dem Schlößchen Malmaison stand sein kaiserlicher Stern zuerst nah dem Zenith . Dort verlebte er mit Josefine den Honigmond seiner Allmacht als Erster Consul . Und eben dort erlosch sein Stern , hier hauchte sie ihren letzten Odem aus - er folgte . Eh er sich England überlieferte , verweilte er die letzten Tage dort - in der Todtenkammer , die einst sein Ehegemach gewesen . Im nie endenden Orkan seines Lebens war dies die letzte Oase , die ihn einlullte mit der Fata Morgana vergangenen Glücks . So verbindet sich Alles in räthselhaftem Kreislauf , Anfang und Ende . Das Schicksal der Liebe , die Liebe des Schicksals . Erhaben der Ruhm , erhabener die Liebe . Welch ein Traum , dies Leben ! welch ein Traum , von dem die Aeonen weiterträumen werden ! Dem Sieger von Italien schwenkte man einst eine Siegesfahne entgegen , worauf die Schlachten der Armee von Italien eingeritzt . Am Ziel seiner Laufbahn aber schwebte über seinem Haupte geisterhaft eine schwarze Trauerfahne - darauf stunden sie eingegraben in blutigen Lettern , die Schlachten der Großen Armee : Marengo , Austerlitz , Jena , Friedland , Wagram , Borodino , Dresden - Leipzig , Laon , Waterloo ! Der Mensch ist Nichts , sein Schicksal Alles . Er war das Schicksal selbst und hatte sich erfüllt . Er fiel , aber die Erde wurde sein Monument . Mit einem einzigen Sprunge schwang er sich hoch auf des Sieges Donnerwagen und sein Triumph durchblitzte die schwüle Erde . Welch ein Mensch ! Die Sporen seiner Stiefel bohrte er der trägen Menschheit in die Weichen , aus ihrem Schlamme peitschte er sie auf als Gottesgeisel , er fuhr dahin auf seinem fahlen Renner wie der Todesengel der Apokalypse , er riß die Schollen auf wie eine brennende Pflugschar für den Samen der Zukunft . Ja , er hat dem Heros den Charlatan , dem Löwenherz den Falstaff , der Wahrheit die Lüge gepaart ; er war ein Gigant mit thönernen Füßen . Aber mit alledem hat er der Welt gezeigt , was ein einzelner Mann vermag vermöge des höchsten Herrscherrechts , das von Gott selber begnadet , kraft der Souverainität des Genies . Mag sein , er war ein falscher Messias und wurde an sich zum Judas . Aber sein Schicksal wollte es so . Er folgte einfach dem eingeborenen Dämon seiner Bestimmung , der ihn unaufhaltsam fortriß . Ein Größerer denn er war über ihm - wer sich von ihm gerufen fühlt , kann nicht widerstehen . Ja , er war der feurige Wetterstrahl , der die stickig dumpfe Atmosphäre des morschen Europa von einem Ende zum andern durchzuckte , der durch den Gewitterhimmel der Revolution leuchtete wie eines Racheengels Flammenschwert . Der Orkan , mit dem er die Welt durchrüttelte , durchtobte ihn selber und schleuderte ihn wie eine entfesselte Naturgewalt über zerstampfte Völkerleichen hin . Millionen fluchten ihm , Millionen wurde sein Name ein Talisman der Begeisterung . Man kann das Eine nicht loben , das Andere nicht tadeln . Denn er war wie ein blindes taubes Naturgesetz , wie eine eiserne Nothwendigkeit . Das Splitterrichtern der neidischen Mittelmäßigkeit , der zwerghafte Neid verklagt ihn vor dem Richtstuhl der Geschichte . Aber er hatte der Welt in sich ein Ideal gegeben , in der übermenschlichen Symbolik seines Schicksals - das gilt mehr wie alle Ideologie . - - - Als ob der Zufall zu den Reflexionen Leonharts einen geheimen Zusammenhang beanspruche , stieß dieser plötzlich nahe an der Potsdamer Brücke auf ein seltsames Paar . Ein auffallend kleiner Mann , genau so groß wie Napoleon gewesen , schritt heftig gesticulirend neben einem Riesen her , der demüthig auf seine Worte wie auf prophetische Weissagungen zu lauschen schien . » Sieh da , Doctor Paulus ! « Der kleine Herr blieb stehn und erwiderte Leonharts cordialen Gruß mit einer Verbindlichkeit , welche etwas Gezwungenes und Verlegenes nicht verleugnen konnte . » Ah , entzückt Sie mal wieder zu sehn . Wollen eben in den Café Boulevard . Kommen Sie mit ? - Erlauben Sie , daß ich die Herrn bekannt mache - doch Sie kennen ja wohl Herrn - « » Berthier ? Gewiß . « Der Große verneigte sich , zustimmend , daß man sich kenne . » Berthier ? ! Hahaha ! « lachte Doctor Paulus auf . » Nein , Beuthin . Mein ehrlicher Beuthin als Generalstabschef - nicht übel . « » Verzeihen Sie , Herr Beuthin , ich versprach mich Ideen-Assoziation ! Weil Sie so ' was Napoleonisches haben , lieber Doctor . « Doctor Paulus lachte kurz auf und schritt mit einem leichten imperatorischen » Kommen Sie ! « den beiden Anderen voran . Leonhart , der sich anschloß , » um einen Schlummerpunsch zu genießen , « beobachtete ihn heimlich . Paulus war sehr elegant gekleidet , nach englischer Mode , einen breitkrämpigen Cylinder neuesten Londoner Stils auf dem interessanten Haupt . Obschon weit unter Mittelgröße von Statur , schien er nervig und muskulös . In seinen klar und scharf geformten Zügen lag etwas unverkennbar Füchsisches . Doch erinnerte er noch mehr an einen scharfspürenden behenden Jagdhund . In seinem Wesen trat eine hastige nervöse Unruhe hervor , als ob er stetig auf einen Fang laure . Seine breite , aber glatte niedrige Stirn , sein stechendes Auge , seine scharfe schnarrende Stimme konnten für den geübten Physigonomiker wenig Vertrauen erwecken . Ein Solcher hätte auf den ersten Blick in diesem » verdammt schneidigen Kerl « einen ausgezeichnet praktischen Kopf , jedoch ohne höhere geistige Veranlagung , erkannt . In seinen kräftig brutalen Kinnladen , seinem massiven Kinn verrieth sich eine eiserne Energie . Als Leonhart die Bekanntschaft des Doctor Paulus machte , führte dieser eine ziemlich dunkle Existenz als eine höhere Art von Abenteurer . Er hatte als Doktor promovirt mit einer Disputation über die Schelling ' sche Philosophie , die zwar nichts Positives beibrachte , sich aber durch ätzende Kritik und schneidende Logik hervorthat . Seither trieb er sich in Berlin umher , ohne daß Jemand wußte , wovon er lebe . Er erzählte stets merkwürdige Geschichten aus seiner Londoner Vergangenheit , wie er als man of fashion drei Jahre lang sein ererbtes Vermögen aufgezehrt habe . Englisches Halbblut mütterlicherseits , behauptete er sogar eine hypothetische Verwandtschaft mit einem bekannten britischen Staatsmann . Von seiner Londoner Aera wollte er auch die Vorliebe für Brandy mitgebracht haben . » Let ' s have a drink ! « bedeutete bei ihm , wie sich Leonhart erinnerte , das Hinunterstürzen etlicher Gläser Cognac . Auch im Biere leistete er Großes . Leonhart lernte ihn zuerst kennen , als der rührige Streber eine Zeitung gründen wollte . Diese Idee schien jedoch mehr als Lockvögelei berechnet und zerann spurlos im Sande . Im » Feudalen Klub « trat er als ständiger Gast mit stolzer Sicherheit auf . Einmal klagte er Leonhart gegenüber voll Entrüstung , daß der Klub-Vorsitzende Graf Bärme , der sogenannte Mephisto mit der schwarzen Ledermappe ( in welcher alle Collekten-Geheimnisse der Konservativen Partei schlummerten ) , ihn erst später , nachdem er mit einem fremden Herrn eine Viertelstunde am Tisch gesessen , näselnd vorgestellt : » Da es nun ja doch nicht mehr zu umgehen ist : - Sr. Excellenz Minister von X. - Doctor Paulus . « Noch mancher andren Ueberhebung hatte Graf Bärme ( der hochwohllöbliche Ordensjäger und Kammerherr , der sich vom einfachen » von « zum » Baron « und nachher zum » Grafen « emporschwang und die unerwartete Millionen-Erbschaft eines Onkels durch tausenderlei Geldgeschäfte und schmutzigen Geiz noch vermehrte ) sich gegen den kleinen Paulus schuldig gemacht . Das kerbte dieser ihm gründlich an , und sobald er ein großer Mann geworden , mußte Bärme dafür büßen . Ein großer Mann - ja , das wurde er bald genug . Leonhart gehörte zu den Wenigen , die es voraussahen . Sein tiefer psychologischer Scharfblick sagte ihm , daß aus dieser kleinen Schlange sich ein geflügelter Drache entpuppen werde . Er erkannte eine moderne Conquistadoren-Natur und sprach es Anderen gegenüber aus , die ihn darob belächelten . Doch die Ereignisse sollten ihm überraschend Recht geben . Paulus warf sich in die Colonialbewegung und klomm hier binnen kürzester Frist zu den höchsten Höhen des Erfolges empor . Meisterhaft verstand er es , seine Freunde auszunützen und ihnen dann einen Tritt zu versetzen . Intrigant vom Scheitel bis zur Sohle , liebte er die Taktik , alle Leute gegen einander zu hetzen und als beliebige Werthe auszuspielen . Vortrefflich berechnet wirkte auch sein Verhalten gegen seinen früheren herablassenden Gönner Graf Bärme . Er warf nämlich durch einen Staatsstreich diesen alten Herrn spornstreichs aus dem Vorstand der » Teutonischen Monopol-Colonial-Actiengesellschaft « hinaus , in den sich Bärme wie gewöhnlich hineingeschmuggelt hatte : Das kindliche Vergnügen , seinen Namen als Comité bei allen unpassenden Gelegenheiten gedruckt zu lesen , schien ihm gar zu süß ! Sobald nun Paulus seiner kleinlichen Nachsucht Genüge gethan , hob er den Zerknirschten sammt seiner schwarzen Ledermappe huldvoll wieder auf und bugsirte ihn aufs neue an hervorragender Stelle in den Vorstand . Der gräfliche Mephisto fühlte sich überwunden . Feig und demüthig dem Stärkeren gegenüber , wie alle brutalen Naturen , kroch er jetzt den großen Mann bereitwillig an und wurde sein ergebenster Sclave . Paulus brauchte einen gräflichen Namen bei seiner Actien-Unternehmung und Bärme , den er aus diesem Grunde auf allen Geschäftsreisen als Adjutanten mit sich als Bärenführer herumschleppte , sonnte sich gern in der Ruhmessonne , die den schneidigen Colonial-Pfadfinder umstrahlte . Dieser erlaubte ihm sogar , einzelne Catilinarier auf Gesellschafts-Unkosten in weißen Stoffen , als Colonialreisende auszurüsten , damit Bärme in allen Straßen das Naturwunder ausschreien konnte ( auch Leonhart genoß von ihm diese werthvolle Mittheilung ) : Er , Bärme , rüste auf seine Kosten Reisende aus . - - » Ich erlaube mir ... « hob der Gewaltige an , indem er sein Cognac-Gläschen grüßend gegen Leonhart schwenkte , sobald sie sich auf einem Sammetsopha des Café Boulevard niedergelassen . » Haben uns ja so lange nicht gesehn . « » Sie sind mittlerweile ein großer Mann geworden . Dachte mir ' s immer . Aber eine so glänzende Carriere wie Ihre ist mir doch wirklich in meiner Praxis noch nicht vorgekommen . « Paulus lachte kurz auf , als ob er das Gesagte für überflüssig halte . Schien ihm seine Carrière jetzt doch ganz selbstverständlich . » Und Sie , lieber Herr Leonhart ? Haben indeß viel publizirt , nicht ? Ach , wer kommt heut zum Lesen ! « » Das hat man schon zu Adams Zeiten gesagt , um sich zu entschuldigen ! « warf jener bitter ein . » Ja , mag sein . Doch wirklich , das ist heut ein trauriger Beruf . Ich bitt ' Sie , kann man denn davon leben like a gentleman ? - Wissen Sie was , Sie sollten doch mal Ihre schneidige Stahlfeder in den Dienst unsrer patriotischen Sache stellen . Wollen Sie ? Ich lade Sie hiermit feierlich ein , als Gast der Teutonischen Monopol-Kolonial-Actiengesellschaft « , er sättigte sich mit Behagen an dem volltönenden Titel , » bei uns in Afrika zu verweilen . Wir stellen Ihnen große Blätter zur Verfügung für Berichte . Allerdings , haha , « er zwinkerte verständnißvoll mit den Augen , » würde man von Ihrer wohlbekannten Unpartheilichkeit erwarten , daß Sie gerecht , aber wohlwollend über unsere Verhältnisse urtheilen . Natürlich unpartheilich , unpartheilich ! Nun , was sagen Sie dazu ? « » Das ließe sich hören , « meinte Leonhart sinnend . Er hätte gern einmal dem ganzen Europa-Krempel Valet gesagt . » Gut . Basta . Herr Beuthin ! « Der hochgewachsene Generalsekretär der » Teutonischen Monopol-Colonial-Aktiengesellschaft « fuhr auf den herrischen Wink des kleinen Mannes zusammen , murmelte wie unbewußt » Zu Befehl « und riß eine gelbe Brieftasche heraus . » Notiren Sie ! Herr Doctor Leonhart wird für uns wirken . - Ach und wie hochpoetisch ! « fuhr er fort . » Diese Gebirgsscenerieen , diese Meeresufer ! Sie werden dort Stoff in Fülle finden . Schreiben Sie uns ein Colonial-Epos ! « » Nicht übel ! « lachte der Dichter . » Die neuen Conquistadoren , eine Heldenmär in zwölf Gesängen . Da soll ich wohl mit Ihrer Expedition ins Innere beginnen , wie ? « Der boshafte Klang dieser Frage entging dem Gewaltigen . Leonhart wußte nämlich , daß er gar nicht an Land gekommen und fieberkrank an Bord geblieben war , als man an der Küste in seinem Namen drauflosannektirte und » entdeckte « . Später aber , als er sich wirklich einer Expedition angeschlossen und angeblich Verträge mit Sultanen beschworen hatte , war er frühzeitig umgekehrt , weil den Strapazen nicht gewachsen . Seine Gefährten wollten sogar einen Mangel an persönlichem Muthe bei ihm bedauert haben . Arglos schwadronirte Paulus jedoch drauf los und schloß sein Jagdlatein nochmals mit der großartigen Aufforderung : » Ein für allemal , sind Sie hiermit eingeladen . Beuthin ! « Der maschinenhafte Berthier notirte gehorsam . » Tragen Sie in Ihr Merkbüchlein ein : Herr Friedrich Leonhart ist permanenter Ehrengast der Teutonischen Monopol-Colonial-Actiengesellschaft . Die Reise dorthin kostet nur 1300 Mark ; noch neulich sandten wir auf unsere Kosten einen jungen Maler , um Skizzen zu entwerfen . « » Zu Reklame-Zwecken ? « » Gewiß . Ich bin immer offen , wie Sie wissen . Sobald Sie erst bei uns in Uhahuba sind , steht Ihnen Alles zur Verfügung , Betrachten Sie sich dort wie zu Hause , mein theurer Herr Leonhart . « ( Das mochte nun freilich seine Schwierigkeit haben , da überhaupt noch kein Haus in Uhahuba stand , wie Paulus am besten wußte . Das nächste Blockhaus in der Nähe eines pantherreichen Dschungels empfahl sich auch recht freundlich als Sommeraufenthalt . ) » Haben Sie die Sache zur genauen Kenntniß genommen , Herr Beuthin ? « schnarrte er im Commandotou . » Zu Befehl , Herr Doctor , « murmelte sein dienstbeflissener Berthier . Der Gestrenge , lächelte holdselig und schwenkte ein neues Cognacgläschen : » Ich erlaube mir ... auf Ihr Spezielles ! Sagen Sie , neulich hat ja unser Freund Doctor Wurmb über Ihr neues Werk eine begeisterte Besprechung losgelassen . ( Studire übrigens grade das Werk ; kaufte es natürlich . Das ziemt sich . Nein , keinen Dank ! Die Bücher seiner Freunde kauft man . ) Freute mich recht , weil es sich um Sie handelte . War aber sonst ... hm ... nicht besonders geistreich geschrieben , wie ? « Da Leonhart nicht mit der Sprache herauswollte , fuhr er eilig fort : » Nun , jedenfalls war es verdienstlich , daß er für einen Mann wie Sie in die Schranken trat . Ach ja , in all meinen praktischen Beschäftigungen beneide ich Sie um Ihre ideale Thätigkeit . Sie wissen , ich studirte früher exacte Philosophie . Noch heute brüte ich in meinen Mußestunden über die Skala der Lust- und Unlust-Empfindungen . « » Welche sich gegenseitig aufheben . « » Ach nein , doch wohl nicht ! « Paulus stieß einen elegischen Seufzer aus . » Die Unlust-Empfindungen überwiegen durchaus . « » Daß ich nicht wüßte ! Die Unlust wird selbst zur Lust , als Bethätigung des Willens zum Leben , worin Lust und Unlust gleichwerthig . Man muß nur die Wonne des Leids in sich ausbilden . « » Sie habe ich natürlich bei meinem allgemeinen Urtheil nicht im Auge gehabt , « versetzte der Gestrenge , sich leicht verbeugend . » Schopenhauer sagt , die Genies seien stets abnorm . Sie als abnorme Natur darf ich nicht in den Kreis meiner Betrachtung ziehen . « Leonhart stutzte zuerst , dann wollte er sich innerlich vor Lachen auf dem Fußboden rollen . Offenbar ging der praktische Cyniker von dem richtigen Grundsatz aus , daß jeder Mensch eine unglaubliche Menge Schmeichelei vertragen könne ; ahnte aber bei seiner Menschenverachtung nicht , daß es auch Menschenkenner geben könne , die ihn selbst durchschauten . Doch seltsam ! Während er ironisch lächelte , fühlte sich der junge Dichter dennoch angenehm von dieser geschickt applizirten Flatterduse gekitzelt . » Bei mir , « versicherte der große Colonialpriester mit düsterem Stirnrunzeln und weltschmerzlichem Stimmfall , » überwiegen die Unlust-Empfindungen stets - soviel weiß ich . Kellner , einen Eierpunsch ! « Ei , dachte Leonhart , nachdem er aller Welt durch seine rücksichtslose Streberei Unlust-Empfindungen bereitet , sitzt er hier dick und fett am Biertisch und philosophirt über die Unlust ! - Paulus schien jedoch wirklich von sentimentaler Aufwallung übermannt . » Ach , mein Freund , schon allein ... Die Weiber ! « Und nun fing er an , englisch - Leonhart , der sehr gut Englisch sprach , begünstigte diese Affektation - von seinen Liebesgeschichten erzählen . Man mußte denken , daß hier Erstaunliches vorlag , wenn man ihm Glauben schenkte . Verlobte Mädchen aus guter Familie besuchten ihn in einer Wohnung und verriethen seinetwegen ihre Bräugams , Aerzte oder Assessoren - zur beliebigen Auswahl . » Jaja « , Leonhart wiegte nachdenklich den Kopf . » Der Geist übt eben dämonische Anziehungskraft auf die Frauen aus . « » Hm , ja , aber eben nur der praktische Geist , « schnarrte Paulus rasch , als ob er einen Eingriff in seine Privatrechte zurückweise . » Die Energie - das imponirt . Das Weib verachtet den unpraktischen Idealismus . Tata , das Dichten und Denken ! Die Energie - das ist die Hauptsache . « » Energie ! Glauben Sie etwa , daß nicht die höchste Energie erforderlich ist , wie Goethe ein Leben lang die Idee des Weltwerkes Faust mit sich herumzutragen und unablässig daran mitzureifen ? Offen gestanden , wär ' ich ein Genie , wie Sie sagen - kraft der inneren Untheilbarkeit des Genies , das ja Alles kann , was es anpackt möcht ' ich mich dann wohl verpflichten , unfähigen Gegnern gegenüber die Campagne Bonapartes von 1796 zu leisten - aber den Faust zu schreiben möchte wohl über meine Kräfte gehen . « » Ah ! Na ! Darüber läßt sich streiten . « Paulus sprang rasch von dieser Frage ab , die ja seine Eitelkeit kaum interessiren konnte , und fing statt dessen an , eine schreckliche Mordsgeschichte zu berichten . Er theilte Leonhart im Vertrauen mit , daß er heut früh ein Duell gehabt habe . Er sei mit einer Dame , einer schönen Dame , in einem Café gewesen . Da habe ein Dandy am Nebentisch anzügliche Bemerkungen über ihn und die Dame verlautbart . Er gleich hin - schneidig Rechenschaft verlangt - verweigert - Forderung - sofort am andern Morgen im Grunewald . » Und da hab ich ihm nun heut Morgen eine Kugel ins Bein geschossen ! « schnarrte er , indem er zugleich eine unnachahmliche Miene des Bedauerns und gekränkter Würde annahm . Leonhart starrte ihn sprachlos an . Glaubte der kleine Mann denn wirklich , daß solche Fabeln , die in sich als unmöglich zerfielen , Anklang finden konnten ? Eigentlich lag doch eine beleidigende Geringschätzung für Den darin , dem er solche wilde Märe auftischte . Als sein Blick zugleich auf den Chef des Colonial-Generalstabs fiel , der mit gehorsamem Maschinengesicht die englische Conversation , von welcher er kein Wort verstand , über sich ergehen ließ , - ergriff den Dichter ein solcher Ekel , daß er sich plötzlich empfahl . Der große Mann biederte ihn beim Abschied verbindlich an , brach aber seinem Seïden gegenüber los : » Ist das ein widerwärtiger Mensch ! Ich machte noch gestern dem Wurmb Vorstellungen , wie er den Menschen so überschätzen könne . Sein neues Buch - « » Herr Doctor haben es gekauft ? « » Ich ? Gott soll mich bewahren ! « » Aber Sie äußerten doch vorhin ... « » Gewöhnen Sie sich dies doch endlich ab , Beuthin , « schnarrte der kleine Mann in seinem vernichtendsten Nasalton , » Sie mißverstehen mich immer . Nicht mit Augen gesehn hab ' ich das dumme Buch . Dies Gedichteln überhaupt ! Als ob wir nicht schon an den ollen Klassikern übergenug hätten ! - Uebrigens , denken Sie an meine Worte , der Mensch wird noch im Irrenhause enden . Will die Campagne von 1796 auch machen - ein Mensch , der nicht mal Militär ist . Haarsträubend ! Der pure Größenwahn ! - Was , wie , sind Sie nicht auch meiner Ansicht , Sie ? « » Zu Befehl , Herr Doctor , « stammelte der hochgewachsene Chef des Generalstabs mit der gelben Notiztafel , unter dem Blick seines Empereurs erzitternd in seines Nichts durchbohrendem Gefühl . Dieser aber fing in kreuzfideler Stimmung zu trällern an : » Mutter , der Mann mit dem Coaks ist da ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Was für ein Mensch , dieser kleine Duodez-Napoleon ! dachte Leonhart , indem er sich zu Haus entkleidete . Aber was für ein Beweis , wozu man es bringen kann mit Glück und strebernder Energie ! Waren Napoleons Anfänge denn anders ? War er minder verlogen und grundsatzlos ? Ist dies nun Größe ? Und da der Dichter also sann , umspann sein Hirn ein wundersamer Traum . Gewaltig sah er an sich vorüberwallen - wie Banquo ' s Königsschatten , im Hermelin vermummt - die Schatten der vergangenen Thaten , die man als » Größe « pries . Doch was ist Größe ? Ihm war , als sehe er ihn vor sich , den Korsen . Bleichfarbig , hager wie dem Grab entstiegen , von Wuchs weit unter dem gewohnten Maß , von straffem Haar das Haupt umwallt , aus dem ein schicksalmächtiger Blick , dolchscharf wie blauer Stahl , dämonisch blitzt . Er ist allein und hungert . Jener Name , der einst die Himmelswölbung erschüttern wird , blieb im Sturm der Zeit noch ohne Echo . Die bunte Menge rennt an Ihm vorüber , auf den einst die Aeonen schauen werden , nur verächtlich musternd die Knechtsgestalt des unbekannten Gottes . Und dennoch ist er ja glücklich , in dem Bewußtsein innerer Allmacht groß , der kleine Bonaparte ! Groß war er ja als Knabe schon , da er dem Windeswehn und Meeresrauschen der Heimathinsel lauschte - er , aller Träumer Größter , Shakespeare der That , dem all sein Leben zu einer Schicksalsdichtung ward . Horch , wie Posaunen schmettert ' s durch die Lüfte ! Der Aar der Weltgeschichte rauscht herab , empor aus ruhmvoller Verborgenheit reißt es den großen Unbekannten , Diogenes aus seiner Bettlertonne , empor zum Sonnenfluge Alexanders . Die Brücke Lodi ' s und die Brücke von Arkole zimmert er zusammen zu einer riesigen Xerxesbrücke auf der er weiter nun und weiter stürmt zum Orient-Ufer Alexandrias , wo sich sein Ahn , der Welteroberer , ihm ähnlich an Jugend und Gestalt , ein ewiges Mal gesetzt . Marengo ! jauchzt die Erde siegestoll , und dann ununterbrochen , allbetäubend , gellt der Legionen Tuba : Heil dem Cäsar ! Austerlitz , Jena , Wagram , Borodino ! Ja , das ist Größe - ist dies das Glück ? Horch , welch neuer grauenvoller Ton ! Ein Trauermarsch von Millionen Trommeln , gerührt von florumwundenen Schlägeln auf eisumstarrter Steppe , geleitet nun zu Grab den Kaiseraar , den mit zerfetzter Trikolorenschwinge von seiner Sonnenhöhe dasselbe Schicksal bleiern niederwuchtet , das ihm zum Flug die Schwingen straffte . Das ist der Trauermarsch , der einst Beethovens Sehergeist entquoll , als ihm der allbewältigende Anblick des neugebornen corsischen Messias die » Symphonie Heroika « entpreßte . Doch da sich Jener als Judas am Ideale freier Menschlichkeit entschleierte , auf dem allein die wahre Größe wurzelt , verbannte er den Namen Bonaparte aus seiner Götter Tempel . Ob auch die Welt , die schnöd erbärmliche , die Sclavenheerde , die der Tag regiert , die früher dich mit Füßen trat , nun feige dir die Füße leckt und dich als » groß « anstaunt , du eherner Koloß - hohl bist du innen doch wie tönend Erz , du hast die Liebe nicht , die Liebe nicht , die Liebe nicht zum ewig Liebenswerthen - du bist verworfen von Schiller und Beethoven ! Abtrünniger , du bist nicht groß . Er ist nicht groß ? Blickt her , ihr großen Seher , aufs ferne menschenöde Eiland , wo Prometheus einsam festgeschmiedet am Fels im Meer ! Was wogt durch diese Seele wohl , bis sie gesänftigt , wie nach dem Sturm der wrackbesäte Ocean ! Dies stolze unruhvolle Herz , dies Meer , in das Vulkane sich gebettet , sänftigt sich nun und dehnt sich weltenweit und ruhig wird ' s in ihm . Aus dem Giganten , der den Ossa auf den Pelion gethürmt , wird nun ein Gott , ein ruhig stolzer Gott , der im Bewußtsein seiner Ewigkeit mit unsterblich hehrem Leiden auf das Vergängliche herniederschaut . Jetzt bist du groß ! Wie einst der arme Unbekannte groß - jetzt , jeder Macht entkleidet , allein dem Schöpfer gegenüberstehend , allein in deiner Blöße , Mensch ! Kleiner war der Kaiser , als einst der arme Lieutenant . Da er auf Throne als Schemel sich stützte , als Molochgötze der Gloire , war er kleiner als jetzt , wo er einsam an dem Grabstein seiner Größe lehnte , wieder allein mit den Träumen seiner Jugend , allein mit seinem Genie . Abgefallen sind Purpurtoga und goldner Lorbeerkranz und ellenhoher Kothurn , die Rolle Cäsars ist ausgespielt . Alles Andre war nur ein Fiebertraum im Scheintraum dieses Lügenlebens . Marengo , Austerlitz - das sind nur Namen , gelallt vom Weltgeist im Delirium - Kaiserthum , Weltreich und Gloire , das Gift von Fontainebleau und Elbas Schmach , der Flug gen Notredame , der Donnerschlag von Waterloo - alles nur Schatten , die der Wahn erzeugte , Leiden und Freuden eines Fiebertraums . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Und auch aus diesem Traum fuhr der junge Dichter empor , dem Traum der Wahrheit . Verstand er die Wahrheit , die ihm aus dem Abgrund des Unbewußten mächtig entgegenquoll ? Verstand er , daß Alles Irdische nichtig sei , keines Lächelns werth und keiner Thräne ? Daß nur Eines wahr und echt bleibt im kreisenden Wechsel der Dinge : Das große Ich , die kleine Welt umfassend ? O hüte , hüte dich , junger Gott ! so hörte er entschlummernd eine unsichtbare Stimme . Reiße dir nicht das Ewige aus wundem Herzen ! Laß den Fittich deiner Seele nicht hinschleifen im Staube , nicht frech emporkriechen an deines Geistes Postament das niedere Gewürm ! Sei groß ! Selbst im Orkan bewahre die kalte Wonne innerer Ruhe , wie Alpen ihren Schnee ! Schüttle den eitlen Größenwahn ab , der die wahre Größe vergiftet ! Sei groß ! Mit einem Lächeln entschlummerte der Träumer . Wie des Mondes goldiges Strahlenöl die Gewässer sänftigt , so gossen diese Gedanken Frieden in sein dunkles Sein . Noch im Schlaf trugen seine Züge den Ausdruck stolzer Unbeugsamkeit . Ein großer Mann oder ein großer Narr zu werden - beides war in seine Hand gelegt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Rother fuhr hinein in den reinen kaltklaren Wintermorgen mit verkümmertem welken Herzen . Dem Ideale innerlichst geweiht , verdammte ihn ein Dämon , nach Sinnlichem zu schmachten . Am Abgrund taumelnd , verlor er sich selber und schleppte , gemein nun mit Gemeinem , die innere Kette seines Wahnsinns mit , wie der Galeerensclave seine Fessel . Genuß ! Drängt nicht nach Genuß jedes Wesen ? Und nur dem Idealisten - ach , nur ihm soll der Schmerz als Genuß genügen . Wer aller Gabea zum Genusse bar , dem blüht nur noch ein Islandmoos am Kraterrande : Entsagung . War er denn schuldig ? Hatte eigene Schuld ihn verstrickt in lächerlichen Wahn ? Nein , das Schicksal einzig hatte es so gefügt , das tief in ihn gepflanzt den Keim der Leidenschaft , die selbstvernichtend zugleich vernichtet , was sie wild erstrebt . Höre den Winterwind , wie er brausend hinheult über die öden Felder ! Aus dem Schnee heben sich die dunkeln Sträucher , wie Kuchenbrocken aus einer Schicht von Sahne und Zucker . Fern ist noch die lenzliche Stunde , wo diese kahlen Aeste sich mit hellgrünen Knospenspitzen besetzen werden , freundlich angelacht von der warmbestrahlenden Mittagssonne . In diese brachen Flächen , noch des Winters ganze frostige Starre athmend , werden sich kleine Inseln greller Grasstriche einsprengen . Ob auch droben in den Wipfeln noch Alles todt und kahl , drunten schießt das Gras in üppiger Fülle empor . Immer höher züngeln und klettern die Keimtriebe des Frühlings hinan , bis sie auf den Kronen der Wälder ihr grünes Laubpanier ausstecken und siegesfroh schwenken über die junge Welt . Die Sonnengluthen werden goldig glitzern , als wolle die Natur Hochzeitfackeln entzünden , und alle Vögel werden jubiliren , wenn der große Naturmaler die Palette anlegt und beginnt , die Natur zu untermalen . Ja , das Alles wird sein . Aber noch ist er nicht da , der Frühling , noch herrscht der Winter . Der Wind heult ein Sterbelied der Vergänglichkeit in tollem Vernichtungsdrang , wo er durch ächzende Wälder psalmirt . Und im Winde vernahm Rother ein Sterberöcheln , das ihn durchschauerte wie das seiner eigenen Seele , die Selbstmord an sich beging . Ihm war , als