rings um die Kanne verstreut lagen ... Da sank die Binde von seinen Augen ! Ein qualvoller Schrei - » Er ist dabei , Helenental anzuzünden . « Alles rings um ihn wirbelte und wogte , seine Hände umklammerten krampfhaft das Randbrett , sonst wär ' er rücklings herniedergestürzt . Nun lag alles klar ... des Vaters wirres Reden , sein Lachen , sein Drohen ! Aber noch war es Zeit . - Der Alte kroch ja nur an seiner Krücke . - Wenn er selber sich zu Pferde warf - ihm nachgaloppierte ... » Ein Pferd aus dem Stall ! « schrie er in den Sturm hinein und sprang an der Leiter hinab ... Da plötzlich zuckte es durch sein Hirn : » Warum fragte der Vater so genau nach der Zeit , da vor jenen Jahren - - ? Soll etwa zu derselben Minute das Rachewerk sich vollziehen ? Jesus , dann ist alles verloren . Eins war die Stunde , die ich ihm nannte , - und die Uhr ist eins ... « Eine wahnsinnige Angst packte ihn - wiederum flog er die Leiter hinan . Im nächsten Augenblick mußte die Flamme drüben emporsteigen . Flammt es da nicht schon ? Nein , nur der Mond ist ' s , der in den Fenstern des » weißen Hauses « glitzert ... Vater im Himmel , gibt es keine Rettung , kein Erbarmen ? Wenn ein Gebet , wenn ein Fluch die Kraft besäße , daß die erhobene Hand erstarre ! ... Wer warnt ihn , wer gibt ihm ein Zeichen , daß er umkehre auf seinem Wege ? ... Aber da flammt ' s ! - Nein ... Noch eine Sekunde vielleicht , dann wird der Feuergleisch am Himmel stehen ... » Elsbeth , wach auf ! « ... Ebenso wird es flammen wie damals vor acht Jahren , als ihm , der im Helenentaler Garten lauerte , der blutige Schein die Glieder lähmte ! - Wenn heute wie damals über der Heide ein Gleisch aufstiege ! Damit des Vaters Hand erstarre , mitten im verbrecherischen Werke ! Gott im Himmel , laß ein Wunder geschehen ! - Laß einen Gleisch aufsteigen über der Heide , wie damals - wie damals ! Flammen müßt ' es - hier müßt ' es flammen ! Ein Blitz müßte niederfahren , damit die Lohe zum Vater hinüberschriee : » Halt ein , halt ein ! « - Und liegt denn alles klar und sternenhell ? steigt keine Gewitterwolke über der Heide auf ? - Vielleicht reckt er sich jetzt schon zum Strohdach empor ! Vielleicht reibt er jetzt schon an den Hölzern ! Im nächsten Augenblick kommt jede Warnung zu spät . Flammen müßt ' es - hier müßt ' es flammen ! Und ist keine Fackel da , die ich schwingen könnte , ihn zu warnen ? Flammen müßt ' es - hier müßt ' es flammen ! Und wie er mit stieren , vorgequollenen Augen , ringend nach Rettung , um sich starrte , da loderte es plötzlich hell wie jene Flamme , die ersehnte , durch sein irres Hirn . Er jauchzte laut auf . - » Ja , das ist ' s ! Der Schreck wird ihn erstarren machen . « Rettung ! Rettung um jeden Preis ! Mit beiden Händen ergriff er die Kanne , und in weitem Schwunge goß er den Inhalt über die aufgestapelten Garben ... Ein Griff nach den Streichhölzern - ein leises Zischen - der Sturm braust hohl in die Öffnung - und - hochauf spritzt die Flamme und faucht ihm ins Gesicht ... Ein wilder , gellender Schrei ... Ihm wird es dunkel vor den Augen ... er sucht einen Halt und greift blindlings in das Feuer hinein ... doch was er erfaßt , gibt nach , und - in dem nächsten Augenblick stürzt er , eine flammende Gabe krampfthaft umklammernd , in weitem Bogen mitsamt der Leiter rücklings in das Stroh ... Schon lodert sein Lager hellauf - noch hat er so viel Kraft , sich seitwärts hinabzukollern - im nächsten Augenblick schon steht alles ringsum in Flammen ... Und der Sturm bläst hinein , da erhebt sich ein Pfeifen , ein Zischen , ein Singen hoch in den Lüften ... , schon leckt es feurig am Firste hinan . Er stürzt auf den Hof zurück , der noch schweigend vor ihm liegt . » Feuer - Feuer - Feuer ! « geht gellend sein Ruf , die Schlafenden zu wecken ... In den Ställen , wo die Knechte liegen , wird es lebendig , aus den Kammern tönt ein Kreischen ... Schon ist das Dach in einen feurigen Mantel gehüllt . Die Dachpfannen beginnen zu platzen und stürzen prasselnd zur Erde . Wo eine Lücke entsteht , spritzt sofort eine Flammengarbe gen Himmel . Bis dahin hatte er mutterseelenallein auf dem Hof gestanden und mit gefalteten Händen dem grausenvollen Werk zugeschaut , nun wurden die Türen aufgerissen , Knechte und Mägde stürzten schreiend auf den Hof . Da seufzte er tief und erleichtert auf , wie nach vollbrachtem Tagewerk , und schritt langsam nach dem Garten , ehe daß einer ihm begegnete ... » Hab ' lange genug gearbeitet , « murmelte er , die Tür des Zaunes hinter sich ins Schloß werfend , » heut will ich ausruhen . « Mit schleppenden Schritten ging er den Kiespfad hinab wie ein Todmüder , und unaufhörlich sprach er vor sich hin : » Ausruhen - Ausruhen . « Sein Blick glitt matt in die Runde ... Von Mondenglanz und Flammenschein in ein Meer des Lichts getaucht , lag rings um ihn der Garten da , und die Schatten der sturmgepeitschten Blätter liefen gespenstisch vor ihm her . Hie und da fiel ein Funke , wie ein Leuchtkäferchen anzuschauen , auf seinen Weg . Er suchte sich die dunkelste Laube aus und verkroch sich in ihrem hintersten Winkel . Dort setzte er sich auf die Rasenbank und schlug die Hände vors Gesicht . Er wollte nichts mehr sehen und hören ... Aber ein stumpfes Gefühl der Neugierde hieß ihn nach einer Weile wieder aufschauen . Und wie er die Augen erhob , sah er die Lohe wie einen purpurnen , weißumsäumten Baldachin sich über dem Wohnhause wölben , denn dorthin stand der Sturm . Da wußte er , daß alles dahin war . Er faltete die Hände . Ihm war , als müsse er beten . » Mutter , Mutter ! « rief er , Tränen in den Augen , und reckte die Arme zum Himmel . - Und plötzlich ging eine merkwürdige Veränderung in ihm vor . Ihm wurde ganz frei und leicht zu Sinn , der dumpfe Druck , der all ' die Jahre lang in seinem Kopf gelastet hatte , schwand , und hochaufatmend strich er sich über Schultern und Arme , als wollte er sinkende Ketten abstreifen ... » So , « sagte er , wie einer , dem eine Last vom Herzen fällt , » jetzt hab ' ich nichts mehr , jetzt brauch ' ich auch nicht mehr zu sorgen ! Frei bin ich , frei wie der Vogel in der Luft ! « Er schlug sich mit den Fäusten vor die Stirn , er weinte , er lachte . Ihm war zumute , als sei ein unverdientes , unerhörtes Glück plötzlich vom Himmel auf ihn herabgefallen . - » Mutter ! Mutter ! « rief er in wildem Jubel . » Jetzt weiß ich , wie dein Märchen endet . - Erlöst bin ich - erlöst bin ich ! « In diesem Augenblick drang angstvolles Tiergebrüll an sein Ohr und brachte ihn wieder zur Besinnung - » Nein , ihr armen Viecher sollt nicht umkommen um meinetwillen ! « rief er aufspringend , » eher will ich selbst dran glauben ... « Er eilte zurück nach der Hintertür des Hauses , wo Knechte und Mägde eifrig Möbel ins Freie schleppten . » Seht den Herrn ! « riefen sie weinend und wiesen einer dem andern seine nackten Füße ... » Laßt liegen ! « schrie er , » rettet das Vieh ! « Eine Axt liegt am Wege . Mit ihr sprengt er die Hintertüren des Stalles , die nach den Feldern führen , denn der Hof ist schon ein Flammenmeer . Wie im Traum sieht er Garten und Wiese mit Menschen sich füllen . Die Dorfspritze rasselt heran , auch auf dem Wege von Helenental wird es lebendig . Drei- , viermal geht ' s in die Flammen hinein , die Knechte hinter ihm drein , dann sinkt er , von Schmerzen ohnmächtig , mitten in dem brennenden Stalle zusammen ... Ein Schrei , ein markerschütternder , aus Weibermunde , ließ ihn noch einmal die Augen öffnen . Da schien ' s ihm , als sähe er Elsbeths Angesicht , wie in Nebeln verschwindend , über seinem Haupte , dann ward es wieder Nacht um ihn . - - - - - - - - 21 Beim ersten Morgengrauen fuhr ein gar trauriger Zug auf dem Weg nach Helenental über die herbstliche Heide . Zwei schmächtige Leiterwagen , die langsam hintereinander herschlichen . Auf ihnen fand alles Platz , was von dem Heidehof noch übrig geblieben war . In dem ersten lag , in Stroh gepackt , von Decken umgeben , sein Herr - mit Wunden bedeckt , bewußtlos ... Das blasse , zitternde Weib , das sich angstvoll über ihn neigte , war die Gespielin seiner Jugend . So holte sie ihn sich heim ... » Wir wollen ihn zu einer der Schwestern schaffen , « hatte Herr Douglas gesagt , aber sie hatte die Hände auf Pauls Brust gelegt , von der die versengten Kleiderfetzen niederhingen , als wollte sie für immer Besitz von ihm nehmen , und hatte erwidert : » Nein , Vater , er kommt zu uns ! « » Aber deine Hochzeit , Kind - die Gäste ! « » Was geht mich die Hochzeit an ! « hatte sie gesagt , und der lustige Bräutigam hatte verblüfft daneben gestanden . In dem zweiten Wagen lagen die wenigen Möbel , die gerettet waren , eine alte Kommode , ein paar Schubladen mit Wäsche und Büchern und Bändern , irdene Schüsseln , ein Milcheimer und die lange Pfeife des Vaters . - Wo aber war der hingekommen ? Der einzige , der vielleicht Auskunft geben konnte , lag hier besinnungslos , am Ende schon gar mit dem Tode ringend . War er geflohen ? War er in den Flammen zugrunde gegangen ? Die Mägde hatten sein Schlafzimmer leer gefunden , von ihm selber keine Spur . » Mir ahnt nichts Gutes , « sagte der alte Douglas , » Anlage zur Verrücktheit besaß er schon immer , und wenn wir morgen seine Knochen im Schutt finden , so bin ich mir klar darüber , daß er selber die Scheune in Brand gesteckt und sich dann in die Flammen gestürzt hat . « Als sie aber eben durch das Helenentaler Hoftor fahren wollten , hörten sie seitwärts von der Scheune her ein klägliches Hundegeheul und sahen einen fremden Köter , der die Vorderpfoten auf eine dunkel daliegende Masse gestemmt hatte und von Zeit zu Zeit an etwas zerrte , das wie der Zipfel eines Gewandes aussah . Erschrocken ließ Douglas halt machen und schritt dorthin . Da fand er den Gesuchten als Leiche liegen . Seine Züge waren schrecklich verzerrt und die Arme noch halb erhoben , als sei er plötzlich zu Stein erstarrt . Neben ihm lag ein zerbrochener Topf , und eine Streichholzbüchse schwamm in einer Lache von Petroleum , das in den lehmigen Wagenspuren wie in Rinnen weitergeflossen war . Da faltete der graue Riese seine Hände und murmelte ein Gebet . Als er zum Wagen zurückkehrte , zitterte er am ganzen Leibe , und seine Augen standen voll Wasser . » Elsbeth , sieh dorthin , « sagte er , » dort liegt die Leiche des alten Meyhöfer . Er hat unser Gut anzünden wollen , und Gott hat ihn erschlagen . « » Gott steckt keine Scheunen in Brand ! « sagte Elsbeth und blickte nach dem brennenden Hof zurück , von dem ein dunkelblauer Qualm in den trüben Morgen emporstieg . » Aber ist es nicht Gottes Fügung , daß wir gerettet wurden ? « » Hat uns einer gerettet , so tat es dieser ! « sagte Elsbeth . » Was ? Er soll alles geopfert haben , er soll ein Brandstifter geworden sein - bloß um - ? « » Frag ihn ! « sagte sie tonlos , und in aufsteigender Herzensangst schlug sie die Hände vor die Brust und wimmerte laut . » Geb ' Gott , daß er noch einmal antworten vermöchte , « murmelte Douglas . Dann erteilte er ein paar Knechten den Befehl , daß sie die Leiche des Alten in das Wohnhaus brächten . Nach einem Arzt war bereits gesandt worden , er selbst wollte zu den Schwestern fahren , um sie zu benachrichtigen . Mit verstörten Gesichtern kamen die Gäste dem Wagen entgegengestürzt , der vor der blumengeschmückten Veranda hielt . » Geht fort , « sagte sie und wehrte die tätschelnden Hände mit einer Gebärde des Grauens von sich ab . Auch der lustige Bräutigam , der während dieser Nacht eine gar klägliche Rolle gespielt hatte , kam herbei und versuchte ihr zuzureden , daß sie sich von dem hilflosen Leibe entferne . Sie aber schaute ihn mit irrem Blick von oben bis unten an , als erinnere sie sich nicht , ihn jemals gesehen zu haben . - Ein Gefühl seiner Wertlosigkeit mochte in ihm aufsteigen . - Beklommen und verschüchtert ließ er von ihr ab . Die Tanten eilten händeringend zu dem alten Douglas , der , auf ein Fuhrwerk wartend , vor den Ställen auf und ab schritt . Seine mächtige Brust atmete schwer , seine weißen , buschigen Brauen preßten sich zusammen , und seine Augen schossen Blitze . - Ein Sturm schien durch seine Seele zu gehen . » Erbarm dich ! « riefen die Weiber , » schaff Elsbeth zur Ruhe , - sie muß sich erholen , - es scheint , als will sie wahnsinnig werden . « » Wenn es so ist , wie sie sagt , « murmelte er vor sich hin , » wenn er sein Hab und Gut geopfert hat ! - Donnerwetter , laßt mich in Ruh ' ! « schrie er die Weiber an , die ihn umringten . » Aber denk an Elsbeth , « riefen sie - » um zwölf Uhr kommt der Pfarrer - wie wird sie aussehen ? « - - » Das ist ihre Sache ! « schrie er , » laßt sie nur machen ! Sie weiß genau , was sie tut ! « In dem Augenblicke , in dem Paul vom Wagen gehoben wurde , kam von dem Tore ein Häuflein Knechte daher , welche die Leiche seines Vaters trugen . - - - Dicht hintereinander wurden die beiden Körper in das » weiße Haus « getragen , und der Hund ging winselnd und schnuppernd hintendrein . Es war eine traurige Prozession . - - - Elsbeth ließ Paul in ihr Schlafzimmer schaffen , schloß die Tür und setzte sich neben das Bett . Vergeblich flehten die Tanten um Einlaß . Um elf Uhr kam der Arzt und erklärte , bis zum nächsten Morgen bei dem Kranken bleiben zu wollen . Er hatte sich wohl darauf eingerichtet , denn er war ein alter Freund des Hauses und gehörte zu den Hochzeitsgästen . Inzwischen sollte nach einer Wärterin telegraphiert werden . » Darf ich nicht bei ihm bleiben ? « fragte Elsbeth . » Wenn Sie können ! « antwortete er verwundert . » Ich kann ! « erwiderte sie mit einem rätselhaften Lächeln . Die Tanten pochten aufs neue . » Erbarm dich , Kind ! « riefen sie durch den Türspalt , » du mußt dich anziehen , du mußt zum Standesamt . Der Pfarrer ist gekommen . « » Er kann wieder gehn ! « antwortete sie . Draußen ließ sich ein Murmeln vernehmen , auch der Bräutigam half ratschlagen . » Was wollen Sie tun , mein Kind ? « sagte der greise Arzt und sah ihr forschend ins Auge . Da sank sie weinend vor dem Bette auf die Knie , ergriff Pauls schlaff herabhängende Hand und drückte sie gegen Augen und Mund . » Das ist Ihr fester Wille ? « fragte der alte Mann . Sie nickte . » Und wenn er stirbt ? « » Er stirbt nicht , « sagte sie , » er darf nicht sterben . « Der Arzt lächelte traurig . » Es ist gut , « sagte er dann , » bleiben Sie eine Weile bei ihm allein und erneuern Sie alle zwei Minuten den Umschlag . Ich werde inzwischen Ruhe schaffen . « Alsbald hörte man draußen Wagen vorfahren und den Hof verlassen . Eine Stunde später trat der Arzt wieder in das Krankenzimmer . » Das Haus ist bald leer , « sagte er , » die Feier ist aufgeschoben . « » Aufgeschoben ? « fragte sie angstvoll . - - - Der alte Mann sah sie an und schüttelte den Kopf . Das Menschenherz zeigte sich ihm jeden Tag in neuen Rätseln . - - - - - - - - - - - - - - - Wochenlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Tod . Elsbeth wich kaum von seinem Bette , sie aß nicht , sie schlief nicht , ihr ganzes Leben war aufgegangen in der Sorge um den Geliebten . Der Alte ließ sie gewähren . » Sie muß ihn gesund machen , « sagte er , » damit ich ihn fragen kann . « Der lustige Vetter fing an zu ahnen , daß seine Lage keine beneidenswerte war , und nachdem er sich von dem Oheim seine sämtlichen Schulden hatte bezahlen lassen , verließ er Helenental . Die Leiche des alten Meyhöfer ward schon am Tage nach dem Brande von den beiden Zwillingen abgeholt worden . Sein rätselhafter Tod erregte großes Aufsehen , die Zeitungen der Hauptstadt berichteten davon , und was er sein ganzes Leben nicht erreicht hatte , sich als Held gefeiert zu sehen , ward ihm nun im Tode . Im Hintergrunde aber lauerten die Gerichte auf Pauls Genesung . 22 Der Verteidiger hatte geendet . - Ein Murmeln ging durch den weiten Schwurgerichtssaal , dessen Galerie von dichtgedrängten Köpfen starrte . Wenn der Angeklagte die Wirkung des glänzenden Plaidoyers durch ein unbedachtes Wort nicht wieder verdarb , so war er gerettet . Die Replik des Staatsanwalts verhallte ungehört . Und nun klirrten die Lorgnetten und Operngucker . Aller Augen wandten sich nach dem blassen , schlicht gekleideten Mann , der auf demselben Armensünderbänkchen saß , auf welchem vor acht Jahren der tückische Knecht gesessen hatte . Der Präsident hatte gefragt , ob der Angeklagte noch etwas zur Erhärtung seiner Unschuld beizubringen habe . » Schweigen , Schweigen ! « ging es murmelnd durch den Saal . Aber Paul erhob sich und sprach , erst leise und stockend , doch sicherer von Augenblick zu Augenblick : » Es tut mir von Herzen leid , daß die Mühe , welche sich der Herr Rechtsanwalt gegeben hat , mich zu erretten , umsonst gewesen sein soll . Aber ich bin nicht so unschuldig an der Tat , wie er mich darstellt . « Die Richter sahen ihn an . » Was ist das ? - Er will gegen sich selber sprechen . « » Er hat gesagt , ich wäre durch die Angst so gut wie besinnungslos gewesen . Ich hätte gehandelt in einer Art von Wahnsinn , die mich in jenem Augenblicke unzurechnungsfähig gemacht hätte . - Das ist aber nicht so . « » Er bricht sich den Hals , « hieß es im Zuschauerraum . » Ich habe mein ganzes Leben lang ein scheues , gedrücktes Dasein geführt und habe gemeint , ich könnte keinem Menschen ins Auge sehen , obwohl ich doch nichts zu verbergen hatte ; wenn ich mich aber diesmal feige betrage , so glaub ' ich , ich werd ' s noch weniger können als je , und diesmal werd ' ich auch Grund genug dazu haben . - Der Herr Rechtsanwalt hat auch mein Vorleben als ein Muster aller Tugenden dargestellt . - Dem war aber nicht so . - Mir fehlte die Würde und das Selbstbewußtsein - ich vergab mir zu viel gegenüber den Menschen und mir selber . - Und das hat mich stets gewurmt , obwohl ich nie recht darüber ins klare kommen konnte . - Es hat zu viel auf mir gelastet , als daß ich jemals hätte frei aufatmen können , wie der Mensch es muß , wenn er nicht stumpf werden und verkümmern soll . Diese Tat aber hat mich frei gemacht und mir das geschenkt , was mir so lange fehlte , - sie ist mir ein großes Glück gewesen ; und ich soll so undankbar sein , daß ich sie heute verleugne ? - Nein , das tu ' ich nicht . - Sie mögen mich immerhin einsperren , solange Sie wollen , ich werde die Zeit schon überdauern und ein neues Leben anfangen . - Und so muß ich denn sagen : Ich hab ' mein Hab und Gut in vollem Bewußtsein angesteckt , ich war nie mehr bei Sinnen wie damals , als ich die Petroleumkanne über mein Getreide ausschüttete , und wenn ich heute in dieselbe Lage käme , weiß Gott , ich tät ' es wieder . - - - Warum sollt ' ich auch nicht ? - Was ich zerstörte , war meiner Hände Werk - ich hatte es in langen Jahren durch harte Arbeit geschaffen und konnte damit machen , was ich wollte . Ich weiß wohl , das Gericht ist anderer Ansicht , und dafür werd ' ich meine Zeit auch ruhig absitzen . Aber wer litt denn auch Schaden außer mir ? - Meine Geschwister waren alle gut versorgt , und mein Vater « - - Er hielt einen Augenblick inne , und seine Stimme zitterte , als er fortfuhr : » Ja , wär ' s nicht besser , mein alter Vater hätte seine letzten Lebensjahre in Ruh und Frieden bei einer seiner Töchter verbracht als da , wo ich jetzt hingehe ? Das Schicksal hat es nicht so gewollt . Der Schlag hat ihn gerührt , und meine Brüder sagen , ich sei sein Mörder gewesen . - Aber meine Brüder haben gar nicht das Recht , darüber zu urteilen , die kennen weder mich noch den Vater . Die haben sich ihr Lebtag nur um sich selber gekümmert und mich allein sorgen lassen für Vater und Mutter und Schwestern und Haus und Hof , und ich bin ihnen nur gut genug gewesen , wenn sie was von mir haben wollten . - Sie wenden sich heute von mir , aber sie können mir in Zukunft gar nicht fremder werden , als sie mir gewesen sind . « » Meine Schwestern , « - er wandte sich nach der Zeugenbank , wo Grete und Käthe mit verhüllten Gesichtern weinend saßen , und seine Stimme wurde weich wie von verhaltenen Tränen - » meine Schwestern wollen auch nichts mehr von mir wissen - aber denen verzeih ' ich ' s gern , die sind Frauen und aus zarterem Ton geknetet - auch stehen hinter ihnen zwei fremde Männer , die es sehr leicht haben , über meine ungeheuerliche Tat entrüstet zu sein . Sie sind nun alle von mir abgefallen - nein , nicht alle « , - über sein Gesicht flog ein Leuchten , » doch das gehört nicht hierher . Eins aber will ich noch sagen , und mag ich selbst als Mörder gelten : Ich bereue es nicht , daß der Vater durch meine Tat gestorben ist . Ich hab ' ihn lieber gehabt , da ich ihn tötete , als wenn ich ihn hätte leben lassen . Er war alt und schwach , und was seiner wartete , war Schmach und Schande - er lebte ein so ruhiges Leben und hätte so elend hinsiechen müssen . Da ist ' s besser , der Tod kam auf ihn herab wie der Blitz , der den Menschen mitten in seinem Glück erschlägt . Das ist meine Meinung , ich hab ' mich mit meinem Gewissen abgefunden und brauche niemandem Rechenschaft abzulegen wie Gott und mir selber . Und nun mögen Sie mich verurteilen . « » Bravo ! « rief eine drohende Stimme von der Zeugenbank in den Saal hinein . Douglas war ' s. Die greise Hünengestalt stand hochaufgerichtet , die Augen blitzten unter den buschigen Brauen , und wie der Präsident ihn zur Ruhe rief , setzte er sich trotzig nieder und sagte zu seinem Nachbar : » Auf den kann ich stolz sein , was ? « 23 Zwei Jahre später war ' s an einem heitern Junimorgen , da öffnete sich die rotgestrichene Pforte der Gefängnismauer und ließ einen Gefangenen heraus , der mit lachendem Gesicht in die Sonne hineinblinzelte , als wollte er lernen , ihren Glanz aufs neue ertragen . - - Er schwenkte das Bündel , das er trug , in die Runde und schaute lässig nach rechts und nach links , wie einer , der sich über die Richtung seines Weges noch nicht im klaren ist , dem ' s aber im Grunde gleichgültig scheint , wohin er sich verirrt . - Als er den Giebel des Gerichtsgebäudes streifte , sah er eine Karosse stehn , die ihm bekannt sein mußte , denn er stutzte und schien mit sich zu Rate zu gehn . Alsdann wandte er sich an den Kutscher , der mit seiner quastengeschmückten Pelzmütze hochmütig vom Bock herniedernickte . - » Ist jemand aus Helenental hier ? « fragte er . » Ja , der Herr und das Fräulein . Sie sind gekommen , Herrn Meyhöfer abzuholen . « Und gleich darauf ertönte es von der Freitreppe her : » He , hallo , da ist er ja schon - Elsbeth , sieh , da ist er ja schon ! « Paul sprang die Stufen hinan , und die beiden Männer lagen sich in den Armen . Da öffnete sich leise und schüchtern die schwere Flügeltür und ließ eine schlanke , in Schwarz gekleidete Frauengestalt ins Freie , die sich mit wehmütigem Lächeln gegen die Mauer lehnte und ruhig wartete , bis die Männer einander freigeben würden . » Da hast du ihn , Elsbeth ! « rief der Alte . Hand in Hand standen sie nun einander gegenüber und sahen sich ins Auge , dann lehnte sie den Kopf an seine Brust und flüsterte : » Gott sei Dank , daß ich wieder bei dir bin . « » Und damit ihr euch ganz für euch allein habt , Kinder , « sagte der Alte , » Fahrt ihr hübsch zu zweien nach Hause , und ich will derweilen eine Flasche Rotspon auf meines Nachfolgers Wohl ausstechen . Ich hab ' s ja gut , ich setz ' mich heute zur Ruhe . « » Herr Douglas ! « rief Paul erschrocken . » Vater heiß ' ich , verstanden ! Gegen Abend laß mich holen ! Du bist ja jetzt der Herr daheim ! Adjes . « Damit polterte er die Stufen hinab . - - - - » Komm , « sagte Paul leise , mit niedergeschlagenen Augen . Elsbeth ging mit schüchternem Lächeln hinter ihm drein , denn da sie nun allein waren , wagte keiner sich dem andern zu nähern . Und dann fuhren sie schweigend in die sonnige , blumige Heide hinaus . - - - Lichtnelken , Glockenblumen und Gundermann woben sich zu einem farbenreichen Teppich , und das weiße Wiesenfrauenhaar hob seine wehenden Bündel , als wären Schneeflocken über die Blumen hingestreut . Die Blätter der Silberweiden rauschten leise , und wie ein Netz von leuchtenden Bändern zogen sich die Triftgräben unter ihren Zweigen dahin . - Die warme Luft zitterte , und gelbe Falter flatterten paarweise auf und nieder . Paul hatte sich tief in die Polster zurückgelehnt und schaute aus halbgeschlossenen Augen auf die Fülle lieblicher Wunder herab . » Bist du glücklich ? « fragte Elsbeth , sich zu ihm hinüberneigend . » Ich weiß nicht , « erwiderte er , » es will mir das Herz abdrücken . « Sie lächelte , sie verstand ihn wohl . » Sieh dort , unsere Heimat ! « sagte sie , auf das » weiße Haus « hinweisend , das sich schimmernd in der Ferne erhob . - Er preßte ihre Hand , doch die Stimme versagte ihm . Am Waldesrand mußte der Wagen halten . - Beide stiegen aus und gingen zu Fuß weiter . Da sah er , daß sie ein weißes Päckchen unter dem Arm trug , das er vorher nicht bemerkt hatte . » Was ist das ? « fragte er . » Du wirst schon sehen , « erwiderte sie , und ein ernstes Lächeln glitt über ihr Gesicht . » Eine Überraschung ? « » Ein Andenken ! « Als sie den Wald betraten , bemerkte er zwischen den rötlich glänzenden Stämmen etwas Schwarzes , das mit Kränzen behangen war . » Was bedeutet das ? « fragte er , die Hand ausstreckend . » Erkennst du deine Freundin nicht mehr ? « erwiderte sie . » Sie hat die erste sein wollen , die dich begrüßt . « » Die schwarze Suse , « jubelte er und fing zu laufen an . » Nimm mich mit , « lachte sie keuchend , » du vergißt , daß wir fortab zu zweien sind . « Er nahm sie