» Hedwig - ! - « Die » Natur « läßt ihrer nicht spotten . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Licht wuchs und wuchs . Die Beiden aber lagen beieinander und genossen die Süßigkeit verdienten Schlafes . Wohl war ihr Schlaf nur flach und dünn , wie eine Linnendecke , die jeder Windhauch aufscheucht und bläht ... dünn wie ein Lindenblatt , das der junge , übermüthige Morgenwind ansäuselt ... Sie begegneten sich so oft in den Bewegungen ihrer Glieder und erweckten sich zu neuem Liebesleben . Dann wieder ein mähliges Ablassen von einander ... ein neues Müdewerden und Eindämmern ... und ein Neuerwachen . Sie sahen sich in die Augen , trugen keimende Küsse auf die Lippen und pflückten die süßen , berauschenden Früchte . » Aber nun wollen wir schlafen , Geliebter - - « » Ja , Hedwig ! Aber erst - - - « » Nein ! Laß , Bester ! Mich friert so ! ... - « » Mir ist erstickend heiß ! ich dampfe - « und Adam küßte diskret die Brust seiner Geliebten ... diese Brust , die so weiß und so elastisch war , wie ein weichgekochtes , nervös vibrirendes Ei ... Unerschöpflich ist die Phantasie genießender Liebe ... unermüdlich weiß sie neue Reize aufzuspüren und auszukosten . So schliefen sie in den wachsenden Tag hinein . Es wurde lebendig auf dem Vorsaal , man lief hin und her und sprach jetzt lauter , jetzt leiser . Die bunte Welt der Geräusche durchstach so oft die zarte Schaale ihres Schlafes . Manches nahmen sie wohl mit hinüber in die gaukelnden Traumfetzen , die sie gebären mußten . Auch von der Straße herauf sprach das Leben , das die vernünftigen Menschen wieder in Angriff genommen hatten , so oft in ihre zusannnenknospende Rast hinein . Fliegen surrten um sie herum und schreckten sie auf . Und immer heißer wurde es auf dem gemeinsamen Lager . Hedwig schlummerte . Leise und langsam gingen ihre Athemzüge . Adam stützte den Kopf auf seine rechte Hand und betrachtete die Schlafende . Ihre Haut war nicht rein ... und jetzt merkwürdig durchfaltet und angerunzelt . Das Haar hatte sich verschoben und sich zu häßlicher Unordnung zusammengeknäult . Unangenehm scharf traten die Backenknochen hervor , die Wangeneinfaltungen leicht überschattend . Auf der Oberlippe erglänzten im klaren Lichte der wahren Sonne einige bläulich schwarze , indiskrete Härchen . Doch schön war der Leib dieser widerspenstigen Sünderin , etwas mager wohl , aber sehnig und zusammensaugender Kräfte reich . Und dabei gedachte Adam der Huldinnen , die alle schon hier neben ihm gelegen ... das Haupt in dieses ... in dieses selbe Kissen geschmiegt ... und er verglich ihre Reize , so gut er sich ihrer erinnerte , und durchkostete noch einmal in nachlässigem Aufstöbern und Zusammenschüren alle die Freuden und Entzückungen , die er hier schon genossen , so oft schon genossen ... Dieselben Verführungsfaktoren ... dieselbe dampfende Entzündung ... derselbe Genuß ... dasselbe Resultat ... derselbe Ekel ... ach ! ein so dummes , so wahnsinnig dummes und einfältiges Genarrtwerden ! Die Natur macht nicht viele Worte , ihre Sprache ist so blutarm . Sie wiederholt sich immer und plagiirt sich selber mit denselben Wendungen . Und immer wieder muß man auf den armselig geistlosen Köder ' reinfallen . Aber es ist , als ob sie , die domina natura , stets den Intellekt so lange knebelte und vergewaltigte , bis sie mit der Brandung des entzündeten Blutes ihr erhabenes Ziel erreicht hat . Und dann ? Dann läßt sie stillvergnügt die genasführte Kreatur räsoniren . Das letzte Wort behält sie doch ... behält sie immer und überall . - Adam schlich sich leise von Hedwigs Seite , fuhr in die Hosen und schlürfte in sein Arbeitszimmer hinüber . Er trank ein paar Schlucke abstoßend lauwarm gewordenen Wassers , riß die Fenster auf und schaute ... bei seiner sehr primitiven Morgentoilette mit affektirter Ungenirtheit ... auf die Straße hinab , zum Junihimmel hinauf , der in sattem Stahlblau flimmerte . Es war um die neunte Stunde ... drunten hatte sich das Leben schon ganz hübsch eingerichtet . Schwerfällige Lastwagen schoben sich langsam mit widerlichem Geknarr vorüber . Da lief sein Barbier vorbei - wenn es dem Kerl nur nicht etwa einfiel , jetzt schon anzutanzen ! Viel Staub und Dunst gab ' s ... und Menschen , die ihre Hüte in der Hand trugen und sich mit großen , massigen Taschentüchern die Stirnen wischten . Ach ! Adam fühlte sich sehr miserabel . Er schauderte vor dem zurück , was ihm der Tag noch bringen würde , bringen mußte . Da im Nebenzimmer schlief das Weib , das er ... nun ! das er liebte , und das er genossen hatte . Süße , selige Stunden waren es doch gewesen . Einsame Stunden , da sie sich wie herausgelöst dünken durften aus dem Zusammenhange der Menschen und der Dinge . Nun forderte die geistlose soziale Seite des Lebens wieder ihr Recht . Sich einzurenken , sich wieder auf seinen bestimmten Platz in Reih und Glied zu stellen , das galt es nun wieder . Nach rechts und links vertreten und verantworten , was man in kühner Absonderung gewagt und gethan hat . Ach ! Die Scene mit Hedwigs Vater , die dem Herrn Doctor bevorstand ! Das war allerdings sehr peinlich . Und wenn er sich noch wohler und freier gefühlt hätte ! Aber holprig und langsam war sein Denken , mühsam vorwärtskriechend und nur ganz obenhin die Dinge des Lebens betastend . Immer beschäftigte ihn nur das Nächste . Alle seine Bewegungen waren schwerfällig , träge , vollzogen sich widerwillig . Eine filzige Zähigkeit und zugleich eine nervöse , unregelmäßige Bewegungssucht , eine zitternde Unruhe spukten in seinen Gliedern , die wie dicker Brei gern in ihren Lagen verharren wollten und diese doch stetig zu wechseln strebten . Seine Hände waren schwammig und aufgequollen , seine Gesichtslinien an einzelnen Stellen , um Augen und Nase herum , schärfer markirt und zugleich widerlich verwischt . Die Lippen trocken , spröde , auf der Zunge stand ein fader , dürrer , kiesig prickelnder Sandgeschmack , die Stirn brannte von einem pressenden Drucke . Oefter mußte Adam gähnen , aber seine Kiefer schienen alle Biegsamkeit und Spannung verloren zu haben . Die Kopfhaut schmerzte , als wäre sie von einem Heere engzusammenstehender Stecknadeln durchlöchert . Zu jeder Handlung mußte sich Adam besonders zwingen . Alle Reibungen des geistigen und des thatsächlichen , praktischen Kleinlebens reizten ihn mit gesteigerter Intensität . Dabei besaß Nichts ein tieferes Interesse mehr für ihn ... und Alles , was ihn sonst zum Denken , Bedenken , Betrachten herausforderte , hatte Wert , Inhalt , Form und Farbe verloren . Adam wusch sich Gesicht und Hände und schellte . Im Nebenzimmer raschelte es . Ein langer Seufzer zitterte herüber . Dann rief eine müde , heisere Stimme , wie gebrochen , » Adam - ! « » Gleich , mein Lieb ! Einen Augenblick ! « Es klopfte . » Herein ! « Das Mädchen kam und brachte den Kaffee . » Morgen , Herr Doctor ! « » Morgen ! Und bringen Sie bitte noch ' ne Tasse , Ida ! « » Noch ' ne Tasse ? « » Ja ! Ist das so merkwürdig ? Ich habe Besuch - « Das Mädchen sah sehr verblüfft aus . Es starrte Adam einen Augenblick an . » Aber ist denn das noch nicht vorgekommen , so lange Sie hier sind - ? « fragte Adam unwirsch-ungeduldig . » Nee ! In den acht Tagen , wo ich - « » Na , also bitte - ! « Jetzt schien dem kleinen , frisch vom Lande importirten » Besen « doch ein Licht auszugehen . Er verzog den Mund und grinste tolpatschig-schnippisch . » Rindvieh ! « knurrte ihm Adam nach und trat in ' s Nebenzimmer . Hedwig saß im Bett , hatte die Arme gegen die unter der Decke herausgezogenen Kniee gestemmt und die Hände vor das Gesicht gedrückt . Adam rückte sich einen Stuhl an das Bett heran und streichelte seinem Weibe liebkosend Haar und Hals . » Nun - wie fühlt sich die gnädige Frau ? Mir ist nicht so besonders - ich weiß nicht , aber - « Hedwig nahm die Hände von den Augen . Langsam wandte sie ihr Gesicht mit den bleichen , übernächtigten Zügen und dem schweren , verthränten Blick Adam zu . Das arme Weib schien ganz muthlos , ganz » hin « zu sein . Sich im Bette eines fremden Mannes zu finden - ihm mußte doch auch die Scham in der Seele brennen - » Mein Lieb- ! « » Das überlebe ich nicht , Adam ! Mein armer - armer Vater - ! « » Nur Muth , Hedwig ! Es wird schon schief gehen - pardon ! wollte sagen : es wird sich Alles schon machen . Schlimmsten Fall ' s - also - Du hast ja immer - hast ja immer an mir Halt und Stütze ! Wir werden ' s schon überstehen . Es wird noch Alles gut werden - laß nur jetzt den Kopf nicht zu tief hängen , Kind ! . Und komm ! steh ' auf ! Du kannst hier ganz ungenirt Toilette machen . Alles Nöthige wirst Du finden . Es wäre ja nicht das erste Mal , daß eine Da - - - man ist für solche Fälle eben vorbereitet , wie es sich geziemt ... « Der angefügte Nachsatz sollte wie ein harmloser Scherz klingen und war doch eine unwillkürlich beabsichtigte Bosheit . Der Herr Doctor mußte sich in dieser Richtung leider nur zu oft gehen lassen . Es war beinahe , als ob nur die vasamotorischen Nerven diesen Reflex auslösten , und der Wille nicht einmal die Freiheit mehr besaß , unfrei zu sei . » Soll ich Dir den Kaffee herüberbringen , mein Lieb ? « Hedwig antwortete nicht . Adam benutzte ihr Schweigen und ging auf kleinen , wohlberechneten Umwegen in sein Arbeitszimmer zurück . Es war ihm zwar zu Sinn , als ob er sich so etwas wie » gedrückt « hätte . Aber da drinnen bei dem unglücklichen Weibe hatte er sich doch zu unbehaglich gefühlt . Und er war schon so nervös heute . Er goß sich eine Tasse Kaffee ein und trank das Gebräu , das nur noch lauwarm war , in hastigen Zügen hinter . Ein merkwürdiger Durst quälte den Herrn Doctor schon zu dieser frühen Morgenstunde . Und Adam vergegenwärtigte sich mit stiller Resignation , in der er doch aber immerhin ein Wenig zungenschnalzend schwelgte , welche Last er auf sich genommen ... und er erinnerte sich , wie so ganz anders er mit Emmy diese morgendliche Nachfeier genossen hatte - wie dieses schöne » Kind der Sünde « an den letzten verklingenden Melodien einer dithyrambischen Liebesnacht zu schlecken verstanden . Köstliche , unvergeßliche Stunden ! Und heute - ? Adam lag in der Sophaecke und kaute an einer Virginia-Cigarette , die gar nicht schmecken wollte . Im Schlafzimmer ging man auf und ab . Schritte schlürften , Kleider raschelten , das Waschwasser plätscherte . Aber Alles so langsam und eintönig , so störrisch-verglast , so leblos-mechanisch . Adam besaß ein sehr feines Gehör . Das war die Nuance der Trauer , der muthlosen Gleichgültigkeit . Ach ! Und das wirkt so ansteckend ... Es wurde an die Stubenthür geklopft . » Herein ! « » Herr Doctor , ' ne Dame ist draußen , die Sie sprechen will - « » ' Ne Dame - ? « » Ja ! « » Hat sie denn ihren Namen nicht genannt - ? « » Nee ! Sie sagte man bloß , sie müßte Sie sofort sprechen - « » Nun - ich lasse bitten - « Emmy stand auf der Schwelle . » Emmy - ! « » Verzeih ' , Adam , daß ich so früh - ich komme - Ihr wollt Euch - - « Sie war sehr verwirrt und verlegen , die schöne Sünderin - eine Erscheinung , die Adam noch gar nicht bei ihr beobachtet hatte . Sie stand noch immer an der Thür und irrte unsicheren Blickes im Zimmer herum , schlug nun die Augen nieder und vermied es , Adam anzusehen . Jetzt entdeckte sie zufällig Hedwigs Hut , der auf einem Stuhl neben dem Sopha lag . Adam entging es nicht , wie sie erschreckend zusammenfuhr . Er lächelte . » Du hast , Adam - « » Was denn , Emmy ? Aber bitte - willst Du Dich nicht setzen ? Und willst Du mir nicht den Grund Deines Kommens nennen ? Es muß doch ... muß doch etwas Besonderes vorliegen - nicht ? - oder sollte ich mich irren - ? « » Du hast Besuch - ? « » Besuch ? Das ist der Hut meiner Frau , Emmy - « » Deiner Frau - ? « » Nun ja natürlich ! Was weiter ? Soll ich sie Dir vorstellen ? Warte eine Secunde - sie macht noch Toilette ... Wir sind etwas spät nach Hause gekommen und ... und haben etwas lange geschlafen ... Uebrigens ! wie geht es denn dem Herrn von und zu Bodenburg ? Du kommst doch gewiß von ihm - ? « » Adam - ! « Emmy war dicht an Adam herangetreten und sah ihn mit großen , blitzenden Augen fest an . Zorn und Entrüstung brannten in diesem Blick . So spricht die Leidenschaft , die eine erlittene Schmach rächen oder die etwas Verlorenes wiedergewinnen will . Adam konnte sich dem berauschenden Parfüm dieser Leidenschaft nicht entziehen . Da quoll ihm Blut und Leben in ungestümem Rhythmus entgegen . Da athmete ein Weib vor ihm , dessen Leib seine Reize und Schönheiten wunderbar diskret und bestimmt zugleich durch das knappansitzende Kleid zu verrathen wußte . Er trat einen Schritt zurück . Und nun mußte er doch wieder lächeln . Fade ! Wollte ihn die Dame etwa überrumpeln - ? » Nun ? - « fragte er ungeduldig-pikirt . » Du hast mich in die Arme dieses Menschen getrieben - - « » Ich ? - Aber Kind , da muß ich doch - « » Oder etwa nicht - ? « » Liebe Emmy ! Das ist doch - ich - ich denke , es ist Dein Metier , heute mit dem und morgen mit dem zu ... zu - verkehren - - ? « » Und das sagst Du mir - ? « Emmy hatte sich abgewandt . Sie war glühend roth geworden . Vielleicht aus Scham und Entrüstung zugleich . Nun empfand Adam doch wieder so Etwas wie Mitleid mit ihr . Aber er wußte auch nicht sofort , was er antworten sollte » Darf ich Ihnen eine Cigarette anbieten , mein Fräulein - ? « Emmy richtete langsam den Kopf in die Höhe . Ein sehr trauriger , vorwurfsvoller Blick stand in ihren schönen Augen . » Sie haben ganz Recht , Herr Doctor - es ist allerdings mein Metier - - « » Aber bitte ! lassen wir doch das ! Ich möchte heute früh ... so am ersten Morgen quasi nach meiner ... nach meiner Hochzeit also ... ich möchte mich da nicht gleich wieder auf alle möglichen Scenen einlassen - Sie verstehen , mein Fräulein - « » Auf alle möglichen Scenen - so ? Scenen - ganz recht ! ... Nun , Herr Doctor - « » Ja - ? « » Sie wollen sich mit Herrn von Bodenburg - schlagen ? ... « » Schlagen ? Hui ! Mir wird janz jruselig . Uebrigens - ' mal sehen ... kann wohl sein ! Warum schließlich auch nicht ? Ich erwarte vorläufig erst seinen Zeugen - und dann - - « » Sie werden das Duell ablehnen , Herr Doctor - ! « » Ablehnen ? Wie kommst Du mir denn vor , Emmy ? Diese Sprache - ich - ich verstehe Sie nicht , mein Fräulein - « » Adam - ! « Das war sehr innig , sehr rührend , sehr stehend herausgestoßen . Im Nebenzimmer wurde heftig ein Stuhl gerückt . So hat sich eine Hand krampfhaft auf eine Lehne gelegt . Die Finger krallen sich fest , pressen sich immer fester . Jetzt schleudern sie den Stuhl im Affekte , der seinen Siedepunkt erreicht hat , von sich Die nervöse Spannung läßt nach ... Die Beiden sahen sich an . » Denken Sie an ... an Ihre - Frau - « bat Emmy leise , mit zitternder , stockender Stimme - » Hm ! « » Das hatte ich Ihnen sagen wollen - « » Ich danke Ihnen , mein Fräulein - « » Adieu - ! « » Adieu - ! « Emmy wandte sich nach der Thür um , in deren Nähe sich die ganze Scene abgespielt hatte . Einen letzten Augenblick noch zögerte sie jetzt . Und nun kehrte sie Adam noch einmal ihr volles Gesicht zu . Thränen standen in ihren Augen , um den Mund zuckte es schmerzlich . Und da kam es über Adam . Es gebar sich ihm plötzlich das Gefühl , als verlöre er Unersetzliches , wenn er Emmy jetzt gehen ließe . Und doch - er durfte sie nicht zurückhalten . Er war ja gebunden . Er hatte ja eine bestimmte Pflicht zu erfüllen . Dieses Verhältniß mußte also endgültig abgebrochen werden . Es liegt eine so große Wollust in diesem Abbrechen und Entsagen ... eine so berauschende Wollust , eine so nahrhafte Trauer , eine so merkwürdig fruchtbare Wehmuth ... Aber noch einen Kuß ! Einen letzten Kuß ! Und dann Abschied nehmen - Abschied nehmen für immer von diesen schönen , schönen Reizen ! Nun mag die Erinnerung kommen - und genossene Wonnen in stillen Stunden ausschmückend noch einmal durchkosten ... all ' das Liebesgeplauder wiederholen und all ' die tändelnden , losen , neckischen ... halb ernsten , halb spaßigen Gespräche , die zwei Menschen zu einander gesprochen , die sich einen Augenblick liebgehabt .... Adam küßte Emmy auf die Stirn . » Verlaß mich nicht , Adam ! « - hörte er sich mit bebender , gleichsam in höchster Angst sich anklammernder Stimme zuflüstern . Es raschelte in den Falten der Portière . Adam trat zurück . Emmy verließ schnell das Zimmer . - Der Herr Doctor stand vor seinem Sophatische , auf dem es trostlos verworren aussah , und suchte Etwas , irgend Etwas , er wußte wirklich nicht , was . Seine Finger tappten zwischen den Büchern , Manuskripten , Zeitungen hin und her , griffen nach einem losen Blatt , nach einem Schlüssel , einer Cigarrenspitze , einem Bleistifte ... jetzt nach der kleinen Morphiumflasche , die sich in intimer Nachbarschaft bei Meynerts Lehrbuch der Psychiatrie niedergelassen ... und stellten Alles wieder hübsch gewissenhaft an seinen Platz zurück . Nun fiel Adam die Cigarettenschachtel in ' s Auge . Er nahm sich eine frische Virginia heraus und pendelte sie gedankenbeklommen zwischen den Fingern hin und her . Jetzt mochte Emmy unten sein . Ob er ihr noch einmal nachblicken sollte ? Ein letztes Zunicken ? Ein letzter Gruß ? ... Sie würde jedenfalls zu seinen Fenstern heraufsehen - vielleicht , daß er - - nein ! nein ! Nicht coquettiren mit der Vergangenheit , die ein für alle Mal abgethan sein sollte ! Es mußte ja sein . Da nebenan ... die Dame da in seinem Schlafzimmer - zum Teufel ! Es war gegen alle Vernunft und Ordnung , aber es war einzig und allein » anständig « , wenn er ihr treu blieb ... Auch das mußte eben sein . Es ist höchst empfehlenswerth , im Prinzip keine » Pflichten « anzuerkennen ... und in der Praxis möglichst viele zu erfüllen ... » Hedwig ! Bist Du fertig ? Dann komm bitte ! Der Kaffee wird in der That ganz kalt - « Keine Antwort . Adam gab der Cigarette Feuer und trat in ' s Nachbargemach . » Himmeldonnerwetter - da soll denn doch - - « Die Luft war heiß und dunstig hier . Eine wüste Unordnung , von dem brutalen Sonnenlicht bis in ' s Kleinste hinein entwirrt und umrissen , machte sich allenthalben breit . Hedwig saß an dem einen Fenster , hatte den linken Arm auf das Brett gestützt und das Kinn in die Handhöhlung gelegt . Sie starrte , wie von einem einzigen dumpfen , massiven Schmerze zusammengezwungen , ausdruckslos durch die Scheiben . Das schwarze , schmucklose Kleid gab der ganzen Gestalt etwas unendlich Trauriges , unsäglich Herbes und Abgewelktes . » Willst Du nicht ? « bat Adam leise , innig . Er war hinter den Stuhl Hedwigs getreten und hatte ihr Gesicht sanft zu sich emporgezogen . » Komm , meine kleine Frau ! « Hedwig seufzte laut auf . » Und verzeih ' diese dumme Störung vorhin ! Das war recht geschmacklos . Siehst Du : da hattest Du gleich so ' n Stückchen rabbiater Vergangenheit ! Aber es ist vorbei . Ich habe es definitiv ad acta gelegt . Du kannst wirklich ganz ruhig sein - « » Was wird mein Vater sagen ? « kam es darauf langsam und unheimlich abgewickelt deutlich von ihren Lippen . Adam fuhr auf . Er hatte im Stillen wohl auf einen neuen , pikant-harmlosen Disput gerechnet ... der gewiß nicht ohne reizvolle Pointen geblieben wäre ! Und nun wieder die alte Geschichte mit ihrem Vater , an die er am Liebsten gar nicht erinnert sein wollte . » Nimm mir ' s nicht übel , Hedwig - aber immer und ewig nur Dein Vater ! Ich hab ' s Dir ja schon gesagt : ich gehe nachher zu ihm hin und setze ihm die ganze Sachlage ruhig und denkbar correkt auseinander . Dann werden wir ja sehen ... Vor Elf kann ich allerdings nicht . Bis dahin muß ich schon warten ... muß eben erst sehen , ob sich Herr von Bodenburg mit seiner kindischen Geschichte meldet . Ist das glatt , wird sich das Andere auch finden . Dein Papa ist doch kein Unmensch . Ich begreife nicht , warum Du Dich darum so furchtbar absorgst und abgrämst ... Die Situation ist ein Wenig außergewöhnlich - ich gestehe es zu - das ist aber auch Alles . Sie mag nicht alle Tage vorkommen - nun ja ! Aber ich danke auch dafür , alle Tage Sauerkohl und Bratwürstel essen zu müssen . Es sind schon ganz andere Geschichten aus dieser Welt passirt - sei doch nicht zu klein , Hedwig ! Wir wollen nicht jeden Kram mit dem Pathos der geschichtlichen Mundvöllerei-Tragödie ausstaffiren - immer und immer wieder dieselben Phrasen , dasselbe nauséabonde , urtriste Gequatsche ! Seien wir klar und nüchtern , wie es unsere Zeit verlangt - ich hasse diese banausische Sentimentalität , diese schleimige Gefühlsduselei ... Komm ! Ich kann Dir zwar momentan nicht Beef und weiche Eier vorsetzen , wohl aber miserablen Kaffee und ein Brödchen mit Sardellenbutter . Das ist auch Poesie , Kind ! Nun - das wird hoffentlich Alles anders und besser werden , wenn Du erst ' mal meine kleine Hausfrau bist - nicht wahr - ? « Hedwig war aufgestanden . Sie legte ihre Hände auf Adams Schultern , barg das Gesicht an seiner Brust und weinte leise in sich hinein . » Ich habe ja nur Dich noch auf der ganzen weiten Welt , Adam - habe Mitleid mit mir ! « bat sie mit thränenerstickter Stimme . Adam drückte sein Weib zärtlich an sich . Und nun saßen sie wieder beisammen auf der schreiend rothen Damast-Causeuse . Adam nippte an seiner Cigarette , Hedwig trank ab und zu einen Schluck kalten Kaffees und führte ein butterbestrichenes Semmeleckchen zum Munde . Sie sprachen wenig zu einander . Das war keine besonders behagliche Frühstücksstimmung . Ob Hedwig wohl viel Talent dafür besaß , die sehende , sorgende Hausfrau zu spielen ? Sie schien nur immer noch über das Eine , das Schicksal ihres Vaters , nachzugrübeln . Daß Adam vor einer etwaigen Pistolenmensur stand , durch welche , wenn sie vor sich ging , ihr Verhältniß zu ihm eine andere , unter Umständen ihr keineswegs günstige Wendung erhalten konnte , - das hatte sie augenscheinlich ganz vergessen . Oder erachtete sie es unter ihrer Würde , auch in dieser Beziehung eine Bitte für sich bei Adam einzulegen , nachdem schon ... Emmy für sie gebeten hatte ? ... Es lag ein überaus discreter , nur scheu angedeuteter Moschusduft im Zimmer ... eine liebe Hinterlassenschaft Emmys . Dazu das brenzlichte Parfüm der Cigarette . Adam hatte allerlei kleine , dumme , träge , saugrüsslige ... überflüssige Gedanken ... Es war schon über elf Uhr . » Nun könnte sich der edle Trovatore eigentlich melden ! « bemerkte Adam verdrießlich . Er hatte sich eben das Gespräch , das er mit Herrn Doctor Irmer zu führen gedachte , in den Hauptpunkten zurechtgelegt ... und hätte es am Liebsten sofort vom Stapel gelassen . Das Memoriren und Rekapituliren war so beunruhigend und peinlich . Nur neue Bedenken und Möglichkeiten gebar es , welche das Motiv immer wieder beeinflußten und verschoben . Da schlug die elektrische Klingel an . » Ist Herr Doctor Mensch zu sprechen - ? « hörte Adam eine rauche , belegt-fettige , wie verbogene Stimme fragen . Das Mädchen gab Bescheid . Es klopfte an die Stubenthür . Hedwig zuckte zusammen . Vielleicht eine Nachricht von ihrem Vater - ? ... eine Anfrage von ihm bei Adam , ob - - ? ... » Herein - ! « Ein Herr trat in ' s Zimmer . » Herr Doctor Mensch - ? « » Ja ! Und darf ich fragen - - « Adam hatte sich erhoben . » Mein Name ist von Schnauzl . Habe die Ehre , von Herrn von Bodenburg - - « Herr von Schnauzl stockte . Er warf einen fragenden Blick auf Hedwig , die ihn mit ängstlicher Spannung , zugleich äußerst verlegen und genirt , ansah . Adam fand den Zusammenhang . » Sei so gut , mein Lieb , und laß uns einen Augenblick allein - « Hedwig entfernte sich . » Nun - ? « fragte Adam , einen Ton beleidigender Abweisung und Ungeduld in der Stimme . » Herr von Bodenburg - « » Wollen Sie sich nicht setzen , Herr von ... von - « » Von Schnauzl ! Danke verbindlichst ! « Herr von Schnauzl geruhte , mit steifer Nachlässigkeit ein Fleckchen Causeuse für seine dreidimensionale Leiblichkeit in Anspruch zu nehmen . » Also fühlt sich Herr von Bodenburg wirklich beleidigt ? Aber mein Gott ! - wodurch denn nur - ? « » Herr von Bodenburg , mein verehrter , langjähriger Freund - wir waren Kompennäler und später zusammen aktiv in Göttingen - « » So - ? « » Ja ! « versicherte Herr von Schnauzl mit unwillkürlicher Treuherzigkeit ... und fuhr dann fort : » Herr von Bodenburg war also vorhin bei mir und ersuchte mich , Ihnen eine Pistolenforderung ... für den Fall , daß Sie nicht revociren und depreciren - natürlich in Gegenwart der bei der betreffenden Scene betheiligt gewesenen Personen - also vor Allem in Gegenwart der Dame , mit welcher mein Freund - « » Ah ! In Gegenwart meiner Emmy - ? « Adam war doch unverbesserlich . War das nun Absicht gewesen - oder hatte er wirklich ganz vergessen , daß sich Hedwig im Nebenzimmer befand und sicher auf jedes Wort , das hier gesprochen wurde , aufmerksam hörte ? Aber ... schlimmsten Falls ... wenn es sich - vor ihr - nicht anders drehen und wenden ließ : schlimmsten Falls konnte er den faux pas als eine kleine , harmlose Rache hinstellen - ganz bewußt beabsichtigt - das war doch noch etwas pikant - warum hatte sie sich denn heute so ganz und gar nur von der Sorge um ihren Vater erfüllen lassen ? - und ihn so gut wie gar nicht berücksichtigt ? . » Verzeihung ! Ihrer Emmy , sagen Sie ... hm ! - « fragte Herr von Schnauzl verblüfft und pikirt zugleich . » Ja ! Natürlich ! Die Mätresse des Herrn Referendars war vorher - meine Mätresse - ist es quasi eigentlich noch ! Die Dame war vor einer Stunde bei mir ... Aber darf ich bitten , fortzufahren - « Herr von Schnauzl war ein paar Finger breit aus dem Geleise gekommen . Da warfen sich ihm einige Momente mir nichts dir nichts zwischen die Beine , auf die er schlechterdings nicht im Geringsten gerechnet hatte , als er sich zur Erfüllung der ehrenvollen Mission , die ihm von Seiten seines verehrten Freundes aufgeschultert war , vorbereitet . Aber schließlich - das war ja seine Sache nicht . Mochte die Dame doch - - er hatte nur die Forderung zu überbringen ... respektive den Sühneversuch einzuleiten . » Doch ... das hat mit dem , was mir hier zunächst obliegt , direkt nichts zu thun . Ich bin nur beauftragt , Ihnen , Herr Doctor - « » Von Revociren und Depreciren kann natürlich keine Rede sein - « fiel Adam barsch ein . Die ganze Geschichte langweilte ihn schon ganz gehörig . Was wollten denn nur in aller Welt diese Idioten von ihm - ? » Ja - dann - « » Verzeihen Sie , Herr ... Herr von Schnäuzl - pardon ! - Schnauzl - durch welches Wort - hm ! - welchen Ausdruck , welche Gesprächswendung fühlt sich denn eigentlich Ihr Herr Mandant beleidigt - ? « » Sie haben , wie mir Herr von Bodenburg mittheilte -