, die trotzig stehen blieben . Bojesen wollte nichts zu einer theatralischen Auseinandersetzung beitragen . Er fühlte sich zu froh und zu bewegt . Er entfernte sich mit einer sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor . Stunden vergingen für Bojesen in einer Reihe lustiger und beglückender Visionen : von einer neuen Zeit ; von dem Wachsen verborgener Keime , von denen die Welt ein paradieshaftes Blühen erwarten konnte . Doch als der Abend kam , wurde es wieder dunkel in ihm . Er ging über den Kohlmarkt nach der Wohnung , die Jeanette innegehabt und die noch leer stand . Die alte Dame , die hier wohnte , ließ Bojesen ungehindert eintreten . Durch ihr Lächeln leuchtete ein menschliches Verstehen , als sie ihn allein ließ in Jeanettens Zimmer . So blieb er , warf sich auf einen Sessel und ließ den gefürchteten Schatten kommen . Er dachte , daß er sie küssen könne , doch sie ging hastig , ohne zu sehen oder zu hören , an ihm vorbei . Dann kamen andere , - geschwätzige Gestalten . Alle hatten etwas zu erzählen , wobei sie auf den Zehen leicht dahinhuschten , sich ein Tuch umnahmen , es wieder liegen ließen und sie sahen aus , als hätten sie dreißig Tage lang unter der Erde gelegen . Es war sehr spät , als er ging . Die Gassen waren leer und still . Er wußte nicht , wie er heim gelangte . In seiner Wohnung war alles finster . Lange stand er auf dem Korridor in quälerischem Besinnen , dann begab er sich vorsichtig und leise in das Zimmer , wo Fanny seit Wochen allein schlief , zündete eine Kerze an und setzte sich auf den Rand ihres Bettes . Er sah sie friedlich schlummern und nahm ihre rundliche Hand . Die Kerze warf tiefe Schatten auf eine Seite ihres Gesichts . Plötzlich erwachte sie . Sie fuhr jäh empor und schrie auf , streckte die Hände aus und schlug sie dann vor das Gesicht . Bojesen hielt den Blick auf die Dielen geheftet und atmete tief auf . Vierzehntes Kapitel Im kleinen Schustergäßchen in Nürnberg , welches vom großen Schustergäßchen aus zur Burg führt , stand ein altes , düsteres Haus . Selten wurde zur Tageszeit das Tor von schwerem Eichenholz geöffnet , selten waren die vor Staub und Bejahrtheit blinden Fenster abends erleuchtet . Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt , und zwar nicht in allen seinen Räumen , sondern Herr Estrich hauste vornehmlich in einer großen , mit Steinen gepflasterten Küche , die ein Fenster nach dem einsamen Hof hatte mit seinen Holzgalerien und wunderlichen Säulen und Schnitzwerken . Hier verbrachte Baldewin Estrich seine Tage und einen großen Teil der Nächte , um zu experimentieren , zu analysieren , in Retorten dickliche Flüssigkeiten zu kochen , auf seltsamfarbenen Flammen noch seltsamere Körper bis zur Weißglut zu erhitzen , und was er auf diese Art suchte und erfinden wollte , war nichts mehr und nichts weniger als die Kunst des » Goldmachens « . Doch nicht aus gemeiner Habsucht oder nur aus dem Drang , reich zu sein , frönte Baldewin Estrich dieser Leidenschaft . Auch war er weit davon entfernt , der Wissenschaft einen Dienst leisten zu wollen . Ja , er war sogar davon überzeugt , daß sein Weg von dem der Wissenschaft weitab lag , und daß er selbst ein Gespött der Fachgelehrten bilden müsse , als ein Mensch aus vergangenen Jahrhunderten , wo Wunder und Traktätchen , Zauberei und Hexenkunst die Brücke zwischen Sehnsucht und Besitz schlagen sollten . Auch war er nicht betört durch jene uralten Bücher der schwarzen Kunst , jene dunklen und verschwommenen Nachrichten über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem großen Geheimnis . Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen , eifrig und unermüdet , hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut , ihre zahllosen Dokumente durchstöbert , war an ihr verzweifelt und in dieser Verzweiflung zusammengebrochen wie ein Kind . Denn was sie ihm bot , war nicht das , was er darin suchte : ein Mittel , die Menschheit glücklicher zu machen . Dann begann er aus eigenem Antrieb hinauszubauen über das Vorhandene , stellte ungeheuerliche und gefährliche Experimente an , um den chemischen Urstoff zu finden , jenes vage Etwas , Äther oder sonstwie genannt , an das er mit allen Sinnen glaubte , weil ihm das Element , sei es nun Gold oder Eisen , Schwefel oder Chlor , nicht mehr ein untrennbares Eins bedeutete . Freilich wollte er mit der Praktik nichts gemein haben , und so baute er weiter , kühn und mutig , wie ein Munn , der in der Wüste wohnt und dort Städte gründet für die späten Geschlechter , die da wohnen werden , wenn das Meer von Sand fruchtbares Erdreich geworden sein wird . Durch nichts glaubte er die Menschen sicherer glücklich zu machen , als durch Gold ; er glaubte ihnen den Frieden zu bringen , wenn er die heißeste Begierde stillen konnte , die sie erfüllte , oder vielmehr , wenn er ihnen so viel des Begehrten gab , daß sie der Überfluß gleichgültig machte . Die Überzeugung durchdrang mit Glut sein ganzes Innere , gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und seinem Wesen das Gepräge der Versunkenheit . Nur wenigen war er bekannt als der Auffinder aller Höhlen des Elends in der Stadt ; er wußte Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen , in denen der Verbrecher Unterschlupf findet , in jenen Herbergen , wo der reisende Bettler sein Nachtquartier hat , in den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen , in den abgelegenen Gassen der Vorstadt , in den Remisen der Eisenbahn , an Kirchenmauern , in Kellern und übelberufenen Höfen , - kurz , an jenen Orten , wo sich das menschliche Elend beständig oder vorübergehend ein trauriges Asyl sichert , und es war , als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in seinem Vorsatz und Eifer stärken wolle . Er lebte ganz allein . Das weite düstere Haus , das ihm selbst nicht einmal in allen Winkeln bekannt war , sah nur zwei Besucher von Zeit zu Zeit : seine Nichte Käthe und Frau Gudstikker . Diese kam nur , um den Kopf zu schütteln , und alles , was Estrich tat oder sagte , unbegreiflich zu finden ; Käthe lauschte begeistert den dürftigen Reden des Oheims und gab ihm zu erkennen , daß sie an ihn und sein Werk glaube . Im Laufe von neunundzwanzig Jahren hatte er sein ganzes Vermögen an seine Träume gesetzt . Nun war er arm und litt darunter tief . Er konnte einen , wie er glaubte , letzten und entscheidenden Versuch nicht ausführen , weil ihm das Kapital zur Anschaffung eines seltenen und teuren Apparates fehlte . Alles , was er an barem aufbringen konnte , betrug nicht mehr als zweitausend Mark . Er wandte sich an seinen Bruder , im voraus überzeugt von der Fruchtlosigkeit dieses Schrittes , denn dieser Mann , der ihn verachtete und verspottete , würde eher eine Hand hingegeben haben , als Geld zu solchen Zwecken . Da trug es sich zu , daß Baldewin Estrich mit Nieberding bekannt wurde . Es war in der Nacht ziemlich weit draußen in der Vorstadt . Schmerzlich grübelnd , gleichgültig gegen Menschen und Dinge , schritt Estrich seines Weges , als mehrere durchdringende Schreie hörbar wurden . Am hohen Bahndamm zog ein offenbar betrunkener Kerl ein Frauenzimmer an den Haaren nach sich . Sie lag auf der Erde und so schleifte er sie weiter wie ein Bündel Holz und erwiderte jeden ihrer Schreie mit einem Schlag seines dicken Spazierstocks . Fast in demselben Augenblick , als Estrich dies gewahrte , sprang ein Mann hinzu , stellte sich erregt vor den Burschen und forderte ihn auf , das Frauenzimmer los zu lassen , worauf ihm jener eine Flut von Beschimpfungen zubrüllte . Nieberding ( dies war der junge Mann ) wiederholte seine etwas pathetische Aufforderung . Der Bursche schlug ihn mit dem Ende seines Prügels vor die Brust , daß er zurücktaumelte . Jetzt mischte sich Estrich darein . Sein grauer Bart , eine gewisse Feierlichkeit seines Wesens und der Zorn , der seine Stimme vibrieren ließ , mochten Eindruck auf den Burschen machen , denn er befahl der Dirne , aufzustehen und sie gingen weiter , er fluchend , sie heulend . Nieberding und Estrich blieben die ganze Nacht zusammen . Nieberding lauschte gierig den Ideen des Greises . Seine an Idealen so armen und ihrer so bedürftigen Sinne berauschten sich an der willkürlichen Umwertung der Materie , an dem alten und nun wieder neu gewordenen Glauben vom Urstoff . Die mittelalterlich-romantische Welt der Versuchsküche , das überzeugte und überzeugende Wesen des alten Mannes , der wie ein Magier sich inmitten seines Reiches bewegte , um beim leisesten Wunsch die Geister der Luft zu bannen , daß sie den leblosen Stoff durchdrangen und beseelten , all dies machte Nieberding zum Spielball einer aufregenden Vision . Und dann kam er Tag für Tag , blieb oft eine Nacht und einmal sogar zwei Nächte hindurch in dem düstern Bau , wo er in einem riesengroßen , halbvermoderten Patrizierzimmer übernachtete . Und nach zehn Tagen kam er und brachte Baldewin Estrich fünftausend Mark zum Ankauf eines elektrischen Apparats . Mit feierlichem Schweigen nahm der Greis das Geld , dann bat er den jungen Mann , ihn allein zu lassen . Baldewin Estrich saß wie im Fieber vor seinem Versuchstisch , die fünf braunen Banknoten neben der Hand . Er konnte die ersehnten Apparate anschaffen und die Mischung , die jetzt im Tongefäß vor ihm stand , mußte ihm zeigen , ob sein Leben ein phantastisches Irrwandeln oder ein Schicksalspfad war . Sein Arm zitterte , als er die Hand vor die Augen legte ; gleich Feuerkugeln perlte es hin vor den verfinsterten Blicken . Tiefes Schweigen herrschte in dem verödeten Haus . Die Galerien des Hofes versanken in die Dämmerung und eine blitzende Scheibe sah bisweilen aus dem Grund der Wandelgänge . Ein Kater , Estrichs einziger Gefährte während der langen , schweigenden Nächte , saß schnurrend an der heißen Glut des Kamins . Plötzlich schreckte der Alte auf , machte Licht , - eine hektische Röte war auf seine Wangen getreten , - nahm das Tongefäß , betrachtete die weiß-schillernde Mischung , entzündete ein Drumondsches Kalklicht , hielt den Topf darüber und schüttete eine Säure in die kochende Masse , bis übelriechender Qualm den Raum erfüllte und den Chemiker in einer Wolke verhüllte . Dann nahm er eine pulverisierte Masse von violetter Färbung und schüttete eine Messerspitze voll in das Gefäß , das er hermetisch verschloß . Hierauf verlöschte er die Flamme , stellte den Topf ins Wasser , um ihn einem plötzlichen Erkaltungsprozeß auszusetzen und schritt unruhig , mit zusammengepreßten Lippen auf und ab . Als er nach einer Viertelstunde das Gefäß zertrümmerte und den erstarrten Inhalt prüfte , fand er ihn unverändert , außer daß die Farbe statt des reinen Weiß in bräunliches Gelb spielte . Mutlos ließ er die Arme sinken . Schließlich ist die ungeheure Hitze , die ich durch den elektrischen Apparat erzeugen will , gar nicht nötig , dachte er . Aber auch so sah er kein Ziel mehr . All die Säuren und Vasen , Metalle und Metalloide nahmen für ihn das Wesen von persönlichen Feinden an , mit einer ausdauernden Bösartigkeit begabt . Er zündete die Lampe an und sah in ihrem Schein das Zimmer noch erfüllt von dem unerträglichen Dunst . Er nahm ein Fläschchen vom Sims , das eine blauschwarze Flüssigkeit enthielt , die beim Licht herrliche Reflexe warf . Er öffnete das Glas , ging zum offenen Kohlenfeuer ( immer noch hielt er fast krampfhaft das erkaltete Metall in der Hand ) und wollte einige Tropfen auf die hochrot glühenden Kohlen gießen , um den schlechten Geruch zu vertreiben , als die Masse samt dem Glas seiner bebenden Hand entsank ; auf den Kohlen zersprang das Glas und erschrocken bebte Estrich zurück , ging ans Fenster , öffnete es , und die milde Luft des Februarabends floß herein und streifte seine heiße Stirn . In tiefen Gedanken saß er am Fenster , fast zwei Stunden lang . Dann stand er schwerfällig und leise stöhnend auf um die Lampe zu füllen , die heruntergebrannt war . Seine Blick hefteten sich auf die halbverglommenen Kohlen im Kamin und unter den schwarzgewordenen oder noch düsterroten Stücken erblickte er einen großen , schwach glänzenden Gegenstand . Und je mehr er hinschaute , je mehr nahm der Glanz dieses Gegenstands zu . Seiner Wahrnehmung mißtrauisch gesinnt , hörte er nicht auf , starr in den Kamin zu blicken , bis ihn plötzliche Ungeduld und Erwartung näher treten ließen . Er zündete eine Kerze an , holte das gleißende Stück mit dem Feuerhaken heraus , nahm es in die Hand , schrie laut und durchdringend auf , so daß es in allen Teilen des Hauses widerhallte und sank vor Schwäche auf die Knie ... Gold ! Er hielt Gold in den Händen . Es konnte ihn nicht täuschen in Form und Farbe . Er wog es in der Hand , und es war schwer . Er hielt es zitternd , mit überquellenden Augen zum Licht und sein Glanz schien den ganzen Raum zu füllen . Gold ! Die Sehnsucht des Mittelalters war gestillt . Der Traum des modernen Forschers in Erfüllung gegangen durch die Hand eines Blinden , der nun auf dem Thron der Welt saß und die Menschheit seinen Knecht nannte . Der jeglichen Hunger enden , jeden Durst befriedigen konnte ; für den es nichts Unerreichbares mehr gab im Reich der Träume . Welcher Zufall hatte es ihm geschenkt , das edle Geheimnis ? Ein langsam glühender Kohlenhaufen , eine harmlose Tinktur , - bedeuteten sie mehr als ein Leben der Einsamkeit und des Nachdenkens ? Baldewin Estrich sank zusammen und weinte . Dann hielt es ihn nicht länger in dem öden Haus . Er nahm Hut und Mantel und stürzte fort . Schon war er durch viele Gassen geeilt , als er innehielt , die Hand an die Stirn legte , zurückkehrte , die eiserne Truhe aufschloß und alles , was er noch an barem Geld besaß , in Gold und in Banknoten , zu sich steckte . Damit eilte er den Stadtteilen des Elends zu , den Herbergen für Handwerksburschen , den dachlosen Nachtquartieren im Norden . Und keine Stunde war verstrichen , als er zurückkehrte , - nicht allein . Eine Armee schreiender Männer und Frauen waren um ihn und hinter ihm , verkommene Gestalten , die den Tod auf den Wangen trugen oder das Verbrechen auf der Stirn , Gesellen in Lumpen , barfuß , mit bloßer Brust , keifende Weiber aller Lebensalter und aller Abstufungen des Lasters , Kinder mit den frühblassen Wangen der Not , - und diese entfesselte Schar schwoll und schwoll . Wo Baldewin Estrich die ersten aufgetrieben hatte , wußte er nicht , denn er handelte in einer Trunkenheit , die nach Taten verlangte . Er hatte Gold , Gold unter sie verteilt , immer mehr , und die Kunde davon eilte wie ein Lauffeuer von Straße zu Straße , so daß der Haufen zuletzt die ganze Breitegasse ausfüllte . In den Häusern wurden die Fenster aufgerissen , und lachende oder furchtsame Menschen schauten herab ; die Polizei erschien in den Nebengassen und schickte sich an , das Militär zu alarmieren , aber das Ungestüm des Pöbels stieg ums hundertfache und war durch nichts mehr zu ersticken . Am weißen Turm tauchte eine Abteilung des Reiterregiments mit blankgezogenen Säbeln auf , aber eher hätte sie eine Felsenmauer durchbrechen können als die dichtgestaute Volksmenge , die Kopf an Kopf stand , über die es hinwogte von Schreien und Zurufen und Hilferufen und Anfeuerungen und heiseren Lauten der Begierde . Alle drängten nach oben , wo Baldewin Estrich totenbleich in einem engen Kreis finsterer Burschen stand , die ihm näher und näher rückten , tobsüchtig gemacht durch den Geruch des Goldes . Mit den wildesten Drohungen drangen sie auf den Greis ein , der kein Glied zu rühren vermochte . Es war , als könne er nicht glauben , was um ihn her vorging . Ihm war , als seien es fürchterliche Traumbilder , diese von den scheußlichsten Trieben bewegte Masse , die um ihn wogte , ihn haßerfüllt anstierte , den kleinen Kreis um ihn verengerte und verengerte , als ob sie ihn erdrücken und ersticken wollte , die nach Geld schrie und heulte , nach Geld und nach sonst nichts . Ein stürmischer und geheimnisvoller Schmerz erfüllte seine Brust , und er erschien sich wie ins große Meer verschlagen , schiffbrüchig , dem Tod geweiht . Da nahm er sämtliche Banknoten in seiner Tasche mit einer leidenschaftlich verächtlichen Bewegung und schleuderte sie fort , hinein in das brodelnde Meer , den ausgestreckten Händen , den funkelnden Augen entgegen . Wahnsinnige Schreie erschallten , er fühlte sich fortgerissen wie in einem Strudel , dahingeschleudert , dorthingeschleudert , fühlte Stoß auf Stoß an seiner Brust , sah hundert Arme hoffnungslos ausgestreckt , und wieder andre , die mehr Geld wollten , mehr , da schwanden ihm die Sinne . Er erhielt einen schrecklichen Schlag an die Stirn , sank hin , wurde mit Füßen getreten , fühlte Blut an sich herabströmen , und doch schlossen sich seine Augen nicht , als wolle seine Seele gewaltsam wach bleiben und alles sehend erdulden . Und der Strom , der nun einmal in Bewegung geraten war , wälzte sich weiter . Diejenigen , die Gold erhalten hatten , waren noch unersättlicher , als die andern . Ihr Geist befand sich in Raserei , und diese Raserei war ansteckend . Viele zertrümmerten die Fensterscheiben der Bürgerhäuser , Steine flogen in die Stockwerke hinauf ; die Weiber benutzten ihre Schuhe als Wurfgeschosse . Die Rufe : Blut ! Rache ! Tod ! Nieder ! donnerten oder kreischten durch die Luft . Die Verkaufsläden wurden eingeschlagen und mit dem Schrei : nieder die Juden ! erstürmten entfesselte Scharen die verschlossenen Räume , demolierten Tische , Fenster , Verkaufsgegenstände und manche reizten zu Brandlegung und Plünderung . An vielen Punkten gelang es dem Militär durchzudringen ; einzelne Schüsse wurden abgefeuert , denen höhnisches Gebrüll folgte . Während dieser Vorgänge war ein eigentümlich schwüler Wind durch die Gassen gefahren ; erschreckend schwarze Wolken waren herausgezogen und hatten sich im Norden getürmt , indes ihnen gegenüber ein Stück reinen Himmels lag , auf dem der klare Mond schwamm . Dann zuckten Blitze aus dieser Wolkenwand , deren beängstigendes Dunkel die Firste der Häuser seltsam bleich erscheinen ließ , leiser Donner rollte über die Dächer hin , allmählich anschwellend ; die Blitze wurden fahler , zackiger , breiter , schneidender und tiefer , der Donner weniger schwerfällig , und das Februargewitter hatte sich drohend angesammelt , ohne daß in dem Tumult irgend jemand darauf geachtet hätte . Die Soldaten begannen erregte Massen von Männern und Weibern vor sich her zu treiben . Ein vor Haß wütender Haufe von Männern stellte sich gegen eine ganze Kompagnie ; die Leute an den Fenstern stießen Angstrufe aus ; Steine flogen unter die Soldaten , aufgestellte Messer , Glasscherben von eingedrückten Fenstern , ja ganze Holzklötze , bis endlich der Kommandant der Abteilung zum Angriff überging . Alles wandte sich zur Flucht ; ein panischer Schrecken verbreitete sich ; nur noch verzerrte Gesichter waren zu erblicken ; die Weiber stürzten hin und waren vor Entsetzen gelähmt , die Männer nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie gejagt . Aus den ferner liegenden Straßen kamen Zuschauer herbei und , mitergriffen von dem furchtbaren Schauspiel schrien sie so laut sie konnten , ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei , folgten entflammt den immer noch tätlich vorgehenden Soldaten , wurden jedoch von der nachkommenden Reiterkolonne in die Seitenstraßen vertrieben . Währenddem floh der geängstigte Volkshaufen in immer größerer Verwirrung und gelangte auf den Lorenzerplatz , wo die Türen der Kirche weit offen standen . Aus dem Innern , wie aus einer dunklen Höhle schimmerte das glührote ewige Licht , und die von den Soldaten wie Hühner vorwärts getriebene Menge flüchtete sich in die Kirche , drängte sich unter heiseren Schreien hinein , zum Teil mit emporgehobenen Händen , als ob sie beten wollten , was jedoch nur deshalb geschah , weil das unbeschreibliche Gedränge sie dazu nötigte . Zornige Rufe erschallten aus dem seitab sich schiebenden Publikum ; Polizisten und Gendarmen versuchten umsonst sich Bahn zu machen . Die Soldaten schienen wie trunken von blödsinniger Kampf- und Verfolgungsbegier und hörten die Befehle ihrer Vorgesetzten nicht mehr . Die ersten Reihen wollten eben durch das Tor des Domes eindringen , als eine Gestalt vor ihnen in Wahrheit förmlich aufwuchs . Die Soldaten blieben stehen . Sie sahen finster staunend in das Gesicht dieses Menschen . Es war Agathon . Wie eine Mauer stand er da . Auf einmal fuhr ein entsetzlicher Blitz herab , der den ganzen Himmel in Stücke zu zerreißen schien . Ein fürchterlicher Schlag folgte . Und darauf Totenstille . Plötzlich erschallte von draußen aus einer engen Nebengasse ein langgezogener Schrei . Mehrere Schreie folgten . Die Leute an den Fenster deuteten angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem Schauspiel auf der Gasse ab . Zugleich mit dem Blitz waren die elektrischen Bogenlampen an der Straßenkreuzung erloschen , so daß einen Augenblick lang eine drückende Dämmerung den Platz füllte , die durch den Wind auf- und abbewegt zu werden schien . Dann fiel eine schmale Feuergarbe aus der Höhe herab , ähnlich dem Aufflackern eines Strohfeuers , nur dunkler , purpurner , und zugleich wurde das Wächterhorn auf dem Henkerturm hörbar ; die Menschen fingen an zu heulen , mit den Händen zu deuten , liefen dahin , dorthin , die Offiziere schrien , die Pferde der ausgerückten Eskadron begannen scheu zu werden . Eine grauenhafte Verwirrung entstand . Im Innern der Kirche hatte sich ein Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt und starrte empor . Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere leblose Körper lagen auf den Steinfließen ausgestreckt . Das mystische Halbdunkel des Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu weichen mit unruhigen , gespenstisch flackernden Schatten . Dabei blieben die bemalten Glasfenster dunkel , hinter ihnen lag graue Nacht , denn die Brandflut kam aus der Höhe . Viele zwängten sich mit Schreien und Rufen herein , riefen nach der Feuerwehr ; dazu tönte schauerlich die Glocke vom brennenden Turm ; es schien , daß der Glöckner , der keinen Ausweg sah , dessen Weg nach unten in Flammen stand , es schien , daß er mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang riß , während rote und trübe Flammen , Rauch und Funken um ihn emporschlugen . Agathon stand totenbleich . Er streckte die Hände empor und von den mageren Armen glitt der Rockärmel zurück . Die am Altar gestanden , scharten sich bang um ihn , und jetzt kamen drohende oder warnende Stimmen , die Zurück und Hinaus riefen , auch hörte man das Gerassel der auffahrenden Spritzen , während die Glocke im Turm rasend wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab . Agathon blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend gegenwärtig . Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht ; wie er einsam auf den Landstraßen geirrt , trank- und speiselos ; wie er die stürmischen Tage an sich hatte vorbeisausen lassen ; wie trotzdem mit unbezähmbarer Kraft seine Liebe zum Leben gewachsen war ; wie seine Vergangenheit stimmenlos versunken war , ein Nichts ; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die Menschen ; wie er überall Geducktheit und Unfrohheit gewahrte , Unoffenheit , Duckmäuserei , geheime Empörungslust . Und je einsamer er ward da draußen , je feuriger wurden seine Phantasien von einer gewaltsamen Wandlung , und er dachte , daß nicht nur das Alte stürzen müsse , damit das Neue komme , sondern daß es gestürzt werden müsse . Er dachte , daß die Städte zerstört , niedergerissen werden , verlassen werden müßten , damit der Mensch wieder sich selbst finde . Er schwelgte in glühenden Traumen , sein jugendlicher Geist saugte sich fest an den Brüsten des Lebens . Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur fühlte , empfand er auch Macht über die Menschen . Er dachte , als er jetzt eine bebende Menge sich um ihn drängen sah , daran , wie die Kinder aus den Dörfern ihm gefolgt , als wären sie durch einen Zauberruf angelockt , wie ihm die Bauern Essen und Trank gegeben , ohne daß er darum gebeten . So , voll von sich selbst , berührte er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten , während die Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten , das Militär dem Zudrang Neugieriger Einhalt tat , das Dach eines benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde , die Glocke des Turmes schwächer , gleichsam hinsterbend erschallte , die Dämmerung in der Kirche einer hellen Brunst wich und ein junger Priester in die Flammen stürzte , die auf den Altar herabgefallen waren , um das Allerheiligste zu retten . In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende die Hand ; Agathon , selbst bestürzt , wich zurück , Rufe wurden laut , die Kirche müsse geräumt werden . Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte ; da stieg Agathon auf eine Bank und gellte hinaus in den Raum mit einer Stimme , als ob es gälte , über den ganzen Erdkreis hinzuschreien : » Laßt sie brennen , die Kirche ! « Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm aufblicken , elende , sorgenvolle Stirnen , Munde mit kriechendem , fast flehentlichem Ausdruck , sogar Kinder , deren kranke Glieder er zu empfinden glaubte , und es war , als könne er durch das ganze Elend der Welt hindurchblicken , den verknoteten Knäuel des Daseins entwirren und er schrie noch einmal : » Laßt sie brennen , die Kirche ! « Er hatte das Gefühl , als schauten alle Menschen sterbend nach ihm , und er dünkte sich wie der Vater eines neuen , freien , Gott-losen Geschlechts . Der fanatische Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreißen ; seine fahlen Wangen zitterten vor Zier , aber die Menge schützte Agathon . Die Gefahr nahm zu ; Agathon riß eine brennende Leiste vom Altar , hielt sie hoch wie eine Fackel und wandte sich dem Tore zu , gefolgt und umringt von einem erregten Schwarm . Die Glocke hatte aufgehört zu läuten . Fünfzehntes Kapitel Agathon verschwand bald unter der Menge . Obwohl viele ihm nachstürzten , obwohl ein Offizier mit dem Säbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd nach ihm lenkte , verlor er sich in fernere Gassen und war in Sicherheit . Sinnend ging er weiter , den Blick ins Unbestimmte geheftet , wie von einem Räderwerk fortbewegt , durch Gassen , die er nicht kannte , die leer waren , in denen die Schritte hallten , an Häusern vorbei , die zu zucken schienen , sich zu besinnen schienen , ob sie ihm den Weg versperren sollten . Der Himmel war licht geworden ; flimmerlose Sterne waren angeheftet wie Perlen , die Milchstraße war wie der Rauch aus einem Bäckerschlot , die Bäume der Alleen standen wie Lanzen am Weg , erleuchtete Fenster im Weiten waren wie große Blutstropfen , durch die ganze Natur ging es wie ein Recken , Sichaufrichten . Dann lag die Stadt im Rücken , ein vielverzacktes Schattenbild , ein Knäuel Unglück , schwarz , ungeheuerlich starr , still , greifbar deutlich , in der Mitte ein glühender Fleck , eine beginnende Säule : der Brand , der im Verlöschen war , da oder dort ein Loch , da oder dort ein Fabrikschlot wie ein riesenhafter Finger . Dann nahm ihn der Wald auf ; groß , dicht , leer von allen Geräuschen der Welt , eine drückende , zentnerschwere Finsternis . Hier atmete Agathon auf . Er legte sich aufs Geradewohl hin ; obwohl es kühl und feucht war , verfiel er sofort in einen bleiernen Schlaf , schlief weiter , als der Tag graute , weiter als es Abend wurde und wiederum Nacht und tat erst die Augen auf , als ein klares , kleines Stück Mond im Herabsinken begriffen war . Er preßte die Hände gegen die Schläfen und meinte , vierzehn Jahre lang geschlafen zu haben , fühlte sich freier , mutiger , reicher an Hilfskräften , an Vertrauen , an Überzeugung . Er starrte eine Weile hinein in den Wald , empfand dann Hunger , erhob sich , erblickte bald das freie Feld , sah den Schmausenbuk unweit im bläulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben über der Stadt . Er hatte kein Geld , um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu können . Er hatte auch bisher kein Geld gehabt . Die Leute hatten ihm gegeben , mehr als er gebraucht , um satt zu werden . Sie wurden durch seine Person und sein Wesen in hohem Grade für ihn eingenommen . Er hatte eine außerordentliche Milde , zu lächeln . Er war schön und groß . Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen Leidenschaften , sein mächtiges Herz , seinen überlegenen Mut , die Wildheit seiner Wünsche ahnen . Nie grübelte er , sondern träumte nur . Sein Blick hatte etwas von dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler Rasse . Er kam in die Stadt zurück . Wieder leere Gassen , dunkle Fenster und eine kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif über allem . Säulen mit Plakaten , verschlafene Schutzleute , hallende Stundenschläge , hallende Schritte . Eine Stadt ohne König , ohne Wille