mich , vor grauen Jahren , denn ich war noch im Flügelkleide , die Racinesche Phädra gesehen zu haben , mit der berühmten Rachel in der Titelrolle ; - sie kam von Petersburg und nahm unser armes Stockholm nur so nebenher mit . Nun denn , besagte Phädra liebt ihren Stiefsohn , also sozusagen einen ganz fremden Menschen , der gar kein Recht hat , die Blutsfrage zu betonen , und dieser Stiefsohn verweigert sein Ja , lehnt die Liebe einer schönen Königin ab . Vielleicht der erste Décadence-Fall , erstes Vorspuken des schwächlich Modernen . « » Oh , nicht doch « , versicherte Lundbye . » Nicht des Modernen . Das Moderne verurteilt solche Schwäche von Grund aus « , und Pentz seinerseits setzte hinzu : » Schade , daß wir keine Phädra zur Hand haben , um die Streitfrage sofort zum Austrag zu bringen ; man müßte denn vielleicht von Skodsborg her ... « Aber hier unterbrach er sich , weil er inmitten seiner Rede wahrnahm , daß ihn die beiden Offiziere scharf fixierten , um ihn wissen zu lassen , daß er in ihrer Gegenwart den Namen der Danner , der ihm schon auf der Zunge schwebte , nicht spöttisch ins Gespräch ziehen dürfe . Gleich danach wurde die Tafel aufgehoben , und alles rüstete sich zum Aufbruch , wobei sich Holk , als einziger Mitbewohner des Ebba-Turmes , wie halb verpflichtet fühlte , die Gäste bis in das als Garderobe dienende Flurzimmer Karins zu begleiten . Hier blieb er auch , bis alle sich entfernt hatten . Dann aber gab er Karin die Hand , schlug vor , Fenster und Tür zu öffnen , da sie ' s mit dem Ofen zu gut gemeint habe , und stieg rasch wieder die Treppe hinauf . Oben in der offnen Tür stand Ebba , die Lichter brannten noch auf dem Tisch , und es mochte Holk , als er sie so sah , zweifelhaft sein , ob sie , vom Treppengeländer her , nur auf das Abschiednehmen unten oder aber auf seine Rückkehr gewartet hatte . » Gute Nacht « , sagte sie und schien sich , unter einer scherzhaft feierlichen Verbeugung , von der Schwelle her in ihr Zimmer zurückziehen zu wollen . Aber Holk ergriff ihre Hand und sagte : » Nein , Ebba , nicht so ; Sie müssen mich hören . « Und mit eintretend sah er sie verwirrt und leidenschaftlich an . Sie aber entwand sich ihm leicht , und anknüpfend an das vor wenig Minuten erst geführte Gespräch , sagte sie : » Nun , Holk , in welcher Rolle ? Paris oder Ägisth ? Sie haben gehört , daß sich Pentz dazu gemeldet . « Und dabei lachte sie . Diese Heiterkeit aber steigerte nur seine Verwirrung , an der sie sich eine Weile weidete , bis sie zuletzt halb mitleidig bemerkte : » Holk , Sie sind doch beinah deutscher als deutsch ... Es dauerte zehn Jahre vor Troja . Das scheint Ihr Ideal . « Siebenundzwanzigstes Kapitel Eine Stunde war vergangen , als es klopfte . Holk fuhr zusammen . Ebba aber , ihrer ganzen Natur nach vor dem Lächerlichen eines ängstlichen Versteckspiels mehr als vor einer Entdeckung erschreckend , schritt rasch auf die Tür zu und öffnete . Karin stand da . » Was bringst du , Karin ? « » Nichts Gutes . In meiner Stube qualmt es , und ein wahres Glück , daß ein Stück Ruß den Rauchfang herunterkam und mich geweckt hat . Ich habe Tür und Fenster aufgerissen und Zug gemacht ; aber es hilft nicht , es ist , als ob es aus Wand und Dielen käme . « » Was wird es sein ? « sagte Ebba , die zunächst nur annahm , es sei Neugier , was Karin heraufgeführt habe . » Der Wind drückt auf den Schornstein . Ich werde nachsehen , will aber erst ein Tuch umnehmen und Licht machen ; du hast dich ja so im Dunkeln heraufgetappt . « Und damit trat sie wieder zurück und ließ die Tür ins Schloß fallen . Aber keine halbe Minute , so war sie wieder da , ein Licht in der Hand , und leuchtete vorauf , während Karin folgte . Diese hatte nicht zuviel gesagt , Qualm und Rauch erfüllten schon das Treppenhaus , und ehe beide noch halb hinab waren , ward ihnen das Atmen schon fast unmöglich . » Rasch durch « , sagte Karin und stürzte sich über den Flur fort , aus dessen Dielen schon kleine Flammen aufschlugen , auf den glücklicherweise nicht verschlossenen Türeingang zu . Und gleich danach klang es » Feuer « über den Schloßhof hin . Ebba wollte nach und wie Karin ihr Heil in der Flucht suchen . Aber im nächsten Augenblicke gedachte sie Holks , und schnell entschlossen , ihn nicht im Stiche zu lassen , eilte sie wieder treppauf und in ihr Zimmer zurück . Umsonst , er war nicht mehr da . » Der Tor , er will meinen Ruf retten , oder vielleicht auch seinen , und bringt sich um und mich mit . « Und während sie so sprach , stieg sie raschen Trittes die zweite Treppe hinauf , um ihn in seinem eigenen Zimmer aufzusuchen . Da stand er an der Türschwelle . Vom Hof her hörte man fortgesetzt Karins Feuerruf , in den jetzt auch andere Stimmen einstimmten . » Rasch , Holk , oder wir sind des Todes . Karin hat sich gerettet . Versuchen wir ' s auch . « Und ohne ein Ja oder Nein abzuwarten , faßte sie seinen Arm und riß ihn mit sich fort , die beiden Treppen wieder hinunter . Aber so schnell dies alles ging , das Unheil unten war noch schneller gegangen , und was vor einer Minute oder zwei noch möglich gewesen wäre , war es jetzt nicht mehr . » Wir sind verloren « , und Ebba schien auf der Treppe zusammenbrechen zu wollen . Aber Holk umfaßte die halb bewußtlos Gewordene , und mit all der Kraft , wie sie die Verzweiflung gibt , trug er sie jetzt die Wendeltreppe wieder hinauf , von Stockwerk zu Stockwerk , bis er zu letzt mit ihr unter dem von Balken und Latten durchzogenen Turmdache stand . Eine offene Luke gab gerade Licht genug , um sich in dem wirren Durcheinander mühsam zurechtzufinden , und zwischen dem Gebälk hin auf die Lichtöffnung zusteuernd , trat er jetzt , Ebba nach sich ziehend , ins Freie hinaus . Hier waren sie für den Augenblick gerettet , und hätte das beinahe senkrecht ansteigende Schloßdach eine nur etwas stärkere Schrägung gehabt , so hätte diese vorläufige Rettung die Rettung überhaupt bedeutet ; aber bei der Steile des Schloßdaches , die keine rechte Bewegung an ihm entlang gestattete , war mit dem allen doch nur wenig gewonnen , etwa den Blitzableiter abgerechnet , an dem man sich halten , und eine starke Dachrinne , gegen die sie die Füße stemmen konnten . Auch das war ein Glück , daß der Wind , der ging , den Qualm nach der entgegengesetzten Seite trieb . Ja , das alles war ein Glück , aber doch immer nur eine Frist . Was half es ihnen , wenn sie von unten her nicht bemerkt wurden oder wenn der Wind herumging und das Dach , an das sie sich jetzt lehnten , in Flammen setzte . » Willst du ' s wagen « , sagte Holk und wies auf den Blitzableiter , an dem es bei der nötigen Entschlossenheit immer noch möglich gewesen wäre sich herabzulassen . Aber Ebba , deren Kraft hin war , schüttelte nur den Kopf . » Dann laß uns sehen , daß wir das Dach entlang bis an die nächste Mansarde kommen , da wollen wir einsteigen « , und sich vorsichtig zurücklehnend , schoben sie sich , an der steilen Schrägung hin , langsam vorwärts , die Füße gegen die Dachrinne gestemmt . Es waren keine zehn Schritte , und alles ließ sich gut an ; aber ehe sie noch den halben Weg bis an die Mansarde gemacht hatten , sagte Ebba : » Es geht nicht , ich bin gelähmt . « Holk wollte rufen und mit einem Tuche wehen , nahm aber bald wahr , daß es nutzlos sein werde , weil er um Sicherheits willen in einer zurückgelehnten Stellung , die jedes Gesehenwerden vom Schloßhof ausschloß , verbleiben mußte . So stand denn alle Hoffnung bei Karin , von der sich annehmen ließ , daß sie nicht bloß persönlich nach ihnen aussehen , sondern auch anderer Blicke nach dem Turmdach hinauflenken würde . Und wirklich , so geschah es , und so kam ihnen zuletzt auch die Rettung aus ihrer furchtbaren Lage . Schon eine Viertelstunde mochte vergangen sein , als sie wahrnahmen , daß etliche Personen um die Seespitze herumgegangen waren , und fast im selben Augenblicke hörten sie auch schon Zurufe von der einen besseren Überblick gewährenden Hilleröder Uferseite her , Zurufe , deren Worte sie freilich nicht verstanden , deren freudiger Ton aber keinen Zweifel ließ , daß man nun sicher sei , sie aus der Gefahr befreien zu können . Und nicht lange mehr , so hörten sie hinter sich auch schon ein Schlagen wie von Hämmern und Äxten , und gleich danach wurden allerlei Köpfe sichtbar , die durch die gewonnene Dachöffnung hindurch nach ihnen ausschauten . Freilich man hatte die rechte Stelle verfehlt , aber das war leicht ausgeglichen , und nur eine kleine Weile noch , so streckten sich ihnen starke Arme von innen her entgegen und zogen erst Ebba und dann Holk auf den Schloßboden hinauf , von wo aus man beide wie im Triumph erst die Treppen hinunter und dann auf den Schloßhof trug . Der erste , der ihnen hier entgegentrat , war der König . Erst um Mitternacht , eine Stunde vor Ausbruch des Feuers , von Skodsborg nach Frederiksborg zurückgekehrt , war er doch der gewesen , der , allen anderen vorauf , die Rettungsarbeiten geleitet und sich an Bergung seiner geliebten Altertumsschätze glücklicher und erfolgreicher als irgend sonst wer beteiligt hatte . Was gerettet worden , war persönlich sein Werk . Die beiden Adjutanten waren ihm zur Seite . » Sieh da , Holk « , sagte der König , als er des Grafen gewahr wurde . » Und als Ritter seiner Dame . Ich werde drüben in Skodsborg ein Rühmens davon machen . « Und in die leicht hingeworfenen Worte mischte sich , trotz des Ernstes der Situation , ein Anflug von Spott . Westergaard und Lundbye mühten sich um Ebba . » Wo ist die Prinzessin ? « fragte diese . » Auf dem Bahnhofe « , war die Antwort ; » man will einen Extrazug für sie einstellen . Der Boden brennt ihr hier unter den Füßen . « Es war ein ganz unbeabsichtigtes Wortspiel , und niemand nahm es als solches . Nur Ebba , die selbst in diesem Augenblicke noch auf zugespitzte Worte gestellt blieb , hörte heraus , was gar nicht hineingelegt war , und sagte : » Ja , der Boden unter den Füßen ! Die Prinzessin darf es kaum sagen ... aber Holk und ich . « Achtundzwanzigstes Kapitel Ebba , voll Verlangen , den Extrazug mit zu benutzen , wollte nach dem Bahnhof ; aber ihr Schwächezustand war doch so groß , daß sowohl Holk wie die beiden jungen Adjutanten in sie drangen , davon Abstand zu nehmen . Sie willigte denn auch ein und ließ sich nach dem vom Feuer verschont gebliebenen linken Flügel des Schlosses hinüberführen . In diesem befand sich die vorläufig als Unterkunftsstätte dienende Schloßkirche , deren Altarlichter brannten , während um den Altar selbst herum die Frauen und Kinder der Beamten und Schloßdienerschaften saßen oder lagerten , die Kinder mit allerlei Gewändern zugedeckt , darunter auch Meßgewänder noch aus der katholischen Zeit her , die man aus der Sakristei herbeigeholt hatte . Für Ebba war nichts mehr da ; nur ein paar Kissen fanden sich , um sie wenigstens gegen die bittere Kälte des Fußbodens zu schützen . Aber es war zuwenig , und als Holk in dem kleinen angrenzenden Kastellanshause vergeblich nach etwas Besserem gesucht hatte , schlug er der immer heftiger fröstelnden Ebba vor , den Weg nach dem Bahnhofe hin , von dem man vorher ihrer Erschöpfung halber Abstand genommen hatte , doch lieber wagen zu wollen . Ein alter Schloßdiener war auch bereit , den nächsten Weg zu zeigen , und so brach man denn auf und hörte die Bahnhofsuhr eben sechs schlagen , als man ankam . Die Prinzessin war schon seit länger als einer Stunde fort , und der nächste von Helsingör her erwartete Zug kam erst in dreißig Minuten . Auf dem Bahnhofe selbst lief alles durcheinander , und das kleine Wartezimmer bot keinen Platz mehr , war vielmehr überfüllt von Hillerödern , alten und jungen , die sämtlich nach Kopenhagen hinein wollten , um über alle vorgekommene Schrecknisse , deren sensationellste glücklicherweise meist erfunden waren , so schnell wie möglich berichten zu können . In dem einen Turme , so hieß es mit aller Bestimmtheit , seien alle verbrannt , drei Personen vom Hofstaat und außerdem ein Gärtner . Ebba , die sich nur mühsam aufrecht hielt , hörte das alles , und ihre Lage wäre kaum besser gewesen als vorher in der kalten Kirche , wenn nicht einer der Stationsbeamten ein Einsehen gehabt und das für den königlichen Hof bestimmte Separatzimmer für Holk und Ebba geöffnet hätte . Hier war es nicht bloß warm und geräumig , hier fand man auch Pentz und Erichsen , die zurückgeblieben waren , um über die Schicksale der Verlorengeglaubten an die Prinzessin berichten zu können . So war es von dieser ganz zuletzt noch angeordnet worden , als sie mit der Schimmelmann schon das Coupé bestiegen hatte . Die Begrüßung Holks und Ebbas von seiten der beiden Kammerherren war , da man nicht ohne Sorge gewesen , aufrichtig herzlich ; aber diese Herzlichkeit wurde doch sehr übertroffen , als gleich danach Karin hereinstürzte , die bis dahin zusammengekauert in einer Ecke des daneben befindlichen Wartezimmers gesessen hatte . » Laß doch , Kind « , versuchte Ebba zu scherzen . » Was war es denn groß ? Erst etwas zu heiß und dann etwas zu kalt . « Aber Karin , so gerne sie sonst lachte , wollte diesmal von einem Eingehen auf Ebbas scherzhaften Ton nichts wissen und hörte nicht auf , unter Schluchzen und Weinen ihrer Herrin die Hände zu küssen . Von Pentz ' Seite , wie sich denken läßt , wurden allerlei Fragen gestellt , aber ehe Holk , an den sie sich vorzugsweise richteten , darauf antworten konnte , hörte man aus der Ferne schon den Pfiff der Lokomotive , ein Zeichen , daß der erwartete Helsingörer Zug herankäme . Noch eine Minute , so hielt er , und trotzdem Wagenmangel war , gelang es doch , für Ebba ein besonderes Coupé zu finden , worein sie gebettet und mit Plaids und Mänteln zugedeckt wurde . Karin setzte sich zu ihr , während die drei Herren in ein Nachbarcoupé stiegen . Um acht hielt man auf dem Kopenhagener Bahnhofe , Wagen wurden heranbeordert , und als diese da waren , fuhr Pentz mit Ebba und Karin ins Palais der Prinzessin , während sich Erichsen und Holk in ihre Privatwohnungen begaben . Holk klopfte . Die schöne Frau Brigitte stand vor ihm und sagte : » Gott sei Dank , Herr Graf , daß Sie wieder da sind . « Aber etwas von Enttäuschung mischte sich doch sichtlich mit ein , was auch kaum anders sein konnte , denn gerüchtweise war gleich nach Eintreffen des Extrazuges von dem schrecklichen Ende des Grafen Holk und des Fräuleins von Rosenberg gesprochen worden , eine Sensationsgeschichte , wie sie sich Mutter und Tochter nicht schöner wünschen konnten . Und nun war der Graf doch am Leben und das Fräulein vielleicht auch oder wohl eigentlich ganz gewiß . Es war doch auf nichts Verlaß mehr , und gerade immer das Interessanteste versagte . Brigitte bezwang sich aber und wiederholte : » Gott sei Dank , Herr Graf . Wie wir in Angst um Sie gewesen sind ... Und um das schöne schwedische Fräulein ... « Und bei diesen Worten ließ sie kein Auge von Holk , denn ihr nach einer bestimmten Seite hin geradezu phänomenal ausgebildetes Ahnungsvermögen ließ sie das gesamte Geschehnis , besonders aber das Intime darin , mit einer Deutlichkeit erkennen , als ob sie dabeigewesen wäre . » Ja , meine schöne Frau Brigitte « , sagte Holk , der entweder wirklich nur heraushörte , was wie Teilnahme klang , oder es heraushören wollte , » ja , meine schöne Frau Hansen , das waren böse Stunden , wie man sie seinem Todfeinde nicht gönnen mag , am wenigsten aber sich selber und ... « » ... einer so schönen Dame . « » Nun ja , wenn Sie wollen . Das Fräulein ist aber nicht so schön , wie Sie immer annehmen , und jedenfalls lange nicht so schön wie andere , die ich nicht nennen will . Aber davon sprechen wir ein andermal und entscheiden dann die Frage . Jetzt bin ich todmüde , liebe Frau Hansen , und will den Schlaf nachholen , den ich versäumt habe . Bitte , weisen Sie jeden ab , auch Baron Pentz , wenn er nachfrägt . Aber um zwölf bitt ich zu klopfen . Und dann bald das Frühstück . « Holk schlief fest , und erst als er das Klopfen hörte , stand er auf , um in aller Eile seine Morgentoilette zu machen . Er war noch wie unter einem Druck , so daß alles Geschehene halb schemenhaft an ihm vorüberzog , und erst als er an das Fenster trat und auf die Straße hinunterblickte , kam ihm das Zurückliegende wieder zu klarem Bewußtsein . Und jetzt erschien auch Brigitte mit dem Frühstück und wartete , daß Holk ein Gespräch beginnen solle , zu welchem Zwecke sie das Teegeschirr nicht nur sehr langsam aufbaute , sondern sich , was sie sonst nicht leicht tat , sogar zu direkten Fragen bequemte . Holk aber blieb diesmal unzugänglich , antwortete nur ganz kurz und gab überhaupt durch seine ganze Haltung zu verstehen , daß er es vorziehen würde , allein zu sein , was alles die schöne Frau Hansen nicht nur aufs äußerste verwunderte , sondern ihre Gefühle für das schwedische Fräulein , das natürlich daran schuld sein mußte , noch tiefer herabstimmte . Nichts davon entging Holk ; weil er aber schon aus Klugheit die schöne Brigitte nicht in schlechte Laune bringen mochte , so bat er sie , seine Zerstreutheit entschuldigen zu wollen und zu bedenken , daß er noch ganz unter dem Eindrucke all des Schrecklichen sei , was er erlebt habe . » Ja « , sagte die Hansen , » schrecklich ; es muß wirklich schrecklich gewesen sein , und dazu die Verantwortung und helfen sollen und nicht können . Und so vor aller Augen und vielleicht in einem ganz leichten Kleide ... wenn es ein Kleid war . « Sie sagte das alles mit dem ernstesten Gesichtsausdruck und in einem so glücklichen Rührtone , daß Holk , als sie das Zimmer verließ , doch wieder in Zweifel war , ob er es durchaus für Bosheit und perfide Komödie halten müsse . Vielleicht mischte sich doch auch was von wirklicher Teilnahme mit ein ; es heißt ja , Personen der Art seien immer gutmütig . Gleichviel indes , er war nicht in der Lage , dem nachzuhängen , und kaum daß er wieder allein war , so war er auch schon wieder unter dem Ansturm all der Bilder und Vorstellungen , die das Erscheinen Brigittens nur unterbrochen hatte . Noch war kein voller Tag um , daß man die Partie nach dem kleinen Gasthaus am Arre-See hin unternommen , und was war seitdem alles geschehen ! Erst die Schlittschuhfahrt mit Ebba ganz dicht an dem abgebröckelten und durchlöcherten Eise hin und danach die Heimfahrt und die kleinen Neckereien und dann Ebbas Übermut bei Tisch ... und dann , wie Karin kam und die Flammen aus Wand und Diele schlugen und wie sie zuletzt hinaustraten auf das Schloßdach , unter sich Tod und Verderben , und wie dieses Hinaustreten ihnen doch die Rettung bedeutet hatte . » Ja , die Rettung « , sprach er vor sich hin . » Alles hängt an einem Haar ; so war es diesmal , und so ist es immer . Was hat uns gerettet ? Daß wir gleich am ersten Tage , an den Teichen und Pavillons vorüber , einen Spaziergang bis an die Parkfähre machten und daß an demselben Tage die Sonne schien und daß mein Blick auf das hellerleuchtete Schloß fiel und daß ich , weil alles so hell und klar dalag , in aller Deutlichkeit sehen konnte , wie das Fußende des Turmdaches mit dem Fußende des Schloßdaches zusammenlief . Ja , das hat uns gerettet . Ein Zufall , wenn es einen Zufall gibt . Aber es gibt keinen Zufall , es hat so sein sollen , eine höhere Hand hat es so gefügt . Und daran muß ich mich aufrichten , und daran hab ich auch eine Anlehne für das , was ich noch vorhabe . Wenn wir in Not und Zweifel gestellt werden , da warten wir auf ein Zeichen , um ihm zu entnehmen , was das Rechte sei . Und solch Zeichen habe ich nun darin , daß eine höhere Hand uns aus der Gefahr hinausführte . Wäre der Weg , den mein Herz all diese Zeit ging , ein falscher gewesen , so hätte mich die Strafe getroffen , mich und Ebba , und wir wären ohnmächtig zusammengesunken und erstickt und hätten uns nicht in die Luft und Freiheit hinaus gerettet . Und Christine selbst , wenn ich ihre letzten Zeilen richtig verstanden habe , Christine selbst hat ein Gefühl davon , daß es so das beste sei . Die guten Tage sollen nicht vergessen sein , nein , nein , und eine dankbare Erinnerung soll der Trennung alles Bittere nehmen ; aber die Trennung selbst ist nötig , und ich darf wohl hinzusetzen , ist Pflicht , weil wir uns innerlich fremd geworden sind . Ach , all diese Herbheiten . Ich sehne mich nach einem anderen Leben , nach Tagen , die nicht mit Traktätchen anfangen und ebenso aufhören ; ich will kein Harmonium im Hause , sondern Harmonie , heitere Übereinstimmung der Seelen , Luft , Licht , Freiheit . Das alles will ich und hab es gewollt vom ersten Tage an , daß ich hier bin . Und ich habe nun ein Zeichen , daß ich es darf . « Er brach ab , aber nur auf Augenblicke , dann war er wieder am alten Fleck . In einem Kreise drehten sich all seine Vorstellungen , und das Ziel blieb dasselbe : Beschwichtigung einer inneren Stimme , die nicht schweigen wollte . Denn während er sich alles bewiesen zu haben glaubte , war er doch im letzten Winkel seines Herzens von der Nichtstichhaltigkeit seiner Beweise durchdrungen , und wenn er sich außerhalb seiner selbst hätte stellen und seinem eigenen Gespräche zuhören können , so würde er bemerkt haben , daß er in allem , was er sich vorredete , zwei Worte geflissentlich vermied : Gott und Himmel . Er rief beide nicht an , weil er unklar , aber doch ganz bestimmt herausfühlte , daß er im Dienst einer schlechten Sache focht und nicht wagen dürfe , den Namen seines Gottes mißbräuchlich ins Spiel zu ziehen . Ja , das alles würde er gesehen haben , wenn er sich wie ein Draußenstehender hätte beobachten können ; aber das war ihm nicht gegeben , und so schwamm er denn im Strome falscher Beweisführungen dahin , Träumen nachhängend und sein Gewissen einlullend , und schrieb sich ein gutes Zeugnis nach dem anderen . Warum auch nicht ? Es ließ sich ja , das durft er sich sagen , so gut mit ihm leben , man mußt es nur verstehen ; aber Christine verstand es nicht und wollt es auch nicht verstehen , ja , er war ein Opfer ihrer christlichen Redensarten , das stand ihm fest oder sollt ihm wenigstens feststehen , und immer mehr von dem Verlangen erfüllt , seine gute , seine gerechte Sache so rasch wie möglich zum Schluß zu bringen , verlor er zuletzt alles Urteil und jede ruhige Überlegung . Er wollte zu Ebba , diese Stunde noch , und dann wollt er mit ihr vor die Prinzessin treten und alles bekennen und erst ihre Verzeihung und dann ihre Zustimmung anrufen . Und ihr auch sagen , daß Christine selbst bereits in diesem Sinne geschrieben oder wenigstens Andeutungen gemacht habe . Von einem Widerstande drüben in Holkenäs könne keine Rede sein , die Trennung sei so gut wie da , nur noch eine Formalität , und er bäte sie , den Schritt , den er vorhabe , gutheißen und sein Verhältnis zu Ebba als eine vorläufige Verlobung ansehen zu wollen . Er fühlte sich wie erleichtert , als dieser Plan in ihm feststand ; Ebba sollte diese Stunde noch davon hören ; er sah kein Hindernis oder übersprang jedes in seinen Gedanken . Es schlug zwei vom Rathausturm , als er sich nach dem Palais auf den Weg machte . Zwei- , dreimal sah er sich aufgehalten , weil ihm Bekannte begegneten , die von der Gefahr , der er wie durch ein Wunder entronnen sei , gehört hatten ; Holk stand ihnen auch Rede , brach aber jedesmal rasch ab , sich mit » Dienst « bei der Prinzessin entschuldigend . Ebba wohnte im Palais selbst , über den Zimmern der Prinzessin . Holk zog die Glocke ; niemand kam . Endlich erschien Karin . Aber was sie sagte , konnte Holk in seiner gegenwärtigen Stimmung , in der alles nach raschem Abschluß drängte , wenig befriedigen . Er hörte nur , daß das Fräulein , nach mehrstündigem Fieber , eben eingeschlafen sei und nicht geweckt werden dürfe . » So werd ich wieder anfragen . Und vergessen Sie nicht , Karin , dem Fräulein zu sagen , daß ich da war und nachfragen wollte . « Karin versprach alles und lächelte . Sie hatte keine Vorstellung von dem , was in Holks Seele vorging , und sah nichts anderes in ihm als den stürmischen Liebhaber , der nach neuen Zärtlichkeiten dürstete . Holk stieg die Treppe langsam hinab , und erst als er den langen Gang passierte , daran die Zimmer der Prinzessin gelegen waren , entsann er sich , alles , was das pflichtmäßig Nächstliegende für ihn gewesen wäre , versäumt zu haben . Aber war es das Nächstliegende ? Für ihn gewiß nicht . Für ihn war der Gesundheitszustand der Prinzessin in seiner gegenwärtigen Stimmung so gut wie gleichgültig , für ihn war sie nur noch dazu da , den Segen zu spenden und ihn und Ebba glücklich zu machen . Und mit einem Male ( denn daß Ebba dieselben Gedanken habe , stand ihm fest ) kam ihm das Verlangen , sich schon heute Gewißheit über das » Ja « der Prinzessin verschaffen zu wollen . Und so trat er in eins der Vorzimmer und erfuhr hier von der diensthabenden Kammerfrau , daß Königliche Hoheit das Bett hüte . Neue Verstimmung . Wenn die Prinzessin das Bett hütete , so konnte von Entscheidung , was ihm gleichbedeutend mit Gutheißung war , natürlich keine Rede sein . Wie lästig ; nichts ging nach Wunsch . Pentz und Erichsen waren im Nebenzimmer , aber er mochte sie nicht sehen und brach rasch auf , um erst einen Spaziergang nach der Zitadelle zu machen und schließlich eine Stunde lang in der Ostergaade zu flanieren . Um fünf war er wieder im Palais oben und fragte zum zweiten Male nach Ebba . » Der Doktor sei dagewesen « , hieß es , » und habe zweierlei verordnet : eine Medizin und eine Pflegerin für die Nacht . Denn das Fräulein fiebere wieder stark , und sei nicht zu verwundern nach solcher Gefahr und nach allem ... « Die letzten Worte setzte Karin nur halblaut und wie von ungefähr hinzu , weil sie sich nicht versagen mochte , Holk ihre Gedanken erraten zu lassen . Holk sah seine Geduld auf eine harte Probe gestellt . Er hatte gehofft , in einer einzigen Stunde sein Schicksal entschieden zu sehen , und nun Hindernis über Hindernis . Ebba krank , die Prinzessin krank . Ebbas war er in seinem Gemüte sicher , Ebba also - das mochte gehen ; aber die Prinzessin ! Er wußte nicht , wie die Stunden , Stunden , aus denen Tage werden konnten , hinzubringen seien , und wenn er dann im Fluge durchnahm , was in dem lebenslustigen und zerstreuungsreichen Kopenhagen als Zeitvertreib zu gelten pflegte , so erschrak er , wie sehr ihm alle diese Dinge widerstanden . Alhambra und Tivoli , Harlekin und Colombine , Thorwaldsen-Museum und Klampenborg , alles , die schöne Frau Brigitte mit eingerechnet , hatte gleichmäßig seinen Reiz für ihn verloren , und wenn er gar an Pentz dachte , befiel ihn ein Grauen . Das war das letzte , was er aushalten konnte ; lieber wollte er die Nichtigkeiten Erichsens und die Steifheiten der Schimmelmann ertragen als die Pentzschen Bonmots und Wortspiele . Die Nacht verging ihm unter Kopfdruck und wenig Schlaf , woran Erkältung und Aufregung gleichen Anteil haben mochten , und er war froh , als die Morgensonne drüben die Dächer rötete . Das Frühstück kam und die Zeitungen und mit den Zeitungen ausführliche Schilderungen über den Frederiksborger Schloßbrand . Er las alles , erheiterte sich und