» Wer mich so sieht , als korrekte Büreaugröße , der ahnt nicht ... « » Daß auch Du ein Schicksalsmensch bist , ein Katastrophenheiliger ! « » Ja , mein Lieber , was kann man da sagen ! Erst muß man alles innerlich überwunden haben ; eine frische Rinde muß über die verborgenen Verletzungen gewachsen sein , damit der alte Saftgang nicht mehr stockt , wenn er an der Unglücksstelle vorüberrollt . Quid sit futuram cras , fuge quaerere . « » So ist es . Erst wenn wir uns als unsere eigenen Überlebenden fühlen , können wir ruhig und männlich des alten Lebens gedenken in milder Gesinnung . Flüche , Gebete , Trostsprüche , Verzweiflung , Hoffnung - alles ist überwunden . Man rollt sich historisch vor sich selber auf wie eine Kartenlandschaft ... Und zum Teufel , es sind doch Punkte drauf , wo man nicht hinsehen mag ohne Schauder und Gruseln . « » Das Leben ist ein kurioses Ding . Seit Du mir von dem guten Drillinger erzählt , geht er mir immer wieder im Kopfe herum . Diese Offiziere a.D. , die uns die neue Ordnung so massenhaft bescheert , sind ein wahres Verhängnis , für sie selbst und für das Volk . Dieser Andrang von inaktiven Offizieren bei allen Ämtern und Stellen , bei unseren statistischen und polizeilichen Büreaus ! Eine anständige Beschäftigung , die vor Versumpfung und Verbummelung schützt , und vier bis fünf Mark Diäten sichert , scheint schon ein großes Los . Ein jeder , der sich neu meldet , erfährt aber , daß schon Hunderte vor ihm vorgemerkt sind ; er hofft , nach Jahr und Tag doch anzukommen . Und ist er angekommen , was blüht ihm ? Eine verknöchernde , geistlose und doch ungewohnt mühsame Arbeit in noch ungewohnteren dumpfen Büreauzimmern Tag für Tag . Er , der bis zu seiner Verabschiedung gewohnt war , hoch zu Roß oder stramm zu Fuß den größten Teil seiner Zeit in frischer , freier Luft zuzubringen ! « » Da mußt Du erst Drillingers Schilderungen hören von den Offiziersbeschäftigungen in Fabriken . Das muß man ihm nachrühmen , er hat nichts unversucht gelassen . Einmal war die Situation einfach grotesk : ein großer Privatunternehmer hatte ihn in seiner Buchhalterei angestellt , um als Hilfsarbeiter einen Menschen neben sich zu haben , an dem er sich , mit Rücksicht auf dessen vornehme Geburt und klingenden Titel , im Gebrauch eleganter Lebensformen üben konnte , während der Oberbuchhalter , ein ehemaliger Unteroffizier , jede Gelegenheit ergriff , den ihm unangenehmen Hauptmann a.D. das Untergeordnete seiner jetzigen Stellung mit ausgesuchter Bosheit fühlbar zu machen . Auf der einen Seite mußte er elender Silberlinge wegen sich den empfindlichsten Kränkungen aussetzen , um auf der andern Seite den Nimbus seines Chefs , eines eitlen plebejischen Emporkömmlings , verstärken zu helfen . « » Die vis comica einer solchen Situation ist klassisch . « » Auch in der Publizistik hat er einen Anlauf genommen . Er ist nicht in den Sattel gekommen , trotz seines Talentes und seiner Anstelligkeit . Gar mancher viel weniger Begabte seiner Kameraden hat in der Münchener Presse Glück gehabt . In allen Redaktionen stößt man hier auf Offiziere a.D. , von der Allgemeinen Zeitung bis herunter zur salva venia Kloake ; bei den Freisinnigen , den Nationalliberalen , den Schwarzen und Roten - überall hantieren Offiziere a.D. mit Redaktionsstift , Kleistertopf und Schere . In diesen Offizieren a.D. verkörpert sich ein großes Stück soziale Frage . Unser guter Drillinger , wie gesagt , kam nirgends an . Er versteht von der Kunst der Streberei nichts ; er ist der geborene Pechvogel . Auch die Trambahn , die Panorama-Gesellschaften , die mit Offizieren a.D. wirtschaften , hatten für ihn keinen Platz . « » Und jetzt Liebelei und Börsenspiel - das scheint mir von allen der verhängnisvollste Versuch , aus dem Sumpf der Unthätigkeit heraus zukommen . « » Hinsichtlich seiner Liebeleien wird viel übertrieben , wie immer , wenn sich der öffentliche Klatsch solcher Dinge bemächtigt . Was hier an unserer Isar zusammengeklatscht wird , davon macht Ihr Euch in der Provinz gar keine Vorstellung . Du siehst ' s ja - selbst der König auf seinem Thron ist nicht sicher davor . Es übersteigt alle Begriffe , was ihm nachgesagt wird . Ja , wir leben in einem freien Lande ! « » Darum doppelte Vorsicht in dieser gährenden Zeit . Was sie auch aus ihrem Hexenkessel als angeblich erlösendes Gebild aufsteigen lassen möge , wir sind alt genug , uns durch nichts mehr überraschen zu lassen ... « » Der Kurier seiner Majestät , « meldete Gabriel mit schwacher Stimme und verbundenem Kopf . » Wie siehst denn Du aus , Unglücksmensch ? « fragte Trostberg überrascht . » Es scheint , ich kann den Münchener Frühling und den Schopenhauer nicht vertragen : es treibt mir den Kopf auseinander . « » Bitte , einen Augenblick , lieber Regierungsrat , der Kurier wird gleich bedient sein . « Doktor Trostberg empfing den Kurier sehr zeremoniös in einem salonartigen Gemach , das zwischen Bibliothek- und Schlafzimmer lag . » Seine Majestät befehlen das Drama-Manuskript ? Hier . Es liegt schon seit gestern bereit . « Damit überreichte er dem Kurier eine dicke , blauweiß verschnürte , mit Goldschnitt verzierte Rolle . » Und hier der neue Auftrag unseres allergnädigsten Herrn , « hob der Kurier feierlich an , dem Doktor ein umfangreiches Buch überreichend . » Seine Majestät erwarten , daß Sie die Auszüge aus den bezeichneten Kapiteln spätestens bis Mitternacht abliefern ; die französischen Verse im Anhang sollen ins Deutsche umgedichtet werden , so wortgetreu als möglich . « Trostberg verbeugte sich . Er werde alles thun , die schwierige Arbeit zu allerhöchster Zufriedenheit auszuführen . Sodann mit einigen diplomatischen Zwischenfragen überleitend , kam er auf persönliche Hofangelegenheiten , schlug einen diskret vertraulichen Ton an und wollte den Kurier ein wenig ausforschen . Der Kammerlakai war aber heute zugeknöpfter als je . Er beantwortete verschiedene Fragen mit dem nämlichen lächelnden Grinsen und Achselzucken . Nur als Trostberg auf den neuen Günstling , einen ehemaligen Friseur , anspielte , dem man in Münchener Kreisen großen Einfluß auf den König zutraue , antwortete der Gefragte : » Glauben Sie das nicht , Herr Doktor ; dieser Mann ist wie alle andern mit einem Fuß drin , mit dem andern draußen - und morgen vielleicht schon mehr draußen als drin . « » Und Sie selbst , vortrefflicher Freund ... nicht wahr ? « ... Nun wurde der Kurier gesprächiger . Der Regierungsrat lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit an der Thür . Er vernahm nichts . » Auch das ist charakteristisch , wie alles was ich seit zwei Tagen in München erlebe , und muß mit anderem gruppiert werden ! « Nach längerem Warten sah er auf die Uhr , machte eine Miene der Überraschung und Ungeduld , dann trat er an den Schreibtisch , schrieb einige Zeilen auf eine Visitenkarte , ergriff Hut und Stock und wollte gehen . An der Thür kehrte er noch einmal um , überlas das Geschriebene und setzte mit malitiösem Lächeln noch die zwei Worte darunter » Cedo maiori « . Im Hinausgehen , ohne den Gruß des Klowns zu erwidern : » Ich weiche dem Größern - der Regierungsrat dem Kammerdiener . Das ist jetzt unsere Situation ... im Staate Dänemark . « Zweiter Band . 1. Ew . Hochwohlgeboren ! Kurzweg so , ohne Ort- und Zeitangabe , oben rechts , geht ' s ? Darf ich Ew . Hochwohlgeboren mit einer Briefcharade necken ? Und am Ende auch die Unterschrift des Verfassers weglassen ? Wobei ich , um selbst zum Glauben an die volle Wirkung dieses fragwürdigen Briefes zu gelangen , voraussetzen müßte , daß Sie seit unserer langen Trennung auch die Erinnerung an meine Handschrift verloren . Ich weiß wirklich nicht , ob ich Ihnen gegenüber in dieser schlechtesten aller Welten , wo es besser wäre , gar nicht geboren zu sein , es sei denn , daß u.s.w. - ob ich Ihnen gegenüber den Spaß so weit treiben darf . Zumal da Ihre pessimistische Weltgestaltung - nicht wahr , wir sind in der Ergründung des Warum ? Wozu ? Woher ? Wohin ? unseres Daseins endlich weit genug gekommen , daß wir so etwas wie Weltgestaltung auf eigene Faust . Gefahr und Rechnung ins Werk setzen und mit uns und unserer Lebensführung anfangen können , was wir mögen , ohne irgend einem anmaßlichen Hinz oder Kunz Rechenschaft schuldig zu sein ? - also : zumal da Ihre pessimistische Weltgestaltung mehr und mehr einen Stich ins Allerdurchlauchtigste , Großmächtigste , Sonnenkönighafte bekommen hat , wie mir jüngst vorübergereiste Freunde im Fluge meldeten . Blutiger Heiland von Dachau , steh ' mir bei . Doktor Trostberg in der Livree eines geheimen Hofdichters , einer Art von dramatischem Minister für die litterarischen Angelegenheiten der königlichen Separatvorstellungen ? Bin ich recht berichtet ? In der That eine pikante Häutung für einen Studienlehrer a.D. , für den gemaßregelten Verfasser radikaler sozialphilosophischer Schriften über den deutschen Bauernkrieg und eines brennend roten Buchdramas » Thomas Münzer « , das anno dazumal seiner Feuergefährlichkeit wegen von keinem Münchener Buchhändler in das Schaufenster gestellt werden wollte ... Ja , ja , » und neues Leben blüht aus den Ruinen « , wie Schiller deklamierte , der auch mit den Räubern ( » In tyrannos ! « ) und den böhmischen Wäldern begonnen , um mit der geadelten klassischen Hof-Tragödie und einem Platz in der Fürstengruft zu schließen . Ich empfinde es wirklich als Anmaßung , mir mit Ihnen diesen epistolarischen Scherz zu erlauben , wenn ich Sie nur jetzt studierend , exzerpierend , übersetzend , dichtend auf vertrautestem Fuße mit dem Hofe Ludwig XIV. in Versailles denke , ganz vergoldet vom Strahle der Königssonne jenes großen französischen Jahrhunderts , du auf du mit den schönsten , liebenswürdigsten , galantesten Damen ; wenn ich Sie mir vorstelle , wie Sie mit der Madame Pompadour zu Bett gehen und mit der La Vallière aufstehen , wie Sie - - - Nein , das will ich mir lieber doch nicht vorstellen , Ihr deutscher Mannesbusen nähme sich in dieser Entblößung doch gar zu sündhaft aus . Und dabei hat sich Ihr Pessimismus auch ins Hoffähige hinüberstilisiert und schwebt bei feierlichen ästhetischen Empfangsabenden zwischen der letzten und vorletzten Hofrangklasse zum Olymp empor . Er trägt nicht mehr die krachlederne Kniehose und die wollenen Wadenstrümpfe und die derben Bergschuhe , sondern kleidet sich in die glänzende Hofkavaliertracht des großen Jahrhunderts ; er hat sich die ursprünglichen Naturlaute abgewöhnt und spricht jetzt mit der glatten Zunge des vollendeten Höflings . Dreh ' dich im Grabe um , alter Onkel Schopenhauer , philiströser frankfurter Isegrimm und Pudelführer ! Allein , schon Sie , Hochwohlgeboren , eben weil mich diese ganze Geschichte eigentlich nichts angeht , finde ich die alte , heitere Freiheit des Geistes wieder , Ihnen diese scherzhafte Epistel zu widmen . Aus der Ferne nehmen sich die Metamorphosen eines Sonderlings vielleicht auch - weniger bedenklich aus , als sie thatsächlich sind . Und nun bitte , ich Sie , betrachten Ew . Hochwohlgeboren diese Zeilen als eine von meiner phantasielosen Ehrlichkeit schlecht erfundene captatio benevolentiae , als eine diplomatisch mißratene Vorrede zu dem nun folgenden eigentlichen Briefe . Vor Monaten schrieb mir Drillinger ( allerdings nur in einem Postskriptum ! ) die Mahnung : » Richte doch auch wieder einmal einen ordentlichen Brief an unsern verehrten Dr. Trostberg , er rechnet darauf . « Ich kam seither nicht dazu . Schlimmer noch : in meinem letzten Brieffolianten an Drillinger vergaß ich sogar , Ihrer zu gedenken und Ihnen die von Drillinger getreulich an mich übermittelten Grüße zu erwidern . Ich eile , das Versehen gut zu machen , indem ich Ew . Hochwohlgeboren folgenden Extrabrief schreibe . Den versprochenen Pessimistenbaustil werde ich Ihnen leider diesmal noch nicht mit einwickeln können . Doch will ich mein Möglichstes thun , auch dieses Problema zeitgemäßer philosophischer Architektur zu Nutz und Frommen der Mit- und Nachwelt noch zu lösen . Ich schließe hiemit , nehme ein frisches Blatt - und beginne ! Pompeji , in den letzten Tagen . Albergo del Sole , Frühling 1886 . Mein verehrter Doktor Trostberg ! Daheim ein Überflüssiger , hab ' ich die Jahre her halb Europa durchzogen : Holland , Belgien , Frankreich , Österreich , Ungarn , die Schweiz - und andere von Wissenschaft und Kunst überblühte Naturgebiete , um die tausend und millionenfach abstudierte und abgebrauchte Gedanken- und Formenwelt mit eigenen Sinnen zu mustern und die uns schulmäßig eingepaukten Meinungen , Ansichten , Gemeinplätze und Urteile ein wenig nachzuprüfen . Gar vielen Unsinnskram , den man daheim ehrfürchtig und mühselig weiter schleppt , habe ich unterwegs abgeschüttelt - und es ist mir mit jedem Schritte leichter und wohler geworden . In jedem fremden Wirtshause habe ich mit dem üblichen Trinkgelde zugleich einige Dummheiten zurückgelassen . ( In Parenthese : der Leser wird höflichst gebeten , Dummheiten nicht mit dummen Streichen oder sonst mit einer boshaften Doppeldeutigkeit zu übersetzen . ) Ich habe frisches Leben , frische Eindrücke gesucht und wie oft ich auch enttäuscht von dem Äußerlichen war , innerlich habe ich immer das Eine gewonnen : erfrischte Kraft ! Was ich jedoch noch nicht gewonnen habe , mein verehrter Doktor Trostberg , das ist die ausreichende Zahl von Motiven , aus denen ich Ihnen den neuen pessimistischen Baustil hätte konstruieren können , den ich Ihnen in einer überschwänglich mißmutigen Stunde - ich weiß das Plätzchen noch : auf einer von blühendem Flieder umbuschten Bank auf der prächtig grünen , mit hohen Pappeln , Ulmen und Linden bestandenen Landzunge zwischen den schäumenden und tosenden Isarwassern , links von der Maximiliansbrücke - zur architektonischen Ergänzung und wohnlich stilgerechten Ausbauung Ihrer Weltanschauung versprochen habe . So nahrhaft und gut die Pessimisten auch das hundeschlechte Dasein ertragen : der Pessimismus selbst lebt noch rein von der Luft der Dichtung und Wagnerischer Musik , sowie von einiger Farbenillusion trübseliger Malermeister . Architektonisch ist er noch ganz und gar obdachlos . Nun werden Sie freilich gleich wieder mit Ihrer herben Spruchweisheit bei der Hand sein : die Baukunst nimmt in der Rangfolge der Künste überhaupt die niederste Stufe ein ; sie ist eine bloße Bedürfnis- und Nutzkunst und steht ästhetisch nicht hoher als die Bekleidungskunst - die Wohnstube , das Haus , der Palast sind eigentlich ja nur erweiterte Kleider , um uns vor der Unbill der mörderischen Natur zu schützen ; die Architekten sind auch keine philosophischen Köpfe , sondern höchstens Rechnungsmaschinen , ihre Kunst ist nur entwickelte Naturnachahmung und hat im Tierreich zahlreiche , zum Teil unerreichte Muster u.s.w. Bleibt uns also vorerst nichts anderes übrig , mein verehrter Doktor Trostberg , als unsere Zuversicht auf die Zukunft zu setzen und das Beste von der Ausbreitung und Kräftigung der pessimistischen Idee zu erhoffen . Haben wir erst glücklich einmal ein durch und durch pessimistisches Volk , wie wir ein biertrinkendes , handeltreibendes , kriegführendes , gottverehrendes Volk haben , dann wird neben dem Kneipenstil . Bahnhofstil , Festungs- und Kasernenstil , Kirchenstil u.s.w. auch der echte und gerechte pessimistische Philosophenstil erstehen . Es wird zwar noch viel Hochgebirgs-Gletscherwasser in die Isar fließen , bis wir jene Erhitzung der Köpfe und Herzen herbeiführen , welche die Vergletscherungen des unseligen Optimismus in auflösenden Fluß bringt und mit dem neu erblühenden Pessimistenvolk auch der neue Pessimistenstil siegreich in die Erscheinung tritt ; allein Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden . Daß der Pessimismus an sich reich an Konstruktionsgedanken ist , die dereinst bauliche Verwertung finden können , beweisen ja einstweilen die philosophischen Lehrgebäude , die in . den zahllosen Schriften unserer Schopenhauerianer und Hartmannianer auftauchen . Ich selbst habe zwar - zu meiner Schande muß ich ' s gestehen , auch wenn ich um eine ganze Quecksilbersäule in Ihrer Achtung sinken sollte - diese schriftlichen Lehrgebäude noch nicht in der Nähe beaugenscheinigt , ich habe mich bescheidentlich begnügt , sie wie ferne Nebelformen nach dem Hörensagen anzustaunen ; allein ich habe hier eine kleine geniale Person bei mir , eine Malerin in Temperafarben , die sich sehr gründlich im Schrifttum der Philosophen umgethan zu haben scheint , und sie ist es , die mir neulich erst wahre Wunder von den Konstruktionsgedanken der Schopenhauerianer strengerer und laxerer Observanz erzählt hat . Für meinen eigenen philosophischen Hausbedarf bin ich immer noch ganz anständig mit dem kleinen witzigen Gedankenvorrat ausgekommen , den mir die » Lichtstrahlen aus Schopenhauers Werken « , das pikante Kapitel von den Illusionen der Liebe in Hartmanns » Philosophie des Unbewußten « und der belehrende Umgang , dessen ich mich einst mit Ihnen zu erfreuen hatte , in angenehmster Weise lieferten . Zufällig bekam ich neulich ein Bändchen Gedichte von einem gewissen Leopardi in die Hand , der da drüben am Vesuv herumpessimistiert haben soll . Die Gedichte sind sehr schön . Doch war ich sehr enttäuscht , als mir versichert wurde , Leopardi sei wirklich ein genialer Schmerzenreich , ein unheilbar leidender und tief unglücklicher Mensch gewesen . Er soll auch sehr jung gestorben sein . Meine seitherigen Erfahrungen hatten mich zu der Annahme verleitet , daß der Pessimismus seine Bekenner recht gut konserviere und sie ein vergnügtes Alter erleben lasse . Eduard v. Hartmann , der die Niederträchtigkeiten der Liebe und Ehe am schärfsten geißelt , ist bekanntlich sehr angenehm verheiratet und glücklicher Familienvater . Von Schopenhauer gar nicht zu reden , der nach zuverlässigem Zeugnis besonders während seines italienischen Aufenthalts den Wonnekelch der Liebe bis auf die Nagelprobe zu leeren und auch sonst bis in sein hohes Alter vorzüglich zu speisen und zu verdauen pflegte . Dieser Pessimismus hat mir immer imponiert ... Er setzt bei seinen Bekennern eine ungewöhnliche Seelengröße voraus , denn es ist fürwahr kein kleines Stück , Lebenstheorie und Lebenspraxis so taktfest auseinander zu halten und auf der scharfen Kante des Iustemilien dahinzuspazieren , ohne Schwindel zu bekommen . Die oben zitierte kleine Malerin in Temperafarben , ein allerliebster Kamerad mit einem eminent klugen Köpfchen , hat mir diesen Kasus freilich in ein anderes Licht gerückt ( sie rückt in ihrer famosen Originalität überhaupt alles in ein anderes Licht , auch in der Malerei , wo sie wie ein Satan auf das plein-air versessen ist ) ; sie sagte nämlich , der Pessimismus ähnle darin den fideleren Religionen , daß auch seine Bekenner sich in Schafe und Böcke , in Gerechte und Ungerechte scheiden lassen ... Also ! Haben wir zur Zeit noch nicht die Kraft zur Schaffung eines architektonischen Pessimistenstils so haben die herrschenden Baustile unserer ruhmreichen Gegenwart wenigstens die Kraft , uns der pessimistischen Weltanschauung geneigter zu machen . Mir war nie weltschmerzlicher zu Mute , als wenn ich die neuesten Baudenkmäler unserer guten Kunststadt München betrachtet habe - z.B. die Gebäude der Maximiliansstraße . Und erst was da unten an der Isar herumgebaut worden ist ! Bei diesem Anblick bekam ich sogar Gräßlicheres , als Weltschmerz , ich bekam Bauchschmerz ! Fürchten Sie nicht , mein verehrter Doktor Trostberg , daß ich aus Rache für die erlittenen scheußlichen Empfindungen Ihnen boshaft zurufe : Stellen Sie sich auf die Maximiliansbrücke und blicken Sie von da nach allen Himmelsgegenden in die Bauwunder des sogenannten Isarathens hinein - da haben Sie eine Ahnung Ihres Pessimistenstils ! Was man da an der schönen , wilden , naturwüchsigen Isar an Münchener Kunstoffenbarungen vorgesetzt erhält , mag an Alles in der Welt erinnern , nur nicht an den kraftvoll eigenartigen , harmonischen Schöpfergeist Athens . Und darum glaube ich , daß wenn für München je einmal die Bezeichnung Kunststadt und Isarathen eine segensvolle Wahrheit werden und eine Blütenepoche eigenen , kraftvoll überströmenden Schaffens auf dem Gebiete des Schönen im umfassendsten und höchsten Sinne bedeuten sollte , die entscheidenden Thaten ihren Schauplatz an den Isarufern finden werden . Im Smaragd der Isar werden sich die Siegeswerke spiegeln , und stolzes Rauschen wird den Triumph der neuen Münchener Kunst verkündigen . Was heute von den unerhörten Sehenswürdigkeiten der Kunstleistungen in der königslosen Haupt- und Residenzstadt Bajuwariens oder Viermaniens gerauscht wird , das stammt meistens von jenen geistig dürren Blättern , die mit den Stichworten der von der Klique inszenierten Reklame arbeiten . Das verblüfft , aber überzeugt nicht . Die Botschaft hört man wohl , allein es fehlt der Glaube . Je nun , einstweilen muß uns auch dieses - Wurst sein . Erinnern Sie sich , mein verehrter Doktor Trostberg , wie unser großer einsamer König dereinst im Bunde mit Richard Wagner und Gottfried Semper den hehren Tempel deutscher Zukunftsmusik am Strande unserer Isar errichten wollte ? Drüben auf der bewaldeten , sagenumflüsterten , eichen- und tannenumrauschten Uferhöhe gegen Bogenhausen ? Wie er die nüchterne Liebigstraße zur monumentalen Kunstfeststraße umschaffen und in mächtigem Zuge von der Gartenseite des Festsaales der Residenz bis an die Isar bauen , mittelst einer neuen Brücke über die Isar leiten und in malerisch aufsteigenden Terrassen bis an die Schwelle des hehren Festspieltempels führen wollte ? Und die deutschen Völker versammeln sich hier , die hohen Feste ihrer nationalen Allkunst zu begehen , in längeren Zwischenräumen , begeisterten Herzens , aller Gemeinheiten und Sorgen des politischen und wirtschaftlichen Werkeltaglebens entladen , rein gebadet an Geist und Gemüt im Äther der großen vaterländischen Kunst ... Sehen Sie , wie sie in Scharen daherziehen , Männer und Frauen , Jünglinge und Jungfrauen , festlich gehobenen , elastischen Schrittes , beredten Mundes und glänzenden Auges , wie sie an der hohen Freitreppe des Kunsttempels sich wenden und klopfenden Herzens die Herrlichkeit der Landschaft bewundern , und aus der blauen Ferne grüßen die schneeigen Häupter der ewigen Alpen herein , und die Isar rauscht jubelnd herauf , und wie Nibelungenluft saust ' s durch die Wipfel der Eichen und Tannen , und im Abendrot schwimmt die hehre Kunststadt mit ihren ragenden Türmen und Giebeln ... Und nach diesem Naturvorspiel hebt sich der Vorhang ... Die materielle Welt versinkt , die Sonne des Geistes geht strahlend auf am Firmament der Kunst , die herrlichen Sterne der Dichtung und Musik leuchten und tönen in das Dunkel , und in lebendigen Gestalten schreitet das Schicksal unserer Götter und Väter , zum erhabenen Bilde verklärt , an unserem Blicke vorüber ... Ein Traum , ein Traum ! O , es wäre mehr gewesen . Der Nibelungenring Wagners mit seiner grandiosen Symbolik hätte wie ein Weltgericht der reinen Kunst an dieser Stätte gewirkt . Hier hätte man das wunderreiche Zeitgedicht des Dichter-Komponisten in seiner wahren Bedeutung erfassen gelernt , was weder in dem fränkischen Dorf Bayreuth , noch in den Prunksälen unserer Opernspaß-Häuser jemals vollständig gelingen wird : Die Jagd nach dem Ring , d.h. dem Goldreif , welcher der Welt Erbe verleiht , als das tragische Verhängnis unserer Zeit , der Kapitalismus in seiner Götter und Menschen aufreibenden Besitz- und Machtgier , die Weltherrschaft des Goldes - welch ' ein dämonisches Kampfmotiv , in das sich Himmel und Erde teilen , und welch ' eine Katastrophe ! Ich weiß nicht mit deutlichen Worten zu sagen warum , aber ich habe die Empfindung , daß diese Weltdichtung gerade an der Isar ihre volle Offenbarungsgewalt hätte entfalten müssen . Und hat der junge König nicht eine ähnliche Empfindung haben müssen ? ... Welch ' grandiose , eines jugendschönen , idealen Bayern-Königs würdige Künstlerphantasie ! Leider ist das Volk nicht mit seinem König gegangen . Der große Augenblick fand ein kleines Geschlecht . O Jammer , es hat von der goldenen Minute ausgeschlagen , was ihm keine Ewigkeit mehr zurückbringen wird . Der Königswille wurde gebrochen durch den brutalen Kleingeist der Kunststadtphilister , Meister Richard Wagner wurde aus der verdummten Kunststadt vertrieben , Meister Gottfried Semper rollte seine genialen Pläne zusammen und ging , und König Ludwig der Zweite schüttelte Schmutz und Staub seiner Residenzstadt von den Füßen und flüchtete sich in die Alpen und verzauberte sich in eine märchenhafte Welt , aus Dichtung gewoben und Wahrheit ... Großer , armer , unverstandener König , wie wird das enden ! ... Ja , mein verehrter Doktor Trostberg , ich habe Sie in dem Verdacht , daß Sie sich jenes wüsten Münchener Hexensabbates gar nicht mehr erinnern . Damals waren Sie noch wohlbestallter klassischer Schulmeister in der fröhlichen Pfalz . Was kümmerten Sie da die unklassischen Münchener Händel ? Sie räsonnierten und zechten mit unserem gemeinsamen Freund Doktor Leyser - Gott hab ' ihn selig ! - und schlugen sich die ersten pessimistischen Einfälle zwischen zwei Flaschen Jesuitengarten zu Faden , weil die üppige Sarah , die nachmalige Gesponsin meines Münchener Bankiers , Sie nicht erhören wollte . Aber ich habe jenen Hexensabbat in München miterlebt , und als ich neulich meine kleine Reisebibliothek revidierte , fielen mir wieder die Strophen in die Hand , worin der nun fast vergessene Dichter Herwegh jenen Spuk schildert . Ich will zu Ihrer pessimistischen Ergötzung die Hauptstellen ausschneiden und herkleben . Hier ! Vielverschlagener Richard Wagner , Aus dem Schiffbruch von Paris Nach der Isarstadt getragner Sangeskundiger Ulyß , Ungestümer Wegebahner , Deutscher Tonkunst Pionier , Unter welche Insulaner , Teurer Freund , gerietst Du hier ! Und was hilft Dir alle Gnade Ihres Herrn Alkinous , Auf der Lebenspromenade Dieser erste Sonnenkuß ? Die Philister , scheelen Blickes , Spucken in den reinsten Quell ; Keine Schönheit rührt ihr dickes , Undurchdringlich dickes Fell . Ihres Hofbräuhorizontes Grenzen überfliegst Du keck , Und Du bist wie Lola Montez Dieser Biedermänner Schreck . » Solche Summen zu verplempern , Nimmt der Fremdling sich heraus ! Er bestellte sich bei Semper ' n Gar ein neu ' Komödienhaus ! Ist die Bühne , drauf der Robert , Der Prophet , der Troubadour München ' s Publikum erobert , Eine Bretterbude nur ? Schreitet nicht der große Vasco Weltumsegelnd über sie ? Doch Geduld - Du machst Fiasco , Hergelaufenes Genie ! Ja , trotz allen Deinen Kniffen , Wir versalzen Dir die Supp ' ; Morgen wirst Du ausgepfiffen - Vorwärts , Franziskanerklub ! « Ein niedlicher Rummel der Isarathener ! Und das war Ludwigs vielgeliebtes Residenzstadtvolk , in dessen Mitte er leben sollte ... Wenn er dem Zwange des Staatsgrundgesetzes gehorcht und einige Male im Jahre bei Nacht und Nebel nach München kommt , dann schließt er sein Theater für den großen Haufen der Isarathener und läßt sich Separatvorstellungen rüsten , in welchen neben den klassischen Meisterwerken der großen Deutschen mehr und mehr die Louis-Quatorziaden der wälschen Repräsentationskomödie zur Darstellung kommen , und mein verehrter Doktor Trostberg , der bleiche Schatten des einstigen rotblütigen Zeitgenossen und Überlebenden des deutschen Bauernkrieges , taucht seine Schwertfeder in die Schminktöpfchen französischer Übersetzungsdramatik und Pompadourlitteratur ... Ah , Sie wollen einen Pessimistenstil , geheimer Separatdichter ? Da haben Sie ihn ! Und da , wo die Isarwellen scheu und klagend an der Bogenhauser Höhe vorübereilen , da sehe ich einen Stein aus dem Wasser ragen ... Und auf diesem Stein wird einst der Doktor Trostberg seine mißbrauchte Schwertfeder zerbrechen und seine Leier zerschlagen - im Jammer um eine verlorene schöne Welt , und das wird sein erster wahrhaftiger Weltschmerz sein , vor dem ich Hochachtung empfinde , ich , der Weltfrohe . Und nun lassen Sie uns ein wenig von unseren letzten Tagen und Eindrücken in Pompeji plaudern ! Jawohl , dieses Pompeji , das sich jetzt nach tausendjährigem Todesschlaf wie ein Gespenst am hellen Tag aus seinem Grabe erhebt und sich Asche und Staub aus den hohlen Augen reibt und seine verschollene Zier und seine verblichene Schönheit Stück für Stück aus den Trümmern zusammenliest , das war eine Kunststadt . Fürwahr , ich möchte unsere Kunststadt nicht an seiner Stelle sehen ... Ach , der Gedanke an die Heimat läßt mir keine Ruhe , und mein Empfinden schweift schon wieder ab ... Es ist ein Sturm , ein Aufruhr in mir , der jedem beschaulichen Genießen spottet . Meine Feder saust im Fieber über das Papier , und ich breche Ihnen den Hals , Doktor , wenn Sie nicht stille halten und mich nicht achtungsvoll zu Ende hören . Der Sie das Leid der ganzen Welt empfinden und tragen , dürfen nicht widerwillig das Leid des Einzelnen von sich weisen . Und ich leide , wenn ich an unumwundener Aussprache verhindert werde . Aber ich will nicht zu einem Klotz reden , sondern zu einer mitempfindenden Mannesseele . Für letzteres halte ich sie trotzalledem . Täusche ich mich , so sind Sie ein verdammter Egoist . Ich würde es dann nicht einmal mehr für ein Vergnügen , geschweige für eine Ehre halten , von Ihnen angepumpt zu werden . O nicht diese saure Miene , obwohl sie einen geborenen Pessimisten gut kleidet ! Ich revanchiere mich und pumpe Sie auch an , sobald ich heimkomme . Nicht um Geld , sondern um einen guten Dienst . Jetzt , wo Sie ein Zipfelchen vom Ohr des Königs haben und ein Mann von allerhöchstem Einflusse sind ... Meine Isarbebauungspläne - ahnen Sie etwas ? Ah , ich sehe schon isarauf- und abwärts die Gerüste aus dem Boden wachsen und ein Heer von Arbeitern wimmeln und ganze Wagenburgen mit Baumaterial heranziehen ... Die Lastfuhrwerke knarren und ächzen , Staubwolken wirbeln auf , ein ungeheures Leben erfüllt die stillen Ufer , aus allen Gassen strömen die Gaffer herbei , um das Wunder der Umgestaltung zu sehen . Wie die Göttin der Schönheit aus den Fluten des Meeres , so taucht ein göttlich schönes Neu-München aus den Fluten der Isar auf ... Und da jagen meine Gedanken in diesem toten Pompeji umher wie aufgescheuchte Vögel , wenn sich der Himmel mit Gewittern überzieht . Warten soll ich ! schreibt man mir von daheim . Warten . Der große Zeitpunkt sei noch nicht gekommen . In vier , fünf Jahren erst könne alles in Fluß kommen . Man habe alle Hände voll mit anderen Dingen : mit der Wasserleitung , der Kanalisation , der Pflasterung , der Trambahn , dem Viehhof , den