kam wieder ein Bote von ihm an , der mir eine Mitteilung machte , über welche ich zunächst erschrak . Bei näherer Betrachtung aber fand ich , daß es noch schlimmer , viel schlimmer geworden wäre , wenn der Scheik ul Islam uns so vollständig überrascht hätte , wie es in seiner Absicht liegt . « » Der Scheik ul Islam ? « fragte ich . » Will uns überraschen ? Also hierher kommen ? « » Ja . « » Wann ? « » Er trifft schon morgen ein . « » Das ist ja gar nichts so Schreckliches , sondern ganz im Gegenteil im höchsten Grade interessant ! « Da hob er warnend den Finger und sprach : » Effendi , urteile nicht zu schnell ! Du bist hier fremd , bist sogar krank und kennst die Verhältnisse nicht ! Der Scheik ul Islam ist ein sehr hochgestellter , wichtiger Mann , von dessen Macht du wohl noch keine Ahnung hast . Er würde selbst für den Ustad ein Gegner sein , vor dem die größte Vorsicht nötig ist . Darum trifft es sich keineswegs gut , daß unser Herr verreist ist . Ich bitte dich , es mir nicht übel zu nehmen , daß ich dich warne ! Der morgende Besuch kommt in einer Absicht , hinter der sich alle List versteckt , die uns verderben kann . Darum wollte ich , der Ustad wäre hier ! « » Auch ich wünsche das . Da er nun aber einmal abwesend ist , haben wir den Fall zu nehmen , wie er liegt . Auch er muß , wie alles , mehrseitig betrachtet werden . Beklagst du es , daß der Scheik ul Islam von einem Fremden empfangen werden muß , so gewährt uns grad dieser Umstand doch auch den gar nicht zu unterschätzenden Vorteil , daß er sich von mir hinhalten lassen muß , er mag beabsichtigen , was er will . Während er den Ustad zu schnellen Entscheidungen verleiten könnte , deren Tragweite sich erst später herauszustellen hat , muß er es sich nun gefallen lassen , von mir vorsichtig ausgehorcht zu werden , ohne daß ich dann verpflichtet bin , auf irgend etwas einzugehen . Du siehst also wohl ein , daß ich , falls es sich um Feindseligkeiten handeln sollte , von den beiden Gegnern derjenige bin , welcher die Schutzrüstung trägt , der andere aber nicht ! « Er nickte zwar nur leise , ließ aber seine Augen forschend an mir niedergleiten , und sagte : » Vorsichtig ausgehorcht zu werden ! Effendi , dazu würde ein Mann gehören , wie ich noch keinen kenne ! « » So warte ruhig , ob du ihn wohl siehst ! « » Der Scheik ul Islam ist wegen seiner hohen geistlichen Würde unantastbar , und über seine persönliche Schlauheit kam noch nie ein Anderer . Dazu ist noch zu legen , daß er ein ganz besonderer Kenner aller unserer Gesetze und Verhältnisse ist , während du dich doch nur erst so kurze Zeit bei uns befindest ! « » Wenn ich nicht will oder nicht kann , so brauche ich weder auf seine Kenntnisse noch auf seine Schlauheit einzugehen . Vor allen Dingen bitte ich dich , unbesorgt zu sein und jedes Vorurteil abzulegen , mag es mich oder ihn betreffen . Ist der Bote deines Freundes noch hier ? « » Nein ; er ist schon wieder fort . Die Vorsicht gebot ihm , sich so kurz wie möglich sehen zu lassen . Er macht einen Umweg zurück , um dem Scheik ul Islam ja nicht zu begegnen . « » Wird dieser mit dem großen Gefolge kommen , welches bei so hohen Würdenträgern fast immer unvermeidlich ist ? « » Das weiß ich nicht . Auch konnte ich nicht erfahren , wie lange er zu bleiben beabsichtigt . Doch sind das ja nur Nebendinge . Die Hauptsache ist , daß ich unterrichtet bin , weshalb er kommt . Mein Freund hat es nämlich zu erfahren gewußt . « » Ah ! Also doch schon Einer , der ihm an Schlauheit über ist ! Und du sagtest , daß es Keinen gebe ! Das würde mich schon ganz bedeutend beruhigen , wenn ich mich überhaupt gefürchtet hätte . Sind die Ursachen dieses Besuches denn gar so schlimm für euch ? « » Das weiß ich nicht . Und grad diese Ungewißheit halte ich für gefährlich . « » So sag : Kommt dieser mächtige Herr nur als Scheik ul Islam oder auch als Hekim-i-Schera32 ? « Da sah er mich überrascht an und fragte : » Du kennst die Trennung dieser seiner Würde ! Woher kannst denn du das wissen ? « » Es gibt bei uns im Abendlande Leute , welche eure Gesetze und Verhältnisse wahrscheinlich besser kennen , als ihr selbst . Oder weißt du noch nicht , daß ihr euch gelehrte oder auch sonstwie gebildete Männer von uns kommen lassen müßt , wenn es einmal gilt , euch über euch selbst klug zu werden ? « » Das kann ich freilich nicht bestreiten , Effendi . Ob dein Gast nur als Geistlicher oder auch als Richter aufzutreten beabsichtigt , das ist mir unbekannt . Er will dem Ustad einen Antrag stellen , welcher im höchsten Grade verführerisch klingt . Aber wenn man mir so ganz ohne alle sichtbare Veranlassung mit so großen Geschenken kommt , dann wird es mir heimlich angst , weil ich sofort an eine noch viel größere Gegenforderung denke . Der Ustad soll nämlich auch zum Ustad der Takikurden erhoben werden . « » So ! Weiter nichts ? « fragte ich lächelnd . » Weiter nichts ! « antwortete er erstaunt . » Ich bitte dich , zu begreifen , was das heißt ! Welch eine Machtvergrößerung für uns ! « » Machtverkleinerung , willst du sagen ! Wenn du irgendwelche Sorge gehabt hast , so wirf sie getrost von dir ! Dieser Scheik ul Islam ist schon jetzt durchschaut . Es fällt dem Ustad nicht mit einem einzigen Gedanken ein , die Seelen seiner Dschamikun für eine hohle Ehre zu verkaufen ! Ein einziger braver Dschamiki ist ihm tausendmal lieber als alle Takikurden , deren sämtliche Höflichkeiten doch nur den Zweck hätten , ihn betrunken zu machen , damit er sich zu ihrem willenlosen und verächtlichen Werkzeuge erniedrige ! Er wird sich nie in fremde Dienste stellen . Er ist sein eigener Herr und wird es bleiben , ohne nach den tauben Nüssen zu fragen , die man ihm mit so vielverheißender Höflichkeit entgegenträgt . « Da richtete er sich halb auf und fragte in erwartungsvollem Tone : » Aber man wird sich rächen ! Unnachsichtlich und auf jede mögliche Art und Weise rächen ! Hast du hieran gedacht ? « » Natürlich ! Die Rache ist dann unvermeidlich . Sie liegt im Wesen dieser Art von Menschen . Doch möge sie nur kommen ! Ich habe noch keine Rache gesehen , die sich nicht schließlich selbst vernichtet hat ! « » So bist du also entschlossen , dich von dem Scheik ul Islam nicht verlocken zu lassen ? « » Selbstverständlich ! Fest entschlossen ! Ich werde ihn genau so höflich behandeln wie er mich . Und er mag greifen , zu welchem Mittel er will , so wird er doch nur erreichen , was mir beliebt ! « Jetzt sprang er vollends auf , richtete sich in die Höhe und rief mit dem Ausdrucke der Erleichterung und der Ueberzeugung aus : » Da kann ich nun freilich ruhig sein ! Effendi , Effendi , ich kam in großer Sorge hierher ; du aber hast mir das Herz wieder leicht gemacht ! Ich kenne die Macht , welche morgen an dich herantreten wird . Sie schmückt sich mit dem Namen Gottes und des Schah-in-Schah . Sie stellt sich auf die Seite des Bestehens und Erhaltens und hat also das Gesetz für sich . Sie kommt im schimmernden Gewande oder im Bettlerkleide und schmeichelt also den Sinnen und der Menschlichkeit . Sie hofft alles Gute und verzeiht alles Böse . Sie ist geduldig , freundlich , demütig , der Inbegriff aller Tugenden in menschlicher Gestalt ! Aber , kennst du sie , Effendi ? « » Ja . « » So ist es genug ! Sie wird morgen aus Chorremabad bei dir erscheinen . Sie wird dir schmeicheln , dich absondern , dich - - - « » Nein , das wird sie nicht , « fiel ich ein . » Daß sie das könne , mache ich ihr gar nicht weis . Ich werde nicht allein sein , wenn ich den Scheik ul Islam empfange . « » Wohl der Pedehr wird bei dir sein , weil er der Scheik des Stammes ist ? « » Ja ; er und du . « » Auch ich ? « fragte er in schnell aufquellender Freude . » Warum auch ich ? « » Ich will es so . Das sei dir genug . « Da trat er einen Schritt näher zu mir heran und sprach : » Effendi , damit ehrst du nicht nur mich , sondern Viele ! Ich weiß nicht , ob man es dir schon gesagt hat : Ich lehre nicht nur den Gesang , sondern alles , was dem Geiste und dem Körper am Können nötig ist , auch Turnen , Reiten , Schießen , Exerzieren . Ich habe diesen Unterricht gegründet , als mich der Ustad dazu auserwählte , und dann Gehilfen angestellt , als die Zahl der Schüler sich vermehrte . Wir wirken still , ohne Lärm . Ein guter Lehrer lenkt die Aufmerksamkeit auf seinen Gegenstand , doch nicht auf sich . Darum hast du wohl noch wenig oder nichts von uns gehört . Wer mit dem prahlt , was er lernte , der hat nichts gelernt . Aber gib den Dschamikun Gelegenheit , zu zeigen , was sie können , so werden sie es zeigen , und ich hoffe , du wirst damit zufrieden sein ! Ich sehe kommen , was nun kommen wird , und darum will und muß ich dir vor allen Dingen sagen : Wir fürchten keinen Feind ! Auch in Beziehung auf das Rennen mit den Persern kannst du ruhig sein . Wir haben gutes Reiter- und Pferdematerial . Ich stehe inmitten unserer Vorbereitungen und werde dir hierüber berichten , sobald es dir beliebt . Der Scheik ul Islam ist ein großer Liebhaber des Aesp-däwani33 ; er hat einen wohlgepflegten Stall und rühmt sich , das beste Pferd von Luristan zu besitzen . Sobald er hier von unserm Rennen hört , bin ich überzeugt , daß er sich zur Beteiligung melden wird . Weise ihn ja nicht ab ! Du würdest dadurch unsere Ehre schädigen ! Das hatte ich dir zu sagen . Hast du vielleicht noch eine Frage ? « » Weiß ich jetzt alles , was dir der Bote mitgeteilt hat ? « » Ja . « » So über alles Andere , auch über das Rennen , später . Nur über der Stute des Ustad bin ich mir noch nicht im klaren . Ich glaube , dieser Tifl hat sie gänzlich aus der Schule gebracht . « » Das ist nur eben richtig , wenn Tifl im Sattel sitzt , sonst aber nicht . « » Wer aber soll sie reiten ? « » Wer anders als der Ustad ? « fragte er verwundert . » Er reitet jetzt nur selten ; aber stelle jedes beliebige Pferd gegen seine Sahm , so wird er es besiegen , höchstens deinen Assil ausgenommen ! Tifl aber wird vom Rennen ausgeschlossen sein . « » Warum ? « » Das sage ich dir , sobald es reif geworden ist . Ich vermute , dieser Schwätzer wird nicht lange mehr zu den Dschamikun gehören . Der Ustad hat sich seiner nur aus Mitleid angenommen , und die Nachsicht , die er gegen ihn und Pekala übt , ist Vielen unbegreiflich . « » Schwätzer ? « fragte ich . » Ja . Es genüge ein Beispiel : Tifl hatte die Perser , als der Bluträcher hier war , über die Grenze zu bringen . Da ist er den ganzen , weiten Weg zwischen dem Mirza und dem Multasim geritten und hat ihnen bereitwilligst Auskunft gegeben über alles , was sie wissen wollten . « » Von wem hast du das erfahren ? « » Von meinem Ruderer hier , welcher dabei gewesen ist . Kein Dschamiki hat mit diesen Leuten ein Wort gesprochen ; nur Tifl allein hielt keinen Augenblick den Mund . Doch damit sei es genug . Ich sehe , daß du aufbrechen willst , Effendi . « Ich war nämlich auch aufgestanden . » Ja ; ich muß heim , « sagte ich . » Aber ich möchte mich über den See rudern lassen . Willst du dich auf Assil setzen und ihn mir an die Landestelle bringen ? « » Wie gern ! « rief er aus . » Einmal deinen Rappen unter mir ; das war schon längst mein Wunsch ! Läßt er mich hinauf ? « » Wenn ich nichts dagegen habe , ja . « » So zögere ich keinen Augenblick . « Er schwang sich in den Sattel . Assil schnaubte verwundert , weigerte sich aber nicht , zu gehorchen . Als der Chodj-y-Dschuna ihn dann in hocheleganten Gängen davontänzeln ließ , sah ich , daß beide gar nicht übel zu einander paßten . Hierauf stieg ich in das Boot , und der Dschamiki legte sich in die Ruder . So kurz dieser unbeabsichtigte Ausflug gewesen war , ich hatte auf ihm außerordentlich Wichtiges erfahren . Meine Gedanken wollten sich ganz ausschließlich hiermit beschäftigen , und ich mußte mich zwingen , sie auf die Schönheit der Umgebung zu lenken , als wir uns auf der Mitte des Sees befanden . Ich sah jetzt zum ersten Male die westliche Seite des Thales grad vor mir liegen und alle ihre Linien auf zum Himmel streben . Nur allein der Fuß des Berges hatte sich nicht senkrecht , sondern quer gelagert , doch nicht vollständig wagerecht , sondern schief . Das erinnerte mich an die Struktur der Wände des Wadi Jahfufe , durch welches man im Antilibanon von Muallaka nach Damaskus reitet . Ich betone diese Art der Felsenlagerung besonders , weil sie mich zu einer Entdeckung führte , die ich sonst wohl schwerlich gemacht hätte . Als ich von hier , von der Mitte des Sees aus , nach dem Alabasterzelte emporschaute , fiel mir etwas auf , was ich von dem Rosentempel aus nicht bemerkt hatte . Das Zelt besaß nämlich die Gestalt einer Krone , deren durchbrochene Kuppel von acht weißschimmernden Flügeln auf dem Ringe getragen wurde . Es stand , wie ich sah , nicht auf dem höchsten Punkte des Berges . Sondern von diesem lief ein heller Felsenstreif , fast wie ein niederwärts gestreckter Arm geformt , bis zu der senkrecht abstürzenden Kante vor und bildete dort eine hand- oder faustförmige Verbreitung , auf welche das Zelt gesetzt worden war . Zu beiden Seiten dieses Felsenstreifens lag nur unfester Steingrus , nur lockeres Geröll . Es bedurfte keiner großen Phantasie , sich einen Wetterguß oder sonst eine Katastrophe zu denken , durch welche dieses lose Gestein in die Tiefe gespült oder gerissen wurde . Dann mußte der felsige Arm sich frei in die Lüfte dehnen , um auf gewaltiger Faust die Alabasterkrone über dem Thale herniederzustrecken . Das war nur so eine ganz flüchtige , schnell vorübergehende Idee , wie man sie hat , um dann lächelnd den Kopf darüber zu schütteln . Aber wie oft verdichtet sich scheinbar Flüchtiges zur festen Form , die uns belehrt , daß die Idee denn doch wohl etwas anderes ist , als nur eine schnell und spurlos zerplatzende Gedankenblase ! Je mehr wir uns dem Ufer näherten , desto mehr wurden meine Gedanken nach unten gezogen . Die schiefe Struktur des Felsens beschäftigte mich . Ich folgte mit dem Auge ganz unwillkürlich den auffallend regelmäßigen Linien dieser Lagerung . Es war mir interessant , zu sehen , mit welcher Neigungsgleichheit sie alle ohne Ausnahme verliefen . Ohne Ausnahme ? Nein ; doch nicht ! Ich bemerkte eine Stelle , wo dies doch nicht der Fall war . Grad da , wo der Berg am weitesten an den See herantrat , hörten die abwärts gesenkten Linien auf , nicht etwa , um anders zu verlaufen , sondern es gab überhaupt keine mehr . Diese Stelle war nicht groß , nicht breit , aber dicht bedeckt von wuchernden Rankengewächsen , welche von dem Humusboden des Ufers bis in das Wasser niederhingen . Es gab da weder Garten noch Feld , sondern wildliegendes Land , und darum war noch niemand auf den Gedanken gekommen , sich um dieses Gestrüpp und seine Bodenunterlage zu bekümmern . Mir aber fiel diese letztere sofort auf . Ich bin zwar kein Gelehrter , obgleich es wohl auch einige Menschen gab , die mich gar Manches lehrten , aber ich sagte mir doch , daß die Naturlinien da , wo sie aufhörten , durch etwas Anderes ersetzt worden sein mußten , was nicht natürlich , also künstlich war - - also durch Menschenhand . Hundert Andere wären vorübergerudert , ohne sich um diese scheinbare Nebensache weiter zu bekümmern ; mir aber konnte das nicht passieren . Ich ließ den Kahn bis ganz nahe an das Gestrüpp treiben und nahm dann dem Dschamiki das eine Ruder aus der Hand . Indem ich mit demselben die Ranken zur Seite schob , sah ich unter ihnen nicht natürliche Felsen , sondern behauene Steine . Das waren genau solche Kolossalblöcke wie diejenigen , aus denen die Cyklopenmauer da drüben am Berge bestand ! Ich begann , zu ahnen , und setzte die Untersuchung fort , doch so unauffällig und scheinbar spielend wie möglich , weil der Dschamiki nicht zu erraten brauchte , was für Gedanken oder Vermutungen mich beschäftigten . Und richtig ! Endlich , endlich stieß ich durch , vollständig durch ! Es gab eine Oeffnung hier , die unter dem schmalen Dorfwege nach dem Innern des Berges führte ! Das Wasser war hier tief , sehr tief . Sollte der See etwa durch diese verwachsene Oeffnung mit dem Innern des Berges in Verbindung stehen ? Die Art des klüftereichen Gesteins ließ dies keineswegs als unmöglich erscheinen . Ich beschloß , dieser Frage anderweit nachzuspüren , und ließ nun nach dem Landeplatze rudern . Dem Dschamiki sah ich an , daß er nichts erriet , ja daß es ihm sehr gleichgültig gewesen war , weshalb ich in dem Pflanzengewirr herumgestochert hatte . Der Chodj-y-Dschuna erwartete mich mit dem Pferde . Er pries es als das beste Tier , auf dem er je gesessen habe , und erklärte mir , morgen sofort zu kommen , sobald ich zu ihm schicken werde . Ich ritt langsam den Berg hinauf und durch das Thor in den Hof . Dort vergaß ich bei dem , was ich sah , das Absteigen : Halef hatte sich mit samt dem Lager aus seiner Hallenecke heraus vor die Säulen schaffen lassen . Da lag er nun mit bequem erhöhtem Kopfe und sah mich von meinem ersten Ritt nach Hause kehren . Er winkte mit der schwachen , müden Hand . Da ritt ich hin und ließ Assil die Stufen langsam steigen . » Sihdi , welche Freude ! « sagte er . » Wieder zu Pferde ! Nun wohl bald auch ich ! « Hanneh saß bei ihm . Sie streichelte ihm zärtlich die Wange und erklärte mir : » Wir erschraken , als Assil mit dir entfloh ; aber Kara , mein Sohn , rief uns zu , daß er dir folgen und dich behüten werde . Das beruhigte uns . Dann sahen wir dich an seiner Seite den See entlang reiten ; so brauchten wir uns also nicht zu sorgen . Als Halef später erwachte , erzählte ich ihm , daß du jetzt deinen ersten Ritt versuchest . Da gab er keine Ruhe ; er mußte hierhergetragen werden , um dich heimkommen zu sehen . Nun bist du da . Wie freut er sich , der Liebe ! « Ich stieg ab und setzte mich zu ihnen . Assil ging ganz von selbst die Stufen wieder hinunter . Da kam Tifl . » Effendi , ich werde absatteln , « sagte er . » Aber wenn du wieder reitest , so nimmst du mich mit . Du hast es mir versprochen ! Weißt du es noch ? « » Ja . Und was ich verspreche , das halte ich . Wenn du dann nicht mehr mit mir reiten willst , brauchst du es bloß zu sagen . « Das war eine Andeutung , die er aber nicht verstand . Was mir Kara von ihm erzählt hatte , war mir von dem Lehrer bestätigt worden . Der Lahme stand von jetzt an unter strenger Aufsicht , ohne daß er es ahnte . Und sonderbar : Als er den Rappen fortführte , schaute Halef ihm nach und sagte : » Ein Gespenst ! Ich habe es schon einigemale gesehen - - - - - - wenn ich die Augen öffnete - - - . Es stand vor mir und schaute mich häßlich an - - - . Sihdi , laß diesen Mann nicht her zu mir - - - ; ich mag ihn nicht ! « » So geht es mir mit seiner Pekala , « bemerkte Hanneh . » Warum steht immer Eines von Beiden hier bei uns , um nachzusehen , was geschieht , und auch zu hören , was gesprochen wird ? Es fällt mir schwer , dies nur für Neugierde zu halten ; aber für Spione ist doch wohl hier kein Ort ! « Ich war still . Etwa aus Beschämung ? Warum hatte ich Tifl und Pekala gegenüber nicht sogleich dasselbe Gefühl gehabt wie Halef und Hanneh ? Wahrscheinlich weil diese beiden Letzteren Naturmenschen waren , welche die Instinkte noch besitzen , die uns im Verlaufe unserer » Bildung « mehr und mehr verloren gehen . Die immer strahlende » Festjungfrau « und ihr » originelles Kind « waren mir so außerordentlich » natürlich « vorgekommen , während ich jetzt immer mehr einzusehen begann , daß eine künstliche , eine nachgeäffte Natürlichkeit nicht mehr natürlich ist . Denn daß ich es hier mit Schauspielereien zu tun hatte , das war mir sehr wahrscheinlich . Darüber , daß ich mich einmal in einem oder zwei Menschen geirrt hatte , kam ich sehr leicht hinweg ; um so fürchterlicher aber waren mir die kindlich naiven , rührseligen Masken , von denen ich mich hatte täuschen lassen . Wer so aufrichtig blickt und spricht wie diese beiden Menschen und aber doch nicht wahr und ehrlich ist , als was kann man den noch betrachten und behandeln ! Es gibt in Persien eine große Menge von Sekten . Eine derselben , die Schujuch , lehrt , der menschliche Körper sei nur dazu da , daß die Geister einander täuschen ; das Erdenleben sei ein großer , ununterbrochener Maskenball , doch keinesweges zum Vergnügen , und je schöner , freundlicher und liebenswürdiger ein Maskenbild erscheine , desto mehr habe man sich vor ihm in acht zu nehmen . Die Kinderlarven aber seien am allerschlimmsten . Ich bin weder Perser noch Sektierer , aber es wurde mir nun gar nicht schwer , mich in den Gedanken zu versetzen , daß Pekala und Tifl hier bei den Dschamikun Redoute spielten . Und ich , der ich die Kinder herzlich liebe , war diesen » allerschlimmsten « in das Garn gegangen . Ueber Halef freute ich mich . Er schien seit gestern einen bedeutenden Fortschritt gemacht zu haben und bat , bis zum Abende im Freien bleiben zu dürfen . Darum schlug ich vor , hier an diesem Platze später unser Abendbrot zu nehmen , worauf gern eingegangen wurde . Als Hanneh mich fragte , wo Kara geblieben sei , sagte ich nur , daß er gegen Abend wiederkommen werde , und ging dann in den Garten , wo , wie ich hörte , sich der Pedehr befand . Er saß auf der Bank , wo ich von Tifl als Pflaumendieb überfallen worden war . Ich setzte mich zu ihm . » Kennst du den Scheik ul Islam ? « fragte ich . » Ja , « antwortete er , sofort aufhorchend ; » doch nicht persönlich . « » Hat man sich vor ihm zu fürchten ? « » Du wohl nicht , aber vielleicht wir . « » Falsch ! Ich bin jetzt Dschamiki , so vollständig Dschamiki , daß ich keine Gefahr kenne , die es nicht für mich gibt , sondern nur für Euch . Der Scheik ul Islam wird morgen zu uns kommen . « » Ist das wahr ? Wer hat es gesagt ? « rief er erschrocken aus . » Der Chodj-y-Dschuna . « » So kommt er allerdings . Der Chodj ist stets gut unterrichtet . Er hat sich nie geirrt , wenn er uns warnte . Wenn der Scheik ul Islam persönlich zu uns kommt , so handelt es sich um eine Sache von allerhöchster Wichtigkeit . Er ist ein Fürst des geistlichen Standes und unternimmt sicher keine solche Reise , ohne die schweren Gründe sorgsam abgewogen zu haben . Effendi , es steht uns nichts Gutes bevor ! « » Warum nichts Gutes . Warum muß es unbedingt Böses sein , was er uns bringt ? « » Weil von dieser Seite überhaupt nichts Gutes kommen kann . Er ist , streng genommen , kein Perser , sondern ein Takikurde . Es gibt ein bekanntes Wort , das lautet : So oft der Taki seinen Blick fromm zum Himmel hebt , tritt er mit dem Fuße einen Menschen nieder . Und dieser tugendheilige Fürst schaut fast immerwährend empor . Wer mag sie zählen , die er schon unter seine leisen , weichen , geräuschlosen Sohlen trat ! Wir werden seinen demütigen , gottseligen Augenaufschlag zu sehen , aber auch seine fanatischen Fußtritte zu fühlen bekommen . In seinen Stapfen hebt sich kein Grashalm wieder auf ! « » So lassen wir ihn nur in Dornen treten ; das wird uns nützlich und ihm heilsam sein ! Ich konnte leider nicht erfahren , ob er allein kommt oder nicht . « » Allein ? Daran ist nicht zu denken ! Er muß sich doch mit Glanz und Stolz umgeben , damit seine Demut um so deutlicher hervortrete ! Wir werden hohe , sehr hohe Gäste haben , und zwar nicht wenig . Es gilt also , uns vorzubereiten ! « » Nein ! Er darf auf keinen Fall bemerken , daß wir von seiner Ankunft gewußt haben . Die Gäste bekommen nur , was grad vorhanden ist . Angeschafft oder zubereitet wird nicht das Geringste . In der Küche darf Niemand Etwas ahnen . Ganz besonders aber hast du dafür zu sorgen , daß Pekala und Tifl nichts erfahren . Das fordere ich streng ! « Er sah still vor sich nieder und sagte nichts dazu . Darum fuhr ich fort : » Also keine Vorbereitungen , schon dieser Beiden wegen , die absolut nichts merken dürfen ! Wo aber werden wir die Gäste unterbringen ? « » In der Halle . « » Wo Hadschi Halef liegt ? « » Wenn du erlaubst , betten wir ihn fort . Es trifft sich gut , daß Hanneh mich vorhin fragte , ob sie ihn nicht bald hinauf zu sich bekommen könne . Die Pflege werde ihr dadurch erleichtert , und er habe dann auch mehr Ruhe als jetzt in der Halle , die doch stets offen sei . « » So bettet ihn gleich nach dem Abendessen hinauf ! Hanneh hat Recht ; ihr Wunsch ist sehr vernünftig . Sag aber auch zu ihr nichts von dem Scheik ul Islam , überhaupt zu keinem Menschen . Wer es erfahren soll , dem sage ich es selbst . Dieser Fürst soll ganz den Eindruck haben , daß er uns vollständig überrasche . Und denke ja nicht an große Gasterei ! Es ist sogar sehr möglich , daß weder er noch einer seiner Begleiter einen Bissen von uns bekommt . « » Effendi , das nimm zurück ! Das ist ausgeschlossen , vollständig ausgeschlossen ! « » Warum ? « » Bedenke zunächst die hohe Pflicht der Gastlichkeit ! « » Die kenne ich ebenso genau wie du , und Niemand kann lieber gastlich sein als ich . Nur habe ich abzuwarten , ob der Scheik ul Islam sich gegen uns so benimmt , daß ich ihm erlaube , unser Gast zu sein . « Da sah er mich groß an . » Das klingt ja , als ob du dir gar nichts aus diesem hohen Würdenträger machtest ! « sagte er . » Ich mache mir ganz genau das aus ihm , wozu er das Material besitzt , nicht weniger und nicht mehr . Teppiche , Polster , Pfeifen , Tabak , Kaffee , Wasser , das ist ja alles da . Wenn Weiteres gegeben werden soll , ist dann , wenn ich es sage , auch noch Zeit . Zugegen sein werden nur du , der Chodj-y-Dschuna und ich . Er ist der Einzige , mit dem du dich besprechen magst . Ob ich noch andere Dschamikun brauchen werde , das kann ich jetzt nicht wissen ; es hat sich erst zu zeigen . Hast du vielleicht einmal vom besten Pferd von Luristan gehört ? « » Schon oft . Es gehört dem Scheik ul Islam und ist der schnellste und ausdauerndste Renner aus der Taki-Zucht . Er wurde nie besiegt , und der Besitzer hat schon manchen Preis mit ihm gewonnen . « » Wie kam er zu diesem