nehmen brauchte . Und schließlich war Gustav auch ein zu guter Sohn , um trotz seines augenblicklichen Zerwürfnisses mit dem Vater seine alten Eltern leichten Herzens im Stiche zu lassen . Die kränkelnde Mutter , den alten Mann , der bei seinen Jahren vom Großbauern zum obdachlosen Bettler herabsteigen sollte ! Es war ein Jammer ! Und Gustav erschien es oft wie Feigheit , daß er gerade jetzt die Seinen verlassen wollte . In dieser Zeit taten sich plötzlich für den jungen Mann ganz neue Aussichten auf . * * * Schon seit einiger Zeit hatte Gustav , der die Zeitungen jetzt eifrig nach Stellenangeboten durchforschte , gelesen , daß ein gewisser Zittwitz , der sich » Aufseheragent « nannte , seine Vermittlung anbot für junge Leute , welche nach dem Westen auf Sommerarbeit gehen wollten . Durch Bekannte hatte er weiter gehört , daß derselbe Agent eine Art Arbeitsvermittlungsbureau in der Stadt aufgetan habe , daß er auch die Dörfer in der Runde besuche , um Mädchen und junge Männer zu mieten . In dieser Gegend war die Sachsengängerei noch unbekannt . Es war das erste Mal , daß ein Agent aus den westlichen Zuckerrübendistrikten hier gesehen wurde . Die fabelhaftesten Gerüchte gingen dem Manne voraus . Man versprach sich goldene Berge . Die Leute , welche nach Sachsen zur Rübenarbeit gingen , hieß es , könnten sich im Laufe eines Sommers dort ein Vermögen erwerben . Andere wieder sagten , diese Agenten seien nicht besser als Sklavenhändler , und die Mädchen und Burschen welche ihrem Lockrufe folgten , sähen einem schrecklichen Lose entgegen . Gustav hatte , als er noch bei der Truppe war , die Sachsengänger alljährlich im Frühjahr durch die Stadt ziehen sehen , von einem Bahnhof zum anderen auf Möbelwagen : Weiber und Männer zusammengepfercht mit ihren Ballen und Laden , oder auch herdenweise durch die Straßen getrieben wie Vieh . Fremdartige Gestalten waren das gewesen , Polacken , schmutzig , zerlumpt . Er hatte die Gesellschaft aus tiefster Seele verachtet , und nie bisher war ihm der Gedanke gekommen sich diesen zuzugesellen . Eines Tages nun fand er am Spritzenhause in Halbenau einen Anschlag , auf welchem der Aufseheragent Zittwitz mitteilte , daß er im Kretscham angekommen sei und Anmeldungen von Mädchen sowohl wie jungen Männern zur Sommerarbeit in Sachsen annehme . Gustav , der eigentlich auf dem Wege zu seiner Braut begriffen war , las den Anschlag ein paarmal aufmerksam durch . Sich anbieten ! Nein , das wollte er nicht . Er hätte den schön geführt , der ihm , dem gewesenen Unteroffizier , hätte zumuten wollen , unter die Runkelweiber zu gehen . Aber anhören konnte man sich schließlich doch mal , was der Agent zu sagen hatte ; das verpflichtete ja zu nichts . Vor dem Kretscham schon merkte man , daß hier etwas Besonderes heute vor sich gehe . Leute gingen und kamen . An der Tür stand ein Hause junger Burschen , Hände in den Taschen , Zigarren im Munde , welche die Mädchen , die zahlreich in den Gasthof strömten , bekrittelten und verhöhnten . Gustav schloß sich dieser Gruppe an . Jetzt hineinzugehen , schämte er sich doch . Er stellte sich also zu den Burschen . Es wurde viel gespuckt , bramarabasiert und geflucht . Der Kerl da drinnen mache die Mädel ganz verrückt , hieß es . Das Blaue vom Himmel löge er herunter , und einige habe er auch schon bald so weit , daß sie unterschreiben wollten . Er suche sich die jungen und hübschen aus . Verheiratete wolle er gar nicht haben . Da könne man sich ja ungefähr vorstellen , was er im Schilde führe . Es folgten düstere Andeutungen . Einer wollte in der Zeitung gelesen haben , wohin derartige Mädchen verschwänden . Gustav hörte sich das Gerede eine Weile mit an , dann meinte er , man sollte doch lieber hineingehen und dem Burschen auf die Finger sehen bei seinem Geschäfte . Sie würde wohl noch Mannes genug sein , ihn , falls er im trüben fische , aus dem Orte hinaus zu besorgen . Einige von den jungen Leuten folgten ihm in den Kretscham . Die große Gaststube war gedrängt voll Menschen . Dem Eingange gegenüber saß der Agent an seinem Tische mit Schreibzeug und Papieren . Um ihn her standen und saßen alte und junge Männer . Die Mädchen hielten sich mehr an der Wand , sie schienen verschüchtert und wollten sich nicht recht herantrauen . Der Aufseheragent war ein Mann von behäbigem Äußeren , mit braunem Vollbart , in einem Anzug von brauner » Jäger « wolle , die ihn wie ein Sack einschloß und nichts von weißer Wäsche sehen ließ . Auffällig an ihm waren die großen , lebhaften , schwarzen Augen . Er war soeben im Wortwechsel mit ein paar jungen Männern begriffen , welche Soldatenmützen trugen , und die , wie Gustav schnell erkannte , nicht aus Halbenau waren . Die jungen Leute behaupteten , das seien Schundlöhne , die jener anböte , dafür brauche niemand die weite Reise zu machen . Verhungern könne man hier so gut wie anderwärts umsonst . Der Agent ließ die beiden eine Weile reden Er saß an seinem Tische mit gelassener Miene , er schien seiner Sache sehr sicher zu sein . Er gebrauchte seine Augen , indem er die einzelnen Gesichter um sich her scharf beobachtete . Jetzt schlossen sich auch Einheimische den beiden Schimpfern an . Für solche Löhne könne man kaum sein Leben fristen , hieß es , geschweige denn etwas verdienen oder zurücklegen . Da wolle man doch lieber daheim bleiben bei sicherem Brot . Nun erhob sich der Agent von seinem Platze , er ging unter die Leute . Vor einem der Hauptklugredner blieb er stehen . Er solle ihm doch einmal erzählen , was er verdiene , sagte er in vertraulichem Tone . Der junge Mensch war etwas verblüfft und wollte nicht recht mit der Sprache heraus , dann nannte er einen Satz ; andere widersprachen , so viel verdiene der nicht , hieß es . Es gab darüber ein Hin und Her . Der Agent ließ die Leute ausreden und blickte mit überlegenem Lächeln drein . Dann griff er wieder ein , den Widerspruch , in den sich der junge Mann verwickelt hatte , geschickt benutzend , machte er ihn lächerlich , so daß er bald die Lacher auf seiner Seite hatte . Eine ernstere Miene aufsetzend , hielt er darauf eine kleine Ansprache . Die Leute sollten nur Vertrauen zu ihm fassen , sagte er . Er sei als Freund zu ihnen gekommen . Er wisse , wie es dem kleinen Manne ums Herz sei in diesen schweren Zeiten . Sei er doch selbst aus dem Arbeiterstande hervorgegangen , habe sich durch seiner Hände Werk emporgearbeitet . Aber stolz sei er nicht geworden . Der Mann besaß eine gewisse breite Gemütlichkeit , etwas volkstümlich Biedermännisches in Worten und Gebärden , das zum Herzen des kleinen Mannes sprach und ihm auch hier schnell die Gemüter eroberte . Unter den Anwesenden waren viele Tagelöhner , Dienstleute , kleine Stellenbesitzer , lauter armes Volk , das um seine Existenz rang . Auch ein paar Armenhäusler waren zur Stelle . Die meisten hatten sich wohl nur des Zeitvertreibs wegen hierher begeben , um mal zu sehen , was ein » Aufseheragent « eigentlich für ein Ding sei , und » ob der Karle wos lus hatte « . Getrunken wurde viel . Hinter dem Schenktisch stand Kaschelernst , der die Pfennige ebenso gern von den Armen nahm wie von den Reichen . » Kleinvieh macht och Mist , « pflegte er philosophisch zu sagen . Richard ging umher an den Tischen und nahm die leeren Gläser in Empfang , setzte volle auf und kassierte . An den erhitzten Gesichtern und den lauten Stimmen konnte man merken , daß einzelne schon zu viel des Guten getan hatten . Agent Zittwitz hatte sich inzwischen in eine abgelegenere Ecke des Raumes begeben , wo mehrere Mädchen beisammen saßen , ängstlich und ratlos wie ein Völkchen junger Hühner . Der Aufseheragent pflanzte sich vor sie hin und suchte sie durch freundlichere Blicke und Worte zu kirren . Er pries ihnen die Vorzüge seines Kontraktes . Seine Anpreisung war geschickt auf den weiblichen Sparsamkeits- und Ordnungssinn berechnet . Sie könnten ihren ganzen Lohn zurücklegen , da sie alles geliefert bekämen und keinerlei Ausgaben hätten . Die meisten Mädchen brächten im Herbst ihre dreihundert Mark zurück , er kenne auch welche , die es bis zu fünfhundert gebracht hätten . Viele Mädchen verdienten sich auf diese Weise ihre Ausstattung . Die Mädchen sagten nicht viel , aber ihren Mienen war es leicht anzusehen , daß sie große Lust hatten , der Lockpfeife des Fremden zu folgen . Gustav hatte sich anfangs nicht viel darum gekümmert , was in jener Ecke vorgehe . Er war darüber , den Kontrakt durchzulesen , welchen der Agent ausgelegt hatte . Es befanden sich noch keine Unterschriften darunter . Als er dann nach der Mädchenecke hinüberblickte , erkannte er zu seiner nicht geringen Verwunderung seine eigene Schwester Ernestine , die sich in der Gruppe befand . Sie saß unter den Vordersten und folgte den Reden des Werbers mit gespannter Aufmerksamkeit . Wollte die sich etwa gar verdingen ? Er trat hinter den Agenten ; er wollte doch einmal genauer feststellen , was der den Mädeln eigentlich vorschwatzte . Der Werber war gerade dabei , auseinanderzusetzen , welche Lebensweise ihrer in Sachsen harre . Sie wohnten gemeinsam in besonderen Häusern , auch Kasernen genannt . Ihre Betten und Kleider könnten sie sich mitbringen , für alles andere sei gesorgt . Die Lebensmittel bekämen sie geliefert . Früh , ehe es zur Arbeit ging , setze man sich seinen Topf an . Ein Mädchen bleibe zurück , um nach dem Feuer zu sehen und die Töpfe zu rücken . Den Abend hätten sie ganz für sich , ebenso den Sonntag . Der Mann verstand es , das Leben der Sommerarbeiter in der angenehmsten Weise zu schildern . - Dann begann er von der Arbeit zu sprechen , für die sie gemietet würden . Er meinte , die sei so leicht , jedenfalls ein Kinderspiel im Vergleich zu dem , was man in dieser Gegend von den Frauen verlange . Rüben hacken und verziehen , zur Erntezeit Getreide abraffen und binden und im Herbste Kartoffeln und Rüben roden . All die schweren und unappetitlichen Verrichtungen , die sie zu Haus tun müßten , wie : misten , jauchen , graben , dreschen , melken , karren und die Egge ziehen , fielen da weg . Auch würde da meist in Akkord gearbeitet , ohne Aufsicht von seiten der Dienstherrschaft . Ganz frei sei man und ungebunden . Könne es etwas Schöneres geben ! Und im Herbste kehre man dann mit dem ganzen reichen Lohne des Sommers frohen Mutes in die Heimat zurück . Der Werber machte eine Pause . Er hatte die Stimmung so gut vorzubereiten verstanden , daß er nur noch die Hand auszustrecken brauchte , und er hatte die Mädchen alle . Da trat Gustav vor und sagte , er wolle mal ein paar Fragen stellen . » Bitte schön ! « meinte der Agent . » Dazu bin ich hier , um Rede und Antwort zu stehen . Je mehr Sie fragen , desto angenehmer ist es mir . « Er sagte das mit größter Zuvorkommenheit , betrachtete sich den jungen Mann jedoch gleichzeitig mit forschenden Blicken , die nicht frei von Argwohn waren . » Wir haben ja hier alle gehört , « begann Gustav und wandte sich mehr an die anwesenden Männer als an die Frauen , » wie schön dort alles ist , wo der Herr uns hinbringen möchte , und wie dort alles gut ist , viel besser als hier bei uns . « Er stockte . Das freie Sprechen war ihm etwas völlig Ungewöhntes . Einen Augenblick lang gingen ihm die Gedanken aus . » Du bleibst stecken ! « dachte er bei sich . Dann nahm er alle Willenskraft zusammen und fand das verlorene Gedankenende wieder . » Solch ein Land möchten wir wohl alle kennen lernen , wie es der Herr da beschreibt . Aber ehe ich den Kontrakt unterschreibe und mit dem Herrn Aufseheragenten dorthin gehe , da möchte ich doch vorher von ihm noch eins wissen : nämlich warum die Leute dort , die Burschen und die Mädel aus dem Lande , von dem uns der Herr erzählt , warum denn die nicht auf Arbeit gehen wollen und sich das Verdienst mitnehmen ? Oder gibt ' s dort etwa keine Arbeiter nicht ? Das glaub ' ich doch nicht ! « - Die Anwesenden waren diesen Worten mit Spannung gefolgt . Die Männer gaben ihren Beifall zu erkennen . Das war einleuchtend ! Büttner hatte recht ! Es war doch auffällig , daß die Leute in jener Gegend sich den Vorteil entgehen lassen sollten , der ihnen hier angepriesen wurde . Man war neugierig , was der Agent hierauf zu antworten haben würde . Der zuckte die Achseln und lachte . Er schien der Sache einen harmlosen Anstrich geben zu wollen , indem er sie auf die leichte Schulter nahm . » Ihr Leute ! « rief er , » ihr müßt euch das nicht so vorstellen wie hier ! Bei uns im Westen , das ist eben eine ganz andere Sache . « ... Dann erzählte er von der Fruchtbarkeit des Bodens und der intensiveren Wirtschaftsweise in jenen Distrikten , welche eine große Menge von Menschenkräften erfordere , mehr als meist zur Hand seien . Die Erklärung verfing nicht bei den Leuten . Der Mann mochte noch so schön und gelehrt sprechen , die klare Frage , welche ihm vorgelegt worden war , hatte er nicht beantworten können . Irgendeinen Haken hatte die Geschichte also doch ! Gustav gab dieser Stimmung Ausdruck , indem er fragte , ob etwa die jungen Leute sich dort zu fein dünkten zur Feldarbeit , daß man so weit hinausschicken müsse bis zu ihnen nach Arbeitern . - Der Agent erklärte , die Leute dort seien durchschnittlich wohlhabender als hier im Osten . Viele gingen auch in die Städte und widmeten sich anderen Berufen als gerade der Landwirtschaft . » Da haben wir ' s ! « rief Gustav , welcher den Mann nicht ausreden ließ . » Da hört ihr ' s ! Wie ich gesagt habe ! Die Sache ist genau so : wir sollen eben das machen , was denen dort nicht paßt . Wozu die sich zu gut vorkommen , dazu werden wir geholt . Ne , das paßt uns auch nich - nich wahr ? Wir sind nich schlechter hier als irgendwer andersch ! « Gustav sah sich fragend im Kreise um . Die Männer riefen ihm zu , daß er recht habe . Der Werber , welcher merkte , daß die Dinge eine ungünstige Wendung für ihn zu nehmen begannen , rief mit erhobener Stimme : Man solle ihn nur anhören , er werde alles haarklein erklären . Aber schon hatte er die Aufmerksamkeit verloren . Man schwatzte laut durcheinander und murrte . Für dumm solle man die Halbenauer nicht halten , hieß es . Im Sacke wollten sie die Katze nicht kaufen . Das sei der reine Menschenfang , der hier getrieben würde , rief einer von den jungen Leuten mit Militärmütze . So flogen die Redensarten hin und her . Jetzt redete mancher von der Leber weg , der sich ' s zuvor nicht getraut hatte . Der Agent gab das Spiel noch nicht verloren , er trat an einzelne heran , setzte ihnen zu , eiferte , widersprach , wollte berichtigen . Er hatte gut sich abmühen , er fand keinen Glauben mehr . In diesen einfachen Köpfen war das Mißtrauen rege geworden , und mit Engelszungen ließ sich ihnen der Argwohn nicht wieder ausreden . Wer jetzt noch Lust hatte , den Kontrakt zu unterschreiben , wagte es nicht mehr aus Angst , sich vor den Dorfgenossen lächerlich zu machen . Die Mädchen gingen einer nach dem anderen hinaus , besorgend , es möge hier wohl noch gar zur Rauferei kommen . Agent Zittwitz packte schließlich mit ärgerlicher Miene seine Papiere zusammen und verschwand . * * * Die Männer blieben noch beisammen . Gustav Büttner war der Held des Tages . Das war etwas ganz Neues für ihn . Das Bewußtsein , von seinesgleichen anerkannt zu werden , hob sein Selbstgefühl . Er war so ganz unvorbedacht dazu gekommen ; er wußte selbst nicht , wie ihm geschehen . Der blaue Dunst , den dieser Agent den Leuten vorgemacht , hatte ihn verdrossen , und da hatte er frei herausgesagt , was er für recht hielt , ohne Haschen nach Bewunderung . Der Erfolg , den er gehabt , setzte ihn selbst in Erstaunen . Die Aufmerksamkeit , deren Gegenstand er gegen seinen Willen geworden , tat ihm aber doch wohl , bekam schließlich etwas Prickelndes , Berauschendes für seine wenig verwöhnte Eitelkeit . Und die Umgebung sorgte dafür , daß dieses Gefühl sich steigerte . Man feierte den Sieg , brüstete sich damit , dem Aufseheragenten das Geschäft gründlich gelegt zu haben . » Ja , wir Halbenauer ! « ... hieß es . Die Begebenheit wurde noch einmal durcherlebt , breitgetreten , ausgeschmückt . Die Schnapsflasche machte die Runde . Bier wurde bestellt ; bald gab dieser , bald jener eine neue Auflage zum besten . Auch Gustav durfte sich nicht lumpen lassen , er ließ anfahren . Dabei machte er sich ' s zum besonderen Scherz , jedes Glas einzeln heranbringen zu lassen , nur um das Vergnügen zu haben , seinen Vetter Richard Kaschel auf seinen Wink springen zu sehen . Hinter dem Schenktisch erschien jetzt auch Ottilie . Sie schielte nach dem Vetter hinüber und lächelte ihm mit schiefem Munde zu . Er hob das Glas , und ihr zutrinkend rief er : » Auf deine Schönheit ! « Ein schallendes Gelächter der Burschen antwortete . Ottilie zog sich , scheinbar gekränkt , von der Bierausgabe zurück . Während man noch den schlechten Witz bejubelte , trat ein Fremder ins Zimmer . Seinem Aufzuge nach war er ein wandernder Handwerksbursche , auf dem Rücken den » Berliner « den » Stenz « in der Hand . » Kenn Kunde ! « begrüßte ihn einer von den jungen Leuten , der auch einmal auf der Walze gewesen war und die Kundensprache beherrschte . » Kenn Kunde ! « kam es aus dem Munde des Wandersmanns zurück . » Na , Kunde , wie ist der Talf gewesen ? « » Denkst de , ich wer Klinken putzen ! Ne , dazu is meinen Ollen sei Sohn zu nobel . « » Na , Kunde , nobel siehst de grade nich aus . Du wirst wohl schmal gemacht han ! Oder bist de gar verschütt gegangen ? « » Ich und verschütt gehn ! Nich mal Knast gemacht ha ' ch . Mein Lebtag nicht ! Ich hab ' freilich meine Flebben in Ordnung . Willst se sehn ? « » Ich bin keen Teckel nich ! Laß deine Flebben , wo se sind . Willst en Soruff , Kunde ? « » Freilich mecht ' ch ä Nordlicht putzen . Hier is aber , weeß der Hole , ene dufte Winde . « » Hast wohl lange Leg ' um kauen müssen ? « » Pikus machen kann mer nich alle Tage auf der Walze . Meine Kluft is och mieß , die Trittchen hier sind ganz verrissen , und ne reine Staude hab ' ich vor drei Wochen angehabt . « » Na , laß dich vom Bruder schmieren , Kunde ! « » Wenn ich man Messume hätte . « » Hier , trink mal ! « » Prost , edler Menschenfreund ! « Gustav hatte sich den Mann , der eben das Glas zum Munde führte , inzwischen mit Aufmerksamkeit betrachtet . Den mußte er doch kennen . Himmeldonnerwetter ! war das nicht ... Wenn das nicht Häschke war , wollte er sich hängen lassen ! Häschke , mit dem er zusammen eingetreten war bei der zweiten Schwadron . Freilich , der Vollbart veränderte ihn und die Vagabundenkleidung . Aber an den lebhaften Augen , der Stimme und den Bewegungen erkannte er den ehemaligen Kameraden wieder . » Häschkekorl ! « rief Gustav und unterbrach damit die Unterhaltung der beiden Kunden . Der Handwerksbursche fuhr herum . » Büttner Hol mich der Teufel . Büttnergust ! « » Gleich noch ein Vier für meinen Kameraden ! « rief Gustav nach dem Schenktisch hinüber . Nun ging ein eifriges Fragen los von beiden Seiten . Drei Jahre und ein halbes war es jetzt her , daß sie einander nicht gesehen hatten . Denn Häschke war nach beendeter Dienstzeit herausgegangen , während Büttner kapituliert hatte . Häschke hatte sich neben Gustav setzen müssen . Nun mußte er von seinen Erlebnissen berichten . Er war von der Truppe aus zunächst in seine Heimat , das Königreich Sachsen , zurückgekehrt . Von Profession war er Schlosser und hatte fürs erste bei einem Meister seines Handwerks Arbeit genommen . Dort war seines Bleibens aber nicht lange gewesen . Er hatte Krach bekommen mit dem Meister . Nun war er gewandert , hatte dabei einen guten Teil Deutschlands gesehen . Im Westfälischen war er hängen geblieben eines Mädels wegen , sagte er . Dort hatte er sich in eine Maschinenwerkzeugfabrik verdungen . Bald darauf war Streik ausgebrochen , und er hatte seinen Stab weitersetzen müssen . Einige Monate lang hatte er beim Nordostseekanalbau Arbeit gefunden . Nachdem er den Winter über in einer posenschen Zuckerfabrik als Heizer Verwendung und Unterschlupf gefunden , lag er jetzt wieder auf der Landstraße . Gustav Büttner war mit diesem Häschte besonders befreundet gewesen . Sie hatten zusammen die Leiden der Rekrutenzeit durchgemacht . Waren auf derselben Stube und in dem nämlichen Beritt gewesen . Daß Büttner bald zum Gefreiten befördert wurde , während Häschke Gemeiner blieb , hatte keine eigentliche Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet . Häschke war und blieb einer der beliebtesten und angesehensten Kameraden , obgleich ihm die Vorgesetzten nicht wohl wollten , seines losen Maules und seiner Leichtfertigkeit wegen . Mutterwitz und Gewandtheit brachten ihn bei seinesgleichen desto mehr zur Geltung . Jetzt wurden alle diese Erinnerungen wieder aufgefrischt . Vom schnauzigen Wachtmeister und vom schneidigen Herrn Rittmeister erzählte man sich , und mancher lustige Streich aus dem Manöver und dem Garnisonleben wurde ans Tageslicht gezogen . Häschke war natürlich Gustavs Gast . Als er erfahren hatte , daß der Weitgereiste heute noch nichts Ordentliches in den Magen bekommen , bestellte Gustav Butterbrot und Wurst für ihn . Auf diese Weise war der Nachmittag vergangen . Die hereinbrechende Dunkelheit mahnte zum Aufbruch . Gustav dachte mit geheimer Besorgnis an die hohe Zeche , die er gemacht hatte . Aber er hütete sich wohl , davon etwas merken zu lassen . Im Gegenteil ! Den Kaschels wollte er gerade mal zeigen , daß es ihm auf ein paar Mark nicht ankomme . Und er bestellte für die ganze Gesellschaft noch einen Korn zum » Rachenputzen ! « Als man den Kretscham verließ , schloß Häschke sich Gustav an . Sobald sie ohne Zeugen waren , begann der Handwerksbursche zu klagen , wie schlecht es ihm gehe . Seit vierzehn Tagen sei er in kein vernünftiges Bett gekommen . Die letzten Sparpfennige waren in den Pennen draufgegangen . Die Kleider fingen an zu zerreißen , und die Füße schmerzten in dem elenden Schuhwerk . Er sah in der Tat abgerissen genug aus . Er fragte Gustav , ob er ihm nicht aus alter Kameradschaft etwas vorschießen könne . Dann wolle er die Eisenbahn benutzen oder - wie er sich in der Kundensprache ausdrückte - » mit dem Feurigen walzen « und ihm von seiner Heimat aus das Erborgte zurückerstatten . Gustav hatte das Gewissen bereits gepeinigt wegen der heutigen Zeche . Das war von den Ersparnissen gegangen , die er für die Hochzeit bestimmt hatte . Es wurde ihm schwer , dem alten Kameraden die Bitte abzuschlagen , aber es ging nicht anders ! Er war nicht mehr ganz nüchtern , wie er jetzt erst merkte , wo er sich in freier Luft befand , aber er fand noch so viel Überlegung , dem anderen zu erklären , daß er nichts ausleihen könne , er sei selbst nicht in der besten Lage und wolle nächstens heiraten . Häschke bat , daß er ihm dann wenigstens Unterkunft für ein paar Tage verschaffen möge . Er wolle sich seine Sachen instandsetzen und seine Füße ausheilen lassen . Wenn er sich wieder etwas herausgemacht haben würde , werde er seine Straße weiterziehen . Diese Bitte konnte Gustav unmöglich abschlagen . Er überlegte : bei den Eltern war ja Platz . Haschte behauptete , mit jedem Fleckchen , und sei es auf dem Boden oder im Schuppen , zufrieden zu sein , und wenn es nur eine Bucht von Heu wäre . Gustav erklärte , es werde sich wohl noch ein Bett für ihn finden . Er brachte also den Fremden mit nach Haus . Dort saß die Familie bereits beim Abendbrot . Die Angetrunkenheit löste Gustavs Zunge . Mit größerem Wortreichtum als man sonst an ihm gewohnt war , stellte er den Fremdling als einen ehemaligen Kameraden und Freund vor , dem man Obdach gewähren müsse . Die Frauen blickten verdutzt auf den bärtigen Wanderburschen , der in der trüben Beleuchtung des schwachen Öllämpchens nicht gerade vertrauenerweckend sich ausnahm . Der alte Bauer sagte nichts ; ihn brachte jetzt nicht so leicht mehr etwas aus seiner verstockten Gelassenheit . In früheren Zeiten würde er dem schön gekommen sein , der ihm solch einen Strolch ins Haus gebracht hätte . Aber jetzt nahm er auch das mit in den Kauf zu dem übrigen . Die Bäuerin war gewiß nicht erbaut über den Gast ; doch wagte sie nichts zu äußern , aus Furcht , Gustav zu reizen . Therese war die erste , welche Worte fand . Als Gustav fragte , wo ein Lager für den Fremden zu finden sei , meinte sie trocken , drüben bei den Schweinen stehe noch ein Koben leer . Eine Bemerkung , welche ihr Gatte Karl , nachdem er den Sinn erst begriffen , so ausgezeichnet fand , daß er in ein Gelächter ausbrach , welches an diesem Abende nicht mehr enden zu wollen schien . Gustav erbleichte vor Zorn . » Dann wird Häschke eben in meinem Bette schlafen ! « sagte er . » Mir soll keiner nachsagen , daß ich einen Kameraden auf der Straße hätte liegen lassen . Komm , mei Häschke ! « » Und wu wirst du denne schlafen alsdann , Gustav ? « fragte die Mutter besorgt , da sie sah , daß der Sohn Ernst machen wollte mit seinem Vorhaben . » Mutter , ich weeß schon an Fleck für mich ! « sagte Gustav . Und in der Tat , es gab in Halbenau einen Platz für ihn , wo er freudige Aufnahme fand , zur Tages- und Nachtzeit . V. Obgleich gerade Gustav es gewesen war , der dem Aufseheragenten das Geschäft in Halbenau gelegt hatte , ließ ihm doch der Gedanke an den Mann und was er gesagt hatte , keine Ruhe . Er hatte neulich die ganze Sache als Schwindel und Menschenfang bezeichnet , aber im stillen gedachte er jetzt mit heimlich zehrender Sehnsucht der goldenen Berge , die jener in Aussicht gestellt hatte . Wenn nun doch etwas an der Sache war ! - Gänzlich aus der Luft gegriffen konnte das alles unmöglich sein . Gustav entsann sich der gedruckten Formulare , die der Mann vorgezeigt hatte ; sogar Stempel von Behörden waren darauf zu sehen gewesen . Der junge Mann befand sich in eigentümlicher Lage . Seine Seelenstimmung war geteilt . Die Anerbietungen des Agenten lockten ; auf der anderen Seite scheute er sich , wieder in den Bannkreis des Mannes zu geraten , den er soeben mit Erfolg bekämpft hatte . Und schließlich schämte er sich auch vor den Dorfgenossen , die sein Auftreten im Kretscham mit erlebt und Beifall geklatscht hatten . Er hielt sich dem Werber vorläufig ferne , aber in den Blättern verfolgte er die weiteren Schritte des Mannes mit Spannung . In allen Ortschaften ringsum rührte Zittwitz die Werbetrommel und , wie es den Anschein hatte , mit großem Erfolge . Seine Kontrakte bedeckten sich allmählich mit Hunderten von Unterschriften . Es lag etwas Ansteckendes in dieser Bewegung . Man wollte sich einmal verändern , wollte sein Glück in der Ferne versuchen . Der Agent schilderte die Verhältnisse da draußen im Westen in verlockenden Farben . Und wenn der Mann vielleicht auch Schönfärberei trieb seines Geschäftes wegen , schließlich schlimmer als daheim konnte es dort wohl auch nicht sein . Und der Gedanke , zu wandern , ein Stück Welt zu sehen , packte die Gemüter mächtig . Die Fremde lockte mit ihren unklaren , dem Auge im bläulichen Dunst der Ferne verschwimmenden Dingen . Das Frühjahr stand vor der Tür ; da sind die Hoffnungen leicht erregbar in der Menschenbrust . Da wachsen und quellen heimliche Wünsche , ein unverständlicher Drang treibt , ein süßes und beunruhigendes Gefühl quält den jungen Menschen und reizt ihn zu Neuem , Unentdecktem . Der tief in die Menschennatur gesenkte Trieb , sich zu verändern , der Wandertrieb , regte sich . Wie die Zugvögel kamen sie zusammen . Einer sagte es dem anderen ; überall in den Schenkstuben , des Sonntags vor der Kirche , bei gemeinsamer Arbeit , wo immer Menschen zusammenkamen , wurde das Für und Wider eifrig besprochen . Die Hoffnungsfreudigen steckten die Verzagten an ; wer bereits unterschrieben hatte , suchte Gefährten zu werben . Wie der