, der dies Vergnügen so gar nicht liebte , sich auschloß . Trotzdem schickte sie einen reitenden Boten zum Arzt . Die drei Jäger fanden den Wald wie eine ungeheure , auf die Erde gelagerte weißgraue Wolke mit schwarzen , senkrechten Streifen durchschossen . Das weißbereifte Gewipfel hob sich kaum von dem Nebeldunst ab . Das welke Laub am Boden war an der Oberfläche von leichtem Frost gekraust , wenn der schreitende Fuß in diesen Winterteppich hineinstieß , zeigte sich das braune Blattwerk von Nässe schwer . Der Atem dampfte vor den Lippen der Männer und bereifte ihre Bärte . Lanzenau hatte die Hände in seinem Jagdmuff eng zusammengefaltet und ging steifbeiniger denn je ; ihn fror entsetzlich , auch konnte er dem raschen Schritt des Grafen kaum folgen . Ihn ärgerte die lustige Jagdgeschichte , die Taiß erzählte ; alles in der Welt erschien ihm unbedeutend und nebensächlich . Er dachte nur an eines , an das Schwert , das an einem Haar über Fannys Haupt hing . Joachim hörte wenigstens mit der Miene leidlichen Interesses zu , aber er sah düster und gedrückt drein . Endlich kamen sie an die Stelle , wo der Rehbock , auf den sie fahndeten , zu wechseln pflegte , und Joachim wies den beiden anderen ihre Stände an . Lanzenau stand an dem Stamm einer riesigen Buche . Rings umgab ihn das dichte Unterholz , aus dem er mit halbem Leibe ragte . Die feierliche Stille und das weiße Licht im bereiften Wald legten sich wie eine Beklemmung um seine Brust , auch blendete ihn die stechende , helle Luft , die hell ohne Klarheit war . In sein Gehirn kam jene seltsame Gedankenlosigkeit , die einen befallen kann , wenn lange Zeit eine schreckliche Idee über Verstand und Gemüt herrschte und beide bis zur Unfähigkeit der Empfindung betäubte . Mitten hinein in diese Minuten des bloß mechanischen Daseins fiel ihm eine Erinnerung - ein Wort nur - er wußte nicht , woher es ihm kam . » Ein Stoß , und er verstummt . « Es gehörte auch Musik zu den Worten - er hörte sie deutlich singen . Frost lief ihm über den Rücken hinunter . » Ha , welch ein Augenblick ! « Richtig , das sang Pizarro in » Fidelio « . Er erinnerte sich , daß ihm jedesmal , wenn er diese Arie im Theater gehört hatte oder am Klavier vernahm , derselbe Frost den Rücken hinunter gelaufen war . Was für ein Unsinn , daß ihm hier und jetzt die dämonische Musik einfiel . Es knackte in den Zweigen . Er schrak zusammen und lauschte wieder auf das Wild . Dabei summte es in ihm : » Ein Stoß , und er verstummt ! « Unerträglich ! Wieder ein leises Krachen , wie vom leichten Tritt des grazilen Tieres auf dürrem Astwerk . Und da - das Graubraune dort - wie der Rücken eines lagernden Rehes . Er legte an und schoß . Der Rauch wölkte auf und verzog sich . Lanzenau ging , sich mühsam bahnbrechend durch verschränktes Gezweig auf die Stelle zu . Da lag , anstatt eines erlegten Wildes ein großer Feldstein . Lanzenau stieg das Blut ins Gesicht : was war das denn mit seinen Augen ? ! Und nun , vom Aerger , begann das Flimmern in der Luft vor ihm erst recht arg zu werden . Aber da - da wurde es laut . Es brach durchs Unterholz , nun sah er ' s gewiß und konnte den jammervollen , unglaublichen Schuß von eben auswetzen . Die Büchse an der Wange - die zitternde Hand am Hahn - es blitzt - das bläuliche Wölkchen flockt sich empor . Aber zugleich ein Schrei - kein Schrei aus dem Rachen eines verendenden Tieres , nicht dieser unsäglich wehvolle Laut , der sich dem sonst stummen Geschöpf als letzter Schrei der Lebensnot entringt - nein , ein Schrei wie aus einer Männerkehle . Lanzenau steht entgeistert - wankt - packt mit der Faust in das nächste Buschwerk . Er will hingehen , seine Füße heben sich nicht . Er will rufen , seine Lippen lallen . Da kommt es von der andern Seite . Taiß wird sichtbar , die hohe Gestalt nähert sich rasch unter den weißen Baumkronen . Lanzenau bebt , daß seine Zähne auf einander schlagen . » Er wird mir sagen , daß ich ihn erschoß ! « denkt er und sieht dem Grafen mit entsetzten Augen entgegen . Doch der hemmt plötzlich den eiligen Fuß , er bückt sich , er kniet nieder und ruft etwas Erschrecktes . Da bezwingt Lanzenau sich und schreitet hin mit eingeknickten Knieen , den Fuß bei jedem Tritt hoch aufhebend . Und nun steht er Taiß gegenüber , zwischen ihnen liegt Joachim am Boden . Taiß hebt den Blick und sieht Lanzenau an . Ihre Augen wurzeln fest und lange in einander . Wie einer Macht gehorchend , die ihn zwingt , murmelt Lanzenau : » Was Sie denken , ist nicht wahr ; der Schuß war ein unglücklicher Zufall . « Und dabei hört er es laut singen : » Ein Stoß , und er verstummt ! « Taiß wendet noch immer nicht den Blick . » Bei Ihrer Ehre ? « » Bei Gott und meiner Ehre - ja ! « An Joachims Schulter färbt sich die graue Joppe dunkel , man sieht , eine Flüssigkeit saugt sich im rauhen Wollstoff weiter und weiter . » Schnelle Hilfe thut not , « sagt Taiß , » ich eile ins Dorf , ein paar Leute zu holen . In zwanzig Minuten kann ich zurück sein . « So blieb Lanzenau allein mit dem Verwundeten . Er nahm seinen Jagdmuff , den er an einer Schnur um den Hals trug , und schob ihn vorsichtig unter den blonden Kopf . Dann stützte er sich auf seine Büchse und blickte stehend auf sein Opfer nieder . Dieselbe Gedankenlosigkeit von vorhin kam wieder mit ihrer totenhaften Leere über ihn , und immer hörte er dabei die entsetzlichen Worte mit der düstern Melodie . Plötzlich erschrak er , daß seine Pulse stockten . Joachim schlug die Augen auf . Sie sahen sich stumm an . Die Lider sanken ihm nieder . Mühsam hob er sie zum zweitenmal . » Taiß oder Sie ? « murmelte Joachim . » Ich ! « sagte Lanzenau . Joachim schloß die Augen und blieb unbeweglich . Es schien , als wollte ihn zum zweitenmal Bewußtlosigkeit übermannen . Lanzenau beugte sich zu ihm und sagte : » Es wird sofort Hilfe kommen . Wie ist Ihnen ? « » Die Schulter , « murmelte er , » es brennt . « Nach einigen weiteren stummen Minuten kam der Graf , atemlos vom Laufen . Er hatte vier Tagelöhner aus dem Dorf mit , die eine breite Heuleiter trugen , auf der ein blauweiß gewürfeltes Stück Bettzeug lag . Man hob Joachim auf diese seltsame Tragbahre , und im Schritt ging es zurück . Taiß berichtete , daß er einen Jungen , der ihm gerade in den Wurf gekommen , beauftragt habe , Fanny zu benachrichtigen , da selbst ins Herrenhaus Kunde zu bringen und von da die Hilfe zu holen eine Verzögerung bedeutet hätte . Wohl hatte der Junge den Auftrag ausgeführt , aber er konnte den erschreckten Frauen nicht sagen , wen ein Unfall betroffen habe und welcher Art dieser gewesen . Fanny und Severina fragten hin und her ; sie begriffen , daß es Taiß gewesen sein mußte , der den Jungen geschickt , denn die abgefragte Personalbeschreibung paßte nur auf diesen . Also war Lanzenau im Wald erkrankt . O , das war auch wohl zu denken gewesen ; wie konnte er überhaupt nach seinem vorgestrigen Befinden solches Unternehmen wagen ? ! » Warum habe ich ihm nicht abgeraten ! « klagte Fanny . Aber sie war nicht die Frau , sich in thatenlosen Jammerreden zu ergehen ; sie trieb die Dienerschaft zu Vorbereitungen an und eilte selbst , mit Severina im Wohnzimmer Platz zu schaffen für ein Bett , da es ihr nicht geraten schien , den Kranken die Treppe hinauf tragen zu lassen . » Wir müssen uns sehr eilen , sie können in einer halben Stunde hier sein , « sagte sie , die Zeit nach der Ankunft des Boten ungefähr berechnend . Aber was sie nicht mit berechnen konnte , waren die zehn Minuten , die der Junge gebraucht hatte , um die von Taiß zur Anspornung des Eifers erhaltenen Groschen beim Krämer in Bonbons umzusetzen und einige davon zu verzehren . So geschah es , daß der traurige Zug über den Hof daher kam , ohne daß schon jemand ausschaute , und das Haus betrat , ohne daß die im hinteren Wohnzimmer eifrig hantirenden Frauen aufmerksam wurden . Die Dienerschaft , die herzulief , war nicht wenig erstaunt , daß der Herr Baron , den man vom Schlage gerührt wähnte , aufrecht neben der Bahre schritt , auf welcher - o , wie betrübend ! - der » junge Herr « lag . Was würde Frau Förster für einen Schreck bekommen ! Man wies die Träger nach dem Wohnzimmer , wohin sie durch den Gartensaal gelangten , und alles drängte sich mit jenem Instinkt nach , der aus Mitleid und Neugierde zusammengesetzt ist . Lanzenau hatte bis hieher die Kraft gehabt , sicher einherzugehen ; nun er vor Fannys Angesicht erscheinen sollte , schwindelte ihm ; er lehnte sich neben der Thür an die Wand und barg das Gesicht in der Hand . Die Thür that sich auf , Fanny und Severina standen sekundenlang in der Regungslosigkeit , mit welcher man auf eine schmerzliche , schon halb geahnte Wahrheit wartet . Wenn Lanzenau tot wäre ... Graf Taiß sah so ernst , so bleich aus - Fanny zitterte . Die Träger ließen ihre Bahre vorsichtig nieder . Da wurden vier Augen starr und weit - unter dem Tuch , welches das Gesicht und die Gestalt des Liegenden verbarg , stahl sich ein blonder Haarschopf hervor - Fanny bewegte sich vorwärts , auf die Bahre zu - blaß wie der Tod - langsam - langsam . Und da gellte ein Schrei durch das Zimmer . Severina hatte ihn ausgestoßen . Sie stürzte neben der Bahre nieder , sie riß das Tuch von seinem Angesicht , sie warf sich über ihn . » Joachim - Joachim ! « Sie schüttelt ihn . Er stöhnt leise . » Stirb mir nicht ! « Er schlägt die Augen auf - ihr Angesicht ist über dem seinen . » Sei ruhig , mein Herz - es - ist - nicht schlimm ! « Und von der ungeheuren Anstrengung dieser Worte fällt er wieder in die Müdigkeit zurück , die bis an die Grenze der Bewußtlosigkeit geht . Eine fürchterliche Stummheit legt sich über all die vielen Menschen . Taiß denkt , daß es seine Pflicht ist , zu Fanny zu treten und seinen Arm schützend um sie zu legen . Aber er wagt es nicht , sein Herz erschrickt vor ihrem Angesicht . Die Dienerschaft starrt bang die geliebte Herrin an ; sie hat es von der Jungfer vernommen , die mit in der Taißburg war , daß der » junge Herr « wohl bald überhaupt » der Herr « sein werde , und sie hat sich seitdem heftig unter einander gestritten , denn einige von ihnen haben den jungen Herrn mit dem Fräulein gesehen ! Die Jungfer weint und möchte hinlaufen , um ihrer gütigen Frau die Hand zu küssen . Sie wagt es nicht , denn die steht da wie ein Bild von Stein . Wie lange die Stummheit dauert , niemand kann es sagen . Da bewegt Fanny Förster sich . Sie schreitet vorwärts , alles weicht vor ihr zurück , sie aber sieht niemand . Und niemand wagt ein Wort an sie , nicht einmal Taiß . Die Majestät des Unglücks hat sie auf unerreichbare Gletscherhöhen gehoben . Ihr Gesicht ist wie der Tod und das Licht in ihren Augen erloschen . So schreitet sie auch an Lanzenau vorüber , er aber sieht ihr nach mit gramvollen Blicken ; er weiß , daß jetzt das Schwert in ihrem Herzen sitzt . Fanny ging in ihr Zimmer ; ihre Füße trugen sie aus Gewohnheit die Treppe hinauf . Sie setzte sich auf das Sofa und faltete ihre Hände auf den Knieen . In sich zusammengesunken saß sie so und sah vor sich hin . Keine Thräne kam aus ihren Augen . Stunden verrannen . Kein Laut drang aus den anderen Räumen hieher , die Ruhe des Todes herrschte . Wer draußen auf dem Korridor vorüber mußte , schlich wie an einem Schlafenden behutsam vorbei . Die Dämmerung kam , das Tageslicht wich zurück , das Geäst der Lindenkronen vor dem Fenster verfrühte im Gemache noch die Dunkelheit . Leise öffnete sich die Thür , Fanny merkte es nicht . Erst als Lanzenau vor ihr stand und halblaut sagte : » Fanny ! « , erst da hob sie ihr Gesicht zu ihm , ein weißes , ausdrucksloses Gesicht . » Fanny , ich möchte mit Ihnen sprechen , « sagte er bittend . » Wer hat mir noch etwas zu sagen ? « fragte sie . Waren diese tonlosen , rauhen Laute Fannys Stimme ? Er setzte sich neben Fanny ; er dachte ihre Hand in die seine zu nehmen , aber ihre Hände lagen unbeweglich , gefaltet auf ihren Knieen . Er suchte nach Worten . Was zuerst und wie am zartesten sollte er zu ihr sprechen ? Da fragte sie : » Ist er tot ? « Es überlief ihn wie ein Schauder . Sie hatte gefragt , als wenn sie etwa sagte : » Regnet es ? « » Ist er tot ? « Noch einmal so . » Nein , « sagte Lanzenau langsam ; » der Arzt , der für mich berufen worden war , kam und fand den unerwarteten Patienten nur vom Blutverlust sehr geschwächt ; die Kugel ließ sich leicht aus dem Fleische des Oberarms entfernen , die Wunde wird sich schnell schließen , ein Knochen ist nicht verletzt . Taiß und Adrienne teilen sich in die Pflege ; es sind keine Veranstaltungen nötig gewesen , als ein antiseptischer Verband und Eis auf den Kopf . Adrienne wollte zu Ihnen , ich habe es verhindert . « Er konnte aus keiner Bewegung entnehmen , ob Fanny ihm zuhörte . » Sie fragen nicht , teure Fanny , wie das Unglück geschah ! « Fanny schwieg . » Ihnen das zu sagen bin ich gekommen , « fuhr er fort ; » ich wartete die Dämmerung ab , weil ich nicht den Mut hatte , im Tageslicht Ihr Gesicht zu sehen . - Ich , Fanny , ich habe auf ihn geschossen . « Nach einer kurzen Pause sagte sie mit derselben fremden , unnatürlichen Stimme : » Sie haben recht daran gethan ! « Er erschrak so sehr , daß ihm eine Weile die Stimme versagte . » Fanny , « begann er , sich bezwingend , » ich muß Ihnen etwas Schreckliches gestehen : ich haßte diesen Mann , seit ich wußte , daß Sie ihn mit Ihrer Liebe beglückten . Ich sah Sie und ihn vorgestern am Fenster , und er küßte Sie . Er aber , ich wußte es lange , hatte auch mit dem Mädchen von Liebe gesprochen . Da kam es über mich - es war nicht so klar wie ein bestimmter Plan , nicht einmal ein Gedanke - es kam wie ein dunkler Wunsch in meine Seele , daß er sterben möge , damit Sie lieber seinen Tod als seinen Verrat beweinen möchten . Ich weiß gewiß , daß ich in diesem dunklen Wunsch den Vorschlag zur Jagd annahm . Alle Unglücksfälle , die bei solchen Gelegenheiten vorgekommen , fielen mir ein : wenn Taiß sich irrte - wenn Joachims Büchse ihm in der Hand platzte - lauter sonderbare , unwahrscheinliche Sachen . Ich dachte auch nach über alles , was nach solchem Unglücksfall geschehen konnte . Und als ich allein im Walde stand , da kam ' s mir plötzlich : wie , wenn meine Hand ihn niederstreckte unter der Maske des Zufalls ? Es war ein fiebernder Gedanke , kein Entschluß - bei Gott , noch kein Entschluß ! Und als mein getrübtes Auge , meine zitternde Hand erst einen Stein , dann Joachims graubraunen Jagdrock für das Tier , das wir jagten , genommen , da - da begriff ich , daß ich in Gedanken ein Mörder gewesen , daß die Gedankensünde mir als That angerechnet werden müsse , weil ein Zufall sie wahr gemacht . Nicht vor anderen Menschen - nicht vor Taiß , der mich darum befragte - nein , aber vor Ihnen , Fanny , vor Ihnen bin ich schuldig , denn ich wollte Ihnen das Liebste töten , das die Erde für Sie trägt , und ich bedachte nicht , daß auch an seiner Leiche der Verrat noch offenbar werden würde , wie er an seiner Wunde offenbar geworden . Verzeihen Sie mir ? « Sein Ton war matt geworden , die lange Erzählung hatte ihn sehr gemartert . » Nein , « sagte Fanny vor sich hin , » nein , ich verzeihe Ihnen nicht , daß Sie ihn nicht in sein Herz geschossen haben . « » Fanny , teure Fanny , seine unbedachte Jugend verdient nicht die Wucht Ihres Hasses , « rief Lanzenau entsetzt . » Sie werden diesen Schmerz überwinden . Was konnte Ihnen der junge , unbedeutende Mann sein ? Eine ästhetische Aufwallung ! Sie werden ihn vergessen . « Sie schwieg . » Fanny , « sagte er leise , » o Fanny , wie habe ich Dich lieb ! « Es war der Trost , den sein Herz ihr zu bieten hatte , ihr das zu sagen . Sie aber löste ihre Glieder aus der erstarrten Ruhe , sie fuhr zusammen . Wie widerwärtig ihr das klang - und einst dasselbe , ganz dasselbe Wort aus Joachims Mund so süß . Wie leer sind Liebesworte ! Nur in dem Mund , aus dem sie gehen , wohnt der Zauber . Fanny warf sich zu Boden und legte ihr Gesicht auf die Kissen des Sofas . » Haben Sie ihn so sehr geliebt , Fanny ? « fragte Lanzenau erschüttert . » Was fanden Sie an ihm ? « Sie erhob ihr Gesicht ; es war so dunkel , daß man es nur weiß schimmern sah , ohne ihre Züge zu erkennen . » Was er mir war ? Wie ich ihn erkor ? « fragte sie leise , als richte sie an keinen Menschen , sondern an ein unsichtbares Wesen das Wort , » warum gerade ihn - vor so vielen , vielen , die der höchsten Liebe , der höchsten Bewunderung wert waren ? Ich weiß es nicht . Wunder kann man nicht erklären . Ich mußte . In ihm fühlte ich mich vollkommen als Weib , ihm glückselig unterthan . Die Vergangenheit mit ihrem ganzen Inhalt an Arbeit und Freude , die Zukunft mit ihrem ganzen Inhalt an Gram ist nichts . Ich habe nicht gelebt außer in den Stunden , wo ich mit ihm war . Sein Wert ? Dagegen der meine ? Handelt die Liebe mit Werten ? « » Fanny , « flüsterte er , » so können , so werden Sie ihm verzeihen . Severina muß entsagen . « All sein Haß , seine wahnsinnige Eifersucht erstarb in der wachsenden Angst , sie zu Grunde gehen zu sehen . » Nein , « sagte Fanny mit eisernem Ausdruck , » ich hasse ihn ! « Er schwieg . Was konnte er noch sagen ? Er fühlte , ihr Herz glich erstarrter Lava . Worte konnten sie nicht wieder schmelzen . Lange saß er stumm , während sie neben ihm kniete . Endlich erhob sie sich und schritt an das Fenster . Er wollte sich unhörbar entfernen ; Einsamkeit , dachte er , sei ihr das willkommenste . Aber sie vernahm ihn doch und fragte , als er schon die Thürklinke faßte , ohne sich zu wenden : » Weiß sie es ? « Er verstand - ob Severina von dem Doppelspiel wisse ? » Noch nicht - so viel ich weiß . « » Laßt ihr den Glauben , « sagte Fanny mit erstickter Stimme . Aber es war doch der alte , milde , erbarmende Ton darin , der verkündete , daß die Fanny von ehedem nicht ganz gestorben sei . Lanzenau fühlte , daß seine Augen naß wurden . Er ging . Fanny blieb am Fenster stehen . Nach einer Weile klopfte es , und gleich darauf trat die Jungfer herein , stellte eine Lampe und Thee auf den Tisch mitten im Zimmer . Lanzenau hatte sie geschickt und ihr befohlen , kein Wort zu sprechen , sowie sich sofort und schweigend zu entfernen . Das treue Mädchen folgte dem Befehl , nicht ohne auf die regungslose Gestalt der Herrin einen Blick tiefer Sorge zu werfen . Als sie hinaus war , wandte Fanny sich um und ging an den Tisch . Ihr Gaumen brannte , ihre Lippen waren trocken ; sie schenkte sich eine Tasse Thee ein und führte dieselbe , sie wie ein henkelloses Gefäß mit den Fingern umspannend , zum Munde . Sie fühlte nicht , daß die heiße Brühe durch das dünne Sèvresporzellan brannte . Plötzlich ward die Thür aufgerissen , Severina kam herein . Fannys Finger krampften sich zusammen , die feine Tasse zerdrückend , und mit den Scherben goß sich der glühende Trank an Fannys Gewand herab . » Er schläft endlich , « sagte Severina , dicht an Fanny herantretend ; » nun ließ es mich nicht länger . Ich muß Sie fragen , ob Sie ihn mir wirklich nehmen wollen ? « Die glanzlosen , müden Augen Fannys hafteten auf dem Gesicht des Mädchens . Das also war sie , die er vor ihr geliebt . Fannys Seele hatte alle Energie verloren , sie wunderte sich nicht einmal . » Er schrieb es mir , « fuhr Severina fort , mit funkelnden Blicken Fanny messend , » er klagte mir , ob es denn möglich sei , daß ein Herz zugleich zwei Frauen umfassen könne , er legte in meine Hände die Entscheidung . Er rechnete vielleicht auf meinen Edelmut , ich sollte ihn freigeben , damit er der Gatte der reichsten und angesehensten Frau werden könne . « Da regte sich etwas in Fannys Herzen ; durch die Erstarrung ging es wie ein Riß . Sie fühlte ganz deutlich , daß dieses Mädchen ihn nicht so tief , so grenzenlos blind liebte , wie sie selbst es gethan . Es war niedrig von ihr , Joachim der Berechnung zu verdächtigen , und - das fühlte Fanny auch - solche Art Unlauterkeit hatte nie in Joachims adeligem Sinn Platz gehabt . » Severina , « sagte Fanny leise , » ist denn an mir nur Geld und Stellung liebenswert ? « Das Mädchen erschrak und verfiel von der auftrotzenden Zornesstimmung unvermittelt in den größten Jammer . Fannys Ton hatte sie tief erschüttert . Sie fiel ihr aufweinend um den Hals . Fanny stand wie eine Statue . » Lassen Sie ihn mir . Er ist so schwach . Er wird thun , was Sie befehlen . Sie haben so viel in der Welt . Ich habe nichts als ihn . « Dieses Mädchens ganze Jugend , von ihren frühen Kinderjahren her , wäre freudlos und liebearm gewesen , wenn Fannys Güte ihr nicht alles , alles ersetzt hätte , was sonst ein geduldiges Mutterherz einem Mädchen geben kann . Hundertmal war das Gelöbnis ewiger Dankbarkeit von ihren Lippen gegangen , die Versicherung der anhänglichsten Liebe , der Wunsch , daß einmal eine Gelegenheit kommen möge , diese Liebe zu bethätigen . Um Fannys Lippen schlich ein Lächeln . Nun kam auch nicht einmal in leisester Aufwallung der Gedanke in Severinas Herz , um Fannys willen zu entsagen , nicht einmal ein Gedanke des Mitleids kam , daß doch auch Fanny leide . » Laß mich allein , « sagte sie , das Mädchen von sich wehrend , » morgen ist auch ein Tag und morgen ... « » Morgen ? « drängte Severina fragend , als Fanny stockte . » Morgen will ich mit ihm sprechen , « flüsterte sie , und dabei ging ein sonderbares Licht in ihren Augen auf . Sechzehntes Kapitel Joachim lag auf dem für Lanzenau im Wohnzimmer hergerichtet gewesenen Lager . Er fühlte sich , abgesehen von einer natürlichen Mattigkeit infolge des Blutverlustes , ganz wohl . Irgend jemand leistete ihm immer Gesellschaft . Lanzenau erschien am frühen Morgen und setzte sich zu ihm . Der ältere Mann hatte dem jüngeren dasselbe unumwundene Geständnis abgelegt wie Fanny . Joachim versteckte dabei sein Gesicht in den Kissen und murmelte nachher , des Barons Hände drückend : » Ich allein - ich bin an allem schuld . « Während dann Lanzenau an dem Bette saß und es überdachte , was seit Monaten um ihn geschehen , in ihm vorgegangen , vollzog sich die Wandlung vollends , die gestern in seinem Herzen begonnen , als er in Fannys schrecklich verwandeltes Gesicht gesehen . All seine eifersüchtige Liebe verklärte sich zu dem selbstlosen , einzigen Wunsch , Fanny glücklich zu sehen . Wenn er sein Alter dann auch nur an ihrer Freundschaft wärmen durfte , das war ihm genug . » Lieber Herebrecht , « sagte er einmal , » könnte sich nicht alles so lösen , daß aus Ihnen und Fanny ein Paar würde ? Severina mit ihren zweiundzwanzig Jahren wird überwinden . Aber sie - aber sie ? ! O , ich kenne sie , die späte Leidenschaft wird sie töten . « » Sie haben mir beide ihr Herz entzogen , « sprach Joachim schwach , » ich fühle es . Severina ging gestern stumm und drohend um mein Lager - und sie ist noch gar nicht hier gewesen . « Er wagte nicht einmal Fannys Namen zu nennen . » Sie wird nachher kommen . Sie hat es Severina gestern abend gesagt . « Adrienne und Graf Taiß kamen , um nach dem Patienten zu sehen . Die junge Frau hatte nun auch alles erfahren , und ihr Blick war ernst , fast kühl . Joachim fühlte es mit Scham . Taiß , dessen lebhafte Natur sich nicht in die allgemeine gedrückte Stimmung finden konnte , scherzte mit dem Verwundeten . Severina kam mit ihrem Pflegevater dazu ; die lebhafte Teilnahme , die der Pastor zeigte , gab Severina die Gelegenheit , sich in die fernste Zimmerecke zurückzuziehen , ohne Joachim zu begrüßen . Aber ihre Augen hingen unausgesetzt an ihm , der bei ihrem Eintritt stark errötete . In das menschengefüllte Zimmer trat nun Fanny . Wie mit einem Schlag erstarb jedes Gespräch . War es möglich - konnte eine Nacht voll Gram eine Frau , die in der Vollblüte ihrer Schönheit geprangt , so altern ? Die Züge scharf , die Farben gelbgrau , die Augen hohl machen ? Joachim schloß die Augen . » Ich bitte , « sagte Fanny laut und ganz sicher , » daß der Leidende nicht von so vielen Personen auf einmal besucht wird . Lieber Herr Pastor , warten Sie vorn , es ist möglich , daß Herr von Herebrecht Ihnen nachher etwas zu sagen hat . Lanzenau , Sie bleiben wohl . « Das hieß doch ohne Zweifel , daß alle bis auf den Baron das Zimmer verlassen sollten . Taiß hatte Erbarmen mit Severina und führte sie . Joachim lag da mit wachsbleichem Gesicht ; er wagte nicht die Augen zu öffnen , denn er fühlte , daß sie neben seinem Lager stand und ihn betrachtete . Ja , mit den brennenden Augen , die noch keine Thräne geweint , stand sie und sah ihn an . » Joachim ! « Er erschrak vor dem Anruf und schlug den Blick zu ihr auf . » Fanny , « stammelte er , » Fanny , vergib mir ! Ich war Deiner Liebe nicht wert , das habe ich Dir immer gesagt . Ich bin schlecht und undankbar . Aber ich weiß nicht - ich konnte nicht anders - ich liebte Dich auch - « » Und Severina auch , « schloß sie mit bitterem Lächeln . » Sage , wie es kam , daß Du ihr von Liebe sprachst . « » Ich - ich sah , « stotterte er , » ich sah , daß sie mich liebte ... « » Und da war ich nicht im stande , ihr Gegenliebe zu versagen ! Und Du sahst , daß ich Dich liebte ... und so hast Du es schon früher bei einem Dutzend gesehen und wirst es noch bei einem Dutzend sehen und immer wieder lieben . So ist Dein Herz kein Herz , es ist nur ein Echo ! « rief sie , endlich der stummen Qual Befreiung in harten Worten gebend . » Fanny ! « mahnte Lanzenau . » Gut , « sagte sie , schon wieder zusammensinkend , » ich habe nichts zu fragen als dies : die Stunde der Entscheidung ist gekommen ; welche von uns beiden wird Dein Weib sein ? « » Fanny ! « rief Lanzenau entsetzt . Joachim sah Fanny an . Ihre Blicke brannten ineinander . Man hörte keinen Atemzug . Lanzenau , der dicht neben Fanny stand , beobachtete diese ineinander wurzelnden Blicke . Er las etwas darin - etwas , vor dem er zitterte . Es war , als ob in diesem bangen Schweigen der uralte Kampf Mann gegen Weib ausgefochten würde . Es war , als flammte die Verachtung des Weibes aus ihren