verblüfft . » Das kannst du ja wissen , da du nur melden ließest , du kämst nicht zu Tisch und würdest dort speisen ! « » Ich habe gar nichts melden lassen , er tat es ohne mein Wissen ! « » Wer Er ? « » Ja so ! Nun rate - der Louis Wohlwend ! « » Der ist da ? Und du hast mit ihm gegessen ? « Die Frau Salander saß starr vor Erstaunen , aber nicht von der freudigen Art. » Erschrick nur nicht so arg ! Denke dir , er will unser Bürgschaftsgeld mit Zins abzahlen und hat mir als Anfang fünftausend Franken gebracht ! « » Ich wollte , der Boden hätte ihn damit verschlungen ! Wenn das Geld nicht verschmerzt wäre , so hätt er ' s nicht gebracht ! Und da hast du gleich wieder Freundschaft gemacht ? « » Das just nicht ! Aber sei doch nicht so wunderlich , liebe Marie ! Ich kann nichts anderes darin ersehen , als daß er den Schaden gutmachen will , da er es nun vermag ! « » O Mann , und ich kann nichts anderes erkennen , als daß er gekommen ist , dich zum dritten Mal auszuplündern ! « » Das hätte er jetzt nicht mehr nötig ! Ein solcher Spitzbube ist er doch nie gewesen , daß er , der ein Vermögen erheiratet hat , aus bloßer Liebhaberei eine alte Schuld bezahlt , um sie als Köder zu einem neuen Fang zu benutzen . Und dann wäre er nicht mit Weib und Kindern dazu eingerückt ! « » Behüt uns der Himmel ! Weib und Kinder ? Das mag ein schönes Volk sein ! « » Schön ? Schau sie einmal an , du wirst dich wundern ! Die Frau selbst dünkt mich zwar nicht besonders fein , hab sie auch nicht recht angesehen , weil sie eine jüngere Schwester hat , ein Fräulein Myrrha , die ich betrachten mußte ! Ich sage dir , eine Antigone , eine Nausikaa , die schöne Helena selbst , würd ich sagen , wenn sie hiefür nicht zu fromm aussähe ! « Erst jetzt faßte Frau Marie den begeisterten Mann besser ins Auge und gewahrte sein leicht gerötetes Gesicht und die glänzenden Äuglein , die er machte . In dieser ungewohnten Anwandlung einer späten Schönheitsverehrung erschien er ihr so liebenswürdig komisch , daß sie herzlich lachen mußte und ihn mit wachsender Heiterkeit betrachtete . » Es ist gewißlich wahr ! « rief er treuherzig , indem er das fröhliche Wesen ihrem Unglauben zuschrieb , nicht ahnend , wie viel edler die Laune war , die sie beseelte . Und als sie ihn mit noch lustigerem Wohlwollen zu betrachten fortfuhr , lief er ungeduldig mit den Worten davon : » Ach geh ! Mit dir ist nichts anzufangen . « Dieser gute Martin ! dachte die in ihrem Sessel lehnende und einen Augenblick die Hände übereinanderlegende Frau , der ändert sich nicht , bis er zerbricht ! Immer jagt er einen neuen Osterhasen auf , wenn man glaubt , er sei zu Ende ! Jetzt hat er es wieder mit der Griechenschönheit zu tun , wie er es in alter Zeit genannt hat ; er wird nächstens mit dem Odysseebuch ankommen , das wir ehemals durchlasen . Nun , er hält seinen Geist immer in Bewegung , immer ist er mit etwas beschäftigt und braucht nicht Kegel zu schieben ! Der so günstig beschriebene Mann ging indessen schon wieder anders gelaunt den Weg nach dem Geschäftshause , als wie er ihn angetreten . Erst auf der Straße wirkte das anmutige Verhalten der Frau in ihm nach , deren innere Jugend den Rest der Jahre um so lieblicher durchschimmert hatte , als das Vorkommnis in seiner Art neu war . Der kleine Verdruß , den er über ihr Lachen empfunden , verschwand unvermerkt . » Wer hätte gedacht , « sagte er , » daß diese gute Marie , die ich so lang kenne , einer so zierlich goldenen Laune in solchem Falle fähig wäre ! Nie hab ich sie so gesehen ! Hier kann man wahrlich nicht sagen , der Mensch ändert sich , bis er zerbricht ! Stets , wenn man es am wenigsten denkt , bringt sie ein neues Licht zu Tag ! Freilich , da sie hiemit stets dieselbe bleibt , kann man doch nicht sagen , sie ändere sich ! « Aber keines von beiden erinnerte sich mit einem Wörtchen an das Gespräch , welches sie am gestrigen Abend vor dem Schlafengehen wegen der Töchter geführt , und was sie von den unregelmäßigen und unerklärten Erscheinungen des menschlichen Lebens gesagt hatten . XV Martin Salander hörte mehrere Wochen nichts weiter von Louis Wohlwend und dessen Familie , und wenn er auch zuweilen neugierig war , was der kuriose gute Freund zu guter Letzt noch aufstellen werde , so dachte er doch immer weniger und gleichgültiger daran . Eines Abends verkündigte ihm Frau Marie , daß sie die Töchter besuchen und bei jeder einen Tag zubringen möchte . Die Männer seien nämlich beide an ein Schützenfest in der Westschweiz gereist und werden es nicht verlassen , bis sie ein paar silberne Becher herausgeschossen , was sie mit vielem Geldaufwand und unendlichem Schießen zu erzwingen gewohnt waren . Ihre Abwesenheit wünschten die Frauen zu einer gründlichen Musterung des Hausgerätes , namentlich Betten und Linnenzeug , zu benutzen und dabei die Mutter mit ihrem Rate zur Seite zu haben . Sie gedachten natürlich , auf diese Weise einen vollen Sommertag der ungestörten mütterlichen Gesellschaft sicher zu sein und es überdies so einzurichten , daß jede der Schwestern an der Visitation und dem Ratschlage im Hause der andern teilnahm , wobei sie nicht nur ein lehrhaftes Wahrnehmen und Vergleichen der erlittenen Schäden , sondern auch ein höchst zufriedenes , vertrautes Stilleben zu dreien tage- und nächtelang zu erzielen hofften . Denn wenigstens eine Nacht wollte jede Tochter den ersehnten Besuch bei sich festhalten . Martin fand alles in der Ordnung , bis auf die kostspielige Schießerei der Schwiegersöhne , von denen jeder in der Tat ein Glasschränklein mit einer Reihe glänzender Becher im Hause stehen hatte , ohne einen sichern Schuß abgeben zu können . Da es aber einmal so war , so gönnte er allen drei Frauen die zwei oder drei vertraulichen Tage und ermahnte die seinige , solange bei den Kindern zu bleiben , als sie es freue und ihr selbst guttue . An beiden Orten sei ja die Luft so rein und gesund als möglich . Am bestimmten Tage brachte er die treffliche Gesponsin zum Bahnhofe , wo die Magd schon einen Korb mit guten Sachen hingetragen hatte , das Zusammensein der einsamen Strohwitwen etwas festlicher zu gestalten . Vom Bahnhofe hinweg machte Salander einen längeren Gang durch abermals neuentstandene oder ausgebaute Quartiere und unterhielt sich damit , ein und anderes Haus zu erspähen , auf welches er flüssiges Kapital geliehen hatte . Da er aber kein fleißiger Stadtgänger war , so vermochte er die Häuser schon nicht mehr herauszufinden . Hierüber fielen seine Gedanken auf das bedenkliche Umsichgreifen der Baulust , welcher er ja selbst Vorschub leistete , und auf die Reden , welche bereits von einem unvermeidlichen Häuserkrach umgingen . Mag er kommen , dachte er , ich habe nur erste Hypotheken , und ohne das : mitgeflogen , mitgefangen ! Man muß mit der Zeit marschieren , sie gleicht alles wieder aus ; was sollten unsere Handwerker anfangen , wenn nicht das bißchen Bauen noch wäre ? Er betrachtete ein schönes Haus genauer , welches schon bewohnt schien , da im Erdgeschoß eben ein Handelsgeschäft oder Warenlager eingerichtet wurde und die Fenster der übrigen Stockwerke mit Vorhängen versehen waren . Wie er so stand , trat Louis Wohlwend aus dem Hause und erblickte den Martin Salander . » He , « rief er , » da ist er ja wie gerufen , der alte Freund ! Just diesen Augenblick war ich im Begriff , dich auf dem Kontor aufzusuchen ! Wie gern würde ich dich gleich hinaufführen , denn wir wohnen einstweilen in diesem Hause ; aber meine Frauenzimmer befinden sich noch nicht im Stadium und würden schneuzen wie Katzen , wenn ich einen Herrn brächte ! « » Ei so ! « sagte Salander , als er endlich zum Worte kam , » du hast eine Wohnung bezogen und gedenkst also hierzubleiben ? « » Es ist wohl möglich , daß wir wenigstens so lang bleiben , bis die Buben geschult sind . Denn das habe ich nun empfunden , daß ich sie hier in die Schulen schicken muß ; sie sollen ja doch Schweizer bleiben . Wir sind einige Wochen herumgereist , auch am Genfer See ; in Lausanne habe ich ein Privatinstitut gefunden , das mir sehr gefällt . Dort will ich sie für ein Jahr , oder je nachdem , unterbringen , und nachher sollen sie hier oder anderswo in der deutschen Schweiz eine gute Mittelschule , Gymnasium oder Realschule durchmachen . « » Was sollen sie denn werden ? « fragte Salander . » Mit meinem Willen jedenfalls nicht Kaufleute ! Ich habe genug davon bekommen , sintemal nicht jedem das Glück eines Martin Salander beschieden ist ! « Dieser nahm eine Redensart , die er auch schon von anderen Schiefgelaufenen hören gelernt hatte , nicht übel ; er lächelte gutmütig : » Also Studien nimmst du in Aussicht für die Knaben ? « » Studien , hm ! Ja und nein ! Ich fürchte , die Burschen sind nicht so recht intelligent genug ! Dennoch schwebt mir dunkel vor , als ob sie das Studium der Theologie bewältigen könnten ! « » Theologie ? Das muß ja heutzutage gerade das Schwierigste sein , das die entgegengesetztesten Fähigkeiten erheischt ! « » Nicht so sehr , wie du meinst ! « erwiderte Louis Wohlwend mit überlegenem Zwinkern seiner Augen . Da eigentlich keiner wußte , wie es der andere meinte oder meinen wollte , so ließen sie den Gegenstand fallen . » Wo gehst du hin ? « fragte Wohlwend . » Auf das Bureau ; ich habe meine Frau nach der Eisenbahn gebracht ; sie ist für einige Tage verreist , und nachher bin ich ein wenig spazieren gegangen . Jetzt wird es wohl Zeit sein . « » Ich begleite dich noch eine Strecke ! Apropos ! Was sagst du dazu , daß ich in deinem Hause wohne ? « » In meinem Hause ? Wo denn ? Ich habe keines ! « » Wo ich vorhin herauskam ? Ich habe mit dem Eigentümer über die jetzigen Bauverhältnisse gesprochen und dabei natürlich erfahren , wo er das Geld her hat . Es ist also so gut dein Haus , wie seines ! « » Ich sehe nicht , wie ! Auch wenn der Mann es müßte fahrenlassen , so kämen andere nach mir , denen es zufiele . Ich stehe sicher ! « » Wer kann das sagen ? Wenn der Kaufwert um ein Drittel oder Viertel sinkt , so wird das Haus dein und ist dann erst preiswürdig ! « » Aber ist denn das Haus wirklich eines , worauf ich Geld habe ? Wie heißt der Besitzer ? « » Wie , du kennst deine Häuser nicht ? Martin , du bist bei Gott großartig ! « Bei diesen Worten warf Wohlwend einen stechenden Blick auf den alten Freund , der zufällig einen halben Schritt voraus war und das böse Auge nicht fühlte . Jener wußte wahrscheinlich selbst nicht , was die aufblitzende kleine Wut erregte , ob Salanders Erwerbsglück oder die unbekümmerte Ruhe , welche er besaß . Während jener schon mehr ausgekundschaftet , als er verriet , wußte dieser nicht einmal , wo die Häuser standen , die er belehnte , was wie eine persönliche Beleidigung auf ihn wirken mußte . Tat ihm Salander ja nicht die Ehre an , die Frage nach dem Namen des Hauseigentümers zu wiederholen , die vorhin unbeantwortet geblieben . Aber kaum hatte er den halben Schritt eingeholt , war die schlimme Anwandlung aus seinen Augen verschwunden , und er plauderte weiter . » Alter Freund ! Was ich sagen wollte : ich weiß nicht , wie ich zu deiner Allergnädigsten stehe ? Gern möcht ich sie doch unter den nunmehrigen Verhältnissen begrüßen , zumal ich auch mit Damen behaftet bin , denen ein schicklicher Umgang Bedürfnis wäre . Sie sind durch den frühen Tod ihrer Mütter in der feineren Erziehung nicht gefördert worden , haben zwar durch fahrende , junge geistliche oder weltliche Lehrer Unterricht erhalten , wenn es sich fügte ; das wollte aber nicht viel heißen , hätte auch nicht viel zu sagen , wenn sie als Ersatz mehr gesellschaftliches Geschick hätten , als sie sich in ihren heimatlichen Verhältnissen haben aneignen können - aber da hapert ' s eben , wie du leicht bemerken magst , und aus diesem Grunde muß ich darauf sehen , sie bald in dies oder jenes Haus einzuführen , wo sie etwas lernen können , so das nötigste - « » Du klopfst da an der unrechten Türe , « unterbrach ihn Salander , » meine Frau lebt ziemlich zurückgezogen und hält nicht einmal eine Stubenjungfer . Seit vielen Jahren behelfen wir uns mit einer älteren Magd , du kannst dir also denken , daß wir kein Haus machen , wo für Damen etwas zu lernen ist . « » Laß das nur gut sein ! Die gnädigste Frau ist mir nicht grün , ich weiß das wohl ; allein darum hab ich doch allen Respekt vor ihr und schätze , daß sie für sich allein schon ein gutes Haus vorstellt - versteh mich nur ! Ich suche ja nicht Glanz und Geräusch für die armen Weibchen , sondern ein Vorbild ruhig edler Weiblichkeit in allem Tun und Lassen - « » Da kommst du bei der Marie schlecht an , wenn du dergleichen vorbringst ! « unterbrach Salander abermals den Aufdringlichen , » sie kann das Wort nicht ausstehen und hat es dem Redner jetzt noch nicht verziehen , der sie einst an der Hochzeit unserer Töchter vor allem Volk ein Muster edler Weiblichkeit genannt hat ! « » Ha , die famose Hochzeit ! « rief Wohlwend , » davon hab ich auf dem Borstenmarkt zu Budapest eine Zeitungsnotiz gelesen . Ich frühstückte ein Schweinshaxerl mit einem Seidel Erlauer , nahm ein Blatt in die Hand und las aufs Geratewohl : Den berühmten Hochzeiten zu Kana , des Camacho ( welchen ich nicht kenne ) usw. wird man diejenige eines Herrn Martin Salander in der freien Schweiz anreihen müssen , welche derselbe bei der Verheiratung seiner zwei Töchter angestellt hat und wobei nicht nur eine Menge Volkes bewirtet , sondern auch politische Schauspiele und Allegorien aufgeführt wurden , alles unter freiem Himmel ! Davon mußt du mir noch erzählen ! Stelle dir vor , wie es mich elektrisiert hat und wie mir trotz meines gebratenen Schweinshaxerls der Mund wässerte ! « » Ja , ein andermal ! « sagte Salander , der rot und verlegen geworden und nach der Uhr sah , » jetzt muß ich doch ans Geschäft gehen , es ist bald neun Uhr ! « Wohlwend faßte ihn aber am Rockknopf : » Noch ein Wort , alter Freund ! Du bist also allein zu Hause ? Wir haben noch gar nie recht ausgeplaudert , nimm vorlieb und iß heute mit uns , wenn du nichts anderes vorhast ! Wir sind freilich nur unvollkommen eingerichtet und ohne allen Luxus auch in der Küche - allein ich weiß , du nimmst vorlieb ! Wir müssen uns in den eigenen vier Wänden bewegen , wenn wir ungestört sein wollen . Du versprichst zu kommen , nicht wahr ? « Martin fühlte sich durch das neue Andrängen Wohlwends nicht angenehm berührt und gedachte auch des Widerwillens der Frau Marie . Doch der Umstand , daß er sich vorgenommen hatte , auswärts zu speisen , und eine gewisse Neugierde , das Schönheitsbild nochmals zu erblicken , dessen Lob eine so liebliche Heiterkeit der Gattin erweckte , veränderten plötzlich seinen Sinn und verhüllten sein Bewußtsein mit einem aufsteigenden Nebelgewölk , und er sagte zu , worauf Wohlwend sich schleunig entfernte und Salander endlich die Stätte seiner Arbeit aufsuchte . Er blieb einige Stunden andauernd beschäftigt , auch nachdem seine Leute weggegangen , und übersah mit klarem Blicke die Geschäftslage nach allen Seiten . Wo sich eine Schwierigkeit zeigen wollte , rührte sie nicht von Selbsttäuschung oder bedachtlosem Verfahren her , und es ließ sich ihr mit ruhigem Gleichmute begegnen . In der Stille der Mittagsstunde warf er auch einen prüfenden Blick in die Bücher , sowie auf die persönlichen Notizblätter über die wichtigeren Vorkommnisse im allgemeinen , und nahm mit Befriedigung wahr , was er zwar wußte , daß der Gang seiner Handelsangelegenheiten keine verwegenen Sprünge machte , dagegen in gleichmäßigem Flusse sich gelassen vorwärts bewegte . Darin glaubte er dankbar ein ihm anhaftendes Glück zu erkennen , seit den früheren Unfällen nur auf redliche und zuverlässige Geschästsfreunde zu stoßen oder dieselben sogar anzuziehen , wenn er so eitel sein wollte , sich dessen zu rühmen . Nun schnarrte die solide Uhr über dem Schreibtische , viertelte , schlug ein kräftiges Eins und erinnerte ihn daran , daß er dem Louis Wohlwend versprochen habe , bei ihm zu essen , und zugleich , daß dieser älteste Freund beinahe der einzige Mensch war , der ihm wiederholt Unglück gebracht hatte . Er erschrak förmlich , schloß die Aufzeichnungen wieder ein und besann sich schwankend , ob er nicht besser täte , dem Gefühle seiner Marienfrau zu folgen , nicht hinzugehen und überhaupt mit dem wunderlichen Gesellen kurz abzubrechen . Als er jedoch bedachte , wie Wohlwend ja den guten Willen zeige und bereits betätigt habe , das Vergangene freiwillig gutzumachen , dünkte es ihm doch untunlich und grausam , den Mann so zu behandeln , jetzt , wo er sich aus den Wirrsalen eines vielleicht mehr törichten als schlechten Lebens gerettet zu haben und zur Ruhe gekommen schien . Damit erhob er sich von seinem Stuhle , suchte nach Haar- und Kleiderbürsten seiner Angestellten , welche die Herren in einem Winkel aufbewahrten , wusch die Hände und machte sich schön , soweit es sein Alter erlaubte , da er mit Frauen zu Tisch sitzen sollte . Dann schellte er dem Gewerbeknecht , der im Hause wohnte , und befahl ihm , das Kontor zu schließen , auch dem Buchhalter zu sagen , er würde vermutlich diesen Nachmittag nicht mehr erscheinen . Er stieg in dem bewußten Hause drei Treppen hoch , bis er die Wohnung fand , an deren Türe eine Karte mit dem Namen L. Volvend-Glavicz befestigt war . Zeugte das hochgelegene Quartier von bescheidenem Auftreten , so verkündete die Karte , daß deren Inhaber schließlich in die Zunft derjenigen eingetreten sei , die immer etwas an ihrem ehrlichen Namen herumzubasteln haben . Martin schüttelte den Kopf und zögerte , die Hand an der Klingel ein letztes Mal . Er wird am Ende nichts weiter damit wollen , als ein wenig der Eitelkeit frönen , da er nun die Muße dazu hat ! dachte er nach einigem Besinnen und zog die Glocke . Es dauerte ein kleines Weilchen , bis einer der Knaben öffnete und den Gast mit einem stummen Bückling einließ . Durch die offenstehende Türe eines Zimmers sah man den gedeckten Tisch , an welchem das andere Söhnchen stand und die Mandeln zählte , die auf einem Teller lagen . Beide Knaben trugen Stiefeln , wie der Vater , und darüber lange Röcke von gelblicher Farbe , gleich Herrschaftsbedienten ; in ähnlichem Geschmacke waren die Haare mit Pomade bestrichen und dicht an die Schläfen geklebt . So machten sie den Eindruck von Kindern , welche die Eltern nicht zu kleiden verstehen . Als weiter niemand erschien , fragte Salander denjenigen , der ihm geöffnet , wie er heiße , denn er hatte es vergessen . » Georg ! « erwiderte er , abermals mit einem Bückling , » und der dort ist der Louis ! « » Richtig ! Nun , und wo ist euer Papa ? « » Dort drin sitzt er ! « sagte Georg , auf eine andere Türe weisend . Martin klopfte dran , und es tönte » Herein « . » Ah ! Der Freund Salander ! « rief Wohlwend , der an einem Tischchen in der Nähe des Fensters saß und schrieb , jetzt aber aufstand und ihm die Hand reichend entgegentrat , » sei willkommen bei uns ! « » Ich muß mich wegen des Verspätens entschuldigen , « sagte Salander , » ich habe mich auf dem Kontor ganz vergessen , bis es eins schlug ! « » Hat gar nichts zu sagen ! Du siehst , ich war auch beschäftigt ; ich bin ein armer Teufel und habe stets mit dem Vermögen meiner Frau zu schaffen , es ist eine etwas schwierige Gegend dort hinten ! Und meine Schwägerin hat zwar ihren eigenen Sachwalter , aber auch dem muß ich fortwährend auf die Finger sehen , ich habe eben seine letzte Abrechnung unter den Händen . Jetzt wollen wir aber sehen , wo die Frauenzimmer bleiben ! « Er packte einige Papiere zusammen , die auf dem Tischchen lagen , und verschloß sie in eine Kommode . » Schau einmal dies Möbel , wie gut es gemalt ist ! « sagte er , » reines Tannenholz , und sieht aus wie Nußbaum ! Wir sitzen nämlich ganz in gemietetem Hausrat , Betten und alles , bis das Provisorium entschieden ist . Auch das Essen haben wir heute vom Restaurant , haben zwar eine Köchin mitgebracht , die aber mit den hiesigen Einrichtungen noch nicht auszukommen versteht . « Eine Türe ging auf , durch welche Frau Alexandra Volvend-Glavicz eintrat . Sie ging in rauschender Seide daher und war ziemlich so groß wie ihr Mann ; dennoch schien sie ihm auf die Augen zu sehen , wie wenn sie sich scheute , etwas nicht gut zu machen . Das Gesicht war wohlgebildet , aber ausdruckslos und tiefer gefurcht , als den vielleicht bald vierzig Jahren angemessen war , die sie zählte . » Siehst du , « wendete sich Wohlwend an sie , » hier heißt ' s nicht : Küß die Hand , meine Gnädigste ! wenn ein Herr kommt . Die Hand gegeben und geschüttelt , damit Punktum ! « Salander erleichterte der guten Dame das Manöver , indem er es nach der soeben vernommenen Vorschrift ausführte und ihr aufrechtstehend die Hand bot . » Guten Tag , Herr Staatsrat von Salander , « sagte sie mit fast rauher Stimme , » es freut mich , wenn Sie mit unser einfachem Tisch vorliebnehmen wollen ! « Dabei machte sie statt seiner einen Bückling , genau wie vorhin ihr Sohn Georg . » Nicht so ! « rief Wohlwend lachend , » du darfst deswegen noch kein Kompliment machen , wenn man dir schon nicht die Hand küßt ! « Sie errötete stark , weil sie trotz des Lachens den stechenden Blick auffing , den er zugleich damit abgab . Denn er war zornig über die offenbar eingelernte und verkehrt vorgebrachte Phrase ihrer Begrüßung . Zum Glück für sie , die furchtsam dastand , ging die Türe wieder auf und ihre Halbschwester erschien , Salanders Augen sogleich auf sich ziehend und festhaltend . Sie war jetzt wirklich eine schöne Erscheinung , ebenso groß wie ihre Schwester , war sie wohl zwanzig Jahre jünger , und in dem weißen Kleide , das sie trug , von tadellosem Wuchse . Das Kleid war einfach gearbeitet , ohne alles Gebausche , indem der Hauptzierat in einem ebenfalls weißen Spitzenkragen bestand , welcher die schönsten Schultern und Arme spärlich durchschimmern ließ , aber von ihnen um so schönere Falten erhielt . Einen feineren Glanz verlieh alledem die sanfte Schüchternheit , die darüber ausgegossen war und die bescheiden auftretende Gestalt in ihrem so stattlichen Wuchse in der Tat wie Mondlicht verklärte . Sie lächelte leicht , als sie Salander grüßte , aber mehr wie um Atem zu schöpfen , als um ihn oder irgend jemand anzulächeln , und er verbeugte sich bei diesem Anlaß unfreiwillig , trotz seiner demokratischen Gesinnung , und nahm sogar die Hände hervor , die er auf dem Rücken gehalten hatte . Jetzt kamen auch die Knaben gelaufen und zeigten an , daß die Suppe auf dem Tische stehe . » So laßt uns gehen , eh sie kalt wird ! « mahnte Wohlwend . » Es ist das einzige , was die Köchin heute geleistet hat , eine gut österreich-ungarische Suppen , eine Mehlspeis nicht zu vergessen ! Herr Großrat , darf ich dich bitten , meiner Frau den Arm zu bieten und voranzugehen , links durch ! « Martin mußte sich zusammennehmen , der Einladung rasch zu gehorchen . Woher hat er nur diese verfluchten Künste ? dachte er , hier wußte er den Teufel davon , sowenig als ich ! Am Tische kam er heute natürlich neben die Frau zu sitzen , erhielt aber dafür die herrliche Myrrha von hellenischer Abkunft zum Gegenüber . Zu seiner Verwunderung ergriff Louis Wohlwend sofort den Suppenlöffel und tauchte denselben in die Schüssel , nachdem die Köchin , auch eine merkwürdige Erscheinung , den Deckel weggenommen hatte . » Das ist mein Amt ! « sagte er zu Salander , der ihm zuschaute , » darf ich um die Teller bitten , wir wollen sie einfach weitergeben , da wir unser so wenig sind ! « Die Frau war sichtlich etwas beschämt , so regiert zu werden ; allein er schöpfte einen Teller um den andern voll , indem er jedem seinen Anteil an den guten Sachen herausfischte , die auf dem Grunde der Schüssel ruhten , und so gerechtes Maß übte , auch dafür sorgte , daß kein Teller im Herumreichen überschwappte . Martin Salander befolgte in allen Lagen seines Lebens , wo eine Suppe vorkam , die Angewöhnung , ohne Verzug mit dem Genusse derselben zu beginnen , sobald er sie im Teller hatte . Da nun das Schöpfen beendigt war , säumte er auch nicht länger , versenkte seinen Löffel in die Brühe und führte ihn zum Munde . Als er damit auf dem halben Wege angelangt war , und auf diesen Augenblick schien der Tischherr gewartet zu haben , sagte Wohlwend unversehens mit trockenem Tone : » Georg , bete ! « Verblüfft hielt Martin Salander den Löffel schwebend in der Luft und schaute auf . Alle hielten die Hände gefaltet vor sich hin , während der Knabe ein Tischgebet verrichtete . So blieb jenem nichts anderes übrig , als seinen Löffel niedergehen zu lassen und die Hände wenigstens vor sich auf den Tisch zu legen . Zu einem geheuchelten Mitfalten fehlte es ihm doch an Unverfrorenheit . Inzwischen betrachtete er den Louis Wohlwend ganz unbefangen , wie er ernsthaft vor sich niederblickte und unter seinem tatarischen Schnurrbart die Lippen schloß , wie wenn er einen Schluck Wein auf der Zungenspitze hätte . Als das Gebet zu Ende , wurde die Suppe ohne weiteres Hindernis verzehrt , und da hiebei wenig gesprochen zu werden pflegt , fand Salander Zeit , über den Vorfall seine Gedanken zu machen . Daß in einer Familie mit Kindern das Tischgebet fortgeführt wird und auch Wohlwend , der die Sitte wahrscheinlich im Hause des Schwiegervaters vorfand , es tat , fiel ihm nicht so auf , wie die unverkennbare Absicht , mit welcher er den arglosen Gast den Löffel hatte ergreifen lassen , eh er den Befehl erteilte . Martin schloß also hieraus , daß es auf ihn besonders gemünzt sein müsse , und indem er mit geheimem Ergötzen die alten Schnurren darin erkannte , wunderte er sich nur , zu was sie jetzt noch nötig seien , und daß Wohlwend die beleidigende Form nicht selbst gefühlt habe . Solange er ihn kannte oder zu kennen glaubte , ahnte er doch nicht , daß der gute Freund allmählich auch von einer gewissen Bosheit gefüllt worden , welche ohne sein Wissen durchsickerte , wo er es am wenigsten wünschte , da der Zusammenhalt sich lockerte . Wohlwend merkte übrigens , daß der Gast das Auftrittchen seiner neusten Erfindung nicht ganz unempfindlich hinnahm und eröffnete daher das Tischgespräch folgendermaßen : » Du bist vielleicht von unserem soeben geübten Brauche überrascht , alter Freund ! Du weißt , ich war nie ein Kopfhänger , nie ein Frömmler und gedenke es niemals zu werden ! Aber in diesen Zeitläuften und bei einem Leben , wie ich es führen mußte , immer auf der niedrigsten Gewinnsjagd umhergetrieben und fruchtlos abgehetzt , da lernt man wieder mehr nach den alten Idealen der Menschheit ausschauen , um , wenn vielleicht nicht für sich , so doch für die Kinder etwas zu retten , woran sie sich halten können ! Du verstehst ! « Salander bemerkte , daß die Frauen wie die Knaben den Sprecher aufmerksam ansahen und seine Worte , die ihnen neu und unverständlich waren , nach dem Ausdruck ihrer Mienen zu schließen , doch für etwas Großes und Weises hielten . Er wollte das Familienhaupt daher nicht einmal durch Stillschweigen im Stiche lassen . » Du bist ja ganz in deinem Recht ! « entgegnete er . » Abgesehen von den Fragen häuslicher Andacht hielt ich stets dafür , daß man überhaupt angesichts der Stellung , welche die christliche Religion in der Weltgeschichte wie im Leben der Gegenwart einnimmt , gar nicht ermächtigt sei , den Kindern deren Inhalt zu unterschlagen , wie er sich jeweilig für einmal darstellt . Man hat die Pflicht , ihnen das Entwickeln freier Überzeugung für das Alter der Mündigkeit offen zu halten ; dazu müssen sie erfahren , was bis auf ihre Zeit bestanden hat , und müssen hören , was die