an den Friedenskongressen beteiligt hätte ? « » Allerdings - da hättest Du Gleichgesinnte bestärken und auch nach außen hin besser wirken können , auf einem bestimmten Gebiet . Das Allumfassende verliert sich ins Weite : qui trop embrasse , mal étreint . Du willst doch als Lehrer auftreten ? Also trage den schwachen Schülerköpfen auf einmal doch nur einen Gegenstand vor ; versuche nicht - besonders wenn Analphabeten darunter sind , sie in einer Unterrichtsstunde zu Enzyklopädisten zu machen . « Rudolf wiegte lächelnd den Kopf : » Deine Kritik , liebste Mutter , ist noch strenger als die der Herren Berichterstatter . « In den nächsten Tagen erhielt Rudolf wieder Briefe von der anonymen Anbeterin ; dazu noch andere Epistel verschiedener entzückter Zuhörerinnen , die ihn - ganz wie dies gefeierten Schauspielern und Sängern zu geschehen pflegt - um Autogramme baten , oder gar zum Stelldichein bestellten . Ferner Anfragen von auswärtigen Vereinen , ob nicht im Laufe der Wintersaison ein Vortrag zu erlangen wäre . Er antwortete bejahend ; er wollte so oft als möglich sprechen . Obwohl ihm die erste Probe einen so bitteren Nachgeschmack gelassen , so sehnte er sich darnach , wieder und immer wieder dem lauschenden Volke mitzuteilen , was er als Heilswahrheit empfand , und durch unermüdlich wiederholte Predigt dahin zu wirken , daß die Zahl der Einsichtigen sich mehre , welche helfen sollten , den Eintritt einer lichteren Ära zu beschleunigen . Und wenn es eine Kunst war , durch das gesprochene Wort die Menge zu überzeugen , zu trösten , aufzurütteln , mitzuziehen , nun so würde er , durch die beiden unentbehrlichen Gehilfen jeder Kunst - Fleiß und Übung - vielleicht auch zur Meisterschaft gelangen . Dann ein Herrscher sein , um besser dienen zu können . Denn einzig um den Dienst der Sache war ihm zu tun . Und um die Erfüllung des eigenen Gewissensgebots . Auch eine Art Kampfgier war in ihm erwacht - ein zorniger Drang , aller gleißnerischen Niedertracht die Maske abzureißen ; ein Drang , der Gesellschaft ins Gesicht zu sagen , wie viel bodenlos Dummes und bodenlos Böses er hinter ihren hochmütigsten und umschmeicheltesten Leuten und Dingen sah . Freilich ist durch Gesetze dafür gesorgt , daß niemand alles sagen kann , was er denkt . Gegen Verächtlichmachung sind manche Dinge und Leute geschützt , denen es nicht verwehrt ist , verächtlich zu sein und Verächtliches zu tun . Rudolfs Auftreten als öffentlicher Redner hatte in Wien nicht das Aufsehen erregt , das seine Freunde und er selber davon erwartet hatten . Denn abgesehen von dem , was er gesprochen , wäre es ja doch jedenfalls als ein Sensationsereignis zu betrachten gewesen , daß ein Mann in seiner Stellung so auftrat - und man hätte doch - wie es Achtungserfolge gibt - auf einen Staunenserfolg rechnen können . Neunzig Hundertel der Einwohnerschaft hatten das Ereignis einfach nicht bemerkt , und jener Bruchteil , der den Vortrag gehört oder darüber gelesen , war davon nicht erschüttert . Die Anwesenden erzählten wohl ihren Bekannten , daß sie dabei gewesen , was aber der Inhalt des Vortrags war , hätten die wenigsten erzählen können und die begnügten sich , ein summarisches Urteil abzugeben - meist sehr von oben herab . Zufällig hatte Rudolf Gelegenheit , ein Gespräch über seinen Vortrag zu belauschen . Es war in dem von Künstlern und Literaten viel besuchten Kaffeehaus an der Ecke der Kärthnerstraße und Wallfischgasse . Er war hineingegangen , um ein paar ausländische Blätter zu sehen und setzte sich an ein Fenster . Um einem Nebentisch , dem er den Rücken kehrte , saßen ein paar junge Schriftsteller , die sich über ihre neuesten ultramodernen Arbeiten unterhielten . Nach einer Weile aber stockte das Gespräch . Da ließ einer , ein ungefähr neunzehnjähriger Jüngling mit einer Froschphysiognomie , die Bemerkung fallen : » Ich war am vorigen Sonntag im Musikvereinssaal - « » Ach ja - der Dotzky , « fiel ein anderer ein . » Nun , wie war ' s ? « » Furchtbar vieux jeu , alte Leier - Leitartikelstil - Kanzelgeist im Journalistendeutsch . Hervorkehrung überwundener Standpunkte . Wichtigtuende Naivität . Segensgesten mit der Don-Quixote-Lanze , die bekannte Idealmeierei . Fortschritt , Freiheit , Menschenliebe , allgemeiner Wohlstand - mit einem Wort , Quatsch . Der gute Mann hat keine Ahnung von der Umwertung der Werte , er weiß nichts vom Adel des Herrenmenschen , der vor allem dem Gebote folgen muß : Werde hart . Der wird kein Überwinder sein . Was er eigentlich will , weiß ich nicht - weiß er vermutlich selbst nicht . Soviel ist sicher : davon weiß er nichts , daß des modernen Menschen einziges Ziel sein soll : eine Individualität sein und - sich ausleben . « Rudolf zögerte . Sollte er sich umwenden und der Tischgesellschaft sich vorstellen ? Dem überlegenen Individuum - das sich auslebte - eine kleine Verlegenheit bereiten und dann seinen Standpunkt behaupten ? Er widerstand der Versuchung und lauschte weiter . Man sprach nicht länger von ihm , sondern knüpfte an das Gesagte an , um über Nietzsche zu dissertieren , und langte bald wieder bei den eigenen Angelegenheiten an , der geplanten Herausgabe einer » ultravioletten Revue « . Das interessierte Rudolf weniger . Er zahlte und ging . Er schlenderte über die Ringstraße , in Nachdenken versunken . Was er da gehört hatte , summte ihm im Kopfe nach . Besonders das Wort Überwinder . Wodurch wird das Überwinden gar so sehr erschwert ? - - Dadurch , daß die Arbeit derer , die etwas überwinden wollen , lange vor ihrer Vollendung von jenen unterbrochen wird , die ihrerseits die Überwinder zum Gegenstand der Überwindung machen wollen . Da bemühte sich z.B. eine junge naturalistische Schule , den verlogen gewordenen Idealismus zu verdrängen ; und noch war sie in voller Gärung , noch hatte sie ihre Meisterwerke nicht hervorgebracht , so war schon eine neue romantische Schule daran , den Naturalismus für überwunden zu erklären . Das erste , was manche Leute von einer neuen wissenschaftlichen Theorie erfahren , ist , daß man sie schon längst widerlegt und abgetan hat . Verbreitet wird sie viel später als abgeurteilt . Und nun gar der große Kampf , dem Rudolf sich angeschlossen hatte : die Überwindung der jahrtausendalten Institutionen menschlicher Unfreiheit , ein Kampf , der kaum erst begonnen hat , und zu seiner Austragung der rastlosen und kraftvollen Anstrengung mehrerer Generationen bedürfen wird - der soll auch schon als veraltete Philisterei belächelt werden ? ... Wahrlich , Schlagworte wechseln heutzutage schneller als Hutmoden . Man darf sich ja - in der geistigen jeunesse dorée - gar nicht mehr sehen lassen mit einem vorjährigen Ideal ! Erst dann läßt sich wieder damit hervortreten , wenn es eine Zeitlang » überwunden « gewesen , und die Reihe an die Überwinder kommt , ihrerseits » vieux jeu « zu werden . In immer rascherem Tempo spielt sich dieses Hin und Her ab , dieses Altwerden des Neuen und Wiederneuwerden des Alten - mit Hinzukommen von wirklich noch nie dagewesenen Begriffen und Dingen . Man müßte dabei ganz haltlos , schwindlig und rasend werden , wenn es nicht ein paar feste , ruhige Punkte gäbe , - einiges , das unter all diesem Wirbelnden , Flüchtigen , Aufblitzenden und Untertauchenden als das Ewigragende erscheint ... Zum Beispiel - Rudolf suchte nach solchen Ewigkeitsbegriffen - zum Beispiel : Liebe , Güte . Er mußte unwillkürlich lächeln : Da bin ich ja wieder mitten drin in der - wie sagte doch der hartgesottene Auslebe-Jüngling - alten Idealsmeierei . Ein Vorübereilender stieß an ihn an . Da hob er den Kopf und bemerkte , daß er sich vor dem Tor des von der Familie Ranegg bewohnten Hauses befand . Dem Impulse , hier einen Besuch abzustatten , folgte er rasch . » Die Frau Gräfin zu Hause ? « fragte er den Portier . » Zu dienen , gräfliche Gnaden , « antwortete der Mann und gab das Glockenzeichen . Oben ließ ihn der Diener ohne vorherige Meldung in den Salon ein . Gräfin Ranegg und ihre Töchter Cajetane und Christine saßen um einen in einer Salonecke stehenden runden Tisch , auf dessen Mitte eine schirmbedeckte Lampe brannte , und der mit Büchern , Arbeitskörben und Schreibmaterial bedeckt war . Als Rudolf eintrat , erhoben sich alle drei Stimmen , um ihn zu begrüßen ; es schien ihm , als wäre unter den Ausrufen : » Ah , Sie ? - Ah , Graf Dotzky - Das ist schön ! « auch ein leiser Schrei ausgestoßen worden . War denn sein Besuch gar so überraschend ? Sonst war er ja ein häufiger Gast in diesem Hause gewesen und diesen gemütlichen runden Tisch kannte er ganz gut , um welchen die Raneggschen Damen in den Nachmittagsstunden zu sitzen pflegten , mit Lektüre , Handarbeiten und Korrespondenz beschäftigt . War er denn , seit seinem Auftreten , ein gar so exotisches Geschöpf geworden , daß sein Erscheinen erschreckte , wie das des steinernen Gastes ? Die Gräfin aber reichte ihm mit sichtlicher Freude die Hand . » Setzen Sie sich her zu uns , Graf Rudi ... Es ist wirklich schön von Ihnen , daß Sie bei Ihren neuen , großartigen - ( sie suchte nach einem passenden Ausdruck , fand aber keinen ) hm , Sachen die alten Freunde nicht vergessen . « » Ach , meine großartigen Sachen , « antwortete Rudolf lächelnd , indem er sich setzte , » werden wohl viele alte Freunde mir entfremden , nicht mich ihnen . « Er blickte Cajetane an und war erstaunt , sie so blaß zu sehen , blaß bis in die Lippen . » Ich war am Sonntag verhindert , Sie anzuhören , « sagte die Gräfin - » aber die Caji war dort mit den Blaskowitz ' - sie war ganz entzückt . « Jetzt war das Gesicht des jungen Mädchens mit Purpur übergossen . Rudolf schüttelte den Kopf . » Entzückt ? Das Wort scheint kaum zu passen . Die Frage ist : waren Sie einverstanden ? « Cajetane nickte . » Ja , « sagte sie leise und fügte hinzu : » Neue Horizonte haben sich mir eröffnet ... es war schön . « Rudolf ergriff ihre Hand : » Danke , Gräfin ... Das ist das erste Beifallswort , das mich erfreut . Ja , darum handelt es sich : neue Horizonte - die sollen der Gemeinde aufgehen , wenn der Prediger von einem gelobten Lande spricht . « » Prediger ? « fiel Christine ein . » Hören Sie , Graf Rudi , so heilig fassen Sie nicht alle Ihre Zuhörer auf . Ich kenne mehrere , die nennen Sie Agitator . « » Beweger ? Auch kein schlechter Name . Ich wollte , ich könnte die Menschen aufrütteln . « » Nehmen Sie mir ' s nicht übel , « sagte die alte Gräfin , » aber vom Rütteln bin ich keine Freundin . « » Das weiß ich , Exzellenzfrau . « » Sie wollen sagen , daß ich so konservativ bin , weil ich die Frau eines Geheimen Rates bin ? O nein - sondern überhaupt ... es ist doch nicht gemütlich , wenn der Boden , auf dem man steht , zum Zittern , die Säulen , an die man sich lehnt , zum Wanken gebracht werden , nicht wahr ? « » Wo jetzt der Ring steht , da stand noch vor vierzig Jahren die Bastei . Hätte niemand an den Basteimauern rütteln dürfen , so wäre hier nicht Ihr schönes Haus erbaut worden - « » Ist das aber ein Grund , um mir mein Haus gutwillig zerstören zu lassen ? Das können Sie doch nicht von mir verlangen ? « » Nein , das kann ich nicht verlangen . Sehe ich aber wirklich danach aus , als ob das meine Absicht wäre ? Wie man doch immer die stillen Aufbauer , die an Stelle des Verfallenden neues Material herschaffen wollen , mit gewalttätigen Zerstörern verwechselt ! Was ich bringen wollte , ist ein bißchen Licht , ein bißchen Liebe - « » Verzeihen Sie , lieber Dotzky , das sind doch keine neuen Sachen . Haben wir nicht Licht genug in der Offenbarung und Liebe genug in unserer schönen Religion ? Wenn die Leute nur wirklich fromm wären , aber leider sind sie ' s zu wenig von Natur und werden dann auch noch irre gemacht von allen den sogenannten Aufklärern . « » Womit Sie mich meinen ? « » Ach , nur nicht streiten ! « rief Christine . Cajetane seufzte . Ihr war die Wendung , die das Gespräch genommen hatte , offenbar peinlich und darum beeilte sich Rudolf , es abzulenken , indem er sich um das Befinden der Söhne Ranegg erkundigte . » Oh , es geht ihnen prächtig ... die Kriegsschule glänzend absolviert ... « Auf dieses Thema gebracht , sprudelte die Rede der Gräfin in vergnügtester Weise weiter . Von den frohen Nachrichten über die militärischen Erfolge ihrer Söhne ging sie zum Schicksal ihrer verheirateten Tochter über und da gab ' s auch nur Erfreuliches zu berichten : Familienzuwachs , eine Erbschaft , interessante Reisen - kurz ein rosa in rosa gemaltes Bild des Lebens . Und in dieser Art Leben - so flog der Gedanke durch Rudolfs Sinn - hätte ich meinen Platz bewahren können : Sorgenlosigkeit , Familienfreuden , genußreiche Erlebnisse ... und statt dessen - - » Und hören Sie , « fuhr die Gräfin fort , » ich will Ihnen etwas anvertrauen ... in wenigen Tagen soll ' s ja doch offiziell - « » Aber Mama ! « unterbrach Christine . » Schad ' t nichts - eine Woche lang wird der Rudi schon schweigen . Also : meine Christine hier ist auch glückliche Braut - Otto Weissenberg - « » Der älteste Sohn des Fürsten Franz Weissenberg ? - oh , ich gratuliere , das ist ja eine der glänzendsten Partien des Landes - und dabei ein lieber , hübscher Mensch - ich freue mich herzlich . « Und er schüttelte Christinens Hand . » Jetzt aber ist die Reihe an Ihnen , Gräfin Cajetane - « » Oh , an der wäre eigentlich zuerst die Reihe gewesen , da sie unsere älteste ist , aber sie ist ein eigensinniges Mädel . « Cajetane machte eine unwillige Bewegung und stand auf . Jetzt kamen einige andere Besucher . Es waren zumeist Leute , die Rudolf kannte . In den allgemeinen Gesprächen , die geführt wurden , vermieden sie jede Anspielung auf den stattgehabten Vortrag im Musikvereinssaale . Es war wie eine zarte Rücksicht . Von ihren » faux pas « erwähnt man doch den Leuten nichts . Allmählich landete die Unterhaltung wieder bei Jagdangelegenheiten und Gesellschaftstratsch ; man versuchte gnädig , Rudolf hineinzuziehen , als ob man bei ihm das lebhafteste Interesse für diese salonfähigen Gesprächsstoffe voraussetzte . Wirklich , sie bauten ihm goldene Brücken . Wenn er nur seinen » Schritt vom Wege « bereuen wollte und wieder vernünftig werden - sie würden ihn ja wieder als ganz normal behandeln . Cajetane hatte sich an das andere Ende des Salons begeben , wo das Klavier stand . Sie machte sich dort mit Ordnen der Notenhefte zu schaffen . Rudolf ging zu ihr hin . Er hielt es in der Mitte der anderen nicht länger aus . Ein plötzlicher Entschluß war ihm gekommen : in diesem Kreise würde er sich nicht mehr als Besucher , als kameradschaftlicher Standeskollege bewegen . Streit und Kampf aufnehmen ? Das ja - mit jedem und allerorts - aber höfliche Gemeinplätze austauschen , harmlos konversieren , als ob nichts vorgefallen wäre , als ob er sich nicht feierlich von den hier geltenden Anschauungen losgerissen hätte - sich noch mit einer gewissen Nachsicht patronisieren lassen ? Nein , das nimmermehr . Dies sollte seine letzte Visite im Raneggschen und ähnlichen Salons sein . Doch zu Cajetane zog es ihn . Der mußte er noch einmal die Hand drücken . Er ging zu ihr hin . » Was suchen Sie in diesen Noten ? « Sie hatte ihn nicht kommen gesehen . Jetzt wandte sie sich rasch um ; wie ein Schauer oder wie ein elektrischer Schlag durchschüttelte es ihre Gestalt . » Habe ich Sie erschreckt ? « » Nein , ich ... ich ... oh , Graf Rudolf - « » Was denn , Cajetane - was haben Sie ? Ich wollte Ihnen nur Adieu sagen - ich gehe . « » Das begreife ich . « » Wie meinen Sie ? « » Ich meine , daß Sie sich dort unmöglich wohl fühlen können . « Und sie deutete mit dem Kopf nach der Richtung , wo die Gesellschaft saß . » Sie haben recht - ich fühle mich dort nicht wohl . Obwohl es ja eigentlich mein von Geburt auf gewöhntes Milieu ist . « » Sie aber sind neugeboren - Sie haben sich ein neues Reich erwählt und das ist nicht von - « sie wiederholte die Kopfbewegung wie vorhin - » nicht von dieser Welt . « » Sie sind ein merkwürdiges Mädchen , Cajetane . Sollten Sie auch zu einer anderen Welt gehören ? « » Gehören noch nicht , aber mich dahin sehnen - ja . « » Seit wann ? « » Seit - seit - Ihrem Abschiedsfest in Brunnhof - und seit Ihren Vorträgen und Broschüren . « » Meine Broschüren haben Sie gelesen ? Da möchte ich doch - « Das Gespräch wurde durch die Dazwischenkunft Christinens unterbrochen . Da empfahl sich Rudolf von der Hausfrau und den anderen und ging . XXVII Nach dem Burgtheaterabend verbrachte Sylvia eine ruhelose , aber süß ruhelose Nacht . Ihre Liebe hatte sich , das fühlte sie , zu einer mächtigen Leidenschaft entfaltet , zu etwas , gegen das es kein Ankämpfen mehr gab . Dem Geliebten hätte sie vielleicht noch entsagen können - aber ihrer Liebe nicht - ebenso wie man ja einen Trunk von sich weisen kann , nicht aber den Durst . Der brennt , ob man will oder nicht . Schon lange hatte das Delnitzkysche Paar kein gemeinschaftliches Schlafzimmer mehr , Sylvia war also allein . Gegen zwei Uhr , da sie durchaus keinen Schlaf finden konnte , machte sie Licht . Sie warf die Decke von sich und sprang vom Bette herab . Ein langes , spitzenbesetztes Nachtgewand fiel ihr bis zu den Knöcheln und die nackten Füßchen verschwanden in dem flockigen Fell , das vor dem Bette auf dem Teppich lag . Sie hüllte sich in einen warmen Schlafrock , nahm das Licht und ging in das Nebengemach - ihren kleinen Salon . Was sie dort suchte , war Hugos Photographie , die unter anderen Bildern in einer Schatulle auf dem Tisch lag , und das in ihrem Schreibtisch verschlossene Heft der ihr gewidmeten Gedichte . Sie nahm beides und ging damit ins Schlafzimmer zurück . Hier zündete sie die Kerzen am Toilettetisch und am Ankleidespiegel an . Sie wollte Helle um sich Auf dem Toilettetisch erblickte sie die Blumen , die sie am Abend an ihrem Kleiderausschnitt stecken hatte - nunmehr verwelkte , aber desto stärker duftende Tuberosen . Sie nahm das Sträußchen auf und sog dessen betäubenden Atem ein - das brachte ihr die ganze Stimmung des herrlichen Theaterabends zurück . Dann setzte sie sich auf den Toilettesessel nieder , ihrem eigenen zurückgestrahlten Bilde gegenüber . Abwechselnd sah sie auf dieses und auf Hugos Photographie , blätterte in dem teueren Heftchen und küßte die sterbenden Tuberosen . Was in den glühenden , so oft gelesenen Liedern stand , und was sie als ihr dargebrachte Huldigung hingenommen und als kunstvolle Poesie bewundert hatte - das verstand sie jetzt alles und glaubte es ihm . Was er von seiner Liebe sprach , das war ja auch von dem gleichen Gefühl diktiert , unter dessen Bann sie selber erglühte . Ebenso sehnsüchtig mußte er ihrer gedenken , wie sie seiner ; ebenso tief unglücklich würde er sein , wie sie es wäre im Falle hoffnungsloser Trennung , ebenso überirdisch selig beide , wenn sie einander angehören ... Sie hatte Großes zu vergeben und zu versagen - in ihrer Hand lag das Glück und das Unglück zweier Menschen . Sie malte sich beides aus , in wonneschwülen und in schmerzlichen Bildern . Eine Zärtlichkeit überflutete sie , wie sie niemals ähnliches empfunden . Nachdem sie eine Stunde so gesessen , wurden ihre Lider schwer . Süße Schlaflust befiel sie . Sie mußte sich aufraffen , um nicht auf dem Sessel einzuschlafen . Sie stand auf , verlöschte die Lichter , ließ den Schlafrock fallen und schlüpfte wieder unter die seidenen Decken . Hugos Bild und Gedichte , sowie das Blumensträußchen hatte sie unter das Kopfkissen geschoben , und es währte kaum fünf Minuten , so lag sie in tiefem - aber nicht traumlosen Schlaf . Um den Stuck-Plafond des Schlafzimmers lief eine durch Rosenguirlanden verbundene Bande schwebender Amoretten . Als ob diese Rosen entblättert auf die Schläferin herabschneiten , so lind und so betäubend war der Traum , der sie umfing . Vom Arm des Geliebten weich umschlungen , schaukelt sie in einer Barke auf saphirblauem See . Längs der Ufer Gärten und Terrassen , Haine voll rieselnder Blütendolden , Säulen und Statuen , weiße Pfauen und funkelnde Paradiesvögel , sprühende Fontänen - das Ganze in magische Farben getaucht , bald in Purpur eines Sonnenuntergangs erglühend , bald in violettem Glanz , als wäre über See und Land elektrisches Veilchenlicht ergossen ; über der Barke ein goldenes Dach und auf ihrem Boden ein mit sterbenden Tuberosen überstreuter Teppich aus Hermelin . Kühlfächelnde Lüfte , und von weitem süße Musikklänge - ein Festesrausch für alle Sinne ; aber jedes andere Entzücken überragend , das leidenschaftliche Vollglück ihrer Liebe - - Vielleicht hatte dieser Traum mit allen seinen Bildern nur eine Sekunde ausgefüllt , aber im Gedächtnis der Erwachenden war ' s , als hätte er stundenlang gedauert . Als sie die Augen öffnete - es war schon Tag - da machte sie die schnell wieder zu , um sich den Traum zurückzurufen und ihn womöglich weiter zu träumen . Das Weiterträumen gelang nicht ; aber das Zurückversetzen in seine Stimmung brachte ihr - als wär ' s ein Erlebnis , eine Offenbarung gewesen - ein neues Bewußtsein , eine neue Kenntnis , die Kenntnis eines Seligkeitsgrades , von dem sie bisher nicht geahnt hatte , daß ihr Lebensthermometer ihn erreichen könnte . An diesem Morgen wollte sie nicht mit Anton zusammenkommen . Sie ließ sich die Frühstücksschokolade auf ihr Zimmer bringen , ebenso die Zeitungen . Sie verschlang die Berichte über die gestrige Erstaufführung . Es waren nur kurze Notizen in der Theater-und Kunstrubrik - die eigentlichen Besprechungen pflegen erst in den folgenden Tagen die Feuilletons zu füllen - aber schon heute war in sämtlichen Blättern der volle Erfolg konstatiert und der Verfasser des toten Sternes als ein lebendiger , am Dichterhimmel glanzvoll aufgehender Stern begrüßt . Sylvia labte sich an diesen Kritiken . Sie genoß das Lob , als wäre es eine ihrer Liebe erteilte Sanktion . Und was nun ? Lange blieb sie in Gedanken vertieft . Das Ergebnis ihres Nachsinnens war , daß sie ein Billett an Hugo schrieb , des Inhalts : » Ich wünsche , ich befehle , daß Sie mir acht Tage fernbleiben . Bald erhalten Sie Aufschluß . « Dann klingelte sie ihrer Jungfer , um sich in Straßentoilette zu werfen , ließ anspannen und fuhr zu ihrer Mutter . Baronin Tilling , welche wegen starker Erkältung das Zimmer hüten mußte , und daher gestern verhindert gewesen , der Burgtheateraufführung beizuwohnen , war eben auch damit beschäftigt , in den Blättern die Kritiken zu lesen ; es interessierte sie lebhaft , zu erfahren , ob der Sohn ihres treuen alten Hausfreundes Erfolg geerntet hatte . Sie saß in einem zum knisternden Ofenfeuer geschobenen Fauteuil , ein Tischchen mit den Zeitungen neben sich . Ihre Tochter erblickend , rief sie erfreut : » Ah , Du bist ' s Sylvia - das ist schön von Dir ... Du kommst nachsehen , wie ' s mir geht ? Nun , wie Du siehst : viel besser - ich habe da gerade über Bressers Stück gelesen ... Du warst ja drin - erzähle , wie war ' s ? Aber was hast Du - Du siehst so eigentümlich aus , so feierlich ? ... « Sylvia hatte hastig Hut und Mantel abgelegt , sie war blaß und sichtbar erregt . » Was ich habe ? Das wirst Du gleich erfahren ... Und wie das Stück war ? Wundervoll . Hugo ist ein Genius . Ich bete ihn an . « » Kind , was redest Du ? « » Soll man das nicht sagen dürfen ? ... Seiner Mutter nicht ? Seiner besten Freundin soll man ' s verschweigen , wenn ein großes Gefühl - « » Ein verbotenes Gefühl , Sylvia . « » Mutter , Mutter , ein solches - solches - Polizeiwort von Dir ! Verbotene Gefühle kann es doch ebenso wenig - noch weniger geben als verbotene Meinungen ! - Nur das Verkünden kann einem untersagt werden von irgend einem Büttel der offiziellen Ordnung und Moral - aber doch nicht von Martha Tilling ! « » Also sag ' , was Du mir zu sagen hast , mein Kind . « Sylvia schob einen Schemel herbei und ließ sich zu Marthas Füßen nieder : » Ich will ' s machen wie in alter Zeit ... « Mit dem Rücken an Marthas Knie gelehnt , das Gesicht dem Zimmer zugekehrt , begann die junge Frau zu reden , leise , langsam , eintönig , in längeren und kürzeren Absätzen . » Ich bete ihn an - und will die Seine werden . « Martha unterdrückte einen Ausruf . » Ich habe mir vorgenommen , Dich nicht zu unterbrechen , « sagte sie . » Sprich weiter . « » Anton hat mir die Treue gebrochen , ich bin frei ... In Reinheit durchs Leben gehen : Das habe ich Dir geschworen - und auch mir selber ... und ich will es halten . Mit keiner Lüge , keiner Falschheit werde ich mein Tun beschmutzen . Eine Larve vors Gesicht halten ? Nein . Wessen hätte ich mich zu schämen ? Im Gegenteil : stolz bin ich auf meine Liebe und stolz auf die seinige ... Sich verstecken , verschleiern ? Nein . Im Gegenteil : ein Diadem setze ich mir auf . O , meine hiesige Welt , mit der werde ich brechen müssen , das weiß ich wohl . Die würde mir mein stolzes Lieben nicht verzeihen . Ja , wenn ich mich versteckte , wenn ich meinen Mann und sie alle zu betrügen trachtete , und sie durchschauten mich - dann wären sie voll Nachsicht ... etwas Geflüster , listiges Augenzwinkern - eine Nummer mehr auf der amüsanten Liste der chronique scandaleuse doch von der Besuchs- und Einladungsliste würden sie mich nicht streichen ... So aber , wenn ich es verschmähen werde zu lügen - werde ich verpönt sein : Sie wissen schon ? Die Sylvia Dotzky - mit dem jungen Dichter durchgegangen ( sie werden es doch durchgegangen nennen ) , sollen in Italien leben - abscheulich ! Warum gerade in Italien ? Das erzähle ich Dir später ... ich habe einen Traum geträumt - da war unserer Liebe solch ein Schauplatz gegeben voll südlicher Renaissancepracht ... vielleicht finde ich das an irgend einem italienischen See oder Meeresstrand . Und wie er da arbeiten und schaffen wird - in seiner Seligkeit die Welt bereichern , mit den Gaben seines Genius ... Übrigens , zwei Menschen auf dem Gipfel des Glücks , ist das nicht auch schon eine Bereicherung der Welt ... Ich danke Dir , daß Du mich nicht unterbrichst - aber ich kann mir denken , was Du nun einwenden wolltest : Wie lange soll der währen , dieser Glücksparoxismus ? Was dann , wenn der Rausch verflogen , die Jugend geschwunden ist ... was dann ? - - Nun , nach einem Dann , das hinter dem Ziele meiner und seiner Sehnsucht liegt , nach dem fragen wir wahrlich nicht . Sollte das Glück , wie ich es mir denke , nur die Dauer eines einzigen Maimondes haben , das würde hundert solche Existenzen aufwiegen , wie die , denen ich sonst entgegenvegetiere ... Und dann , wer weiß ? Für das Alter kann uns auch noch ein schöner Frieden blühen . Selbst den Satzungen der Welt können wir ihre Tribute entrichten . Ich kann ja auch Bressers Gattin werden - wie Cosima Bülow die Gattin Wagners geworden . Ich will mich von Toni scheiden lassen . Es wird hoffentlich nicht schwer sein ; dann kann er seine Geliebte heiraten und seinen Knaben - Du siehst , ich weiß alles - legitimieren . Gibt er mir meine Freiheit nicht - nun dann nehme ich sie mir ... Als mein Recht . Ich lehne mich auf ! Daß eine Frau einem Mann , der sie für eine andere verlassen hat , für den sie selber auch keinen Funken Liebe mehr empfindet - ihre ganze Zukunft opfere , dabei ihr Herz ersticken muß : dieses abscheuliche Unrecht werde ich nicht erdulden . Ich lehne mich auf ! Damit werde ich nicht nur mir , damit werde ich - wie mit jedem Kampf ums Recht - der abstrakten Gerechtigkeit und meinen Leidensschwestern gedient haben . Da wird immer so viel gezetert und gejammert über Ketten und Joche und Hörigkeiten ... Die Meinen - Du , Mutter , an der Spitze mit Deiner Auflehnung gegen den Krieg , und Rudolf mit seinem Feldzug gegen jegliche Gewalt ... aber das Jammern und Zetern hilft nicht : abschütteln muß man . An der Hörigkeit