verlobung und Hochzeit , und die Aufmerksamkeit der Menschen , und inzwischen ging der seelische Kampf der beiden weiter , denn auf der einen Seite drang sie in ihn hinein als etwas Fremdes , suchte ihn auszufüllen und sich an Stelle seines Eigenen zu setzen , so daß er hätte mit ihren Augen sehen müssen und mit ihren Gedanken urteilen , und auf der andern Seite nahm sie räuberisch von ihm , paßte das Geraubte sich an , daß es ihr altes Eigentum schien und zeigte ihm das gelegentlich ganz unbefangen . Dann erkannte er mit Wut Stücke von sich in fremder Gefangenschaft , die er nicht befreien konnte . Doch er kam am Ende dazu , daß er sich gegen das erste mit einem Erfolg verteidigte , und zuletzt wieder allein in sich war ; aber gegen das zweite gab es für ihn keine Waffen . Indessen stellte sich da unerwartet eine Hilfe für ihn ein , denn je mehr er sich abschloß und sie aus sich entfernte , desto geringer schien ihre Kraft zum Rauben zu werden , wiewohl sie den Trieb dazu behielt . Dadurch kam sie in eine Enttäuschung , die sie jedoch nicht verstand , denn die Lage erschien ihr jetzt so , daß sie glaubte , sie habe die ganze Welt aufgefaßt , aber die sei ganz einfach und immer gleichmäßig und verursache ihr eine quälende Langeweile . Deshalb glaubte sie sich betrogen , weil man doch die Erwartung habe , daß das Leben mehr sei , und in Haß und Erbitterung über diesen vermeintlichen Betrug schloß auch sie sich nun immer mehr ab und wendete die wenigen und geringen Vorstellungen , die sie erobert hatte , mit Wut immer hin und her , ob sie nicht doch Neues an ihnen entdecke . Darauf gewöhnte sie sich an , zu klagen , und erzählte in allgemeinen Ausdrücken , daß sie vom Unglück verfolgt sei und alles fehlschlage , was sie beginne , und alle andern Menschen mehr Glück haben , und so fort ; so wurde sie endlich auch in ihrer Ausdrucksweise pöbelhaft , denn nichts zieht Menschen so sehr ins Gemeine wie solches Klagen . Mehr und mehr wendete sie sich in diesen Reden mit einer Spitze gegen Karl ; und am Ende , nachdem alles , was geschehen war , sich ihr ganz verkehrt hatte , sagte sie sogar , daß sie gegen ihre eigentliche Neigung und Absicht und nur aus Mitleid Karls Weib geworden sei , welches Mitleid ihr nunmehr übel vergolten werde . Johanna hatte den Plan aufgegeben , eine bei ihr vorhandene geringe malerische Begabung auszubilden , weil ihr die Beharrlichkeit fehlte , sich das handwerksmäßige Können anzueignen , das für den Maler nötig ist , und wie so viele dachte sie , daß der Schriftsteller dieses Könnens entraten kann ; und wie denn damals , als durch eine mißverstandene Rückkehr zur Natur die Meinung aufkam , durch die Wiedergabe einer zufälligen Beobachtung könnte man ein Dichterwerk schaffen , viele Frauen solche Fähigkeiten zeigten , so wendete sie sich nun der Schriftstellerei zu . Hierdurch entstanden auch äußere Gegensätze zu Karl , denn wenn auch bei ihm selbst die Begabung nicht zum Kunstwerk ausreichte , so wußte er doch um diesen Mangel schon bei sich genau , denn er beschränkte als Mann sein Wollen nicht auf sein Können , und noch deutlicher sah er den Mangel aber bei seiner Frau , deren Begabung zudem noch geringer war wie die seinige , da sie noch mehr lediglich Ausdruck einer problematischen Natur war und von jener Art , wie sittlich geringwertige Menschen sie oft haben durch ihre Minderkraft . Aber auch diese Kämpfe der Ehegatten fanden keine rechte äußere und anschauliche Form , die eine eigentliche Erzählung möglich machen würde , und so muß es auch hier am bloßen Bericht genügen . Inzwischen hatten auch Karls frühere Geliebte und ihr Verlobter Jordan geheiratet , nachdem sie ihren gebührlichen Brautstand gehabt , und hatte sie wohl große Sehnsucht , daß sie ihr Kind wollte zu sich nehmen , das sie von Karl bekommen , aber sie scheute sich ; wie sie aber am Hochzeitstage von ihrem Mann in die Wohnung geführt wurde , die sie zusammen eingerichtet für sich , da fand sie in einem Kinderwagen liegen und ruhig schlafen das kleine Söhnchen , denn ihr Mann wollte ihr eine Freude machen . Da weinte sie vor großem Glück , küßte und herzte den guten Jordan , und weil das Kindchen eben aufwachte und nach einer Nahrung schrie , ging sie schnell in die Küche , woselbst schon alles bereit stand , und richtete ihm seine Flasche , und inzwischen spielte der Mann mit dem Kleinen , indem er ihm seine Uhr vorhielt und mit Schlüsseln klingelte . Sie aber bei ihrer Hantierung überlegte sich , was sie ihm sagen wolle , und wie sie wieder in die Stube kam und das Kind besorgt hatte , sprach sie zu ihm : » Ich bin sonst stolz gewesen und hätte von einem andern keine Gabe angenommen , auch wenn ich ihn lieb hatte , wie ich ja in Wahrheit Karl lieb gehabt habe . Von dir aber nehme ich alles an ; und das nicht deshalb , weil ich weniger stolz geworden bin , sondern weil du ein solcher Mensch bist , daß sich einer nicht schämt , wenn du ihm gibst . Und nicht eine gewöhnliche Dankbarkeit habe ich gegen dich , sondern weil ich weiß , daß das Glück , das du andern schenkst , durch deine Güte wieder reicher zu dir zurückgeht , so liebe ich dich nur mehr in größerer Fröhlichkeit . « Nun lebten die beiden in ruhigem Glück , das sie dadurch noch mehr wärmte , weil sie beide vorher durch schweres Unglück gegangen waren , und genossen das Glück mit klarem Bewußtsein , daß dieses Unglück notwendig für sie gewesen war . Recht bald begann der Kleine aufrecht zu sitzen , und dann wurde er aus dem Wagen genommen und erhielt ein kurzes Kleidchen und versuchte zu gehen ; und wiewohl er seinen Pflegevater nur eine kurze Zeit zu sehen bekam des Abends , wenn der von der Fabrik heimkehrte , hatte er ihn doch besonders in sein Herz geschlossen , sah ihn viel an und hielt sich zu ihm , denn auch ganz kleine Kinder wissen schon den Gesichtsausdruck der Erwachsenen zu deuten und haben nach dem ihre Gefühle . Schon in den ersten Tagen , wo er sich frei auf dem Fußboden bewegen durfte , hatte er gemerkt , daß der Vater , wenn er gekommen war , seine Schuhe wechselte , und so brachte er ihm , ohne daß es die Mutter ihm aufgetragen , seine Pantoffeln . Hierüber erhob sich bei den Eltern eine große Freude und ein besonderes Rühmen seiner Klugheit , das bewirkte , daß er auch fernerhin bei dieser Erfindung verharrte . Es bewunderten auch die andern Frauen im Hause den Kleinen sehr und erzählten ihren Männern von dem Kind , und der Kaufmann an der Ecke fragte jedesmal die Mutter nach ihm , wenn sie einholte . Über alles dieses wurde sie noch glücklicher , und ihr Gesicht war so , daß jeder froh werden mußte , der sie ansah . Weil sie doch nun einen Mann hatte und sich nach ihrer Vorstellung nicht mehr des Kindes vor andern zu schämen brauchte , so bekam sie eine besondere Lust , einmal mit den beiden zu ihren Eltern zu reisen , die auf einem Dorfe und mit der Bahn nicht allzu entfernt wohnten . So beredete sie denn eine lange Zeit mit ihrem Mann diesen Plan , und wie die Witterung passend war und sie beide mit Kleidung wohl versehen , daß sie den Eltern gefallen mochten , da erbat er sich für einen Montag Urlaub , und sie fuhren auf zwei Tage nach dem Ort mit großer Freude ; der Kleine war sehr artig unterwegs , und viele , die mitreisten , fragten die Eltern über ihn , ließen sich erzählen und freuten sich seiner . Die Eltern der Frau waren Instleute , die zu einem großen Gute gehörten und ein Häuschen für sich hatten , eine Kuh und zwei Schweine , und ein Stück Acker bekamen sie von der Herrschaft . Sie verwunderten sich sehr über ihre Tochter , daß sie so schön gekleidet war , und über den Schwiegersohn , und über den Enkel , und waren über die Maßen stolz und fröhlich , und mußten die Kinder von allem erzählen , von der Arbeit des Mannes und von seinem Lohn und von ihrer Wohnung in einem so großen Hause , daß in dem einen Hause so viele Menschen wohnten , wie hier in dem ganzen Dorfe , und daß sie polierte Rohrstühle in ihrer Stube hätten . Über das alles schlug die Mutter die Hände überm Kopf zusammen , und der Vater sagte nur : » Ei , ei ! « Und bei dieser freudigen Verwunderung der Alten wurde es den beiden erst so recht klar , wie gut sie es hatten , und wie glücklich sie lebten . Dann nahm die alte Mutter den Enkel auf den Arm , der ganz fein und vornehm aussah in seinem großen , weißen Hut neben ihrem verbrannten und verarbeiteten Gesicht und ging mit ihm hinaus in den Hof , ließ ihn die Schweine im Stall sehen und erzählte ihm , daß die zu Martini geschlachtet würden und daß dann Wurst gemacht würde , und er solle dann auch eine kleine Wurst haben , und dann zeigte sie ihm die Kuh , die vor der Krippe stehend zurücktrat und sich umsah nach den beiden mit ihren großen , sanften Augen . Und wie die Alte so allein mit dem Jungen war und keiner sie sehen konnte , herzte sie und küßte den Enkel fortwährend , denn vorhin hatte sie das nicht gewagt , und das Kind streichelte ihr die Backe und faßte lachend an ihre Nase . Der Alte aber führte den Schwiegersohn im Häuschen herum und zeigte ihm alle Einrichtungen , wie er die Wurst räucherte , und wo er sein Korn aufhob , denn er bekam Dreschanteil , auch das Dach zeigte er ihm und erzählte , daß es früher mit Stroh gedeckt gewesen sei , aber er habe jetzt ein Ziegeldach hergestellt , und zwar habe er Falzziegel genommen , was das Neueste sei und sehr viel besser als die Hohlziegel , die man früher gehabt , und so redete er noch vieles Wirtschaftliche und Verständige mit dem Schwiegersohn . Und weil ihm der so gut gefallen hatte , und er selbst hatte doch auch seinen kleinen Stolz , so nahm er ihn am Ende beim Ärmel und sprach zu ihm , er müsse nicht denken , daß die Eltern seiner Frau Habenichtse wären ; und wenn sie einmal starben , so kamen doch auf jedes Kind etwa hundertundfünfzig Taler , die sie dann erbten . Wie es gegen den Abend ging und die alte Frau daran dachte , das Essen zu bereiten , da taten sich die beiden Alten zu einer heimlichen Unterredung zusammen , und dann brachten sie eine Flasche Wein zum Vorschein , die hatte die Herrschaft vor Jahren einmal geschickt als eine Stärkung für die alte Frau , die damals recht krank gewesen war , aber sie hatte aus eigener Ehrfurcht nicht gewagt , das Geschenk anzurühren , sondern es aufgehoben , wenn einmal ein besonderer und festlicher Tag sein sollte . Sie lachten beide viel in Behaglichkeit und in Unruhe über das Ereignis , daß die Flasche nun entkorkt werden sollte , dann bereiteten die beiden Frauen am Herde das Essen , und die Mutter freute sich , wie flink ihre Tochter war , dachte auch seufzend früherer Zeiten , wo ihre Glieder noch nicht so steif geworden ; ganz leichtfertig ging sie an den Speck und schnitt ein großes Stück ab , auch viele Eier nahm sie und ein großes Stück Butter stellte sie auf , und wenn sie auch eine heimliche Furcht hatte , ob nicht zu viel aufgehe , wenn sie den Tisch so üppig bereite , so freute sie sich doch wieder , daß es ihren Kindern gut schmecken sollte . Das gute Essen und der Wein machte alle Lebensgeister noch froher und munterer , und der alte Vater erzählte aus seiner Jugend und rühmte die heutige Zeit , daß es da jeder besser habe , und wer ordentlich und brav sei , der erreiche auch etwas , sei es nun in der Heimat oder in Amerika ; und seine Bäcklein röteten sich unter den grauen Stoppeln , und er begann sogar die alte Mutter an die Zeit ihrer Verlobung zu erinnern , daß die erst sich schämte und ihm verbot und nachher gerührt wurde und sich mit dem Schürzenzipfel ein Tränlein aus dem Auge wischte ; am meisten lag ihm jedoch das neue Dach aus Falzziegeln am Herzen , und er wurde nicht müde , dessen Vortrefflichkeit zu preisen . Die beiden Alten hätten in ihrem Stolz das Enkelkind gar zu gern ihrer Herrschaft gezeigt , nur wußten sie nicht recht , wie sie das beginnen sollten , denn