. Das Gemeindekind bewegte sich in einer Atmosphäre von Achtung und Wohlwollen , die es einsog durch alle Poren und um so inniger genoß , als eine leise Stimme in seinem Innern mahnte : Freu dich dieser Stunde , sie wiederholt sich dir vielleicht nie ... Mit der Achtung , mit dem Wohlwollen wird es aus sein , wenn die Mutter kommt ... Und sie kann morgen kommen - wer weiß ? sie kann schon da sein . Er kann sie finden , wenn er sein Haus betritt , in seiner Stube , an seinem Herd ... Da faßte es ihn mitten in seinem stillen , schwermütigen Glücke mit übermächtigem Drang : Hinweg ! überlaß der Mutter Hütte und Feld , und du wandere fort , weit , weit in die Welt , unter fremde Menschen , die nichts von dir und nichts von deinen Eltern wissen . Lerne und werde - wenn auch später als ein anderer , mehr als die anderen . Diese Gedanken hafteten , begleiteten ihn heim , waren seine letzten , als er einschlief , und seine ersten , als er erwachte . Am Morgen jedoch , als er seine im Herbst gepflanzten Kirschbäume besuchen ging und sah , wie die meisten von ihnen schon Blüten über Blüten angesetzt hatten , und als er sein Feld abschritt , auf dem die erste von ihm gesäte Frucht grünte , da fühlte er , daß ihm das Scheiden doch schwer sein würde . Und dann , wenn seine Schwester Milada , wenn Habrecht von den Fluchtgedanken , die er hegte , wüßten , was würden die wohl sagen ? » Kleiner Mensch , bleibe in deinem kleinen Kreise und suche still und verborgen zu wirken auf die Gesundheit des Ganzen . « Das war auch einer der Aussprüche des Freundes gewesen , der im Augenblick , in dem er getan wurde , von Pavels Verständnis empfangen worden war wie das Samenkörnlein des Evangeliums vom Felsengrunde . Jetzt aber glich seine Seele nicht mehr dem steinigen Boden , sondern einem guten Erdreich , und das Samenkörnlein keimte und ging auf und mit ihm eine Fülle von Erwägungen ... Eine Stimme , die seinen Namen rief , weckte Pavel plötzlich aus seinem Sinnen ; auf ihn zugelaufen kam ein herrschaftlicher Stallpage , winkte von weitem und rief : » Die Frau Baronin hat einen Boten geschickt , du sollst gleich zu ihr in die Stadt , du sollst fahren . « » Ich werd doch gehen können « , erwiderte Pavel , dem es vor Überraschung , Freude , Schrecken heiß und kalt durch die Adern lief ; » warum denn fahren ? « » Daß du früher dort bist vermutlich ; mach nur , es wird schon eingespannt . « Hastig wechselte Pavel die Kleider und rannte ins Schloß . Die Fahrgelegenheit wartete bereits ; ein paar kräftige Wirtschaftspferde , vor einen leichten Wagen gespannt , brachten ihn in kurzer Zeit nach der Stadt , an die Pforte des Klosters , wo ihn auf sein Schellen die Pförtnerin mit den Worten empfing : » Ich soll Sie zu der Frau Baronin führen . « » Ist meine Schwester bei ihr ? ... Wie geht ' s meiner Schwester ? « fragte Pavel mit versagendem Atem . Die Nonne antwortete nicht , sie schritt ihm schon voran über eine Treppe , durch einen bildergeschmückten Gang , an dessen Ende , einer dunkeln Doppeltür gegenüber , ein lebensgroßer Heiland am Kreuze hing . » Wie geht ' s meiner Schwester ? « wiederholte Pavel . Die Pförtnerin deutete nach dem dornengekrönten Haupte des Erlösers , sprach : » Denken Sie an Seine Leiden « , öffnete die Tür und hieß ihn eintreten . Pavel gehorchte und befand sich in einem saalähnlichen , feierlichen Gemach , in dem die Frau Baronin und die Frau Oberin standen , die alte Dame auf den Arm der Freundin gestützt . » Gott zum Gruße « , sagte die ehrwürdige Mutter ; die Baronin wollte reden , vermochte es aber nicht und brach in Tränen aus . Auch Pavel konnte nur stammeln : » Um Gottes willen , um Gottes willen , was ist ' s mit meiner Schwester ? ... Ist sie krank ? « » Sie ist genesen « , sprach die Oberin . » Eingegangen zum ewigen Lichte . « Pavel starrte sie an , mit einem Blicke der Qual und des Zornes , vor dem ihre schönen ruhigen Augen sich senkten . » Was heißt das ? « schrie er auf in seiner Pein . Da machte die kleine Greisin sich los von dem Arm ihrer starken Freundin und schwankte auf Pavel zu mit ausgestreckten zitternden Händen : » Armer Bursche « , schluchzte sie , » deine Schwester ist tot , mein liebes Kind ist mir vorangegangen , mir Alten , Müden . « Die Knie versagten ihr , sie war im Begriff umzusinken ; Pavel fing sie auf , und die alte Gutsfrau weinte an seiner Brust . Er geleitete sie behutsam zu einem Lehnsessel und half ihr , sich darin niederzulassen ; dann , am ganzen Leibe bebend , wandte er sich zur Oberin : » Warum hat meine Schwester mir geschrieben , daß es ihr besser geht von Tag zu Tag ? « » Sie hat es geglaubt , und wir durften ihr diesen Glauben lassen , bis die Zeit kam , sie zum Empfang der heiligen Wegzehrung vorzubereiten ... « sie hielt inne . » Vorzubereiten « , wiederholte Pavel und drückte die Hand an seine trocknen , glühenden Augen , » sie hat also gewußt , daß sie sterben muß ? « Die Oberin machte ein bejahendes Zeichen . » Und hat sie nicht gesagt , daß sie mich sehen will , nicht gesagt : Ich will meinen Bruder noch sehen ? - Frau Baronin « , rief er die Greisin mit erhobener Stimme an , » hat sie nicht gesagt , ich will meinen Bruder noch sehen ? « - » Sie hat dich tausend- und tausendmal grüßen und segnen lassen , aber dich zu sehen , hat sie nicht mehr verlangt « , lautete die Antwort , und die ehrwürdige Mutter fiel ein : » Sie war losgelöst von allem Irdischen , sie gehörte schon dem Himmel an ... Sie sah ihn offen in ihrer letzten Stunde , sah Gott in seiner Herrlichkeit und hörte den jauchzenden Gesang der Engelchöre , die sie willkommen hießen im Reiche der Glückseligen . « » Wann ist sie gestorben ? « würgte Pavel hervor . » Gestern abend . « Gestern abend - während er ein Fest mitfeierte , während seine Gedanken so fern von ihr waren ! Mit wildem Zweifel ergriff es ihn : Es kann nicht sein , es ist ja unmöglich - - und er rief : » Wo ist sie ? ... Führen Sie mich zu ihr ... « » Sie ist noch nicht aufgebahrt « , versetzte die Oberin ; aber Pavel ließ keinen Einwand gelten , und die Gebietende , die zu herrschen Gewohnte gab nach . Sie stiegen die Treppe zum zweiten Geschoß empor , durchschritten einen Gang , in welchen viele Türen mündeten . Vor der einen blieb die Oberin stehen . » Das Zimmer Marias « , sprach sie in tiefer Ergriffenheit . Pavel stürzte vor und riß die Tür auf ... In der weißgetünchten , von Sonnenlicht durchfluteten Zelle mit dem vergitterten Fenster , mit den glatten Wänden stand ein schmales Bett , eine Wachskerze in schwarzem , eisernem Leuchter brannte zu dessen Häupten und eine zu dessen Füßen , vor demselben knieten , im Gebet versunken , zwei Klosterfrauen , und auf dem Bette lag , mit einem Linnen bedeckt , eine starre , hagere Leiche . Die Oberin näherte sich ihr und zog das Tuch vom Gesicht herab . Pavel prallte zurück , taumelte und schlug an den Türpfosten an , an dem er stehenblieb und sich wand wie ein Gefolterter . Endlich , endlich brachen Tränen aus seinen Augen , und er schrie : » Das ist nicht meine Milada , das ist sie nicht . Wo ist meine Milada ? « Er war nicht zu beruhigen , sein Schmerz spottete des Trostes . Die Frau Baronin ließ ihn rufen , weinte , sprach von Milada , und er hatte nicht das Herz , ihr zu sagen , was er unaufhörlich dachte : Würde man sie zu rechter Zeit aus dem Kloster genommen haben , sie wäre jetzt am Leben ; du hättest dein Kind noch und ich noch mein lichtes Vorbild , mein kostbarstes Gut . Auf den Wunsch der alten Frau blieb er in der Stadt bis zum Tage des Begräbnisses , irrte in den Gassen umher , durch den ungewohnten Müßiggang seinem Schmerze ohnmächtig preisgegeben . » Milada , meine liebe Schwester « , sprach er vor sich hin , und manchmal blieb er stehen und meinte , es müsse ihm jemand nachkommen und ihm sagen : Kehr um , sie lebt , sie fragt nach dir . Das kleine , zusammengezogene Totenangesicht , das du gesehen hast , war nicht Miladas Angesicht . Als sie in der Kapelle aufgebahrt lag im Glanz von hundert Lichtern , weißgekleidet , mit weißen Rosen bedeckt , war er nicht zu bewegen , an den Katafalk heranzutreten . - Erst als der Sarg geschlossen wurde , der die Reste seiner Milada barg , warf er sich über ihn und betete , nicht für sie , sondern zu ihr . Bei der Beerdigung machte der Anblick des Schmerzes seiner alten Gutsfrau ihn fast unempfindlich für seinen eigenen . Ganz gebrochen stand sie neben ihm am Grabe ihres Lieblings auf dem stillen Klosterfriedhofe und ließ nach beendeter Trauerfeierlichkeit den Zug der Nonnen vorüberschreiten , ohne sich ihm anzuschließen . Nach einer Weile erst sprach sie zu Pavel : » Führe du mich jetzt zurück auf mein Zimmer , und dann geh nach Hause und sage im Schloß , daß sie alles zu meinem Empfang vorbereiten sollen . Ordentlich - es wird ohnehin die letzte Mühe sein , die ich meinen Leuten mache . Ich glaube , daß ich nur heimkommen werde , um mich hinzulegen zum Sterben . « Pavel widersprach ihr nicht . Er fühlte wohl , auf einen Widerspruch war es hier nicht abgesehen wie so oft bei alten Leuten , wenn sie Anspielungen machen auf ihren nahenden Tod ; es war ernst gemeint , und also wurde es aufgenommen . Spät am Nachmittag langte er im Dorfe an . Sein erster Gang war nach dem Schloß , wo er den Auftrag der Frau Baronin bestellte . Die Dienerschaft lief zusammen , als es hieß , er sei da ; alle sahen ihn voll Neugier an , und er machte sich rasch davon , besorgend , daß Fragen über Milada an ihn gestellt werden könnten . Auf der Straße begegnete er derselben Aufmerksamkeit , die er im Schlosse erregt hatte . Einer oder der andere blieb stehen in der Absicht , ihn anzureden ; aber Pavel eilte mit kurzem Gruß vorbei . Vor dem Hause Vinskas auf einer Bank saß Virgil , der sich seit dem Ableben Peters bei seiner Tochter einquartiert hatte . Er winkte Pavel heran : » Bist endlich da ? « rief er ihm zu ... » Du , dein Hund wär verhungert , wenn ich mich seiner nicht angenommen hätt . « » Hab mich ohnehin darauf verlassen « , erwiderte Pavel und schritt weiter ; Virgil jedoch schrie aus allen Kräften : » Lauf nicht , bleib ! Die Vinska hat dir was zu sagen « , und da trat sie auch schon aus der Tür , ging auf Pavel zu und sprach in der demütigen Weise , in welcher sie sich ihm gegenüber jetzt immer verhielt : » Wir haben von deinem Unglück gehört ... es tut uns leid ... « » Laß , laß das ! « fiel er ihr ins Wort . » Sag ihm doch das andere « , ermahnte Virgil voll Ungeduld . Vinska verfärbte sich . » Lieber Pavel « , begann sie , » lieber Pavel , deine Mutter ist angekommen . « Er zuckte zusammen : » Wo ist sie ? ... Ist sie in meinem Hause ? « » Nein , sie hat in dein Haus nicht treten wollen , bevor du da bist . - Sie hat auch nicht zu mir kommen wollen « , setzte sie hinzu . » Hast du sie eingeladen ? « » Ja , ich hab sie eingeladen , zu mir zu kommen und bei mir auf dich zu warten . Sie hat nicht gewollt ; sie wohnt beim Wirt , aber von dir erzählt habe ich ihr den ganzen Tag , und sie hat sich gar nicht satt hören können . Dann ist sie hinaufgegangen zu deinem Haus . Sie wird jetzt dort sein . « Pavel war zumut , als ob ein großes Stück Eis auf seine Brust gefallen wäre . » Gut « , murmelte er , » gut , so geh ich « , aber er rührte sich nicht . Sein unstet irrender Blick begegnete dem der Vinska , der angstvoll gespannt auf seinem finsteren Gesichte ruhte , und plötzlich sprach er : » Ich dank dir , daß du sie eingeladen hast . « » Nichts zu danken « , versetzte Vinska . Die Herzen beider pochten hörbar , deutlich las jeder in der Seele des andern . Sie fand in der seinen nicht mehr die alte Liebe , aber auch nicht mehr den alten Groll ; die ihre war in allen Tiefen erfüllt von schwerer , von nutzloser Reue , hervorgegangen aus dem Bewußtsein : Was ich an dir gefrevelt habe , vermag ich nie wiedergutzumachen . Ohne noch ein Wort zu wechseln , schieden sie . Pavel ging langsam die Dorfstraße hinauf . - Die Sonne versank hinter den waldbekränzten Hügeln , scharf und schwarz ragten die Wipfel des Nadelholzes in die purpurfarbige Luft . Auf das Grubenhaus hatten klare Schatten sich gebreitet , sie glitten über sein ärmliches Dach , trübten den Glanz seiner kleinen Fensterscheiben und umflossen eine hohe Gestalt , die vor dem Gärtchen stand , vertieft in den Anblick des untergehenden Tagesgestirns . Die Mutter , sagte sich Pavel - die Mutter . Da war sie , ungebeugt von der Last der letzten zehn Jahre , ungebrochen durch die Schmach ihrer langen Kerkerhaft . Pavel setzte seinen Weg fort - nicht mehr allein ! Das unterdrückte Geräusch von flüsternden Stimmen , von Schritten , die ihm nachschlichen , schlug unsäglich widerwärtig an sein Ohr . Eine Schar von Neugierigen gab ihm das Geleite und wollte Zeuge sein der ersten Begegnung zwischen Mutter und Sohn . Er sah sich nicht um , er ging vorwärts , äußerlich ruhig , seinem Verhängnis entgegen . Die Mutter hatte sich gewandt , erblickte ihn , und Wonne , Stolz , erfüllte Sehnsucht leuchteten in ihren Augen auf ; aber sie blieb stehen , wo sie stand , mit herabhängenden Armen , sie sprach ihn nicht an . » Grüß Euch Gott , Mutter « , sagte er rasch und gepreßt ; » warum bleibt Ihr vor der Tür , tretet ein . « » Ich weiß nicht , ob ich soll « , antwortete sie , ohne ihn aus den Augen zu lassen , aus denen eine Liebe sprach , ein glückseliges Entzücken , die wie Licht und Wärme über ihn hereinströmten . » Ich habe nicht gedacht , dich so zu finden , Sohn - « ihre Stimme bebte vor tiefinnerlichstem Jubel - , » nicht so , wie ich dich finde . Ich möchte dir nicht Schande bringen , Pavel . « Nun faßte er ihre Hand : » Kommt , kommt , und noch einmal : Grüß Euch Gott . « Er führte sie ins Haus und sah , daß sie unwillkürlich das Zeichen des Kreuzes machte , als sie es betrat . » Setzt Euch , Mutter « , sagte er ; » ich hab Euch viel zu sagen , viel Trauriges ... « Sie war seiner Aufforderung gefolgt , sah sich bewegt und staunend in der Stube um und sprach : » Was du mir sagen willst , weiß ich im vorhinein : daß ich hier nicht bleiben kann . Es ist mir nicht traurig - eine Freude nur , daß ich dich so gefunden habe , wie du bist , wie ich dich sehe ... Nie wäre es mir in den Kopf gekommen , Sohn , daß ich dir beschwerlich fallen will , und wie du geschrieben hast : Ich bau ein Haus für Euch , da habe ich gedacht : Baue ! und Gott segne jeden Ziegel in deinen Mauern . Baue ! baue ! aber für dich - nicht für mich . « » Warum habt Ihr so gedacht ? « » Weil du mich hier nicht brauchen kannst « , antwortete sie ruhig und ohne den Schatten eines Vorwurfs . Er aber murmelte : » Was meint Ihr ? « » Wenn dich in den vielen Jahren dein Herz an die Mutter gemahnt hätte « , fuhr sie in ihrer Gelassenheit fort , » hättest du dich manchmal nach ihr umgeschaut . Du hast es nie getan , und darum bin ich auch nur gekommen , weil ich es nicht mehr ausgehalten habe , dich nicht zu sehen , und gehe wieder , heute noch . « » Wohin ? Ihr könnt doch nicht wieder in den Kerker zurück ? « » Das nicht ; aber in unser Spital , wo ich Krankenwärterin bin . « » So , Mutter , so ? Seit wann ? « » Seit ein paar Monaten schon . « » Das muß was Schweres sein , Krankenwärterin bei den schlechten Leuten . « » Schwer und leicht ; die Ärgsten werden oft die Besten , wenn sie einen brauchen ... und schwer oder leicht , was liegt daran ? Ich hab dort einmal mein Heim ; ich bin zufrieden . O lieber Gott , mehr als zufrieden - « und wieder umfaßten ihre strahlenden Blicke den Sohn mit unergründlicher Liebe . » Mehr als zufrieden , weil ich dich jetzt gesehen habe , so stark , so brav , so gesund ... Und mein zweites Kind , das sie dem lieben Herrgott geschenkt haben , das ich nicht sehen darf - Milada ... « Pavel stöhnte - , » ist sie schon eine kleine Klosterfrau ? « » Nein , Mutter . « » Nein ? « Sie erbebte bei dem gramvollen Ton seiner Worte . » Nein « , murmelte sie mit trockenen Lippen und stockendem Atem , » noch nicht würdig befunden worden dieser höchsten Gnade ? « » O Mutter « , rief Pavel , » wie redet Ihr ? - nicht würdig ? Sie war eine Heilige ... Das ist das Traurige , das ich Euch gleich habe sagen wollen - Milada ist tot . « » Tot ... « Zweifelnd , dumpf und gedehnt sprach sie es ihm nach und schrie plötzlich : » Nein ; , nein ! « » Seit drei Tagen , Mutter . « Sie sank zurück , erdrückt von der Wucht eines Schmerzes , der mächtiger war als sie . - Allmählich erst kam wieder Leben in ihre Züge , und ihre Starrheit wich dem Ausdruck wehmütiger Begeisterung : » Ich glaube dir , Sohn , ich glaube dir . Sie war eine Heilige , und jetzt ist sie im Himmel , und dort werde ich sie finden , wenn es dem Herrn gefallen wird , mich abzurufen . « » Mutter « , entgegnete Pavel zögernd , » hofft Ihr denn , daß Ihr in den Himmel kommen werdet ? « » Ob ich es hoffe ? - Ich weiß es ! - Gott ist gerecht . « - » Barmherzig sagt ... Sagt Ihr nicht barmherzig ? « Seine Mutter richtete sich auf : » Ich sage gerecht « , sprach sie mit einer großartigen Zuversicht , vor der alle seine Zweifel versanken , die einen Glauben an dieses arme , verfemte Weib in ihm entzündete , fester , treuer , seligmachender als je ein Glaube an das Höchste und Herrlichste . Er trat näher , sein Mund öffnete sich ; sie erhob bittend die Hände : » Frag mich nicht mehr , ich kann dir nicht antworten ... Die Frau hat am Altar geschworen , ihrem Mann untertänig zu sein und treu ... Dafür wird er unserem Herrgott dereinst Rechenschaft über sie ablegen müssen . Mög ihm der ewige Richter barmherzig sein . - So bete ich , und so sollst auch du beten und schweigen und nicht fragen . « » Nein « , beteuerte er , » nein - und ich frage ja nicht . Ich bitte Euch nur , daß Ihr es von selbst aussprecht , daß Ihr keinen Teil habt am Verbrechen des Vaters ... Erbarmet Euch meiner und sprecht es aus ... « Ein schmerzliches Lächeln umspielte ihre Lippen : » Pavel , Pavel , das tut mir sehr weh ... Es hat mir ja oft einen Stich ins Herz gegeben ; - Wer weiß , was die Kinder denken ? - Ich hab mich immer davon losgemacht wie von einer Eingebung des Bösen ... Das war gefehlt . « - Sie hob das Haupt , ein ernster und edler Stolz malte sich in ihren Zügen . - » Ich hätte dir nicht über die Schwelle treten sollen , bevor ich zu dir gesagt hätte : Ich bin unschuldig verurteile worden , Sohn . « Da brach er aus : » Barmherziger Gott , wie schlecht war ich gegen Euch ! ... « » Klage dich nicht an « , versetzte sie mit unerschütterlicher Ruhe , » du warst so jung , als ich dich verlassen mußte . Du hast mich nicht gekannt . « » Mutter « , konnte er nur sagen , » Mutter ... « und er stürzte vor ihr nieder , barg sein Haupt in ihrem Schoß , umschlang sie und wußte , daß er jetzt seinen besten Reichtum , sein Kostbarstes und Teuerstes in seinen Armen hielt . » Bleibt bei mir , liebe Mutter « , rief er . » Ich werde meine Hände unter Eure Füße legen , ich werde Euch alles vergelten , was Ihr gelitten habt . Bleibe bei mir . « Und sie , verklärten Angesichts , einen Himmel in der Brust , beugte sich über ihn , preßte die schmale Wange in seine Haare , küßte seinen Nacken , seine Schläfen , seine Stirn . » Ich weiß nicht , ob ich darf « , sagte sie . » Der Leute wegen ? « » Der Leute wegen . « Da sah er zu ihr empor : » Was habe Ihr eben gesagt ? - Die Ärgsten werden oft die Besten , wenn sie einen brauchen . Nun , liebe Mutter , das müßt doch kurios zugehen , wenn man zwei Menschen , wie wir sind , nicht manchmal brauchen sollte . Bleibe bei mir , liebe Mutter ! «