über diese unerhörte Kühnheit gefaßt , sprach er weiter : » Wir haben nur zwischen zweien die Wahl . Erstens Reb Hirsch Salmenfelds Malke ... « » Schweigt ! « unterbrach ihn der Rabbi . » Eine Verbindung mit einem solchen Menschen beredet man in einer Klaus nicht ... « » Es steht aber « , wandte der Marschallik ein , » geschrieben : Richte jeden nach seiner eigenen Tat ! Reb Hirsch ist der Frömmste der Frommen . Hab ' ich nicht recht , Frau Rosel ? « Die Frau blickte furchtsam nach dem Rabbi hin . » Der Rabbi meint aber - « begann sie zögernd . » Ich mein ' nicht ! « rief der Greis . » Ich weiß , daß es eine Tod-sünd ' wär ' . In eine Familie , wo solche Frevel geschehen , läßt man keinen Waisen heiraten . Vielleicht ist auch die Tochter gottlos , sie kann ja Deutsch lesen ! « » Aber Rabbi - meine Jütte sagt - « » Eure Jütte ! An Eurer Stelle ließ ' ich mein Kind nicht dort ... Deutsch Lesen und Schreiben ist ein Makel fürs ganze Leben , noch mehr - ein Gift ist es ! Wer darf mit Gift umgehen ? Der Apotheker . Luiser muß es können , weil er die Matrikel zu führen hat , und Dovidl Morgenstern wegen der Prozesse . Aber für jedes andere jüdische Kind , ob Mann , ob Weib , ist es Todsünde - Todsünde , hört Ihr ! Und was immer gegen Sender vorgebracht wird , er ist fromm und hält alle Gebote und hat sich fern gehalten von den Wegen der Frevler und Abtrünnigen . Ihm ein Weib , das christliche Bücher liest ? ! Ich bin sein Annehmer und duld ' es nicht ! So ein Weib kommt überhaupt nie in meine Gemeinde - niemals ! « Der Marschallik zuckte die Achseln . » Dann muß er die aus Kolomea nehmen « , sagte er , » Reb Chaim Goldguldens Lea . Der Vater ist einverstanden , er weiß , daß sich kein anderer findet ! « » Um Himmelswillen « , schrie Frau Rosel auf . » Die Kleine , Bucklige ? ! Und häßlich ist sie wie die Nacht und fast dreißig Jahr ' alt - man hat ' s mir gesagt ! « » Achtundzwanzig ! « sagte der Marschallik . » Übrigens - ich hätt ' dem armen Sender die hübsche Malke auch lieber gegönnt ... « Der Rabbi strich nachdenklich den langen Bart. » Reb Chaim Goldgulden ist ein Frommer und Gerechter « , sagte er . » Klein ? Bucklig ? Was tut das ? Es steht geschrieben : Achte auf die Schönheit des Herzens ! Die Tochter von Reb Chaim ist gewiß tugendhaft und flieht vor dem Laster ! « » Da könnt Ihr ganz ruhig sein ! « rief der Marschallik . » Wenn Ihr sie kennen würdet ! Lea braucht vor dem Laster nicht zu fliehen - das Laster flieht vor ihr ! « » Und die zweihundert Gulden für Dovidl Morgenstern würde Reb Chaim sofort erlegen ? ! « » Ja ! « erwiderte der Marschallik . » Ich glaub ' , der würde sogar fünfhundert zahlen ! Wenn nur den alten Mann nicht vor Freud ' der Schlag trifft ! - Daß er die noch anbringt , hat er wirklich nicht mehr gehofft ! Übrigens sind ihr achthundert Gulden vor Gericht zugeschrieben ! « » Gut ! « sagte der Rabbi . » Meyerl ! « rief er laut . » Wo ist Euer Sohn ? « wandte er sich an die Frau . » In der Werkstätte . Aber um Himmelswillen - « Der Schulklopfer erschien an der Tür . » Du holst den Pojaz aus seiner Werkstätte « , befahl ihm der Rabbi , » rasch « ! Der Bote stürzte davon . » Rabbi ! « rief Frau Rosel unter strömenden Tränen . » Das ist ja eine Sünd ' vor Gott . Einen Menschen mit gesunden Gliedern wollt Ihr an einen Krüppel binden ? « » Schweigt ! « rief der Greis in heftigem Zorn . » Was Sünde oder fromme Tat ist , weiß ich besser als Ihr ! Sünde wär ' s , wenn er Sellner würde ! Glaubt Ihr , ich misch ' mich zum Vergnügen in Eure Sachen ! Aus Ehrfurcht für die Gebote Gottes ! Aber dann muß ich auch so entscheiden , wie es seinem Willen entspricht ! « » Oh ! « schluchzte Frau Rosel . » Das kann seinem Willen nicht entsprechen ! ... Die Ehe wird ja auch kinderlos bleiben ! So ein Krüppel kann nicht Mutter werden . Nicht wahr , Reb Itzig ? « Der Marschallik zuckte die Achseln . » Bei Gott ist alles möglich ! ... Aber ein Wunder wär ' s ! « » Hört Ihr ? « rief Frau Rosel . » Ich bin ja ein unwissend Weib , aber ich hab ' immer gehört : eine Ehe zu stiften , die kinderlos bleiben muß , ist Sünde ! « » Ein unwissend Weib ! « sagte der Rabbi . » Ihr sagt es selbst ! Es gibt nur eine Todsünde für Mann und Weib : unvermählt zu bleiben ! Bleibt die Ehe kinderlos , so wird sie selbstverständlich wieder getrennt . Übrigens - « er wandte sich an den Marschallik - » wißt Ihr noch eine dritte ? « » Nein ... « erwiderte dieser . » Aber vielleicht in einigen Tagen ... « fügte er mitleidsvoll , zu Frau Rosel gewendet , hinzu . » Haben wir dazu Zeit ? « fragte der Rabbi . » Gebt mir die Vorladung « , befahl er der Frau . Sie reichte sie ihm hin . Er schüttelte den Kopf . » Das kann ich nicht lesen ! « sagte er und schob das Blatt scheu von sich . » In vierzehn Tagen ist die Rekrutierung « , sagte Frau Rosel . » Aber bis dahin - « » Sollen wir warten ? « fuhr der Rabbi auf . » Unmöglich ! Lea ! Es bleibt dabei . « Während so über seine Zukunft entscheiden worden , saß Sender ahnungslos in der Werkstätte . Als Meyerl Kaiseradler hereinstürzte , ihn zum Rabbi zu entbieten , schrak er heftig zusammen . Hatte Rabbi Manasse von seinen Besuchen im Kloster erfahren ? Dann war er verloren ! » Warum ? « stammelte er . » Wozu - « » Es ist wegen der Rekrutierung « , sagte Meyerl beruhigend . » Der Rekrutierung ? « stammelte Sender mit bleichen Lippen . » Ich bin ja frei ! « » O nein ! « flötete Jossele Alpenroth mit sanfter Stimme , aber seine Augen leuchteten vor Freude , » das ist ein Irrtum von dir , lieber Sender ! Du mußt dich stellen ! « » Ja , das mußt du ! « bestätigte Meyerl . » Ich hab ' dir ja auch den Befehl zur Losung zuzustellen gehabt . Deine Mutter hat ihn eben für dich übernommen . Aber komm ' - sie warten ! « Einen Augenblick stand Sender starr vor Schrecken . Dann begann er zu taumeln ; er empfand plötzlich einen furchtbaren Schmerz in der Lunge , als würde ihm da ein Messer eingebohrt , und gleichzeitig überflutete das Blut sein Hirn - ein Schwindelanfall wie am Morgen , nur ungleich stärker . Erschreckt sprang der Meister auf den Schwankenden zu und ließ ihn auf den Schemel gleiten . Schwer atmend saß Sender da , sein Antlitz ward abwechselnd tiefrot und totenfahl ; instinktiv hielt er die Hand auf die Brust gepreßt . » Sellner ! « stammelte er . » Jetzt ! ... Barmherziger Gott ... jetzt ! « » Aber nein ! « tröstete Meyerl . » So höre doch nur ! Sie beraten ja eben ! Komm ' ! « Sender raffte sich auf und folgte dem Boten ; anfangs zögernden Schritts , dann lief er rascher als dieser . Die Wärme und Schwere in den Lungen wuchs zur quälenden Hitze , der Atem ging pfeifend aus und ein , das fahle Antlitz war von kaltem Schweiß überdeckt . So stürzte er , lange vor Meyerl , in die Stube des Rabbi und auf seine Mutter zu , die ihm , fast ebenso bleich wie er , das Antlitz von Tränen überströmt , die Arme entgegenbreitete . » Es ist ja nicht möglich ! « keuchte er mühsam hervor . » Ich bin ja dein einziger Sohn ! ... Wo ist der Befehl ? « Er riß ihr das Schriftstück aus der Hand . » Sender Glatteis ! « schrie er auf . » Das bin ja nicht ich ... Und doch ... bei der Rosel Kurländer ... « Das Blatt entfiel seiner Hand . » Barmherziger Gott ! « stöhnte die alte Frau auf und schlug die Hände vors Antlitz . » Mutter ... was ist das ... was bedeutet das ? ! « Zitternd tastete seine Hand nach der ihrigen ... Da fühlte er sich plötzlich an der Schulter gefaßt und zurückgerissen . Der alte Rabbi stand vor ihm , hoch aufgerichtet , mit verstörten Augen , fassungslos vor Zorn . » Elender ! « schrie er . » Du kannst diese Buchstaben lesen ? ... Meinen Fluch über dich ... Hinweg ... « Sender suchte sich loszumachen - da fühlte er jenen schneidenden Schmerz wiederkehren , heiß und salzig quoll es in seiner Kehle empor und drohte ihn zu ersticken ; er sank zu Boden und ein Blutstrom brach aus seinem Munde . » Er stirbt ! « schrie Frau Rosel auf und warf sich über ihn . » Ihr habt ihn mir getötet ! « Sechzehntes Kapitel Als Sender wieder zum Bewußtsein gelangte und um sich blickte , fand er sich in seinem Bette , aber im Wohnzimmer des Mauthauses . Es war Nacht , auf dem Tisch brannte ein Öllämpchen , die Fenster standen weit offen und ließen die laue Frühlingsluft einströmen . Von der Straße her klang lauter Gesang aus rauhen Kehlen , der allmählich in der Ferne verhallte . Dieses Lärmen mochte ihn aus dem Schlaf geweckt haben , in dem er wohl lange gelegen , sehr lange ; er empfand dies sofort , als er die Augen aufschlug . Auf seinem Kopf lag etwas Kaltes , Nasses - er tastete darnach , es war ein in Eiswasser getauchtes Tuch . Vom Fußende des Bettes erhob sich eine Gestalt und beugte sich über ihn . » Reb Itzig ? « murmelte der Kranke erstaunt . » Gottlob ! « rief der Marschallik fröhlich . » Aber nun schläfst du noch ein bissele , wenn ich dich schön bitten tu ' ! Es ist kaum Zwei - was fängst du so früh an ? ! « » Ich war wohl krank ? « stammelte Sender und nun kam ihm die dunkle Erinnerung , als hätte sich das letzte Mal , da er dies Antlitz gesehen , etwas Peinvolles , ja Furchtbares zugetragen - aber was war es nur gewesen - und wann ? ... » War das gestern ? « murmelte er . » Pst ! « machte der Marschallik . » Geschichten erzählen wir uns ein andermal . « Er streichelte ihm liebevoll das Antlitz . » Nun schlaf ' , sag ' ich ! « Und Sender schloß gehorsam die Augen - er fühlte sich so furchtbar müde . Der Alte nickte zufrieden . Dann schlich er auf den Fußspitzen ans Fenster . Am Schranken draußen stand Frau Rosel ; sie konnte heute nacht ihren Posten kaum auf eine Minute verlassen . Denn es war die Nacht nach der Rekrutierung ; von Mitternacht ab strömten die Bauern des Bezirks aus Barnow wieder in ihre Dörfer zurück ; die einen traurig , die anderen fröhlich , aber alle betrunken . Wer der Gefahr entronnen , mußte dies ausgiebig feiern ; die Rekruten aber und ihre Angehörigen konnten ja nicht ungetröstet heimkehren . Unablässig scholl das Heulen , Schluchzen und Johlen durch die Nacht , kaum daß der Lärm des einen Trupps verklungen war , verkündete schon der nächste sein Nahen . So eben jetzt - » Mädel , einen letzten Kuß , Weil ich jetzt marschieren muß - « heulte eine meckernde Stimme in den höchsten Tönen aus dem Leiterwagen , der langsam herangehumpelt kam , und die anderen , die im Wagen saßen , fielen johlend im Chorus ein : » Marschieren muß ... « Dennoch teilte der Marschallik der Frau nur flüsternd die Freudenbotschaft mit . » So wahr ich die Freud ' haben soll « , schwor er , » meine Jütte unter dem Trauhimmel zu sehen , er hat ganz deutlich Reb Itzig gesagt und vernünftig gesprochen . Frau Rosel , er ist gerettet . « Sie erhob die Augen zum Himmel . » Aber nun schließet die Fenster « , bat sie , » Das Gesindel schreit immer lauter ! Wenn nur die Nacht schon vorbei wär ' ! « Der Marschallik tat , wie sie gewünscht , aber das nützte auf die Dauer nicht . Gegen die dritte Stunde kam ein Trupp vorbei , der sich für den Heimweg ganz besonders gestärkt , denn er brüllte , daß die Scheiben zitterten : » Nach Wien werd ' ich gehen Vor des Kaisers weißes Haus Und werde weinen und flehen : Gib den Iwon heraus ! « » Der Teufel wird euch holen , ehe ihr hinkommt « , murmelte der Marschallik grimmig und beugte sich unwillkürlich über den Kranken , als könnte er dadurch das Lärmen von ihm abhalten . Aber schon war Sender emporgefahren . » Rekruten - « murmelte er verstört . » Ich muß auch mit ... « Er suchte die Decke abzuschütteln . » So wie du bist in dieser Generalsuniform ? « lachte der Marschallik und drückte den Kranken in die Kissen nieder . » Du bist kein Rekrut , es geht dich nichts an « , sagte er nachdrücklich . » Heut ' bin ich dein Hauptmann und befehl ' dir : Augen zu ! « Aber er mußte lange bitten , bis Sender sich beruhigte , und nun fuhr der Kranke bei jedem Geräusch empor . So auch , als Frau Rosel zwei Stunden später endlich abkommen konnte und an sein Lager trat . » Mutter ! « rief er freudig , als er sie erkannte . Dann aber wurde seine Miene ängstlich . » Bist du - bist du mir bös ? « Sie hatte bisher tapfer an sich gehalten , nun war ihre Kraft zu Ende . » Mein armes Kind ! « schluchzte sie auf , und die Tränen überströmten das bleiche , vergrämte Antlitz , das in diesen bösen Tagen um Jahrzehnte gealtert war , » quäl ' dich nicht . Wenn du nur gesund wirst , ist alles gut ! « Da lächelte der Kranke , und als ihm die Mutter die Hand auf die Stirne legte , schlummerte er sanft wieder ein . » Das wär ' in Ordnung « , sagte der Marschallik . » Das Fieber ist weg , in vier Wochen ist er gesund . Der versoffene Grundmayer hat ja kaum gewußt , was er verschreibt , aber Gott hat ihn gerettet ! « » Gelobt sei Sein Name ! « stimmte sie unter heißen Tränen bei . » Aber morgen wird er sich besinnen , was geschehen ist , und zu fragen anfangen ... « » Und dann ist Gott tot und Ihr verloren ! « fiel der Marschallik ein . » Sprecht nicht so töricht , Frau Rosel , es wird sich alles finden ! Jetzt aber legt Ihr Euch auf ein paar Stund ' schlafen ! ... Gleich werdet Ihr gehorchen ! « fuhr er fort , als sie sich sträubte . » Wollt Ihr auch krank werden ? « » Reb Itzig « , sagte sie gerührt , » was seid Ihr für ein Mensch ! « » Ein kluger ! « erwiderte er . » Der einzige Schlaukopf in ganz Barnow ! Da ist eine arme , verlassene Witwe mit ihrem todkranken Sohn - wo war mehr Gotteslohn zu holen , als in den letzten vierzehn Tagen hier ? Und alles haben die dummen Leut ' mir gelassen ... Im Ernst , Frau Rosel « , fügte er bei , » ich hab ' Euch zu danken . « Nachdem sie in ihre Kammer gegangen war , setzte sich der Marschallik an das Fußende des Lagers und verließ den Platz nur , wenn ein Wagen am Schranken hielt . Er dachte nach - es waren keine fröhlichen Gedanken , die den mitleidigen Mann erfüllten . Er war kein Fanatiker , der fröhliche , kluge Lustigmacher von Barnow , es entsetzte ihn nicht , daß Sender heimlich die » christlichen Zeichen « erlernt , aber unbehaglich war es ihm doch . » Darum also « , dachte er , » hast du mir und dem dicken Mortche in Mielnica so übel mitgespielt . Natürlich , ein Deutsch heiratet spät oder gar nicht . Und ein Deutsch willst du ja werden . Wer das hinter dem lustigen Pojaz gesucht hätt ' ! Mein armer Jung ' , dazu wär ' s , fürcht ' ich zu spät für dich , und wie willst du ' s denn nun machen ? Wer dir die Bücher geschenkt hat , die wir oben in deiner Lade gefunden haben , mag der Teufel wissen ; sie sind nun verbrannt , aber das Schlimme für dich ist geblieben ! Der Rabbi in Wut , die Gemeinde gegen dich - was machen wir nun aus dir ? Und was sagen wir dir jetzt , wo du deinen richtgen Namen kennst ? « Sorgenvoll griff er nach Senders Gebetriemen , die - wie es die fromme Sitte bei schwer Erkrankten gebietet - samt dem Andachtsbüchlein in einem Netz zu Häupten des Lagers hingen , schlug sie um Stirn und Rechte und verrichtete sein Morgengebet . Als er an die Stelle kam : » Hilf uns , Vater , dann wird uns geholfen sein ! Denn von dir allein kommt das Heil « , belebte sich sein Antlitz , und nachdem er das Gebet beschlossen , wiederholte er die Worte noch einmal . » O ich Narr ! « murmelte er . » Gott ist doch auch sein Vater ! Nein , du wirst nicht zu Grunde gehen , du armer Mensch . Er wird mir schon was für dich einfallen lassen , auch wenn ich selbst keinen Rat mehr weiß ! « Diese zuversichtliche Stimmung hielt in ihm vor , als Frau Rosel wieder erschien , ihn abzulösen . » Denket , wie es vor vierzehn Tagen war « , mahnte er . » Als sollt ' die Welt über Euch und ihm zusammenstürzen . Und in abermals vierzehn Tagen ist vielleicht alles gut . « Das hoffte sie nicht , aber die Vergleichung war auch ihr tröstlich . Wie hart hatten sich die Leute in jener peinvollen Stunde gegen sie und ihren Sohn betragen ! - Mit Mühe nur hatte der Marschallik einige bewogen , den bewußtlosen » Sünder « ins Mauthaus zu tragen . Allerdings wußte niemand recht , was Sender gefrevelt , es genügte ihnen , daß ihn der Rabbi verflucht . Um ihr die qualvolle Sorge um den Kranken zur Verzweiflung zu steigern , war nur der » Doktor « Grundmayer zur Hilfe da , der Stadtarzt hatte ja nach Lemberg reisen müssen . Der Marschallik hatte recht : Wenn Sender genas , so hatte ihn nur Gott gerettet ! Dann aber zürnte Er vielleicht gar nicht so sehr wie sein Diener , der Rabbi . Sie war in strengster Gläubigkeit alt geworden , und nie hatte sie irgend ein Zweifel beschlichen , nicht einmal an einem Ausspruch des Rabbi , geschweige denn an der Notwendigkeit eines einzigen der unzähligen Gebote und Verbote ihrer Sekte . Auch nun zweifelte sie nicht , daß Sender schwere Sünde auf sich geladen , und nicht allein aus Vorsicht , auch um Unseliges nicht in ihrem Hause zu dulden , hatte sie die Bücher und Schriften verbrannt . Aber der Fluch eines Rabbi ist eine furchtbare Strafe , sie macht den Bestraften elend und verlassen - war sie hier nicht zu hart ? Und da die Wucht dieser Strafe Sender verblutend zu Füßen seines Richters hingeworfen - hätte er nicht dann Mitleid üben , die Herbeieilenden zur Rettung des Jünglings anfeuern sollen ? Er aber sagte nur : » Schaffet ihn fort ! Das Blut des Sünders befleckt diese Stube ! « War das auch im Namen und nach dem Willen Gottes gesprochen ? ... Sie richtete sich hoch auf . » Nein , Rabbi , das war zu hart ! « murmelte sie , als stünde sie ihm gegenüber . » Und ihr anderen gar , was wollt ihr von ihm ? Er hat gesündigt , ja , aber wer weiß warum und durch wessen Verführung ? Aus den Wolken sind ihm ja jene Bücher nicht in die Lade gefallen ! Und was er gesündigt hat , hat er gebüßt , und wenn ihm Gott verzeiht , indem er ihn genesen läßt , so sollt ihr anderen ihn nicht verfolgen ! Er ist mein Kind - ich werde zu meinem Kinde stehen ! « Um die Mittagsstunde kam der Wundarzt Grundmayer , nach seinem Patienten zu sehen . Das war ein Beweis seines großen Pflichtgefühls , denn er hielt sich kaum auf den Beinen . Sein gewöhnlicher Rausch war allerdings immer schon am nächsten Vormittag ausgeschlafen , aber am Abend nach der Rekrutierung hatte er sich eben einen besonderen angetrunken , schon aus Freude darüber , weil sich diesmal die » Fehler « aller seiner Klienten als wirksam bewährt . Stolpernd und pustend kam er auf das Mauthaus losgesteuert . Frau Rosel ersah ihn zufällig schon von fern und trat ihm vor der Tür entgegen ; Sender sei wieder bei Bewußtsein , jetzt schlafe er tief und fest , es sei wohl das beste , ihn nicht zu wecken . » Hoho ! « gröhlte der Trunkene , » woher wissen Sie , was das beste ist ? Aber meinetwegen - « er sank auf die Bank vor dem Hause - » lassen wir ihn schlafen ! Wenn er aufkommt , zahlen Sie mir hundert Gulden , denn dann war das eine Wunderkur . Blutsturz - Nervenfieber - was weiß ich - alles zusammen . « Er lachte laut auf . » Aber er kommt ja nicht auf . Unsinn ! Deshalb müssen Sie mir doch einen Gulden für jeden Besuch zahlen ! Auch für den heutigen . Sonst- « Er erhob sich und nahm eine drohende Haltung gegen sie an . Zum Glück kam in diesem Augenblick ein Wagen vorbei ; der dicke Simche Turteltaub , der einstige Lohnherr Senders , lenkte ihn . Auch er hatte sich bisher nicht einmal nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen gewagt . Als er jedoch die Szene sah , hielt er an und sprang vom Kutschbock . » Steigt ein ! « befahl er dem Trunkenen . » Ich bring ' Euch heim . « Dann wandte er sich an Frau Rosel . » Das geht nicht , daß mein Sender in solchen Händen bleibt . Ich hab ' eben den Herrn Regimentsarzt , der gestern die Rekrutierung in Barnow geleitet hat , zu einigen Kranken in Biala gebracht ; Nachmittag soll ich ihn abholen , ich halt ' auf dem Rückweg bei Euch an . « Sie vermochte ihm vor Rührung kaum zu danken . » Recht habt Ihr « , sagte sie dem Marschallik , als er des Nachmittags wieder erschien , » Gott verläßt uns nicht . « Sender war nur auf wenige Minuten erwacht und hatte die Suppe , die sie ihm gereicht , mit Heißhunger gegessen . Nun schlief er wieder . So traf ihn der Regimentsarzt . Er ließ sich die Krankengeschichte erzählen und untersuchte dann den Leidenden . Als Sender die Militäruniform sah , schrak er zusammen . Aber der Arzt beruhigte ihn : » Nein , mein Sohn , aus dir wird dein Lebtage kein Soldat ! « Dies sagte er auch der Mutter . » Eine Gefahr für sein Leben besteht jetzt nicht mehr , und wenn er sich schont , gut nährt , vor jeder Aufregung , aber namentlich auch vor jeder Erkältung hütet , so kann er recht alt werden . So gesund , um rekrutiert zu werden , wird er freilich niemals wieder . « Sie fragte , ob die Aufregungen jener Szene den Blutsturz herbeigeführt . Der Arzt zuckte die Achseln . » Vielleicht « , sagte er . » Wenigstens wäre er sonst wahrscheinlich nicht so heftig gewesen . Aber dann wär ' s eben ein Bluthusten geworden .... Für die Erkrankung Ihres Sohnes kann der Rabbi nichts , wohl aber hängt es von ihm wie von jedem , der dem Kranken Freude oder Schmerz bereiten kann , ab , wie rasch und gründlich er sich erholt . Die Suppen allein werden ' s nicht machen ! « Der Marschallik , der neben Simche , dem Kutscher , ehrfurchtsvoll lauschend an der Tür stand , gab diesem einen kräftigen Rippenstoß . » Hört Ihr ? « flüsterte er . » Ihr sollt mir dafür Zeuge sein . « Nachdem der Arzt gegangen , sagte er zu Frau Rosel : » Also die Hauptsache : keine Vorwürfe , keine Fragen ! Und fragt er was , eine beruhigende Antwort . Wißt Ihr keine , so sagt es mir , ich werd ' sie wissen . « » Immer ? « fragte sie zweifelnd . » Ja « , erwiderte er . » Ich bin nicht dumm , und Gott ist allweise ! « Aber dazu kam es in den nächsten Tagen nicht . Sender schlief viel und lag die übrige Zeit still da . So oft die Mutter an sein Lager trat und ihm die blassen Wangen streichelte , überflog ein Lächeln sein Antlitz , er schloß die Augen , und dies Lächeln haftete dann noch auf den Zügen des Schlummernden . Ihm war ' s , als sei er wieder ein Kind und es könne ihn kein Leid anrühren , so lang ihn die Mutter behüte und mit ihm zufrieden sei . Und als er endlich fragte , ob er außer Gefahr sei und wie es um seine Militärpflicht stehe , so brauchte sie ja nicht erst mit dem Marschallik zu beraten , um ihn zu beruhigen . Inzwischen war Itzig Türkischgelb bemüht , auch für all die anderen Fragen , die wie drohende Klippen das fernere Leben seines armen Schützlings umstarrten , eine freundliche Lösung zu finden . Zunächst warb er den dicken Simche als Bundesgenossen . » Ihr müßt mir helfen , den Ochsen bei den Hörnern zu fassen « , sagte er ihm . » Der Ochs ist unsere Gemeinde . Mit dem Schweif , den kleinen Schreiern , wollen wir uns nicht abgeben . Kommt zum Rabbi ! « Als sie vor dem Gelehrten standen , begann der Marschallik mit der Frage , ob der Rabbi Sender in den » Cherem « ( Bann ) getan . Niemand wisse es genau . » Nein ! « erwiderte Rabbi Manasse . » Meinen Fluch habe ich über ihn ausgesprochen , den Bann nicht ; das muß ja schriftlich geschehen . Ich warte noch . Denn es steht geschrieben : Der Mensch richte nicht , wo Gott gerichtet . Er soll ja im Sterben liegen ... « Das sei zum Glück nicht wahr , erwiderte der Marschallik und erzählte ausführlich von Senders Zustand und der Mahnung des Arztes ; auch seien die Bücher bereits verbrannt . » Und darum werdet Ihr Barmherzigkeit üben « , schloß er flehend . Der Rabbi schüttelte finster den Kopf . » Hat er denn mich beleidigt , daß ich ihm verzeihen könnte ? Es war ein Frevel gegen Gott , und den muß ich strafen . Mit den fremden Zeichen schleicht sich der Abfall in die Reihen Israels ein . Ihr deutet seine Genesung als eine Gnade Gottes ? Nein , er läßt den Sünder leben , damit er auf Erden büße , was er auf Erden gefrevelt ! « » Aber der Bann ist ja eine furchtbare Strafe ! « klagte der Marschallik . » Der Unglückliche wäre dann brotlos , friedlos , heimatlos . Und was ist seine Schuld ? Dasselbe tun alle Juden in Deutschland und in unseren großen Städten . « » Traurig genug « , war die Antwort . » Ich habe leider nur über meine Gemeinde die Macht ! Ich schütze sie vor dem Gift . Luiser und Dovidl - ich sagt ' s Euch schon - sind Apotheker . Aber von Mutwilligen ist Sender der erste und soll der letzte bleiben . So wollen ' s unsere Weisen ! « » Unsere Weisen ! « rief der Marschallik . » Unter den zehntausend Meinungen von zehntausend Rabbinern , die der Talmud verzeichnet , ist vielleicht auch eine , die Euch recht gibt , und die hundert , die Euch unrecht geben , beachtet Ihr nicht ! Der Talmud ist wie ein Wald ; ruft Ihr Rache oder Gnade hinein - es wird daraus schallen , wie Ihr gerufen ! « » Ihr redet , wie Ihr ' s versteht . Ich folge unseren Weisen ! Übrigens - es war ihm vorbestimmt . Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme . Seinen Vater hat der eigene Vater verflucht ! « Der Marschallik wollte heftig erwidern . Da hielt er plötzlich inne . Von seinem Antlitz wich die zornige Erregung und machte tiefer Betrübnis Platz .