sich zu . » Wo ist das Fräulein ? « Ganz heiser war er vor Wut . Die grossen runden Augen quollen ihm förmlich aus dem Kopf . Das Mädchen , eine dumme , gutmütige Person , blieb ganz arglos . » So viel ich weiss , ist das Fräulein schon beim Auskleiden . « Er stürzte an ihr vorbei auf Lenas Schlafzimmer zu . Da erst sah ihm das Mädchen mit grossen , angsterfüllten Augen nach . Auch sie glaubte nichts anderes , als dass der Herr plötzlich den Verstand verloren habe . Als Bornstein die Thür erreicht hatte , wurde sie auch schon von Innen geöffnet . Lena trat auf die Schwelle in einem scheinbar rasch übergeworfenen , losen weissen Morgengewand , das prachtvolle schwarze Haar aufgelöst im Nacken . Sie zog die Thür rasch wieder hinter sich zu , lehnte sich mit dem Rücken dagegen und sagte mehr erstaunt als geärgert : » Was soll denn der Lärm bedeuten ? Wo kommen Sie plötzlich her , Bornstein ? « Ihre Ruhe empörte ihn noch mehr . Dabei war sie so verführerisch schön in ihrem nachlässig übergeworfenen Anzug , der ihre ganze blühende Jugend ahnen liess , dass er den letzten Rest von Fassung verlor . War er der Narr dazu , einem anderen zu gönnen , was er selber nie besessen hatte ! Er packte Lena beim Arm und versuchte sie von der Thür zurückzureissen . » Mach ' Platz « , schrie er , weiss vor Wut . Als sie sich nicht rührte , stiess er sie bei Seite und streckte die Hand nach der Thürklinke aus . Aber sie war schneller als er . Mit einer raschen Bewegung drehte sie den Schlüssel im Schloss um , zog ihn ab und liess ihn in ihre Tasche gleiten . » Wirst Du gleich öffnen « , knirschte er . Sie sah ihn von oben bis unten mit einem grenzenlos verächtlichen Blick an . » Hab ' ich Ihnen je mein Schlafzimmer geöffnet ? Wie soll ich heute dazu kommen ? « » Mir nicht , aber einem andern « , schrie er bebend vor eifersüchtiger Wut . » Mach ' auf , oder ich schlage Dich tot ! « Sie zog den Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn selbst ins Schloss . » Bitte « , sagte sie ruhig . Er sah sie verblüfft an . Einen Augenblick schwankte er , ob er von seinem Verlangen zurücktreten sollte , dann drehte er den Schlüssel im Schloss und öffnete die Thür . Pah ! Diese geheuchelte Ruhe war nichts als eine Finte , ihn auf andere Fährte zu locken . Aber er war nicht so dumm , darauf hereinzufallen . Ohne Zweifel hielt sie den Elenden in ihrem Schlafzimmer versteckt . Gnade ihm und ihr ! Er stürzte hinein , besinnungslos mit vorgestrecktem Kopf wie ein Hund , der einem Wild auf den Fersen ist . Mit untergeschlagenen Armen stand sie überlegen lächelnd dabei . Innerlich frohlockte sie , dass es so gekommen war . Dies war Freiheit , war Erlösung . Er durchstöberte jede Ecke , jeden Winkel , der einen Versteck hätte bieten können . Nur an ihr unberührtes Lager wagte er sich nicht heran . Nichts , nirgends auch nur eine Spur . Sie wartete ruhig , bis er fertig sein würde . Sie regte sich nicht und sprach kein Wort . Nur der Spott um ihren Mund sprach eine beredte Sprache . In demütiger , gebeugter Haltung kam er zu ihr zurück . Er kroch mehr , als er ging . » Verzeih ' mir , Lena , Kurt hat mich rasend gemacht - er sagte - er glaubte - « Er hob den Blick zu ihr auf , aber ihre ihm begegnenden Augen sahen ihn so verächtlich an , dass die Rede ihm stockte . Er verbeugte sich und schritt stumm über die Schwelle . Als er aus dem Zimmer war , rief sie ihn noch einmal an : » Wir sind nach diesem wohl fertig mit einander , das werden Sie selbst einsehen . « Er wollte etwas sagen , aber sie unterbrach ihn rasch . » Bedanken Sie sich bei Ihrem Freunde dafür , nicht bei mir . Und nun , gute Nacht , ich bin müde . « Sie zog die Thür nachlässig ins Schloss . Er hörte noch , wie sie den Riegel vorschob . Wie ein geprügelter Hund schlich er davon . Erst draussen machte er seinen Gefühlen Luft . Ohne auf die Menschen zu achten , die in dichten Scharen die Potsdamer Strasse belebten , hob er die Faust auf und schrie laut : » Warte Kurt , den Freundschaftsdienst sollst Du mir büssen ! « Lena entkleidete sich sehr langsam , nachdem sie die Ordnung in ihrem Zimmer wieder hergestellt hatte . Ein befriedigtes Lächeln umspielte ihren vollen Mund . Als sie im Bett lag , nahm sie einen zusammengelegten , beschriebenen Zettel von ihrem Nachttisch . Es war ein Gruss von Franz . Er hatte ihn als Antwort auf den Brief geschickt , in dem sie ihre Verabredung von heut auf morgen verlegt hatte . Diese Veränderung , von einer Laune diktiert , war ihr zum Schicksal geworden . Der Würfel war gefallen und , wie es schien , wieder einmal zu ihren Gunsten . Seit sie Franz wiedergesehen , hatte sie nach einem Bruch mit Bornstein gelechzt . Behaglich streckte sie sich in ihren weichen Kissen aus . Ein langweilig gewordenes Buch war bei Seite geworfen , ein neues aufgeschlagen worden . Würde es auf die Dauer fesselnder sein ? Bornsteins Versuche , Lena wiederzusehen , waren sämtlich fehlgeschlagen . Uneröffnet kamen seine Briefe zurück . Er raste , aber es half ihm nichts . Sie blieb unerbittlich . Eine Woche , nachdem er den Eintritt zu Lenas Schlafzimmer erzwungen hatte , wurde ihm durch einen Bankboten das Lena vorgestreckte Kapital samt den noch fälligen Zinsen überbracht . Die Abrechnung stimmte auf den Pfennig . Er zerbrach sich den Kopf darüber , wie das zusammenhängen könne . Er fand keine Erklärung , keinen Zusammenhang . Aber bereits die nächste Post brachte dem völlig Verblüfften , wonach er vergeblich gesucht , die Aufklärung in Form einer geschmackvoll ausgestatteten Anzeige : Lena Weiss Franz Krieger , Grosskaufmann , empfehlen sich als Verlobte . Berlin , im April 1899 . Er zerriss das Blatt in tausend kleine Fetzen und zertrat es unter den Füssen . Seine Wut kannte keine Grenzen . Zum erstenmale in seinem Leben hatte er bei einem Weibe verspielt . Als Lotte von der Verlobung erfuhr , ward ihr bitter weh ums Herz . Aber hatte sie es nicht selbst so gewollt ? War es nicht schliesslich am besten so , da der Freund ihr ja doch lebenslang unwiederbringlich verloren war ? Gebe Gott , dass Lena ihn glücklich machte ! Sie hatte sich gerade angekleidet , um zu Luischen hinauszufahren , als Lenas flüchtig hingekritzelter Brief mit der bedeutsamen Nachricht gekommen war . Einen Augenblick dachte sie daran , ihren Besuch in Schmargendorf aufzuschieben , so müde und schwer waren die Glieder ihr plötzlich geworden . Aber nach kurzem Kampf raffte sie sich auf . Bei Luischen war ihr Platz . Sobald es ihr Kind anging , musste sie jederzeit bereit sein . Diese Liebespflichten durften sie niemals müde finden . Sie liebte das Kind nur um so inniger noch , seitdem sein Dasein ihr auch den letzten Freund gekostet hatte . Am nächsten Nachmittag suchte Lotte Lena auf , um ihr ihre Glückwünsche zu bringen . Sie fand sie allein . Franz war durch die Einrichtung des Geschäfts noch immer sehr stark in Anspruch genommen . Sie war nicht so heiter , als Lotte es wohl erwartet hatte . Kühl und trocken sprach sie sich aus , als ob es sich um den Abschluss eines wohlüberlegten Geschäfts , nicht aber um Neigung und Liebe gehandelt habe . Mit Genugthuung erzählte sie , dass Franz sie von allen Verpflichtungen gegen Bornstein sofort losgelöst habe , wie es aber mit ihrem Geschäft nun werden solle , ob es nach dem Südosten verlegt oder hier bleiben solle , das sei noch ein streitiger Punkt zwischen ihnen . Lotte sah die Schwester mit grossen , verwunderten Augen an . » Wie denn ? Du willst Dein Geschäft behalten , Lena , auch wenn ihr verheiratet seid ? « » Aber natürlich . Glaubst Du , ich wollte meine teuer erkaufte Selbständigkeit aufgeben ? Bloss die Frau meines Mannes sein ? Das hielte ich nicht acht Tage aus . « » Und was sagt Franz dazu ? « fragte Lotte kleinlaut . Lena lachte . » Zuerst machte er ein schrecklich dummes Gesicht , so wie früher , Lotte , weisst Du noch , wenn ich etwas besonders Verrücktes ausgeheckt hatte und dann davonlief und ihn stehen liess , weil er doch nicht hätte mitthun können . Nach und nach hat er ' s aber eingesehen , dass ich eine viel zu moderne Frau bin , um mir an einer langweiligen Wirtschaft genügen zu lassen . Ganz ausgefochten aber ist unser Streit noch immer nicht . Er will , ich soll mit dem Geschäft nach seiner elenden Gegend übersiedeln , ich will natürlich hier bleiben . Ist es nicht schon schlimm genug , dass man in diesem ordinären Stadtteil wohnen muss ? Nicht um die Welt verleg ' ich mein Geschäft dahin . Abgesehen von allem Uebrigen , würde mir ja meine ganze Stammkundschaft flöten gehen . Na , ich werde ihn schon noch rumkriegen . « Lotte war sehr nachdenklich geworden . » Wenn Du Deinen Willen durchsetzst , Lena , werdet Ihr Euch ja den ganzen Tag kaum sehen ? « Lena lachte wieder . » Du bist gerade so spiessig wie Franz . Ich glaube wirklich , ihr beide hättet doch besser zu einander gepasst . Deswegen brauchst Du nicht rot zu werden , Lotte . Jetzt habe ich ihn einmal und behalte ihn ; trotz alledem bin ich nämlich schrecklich verliebt in ihn . Also wovon sprachen wir gerade ? Richtig , dass wir uns auf diese Weise den ganzen Tag nicht sehen würden . Der reine Unsinn . So was könnt Ihr auch nur behaupten . Sehr praktisch habe ich mir schon alles ausgedacht . Vor allen Dingen werden Räder angeschafft . Du weisst , Bornstein hat es nie haben wollen , sonst hätte ich längst geradelt . Auf diese Weise brauche ich nicht mehr als gute zehn Minuten vom Moritzplatz bis hierher . Morgens um neun fahre ich ab und um fünf - wir machen natürlich englische Tischzeit - radle ich wieder herein . Wenn dann was besonderes vorliegt , kann ich abends immer noch ' mal heraus . Hat Franz Lust und Zeit , kann er mich ja dann begleiten . Pass nur auf , er gibt schon nach , und schliesslich gefällt es ihm selbst ganz gut , dass wir nicht den ganzen Tag zusammenhocken . Für eine Ehe , in der nicht jeder seine Freiheit hat , danke ich bestens . « Lotte wollte gerade eine Antwort geben , die im ausgesprochensten Gegensatz zu Lenas Anschauung gelautet haben würde , als Franz eintrat . Bei Lottes unerwartetem Anblick stutzte er einen Augenblick . Eine grosse , peinliche Verlegenheit schien Herr über ihn werden zu wollen . Aber dann warf er sich trotzig in die Brust . Sie selbst hatte ihn ja in Lenas Arme getrieben . Und als ob er ihr hätte beweisen wollen , wie wohl ihm darin sei , herzte und küsste er seine Braut , dass Lotte sich errötend abwandte . - Die Hochzeit war für Anfang Juni festgesetzt worden , bis dahin konnte Lenas Ausstattung fertig sein und Franz ' Geschäft einen einigermassen geregelten Gang gehen . Auf etwas anderes brauchten sie nicht zu warten . Nur im kleinsten Kreise sollte die Hochzeit gefeiert werden . Der Vater , Lotte , Frau Wohlgebrecht als Anstandsdame , Clementine und Elisabeth von Strehsen und die entsprechende Anzahl Kavaliere für die Damen waren geladen . Lena hätte Kurt gern dabei gehabt , aber der hatte sich seit jenem Abend vor der Katastrophe mit Bornstein nicht wieder gezeigt . Sie hatte ihm durch Elisabeth sagen lassen , sie hege nicht den geringsten Groll gegen ihn , dass er das schuldige Werkzeug zu ihrer und Bornsteins Trennung geworden sei . Dennoch blieb er von der Bildfläche verschwunden . Eines Abends , kurz vor der Hochzeit , als Elisabeth draussen bei Lena sass , berichtete sie unter Thränen den Zusammenhang . Bornstein hatte seine Hand völlig von Kurt abgezogen . Er hatte es ihm nicht vergeben können , dass er ihn zu dem heftigen Auftritt mit Lena gereizt hatte . Da Kurts Verhältnisse damals gerade ziemlich glatt gewesen waren - Bornstein hatte kurz zuvor ziemlich häufig bluten müssen - hatte er den Dienst auf der Stelle quittiert . Die Mutter habe darauf gedrungen . Sie verlangte , dass ein Strehsen wenigstens ohne Schulden abschnitte . Wochenlang sei er ohne Beschäftigung , ohne Verdienst umhergelaufen , jetzt habe Kurt endlich eine bescheidene Stellung auf einem Bankbureau gefunden . Aber er sei ganz geknickt , der arme Junge , und liesse sich nirgends sehen . Im Grunde sei es , Lena möge ihr das nicht übelnehmen , eine bodenlose Schufterei von Bornstein , denn was habe Kurt dann eigentlich anderes verbrochen , als Bornsteins Aufträgen gemäss gehandelt ? » Die Mutter ist ganz verzweifelt « , fuhr Elisabeth fort , » Kurts Freundschaft mit Bornstein war ihr letzter Halt . An Papa hat sie gar keine Stütze mehr . Er ist menschenscheuer und stumpfsinniger denn je . Die Kreuzzeitung und die Rangliste kommen kaum noch aus seinen Händen . Unser Kleiner soll nun auch zu Michaelis aus dem Korps heraus und irgendwo in die Lehre gesteckt werden . Der arme Junge ! Das werden böse Zeiten werden ! Aber Mama lässt nicht mit sich reden . Sie ist wie umgewandelt . Früher schien ihr der Soldatenstand die einzig mögliche Carriere für einen Strehsen . Heute hat sie ein förmliches Grauen davor bekommen . Für unseren Graudenzer hoffen wir ja auf die Gnade seines hohen Paten , des Prinzen Leopold . Mama will darum einkommen , dass ihm aus der Privatschatulle des hohen Herrn ein Zuschuss bewilligt wird . « Lena war es sehr peinlich , dass sie indirekt die Schuld an dem völligen Niedergang der Strehsens trug . Aber was konnte sie dagegen thun ? Höchstens den beiden alternden Mädchen ab und zu etwas zukommen lassen . Bornsteins Handlungsweise begriff sie ganz gut , ja sie gefiel ihr sogar . Es lag etwas Temperamentvolles darin , was sie sonst an Bornstein vermisst hatte . Jedenfalls war es die interessanteste Situation , die er zu Wege gebracht hatte . Das söhnte sie ein wenig mit ihm aus . Franz hatte sie in der ersten Zeit unausgesetzt über ihre Beziehungen zu Bornstein ausgefragt . Lena hatte es nicht anders erwartet und ihm gesagt , was sie für gut befunden hatte . Im Grunde hatte sie ihm ja nichts zu verheimlichen , aber wozu ihn in alles einweihen ? Das konnte für später , wenn es ihm einmal einfallen sollte - und was fiel einem Manne nicht ein ? - Schlüsse von der Vergangenheit auf die Gegenwart zu ziehen , am Ende unbequem werden , und Lena wollte keine Unbequemlichkeiten mehr . Mehr als genug hatte sie davon gehabt . Als Frau wollte sie unbeanstandeter noch denn als Mädchen , ihr Leben geniessen , nach allen Richtungen hin . Von Mäkeleien und Nörgeleien wollte sie nichts mehr wissen . Und Franz mäkelte und nörgelte nicht . Er that ihr jeden Willen und war es zufrieden , wenn sie ihm ein heiteres Gesicht zeigte und er sich an ihren Liebkosungen berauschen durfte . Sie waren das einzige , was ihm darüber forthalf , dass er gethan hatte , was er niemals hätte thun dürfen , dass er sich im Rausch einer kurzen Stunde ernsthaft an Lena gebunden hatte . - Mit blühenden Flieder- und Schneeballbüschen , mit den ersten knospenden Rosen zog der Juni ins Land . Für den sechsten war die Hochzeit bestimmt . Am vorletzten Tage noch kam eine Absage vom Vater . Er konnte sich nicht entschliessen , sein behagliches Dasein in Karstens Garten auch nur auf ein paar Tage zu unterbrechen . » Er sei ein alter Mann und passe mit seinem Stelzfuss und seiner Pfeife - von seinem Korn sagte er nichts - nicht in eine feine Hochzeits-Gesellschaft . Die Töchter möchten ihm nicht böse sein . « Lena kam diese Absage sehr gelegen . Sie hatte den Vater überhaupt nur auf Lottes und Franz ' dringendes Zureden eingeladen . Lotte aber war sehr betrübt . Den alten Mann einmal wiederzusehen , war ihr inniges Herzensbedürfnis geworden . Franz brummte und machte ein missmutiges Gesicht . Er erklärte den Alten für einen ausgemachten Egoisten . Die Hochzeit verlief still und sehr wenig nach Lenas Sinn . Sie hatte an allem auszusetzen . Das Menu war nicht gut zusammengestellt . Franz und Lotte waren in ganz überflüssigem Masse gerührt . Eine Hochzeit war doch am Ende kein Leichenschmaus . Clementines und Elisabeths unerlaubt schlechte Toiletten brachten sie zur Verzweiflung , ebenso Frau Wohlgebrechts breite , behäbige Redseligkeit . Das einzig erträgliche waren die drei Kavaliere der unverheirateten Damen , die Lena nach eigenem Geschmack gewählt hatte . Das kurze Diner schien kein Ende nehmen zu wollen . Endlich war man bis zum Eis gelangt . Gleich danach wollte das junge Paar aufbrechen . Franz machte Anstalten , Lotte ein Wort des Abschieds zu sagen . Sein Groll gegen sie war längst geschwunden . Der Trotz , mit dem er sich gewappnet hatte , längst gelöst . Was konnte diese feine Seele dafür , dass sie ihn nicht hatte lieben können ? Rührend lieblich sah sie heute aus in ihrem schlichten weissen Kleidchen mit den Rosenknospen im Gürtel , die so blass waren wie ihr schmales Gesichtchen , aus dem die grossen graublauen Augen wie zwei milde Sterne strahlten . Nur einen flüchtigen Händedruck erhaschte er . Lena liess ihm zu einem Abschiedswort nicht Zeit . Sie trieb , um endlich aus der ihr unerträglich langweiligen Gesellschaft herauszukommen . » Vielleicht ist es besser so « , dachte Franz trübsinnig . Das beste vielleicht , er sah sie überhaupt niemals wieder . Mit bangen , traurigen Augen blickte Lotte den Davoneilenden nach . Sie hatte sich für stärker gehalten . Sie hatte nicht geahnt , dass dieser letzte entscheidende Schritt , der sie auf immer von Franz trennen musste , ihr wie ein schneidendes Schwert durch die Seele gehen würde . Eine kurze Weile hielt sie sich mit übermässiger Anstrengung aufrecht . Dann , mit einem gestammelten Vorwand gegen ihre Nachbarn , entfernte sie sich vom Tisch . Sie wollte zu Luischen hinaus , die Thränen , die ihr heiss und trocken in den Augen brannten , ausweinen bei ihrem Kinde . Die Hochzeitsfeier hatte in Lenas Wohnung stattgefunden . Als Lotte jetzt durch den Laden schritt , um so schnell wie möglich ins Freie zu gelangen , fühlte sie sich am Arm zurückgehalten . » Wollen Sie nicht einen Augenblick auf mich warten , Herzchen ? Ich komme gleich mit ! « Lotte zwang sich zu einem zustimmenden Lächeln . Sie konnte die gute Frau Wohlgebrecht nicht zurückweisen , so schwer es ihr auch in diesem Augenblick wurde . Frau Wohlgebrecht war im Umsehen fertig und an ihrer Seite . » Lassen Sie sich ja nicht stören , Kindchen , wenn Sie etwa einen bestimmten Weg vorhaben . Ich bin für den Tag ganz frei und begleite Sie mit Vergnügen . « Lotte wurde rot und verlegen . Es kam ihr so vor , als ob Frau Wohlgebrecht mit dieser Bemerkung etwas anzügliches habe sagen wollen . Oder war es nur ihr schlechtes Gewissen , das sie so misstrauisch machte ? Als Lotte nicht antwortete , blieb Frau Wohlgebrecht stehen und sah ihr freundlich in die Augen . Ein plötzlicher Gedanke schien ihr gekommen zu sein . » Wissen Sie auch , Herzchen , dass ich Ihnen noch was schuldig bin ? « Lotte schüttelte den Kopf . » Doch , die Spazierfahrt , die wir im Januar zur Feier Ihrer Rekonvaleszenz machen wollten und die Sie dann hinter meinem Rücken mit Frau Korn gemacht haben , die holen wir heute nach . Passen Sie auf , an diesem schönen Nachmittag werden wir mehr Freude daran haben , als an dem ganzen langweiligen Hochzeitsdiner . « Sie winkte , ohne Lottes Antwort abzuwarten , einen Taxameter über die Strasse herüber . » Wo wollen wir hin ? Ich denke nach Hundekehle . Der Kutscher kann uns über Schmargendorf fahren , das ist der nächste Weg von hier . « Lotte stotterte einen schwachen und verlegenen Widerspruch , von dem Frau Wohlgebrecht nichts zu verstehen schien , denn sie nahm ruhig in der Droschke Platz und sagte dem Kutscher Bescheid . Dann lehnte sie sich bequem in die Kissen zurück und nahm Lottes Hand zärtlich in die ihre . » Ich habe nämlich so eine Idee , Kindchen , als ob Sie auch gern irgendwo herausgewollt hätten . Sehen Sie mir ' mal ehrlich in die Augen ! Ist es nicht so ? « Lotte machte einen vergeblichen Versuch etwas zu erwidern , aber sie brachte kein Wort heraus . Frau Wohlgebrecht fuhr ihr mit der Hand liebkosend über das heiss gewordene Gesicht . » I lassen Sie man , Kindchen . Sie brauchen mir ' s ja nicht zu sagen , wenn Sie nicht wollen . Hier wenigstens nicht bei dem Gerumpel , wo man doch kein Wort versteht . Vielleicht geht ' s draussen besser , wo ' s still und friedlich ist . Wie wär ' s denn , wenn wir in Schmargendorf Station machten ? Ihre Freundin , Frau Korn , übrigens ein Prachtexemplar von Frau , schwärmt mir immer von dem netten Gärtchen mit den Fliederbüschen vor , das ihre Bekannte , die Tischlersfrau , draussen hat . Da könnten wir vielleicht ' mal reingucken , Lottchen ? Der Flieder blüht grade jetzt so schön , und in der Fliederlaube plaudert ' s sich ' s gewiss nicht schlecht von allerlei Dingen , über die man sonst nicht gern spricht , und die man einer alten Frau bisher recht überflüssiger Weise verheimlicht hat . Was meinen Sie , Herzenskind , wollen wir zu den Tischlersleuten fahren ? « Lotte hielt mit beiden Händen Frau Wohlgebrechts Hand umschlossen . Sprechen konnte sie nicht . Ganz still sass sie da wie vor einer Offenbarung . Träumte sie denn oder war es Wahrheit ? Diese Frau kannte ihre Schuld und sie verwarf sie nicht ? Sie hielt zu ihr und sagte ihr in der denkbar zartesten Weise : » Führe mich zu Deinem Kinde ! « Hatte Gerhart das ängstlich gehütete Geheimnis preisgegeben ? Hatte Frau Korn es ihr anvertraut ? Hatte sie sich selbst verraten ? Gleichviel . Was that ' s , durch wen ihre Schuld offenbar geworden , wenn die Seelengrösse dieser Frau sie nicht verdammte ? Wenn ihre grundlose Güte ihr die stützende , schützende Hand reichte ? Wilmersdorf und Friedenau hatten sie hinter sich . Jetzt bogen sie in die breite Chaussee ein , die geraden Weges durch Schmargendorf in den Grunewald führt . Vor ihnen lag das bläulich dunkle Waldland , zur Rechten und Linken Felder , deren bereits dunkelgrün gefärbte Halme sich in dem sanft darüber hingehenden Hauch des Juniwindes neigten . Die Sonne stand noch ziemlich hoch am Himmel und spiegelte sich mit goldenen Reflexen in den Fensterscheiben vereinzelter Gehöfte , in den kleinen stehenden Wassertümpeln zwischen den Aeckern , hinter den sie durchbrechenden niederen Hecken . Lotte legte den Arm um Frau Wohlgebrechts Schulter und flüsterte : » Wir werden bald dort sein . Sie können es schon sehen . Dort drüben , rechts von der Strasse , das kleine graue Schieferdach zwischen den dichten dunkeln Büschen . « Frau Wohlgebrecht drückte Lottes Hand . Dann schwiegen sei beide wieder , bis der Taxameter in der Nähe des Hauses hielt . » Wir haben uns entschlossen hier zu bleiben « , sagte Frau Wohlgebrecht zu dem Kutscher und lohnte ihn ab . Dann legte sie ihren Arm in Lottes und liess sich zu der Wohnung der Tischlersleute führen . Die Frau , die Lotte wohl erwartet haben mochte , da sie oft um diese Zeit herauskam , stand schon mit Luischen im Arm vor dem niederen grünen Staket , das den kleinen Garten umgab . Jauchzend und lallend streckte das Kind die Arme nach Lotte aus . In tiefer Bewegung drückte sie es einen Augenblick an die Brust , dann reichte sie es Frau Wohlgebrecht , die es auf die Stirn und die blonden Löckchen küsste und dann lange und prüfend betrachtete . » Gottlob « , sagte sie , Lotte das Kind zurückgebend , » es gleicht Dir auf ein Haar und in keinem Zuge diesem - diesem - « Sie sprach nicht weiter , sondern reichte Lotte die Hand . » Ich sage jetzt Du zu Dir , Lotte , Du bist von jetzt ab so gut wie meine Tochter . Was er mir sein sollte , seid ihr mir nun , Du und dieses Kind . « Dann gingen sie , Lotte mit dem jauchzenden Luischen voran , nach der Fliederlaube . Als sie nach einer Stunde ins Haus zurückkehrten , um das Kind zu Bett zu bringen , wusste Frau Wohlgebrecht alles , was ihr eigenes Herz und Frau Korns Andeutungen ihr bisher noch verschwiegen hatten . Sie hatte Lotte erzählen lassen und sie nur selten unterbrochen . Zum Schluss nur hatte sie gesagt : » Wenn der Vater Deines Kindes ein anderer wäre , als Gerhart Schmittlein , würde ich auf eine Heirat dringen . So wie es ist - Du siehst , Kind , ich schneide damit in mein eigenes Fleisch - ist es besser , vielleicht gut , dass es so gekommen ist . Du und das Kind , Ihr kommt zu mir . Ihr seid und bleibt meine Familie . Wie sich das alles am besten einrichten lässt , wollen wir in den nächsten Tagen besprechen . Und nun gieb mir das kleine Ding noch ' mal in den Arm , lange genug hast Du ' s mir vorenthalten . « - Franz und Lena hatten trotz der dauernd schönen Frühsommertage ihre auf einige Wochen berechnete Hochzeitsreise bedeutend abgekürzt . Ueber die Gründe schwiegen sie . Vielleicht war es nur Geschäftseifer gewesen , der sie so bald zurückgetrieben hatte , wenigstens stürzten sie sich beide mit fast krankhafter Energie in ihre Berufsthätigkeiten . Lena hatte selbstverständlich ihren Willen durchgesetzt und war mit ihrem Geschäft in der Potsdamerstrasse geblieben . Gegen die englische Tischzeit aber hatte Franz energisch Einspruch erhoben . Da er doch um fünf oder sechs Uhr nicht Geschäftsschluss machen konnte , hatte diese Einrichtung keinen Sinn für ihn und lief überdies seiner ganzen Lebensweise zuwider . Da nun auch Lena ihre gewohnten Geschäftsstunden von neun Uhr morgens bis zwei Uhr mittags und von fünf Uhr nachmittags bis abends um neun , ja oft um zehn Uhr innehielt , blieb der Verkehr der jungen Eheleute auf die Mahlzeiten und die Sonntage beschränkt . Franz fühlte sich sehr unbehaglich bei diesem Leben . Er war verheiratet und hatte doch keine eigentliche Häuslichkeit . Nichts von alledem , was er früher für eine Ehe erträumt hatte , erfüllte sich ihm . Es fehlte ihm die liebende Gefährtin , die Behagen um ihn her verbreitete , wenn er , von der Arbeit ermüdet , in seine Wohnung hinaufstieg . Es fehlte ihm die sorgende Hausfrau , die sich um sein leibliches Wohl und Wehe kümmerte , die zärtliche Freundin , die teilnahm an den Sorgen und Freuden des Geschäfts . Was fragt ein Mann wie er nach einer modernen Frau , die ihren Kopf d ' rauf setzte , selbst ihren Mann zu stehen ? Lena hatte es nicht mehr nötig zu verdienen , und damit fiel für Franz jeder Grund zur Aufrechterhaltung ihres eigenen Geschäftes fort . Anfangs hatte er nicht den Mut gehabt , auf diesen Punkt , der vor der Ehe so viel und stets zu seinen Ungunsten erörtert worden war , zurückzukommen . Noch stand er zu sehr unter dem Banne von Lenas Persönlichkeit . Er fürchtete sich davor , durch ein Verlangen , das er stellte , den Zauber der wenigen Liebesstunden zu zerstören . War er dahin , was blieb ihm noch ? So verschob er es von Woche zu Woche , ihr Vorstellungen zu machen , sie zu vermögen , wenigstens einen Teil des Tages sich ihm und ihrem Hause zu widmen . Endlich , an einem Sonntag , als Lena selbst anfing , über den Zeitaufwand und die Anstrengung zu klagen , die der weite Weg trotz des Rades bereitete , entschloss er sich zu einem offenen Wort . Lena sah ihn zuerst an , als ob er plötzlich chaldäisch gesprochen und verlangt hätte , dass sie ihn verstehen solle . Dann fuhr sie auf . » Was denn , noch weniger soll ich im Geschäft sein ? Was ich so mühsam begonnen habe , soll ich nun , da etwas erreicht ist , bei Seite werfen ? Einen netten Begriff hast Du von mir . Im übrigen , mein Lieber , hast Du mich wirklich nicht verstanden . Als ich eben über den Zeitverlust infolge des weiten Weges klagte , wollte ich nicht etwa damit sagen , dass ich weniger , sondern ganz im Gegenteil , dass ich mehr in meinem Geschäft sein wolle , und es zu diesem Zweck für sehr wünschenswert halte , dass wir die Wohnung hier aufgeben und hinausziehen . Welcher anständige