eigene Gegenrüstung gerechtfertigt . Ist es Österreich mit dem Nichtangreifen Ernst , so solle es zuerst abrüsten . Hierauf das wiener Kabinett : Wir wollen am 23. dss . abrüsten , wenn Preußen verspricht , am folgenden Tage dasselbe zu thun . Preußen erklärt sich bereit . Welch ein Aufatmen ! So wird denn trotz aller drohenden Anzeichen der Friede erhalten bleiben ! Diese Wendung verzeichnete ich freudig in die roten Hefte . Aber zu früh . Neue Verwickelungen stellen sich ein . Österreich erklärt , es könne nur im Norden , nicht aber zugleich im Süden abrüsten , denn dort sei es von Italien bedroht . Darauf Preußen : Wenn Österreich nicht ganz abrüstet , so wollen wir auch gerüstet bleiben . Jetzt läßt sich Italien vernehmen : Es wäre ihm nicht im entferntesten eingefallen , Österreich anzugreifen , aber nach dessen letzter Erklärung werde es allerdings Gegenrüstungen machen . Und so wird das hübsche Defensivlied nunmehr dreistimmig gesungen . Ich lasse mich von dieser Melodie wieder einigermaßen in Ruhe lullen . Nach solchen lauten und wiederholten Versicherungen kann doch keiner angreifen , und ohne daß einer angreife , gibt es keinen Krieg . Das Prinzip , daß nur noch Verteidigungskriege gerecht seien , hat sich schon so sehr des öffentlichen Bewußtseins bemächtigt , daß doch keine Regierung mehr einen Einfall in das Nachbarland unternehmen darf ; und wenn sich nur lauter Verteidiger gegenüberstehen , so können dieselben , so drohend sie auch bewaffnet , so fest sie auch entschlossen seien , sich bis aufs Messer zu wehren - doch thatsächlich den Frieden nicht brechen . Welche Täuschung ! Neben » Offensive « gibt es ja noch verschiedene andere Arten , Feindseligkeiten zu eröffnen . Da sind die irgend ein drittes Ländchen betreffenden Forderungen und Einmengungen , die als ungerecht abgewehrt werden können ; da sind die alten Verträge , die man für verletzt erklärt , und für deren Aufrechterhaltung zu den Waffen gegriffen werden muß ; da ist endlich das » europäische Gleichgewicht « , welches durch die Machterweiterung des einen oder des anderen Staates gefährdet werden könnte und daher gegen solche Machterweiterung energisches Einschreiten erheischt . Uneingestandenermaßen , aber am heftigsten zum Kampfe treibend , wirkt der lang geschürte Haß , welcher schließlich ebenso sehnsüchtig und naturgewaltig nach todbringendem Handgemenge drängt , wie lang genährte Liebe nach lebenschöpfender Umarmung . Von nun an überstürzen sich die Ereignisse , Osterreich tritt so entschieden für den Augustenburger ein , daß Preußen dies für einen Bruch des Gasteiner Vertrags erklärt und darin eine deutliche feindliche Absicht erkennt , was zur Folge hat , daß beiderseits aufs äußerste gerüstet wird und nun auch Sachsen damit beginnt . Die Aufregung ist eine allgemeine und wird täglich heftiger . » Krieg in Sicht , Krieg in Sicht ! « verkünden alle Blätter und alle Gespräche . Mir ist zu Mute , als wäre ich auf dem Meere und der Sturm im Anzug ... Der gehaßteste und geschmähteste Mann in Europa heißt jetzt Bismarck . Am 7. Mai wird auf denselben ein Mordversuch gemacht . Hat Blind , der Thäter , jenen Sturm dadurch abwenden wollen ? Und hätte er ihn abgewendet ? Ich erhalte aus Preußen Briefe von Tante Kornelie , aus welchen hervorgeht , daß dort zu Lande der Krieg nichts weniger als gewünscht wird . Während bei uns allgemeine Begeisterung für die Idee eines Krieges mit Preußen herrscht , und mit Stolz auf unsere » Million auserlesener Soldaten « geblickt wird , herrscht drüben innere Zerfahrenheit . Bismarck wird im eigenen Lande nicht viel weniger geschmäht und verleumdet , als bei uns ; das Gerücht geht , daß die Landwehr sich weigern werde , in den » Bruderkrieg « zu ziehen , und man erzählt , daß die Königin Augusta sich ihrem Gemahl zu Füßen geworfen , um für den Frieden zu flehen . O , wie gern hätte ich an ihrer Seite gekniet und alle meine Schwestern - alle - zu gleicher That hinreißen wollen . Das , das allein sollte aller Frauen Bestreben sein : » Friede , Friede - die Waffen nieder ! « Hätte doch unsere schöne Kaiserin sich auch zu Füßen ihres Gemahls geworfen und weinend , mit erhobenen Händen , um Entwaffnung gefleht ! Wer weiß ? Vielleicht hat sie es gethan - vielleicht hätte der Kaiser selber auch gewünscht , den Frieden zu erhalten , aber der Druck , der von den Räten , von den Sprechern , Schreiern und Schreibern kommt , dem kann ein einzelner Mensch , - selbst auf dem Thron - nicht widerstehen . Am 1. Juni erklärt Preußen dem Bundestage , es werde sofort abrüsten , wenn Österreich und Sachsen das Beispiel geben . Dagegen erfolgt von Wien geradeheraus die Anschuldigung , daß Preußen schon lange mit Italien einen Angriff auf Österreich geplant habe , weshalb Letzteres sich nunmehr ganz dem deutschen Bund in die Arme werfen wolle , um diesen aufzufordern , die Entscheidung in Sachen der Elbherzogtümer zu übernehmen . Gleichzeitig wolle es die holsteinischen Stände einberufen . Gegen diese Erklärung legte Preußen Protest ein , weil dieselbe gegen den Gasteiner Vertrag verstoße . Damit sei zum wiener Vertrag zurückgekehrt , nämlich zum gemeinschaftlichen Condominat ; folglich habe Preußen auch das Recht , Holstein zu besetzen , wie es seinerseits den Österreichern den Besitz Schleswigs nicht verwehre . Und zugleich rücken die Preußen in Holstein ein . Gablenz weicht ohne Schwertstreich , aber unter Protest zurück . Vorher hat Bismarck in einem Rundschreiben gesagt : Von Wien hatten wir gar kein Entgegenkommen gefunden . Im Gegenteil : es waren dem Könige von authentischer Quelle Auslassungen von österreichischen Staatsmännern und Ratgebern des Kaisers zu Ohren gekommen ( Tritschtratsch ) , welche beweisen , daß die Minister den Krieg um jeden Preis wünschen ( Völkermord wünschen : welche furchtbare Verbrechensanklage ! ) , teils auf Erfolg im Felde hoffend , teils , um über innere Schwierigkeiten hinwegzukommen und um den eigenen zerrütteten Finanzen durch preußische Kontribution aufzuhelfen . ( Staatsklugheit . ) Unterm 9. Juni erklärt Preußen dem Bundestag , derselbe habe kein Recht zur alleinigen Entscheidung in der schleswig-holsteinischen Frage . Ein neuer Bundesreformplan wird vorgelegt , nach welchem die Niederlande und Österreich ausgeschlossen bleiben sollen . Die Presse ist nunmehr ganz kriegerisch und zwar , wie dies patriotische Sitte ist , siegesgewiß . Die Möglichkeit einer Niederlage muß für den loyalen Unterthan , den sein Fürst zum Kampfe ruft , völlig ausgeschlossen sein . Verschiedene Leitartikel malen den bevorstehenden Einzug Benedeks in Berlin aus , sowie die Plünderung dieser Stadt durch die Kroaten . Einige empfehlen auch , Preußens Hauptstadt dem Erdboden gleich zu machen . » Plünderung « , » Erdboden gleich machen « , » über die Klinge springen lassen « - diese Worte entsprechen zwar nicht mehr dem neuzeitlichen Völkerrechtsbewußtsein , sie sind aber , von den Schulstudien der alten Kriegsgeschichte her , an den Leuten hängen geblieben ; derlei ward in den auswendig gelernten Schlachtberichten so oft hergesagt , in den deutschen Aufsätzen so oft niedergeschrieben , daß , wenn nun über das Thema Krieg Zeitungsartikel verfaßt werden sollen , solche Worte von selber in die Feder fließen . Die Verachtung des Feindes kann nicht drastisch genug ausgedrückt werden ; für die preußischen Truppen haben die wiener Zeitungen keine andere Bezeichnung mehr , als » die Schneidergesellen « . General-Adjutant Graf Grünne hat geäußert : » Diese Preußen werden wir mit nassen Fetzen verjagen « . Mit derlei macht man einen Krieg eben » populär « . So etwas kräftigt das nationale Selbstgefühl . 11. Juni . Österreich beantragt , der Bund solle gegen die preußische Selbsthilfe in Holstein einschreiten und das ganze Bundesheer mobil machen . Am 14. Juni wird über diesen Antrag abgestimmt und mit neun gegen sechs Stimmen - angenommen . O , diese drei Stimmen ! Wie viel Jammer- und Wehgeheul hat diesen drei Stimmen als Echo nachgedröhnt ! Es ist geschehen . Die Gesandten erhalten ihre Pässe . Am 16. fordert der Bund Österreich und Bayern auf , den Hannoveranern und Sachsen , welche bereits von Preußen angegriffen seien , zu Hilfe zu kommen . Am 18. ergeht das preußische Kriegsmanifest . Zu gleicher Zeit das Manifest des Kaisers von Österreich an sein Volk und die Proklamation Benedeks an seine Truppen . Am 22. erläßt Prinz Friedrich Karl einen Armeebefehl und eröffnet damit den Krieg . Ich habe die vier Urkunden zur Zeit abgeschrieben ; hier sind sie : König Wilhelm sagt : » Österreich will nicht vergessen , daß seine Fürsten einst Deutschland beherrschten , will im jungen Preußen keinen Bundesgenossen , sondern nur einen feindlichen Nebenbuhler erkennen . Preußen , meint es , sei in allen seinen Bestrebungen zu bekämpfen , weil , was Preußen frommt , Österreich schade . Alte , unselige Eifersucht ist in hellen Flammen wieder aufgelodert ; Preußen soll geschwächt , vernichtet , entehrt werden . Ihm gegenüber gelten keine Verträge mehr . Wohin wir in Deutschland schauen , sind wir von Feinden umgeben und deren Kampfgeschrei ist Erniedrigung Preußens . Bis zum letzten Augenblick habe ich die Wege zu gütigem Ausgleich gesucht und offen gehalten - Österreich wollte nicht . « Dagegen läßt sich Kaiser Franz Joseph also vernehmen : » Die neuesten Ereignisse erweisen es unwiderleglich , daß Preußen nun offen Gewalt an Stelle des Rechtes setzt . So ist der unheilvollste Krieg - ein Krieg Deutscher gegen Deutsche - unvermeidlich geworden ! Zur Verantwortung all des Unglücks , das er über einzelne , Familien , Gegenden und Länder bringen wird , rufe ich diejenigen , welche ihn herbeigeführt , vor den Richterstuhl der Geschichte und des ewigen allmächtigen Gottes . « Immer der » Andere « ist der Kriegwünschende . Immer dem » Anderen « wird vorgeworfen , daß er Gewalt an Stelle des Rechtes setzen will . Warum ist es denn überhaupt noch völkerrechtlich möglich , daß dies geschehe ? Ein » unheilvoller Krieg « , weil » Deutsche gegen Deutsche « . Ganz richtig : es ist schon ein höherer Standpunkt , der über » Preußen « und » Österreich « den weiteren Begriff » Deutschland « erhebt - aber nur noch einen Schritt : und es wäre jene noch höhere Einheit erreicht , in deren Licht jeder Krieg - Menschen gegen Menschen , namentlich civilisierte gegen civilisierte - als unheilvoller Bruderkrieg erscheinen müßte . Und vor den » Richterstuhl der Geschichte « rufen - was nützt das ? Die Geschichte , wie sie bisher geschrieben wurde , hat noch niemals anders gerichtet , als daß sie dem Erfolge huldigte . Derjenige , der aus dem Kriege als Sieger hervorgeht , vor dem fällt die historienskribbelnde Gilde in den Staub und preist ihn als den Erfüller einer » Kulturmission « . Und » vor dem Richterstuhl Gottes , des Allmächtigen « ? Ja , ist es denn dieser selber nicht , der stets als der Lenker der Schlachten hingestellt wird - geschieht denn mit dem Ausbruch sowohl als mit dem Ausgang jedes Krieges nicht eben dieses Allmächtigen unverrückbarer Wille ? O Widerspruch über Widerspruch ! Ein solcher muß sich eben überall einstellen , wo unter Phrasen die Wahrheit versteckt werden soll , wo man zwei einander aufhebende Prinzipien - wie Krieg und Gerechtigkeit , wie Völkerhaß und Menschlichkeit , wie Gott der Liebe und Gott der Schlachten - nebeneinander gleich heilig halten will . Und Benedek sagt : » Wir stehen einer Streitmacht gegenüber , die aus zwei Hälften zusammengesetzt ist : Linie und Landwehr . Erstere bilden lauter junge Leute , die , weder an Strapazen und Entbehrungen gewöhnt , niemals eine bedeutende Campagne mitgemacht haben . Letztere besteht aus jetzt unzuverlässigen , mißvergnügten Elementen , die lieber die eigene mißliebige Regierung stürzen , als gegen uns kämpfen möchten . Der Feind hat infolge langer Friedensjahre auch nicht einen einzigen General , der Gelegenheit gehabt hätte , sich auf den Schlachtfeldern heranzubilden . Veteranen von Mincio und Palestro , ich denke , ihr werdet unter euren alten bewährten Führern es euch zur besonderen Ehre rechnen , einem solchen Gegner auch nicht den leisesten Vorteil zu gestatten . Der Feind prahlt seit langer Zeit mit seinem schnellen Kleingewehrfeuer - aber , Leute , ich denke , das soll ihm wenig Nutzen bringen . Wir werden ihm wahrscheinlich keine Zeit dazu lassen , sondern ungesäumt ihm mit Bajonett und Kolben auf den Leib gehen . Sobald mit Gottes Hilfe der Gegner geschlagen und zum Rückzug gezwungen sein wird , werden wir ihn auf dem Fuße verfolgen und ihr werdet in Feindesland euch ausrasten und diejenigen Erholungen im reichlichsten Maße in Anspruch nehmen , die sich eine siegreiche Armee mit vollstem Rechte verdient haben wird . « Prinz Friedrich Karl endlich spricht : Soldaten ! Das treulose und bundesbrüchige Österreich hat ohne Kriegserklärung schon seit einiger Zeit die preußischen Grenzen in Oberschlesien nicht respektiert . Ich hätte also ebenfalls ohne Kriegserklärung die böhmische Grenze überschreiten dürfen . Ich habe es nicht gethan . Heute habe ich eine betreffende Kundgebung überreichen lassen und heute betreten wir das feindliche Gebiet , um unser eigenes Land zu schonen . Unser Anfang sei mit Gott . ( Ist das derselbe Gott , mit dessen Hilfe Benedek versprochen hat , den Feind mittels Bajonett und Kolben zurückzuschlagen ? ... ) Auf ihn laßt uns unsere Sache stellen , der die Herzen der Menschen lenkt , der die Schicksale der Völker und den Ausgang der Schlachten entscheidet . Wie in der heiligen Schrift geschrieben steht : Laßt eure Herzen zu Gott schlagen und eure Fäuste auf den Feind . In diesem Kriege handelt es sich - ihr wißt es - um Preußens heiligste Güter und um das Fortbestehen unseres teuren Preußens . Der Feind will es ausgesprochenermaßen zerstückeln und erniedrigen . Die Ströme von Blut , welche eure und meine Väter unter Friedrich dem Großen und wir jüngst bei Düppel und auf Alsen vergossen haben , sollten sie umsonst vergossen sein ? Nimmermehr ! Wir wollen Preußen erhalten wie es ist , und durch Siege kräftiger und mächtiger machen . Wir werden uns unserer Väter würdig zeigen . Wir bauen auf den Gott unserer Väter , der uns gnädig sein und Preußens Waffen segnen möge . Und nun vorwärts mit unserem alten Schlachtruf : Mit Gott für König und Vaterland . Es lebe der König ! Zweiter Band Viertes Buch 1866 Und so war es denn wieder da - dieses größte alles denkbaren Unglücks - und wurde von der Bevölkerung mit dem gewohnten Jubel begrüßt . Die Regimenter marschierten aus ( wie würden sie wiederkehren ? ) und Sieges- und Segenswünsche und schreiende Gassenjungen gaben ihnen das Geleite . Friedrich war schon vor einiger Zeit nach Böhmen beordert worden - noch ehe der Krieg erklärt war , und gerade als die Dinge so standen , daß ich zuversichtlich hoffen konnte , der unselige , so geringfügige Herzogtümerstreit werde sich gütlich beilegen . Diesmal also war mir das herzzerreißende Abschiednehmen erspart geblieben , welches dem direkten » In den Krieg ziehen « des Geliebten vorangeht . Als mir mein Vater triumphierend die Nachricht brachte : » Jetzt geht ' s los « , war ich schon seit vierzehn Tagen allein . Und seit letzter Zeit war ich auf diese Nachricht schon gefaßt gewesen - wie ein Verbrecher in seiner Zelle auf Verlesung des Todesurteils gefaßt ist . Ich beugte den Kopf und sagte nichts . » Sei guten Mut ' s , Kind . Der Krieg wird nicht lang dauern - über heut ' und morgen sind wir in Berlin ... Und so wie er aus Schleswig-Holstein zurückgekommen , so wird Dein Mann auch aus diesem Feldzug heimkehren , aber mit viel grünerem Lorbeer bedeckt . Unangenehm mag es ihm zwar sein , da er selbst preußischen Ursprungs ist , gegen Preußen zu ziehen - aber seit er in österreichischen Diensten steht , ist er ja doch mit Leib und Seel ' einer von den unsern ... Diese Preußen ! Aus dem Bund wollen sie uns hinauswerfen , die arroganten Windbeutel - das werden sie schön bereuen , wenn Schlesien wieder unser ist , und wenn die Habsburger - « Ich streckte die Hände aus : » Vater - eine Bitte : laß mich jetzt allein . « Er mochte glauben , daß ich das Bedürfnis fühlte , mich auszuweinen , und da er ein Feind aller Rührscenen war , so willfahrte er bereitwilligst meinem Wunsch und ging . Ich aber weinte nicht . Es war mir , als wäre ein betäubender Schlag auf meinen Kopf gefallen . Schwer atmend , starr blickend saß ich eine Zeit regungslos da . Dann ging ich zu meinem Schreibtisch , schlug die roten Hefte auf und trug ein : » Das Todesurteil ist gesprochen . Hunderttausend Menschen sollen hingerichtet werden . Ob Friedrich auch dabei ist ? ... Folglich auch ich ... Wer bin ich , um nicht auch zu grunde zu gehen , wie die anderen Hunderttausend ? - ich wollt ' ich wär ' schon tot . « Von Friedrich erhielt ich am selben Tag einige flüchtig geschriebene Zeilen : » Mein Weib ! Sei mutig - hoch das Herz ! Wir waren glücklich , das kann uns niemand nehmen , selbst wenn heute , wie für so viele andere , auch für uns das Dekret gefallen wäre : Es ist vorbei . ( Derselbe Gedanke , wie ich in meinen roten Heften : die vielen anderen Verurteilten . ) Heute geht ' s dem Feind entgegen . Vielleicht erkenne ich drüben ein paar Kampfgenossen von Düppel und Alsen - vielleicht meinen kleinen Vetter Gottfried ... Wir marschieren nach Liebenau mit der Avantgarde des Grafen Clam-Gallas . Von nun an giebt ' s zum Schreiben keine Zeit mehr . Erwarte Dir keine Briefe . Höchstens , wenn sich die Gelegenheit bietet , eine Zeile , zum Zeichen , daß ich lebe . Vorher möchte ich noch ein einziges Wort finden , das meine ganze Liebe in sich faßte , um es Dir - falls es das letzte wäre - hier niederzuschreiben . Ich finde nur dieses : Martha ! Du weißt , was mir das bedeutet . « Konrad Althaus mußte auch ausrücken . Er war voll Feuer und Kampfeslust und von genügendem Preußenhaß beseelt , um gern hinauszuziehen ; dennoch fiel ihm der Abschied schwer . Die Heiratsbewilligung war erst zwei Tage vor dem Marschbefehl eingetroffen . » O , Lilli , Lilli , « sprach er schmerzlich , als er seiner Braut Lebewohl sagte , » warum hast Du so lang gezögert , mich zu nehmen ? Wer weiß nun , ob ich wiederkomme ! « Meine arme Schwester war selbst von Reue erfüllt . Jetzt erst erwachte leidenschaftliche Liebe für den Langverschmähten . Als er fort war , sank sie weinend in meine Arme . » O warum habe ich nicht längst ja gesagt ! Jetzt wäre ich sein Weib « ... » Da wäre Dir der Abschied nur desto schmerzlicher geworden , meine arme Lilli . « Sie schüttelte den Kopf . Ich verstand wohl , was in ihrem Innern vorging - vielleicht klarer , als sie es selber verstand : sich trennen müssen bei noch ungestilltem - vielleicht ewig ungestillt bleiben sollendem Liebessehnen ; - den Becher von den Lippen weggerissen und möglicherweise zerschellt sehen , ehe man noch einen einzigen Trunk gethan - das mag wohl doppelt quälend sein . Mein Vater , die Schwestern und Tante Marie übersiedelten jetzt nach Grumitz . Ich ließ mich leicht bereden , samt meinem Söhnchen mitzukommen . So lange Friedrich fort war , schien mir der eigene Herd erstorben - ich hätte es da nicht ausgehalten . Es ist sonderbar : ich fühlte mich so verwitwet , als wäre die Nachricht von dem ausgebrochenen Kriege zugleich die Nachricht von Friedrichs Tod gewesen . Manchmal , mitten in meine dumpfe Trauer , fiel ein lichter Gedanke : » Er lebt und kann ja wiederkommen « - daneben aber stieg wieder die schreckliche Idee auf : er krümmt und windet sich in unerträglichen Schmerzen ... er verschmachtet in einem Graben - schwere Wagen fahren über seine zerschossenen Glieder weg - Mücken und Ameisen wimmeln auf seinen offenen Wunden ; - die Leute , welche das Schlachtfeld räumen , halten den erstarrt Daliegenden für tot und scharren ihn lebendig mit anderen Toten in die seichte Grube - hier kommt er zu sich und - - - Mit einem lauten Schrei fuhr ich aus solchen Vorstellungen empor : » Was hast Du nun wieder , Martha ? « schalt mein Vater . » Du wirst noch verrückt werden , wenn Du so brütest und aufschreist . Beschwörst Du Dir wieder so dumme Bilder vor die Einbildung ? Das ist sündhaft . « ... Ich hatte nämlich öfters diese meine Ideen laut werden lassen , was meinen Vater höchlichst entrüstete . » Sündhaft , « fuhr er fort , » und unanständig und unsinnig . Solche Fälle , wie sie Deine überspannte Phantasie ausmalt , die kommen mitunter - unter tausend Fällen einmal - bei der Mannschaft - vor , aber einen Stabsoffizier , wie Deinen Mann , lassen die Anderen nicht liegen . Überhaupt , an solche Grauendinge soll man nicht denken . Es liegt eine Art Frevel , eine Entheiligung des Krieges darin , wenn man statt der Größe des Ganzen die elenden Einzelheiten ins Auge faßt ... an die denkt man nicht . « » Ja , ja , nicht daran denken , « antwortete ich , » das ist von jeher Menschenbrauch allem Menschenelend gegenüber ... Nicht denken : darauf ist ohnehin alle Barbarei gestützt . « Unser Hausarzt , Doktor Bresser , war diesmal nicht in Grumitz ; er hatte sich freiwillig dem Sanitätskorps zur Verfügung gestellt und war nach dem Kriegsschauplatz abgegangen . Auch mir war der Gedanke gekommen : sollte ich nicht als Krankenpflegerin mitziehen ? ... Ja , wenn ich gewußt hätte , daß ich in die Nähe Friedrichs käme , daß ich bei der Hand wäre , falls er verwundet würde , da hätte ich nicht gezögert ; aber für Andere ? Nein , da gebrach es mir an Kraft , da fehlte der Opfermut . Sterben sehen , röcheln hören - hundert Hilfeflehenden helfen wollen und nicht helfen können , - den Schmerz , den Ekel , den Jammer auf mich laden , ohne dabei Friedrich beizustehen - im Gegenteil , dadurch die Chancen , daß wir uns wiederfinden , vermindern , denn die Pflegenden begeben sich auch in vielfache Todesgefahr ... nein , ich that es nicht . Zudem belehrte mich mein Vater , daß eine Privatperson , wie ich , zur Krankenpflege in den Feldhospitälern gar nicht zugelassen würde - daß dieses Amt nur von Sanitätssoldaten oder höchstens von barmherzigen Schwestern ausgeübt werden dürfe . » Charpie zupfen , « sagte er , » und Verbandzeug für die patriotischen Hilfsvereine herrichten , das ist das einzige , was ihr für die Verwundeten leisten könnt , und das sollen denn meine Töchter auch fleißig thun - dazu geb ' ich meinen Segen . « Und diese Beschäftigung war es nun auch , welcher meine Schwestern und ich viele Stunden des Tages widmeten . Rosa und Lilli verrichteten ihre Arbeit mit sanft gerührten und dabei fast freudigen Mienen . Wenn die feinen Fädchen sich unter unseren Fingern zu weichen Massen häuften , wenn wir die Leinwandstreifen schön ordentlich übereinander gefaltet , so brachte dies den beiden Mädchen etwas von den Empfindungen des barmherzigen Pflegeamtes : es war ihnen , als linderten sie brennende Schmerzen und verhüteten sie das Verbluten der Wunden ; als hörten sie die erleichterten Seufzer und sähen die dankbaren Blicke der Gewarteten . Es war beinah ein freundliches Bild , welches ihnen da von dem Zustand des » Verwundetseins « vorschwebte . Die beneidenswerten Soldaten , welche , den Gefahren des tobenden Kampfes entronnen , jetzt auf weichen , reinen Betten hingestreckt , da gepflegt und gehätschelt werden , bis zu ihrer Heilung , größtenteils in halb bewußtlosen , köstlich-müden Halbschlummer gelullt , zeitweise wieder zu dem angenehmen Bewußtsein erwachend , daß ihr Leben gerettet , daß sie zu den Ihren heimkehren und noch in fernen Zeiten erzählen können , wie sie in der Schlacht von X ehrenvoll blessiert worden seien . In dieser naiven Auffassung bestärkte sie denn auch unser Vater : » Brav , brav , Mädels - heute seid ihr wieder fleißig ... da habt ihr wieder vielen unsrer tapferen Verteidiger eine Freude gemacht ! Wie das wohl thut , so ein Päckchen Charpie auf der blutenden Wunde - ich weiß was davon zu erzählen : ... Damals , als ich bei Palestro den Schuß ins Bein bekam - u.s.w. , u.s.w. Ich aber seufzte und sagte nichts . Ich hatte andere Geschichten von Verwundungen vernommen , als die , wie sie mein Vater zu erzählen beliebte ; - Geschichten , welche sich zu den gebräuchlichen Veteranenanekdoten verhalten , ungefähr wie die Wirklichkeit elenden Hirtenlebens zu den Schäferbildchen von Watteau . Das rote Kreuz ... ich wußte , durch welches auf das schmerzlichste erschütterte Völkermitleid diese Institution ins Leben gerufen ward . Seiner Zeit hatte ich den darüber in Genf geführten Verhandlungen gefolgt und die Schrift Dunants , welche den Anstoß zu dem Ganzen gegeben , hatte ich gelesen . Ein herzzerreißender Jammerruf , diese Schrift ! Der edle Genfer Patrizier war auf das Schlachtfeld von Solferino geeilt , um zu helfen , was er konnte ; und das , was er dort gefunden , hat er der Welt erzählt . Zahllose Verwundete , welche fünf , sechs Tage liegen geblieben - ohne Hilfe ... Alle hätte er retten mögen , doch was konnte er , der Einzelne , was konnten die Anderen Wenigen diesem Massenelend gegenüber thun ? Er sah solche , welchen durch einen Tropfen Wasser , durch einen Bissen Brod das Leben hätte erhalten werden können ; er sah solche , die noch atmend , in fürchterlicher Eile begraben wurden ... Dann sprach er aus , was schon oft erkannt worden , was aber jetzt erst Nachhall fand : daß die Verpflegs- und Rettungsmittel der Heeresverwaltung den Anforderungen einer Schlacht nicht mehr gewachsen seien . Und das » rote Kreuz « ward geschaffen . Österreich hatte sich der Genfer Convention damals noch nicht angeschlossen . Warum ? ... Warum wird allem Neuen , wenn es noch so segensreich und einfach ist , Widerstand entgegengesetzt ? - Das Gesetz der Trägheit - die Gewalt des heiligen Schlendrians ... » Die Idee ist recht schön , aber unausführbar , « hieß es da - auch meinen Vater hörte ich öfters jene , während der Konferenz von 1863 von verschiedenen Delegierten vorgebrachten Zweifelargumente wiederholen , - » unausführbar , und selbst , wenn ausführbar , so doch in mancher Hinsicht sehr unzukömmlich . Die Militärbehörden könnten Privatmitwirkung auf dem Schlachtfelde nicht angemessen finden . Im Kriege müssen die taktischen Zwecke der Menschenfreundlichkeit vorangehen - und wie könnte diese Privatmitwirkung mit genügenden Bürgschaften gegen das Spionenwesen umgeben werden ? Und die Auslagen ! Kostet der Krieg nicht ohnehin schon genug ! Die freiwilligen Krankenwärter würden durch ihre eigenen stofflichen Bedürfnisse dem Proviantamt lästig fallen ; oder , wenn sie sich in dem besetzten Lande auch selber verproviantieren , entsteht da nicht eine bedauerliche Konkurrenz für die Heeresverwaltung durch den Ankauf von für die Verwaltung notwendigen Gegenständen und die unmittelbare Erhöhung ihres Preises ? « O diese Behördenweisheit ! - So trocken , so gelehrt , so sachlich , so klugheitstriefend und so - bodenlos dumm . Der erste Zusammenstoß unserer in Böhmen befindlichen Truppen mit dem Feinde fand am 25. Juni in Liebenau statt . Diese Nachricht brachte uns mein Vater mit seiner gewohnten triumphierenden Miene : » Das ist ein prächtiger Anfang ! « sagte er . » Man sieht es : der Himmel ist mit uns . Es hat was zu bedeuten , daß die ersten , mit welchen diese Windbeutel zu thun bekommen , die Leute unserer berühmten eisernen Brigade waren ... ihr wißt doch : die Brigade Poschacher , welche den Königsberg in Schlesien so tapfer verteidigt hat . Die wird ' s ihnen gehörig geben ! ( Die nächsten Nachrichten vom Kriegsschauplatze aber ergaben , daß nach fünfstündigem Gefecht diese in der Avantgarde Clam-Gallas ' befindliche Brigade sich nach Podol zurückzog . Daß Friedrich dabei war - ich wußte es nicht , und daß in derselben Nacht das verbarrikadierte Podol vom General Horn angegriffen und dort bei hellem Mondschein der Kampf fortgeführt ward - das hab ' ich auch erst später erfahren . ) » Aber herrlicher noch als im Norden , « fuhr mein Vater fort , » gestaltet sich der Anfang im Süden . Bei Custozza ist ein Steg errungen worden , Kinder - so glänzend wie nur einer ... Ich habe es immer gesagt : die Lombardei muß unser werden ! ... Freut ihr euch denn nicht ? Ich betrachte den Krieg als schon entschieden ; denn wenn man mit den Italienern fertig geworden , welche doch ein regelmäßiges und geschultes Heer uns gegenüberstellen , da wird es uns mit den Schneidergesellen weiter nicht schwer fallen . Diese Landwehr - es ist eine wahre Frechheit - und es gehört nur die ganze preußische Selbstüberhebung dazu , um damit gegen richtige Armeen ausziehen zu wollen . Da werden die Leute von der Werkstatt , vom Schreibtisch hinweggerufen - sind an keinerlei Strapazen gewöhnt , können also unmöglich als blut- und eisenfeste Soldaten im Felde stehen . Da seht einmal her , was die wiener Zeitung in einer Originalkorrespondenz unterm 24. Juni schreibt . Das sind doch gute Nachrichten : » In preußisch Schlesien ist die Rinderpest ausgebrochen und wie man vernimmt in äußerst bedrohlicher Art - « » Rinderpest « - » bedrohliche Art « - » erfreuliche Nachrichten , « sagte ich mit leisem Kopfschütteln . » Hübsche Dinge , über welche man zu Kriegszeiten Vergnügen