Lehm , der hoch aufgeschüttet zu Häupten des Grabes lag , erinnerten an das Unwetter , das so lange geherrscht hatte . Vorsichtig setzte man den Sarg auf ein paar über die Grube gelegte Bretterbohlen , und alle die , die zur Mennonitengemeinde gehörten , traten nunmehr heran und stellten sich , wie schützend , um das Grab , während alle die , die noch zu Manito hielten und die Bekehrung ihres Häuptlings nur mit Widerwillen gesehen , weiter hinauf , am Waldrande hin , ihre Aufstellung genommen hatten . Da standen sie , die meisten ein Tierfell um die Schulter , den Jagd- und Kriegsspeer in der Hand , und folgten einigermaßen ingrimmig dem Hergange , der ihnen und ihrem Gotte den Häuptling für immer entreißen sollte . Der heftige Wind hatte sich schon seit einer Stunde gelegt , und statt der Sturmwolken zogen einzelne , von der Spätnachmittagsonne durchleuchtete Nebelstreifen über die Wipfel der Bäume hin . Obadja sah dem allem eine Weile zu . Dann gab er das Zeichen , und der Sarg , um den man Tücher und Stricke gelegt hatte , glitt nun langsam in die Tiefe . Die Squaw wollte nachspringen . Aber es war nur ein nicht allzu ernstlich gemeinter Anlauf , den zu hindern der ihr zunächst stehende Bruder Krähbiel und ein jüngerer ihm unterstellter Missionar keine zu große Schwierigkeit hatten . Und nun trat Obadja bis dicht an das Grab heran und sagte : » Die Sonne , lieben Freunde , sinkt dahin , aber sie bettet sich nur , um desto schöner wieder aufzustehen . Und das ist unser Zeichen . Das ist das Zeichen , in dem wir siegen . Auch du , Freund , wirst auferstehen von der Stätte , darin wir dich gebettet haben . Es ist nur ein Gott , der sich eines jeden erbarmt und jeden , der an ihn glaubt , einführt in die himmlischen Freuden . Und das ist der Christengott , unser Gott , der Allmächtige , der Allgnädige . Die aber , die sich zurückstellen bis an den Waldrand hinauf , die sich ihm und seinem Worte stolz verschließen und ihn verhöhnen , als ob er nicht der Allmächtige wäre , die wird er heimsuchen , und statt des Weidegrundes , auf den sie hoffen , werden sie Steine finden und einen toten See , daraus die Flamme schlägt . So scheide denn , so fahre denn dahin ! Der Herr nehme dich auf in sein Reich und seinen Frieden und sei mit dir immerdar ! « In diesem Augenblicke fiel der von Krähbiel geleitete Kinderchor ein und sang mit heller Stimme : » Herr und Heiland hier und dort , Christus , Jesus , sei mein Hort , Ohne dich werd ich vergehn , Mit dir werd ich auferstehn - Auferstehn , ja auferstehn . « In dieser Strophe , die Obadja mitsang , gipfelte die Feier , und als das Wort » auferstehn « , und zuletzt sogar mit der Vorschlagssilbe » ja « , sich dreimal wiederholt hatte , fiel L ' Hermite mit den kettle-drums ein und schlug und wirbelte so , daß es seine Wirkung auch auf die bis dahin größtenteils spöttisch dreinschauenden Indianer nicht verfehlte , während Totto , mit glückseligstem Gesichtsausdrucke , dreimal die Christusfahne senkte . Hiermit war das Begräbnis vorüber , und alles kehrte nach dem Trauerhause zurück , um hier einen Imbiß zu nehmen . Auch die Manitoleute trieben den Zorn über das » gebrannte Herzeleid « , das ihnen angetan wurde , nicht bis zum Haß gegen das gebrannte Wasser , schienen vielmehr umgekehrt ein längeres Mahl , unter Heranziehung einiger Whisky-Bottles , einnehmen zu wollen . Ebenso die Getauften , die ganze Verwandtschaft von Gunpowder-Face , samt seiner Witwe . Nur alles , was zu Nogat-Ehre gehörte , lehnte jedes längere Bleiben ab , und die Sonne , die schon beim Begräbnis niedrig gestanden hatte , war eben erst unter , als man die Rückfahrt - abermals in zwei Schlitten , trotzdem Krähbiel zurückblieb - antrat . In dem zweiten saßen Lehnert und L ' Hermite . Lehnert hing ernsten Betrachtungen nach , L ' Hermite dagegen war voller Behagen und fühlte sich , als ob er von einer melodramatischen Aufführung heimkäme , darin mitzuwirken ihm vergönnt gewesen wäre . » Was war das eigentlich mit den Kienfackeln am Sarge ? « fragte Lehnert . » Nichts « , sagte L ' Hermite , der sich eben die Pauke zurechtgeschoben und als Rückenlehne hergerichtet hatte . » Wenn man die Blessierten unter Öl legt , kann man auch die Toten unter Kien legen . Pourquoi pas ? « » Ich dachte , daß es eine Bedeutung habe . « » Vielleicht . Aber ich habe in meinem betrübten Gemüte keine Zeit , mich bei solchen Nebensachen aufzuhalten . Ich kann , was mir wichtiger ist , das Bild und die Sorge nicht loswerden , wie nun die Rothäute , und besonders die tätowierte Bestie , die gleich vornan am rechten Flügel stand , bemüht sein werden , unseren Freund ihrem Gott und ihrem Himmel zurückzuerobern , und ich wette , wenn Neumond oder Vollmond ist , wird der Hokuspokus seinen Anfang nehmen , und sie werden dann sein Grab mit frischem Hirschblut besprengen , wenn sie nicht das von frère Krähbiel vorziehen . Au nom de Dieu , das wäre was , und ich könnte mich , wenn das mit dem Krähbiel was würde , wahr und wahrhaftig entschließen , den Weg auf dieser Armensünderschleife noch mal zu machen . « » Das wird aber nicht geschehen , Monsieur L ' Hermite . Krähbiel ist beliebt , fast so beliebt wie Obadja . « » Nun , wenn sie Krähbiel nicht nehmen , dann vielleicht einen andern . « » Wen anders ? « » Wer will sagen , wen ? Vielleicht mich , vielleicht Euch , vielleicht Ruth . Ihr dürft nicht so zusammenfahren . Aber lassen wir das , es wird so schlimm nicht kommen - der alte Rothaut-Furor ist hin . Aber dessen dürft Ihr sicher sein , hin oder nicht , sie werden nicht eher ruhen , als bis sie dem Segen , den ihm Obadja mit ins Grab gegeben , ihr Paroli gebogen haben . Und ich sag Euch , solch Hokuspokus ist nicht zu verachten , und wer weiß , wie die Partie steht , wenn es zum Letzten kommt . Und wenn ich mir dann ausmale , wie das Reißen und Zerren um meinen Freund Gunpowder-Face losgeht und wie Krähbiel , oder vielleicht auch Obadja selbst , ihn als weißes Schaf nach rechts und wie Manito ihn als schwarzes Schaf nach links haben will , da kommt mir doch ein Weh und ein Bangen an . Und da kenn ich nur einen , der ihn retten kann , und dieser eine bin ich . Und ich werde dann zu Manito sagen : Retirez-vous ! Den kenn ich , den hab ich wirbeln sehen . Und die Kesselpauke steht gut mit der Posaune . Basta . Nehmt ihn nach rechts , ihr , ihr Himmlischen ! Und dann hat Camille L ' Hermite ihn gerettet und nicht Krähbiel und nicht Obadja ... Ja , ja , Monsieur Lehnert , die Machtfragen liegen wunderbar , und die Maus knabbert den Löwen frei . « Achtundzwanzigstes Kapitel Nach dem Begräbnis von Gunpowder-Face , das noch mehrere Tage lang ein bevorzugtes Gesprächsthema bildete , wurde die frühere Lebensweise wieder aufgenommen und durch den ganzen November hin fortgesetzt . Obadja fehlte selten an den nach wie vor stattfindenden Gesellschaftsabenden und war dabei von einer Freudigkeit und Frische , die jeden , am meisten aber die Kinder in Erstaunen setzte . Scherzworte wurden nicht nur gestattet , er erging sich sogar selber darin . Einmal sprach Toby von der verwundersamen Vorliebe , die Monsieur L ' Hermite für Gunpowder-Face gehabt habe . » Nicht zu verwundern « , sagte Obadja , » sie waren wie Ordensbrüder , und ihr gemeinsames Gelübde war das Groteske . « Bald danach kam auch auf Kaulbars die Rede , der bei dem Begräbnis gefehlt habe . » Wir wollen ihn zum Häuptling vorschlagen « , sagte Obadja . » Mistress Kaulbars gibt eine gute Squaw . « So vergingen , wie herkömmlich , die Abende , bis mit der Adventszeit ein plötzlicher Wandel eintrat und Weihnachten auf die Tagesordnung kam . Nichts mehr von Musizieren , noch weniger von Lesen , denn mit » Gertrud und Lienhardt « hatte man längst geendet . Ja , Buch und Notenblatt verschwanden , und statt ihrer lagen große Flanellstücke durch die Stuben hin zerstreut , Flanellstücke , daraus Kappen und Kapuzen , und daneben bunte Lappen und Federn , aus denen Puppen für die Arapahokinder unter Bruder Krähbiels und für die Cherokeekinder unter Bruder Nickels Leitung angefertigt werden sollten . Alles war in Aufregung , am meisten L ' Hermite , der jetzt jeden Abend kam und nicht bloß einen großen Eifer , sondern auch eine große Geschicklichkeit in Herstellung aller Arten von » German Toys « , also von Hampelmännern , Stehaufs und Sägebirnen an den Tag legte , nicht viel anders , als ob er jahrelang Obermeister in einer thüringischen Spielwarenfabrik gewesen wäre . Nicht minder gab er , weil er als Franzose dergleichen wissen mußte , für die Puppen die Moden an , und wenn Maruschka eben erst eine à l ' Empire gekleidete Puppe bewundert hatte , erschienen auch schon andere mit Krinolinen à la Eugénie oder mit Tournuren à la Zouave . Eine besonders hübsche , mit einer Kasawaika und einer viereckigen polnischen Mütze , führte natürlich die Bezeichnung à la Maruschka , bei deren feierlicher Überreichung der miteingeweihte Toby das Klavier aufschlagen und den Anfang von » Noch ist Polen nicht verloren « zum besten geben mußte . Das ging so bis zum elften Dezember . An diesem Tage trafen die beiden Kaulbarse vom Vorwerk her ein , und wiewohl ihr Kommen im ersten Augenblick eine Störung und fast einen Schreck verursachte , denn sie waren um ihrer Neunmalweisheit willen bei niemand recht beliebt , so fand man sich doch schnell ins Unvermeidliche und zog sie wohl oder übel mit in die kleine Tafelrunde hinein . Ihr Erscheinen , das eigentlich außer aller Berechnung gelegen hatte , hatte seinen Grund in einem zufälligen Ereignis , und zwar in einem Briefe , der am zehnten Dezember vormittags bei Martin Kaulbars eingetroffen war und von seiner in Berlin an einen Pantoffelmacher Hecht verheirateten Schwester Ida herrührte , bei deren Verheiratung es beiläufig auf gut berlinisch geheißen hatte : die Kaulbars , nunmehrige Hecht , habe sich über ihren Stand verheiratet . Das alles lag jetzt dreizehn Jahre zurück , aus dem Pantoffelmacher von damals war - übrigens ohne irgendwelche Veränderung des Lokals , eines multrigen Berliner Kellers - eine sogenannte » Puppenschuhfabrik « geworden , und aus eben dieser » Fabrik « schrieb Schwester Ida unterm siebenundzwanzigsten November einen längeren Brief an ihren Bruder Martin , darin es gegen den Schluß hin wörtlich lautete : » Beinah , mein lieber Martin , hätt ich vergessen , Dir von den Kindern zu schreiben . Alle sind gut ; es ist so was Kaulbarsiges drin , so was , ja , wie sag ich , so was Eigentümliches und Apartiges , was wir ja alle haben und beinah auch Deine Frau . Ulrike , unsere Älteste , ist so gut wie erwachsen und kann jeden Tag heiraten ; in Amerika soll es ja schon mit zwölfe passieren , so sagt wenigstens Hecht , was aber doch wohl zu früh ist und selbst in der Freiheit nicht vorkommen sollte . Sophie , die zweite , hantiert am geschicktesten und is ein Daus im Geschäft und wird es wohl mal übernehmen . Und Philippinchen , die nun erst vier ist und die wir Pippi nennen , klebt auch schon , und ich sage Dir , alles sauber und akkurat , daß es eine Freude ist , und ganz flink . Eigentlich war ich dagegen , ich meine das mit Pippi , mit dem Namen , der mir ein bißchen genierlich vorkam , aber Hecht sagte : Warum nicht , Ida ? Drüben die bei Geheimrats heißt Lolo , warum soll unsere nicht Pippi heißen ? Und seitdem heißt sie so . Recht hat er . Aber nun muß ich schließen , denn wir haben alle Hände voll zu tun , weil wir zum Fest diesmal eine Weihnachtsbude haben wollen , und Ulrike soll in der Bude sitzen und verkaufen . Und bis dahin sind bloß noch vierzehn Tage . Denn den elften fängt ja der Weihnachtsmarcht an , das wirst Du wohl noch wissen , auch wenn Ihr drüben keinen habt . Denn wenn der Bußtag in Sachsen auch anders liegt als bei uns ( wobei ich die Sachsen eigentlich nich recht begreife ) , so denk ich mir doch : Weihnachten ist überall gerade zu Weihnachten und auch in Amerika . Eben kommt Pippi und will Goldpapier . Gott , mir brummt der Kopf , wie wenn schon Marcht und Weihnachten wäre ... Am elften , wenn wir die Bude aufmachen , dann denkt an uns . Es ist doch ein wichtiger Schritt , auch wegen Ulrike . Deine ewig unveränderte Schwester Ida Hecht geb . Kaulbars . « Dieser Brief , der trotz seiner in mehr als einem Stück anfechtbaren Adresse : » Herrn Martin Kaulbars aus Preußen ( Kreis Ost-Havelland ) , zur Zeit in Nogat-Ehre bei Darlington ; Indien Trottoiry , Amerika ... « glücklich angekommen war , hatte die bei dem Hinweis auf den elften Dezember ganz natürlich von einem weihnachtsmarktlichen Gefühl ergriffenen Kaulbarse sofort mobil gemacht und nach Nogat-Ehre hinübergeführt , wo sie , wenn auch keinen Weihnachtsmarkt , so doch ein paar weiße Christenmenschen vorfanden , in deren Gesellschaft es am Heiligen Abend immerhin besser war als auf dem Vorwerk und sich , wenn weiter nichts , wenigstens ein paar Nüsse vergolden und ein paar Lichter anzünden ließen . Kaulbars und Frau waren nun also wieder in Nogat-Ehre , verträglicher und umgänglicher als gewöhnlich , was in einer gewissen Weihnachtsstimmung seinen Grund hatte . Trotzdem war man im Oberstocke froh , sie nur an den ersten zwei , drei Abenden erscheinen und sich bald danach auf ihr Küchen- und Wirtschaftsdepartement beschränken zu sehen . In Wirtschaft und Küche war ihnen am wohlsten , weil sie sich hier am nützlichsten machen konnten . Frau Kaulbars , die bei der alten Pfefferküchlerin Winkler in Neu-Ruppin ihre Anlernejahre durchgemacht hatte , war in diesem Dienstverhältnis eine gute Kuchen- und Pfefferkuchenbäckerin geworden , die , wenn es sein mußte , sogar französische Zitronat-Gewürzkuchen backen konnte , was ihr schon beim vorjährigen Weihnachtsfeste , trotzdem Maruschka aus der Thorner Pfefferkuchengegend war , einen Oberaufsichtsposten auf diesem Gebiete eingetragen hatte . Das wiederholte sich jetzt , während er , Kaulbars , von der Mitte des Monats an , den Post- und Reisedienst übernahm und aus Halstead , und selbst aus Denver , alles herbeischaffte , was zu Geschenken und Bewirtung noch fehlte . Zugleich war ihm aufgetragen , sich um Tischplatten , Ständer und Holzböcke zu kümmern , für den Fall , daß der große Tisch in der Halle nicht ausreichen würde . So war die eigentliche Festwoche herangekommen ; nur noch vier Tage standen zur Verfügung , und doch fehlte noch immer die Hauptsache : der Baum . Ihn zu beschaffen war jetzt höchste Zeit und führte zu Verhandlungen , in denen der von seinen verschiedenen Missionen eben zurückgekehrte Kaulbars kategorisch erklärte : So wie früher ginge das nicht , und von einer Zypresse , » bloß weil sie auch Nadeln habe « , könne diesmal keine Rede sein . Er habe schon das vorige Jahr zu Obadja gesagt , Zypresse sei ganz gut und er habe nichts gegen Zypressen , aber das Zypressige sei nun mal für die Dodigen und nicht für die Lebendigen , und Weihnachten sei kein Kirchhof . Es müßte partout eine propre Tanne sein , so was Schlankes wie Miss Ruth , und wenn es eine Tanne nicht sein könne , na , denn eine Kiefer oder eine Kussel . Irgendwas werde sich doch wohl finden lassen , vielleicht schon drüben im Park , und wenn nicht da , so doch oben im Gebirge . Es bedarf keiner Versicherung , daß die Rede Kaulbars ' ( Obadja war nicht zugegen ) unter allseitiger Zustimmung aufgenommen und dabei festgesetzt wurde , sofort ans Werk gehen zu wollen . Und wirklich , eh noch die Fluruhr zehn schlug , fuhr auch schon ein auf niedrigen Rädern gehender , im übrigen aber langgestreckter und mit zwei starken Pferden bespannter Korbwagen vor , auf den die schon in der Halle Wartenden aufstiegen . Es waren ihrer vier , zunächst Ruth und Toby , die vorn auf einem Häckselsack Platz nahmen , dann Kaulbars und Lehnert . Hinter und zwischen ihnen lagen Axt und Grabscheit und ein paar starke Stricke zum Umwuchten , denn man hatte vor , nicht ein Bäumchen , sondern einen wirklichen Baum nach Hause zu bringen . Der fünfte von der Partie war Uncas . Er sollte , nach aller Wunsch und Plan , eigentlich mit aufsteigen , denn der Weg war weit ; Uncas zog es aber vor , nebenherzutrotten , mutmaßlich , um auch heute wieder , wie das seine Art war , einen Vorsprung zu gewinnen und dann Ruth , unter Gebläff und Freudengewinsel , an sich vorbeipassieren zu lassen . Obadja , nachdem er übrigens erst nach einigem Zögern seine Zustimmung zu der Fahrt gegeben hatte , war mit auf die Rampe hinausgetreten , küßte Ruth und gab Toby Verhaltungsregeln . Er solle nicht zu hoch in das Gebirge hineinfahren und überhaupt sich mit der Rückkehr beeilen , das Barometer sei stark gefallen , und irgendwas wie Regen oder Sturm stehe mutmaßlich in Aussicht . Toby wisse ja , daß dergleichen oft schnell komme . Vor allem aber solle er nicht eigensinnig , unter Zeitverlust und Fährlichkeit , nach einer Tanne suchen ; wenn solche nicht gleich da sei , so solle er nicht vergessen , Kiefer oder Fichte täten es auch . Und damit Gott befohlen . Und nun trat er wieder in den Flur zurück , und während Uncas , überglücklich , mit dabeizusein , an den Pferden in die Höhe sprang , fuhr der Wagen von der Rampe hinunter und mit einer kleinen Biegung nach rechts auf das Waldgebirge zu . Das Wetter war prachtvoll , dabei milde wie ein Frühlingstag , und ein von der Wintersonne durchleuchtetes Gewölk , das über den Kamm zog , steigerte nur die Schönheit des Bildes und den Genuß der Fahrt . Man sprach wenig , den wie gewöhnlich so auch heute ziemlich redseligen Kaulbars ausgenommen , der über die Küchenmädchen schimpfte , von denen eine gestern abend ein ganzes Blech voll Pfeffernüsse habe verbrennen lassen ; seine Frau habe sich denn auch über solche » Veraasung « gar nicht beruhigen können . Aber das komme davon , wenn man lauter spielrige Indianergören in die Küche nähme und keinen richtigen Backofen habe . So bloß , mit Eisenblech und Steinkohlen , womit sie jetzt alles machen wollten , damit ginge so was nich - so ' n richtiger alter von Lehm , der aussäh , als ob er keinen Tag mehr leben könne , das sei die beste Sorte , da sei Verlaß drauf , und von gleich Verbrennen und Schwarzwerden sei keine Rede nich . Aber das seien so die verdammten Verbesserungen , die , bei Licht besehen , nie keine nich wären ; immer was Neues und dann wieder was Neues , und schon sein Vater selig habe gesagt : » Glaube mir , Martin , die Bockmühlen sind doch besser als die holländischen . « In demselben Augenblicke , wo Kaulbars seinen Vater selig zitierte , stieß er mit dem Fuß an das Grabscheit , das gerade vor ihm lag und mit seiner Spitze zwischen Sohle und Oberleder eindrang . Das war ihm gar nicht recht , und er sagte : » Merkwürdig ! Voriges Jahr hatten wir die Zypresse , heute haben wir das Grabscheit . Immer wie Kirchhof und Dotengräber . Is doch wahrhaftig , als ob wir aus so was gar nicht mehr rauskommen sollten . « Die Geschwister hörten das alles , trotzdem sich die Rede nur an Lehnert gerichtet hatte . Toby nahm Anstoß daran und wandte sich und sagte : » Nicht so , Mister Kaulbars . Die Dinge sind das , wofür wir sie nehmen , in dem Glauben hat der Vater uns großgezogen , und Aberglauben und Vorbedeutungen oder auch Stunden- und Tagewählerei gehören nicht unter die Mennoniten und am wenigsten nach Nogat-Ehre . « » Na « , sagte Kaulbars , » wenn es man wahr ist . Unser alter Rüthnick war auch gegen Aberglauben , und jeder gebildete Mensch is gegen Aberglauben . Aber die Geschichte mit dem Anno 13 über Eck gebrachten und dann heimlich unten in ' n Keller eingebuddelten französischen Tambour , der , wenn was los war , immer rumorte und trommelte , die hat er doch nich wegpriestern können , und die Geschichte von Rotmützeken , der immer aufs Dach saß , wo Feuer kommen sollte , ja , sehen Sie , Mister Toby , die hat er auch nich wegpriestern können . « » Dummheit « , sagte Toby . » Nein « , antwortete Kaulbars gereizt . » Nich Dummheit . Man bloß zu klug sein ist Dummheit . « So sprach man noch eine Weile weiter , bis Lehnert beschwichtigend einfiel und lachend sagte , Rübezahl habe sich in Nogat-Ehre nicht halten können und sei verbrannt worden , und wo sich Rübezahl nicht habe halten können , da wär auch kein Platz für den französischen Tambour und für Rotmützeken und auch nicht einmal für den Glauben an sie . Daraufhin wurde denn wieder Friede geschlossen , und die Fahrt ging weiter , bis man nach anderthalb Stunden an dem ins Gebirge hineinführenden Eingange hielt , keine tausend Schritt von dem hügelartigen Abhang entfernt , auf dem das verfallene Fort O ' Brien aufragte , dasselbe , das Lehnert noch zur Sommerzeit besucht und von dem aus er seinen ersten Ritt ins Gebirge gemacht hatte . Lehnert und Kaulbars stiegen ab , nahmen Axt und Spaten und wollten eben , am Wagen vorbei , den schluchtartig ansteigenden Pfad weiter hinaufklettern , als Toby von der Lust erfaßt wurde , mit dabeizusein . » Ich möchte doch mit « , wandte er sich fragend an Ruth . » Ängstigst du dich , wenn du eine halbe Stunde allein bleibst ? « Ruth lachte . » Vor wem sollt ich mich ängstigen ? Am hellen lichten Tag . Es muß gerade Mittag sein . Und Uncas ist bei mir . Der schützt mich besser als ihr alle zusammengenommen , du und Mister Kaulbars ... und Lehnert « , setzte sie zögernd hinzu . Toby gab ihr die Leinen . Aber von einer merkwürdigen Furcht erfüllt , oder vielleicht auch , weil er sich Vorwürfe machte , drang er lebhaft in sie , nicht von der Stelle weichen zu wollen , damit man sicher sei , sie hier wieder zu finden , gerade hier . Und nun trennte man sich . » In einer Stunde sind wir wieder da « , sagte Toby . » Sagen wir lieber zwei « , setzte Kaulbars vorsichtig hinzu . Sie stiegen nun einen schmalen , tief eingeschnittenen Weg hinauf , der ziemlich parallel mit dem lief , der auf Fort O ' Brien zuführte . Toby schritt voran , weil er am besten Bescheid wußte , Lehnert und Kaulbars folgten . Sehr bald verbreiterte sich die Schlucht , wenn auch nicht viel , und zeigte zu beiden Seiten allerlei Laubholz . Kaulbars , kein Bergsteiger und bald außer Atem , bat , eine kleine Rast machen zu dürfen , und so setzte man sich denn auf einen Eichenstamm , der abgebrochen am Wege lag . Der Weg selbst war immer noch schmal genug , und die Buchen , die bis dicht heran standen , wölbten mit ihrem kahlen Gezweig beinah eine Laube . Aber überall waren offene Stellen , und als Lehnert mit Hilfe derselben Umschau hielt , sah er , daß der Mittagshimmel seine Bläue verloren hatte ; die Sonne war fort , Wolken zogen , und in den hohen Kronen war ein Wiegen und Wehen . » Ich denke , wir eilen uns . Wenn mir recht ist , ist ein Wetter im Anzug ; ich schmecke Regen . « Kaulbars , der immer widersprach , widersprach selbstverständlich auch diesmal . Alles in der Welt sei trügerisch und ohne Verlaß , aber das Unverläßlichste sei doch das Wetterglas , und er seinerseits glaub an Regen immer erst , wenn er schon da sei . Trotz dieser Rede brach er auf , weil er nicht hören wollte , er sei schuld . Der Weg blieb so ziemlich derselbe , und erst als man abermals tausend Schritt oder mehr höher hinauf war , kam nach links hin eine große Lichtung , eine Waldwiese , darauf Gras und Huflattich und hohe Farnkräuter standen , alles winterlich vergilbt . Jenseits dieser Lichtung aber , die nicht breiter als fünfhundert Schritt sein mochte , begann der eigentliche Hochwald , mächtige Tannen , in die , soviel sich erkennen ließ , Kiefern und auch einzelne Birken eingesprengt waren . Auf diesen Hochwald wollte man jetzt zu ; bevor man aber die Lichtung , geschweige den jenseitigen Wald erreichen konnte , fielen schon einzelne Flocken aus dem überallhin grau gewordenen Himmel . Noch federten sie leicht über die Bäume hin , sprang aber , was oft geschah , der Wind um und trieb die Schneewolkenmassen von der Ebene her an das Gebirge heran , so konnte sich ' s ereignen , daß in einer halben Stunde Wald und Wege verschneit waren . » Laßt uns umkehren « , sagte Lehnert , der mit den Wettertücken im Gebirge am besten vertraut war . Aber Toby hatte den Leichtsinn und Übermut der Jugend , und auch Kaulbars , als er erst wahrnahm , daß Toby die Verantwortung übernehmen wollte , mochte sich ' s nicht versagen , sich Lehnert gegenüber mal wieder auf den superioren Mann aus dem Glien hin auszuspielen , und erging sich in Bemerkungen , in denen Worte wie » feuerfest « und » man nich ängstlich « wiederholentlich und mit einiger Anzüglichkeit vorkamen . So ging es denn wirklich weiter , schräg über die Lichtung hin , und einige Minuten später , so hatte man den Waldrand erreicht , um den sich ' s handelte . Aber es waren lauter starke Stämme , Stämme wie Masten , alles Jungholz fehlte , und so blieb nichts übrig , als ein Stückchen weiter waldeinwärts nach etwas Paßlicherem Umschau zu halten . Richtig , da stand eine , wie man sie brauchte , schlank und nur zweimannshoch und doch schon ein Baum , doch schon eine wirkliche Tanne . Toby , der gern einen lebendigen Baum mit heimbringen wollte , begann emsig zu graben , aber die großen Wurzeln umherstehender älterer Bäume ließen ihn nicht recht von der Stelle kommen , so daß Lehnert , der wohl wußte , daß das eigentliche Schneetreiben in jedem Augenblick beginnen könne , heftig und fast gewaltsam dazwischenfuhr . » Darauf können wir nicht warten , Toby . Wir müssen den Baum umhauen ; das spart Zeit . Von uns will ich nicht sprechen . Aber Ruth . « Und dabei hieb er auch schon mit der Axt auf den Baum ein , während er dem verdutzten und deshalb plötzlich zu Gehorsam geneigten Kaulbars zuschrie , den Strick um das untere Gezweig zu legen und den Stamm mit aller Kraft niederzuwuchten , was auch gelang . Schon beim fünften Axtschlage brach der Baum dicht über der Wurzel ab , und nun griff Lehnert zu , legte den Stamm über die Schulter und setzte sich , während Kaulbars und Toby folgten , auf die Waldwiese hin in Bewegung , über die man den Rückweg nehmen wollte , wie vorher den Hinweg . Aber von der Waldwiese war nichts mehr zu sehen , und nur an dem bis dahin durch die dichten Baumwipfel gehinderten , jetzt aber massenhaften und undurchdringlichen Flockentanze ließ sich erkennen , daß man an der schräg zu passierenden Lichtung angekommen sein müsse . » Vorwärts « , kommandierte Lehnert . » Solange wir die Flocken um uns her haben , sind wir im Freien , und haben wir erst drüben die Bäume wieder , so finden wir uns schon zurecht . Wo der Schnee durch den Wald hin am tiefsten liegt , da läuft der Weg . Vorwärts ! « Und die Tanne , die für einen Augenblick zu Boden geglitten war , wieder auf die linke Schulter nehmend , begann er aufs neue seinen Laufschritt und zog das grüne Gezweig durch den Schnee hin nach . Die Furcht war nur , in dem Flockentanze die Richtung über die Wiese hin zu verlieren ; aber die Findigkeit , die Lehnert von Jugend auf in derlei Dingen gelernt und geübt hatte , sorgte dafür , daß der Waldrand drüben glücklich erreicht und bald auch die bergab steigende , durch ihre Schneemasse leicht erkennbare Straße gefunden wurde . Hier freilich brach er , erschöpft vor Anstrengung und Aufregung , auf einen Augenblick wie ohnmächtig zusammen . Aber schon im nächsten Momente stand er wieder da , rieb sich die Stirne mit Schnee und ließ nun Kaulbars und Toby gemeinschaftlich anfassen , die jetzt nach dem Beispiel , das er ihnen gegeben , die Baumspitze nachschleiften . An dem immer steileren Abfall merkten sie mit einer Art Sicherheit , daß sie nicht fehlgingen