müssen : daß du auf deinem Geschäftsbetrieb auf den ererbten Titel verzichtest und dich mit dem Doktor begnügst . « » Mein Beruf bringt es mit sich , daß ich Vertrauen verlangen muß . Und da ist es nicht meine Schuld , wenn der Titel , der mir in die Wiege fiel , eher ein Hindernis für mich bedeutete und Anlaß zu einem Mißtrauen wurde , gegen das ich schwer zu kämpfen hatte . « » Oho ! « murrte Graf Egge . » Soll das ein Hieb auf den Adel sein ? « » Durchaus nicht , Papa ! Wenn ich auch den Grafen nicht auf meine Tür schreibe , so schlag ich meinen Adel doch höher an als mancher andere , der die Krone auf jede Zigarettendose und auf den Knopf jeder Reitpeitsche gravieren läßt und der Meinung ist , daß er damit alle Verpflichtungen genügt hätte , die seine Geburt ihm auferlegt . « » Bertl , das geht auf dich ! « stichelte Graf Egge . » Nein , Papa ! « fiel Tassilo ein , ehe Robert antworten konnte . » Nur gegen deinen Einwurf wollte ich mich verteidigen . Ich bin stolz auf meinen Adel . Aber man kann nicht Vorrechte beanspruchen , ohne nicht auch seine Pflichten um so höher zu fassen . Adelige Herkunft stellt uns auf einen exponierten Posten , zu dem Hunderte von Augen leichter den Weg finden , als zu jedem Beliebigen , der recht oder schlecht die Aufgabe seines Lebens zu erfüllen sucht . Was wir Tüchtiges leisten , wird dem einzelnen von uns nur als etwas Selbstverständliches angerechnet . Wir beanspruchen ja , die Auserwählten zu sein . Drum wird jede Ausschreitung und Mißartung hundertfach gesehen und sofort als typisch für uns alle bezeichnet . Mit Unrecht . Aber es ist nun einmal so , und darin liegt für uns eine doppelte Verpflichtung . « » Großartig ! « lachte Robert . » In einer Volksversammlung würdest du dich mit solchen Tiraden populär machen . Aber in Papas Jagdhütte ? « Er sah zu seinem Vater auf , der den Pfeifenrauch in dicken Wolken vor sich hinpaffte . » Ich hoffe , Papa , du amüsierst dich ! Er sagte bereits : Verpflichtung . Jetzt wird er gleich mit dem abgedroschenen Noblesse oblige ! herausrücken . « Graf Egge schwieg . » Ja , Robert , das Wort ist alt geworden ! Hätten wir es jung erhalten , so genösse der Adel jene Achtung , die ich ihm von Herzen wünsche , auch heute noch . Nicht nur bei unseren Bedienten . Und dann wäre mir auch die Erfahrung erspart geblieben , daß jeder von uns , den es zu ernster Arbeit treibt , einem nur schwer zu überwindenden Zweifel an seinen Fähigkeiten und seinem redlichen Willen begegnet , gerade weil er von Adel ist . Aber du hast recht , das ist kein Thema für die Jagdhütte . Und Papa wird müde sein . Es ist Zeit , daß wir ein Ende machen . Gute Nacht , Papa ! « Graf Egge blies eine Wolke vor sich hin und nickte schweigend . Als Tassilo die Stube verlassen hatte , schob Robert sich hinter dem Tisch hervor . » Ein netter Herr ! Was sagst du , Papa ? « Graf Egge machte die Augen klein und strich mit der Pfeifenspitze über den weißen Schnurrbart . » Ich sage : Du sei still ! Wenn es auf einen paßt , was er sagte , so paßt es auf dich ! Die Hoffnung , daß aus ihm noch ein Jäger wird , geb ' ich auf . Aber lieber sitzt er mir hinter dem Schreibtisch als hinter dem verfluchten Möbel , an dem du auf meine Kosten die Nächte verbringst . Leg ' dich schlafen ! « Graf Egge pfiff durch die Finger . Während er an der Ofenkante die Pfeife ausklopfte , kam Schipper zur Tür hereingeschossen . » Mach die Fenster auf , daß der Zigarettengestank hinauskann , und richte mir das Bett ! « Wortlos ging Robert aus der Stube und kletterte über die Leiter auf den Heuboden , wobei er die » Scheußlichkeit « des ihm zugewiesenen Quartiers mit einem kräftigen Reiterfluch bedachte . Für jeden der Brüder hatte Franzl ein Leintuch über das Heu gebreitet und eine wollene Decke zurechtgelegt . Die Kerze , die hinter den trüben Gläsern einer Laterne brannte , erleuchtete mit ihrem matten Schimmer den niederen Raum und das von Spinnweben überzogene Sparrenwerk des Daches . Tassilo hatte sich schon zur Ruhe gelegt . Auch Franzl war schon ins Heu gekrochen , ohne bei dem heimlichen Nachtmahl mitzuhalten . Während Schipper in der Herrenstube Graf Egges Bein frottierte , taten Robert und Willy sich auf dem Heuboden an Niersteiner und Pschorrbräu gütlich und vertilgten den Inhalt einer Konservenbüchse . 16 Früh am Morgen hatte Forbeck sich erhoben , um vor seinem Gang nach Hubertus noch einige Stunden für die Arbeit zu gewinnen . Er öffnete das Fenster und rückte die Leinwand in das beste Licht . Er nahm auch die Palette . Doch als er vor das Bild trat und den Blick auf die leuchtende Mädchengestalt heftete , die vor ihm zu leben schien , umschimmert von einem letzten Sonnenstrahl , den das ausbrechende Unwetter schon zu ersticken droht - da schien er seine Arbeit wieder zu vergessen . Er hörte nicht , daß Mali die Stube betrat , um das Frühstück zu bringen . Erst als die Tasse klirrte , erwachte er und nickte zerstreut einen Gruß , den Mali nicht erwiderte . In Hast verließ sie die Stube . Forbeck hüllte die Leinwand in ein weißes Tuch , legte den Malkasten auf den Tisch und machte sich zum Ausgang fertig , ohne das Frühstück zu berühren . Im Flur begegnete ihm Mali mit dem kleinen Netterl auf den Armen . » Wenn jemand von Schloß Hubertus kommt , um meine Geräte zu holen , « sagte er , » ich habe droben alles bereitgestellt . Und bitte , sagen Sie dem Diener - « Da verstummte Forbeck und sah erschrocken in das Gesicht des Mädels . Mali sah aus wie ein Gespenst ihrer selbst . Der Ausdruck eines trostlosen Kummers lag auf ihren vergrämten Zügen , und dunkle Ränder zogen sich um die Augen . » Was ist Ihnen ? « fragte Forbeck . » Sind Sie krank ? « Mali schüttelte den Kopf . » Bloß a bißl übernächtig bin ich , ' s Kindl hat mich net schlafen lassen . « Sie trat in die Stube . Forbeck verließ den Brucknerhof , folgte einem Pfad , auf den ihn der Zufall führte , und irrte zwei Stunden in dem Wald umher , der den Park von Schloß Hubertus umgab . Immer wieder geriet er in die Nähe des Tores , stand unschlüssig , warf einen Blick auf die Uhr und wandte sich wieder in den Wald zurück . Endlich ging es auf die zehnte Stunde . Mit dem ersten Glockenschlag , der von der Dorfkirche herübertönte , trat Forbeck in den Park . Als er sich dem Adlerkäfig näherte , begegnete ihm Moser mit einer blutfleckigen Holzschüssel ; der Alte war am Morgen mit dem Wildtransport von der Jagdhütte heruntergekommen , hatte Roberts Brief zur Post getragen , die Arbeit in der Zwirchkammer erledigt und brachte nun den Adlern die rohe Wildleber zum Futter . Mit Gönnermiene nickte er dem jungen Künstler zu : » Die Damen sind schon bei die Malersachen im Park hint und warten ! « Die Adler hatten die ihnen wohlbekannte Schüssel bereits gewahrt und flatterten hinter dem Gitter lärmend durcheinander , so daß sich vom Boden des Käfigs eine schmutzige Wolke erhob . Während Moser das Gitter öffnete , beschleunigte Forbeck den Schritt - der Anblick des Käfigs hatte immer peinlich auf ihn gewirkt , und das blutige Menageriegeschäft , das er den alten Jäger üben sah , mehrte in ihm noch das Gefühl des Widerwillens . Als er den offenen Platz vor dem Schloß erreichte , verschlang sein irrender Blick die Blumenbeete , das zitternde Lichterspiel im Gezweig der Bäume und den blitzenden Tropfenfall der rauschenden Fontäne . » Wie schön ! Und heute zum letztenmal ! « Da hörte er die Stimme der Kleesberg und sah auf dem Rasen die Staffelei mit der Leinwand bereits aufgestellt . Kitty und Tante Gundi standen vor dem Bild , und Forbeck , während er näher kam , hörte noch ein wortreiches Stück der begeisterten Rede , mit der die Kleesberg dem in Schweigen versunkenen Mädchen die » unglaublichen Fortschritte « der Arbeit pries . So aufmerksam Kitty auch lauschte , sie vernahm doch den Schritt , der sich näherte . » Er kommt ! « Tante Gundi begrüßte den jungen Künstler mit erregter Herzlichkeit , und als ihr Forbeck , der nicht zu sprechen vermochte , die Hand küßte , sah sie so verträumt auf ihn nieder , als wären ihre Gedanken weiß Gott in welcher Ferne und vergangenen Zeit . Bei Kitty war die Begrüßung schneller abgetan ; eines vermied den Blick des andern . Während Kitty langsam auf den Sessel zuging , um ihre Stellung einzunehmen , fand Gundi Kleesberg ihre Fassung wieder . » Beginnen Sie nur gleich mit der Arbeit ! « mahnte sie . » Die letzte Sitzung ! Da müssen wir die Zeit noch gut benützen . « Das klang , als wäre auch ihr bei dieser letzten » Sitzung « eine wichtige Rolle zugewiesen . Sie griff nach ihrem Buch und ließ sich auf die Rohrbank nieder , die heute dicht neben die Staffelei gerückt war . » Es stört Sie doch nicht , wenn ich so nahe sitze ? « » Gewiß nicht ! « Die Palette zitterte in Forbecks Hand , während er die Farben aus den Tuben drückte ; dann trat er vor die Leinwand . Die Falten an Kittys Kleid waren einer Korrektur bedürftig . » Gestatten Sie ? « » Oh , bitte ! « Als er zurücktrat und das Werk seiner zitternden Hände einer letzten Musterung unterzog , verirrten sich seine Augen bis zu Kittys glühendem Gesichtchen , und da tauchte Blick in Blick , so seltsam erschrocken , als sähe eines im anderen ein unbegreifliches Rätsel . Wie ein Träumender ging er zur Staffelei zurück und begann die Arbeit . Lautlose Minuten . Ab und zu das Gezwitscher eines Vogels . Und manchmal knisterte es leise , wenn Gundi Kleesberg ein Blatt ihres Buches umschlug . Es schien ihr mit dem Lesen nicht sonderlich ernst zu sein . Immer wieder glitt ihr Blick zu Forbeck hinüber . Endlich klappte sie das Buch zu . » Sind Sie bei der Arbeit immer so schweigsam ? Sie haben es wohl nicht gern , wenn geplaudert wird ? « Forbeck erwachte aus seiner Verlorenheit . » Im Gegenteil , ich bin seit Jahren gewohnt , mit Werner gemeinsam zu arbeiten . Wir haben immer was zu plaudern . « » Wie lange leben Sie schon in München ? « » Seit vierzehn Jahren , seit Werner mich in sein Haus nahm . « » Ja , richtig , Sie erzählten uns neulich , daß Sie - mit Professor Werner verwandt wären ? « » Aber Tante Gundi ! « rief Kitty von ihrem Sessel herüber . » Herr Forbeck erzählte das Gegenteil , auf der Veranda , als uns Tas diese merkwürdige Ähnlichkeit erklärte . « » Diese Ähnlichkeit - « lispelte Gundi Kleesberg vor sich hin . In Kitty war , als sie den Namen des Bruders ausgesprochen hatte , der Gedanke erwacht , daß Tassilo vielleicht in dieser Stunde vor dem Vater stünde , ringend um sein Glück . Ihre Augen suchten die Berge , und unter einem Seufzer zog sie die beiden Daumen ein . » Sagten Sie nicht auch , daß Professor Werner Sie erziehen ließ ? « begann die Kleesberg von neuem ihr Verhör . » Ja , gnädiges Fräulein . Was aus mir geworden , verdanke ich Werner . Ich war neun Jahre alt , als er mich fand . « » Als er Sie fand ? Er wußte von Ihrer Existenz und suchte Sie ? « » Nein . Werner wußte früher von mir sowenig wie ich von ihm . Er hat meine Eltern nie gekannt . Das waren arme Leute in einem kleinen Dorf , und sie waren nicht mehr jung , als ich geboren wurde . Ich hatte noch drei Geschwister . Sie starben vor meiner Geburt . « Ein Schatten tiefer Schwermut legte sich über Forbecks Züge . » Ich hatte keine glückliche Kindheit . « Verstummend sag er auf die Palette nieder , während er eine Farbe mischte . In seiner Erinnerung tauchte das Bild einer ärmlichen Stube auf , mit verwahrlostem Gerät ; ein vierjähriger Bub , in Lumpen gehüllt , kauert hinter dem Herd , auf dem die Mutter sitzt , mit verdrossenem Faltengesicht , die irdene Kaffeetasse in der Hand ; schweigend leert sie eine Tasse um die andere , bis sie draußen schwere Tritte poltern hört ; nun versteckt sie das Geschirr , und der Vater stolpert in die Stube , betrunken , mit glasigen Augen . Ein Fluch ist sein Gruß , und der Bub im Herdwinkel beginnt zu zittern ; er weiß , was ihm bevorsteht . Forbeck richtete sich auf , als möchte er diese Erinnerung gewaltsam von sich abwerfen . » Sie haben Ihre Eltern früh verloren ? « fragte Gundi Kleesberg bewegt , während Kitty lautlos saß , mit erblaßtem Gesicht . » Meine Mutter starb , als ich noch nicht fünf Jahre alt war . Ein paar Monate später verunglückte mein Vater . « Wieder verstummte Forbeck . Vor seinen Gedanken stand das Bild jenes Abends , an dem der Vater nicht wie sonst nach Hause kam . Bei sinkender Nacht brachte man ihn getragen , Leute drängten sich in die Stube , alle kreischten durcheinander ; das dauerte nicht lange ; die Leute verliefen sich wieder , und neben der Asche hockte der kleine Bub im Herdwinkel und spähte furchtsam nach dem Heubett , von dem die Wassertropfen herunterfielen . Stunde um Stunde verging , und der Schläfer lag immer unbeweglich ; er schnarchte auch nicht . Vom Hunger getrieben , kam der Bub aus seinem Winkel hervorgeschlichen . Er sah den Vater in triefenden Kleidern liegen ; die nassen Haare hingen über die offenen Augen . So , mit diesen bläulichen Lippen , so unbeweglich war vor einem halben Jahr die Mutter auf dem gleichen Bett gelegen . An allen Gliedern zitternd , in der ziellosen Furcht , die der Tod auch in jenen erweckt , die ihn nicht erkennen , rannte das schreiende Kind aus der Stube und verbrachte die Nacht unter freiem Himmel auf der Hausbank . Sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war : Wer wird mich morgen schlagen ? Mit erschrockenen Augen hing Kitty an Forbeck , als wäre in ihr eine Ahnung der harten Kindheit erwacht , die hinter seinen kargen Worten verborgen lag . Und Gundi Kleesberg sagte bedrückt : » So früh verwaist ! Wer sorgte für Sie , als Ihre Eltern gestorben waren ? « » Niemand . Zwei Jahre lebte ich - « Eine leise Bewegung der Schultern vollendete den Satz . » Dann durfte ich die Gänse hüten . Und da kamen bessere Zeiten . Man gab mir Unterkunft im Gemeindehaus , ich bekam täglich zu essen und empfand so etwas wie Freude . Der Wald , die Wiesen , der Bach , die Sonne , das war mein Reichtum , aus dem ich immer schöpfte . Die Einsamkeit reifte meinen Kinderverstand , ich begann und denken , begann mein Leben mit dem Leben anderer Kinder zu vergleichen . Neid hab ' ich nie empfunden . Aber immer war in mir eine Sehnsucht , die mir fast das Herz verbrannte . « Gundi Kleesberg mußte sich plötzlich ihres Wortes von der » guten Kinderstube « erinnern . » Oft lag ich lange Stunden , das Gesicht ins Gras gedrückt . Wenn ich mich müde geweint hatte , begann ich zu träumen , . begann mit dem Finger oder mit einem Reis in den Sand zu zeichnen , mit Kohle auf die Stallwände , Ställe und Scheunen . Ich zeichnete Häuser mit Gärten , zeichnete meine Gänse und die anderen Tiere , den Kirchturm mit der Sonne darüber , den lieben Gott und den Teufel . Und schließlich versuchte ich die Menschen nachzubilden . « Forbeck schwieg - die feinen Linien des unter dem Gewandsaum hervorlugenden Füßchens , an dem er gerade malte , nahmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch . Es währte eine Weile , bis er wieder zu erzählen anfing : » Meine Kritzeleien begannen im Dorfe von sich reden zu machen , in einer Weise , die mir nicht erfreulich war . Die Besitzer der schönen weißen Mauern waren nicht gut auf mich zu sprechen . « Er lächelte . » Ich mußte mich früh daran gewöhnen , für meine Kunst zu leiden . « Nun schwieg er und arbeitete mit doppeltem Eifer , als wüßte er nichts mehr zu erzählen . Die Kleesberg war mit diesem Schluß nicht einverstanden . » Und - wie kam das ? Mit Professor Werner ? « » An einem Sommertag - auf der Bachwiese lag ich zwischen meinen Gänsen im Gras - da sah ich nicht weit von mir einen fremden Mann stehen , in städtischer Kleidung - « » Werner ? « stammelte Gundi Kleesberg . Forbeck nickte . » Der breite Hutrand warf einen dunklen Schatten über das schmale Bartgesicht , in dem zwei Augen glänzten , über die ich mich wundern mußte , ich weiß nicht , warum . Nie hatte ich ein gutes Wort gehört , nie einen freundlichen Blick empfangen . Der fremde Mann da , vor dem ich mich zuerst ein bißchen fürchtete , das war der erste Mensch , der mich ansah in herzlichem Erbarmen . Lange stand er so vor mir , ohne ein Wort zu sagen . Dann ging er auf mich zu - « Forbeck sah wie ein Erwachender auf - von der Ulmenallee klang die schreiende Stimme des alten Büchsenspanners , dazu eine schrille Mädchenstimme . Kitty ließ sich vom Sessel heruntergleiten , während Gundi Kleesberg stumm in sich versunken saß . Das Geschrei wurde lauter . Nun kam der Diener vom Schloß herübergelaufen . » Fritz ? Was ist denn ? « » Moser hat am Adlerkäfig die Tür nicht versperrt , und der Steinadler , den der gnädige Herr vor drei Jahren aus der Bärenwand herunterholte , ist ausgeflogen . In der Allee sitzt er auf einer Ulme . « » Ach du lieber Himmel ! Wenn Papa das erfährt ! « stammelte Kitty . » Kommen Sie , Herr Forbeck ! Der Adler muß wieder eingefangen werden . Oder es gibt einen bösen Tag für uns alle , wenn Papa heimkommt ! « Forbeck hatte schon die Palette aus der Hand geworfen und rannte mit Kitty und Fritz nach der Ulmenallee . Gundi Kleesberg ermunterte sich aus ihrer Verstörtheit und fuhr mit beiden Händen nach ihrer Frisur , als wäre der Adler schon in Greifnähe ihrer Zöpfe . Dabei schien auch in ihr das Gefühl zu erwachen , daß es auf der Welt ein Wesen gäbe , das sie zu beschützen hätte . » Kitty ! Kitty ! « Sie sah die Komtesse mit Forbeck um die Ecke des Schlosses verschwinden und schrie in Sorge : » Aber Kinder ! « Die beiden hörten nicht . Atemlos erreichten sie die Allee und sahen unter einer Ulme vier schreiende Menschen stehen : die Beschließerin , Roberts Stallburschen , eine Jungfer und den alten Moser . Mit kalkweißem Gesicht kam ihnen Moser entgegengelaufen . » Aber Moser ! « jammerte Kitty . » Was haben Sie denn angestellt ! Papa wird wütend sein , wenn er das hört . « » Auf Ehr und Seligkeit , ich hab kei Schuld net ! « keuchte der Alte . » Und gar net denken kann ich mir , wie ' s Unglück passiert is ! Ich hab den Schlüssel umdreht , und da hör ich mein Namen rufen , und wie ich mich umschau , steht ' s Zauner-Lieserl in der Allee . Auf Ehr und Seligkeit , ' s Lieserl wird mir bezeugen können - und Mar ' und Josef , den Vogel schau an ! schreit ' s Madl . Und wie ich zum Käfig hinschau , hab ich gmeint , mich trifft der Schlag ! ' s Türl steht sperrangelweit offen , und der Adler hupft auf der Allee umanand . Wie der Teufel bin ich auf ' n Käfig zu , und grad hab ich ' s Türl noch zubracht , daß net einer von die andern auch noch aussi fliegt . D ' Joppen hab ich abgrissen und bin dem Adler nach . Da fangt er ' s Fludern an , und richtig kommt er auffi bis auf ' n Baum ! Da schauen S ' , Konteß , da sitzt er droben ! « In halber Höhe des Baumes saß der Adler auf einem Ast , die Fänge weit gespreizt , den flachen Kopf zwischen die Flügel geduckt . Mit blitzenden Augen spähte er bald zur Sonne hinauf , bald wieder hinunter auf das Häuflein Menschen , die ratlos durcheinander schrien . » Was fang ich denn an ? Herr Jesus , Jesus ! « klagte Moser . » Der gnädige Graf , der jagt mich zum Teufel , wann der Vogel hin is ! « » Vor allem sollen sich die Leute ruhig verhalten ! « sagte Forbeck . » Jeder Lärm muß den Vogel noch scheuer machen , als er schon ist . « Kitty befahl energisch : » Ruhe ! « Schweigen trat ein , aber vom Schloß herüber hörte man den Jammerschrei der Kleesberg : » Kitty ! Kitty ! « Das klang immer näher , niemand kümmerte sich drum , alle spähten nach dem Adler . » Der Vogel kennt die Kraft seiner Schwingen nicht , « sagte Forbeck zu Kitty , » sonst würde er nicht so ruhig sitzen . Er ist an die Gefangenschaft gewöhnt . Wenn wir ihn aufstören , wird er zu Boden flattern . Ihn mit den Händen zu packen , das möchte übel ausfallen . Mit einem Netz vielleicht - « » Fritz ! Das große Forellennetz ! Und eine Leiter ! « befahl Kitty . Der Diener rannte mit dem Stallburschen davon . » Mißlingt die Sache , so wird nichts anderes übrigbleiben , als den Vogel durch einen Schuß zu töten . Wenn er über die Parkmauer hinausflattert und ins Dorf gerät - « » Was ? Den Adler erschießen ? « stotterte Moser . » Net um d ' Welt ! Mar ' und Josef , was möcht der Herr Graf sagen ! « » Herr Forbeck hat recht . Was Herr Forbeck anordnet , hat zu geschehen ! « entschied Kitty mit einer Bestimmtheit , die keinen Widerspruch duldete . » Ich werde die Sache bei Papa verantworten . Schnell , Moser , holen Sie ein Gewehr ! « Moser schüttelte den Kopf und ging . » Kitty ! Kitty ! « Tante Gundi erschien mit ausgebreiteten Armen in der Ulmenallee . » Fräulein von Kleesberg ist in Sorge , « sagte Forbeck und faßte Kittys Hand , » ich glaub ' auch , es wäre besser , wenn Sie sich entfernen wollten , bis die Sache vorüber ist . « Mit großen Augen sah ihn Kitty an . » Nein . Ich bleibe bei Ihnen . Angst hab ' ich nicht . « In Verzweiflung kam Gundi Kleesberg herbeigestürzt und umklammerte Kittys Arm . » Fort ! Fort ! Bist du von Sinnen ? Was hast du hier zu schaffen ? « Sie sah den Adler , der in verdächtiger Unruhe den Hals streckte . Aufkreischend suchte sie Kitty mit Gewalt von der Stelle zu reißen . » Aber Gundi ! Ich bin doch kein Kind mehr ! Da ist wahrhaftig keine Gefahr . Herr Forbeck ist doch bei uns ! « » Ich bitte , gehen Sie ! « fiel Forbeck ein . » Sie sehen , in welcher Sorge Fräulein von Kleesberg ist . « » Fort ! Fort ! Hörst du denn nicht ? Herr Forbeck bittet dich ! « Einen Augenblick sträubte Kitty sich noch . Dann sagte sie : » Gut , ich gehe . Aber dann haben auch Sie keine Veranlassung , hierzubleiben . Moser soll allein sehen , wie er seine Dummheit wieder gutmacht . Kommen Sie , Herr Forbeck . « Sie streckte die Hand nach ihm . Da kam der Diener mit dem Netz gelaufen , und der Stallbursche brachte eine hohe Leiter . » Seien Sie vorsichtig , « rief Forbeck dem Burschen zu , der die Leiter aufzurichten versuchte , » stoßen Sie mit der Leiter an keinen Ast ! « Die Warnung kam zu spät . Dem Adler schien die Sache nicht mehr geheuer . Er breitete die Schwingen aus . Des Fluges ungewohnt , vermochte er sich aus dem Gezweig der Ulme nicht hervorzuheben und kam ins Fallen . » Jesus Maria ! « kreischte die Beschließerin . Und die Jungfer schrie : » Der Adler ! Konteß , der Adler ! « Krachend stürzte die Leiter zu Boden , die dem Stallburschen im Schreck aus den Händen geglitten war . Gundi Kleesberg stieß einen gellenden Schrei aus , und Kitty , als sie das erblaßte Gesichtchen hob , sah den taumelnden Vogel schon dicht über ihrem Kopf . Alle Stimmen schrillten , und Moser kam mit einer Flinte durch die Allee gerannt . Die Schwingen des Adlers trafen schon im Niederschlagen Kittys Arm , und seine Fänge streckten sich , um an ihrer Schulter einen Halt zu finden . Da warf sich Forbeck mit ersticktem Laut über Kitty , und während sie unter dem Stoß zu Boden taumelte , haschte er mit beiden Händen die eine Schwinge des Vogels und riß ihn seitwärts . Mit wütender Kraft wehrte sich der Adler , und Forbecks Kopf und Schultern verschwanden unter dem Gewirbel der mächtigen Flügel . Gundi Kleesberg , totenbleich , griff mit den Händen in die Luft . » Forbeck ! Herr Forbeck ! « Wie eine Wahnsinnige stürzte sie auf den Bedrohten zu . Mit der einen Hand griff sie nach der Brust des Adlers , mit der anderen faßte sie seinen Hals . » Um Herrgotts willen ! Fräuln ! Jesses ! Was machen S ' denn ! « kreischte Moser und warf die Flinte ins Gras . » Zruck , sag ich ! Auslassen ! « Er riß das Netz aus den Händen des Dieners und warf es über den mit Schwingen und Fängen schlagenden Vogel . Für ein paar Augenblicke bildeten die drei Menschen mit dem Adler einen wirren Knäuel -doch ehe Kitty sich erhoben hatte und aus den Händen der schreienden Jungfer sich loszureißen vermochte , lag der vom Netz umwickelte Adler schon auf der Erde und unter Mosers Knien . Erblassend flog Kitty auf Forbeck zu . Die Weste war ihm von der Brust gerissen , und in Fetzen hing ein Ärmel von der Schulter . » Sind Sie verwundet ? « Forbeck betrachtete lachend seine Hände und griff an seinem Arm herum . » Ich glaube nicht - « Da sah er die Kleesberg und erschrak . Zitternd , das Gesicht von mehliger Blässe , stand sie vor ihm , als begriffe sie nicht , was geschehen war und was sie getan ; ihr Kleid war verwüstet , die Zöpfe hingen auf die Schulter , und aus dem engen Seidenärmel quollen rote Tropfen . » Tante Gundi ! « stammelte Kitty . Und Forbeck : » Fräulein ! Um Gottes willen ! Was ist Ihnen geschehen ? « Die Kleesberg erwachte , sah verstört an sich hinunter , und als sie die roten Tropfen auf ihrem Arm gewahrte und zwei dünne Blutlinien über ihre Finger schleichen sah , machte sie die Augen zu und setzte sich auf den Boden . Alle drängten sich um die Bewußtlose , während Moser sich noch immer mit dem Adler balgte , dessen wilde Kraft auch durch die zusammengeschnürten Maschen des Netzes nicht völlig gebändigt wurde . Forbeck war der erste , der nach dem Schreck die Besinnung wiederfand , und alle fügten sich seinen Anordnungen . Der Stallbursche rannte davon , um den Arzt zu holen , und die Jungfer lief in das Schloß , um in Fräulein von Kleesbergs Zimmer alles zu richten . Forbeck und Fritz hoben die Bewußtlose auf und trugen sie ins Haus ; dabei stützte Kitty mit zitternden Händen Tante Gundis blutenden Arm , und die Tränen rannen ihr über die blassen Wangen . Es war eine schwere Mühe , die Ohnmächtige über die Treppe hinaufzubringen und auf das Bett zu heben . Während Kitty und die Jungfer bei Gundi Kleesberg blieben , stieg Forbeck mit dem Diener in den Flur hinunter . Hier mußte Forbeck es sich gefallen lassen , daß ihm Fritz den Staub und Flaum von den Kleidern bürstete und mit Stecknadeln an der Weste und an den Ärmeln die Risse schloß ; Forbeck schien nicht zu sehen , nicht zu hören ; als ihn der Diener freigab , trat er auf die Veranda hinaus . In der Ulmenallee krachte ein Schuß . Fritz rannte an Forbeck vorüber , kam nach einer Weile zurück und berichtete : » Der Adler mußte erschossen werden , die linke Schwinge war gebrochen . Auch meinte Moser , daß die Risse , die das arme Fräulein bekam , nicht heilen würden , wenn das Tier am Leben bliebe . Die Leute hier sind schrecklich abergläubisch .