Aufhalten ! Es muß sein . Es darf nicht einer kommen und die Kinder lehren , ihre Mütter zu verachten ! Ich muß hart sein , ich bin es anderen Müttern , den Frauen bin ich es schuldig , dachte sie . Und plötzlich sah sie vor sich diesen Bogen mit Georges ' Handschrift , dieses vielfach durchstrichene überkorrigierte Manuskript , und es wurde ihr leid und heiß um den Unseligen . Seine Arbeit war das , seine Gedanken , sein Ehrgeiz , sein Stolz , das einzige vielleicht , an dem er sich aufrecht gehalten in diesem entsetzlichen zellenartigen Stübchen mit der Drehbank , mit dem bestaubten Fenster , das einzige , an das er sich geklammert in diesen schrecklichen Monaten der Vereinsamung , in seiner Verstümmelung . Mit der Folgerichtigkeit eines Naturgesetzes war dieses Widrige aus ihm herausgewachsen , so wie im Zahn der Schlange das Gift wächst , wie in der Tollkirsche der tödliche Saft . Weh , wenn keine Brücken zwischen den Seelen sind , dachte Josefine , wenn alles Finsternis , Verwirrung , Haß und Verderben ist ! Liebten wir uns , so gäbe es Brücken , aber wir sind fern von einander , durch ewige Klüfte geschieden . Ich habe zu wenig Liebe ! klagte sie sich an . Und sie , die starke Frau , die selbständige freie Denkerin , die von keinem Gotte Rettung hoffte , faltete ihre Hände und flehte : Oh du , der du die Liebe bist , gib , daß ich lieben kann , wo ich nicht liebe , gib , daß ich morgen lieben kann , wo ich heute noch verachte und hasse , und laß mich Böses mit Gutem überwinden . Fünftes Buch Josefine an Helene Am Vorabend . Liebe und vertraute Leni ! Dein dringlicher Brief ist schon drei Monate alt und noch immer unbeantwortet . Verzeih ! Du fragst , was sich bei uns ereignet habe seit den letzten vier Jahren - ja , sind es schon vier Jahre , daß du von hier fort bist ? Mein Leben ist ein Wirbel , ich kann den Lauf der Tage nicht verfolgen , der Lauf der Jahre entgeht mir ganz . Wenn ich die Kinder ansehe , dann weiß ich ' s , daß die Zeit vergeht , sonst fühl ich nur » des Dienstes immer gleichgestellte Uhr « . Liebste Leni , mein Uli war hier , eine ganze Woche ! Du würdest ihn lieb haben , er entwickelt sich wunderbar , ganz meines Vaters Frische und Geradheit , wie er auch sein Gesicht hat . Mein Rösli hat ein Jahr lang gelegen , denk es ! Sie ist zu schnell gewachsen , zu weich in den Knochen , Schlingpflanze - es ist mir oft unbeschreiblich bang um sie . Das ist keine , die ihren Weg macht , es sei denn durch ein Talent . Sie schreibt Verse , hat Temperament und Phantasie , wie aus einem anderen Himmelslicht , steckt voll süßer sentimentaler Dummheiten ! - Wie oft hast du mir vorgeworfen , mir gesagt : » Du hast keinen Wirklichkeitssinn . « Nun , das war dahingestellt , aber dies Kind Rösi hat wahrlich keinen , Gott sei ' s geklagt ! Hermann studiert Theologie , es ist sein Wunsch und der seines Vaters ... Ach , Leni , diese Kinder , über denen ein Schicksal schwebt ! Georges ... aber das interessiert dich wohl nicht ... Das ist ' s , was sich bei uns ereignet , so im allgemeinen gesprochen . Auf Näheres einzugehen , hat keinen Zweck . Meine liebe Leni , wie freut mich dein Bericht . Du bist gesund , arbeitest , strebst für die Frauen , ich fühle mit dir und wünsche dir Gutes . Siehst du wohl , du kannst dich nicht entschließen , dich mit Lothar zu vereinigen , aus dem Grunde , weil er verwachsen ist ! Du sprichst von deiner Verpflichtung als Weib , Gesundes zu vererben , nicht Krankes . Aber Schatzeli , denkt ' s dir noch , wozu du mir geraten einmal ? Mir kam es wieder in den Sinn jetzt , und ich hab gelacht . Ein wenig stumpfsinnig warst du doch damals , liebe Leni , gibst du ' s jetzt zu ? Übrigens , die Buckel sind nicht erblich , Schatzeli , dieser Skrupel fällt dahin . Liebst du Lothar - - aber was red ich - meine weise Leni liebt überhaupt keinen Mann , nicht wahr ? B ' hütis ! Leneli , ich hab etwas Gutes gefunden ! Ich drucksele seit fünf Jahren an dem Wunsch , öffentlich zu sprechen . Endlich , endlich muß es probiert werden . Morgen Abend in der » Eintracht « mach ich den ersten Versuch . Mir ist fast schwindelig bei dem Gedanken und so froh wie vor dem ersten Ball oder vor noch Ärgerem - meiner Hochzeit oder so . Fragst nach meinem Programm ? Oh , das ist sehr lang und sehr kurz ! Kampf gegen verstaubte und versteinerte Autoritäten im Leben und in der Wissenschaft , weiter ist es nichts ! Auf Schritt und Tritt sind wir ja umgeben von diesen unsterblichen Götzenbildern - unsterblich deshalb , weil sie von Stein und Dunst und Trägheit gewoben sind , und weil Dummheit und Grausamkeit ihre Priesterinnen heißen . Aber sie sollen doch fallen , stürzen müssen sie und zusammenkrachen , und gesegnet jede Hand , die Hand mit anlegt ! Du siehst , ich bin nicht blöde , ich bin nicht überbescheiden . Ich werde mir zunächst die Autorität in der Familie aufs Korn nehmen , da , wo sie am wildesten und am verderblichsten wuchert ! Als Medizinerin seh ich nur zuviel . Wärst du hier , ich tät alles an dich hinschwatzen , und du würdest kritisieren und schimpfen wie gewöhnlich . Das wäre einmal nett . Ob ' s wohl auch anderen so merkwürdig zu Mute ist vor ihrer ersten öffentlichen Rede ? Hat niemand seine Sensationen über diesen Punkt niedergeschrieben ? So viel kommt hier zusammen , weißt du ! Innerliches , aber auch Äußerliches . Ich fand mein Haar zu lang und ließ es stutzen ; ich wollte eine rote Krawatte anstecken , aber Rösi will , daß ich ein Sträußchen rote Nelken trage - ich , die seit zehn Jahren keine Blume getragen hat ! Wird mir das Wort gehorchen ? Wird es mir nicht in der Kehle stecken bleiben wie das Wasser in einer zu vollen Flasche ? Wird meine Stimme ausreichen ? Wird sich das Band der Sympathie weben zwischen mir und den Hörern , ohne das alles ein totes Gerede bleibt ? Meine Hörer sind herrlich , das beste Auditorium , das denkbar ist . Ich kenne sie von manchem Abend her , diese Arbeiter und Arbeiterinnen , kenne ihre gespannten gläubigen Augen , ihre feurige und andächtige Bereitwilligkeit . Sie nehmen so auf , wie durstige Pflanzen dem Tau ihre Blätter hinbreiten . Liebe Leni , ich habe aus meinen Sorgen zwei oder drei Bündel gemacht und sie in die Ecken geschleudert . Ich werde starken Tee trinken vor meinem Vortrage und in die Sonne gehen , damit ich warm werde , ganz warm und hell . Und dann werde ich mit warmer , heller Stimme meine Freunde rufen . Werden sie mir antworten ? Einige frühere Patientinnen kommen auch hin , sie freuen sich , wie sie sagen , die guten Dinger . Wünsche mir Glück . Deine Josy . Helene an Josefine Liebste Freundin ! Dein Brief voll Jugendschwung hat mich nicht mehr in Berlin erreicht , sondern hier in dem freundlichen Münden , wo ich bei Lothars Mutter Sommerfrische halten will . Ich muß dir nur gleich mitteilen , liebe Josy , daß ich Lothar mein Jawort gegeben habe . Im Prinzip bin ich ja längst mit ihm einverstanden , und wenn es auch keine vulkanische Leidenschaft ist , die uns verbindet , so haben wir uns doch sehr gern und denken , daß unser neues Verhältnis unserer alten Freundschaft keinen Abbruch tun wird . Zur Hochzeit kommen wir nach Zürich , du mußt dabei sein . Nachher mieten wir uns ein , am Dolder irgendwo ; - ich denke es mir sehr hübsch , in Lothars Begleitung all unsere alten Plätze wieder aufzusuchen und besonders das Haus » Zum grauen Ackerstein « , wo ich so viel treue Freundschaft erfahren habe . Du verzeihst mir wohl , daß ich Lothar in deine Geschichte eingeweiht habe . Es konnte nicht gut vermieden werden . Seiner Teilnahme darfst du jedenfalls sicher sein . Im übrigen hält er dich für einen weiblichen Don Quixote , wie ich auch , liebste Josefine . Sonderbar , ich habe oft gelächelt , manchmal sogar gelacht , wie du weißt , über deinen Eifer , dir das Leben sauer zu machen , wo jeder andere vernünftige Mensch sich ' s möglichst süß machen will . Aber dann , wenn ich so über dich nachdenke , stehst du vor mir so hoch - und dem Lothar scheint es auch so zu sein . Geht es mir wie gewöhnlich , dann denke ich nicht an dich , Josy , du weißt , ich bin ganz offenherzig . Aber wenn es mir sehr schlecht oder , wie in diesem Augenblick , sehr gut geht , dann bekomme ich eine wahre Sehnsucht nach dir und bin ganz niedergeschlagen , daß ich nicht zu dir kann . Siehst du , solch eine Liebeserklärung hab ich noch niemand gemacht - sie sieht mir fast nicht ähnlich - was meinst du ? Was hörst du von Bernstein ? Schreibt Zwicky dir nie ? Und Loginowitsch ? Meine ganze Jugend liegt dort , im » Grauen Ackerstein « , im unvergeßlichen Zürich ! Ich komme mit Lothar hin und will sie mir wiederholen ! Man hetzt sich zu Tode in der Weltstadt und lebt doch nicht . Ich bete Berlin an und hasse es . Liebe Josefine , stärke mich mit deiner Kraft ! ich fühle mich oft so müde , so altbacken , so eingetrocknet . Und das ist nun Braut . Glücklicherweise ist Lothar noch viel müder , altbackener und eingetrockneter als ich . Aber ein feiner Philolog ist er und scharf in der Dialektik , da kann ich mich verstecken - huh ! Wir gedenken ein Knabenpensionat zu gründen , für Ausländer , die gut zahlen . Ich übernehme die Mathematik . Mit Knaben werde ich sehr gut fertig . Wo - ist noch unbestimmt . Vielleicht in Zürich ? Wir freuen uns darauf , dich reden zu hören ! Einzige Josy du , mit roten Nelken , feuerroten natürlich , in der feuerroten Volksversammlung ! Im Grunde bekümmert es mich zwar sehr , daß du ganz in das äußerst Radikale gerätst , du bist doch aus so guter bürgerlicher Familie ! Aber mit dir zu streiten lohnt nicht , du wirst nie etwas anderes tun , als was du willst . Bringe nur deinen Mann nicht mit in die » Eintracht « , wenn wir kommen , hörst du ? Dann wird aus der Eintracht eine Zwietracht , denn wir zwei hassen uns nun mal , dein Mann und ich . Schreibe doch , was er tut - von ihm möchte ich vor allem wissen . Weißt du warum ? Grüße ihn und die Kinder . Rösi muß aber angehalten werden , du verliebte Mutter ! Das sollte unsere Tochter sein . Sei herzlich umarmt von deiner Helene Begas . Gehorsamste Grüße sendet Ihnen , verehrte gnädige Frau , Ihr ergebener Lothar Bröker , Gymnasialoberlehrer . Plattner an seine Tochter Josefine Mein gutes Kind ! Meine kurze Meldung an dich von vorgestern muß ich leider heute bestätigen . Léon ist ruiniert , und - um dir ' s gleich zu sagen , mein ganzes Kapital ist mit verloren ! Es geschieht mir recht ; die großen Zinsen haben mich hineingekriegt , so gut wie die anderen . Aber , ich gedachte , dir einmal etwas Ordentliches zu hinterlassen , drum hab ich nach der Leimrute geluget - und so geschieht mir eigentlich nicht recht , sondern unrecht . Der Herr Bankdirektor hat nicht dirigiert , der Herr Aufsichtsrat hat nicht beaufsichtigt - von dem Albert steckt auch das Hauptvermögen in der Sach . Sauerei ! Eine Wut hab ich ! eine Wut ! Sorg dich nur nicht um mich oder um den Uli , Kind ; so lang ich arbeitsfähig bin , langt ' s ja zu allem . Aber dir hatt ich ' s zugedacht - du solltest ' s einmal in die Hände bekommen , was dein Vater zusammengeschafft - es kränkt mich , nicht zum Sagen . Gelt du , Josy , das Kapital für dein Studium war doch meine klügste Anlag ! Bist jetzt selbständig , hast gute Praxis , kannst Mann und Kinder ernähren . Gott segne dich , mein gutes Kind ! Mich wundert ' s fast , wie du ' s schaffst . Lese auch von Vorträgen , die du den Arbeitern hältst . Schön und gut , aber bitt dich , übertreib ' s nicht , Josy . Der Mensch ist kein Pferd . Mir ist ' s grad jetzt - briegen möcht ich wie ' n altes Weib , daß du keinen Centime von mir kriegen wirst . Es wär denn , der Herrgott schenkte mir noch zehn Arbeitsjahre ! Aber meine Schwiegersöhne sind flott , gelt du ? Man weiß nicht , welches daß der Liebere ist ! Saukerle , alle miteinander ! Das heißt , vom Albert weiß man nichts anderes , als daß er den ganzen Aufsichtsrat gestimmt hat zur Vertrauensseligkeit , aber das ist Haufen genug ! Und , nicht wahr , mit Rechtem ist doch auch der Albert nicht zu seinem Millionenbesitz gelangt . Vier Villen hat der Kauz : - eine in Flüelen , eine in Menaggio , eine in Lauterbrunnen , eine bei Zürich . Doch halt - hatte muß es heißen . Ob er heut noch ' s Dach überm Kopf hat - wer kann ' s sagen . Der Léon soll sich fortgemacht haben , denk auch ! Doch heißt ' s , es sei ihm nichts anzuhaben . Jetzt - was so ein flüchtiges Bankdirektorshirn ausbrüten kann , der Léon wird ' s ausbrüten , und der Herr Aufsichtsrat wird ihm schon soufflieren , wo er stecken bleibt ; gib Obacht ! ' s ist halt sehr verdächtig . Dein gebeugter Vater . Adele an ihre Schwester Josefine Privatim und in Eile . Geliebte teure Fifi ! Eine arge Komplikation in Léons Geschäften ist eingetreten , und unübersehbare Wirren stehen noch bevor . Mein Mann braucht Sammlung an einem unbekannten Ort . Bei euch könnte ihn niemand finden , dort wird man ihn nicht suchen , weil es ja allgemein bekannt ist , daß kein Verkehr zwischen uns besteht . Es handelt sich um einige Tage , dann muß sich alles aufklären . Schreibe mir sofort , ob du Léon verstecken kannst , ich würde mich dir in jeder Weise erkenntlich zeigen ! Adele . Marie an ihre Schwester Josefine Einzig geliebteste Josefine ! Zu dir komme ich in meiner Angst , weil ich niemand so vertrauen kann wie dir , Teure , Schwester ! Mit Albert ist etwas passiert , und er wird gesucht , aber er will sich nicht finden lassen , er sagt , es sei noch nicht gut , lieber später - - er möchte gern zu euch , es ist ja stadtbekannt , daß wir nie zusammenkommen , und bin ich schon oft deswegen gefragt worden . Aber Not bricht Eisen , und wir sind doch Schwestern , nicht wahr - oh , meine Josefine , wenn es nach mir gegangen wäre , diese Entfremdung wäre niemals eingetreten ! Es handelt sich nur um einige Tage , Albert wird dann alles aufklären , er muß nur erst zu sich selber kommen und nicht die Meute hinter sich fühlen , sagt er . Er ist mit allem zufrieden , auch sollt ihr keinesfalls Umstände machen . Bitte , hilf uns , Teure , dies fleht in äußerster Angst deine dich innig liebende Marie . PS . Heute abend wird er im geschlossenen Wagen bei euch vorfahren , präzise elfdreiviertel Uhr . Er kann auf dem Sofa schlafen . Er nimmt mit allem vorlieb ! Nur kein Aufsehen und überhaupt die äußerste Diskretion ! Bitte Antwort durch eines der Kinder überbringen , aber versiegelt . Josefine an Adele Liebe Schwester ! Ich weiß nicht , ob es Léon bekannt ist , daß Albert dasselbe Gesuch an uns stellt wie dein Mann . Es wäre mir lieb , wenn ihr euch einen anderen Zufluchtsort aussuchtet . Gib Rösi , die dies überbringt , die Antwort mit . Falls die zwei Männer auf ihrem Plan bestehen , habe ich noch vieles anzuordnen . Josefine . Josefine an Marie Liebe arme Marie ! Ich weiß nicht , ob dein Albert hier mit Léon zusammentreffen , oder ob er sich auch vor ihm verstecken will . Das heißt , daß Léon gleichfalls seinen Besuch bei uns anmeldet . Wie steht es denn jetzt ? Kann Albert nicht wo anders hingehen ? Die Sache ist mir sehr unsympathisch . Das Mädchen soll deine Antwort gleich mit zurückbringen . Deine Josy . Adele an Josefine Teure Schwester ! Sei nicht hart ! Es geht nicht anders ! Die zwei Verfolgten haben sich zu beraten , und das kann ungestört nur bei euch geschehen . Sie werden zusammen um elfdreiviertel Uhr heute abend in geschlossener Droschke bei euch ankommen . Wir wissen , daß du über viele Dinge freier denkst als die engherzige Gesellschaft . Auch hast du keinen so strengen Moralbegriff , glaube ich ; deine traurigen Erfahrungen , teure Schwester ! Laß uns etwas davon zu gute kommen ! weise uns nicht ab ! Innig bittet Deine Adele . Marie an Josefine Einziggeliebte Josy ! Was soll Albert anfangen , wenn du nicht willst ! Wir glaubten , du seiest nicht so hart wie die übrigen , auch sind wir doch Schwestern , und nach diesem wird es keine Mißverständnisse mehr zwischen uns geben , dafür werde ich sorgen . Das Zusammentreffen bei dir ist verabredet , geliebte Josy , es ist notwendig . Du hast gesagt , es gibt keine Verbrecher , es gibt nur Kranke , vielleicht ist dies die Zeitkrankheit , denn man hört ja jeden Augenblick von solchen Zusammenbrüchen . Deine arme Marie ist unglücklich , und du willst sie abweisen ? Nein , Josefine ist nicht schlecht , sie kann nicht nein sagen . Sie kommen heute abend elfdreiviertel Uhr . Bitte , bitte , bitte ! Sie können auf dem Sofa schlafen , machen absolut keine Ansprüche ! Ich rechne auf deine schwesterliche Liebe . Deine unglückliche Mia . Josefine an Adele Liebe Adele ! Mitfolgend den Hausschlüssel zum » Grauen Ackerstein « . Wir , das heißt die ganze Familie , reisen heute abend acht Uhr nach Chur zum Vater . Léon und Albert müssen sich selbst bekochen und versorgen , denn das Mädchen geht vorsichtshalber mit nach Chur . Wir bleiben eine Woche fort , hoffentlich sind die Herren bis dahin einig ! Ich muß noch eine Vertreterin besorgen , daher Schluß . In bezug auf Habsuchtsvergehen sind meine Begriffe sehr streng , liebe Adele ! D. I. Nachschrift . Befördere , bitte , diese Zeilen an Marie weiter , ich habe nicht Zeit , zweimal dasselbe zu schreiben . Ihr müßt nicht vergessen , daß ich plötzlich aus meiner Praxis heraus muß , Kinder . Sage Mia , sie habe recht , aber es gebe für mich eine besonders abstoßende Krankheitsform , und das sei die Geldsucht . - Mög es euch gut gehen ! Josefine . Josefine an den Arbeiterbund Sehr geehrter Herr ! Mein auf übermorgen festgesetzter Vortrag muß leider verschoben werden , da ich verreisen muß . Bitte um Feststellung eines Tages nach dem zwölften Juli . In Hochachtung Jos . Geyer . Josefine an eine Patientin ! Sehr geehrte Frau ! Bitte , erschrecken Sie nicht , wenn morgen Fräulein Dr. Lauterer statt meiner bei Ihnen Besuch macht . Sie vertritt mich während einer achttägigen Abwesenheit von Zürich , und vertrauensvoll können Sie sich mit allem an sie wenden . Zu dem kleinen Eingriff , den ich bei Ihnen vornehmen muß , werde ich in der übernächsten Woche zurück sein . Nur guten Mut und Hoffnung ! Ihre Dr. Josefine Geyer . Josefine an die Operationsschwester im Schwesternhaus zum Roten Kreuz Liebe Schwester Erna ! Die für morgen früh elf Uhr angesetzte Operation werde leider nicht ich ausführen - ich muß unerwartet verreisen . Fräulein Dr. Lauterer wird mich vertreten . Bereiten Sie die Patientin vor , und sagen Sie ihr , daß Fräulein Dr. Lauterer nicht nur so gut , sondern besser ist als ich . - Da ich acht Tage lang wegbleibe , werde ich eventuell auch die Patientin Allenstein abgeben müssen , was mir aber leid wäre , da sie sehr nervös ist . Ihr Fall verträgt Aufschub ; will sie warten , so kann ich die Operation am zwölften Juli nachmittags drei Uhr vornehmen . - Um regelmäßigen täglichen Bericht nach untenstehender Adresse bittet Ihre Sie herzlich grüßende Dr. Jos . Geyer . Chur , Landwirtschaftliche Schule , Professor Plattner . Josefine an die höhere Töchterschule im Großmünster Sehr geehrter Herr Direktor ! Hierdurch bitte ich Sie um die Erlaubnis , meine Tochter Rösi schon jetzt , acht Tage vor Beginn der Sommerferien , aus dem Unterricht nehmen zu dürfen . Eine unerwartete Reise der ganzen Familie nach Chur macht diese Maßregel notwendig . In Hochachtung Dr. Jos . Geyer . Schreiben des Missionshauses Basel an Frau Dr. med . Josefine Geyer Sehr geehrte Frau ! Wir wenden uns an Sie mit unserer Antwort auf eine Anfrage , die vor ungefähr einem Monat an unsere Direktion gelangt ist , und zwar von einer Seite , die Ihnen die nächste ist . Ihr Gemahl , Georges Geyer , hat sich an uns gewandt in der Absicht , sich zum Missionar ausbilden und wider die Götzendiener senden zu lassen . Wir wissen nicht , ob Ihnen diese Absicht bekannt ist , glauben aber aus gewissen Gründen daran zweifeln zu müssen . Es scheint uns , daß Sie dem Petenten würden abgeraten haben , aus Gründen , die Ihnen genugsam bekannt sind , und die wir hier nicht zu erörtern brauchen . Unser Herr Jesus Christus will reine Sendboten , wie kommt der Züchtling dazu , sich uns anzubieten ? Wir ziehen es vor , dem Herrn Georges Geyer auf diesem Umwege die Antwort zu erteilen , die er verdient . Bitte , dieselbe zu übermitteln und uns die Peinlichkeit persönlicher Berührung mit genanntem Herrn zu ersparen . Der Herr erleuchte Sie und schenke Ihnen seinen Frieden . Amen . Die Direktion . Josefine in Zürich an Georges in Chur Lieber Georges ! Du kommst zwar morgen zurück , aber dies ist etwas , das ich lieber schriftlich als mündlich mit dir bespreche . Weißt du , wenn du mit mir schlechte Witze machst , das schadet ja nicht , aber Leute wie diese Missionare haben ein zu kitzeliges Fell , die solltest du in Ruhe lassen ! Du hast dir den schlechten Witz erlaubt , bei ihnen anzufragen , ob sie dich zum Missionar ausbilden wollen , und sie haben natürlich nein gesagt . Die Antwort kam an mich , war grob abweisend , ich schicke sie dir nicht . Aber wie konntest du auch solche Leute necken ! Gefällt dir die Tätigkeit auf der landwirtschaftlichen Versuchsstation ? Wäre das nichts ? Auf Wiedersehen ! Mit Gruß Josefine . Georges Geyer in Chur an Josefine in Zürich Meine unvergleichliche Séfine ! Ich bin ein unglücklicher Mensch - das beste für mich wäre ein Mühlstein an meinen Hals gehängt und im Meere ersäuft . Es war aber kein schlechter Witz von mir , es war mein heiliger Ernst , Missionar zu werden , und ich hoffe , meinen Plan doch noch durchzusetzen . Ist es nicht unendlich viel leichter , den anderen zu predigen , wie sie sein sollen , als selber gut zu sein ? Die Gabe des Wortes ist mir verliehen , wie du weißt , Séfine , ich besitze die Gabe der Beredsamkeit ! Die Gabe des Guthandelns besitze ich nicht , also halte ich mich an das , was ich habe . Man muß Gott für alles danken ! Wer war der heilige Augustinus , he ? Ich identifiziere mich mit ihm , ich habe Visionen wie er , ich fühle den Drang , zu belehren , wie er ! Die Baseler sind dumm , ein Genie wie meines zurückzuweisen ! Sie werden es bereuen , wenn ich ohne ihre Hilfe zur Heiligkeit gelange . Denn dazu gelangen werde ich , eben weil ich die Gabe des Wortes besitze . Ich behaupte , daß ich durch den Besitz dieser Gabe und durch den Mangel an anderen Gaben zum Missionar geradezu prädestiniert bin . Mein ganzes früheres Unglück hätte mich nicht betroffen , falls ich meinen Beruf gleich anfangs erkannt hätte . Ich hätte tun können , was ich getan - es hätte nicht geschadet , einem Missionar hätte es nicht geschadet . Sie tun mehr , und es schadet ihnen nicht . Ich fühle den Beruf in mir , zur Buße zu posaunen ! Diese Schwarzen und Braunen und Gelben , die ich dem Himmel gewinne , werden für mich Fürbitter sein . Kurzum , es ist ein Geschäft , und ein gutes Geschäft , und ich werde doch noch hineinkommen . Es ist leicht zu erlernen , ich besitze bereits die erforderlichen Kenntnisse . Predigst du nicht auch , unvergleichliche Séfine ? Hast du für mich etwas anderes gehabt als schöne Worte ? In deiner Frage , wie mir die bäuerliche Tätigkeit zusage , sehe ich sogar etwas Entwürdigendes . Du willst mich für ewig hinunterdrücken , Séfine . Aber ich , ich werde mich erheben und Missionar werden ! Ich kenne die Sünde , ich kann also vor ihr warnen , ich freue mich darauf , unter Sündern zu sein ! Aus gewissen Andeutungen deines Alten schließe ich , daß es geraten ist , auch Léon und Albert in mein Gebet einzuschließen . Charmante Familie ! Wahrlich , wir brauchen unter uns einen , der zur Buße posaunt ! Und dieser eine wird sein dein gehorsamer Diener Georges . PS . Möglich , daß ich katholisch werde , wenn die Umstände es erfordern - mich bekreuzigen kann ich schon . Rösi an ihre Mutter Josefine Meine einzige Mama ! Ich danke dir , daß du mich hierher nach Weggis gebracht hast , und daß ich bei Laure Anaise sein darf . Laure Anaise ist eine schöne Frau , und ihr Mann ist nicht so schön , weil er zu klein ist . Ich möchte auch solch einen Mann haben , er ist so lieb mit Laure Anaise , und der Bubi kreischt vor Freude , wenn er ihn sieht , aber etwas größer möchte ich ihn haben , den Meinen . Doch das hat noch lange Zeit , und oft denke ich , ich möchte gar nicht groß werden , lieber klein bleiben und eine Nixe werden im Vierwaldstättersee . Hätte ich nur blondes Haar , meine Mama , eine Nixe mit schwarzem Haar gibt es nicht , oder ? Dann käme ich heraus auf den blauen Felsen , wenn der Mond scheint , und er scheint gerade jetzt , und es ist so wonnig , dir ohne Lampe im Mondschein zu schreiben . Gegenüber ist der blaue Felsen , und das soll mein Platz sein , es ist nicht so schön , wenn er leer ist . Wenn ich eine Nixe wäre , könnte ich auch singen , und ich weiß ein Lied , meine Allersüße , und das macht mich so traurig . In Laure Anaises Garten stehen viele Rosenbäumchen , und eins war so schön , und es ist plötzlich gestorben . Ich weiß nicht warum , und niemand weiß warum . Am Morgen sah ich , daß die halboffenen , großen , weißen Rosen ganz ruhig wie immer an dem Zweig hängen , aber die kleinen , jungen Knospen und die kleinsten bräunlichen Blätter sind so weich , ganz schlaff . Ich dachte zuerst an die Schlafblumen , die du uns früher gezeigt hast , an die Akazien , die nachts ihre Blättli zusammenfalten wie kleine Hände , die beten . Kann es nicht sein , daß ein Rosenbäumchen auch einmal schläfrig ist ? Vielleicht hat es die ganze Nacht in den Mond gesehen , oder der Wind hat soviel zu erzählen gehabt , oder es macht auch müde , wenn die großen Hummeln so laut um seine Ohren summen . Ich wollte die Knösplein aufwecken , aber sie fielen auf die Seite , so matt . Ist es Schlaf ? dachte ich , wurde ängstlich . Am Abend hingen die großen , weißen Rosen wie schwere Glocken herab , und die kleinen Zweige hatten alle Kräfte verloren , und ich brachte ihm Wasser , aber er war schon zu schwach , er trank nicht mehr , das Wasser rann über den Boden fort und benetzte es nicht . Er will sterben , sagte ich zu Laure Anaise , und Laure Anaise und ihr Mann und ich , wir mochten nicht essen , aber Bubi versteht es noch nicht . Am Morgen war er schon tot - so kalt und still , kein Blättchen fiel ab - nun rascheln sie wie Papier und sind klein und braun und die weißen Rosen wie gelbe Klüngel , und sie duften immer noch . Und die Rosenbäumchen stehen alle in einem Kranz , und