geführt . Natürlich gab es auch Schandmäuler . An ihrer Spitze stand Molchow , der dem neben ihm sitzenden Katzler zuflüsterte : » Wahres Glück , Katzler , daß der Alte drüben die große Blumenvase vor sich hat ; sonst , so bei veau en tortue - vorausgesetzt , daß so was Feines überhaupt in Sicht steht - , würd ich der Sache nicht gewachsen sein . « Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer gespielte Tannhäusermarsch , und als eine bestimmte Zeit danach der Moment für den ersten Toast da war , erhob sich Baron Beetz und sagte : » Meine Herren . Unser Edler Herr von Alten-Friesack ist von der Pflicht und dem Wunsch erfüllt , den Toast auf Seine Majestät den Kaiser und König auszubringen . « Und während der Alte , das Gesagte bestätigend , mit seinem Glase grüßte , setzte der in seiner alter-ego-Rolle verbleibende Baron Beetz hinzu : » Seine Majestät der Kaiser und König lebe hoch ! « Der Alten-Friesacker gab auch hierzu durch Nicken seine Zustimmung , und während der junge Lehrer abermals auf den auf einer Rheinsberger Schloßauktion erstandenen alten Flügel zueilte , stimmte man an der ganzen Tafel hin das » Heil dir im Siegerkranz « an , dessen erster Vers stehend gesungen wurde . Das Offizielle war hierdurch erledigt , und eine gewisse Fidelitas , an der es übrigens von Anfang an nicht gefehlt hatte , konnte jetzt nachhaltiger in ihr Recht treten . Allerdings war noch immer ein wichtiger und zugleich schwieriger Toast in Sicht , der , der sich mit Dubslav und dem unglücklichen Wahlausgange zu beschäftigen hatte . Wer sollte den ausbringen ? Man hing dieser Frage mit einiger Sorge nach und war eigentlich froh , als es mit einem Male hieß , Gundermann werde sprechen . Zwar wußte jeder , daß der Siebenmühlener nicht ernsthaft zu nehmen sei , ja , daß Sonderbarkeiten und vielleicht sogar Scheiterungen in Sicht stünden , aber man tröstete sich , je mehr er scheitere , desto besser . Die meisten waren bereits in erheblicher Aufregung , also sehr unkritisch . Eine kleine Weile verging noch . Dann bat Baron Beetz , dem die Rolle des Festordners zugefallen war , für Herrn von Gundermann auf Siebenmühlen ums Wort . Einige sprachen ungeniert weiter , » Ruhe , Ruhe ! « riefen andre dazwischen , und als Baron Beetz noch einmal an das Glas geklopft und nun , auch seinerseits um Ruhe bittend , eine leidliche Stille hergestellt hatte , trat Gundermann hinter seinen Stuhl und begann , während er mit affektierter Nonchalance seine Linke in die Hosentasche steckte . » Meine Herren . Als ich vor soundso viel Jahren in Berlin studierte « ( » Nanu . « ) , » als ich vor Jahren in Berlin studierte , war da mal ' ne Hinrichtung ... « » Alle Wetter , der setzt gut ein . « » ... war da mal ' ne Hinrichtung , weil eine dicke Klempnermadam , nachdem sie sich in ihren Lehrburschen verliebt , ihren Mann , einen würdigen Klempnermeister , vergiftet hatte . Und der Bengel war erst siebzehn . Ja , meine Herren , soviel muß ich sagen , es kamen damals auch schon dolle Geschichten vor . Und ich , weil ich den Gefängnisdirektor kannte , ich hatte Zutritt zu der Hinrichtung , und um mich rum standen lauter Assessoren und Referendare , ganz junge Herren , die meisten mit ' nem Kneifer . Kneifer gab es damals auch schon . Und nun kam die Witwe , wenn man sie so nennen darf , und sah soweit ganz behäbig und beinahe füllig aus , weil sie , was damals viel besprochen wurde , ' nen Kropf hatte , weshalb auch der Block ganz besonders hatte hergerichtet werden müssen . Sozusagen mit ' nem Ausschnitt . « » Mit ' nem Ausschnitt ... ; gut , Gundermann . « » Und als sie nun , ich meine die Delinquentin , all die jungen Referendare sah , wobei ihr wohl ihr Lehrling einfallen mochte ... « » Keine Verspottung unsrer Referendare ... « » ... Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen mochte , da trat sie ganz nahe an den Schafottrand heran und nickte uns zu ( ich sage uns , weil sie mich auch ansah ) und sagte : Ja , ja , meine jungen Herrens , dat kommt davon ... Und sehen Sie , meine Herren , dieses Wort , wenn auch von einer Delinquentin herrührend , bin ich seitdem nicht wieder losgeworden , und wenn ich so was erlebe wie heute , dann muß einem solch Wort auch immer wieder in Erinnerung kommen , und ich sage dann auch , ganz wie die Alte damals sagte : Ja , meine Herren , dat kommt davon . Und wovon kommt es ? Von den Sozialdemokraten . Und wovon kommen die Sozialdemokraten ? « » Vom Fortschritt . Alte Geschichte , kennen wir . Was Neues ! « » Es gibt da nichts Neues . Ich kann nur bestätigen , vom Fortschritt kommt es . Und wovon kommt der ? Davon , daß wir die Abstimmungsmaschine haben und das große Haus mit den vier Ecktürmen . Und wenn es meinetwegen ohne das große Haus nicht geht , weil das Geld für den Staat am Ende bewilligt werden muß - und ohne Geld , meine Herren , geht es nicht « ( Zustimmung : » Ohne Geld hört die Gemütlichkeit auf « ) - , » nun denn , wenn es also sein muß , was ich zugebe , was sollen wir , auch unter derlei gern gemachten Zugeständnissen , anfangen mit einem Wahlrecht , wo Herr von Stechlin gewählt werden soll und wo sein Kutscher Martin , der ihn zur Wahl gefahren , tatsächlich gewählt wird oder wenigstens gewählt werden kann . Und der Kutscher Martin unsers Herrn von Stechlin ist mir immer noch lieber als dieser Torgelow . Und all das nennt sich Freiheit . Ich nenn es Unsinn , und viele tun desgleichen . Ich denke mir aber , gerade diese Wahl , in einem Kreise , drin das alte Preußen noch lebt , gerade diese Wahl wird dazu beitragen , die Augen oben helle zu machen . Ich sage nicht , welche Augen . « » Schluß , Schluß ! « » Ich komme zum Schluß . Es hieß Anno siebzig , daß sich die Franzosen als die glorreich Besiegten bezeichnet hätten . Ein stolzes und nachahmenswertes Wort . Auch für uns , meine Herren . Und wie wir , ohne uns was zu vergeben , diesen Sekt aus Frankreich nehmen , so dürfen wir , glaub ich , auch das eben zitierte stolze Klagewort aus Frankreich herübernehmen . Wir sind besiegt , aber wir sind glorreich Besiegte . Wir haben eine Revanche . Die nehmen wir . Und bis dahin in alle Wege : Herr von Stechlin auf Schloß Stechlin , er lebe hoch ! « Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an . Einige freilich lachten , und von Molchow , als er einen neuen Weinkübel heranbestellte , sagte zu dem neben ihm sitzenden Katzler : » Weiß der Himmel , dieser Gundermann ist und bleibt ein Esel . Was sollen wir mit solchen Leuten ? Erst beschreibt er uns die Frau mit ' nem Kropf , und dann will er das große Haus abschaffen . Ungeheure Dämelei . Wenn wir das große Haus nicht mehr haben , haben wir gar nichts ; das ist noch unsre Rettung und die beinah einzige Stelle , wo wir den Mund ( ich sage Mund ) einigermaßen auftun und was durchsetzen können . Wir müssen mit dem Zentrum paktieren . Dann sind wir egal raus . Und nun kommt dieser Gundermann und will uns auch das noch nehmen . Es ist doch ' ne Wahrheit , daß sich die Parteien und die Stände jedesmal selbst ruinieren . Das heißt , von Ständen kann hier eigentlich nicht die Rede sein ; denn dieser Gundermann gehört nicht mit dazu . Seine Mutter war ' ne Hebamme in Wriezen . Drum drängt er sich auch immer vor . « Bald nach Gundermanns Rede , die schon eine Art Nachspiel gewesen war , flüsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker zu , daß es Zeit sei , die Tafel aufzuheben . Der Alte wollte jedoch noch nicht recht , denn wenn er mal saß , saß er ; aber als gleich danach mehrere Stühle gerückt wurden , blieb ihm nichts anderes übrig , als sich anzuschließen , und unter den Klängen des » Hohenfriedbergers « - der » Prager « , darin es heißt , » Schwerin fällt « , wäre mit Rücksicht auf die Gesamtsituation vielleicht paßlicher gewesen - kehrte man in die Parterreräume zurück wo die Majorität dem Kaffee zusprechen wollte , während eine kleine Gruppe von Allertapfersten in die Straße hinaustrat , um da , unter den Bäumen des Triangelplatzes , sich bei Sekt und Cognac des weiteren bene zu tun . Obenan saß von Molchow , neben ihm von Kraatz und van Peerenboom ; Molchow gegenüber Direktor Thormeyer und der bis dahin mit der Festmusik betraute Lehrer , der bei solchen Gelegenheiten überhaupt Thormeyers Adlatus war . Sonderbarerweise hatte sich auch Katzler hier niedergelassen ( er sehnte sich wohl nach Eindrücken , die jenseits aller » Pflicht « lagen ) , und neben ihm , was beinahe noch mehr überraschen konnte , saß von der Nonne . Molchow und Thormeyer führten das Wort . Von Wahl und Politik - nur über Gundermann fiel gelegentlich eine spöttische Bemerkung - war langst keine Rede mehr , statt dessen befleißigte man sich , die neuesten Klatschgeschichten aus der Grafschaft heranzuziehen . » Ist es denn wahr « , sagte Kraatz , » daß die schöne Lilli nun doch ihren Vetter heiraten wird oder , richtiger , der Vetter die schöne Lilli ? « » Vetter ? « fragte Peerenboom . » Ach , Peerenboom , Sie wissen auch gar nichts ; Sie sitzen immer noch zwischen Ihren Delfter Kacheln und waren doch schon ' ne ganze Weile hier , als die Lilli-Geschichte spielte . « Peerenboom ließ sich ' s gesagt sein und begrub jede weitere Frage , was er , ohne sich zu schädigen , auch ganz gut konnte , da kein Zweifel war , daß der , der das Lilli-Thema heraufbeschworen , über kurz oder lang ohnehin alles klarlegen würde . Das geschah denn auch . » Ja , diese verdammten Kerle « , fuhr von Kraatz fort , » diese Lehrer ! Entschuldigen Sie , Luckhardt , aber Sie sind ja beim Gymnasium , da liegt alles anders , und der , der hier ' ne Rolle spielt , war ja natürlich bloß ein Hauslehrer , Hauslehrer bei Lillis jüngstem Bruder . Und eines Tages waren beide weg , der Kandidat und Lilli . Selbstverständlich nach England . Es kann einer noch so dumm sein , aber von Gretna Green hat er doch mal gehört oder gelesen . Und da wollten sie denn auch beide hin . Und sind auch . Aber ich glaube , der Gretna Greensche darf nicht mehr trauen . Und so nahmen sie denn Lodgings in London , ganz ohne Trauung . Und es ging auch so , bis ihnen das kleine Geld ausging . « » Ja , das kennt man . « » Und da kamen sie denn also wieder . Das heißt , Lilli kam wieder . Und sie war auch schon vorher mit dem Vetter so gut wie verlobt gewesen . « » Und der sprang nu ab ? « » Nicht so ganz . Oder eigentlich gar nicht . Denn Lilli ist sehr hübsch und nebenher auch noch sehr reich . Und da soll denn der Vetter gesagt haben , er liebe sie so sehr , und wo man liebe , da verzeihe man auch . Und er halte auch eine Entsühnung für durchaus möglich . Ja , er soll dabei von Purgatorium gesprochen haben . « » Mißfällt mir , klingt schlecht « , sagte Molchow . » Aber was er vorher gesagt , Entsühnung , das ist ein schönes Wort und eine schöne Sache . Nur das Wie - ach , man weiß immer sowenig von diesen Dingen - will mir nicht recht einleuchten . Als Christ weiß ich natürlich ( so schlimm steht es am Ende auch nicht mit einem ) , als Christ weiß ich , daß es eine Sühne gibt . Aber in solchem Falle ? Thormeyer , was meinen Sie , was sagen Sie dazu ? Sie sind ein Mann von Fach und haben alle Kirchenväter gelesen und noch ein paar mehr . « Thormeyer verklärte sich . Das war so recht ein Thema nach seinem Geschmack ; seine Augen wurden größer und sein glattes Gesicht noch glatter . » Ja « , sagte er , während er sich über den Tisch zu Molchow vorbeugte , » so was gibt es . Und es ist ein Glück , daß es so was gibt . Denn die arme Menschheit braucht es . Das Wort Purgatorium will ich vermeiden , einmal , weil sich mein protestantisches Gewissen dagegen sträubt , und dann auch wegen des Anklangs ; aber es gibt eine Purifikation . Und das ist doch eigentlich das , worauf es ankommt : Reinheitswiederherstellung . Ein etwas schwerfälliges Wort . Indessen die Sache , drum sich ' s hier handelt , gibt es doch gut wieder . Sie begegnen diesem Hange nach Restitution überall , und namentlich im Orient - aus dem doch unsre ganze Kultur stammt - finden Sie diese Lehre , dieses Dogma , diese Tatsache . « » Ja , ist es eine Tatsache ? « » Schwer zu sagen . Aber es wird als Tatsache genommen . Und das ist ebensogut . Blut sühnt . « » Blut sühnt « , wiederholte Molchow . » Gewiß . Daher haben wir ja auch unsere Duellinstitution . Aber wo wollen Sie hier die Blutsühne hernehmen ? In diesem Spezialfalle ganz undurchführbar . Der Hauslehrer ist drüben in England geblieben , wenn er nicht gar nach Amerika gegangen ist . Und wenn er auch wiederkäme , er ist nicht satisfaktionsfähig . Wär er Reserveoffizier , so hätt ich das längst erfahren ... « » Ja , Herr von Molchow , das ist die hiesige Anschauung . Etwas primitiv , naturwüchsig , das sogenannte Blutracheprinzip . Aber es braucht nicht immer das Blut des Übeltäters selbst zu sein . Bei den Orientalen ... « » Ach , Orientalen ... dolle Gesellschaft ... « » Nun denn meinetwegen , bei fast allen Völkern des Ostens sühnt Blut überhaupt . Ja mehr , nach orientalischer Anschauung - ich kann das Wort nicht vermeiden , Herr von Molchow ; ich muß immer wieder darauf zurückkommen - , nach orientalischer Anschauung stellt Blut die Unschuld als solche wieder her . « » Na , hören Sie , Rektor . « » Ja , es ist so , meine Herren . Und ich darf sagen , es zählt das zu dem Feinsten und Tiefsinnigsten , was es gibt . Und ich habe da auch neulich erst eine Geschichte gelesen , die das alles nicht bloß so obenhin bestätigt , sondern beinahe großartig bestätigt . Und noch dazu aus Siam . « » Aus Siam ? « » Ja , aus Siam . Und ich würde Sie damit behelligen , wenn die Sache nicht ein bißchen zu lang wäre . Die Herren vom Lande werden so leicht ungeduldig , und ich wundere mich oft , daß sie die Predigt bis zu Ende mit anhören . Daneben ist freilich meine Geschichte aus Siam ... « » Erzählen , Direktorchen , erzählen . « » Nun denn , auf Ihre Gefahr . Freilich auch auf meine ... Da war also , und es ist noch gar nicht lange her , ein König von Siam . Die Siamesen haben nämlich auch Könige . « » Nu , natürlich . So tief stehen sie doch nicht . « » Also da war ein König von Siam , und dieser König hatte eine Tochter . « » Klingt ja wie aus ' m Märchen . « » Ist auch , meine Herren . Eine Tochter , eine richtige Prinzessin , und ein Nachbarfürst ( aber von geringerem Stande , so daß man doch auch hier wieder an den Kandidaten erinnert wird ) - dieser Nachbarfürst raubte die Prinzessin und nahm sie mit in seine Heimat und seinen Harem , trotz alles Sträubens . « » Na , na . « » So wenigstens wird berichtet . Aber der König von Siam war nicht der Mann , so was ruhig einzustecken . Er unternahm vielmehr einen heiligen Krieg , gegen den Nachbarfürsten , schlug ihn und führte die Prinzessin im Triumphe wieder zurück . Und alles Volk war wie von Sieg und Glück berauscht . Aber die Prinzessin selbst war schwermütig . « » Kann ich mir denken . Wollte wieder weg . « » Nein , ihr Herren . Wollte nicht zurück . Denn es war eine sehr feine Dame , die gelitten hatte ... « » Ja . Aber wie ... « » Die gelitten hatte und fortan nur dem einen Gedanken der Entsühnung lebte , dem Gedanken , wie das Unheilige , das Berührtsein , wieder von ihr genommen werden könne . « » Geht nicht . Berührt is berührt . « » Mitnichten , Herr von Molchow . Die hohe Priesterschaft wurde herangezogen und hielt , wie man hier vielleicht sagen würde , einen Synod , in dem man sich mit der Frage der Entsühnung oder , was dasselbe sagen will , mit der Frage der Wiederherstellung der Virginität beschäftigte . Man kam überein ( oder fand es auch vielleicht in alten Büchern ) , daß sie in Blut gebadet werden müsse . « » Brrr . « » Und zu diesem Behufe wurde sie bald danach in eine Tempelhalle geführt , drin zwei mächtige Wannen standen , eine von rotem Porphyr und eine von weißem Marmor , und zwischen diesen Wannen , auf einer Art Treppe , stand die Prinzessin selbst . Und nun wurden drei weiße Büffel in die Tempelhalle gebracht , und der Hohepriester trennte mit einem Schnitt jedem der drei das Haupt vom Rumpf und ließ das Blut in die daneben stehende Porphyrwanne fließen . Und jetzt war das Bad bereitet , und die Prinzessin , nachdem siamesische Jungfrauen sie entkleidet hatten , stieg in das Büffelblut hinab , und der Hohepriester nahm ein heiliges Gefäß und schöpfte damit und goß es aus über die Prinzessin . « » Eine starke Geschichte ; bei Tisch hätt ich mehrere Gänge passieren lassen . Ich find es doch entschieden zuviel . « » Ich nicht « , sagte der alte Zühlen , der sich inzwischen eingefunden und seit ein paar Minuten mit zugehört hatte . » Was heißt zuviel oder zu stark ? Stark ist es , soviel geb ich zu ; aber nicht zu stark . Daß es stark ist , das ist ja eben der Witz von der Sache . Wenn die Prinzessin bloß einen Leberfleck gehabt hätte , so fänd ich es ohne weiteres zu stark ; es muß immer ein richtiges Verhältnis dasein zwischen Mittel und Zweck . Ein Leberfleck ist gar nichts . Aber bedenken Sie , ' ne richtige Prinzessin als Sklavin in einem Harem ; da muß denn doch ganz anders vorgegangen werden . Wir reden jetzt soviel von großen Mitteln . Ja , meine Herren , auch hier war nur mit großen Mitteln was auszurichten . « » Igni et ferro « , bestätigte der Rektor . » Und « , fuhr der alte Zühlen fort , » soviel wird jedem einleuchten , um den Teufel auszutreiben ( als den ich diesen Nachbarfürsten und seine Tat durchaus ansehe ) , dazu mußte was Besonderes geschehn , etwas Beelzebubartiges . Und das war eben das Blut dieser drei Büffel . Ich find es nicht zuviel . « Thormeyer hob sein Glas , um mit dem alten Zühlen anzustoßen . » Es ist genau so , wie Herr von Zühlen sagt . Und zuletzt geschah denn auch glücklicherweise das , was unsre mehr auf Schönheit gerichteten Wünsche - denn wir leben nun mal in einer Welt der Schönheit - zufriedenstellen konnte . Direkt aus der Porphyrwanne stieg die Prinzessin in die Marmorwanne , drin alle Wohlgerüche Arabiens ihre Heimstätte hatten , und alle Priester traten mit ihren Schöpfkellen aufs neue heran , und in Kaskaden ergoß es sich über die Prinzessin , und man sah ordentlich , wie die Schwermut von ihr abfiel und wie all das wieder aufblühte , was ihr der räuberische Nachbarfürst genommen . Und zuletzt schlugen die Dienerinnen ihre Herrin in schneeweiße Gewänder und führten sie bis an ein Lager und fächelten sie hier mit Pfauenwedeln , bis sie den Kopf still neigte und entschlief . Und ist nichts zurückgeblieben , und ist später die Gattin des Königs von Annam geworden . Er soll allerdings sehr aufgeklärt gewesen sein , weil Frankreich schon seit einiger Zeit in seinem Lande herrschte . « » Hoffen wir , daß Lillis Vetter auch ein Einsehen hat . « » Er wird , er wird . « Darauf stieß man an , und alles brach auf . Die Wagen waren bereits vorgefahren und standen in langer Reihe zwischen dem » Prinzregenten « und dem Triangelplatz . Auch der Stechliner Wagen hielt schon , und Martin , um sich die Zeit zu vertreiben , knipste mit der Peitsche . Dubslav suchte nach seinem Pastor und begann schon ungeduldig zu werden , als Lorenzen endlich an ihn herantrat und um Entschuldigung bat , daß er habe warten lassen . Aber der Oberförster sei schuld ; der habe ihn in ein Gespräch verwickelt , das auch noch nicht beendet sei , weshalb er vorhabe , die Rückfahrt mit Katzler gemeinschaftlich zu machen . Dubslav lachte . » Na , dann mit Gott . Aber lassen Sie sich nicht zuviel erzählen . Ermyntrud wird wohl die Hauptrolle spielen oder noch wahrscheinlicher der neu zu findende Name . Werde wohl recht behalten ... Und nun vorwärts , Martin . « Damit ging es über das holperige Pflaster fort . In der Stadt war schon alles still ; aber draußen auf der Landstraße kam man an großen und kleinen Trupps von Häuslern , Teerschwelern und Glashüttenleuten vorüber , die sich einen guten Tag gemacht hatten und nun singend und johlend nach Hause zogen . Auch Frauensvolk war dazwischen und gab allem einen Beigeschmack . So trabte Dubslav auf den als halber Weg geltenden Nehmitzsee zu . Nicht weit davon befand sich ein Kohlenmeiler , Dietrichs-Ofen , und als Martin jetzt um die nach Süden vorgeschobene Seespitze herumbiegen wollte , sah er , daß wer am Wege lag , den Oberkörper unter Gras und Binsen versteckt , aber die Füße quer über das Fahrgeleise . Martin hielt an . » Gnädiger Herr , da liegt wer . Ich glaub , es ist der alte Tuxen . « » Tuxen , der alte Süffel von Dietrichs-Ofen ? « » Ja , gnädiger Herr . Ich will mal sehen , was es mit ihm is . « Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und stieg ab und rüttelte und schüttelte den am Wege Liegenden . » Awer Tuxen , wat moakst du denn hier ? Wenn keen Moonschien wiehr , wiehrst du nu all kaputt . « » Joa , joa « , sagte der Alte . Aber man sah , daß er ohne rechte Besinnung war . Und nun stieg Dubslav auch ab , um den ganz Unbehilflichen mit Martin gemeinschaftlich auf den Rücksitz zu legen . Und bei dieser Prozedur kam der Trunkene einigermaßen wieder zu sich und sagte : » Nei , nei , Martin , nich doa ; pack mi lewer vörn upp ' n Bock . « Und wirklich , sie hoben ihn da hinauf , und da saß er nun auch ganz still und sagte nichts . Denn er schämte sich vor dem gnädigen Herrn . Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und sagte : » Nu sage mal , Tuxen , kannst du denn von dem Branntwein nich lassen ? Legst dich da hin ; is ja schon Nachtfrost . Noch ' ne Stunde , dann warst du dod . Waren sie denn alle so ? « » Mehrschtendeels . « » Und da habt ihr denn für den Katzenstein gestimmt . « » Nei , gnäd ' ger Herr , för Katzenstein nich . « Und nun schwieg er wieder , während er vorn auf dem Bock unsicher hin und her schwankte . » Na , man raus mit der Sprache . Du weißt ja , ich reiß keinem den Kopp ab . Is auch alles egal . Also für Katzenstein nich . Na , für wen denn ? « » För Torgelown . « Dubslav lachte . » Für Torgelow , den euch die Berliner hergeschickt haben . Hat er denn schon was für euch getan ? « » Nei , noch nich . « » Na , warum denn ? « » Joa , se seggen joa , he will wat för uns duhn un is so sihr för de armen Lüd . Un denn kriegen wi joa ' n Stück Tüffelland . Un se seggen ook , he is klöger , as de annern sinn . « » Wird wohl . Aber er is doch noch lange nich so klug , wie ihr dumm seid . Habt ihr denn schon gehungert ? « » Nei , dat grad nich . « » Na , das kann auch noch kommen . « » Ach , gnäd ' ger Herr , dat wihrd joa woll nich . « » Na , wer weiß , Tuxen . Aber hier is Dietrichs-Ofen . Nu steigt ab und seht Euch vor , daß Ihr nicht fallt , wenn die Pferde anrucken . Und hier habt Ihr was . Aber nich mehr für heut . Für heut habt Ihr genug . Und nu macht , daß Ihr zu Bett kommt , und träumt von Tüffelland . « In Mission nach England Einundzwanzigstes Kapitel Woldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen , daß der sozialdemokratische Kandidat , Feilenhauer Torgelow , im Wahlkreise Rheinsberg-Wutz gesiegt habe . Bald darauf traf auch ein Brief von Lorenzen ein , der zunächst die Telegramme bestätigte und am Schlusse hinzusetzte , daß Dubslav eigentlich herzlich froh über den Ausgang sei . Woldemar war es auch . Er ging davon aus , daß sein Vater wohl das Zeug habe , bei Dressel oder Borchardt mit viel gutem Menschenverstand und noch mehr Eulenspiegelei seine Meinung über allerhand politische Dinge zum besten zu geben ; aber im Reichstage fach-und sachgemäß sprechen , das konnt er nicht und wollt er auch nicht . Woldemar war so durchdrungen davon , daß er über die Vorstellung einer Niederlage , dran er als Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war , verhältnismäßig rasch hinwegkam , pries es aber doch , um eben diese Zeit mit einem Kommando nach Ostpreußen hin betraut zu werden , das ihn auf ein paar Wochen von Berlin fernhielt . Kam er dann zurück , so waren Anfragen in dieser Wahlangelegenheit nicht mehr zu befürchten , am wenigsten innerhalb seines Regiments , in dem man sich , von ein paar Intimsten abgesehen , eigentlich schon jetzt über den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg . Und in Schweigen hüllte man sich auch am Kronprinzenufer , als Woldemar hier am Abend vor seiner Abreise noch einmal vorsprach , um sich bei der gräflichen Familie zu verabschieden . Es wurde nur ganz obenhin von einem abermaligen Siege der Sozialdemokratie gesprochen , ein absichtlich flüchtiges Berühren , das nicht auffiel , weil sich das Gespräch sehr bald um Rex und Czako zu drehen begann , die , seit lange dazu aufgefordert , gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch im Barbyschen Hause gemacht und besonders bei dem alten Grafen viel Entgegenkommen gefunden hatten . Auch Melusine hatte sich durch den Besuch der Freunde durchaus zufriedengestellt gesehen , trotzdem ihr nicht entgangen war , was , nach freilich entgegengesetzten Seiten hin , die Schwäche beider ausmachte . » Wovon der eine zuwenig hat « , sagte sie , » davon hat der andre zuviel . « » Und wie zeigte sich das , gnädigste Gräfin ? « » Oh , ganz unverkennbar . Es traf sich , daß im selben Augenblicke , wo die Herren Platz nahmen , drüben die Glocken der Gnadenkirche geläutet wurden , was denn - man ist bei solchen ersten Besuchen immer dankbar , an irgendwas anknüpfen zu können - unser Gespräch sofort aufs Kirchliche hinüberlenkte . Da legitimierten sich dann beide . Hauptmann Czako , weil er ahnen mochte , was sein Freund in nächster Minute sagen würde , gab vorweg deutliche Zeichen von Ungeduld , während Herr von Rex in der Tat nicht nur von dem Ernst der Zeiten zu sprechen anfing , sondern auch von dem Bau neuer Kirchen einen allgemeinen , uns nahe bevorstehenden Umschwung erwartete . Was mich natürlich erheiterte . « Woldemars Kommando nach Ostpreußen war bis auf Anfang November berechnet , und mehr als einmal sprachen im Verlaufe dieser Zeit Rex und Czako bei den Barbys vor . Freilich immer nur einzeln . Verabredungen zu gemeinschaftlichem Besuche waren zwar mehrfach eingeleitet worden , aber jedesmal erfolglos , und erst zwei Tage vor Woldemars Rückkehr fügte es sich , daß sich die beiden Freunde bei den Barbys trafen . Es war ein ganz besonders gelungener Abend , da neben der Baronin Berchtesgaden und Doktor Wrschowitz auch ein alter Malerprofessor ( eine neue Bekanntschaft des Hauses ) zugegen war , was eine sehr belebte Konversation