und Heiligenscheine wurden auch bewundert . Aber immer kehrte ich zu jenen großen Landschaften zurück , verfolgte den Sonnenschein , welcher durch Gras und Laub spielte , und prägte mir voll inniger Sympathie die schönen Wolkenbilder ein , welche von Glücklichen mit leichter und spielender Hand hingetürmt schienen . Ich stak , solange es dauerte , den ganzen Tag in dem wonniglichen Saale , wo es fein und anständig herging , die Leute sich höflich begrüßten und vor den glänzenden Rahmen mit zierlichen Worten sich besprachen . Nach Hause gekommen , saß ich nachdenklich da und beklagte fortwährend mein Schicksal , daß ich auf das Malen verzichten müsse , so daß es meiner Mutter durchs Herz ging und sie nochmals eine Rundschau anstellte mit dem Vorsatze , mir meinen Willen zu tun , möchte es gehen , wie es wolle . So trieb sie endlich einen Mann auf , welcher in einem alten Frauenklösterlein vor der Stadt , wenig beachtet , einen wunderlichen Kunstspuk trieb . Er war ein Maler , Kupferstecher , Lithograph und Drucker in einer Person , indem er , in einer verschollenen Manier , vielbesuchte Schweizerlandschaften zeichnete , dieselben in Kupfer kratzte , abdruckte und von einigen jungen Leuten mit Farben überziehen ließ . Diese Blätter versandte er in alle Welt und führte einen dankbaren Handel damit . Dazu machte er , was ihm unter die Finger kam , sonst noch , Taufscheine mit Taufstein und Gevattersleuten , Grabschriften mit Trauerweiden und weinenden Genien ; wenn dazwischen ein Unkundiger gekommen wäre und ihm gesagt hätte : » Könnt Ihr mir ein Bild malen , so schön es zu haben ist , das unter Kennern zehntausend Taler wert ist ? Ich möchte ein solches ! « so würde er die Bestellung unbedenklich angenommen und sich , nachdem die Hälfte des Preises zum voraus bezahlt , unverweilt an die Arbeit gemacht haben . Bei diesem Treiben unterstützte ihn ein tapferes Häuflein Gerechter , und der Schauplatz ihrer Taten war das ehemalige Refektorium der frommen Klosterfrauen . Dessen beide Langseiten waren jede mit einem halben Dutzend hoher Fenster versehen mit runden Scheibchen , die das Licht wohl ein , aber bei ihrer wellenförmigen Oberfläche keinen Blick hinausließen , was auf den Fleiß der hier waltenden Kunstschule wohltätigen Einfluß übte . Jedes dieser Fenster war mit einem Kunstbeflissenen besetzt , welcher , dem Hintermanne den Rücken zukehrend , dem Vordermanne ins Genick sah . Das Haupttreffen dieser Armee bildeten vier bis sechs junge Leute , teils Knaben , welche die Schweizerlandschaften blühend kolorierten ; dann kam ein kränklicher , hustender Bursche , der mit Harz und Scheidewasser auf kleinen Kupferplatten herumschmierte und bedenkliche Löcher hineinfressen ließ , auch wohl mit der Radiernadel dazwischenstach und der Kupferstecher genannt wurde . Auf diesen folgte der Lithograph , ein froher und unbefangener Geist , der verhältnismäßig das weiteste Gebiet umfaßte , nächst dem Meister , da er stets gewärtig und bereit sein mußte , das Bildnis eines Staatsmannes oder eine Weinkarte , den Plan einer Dreschmaschine wie das Titelblatt für eine Erbauungsschrift junger Töchter auf den Stein zu bringen mit Kreide , Feder , graviert oder getuscht . Im Hintergrunde des Refektoriums arbeiteten mit breiten Bewegungen zwei schwärzliche Gesellen , der Kupfer- und der Steindruckergehilfe , jeder an seiner Presse , indem sie die Werke jener Künstler auf feuchtes Papier abzogen . Endlich , im Rücken der ganzen Schar und alle übersehend , saß der Meister , Herr Kunstmaler und Kunsthändler Habersaat , Besitzer einer Kupfer- und Steindruckerei und sich zu allen gefälligen Aufträgen empfehlend , an seinem Tische mit den feinsten und schwierigsten Aufgaben , meistens jedoch mit seinem Buche , mit Briefschreiben und dem Verpacken der fertigen Sachen beschäftigt . Es herrschte ein streng ausgeschiedener Geist in den Ansprüchen und Hoffnungen des Refektoriums . Der Kupferstecher und der Lithograph waren fertige Leute , die selbständig in die Welt schauten , bei Meister Habersaat um einen Gulden täglich ihre acht Stunden arbeiteten und sich weiter weder um ihn was bekümmerten noch große Hoffnungen nährten . Mit den jungen Koloristen hingegen verhielt es sich anders . Diese lustigen Geister gingen mit wirklichen , leichten und durchsichtigen Farben um , sie handhabten den Pinsel in Blau , Rot und Gelb , und das um so fröhlicher , als sie sich um Zeichnung und Anordnung nichts zu bekümmern hatten und mit ihrem buntflüssigen Elemente obenhin über die düstern Schwarzkünste des Kupferstechers wegeilen durften . Sie waren die eigentlichen Maler in der Versammlung ; ihnen stand noch das Leben offen , und jeder hoffte , wenn er nur erst aus diesem Fegefeuer des Meisters Habersaat entronnen , noch ein großer Künstler zu werden . In dieser Gruppe erbte sich durch alle Generationen , welche schon im Dienste des Meisters durch das Refektorium gegangen , die große Künstlertradition von Samtrock und Barett fort ; aber nur selten erreichte einer dies Ziel , indem immer der Flug vorher ermüdete und die Mehrzahl der Getäuschten nach ihrem Austritte noch ein gutes Handwerk erlernte . Es waren immer Söhne blutarmer Leute , welche , in der Wahl eines Unterkommens verlegen , von dem rührigen Manne in sein Refektorium gelockt worden mit der Aussicht , eine Art Maler und Herren zu werden , die ihr Auskommen finden und immer noch etwas über dem Schneider und Schuster stehen würden . Da sie gewöhnlich keine Gelder beibringen konnten , so mußten sie sich verbindlich machen , den Unterricht in der » Malerkunst « abzuverdienen und vier Jahre für den Meister zu arbeiten . Er richtete sie dann vom ersten Tage an zum Färben seiner Landschaften ab und brachte sie , ungeachtet ihrer gänzlichen Unberufenheit , durch Strenge so weit , daß sie ihre Arbeit bald reinlich und nett und nach den überlieferten Gebräuchen verrichteten . Nebenbei durften sie , wenn sie wollten , an Feiertagen ein verkommenes oder zweckloses Blatt nachzeichnen zur weiteren Ausbildung , und sie wählten meistens solche Gegenstände , welche nichts zu lernen darboten , aber für den Augenblick am meisten Effekt machten und die ihnen der Meister korrigierte , wenn er nicht allzu beschäftigt war . Er sah es aber nicht einmal gern , wenn sie diesen Privatfleiß zu weit trieben ; denn er hatte schon einigemal erfahren , daß solche , welche Geschmack daran fanden und eine künstlerische Ader in sich entdeckten , beim Kolorieren seiner Prospekte unreinlich und verwirrt geworden . Sie mußten streng und anhaltend arbeiten und steckten um so mehr voll Possen und Schwänke , die sich in jedem freien Augenblicke Luft machten , und erst gegen das vierte Jahr hin , wenn die schönste Zeit zur Erlernung von etwas Besserm verflossen war , wurden sie gebeugt und gedrückt , von den Eltern mit Vorwürfen geplagt , daß sie immer noch von ihrem Brote äßen , und dachten ernstlich darauf , während sie noch pinselten , bei guter Zeit noch etwas Einträglicheres zu ergreifen . Die Jugendjahre von wohl dreißigen solcher Knaben und Jünglinge hatte Habersaat schon in blauen Sonntagshimmeln und grasgrünen Bäumen auf sein Papier gehaucht , und der hüstelnde Kupferstecher war sein infernalischer Helfershelfer , indem er mit seinem Scheidewasser die schwarze Unterlage dazu ätzte , wobei die melancholischen Drucker , an das knarrende Rad gefesselt , füglich eine Art gedrückter Unterteufel vorstellten , nimmermüde Dämonen , die unter der Walze ihrer Pressen die zu färbenden Blätter unerschöpflich , endlos hervorzogen . So begriff er vollständig das Wesen heutiger Industrie , deren Erzeugnisse um so wertvoller und begehrenswerter zu sein scheinen für die Käufer , je mehr schlau entwendetes Kinderleben darin aufgegangen ist . Er machte auch ganz ordentliche Geschäfte und galt daher für einen Mann , bei dem sich was lernen ließe , wenn man nur wolle . Von irgendeiner Seite her war meiner Mutter angeraten worden , sich mit ihm zu besprechen und sein Geschäft einmal anzusehen , da es wenigstens für den Anfang eine Zuflucht zu weiterm Vorschreiten böte , zumal wenn man mit ihm übereinkäme , daß er mich nicht zu seinem Nutzen verwende , sondern gegen genügende Entschädigung nach seinem besten Wissen unterrichte . Er zeigte sich gern bereit und erfreut , einen jungen Menschen einmal als eigentlichen Künstler heranzubilden , und belobte meine Mutter höchlich für ihren kundgegebenen Entschluß , die nötigen Summen hieran wenden zu wollen ; denn jetzt schien ihr der Zeitpunkt gekommen zu sein , wo die Frucht ihrer unablässigen Sparsamkeit geopfert und auf den Altar meiner Bestimmung gelegt werden müsse . Es wurde also ein Vertrag geschlossen auf zwei Jahre , welche ich gegen regelmäßige Quartalzahlungen im Refektorium zubringen sollte unter den zweckdienlichsten Übungen . Nach gegenseitiger Unterschreibung desselben verfügte ich mich eines Montagmorgens in das alte Kloster und trug meine sämtlichen bisherigen Versuche und Arbeiten in bunter Mischung bei mir , um sie auf Verlangen des neuen Kleisters vorzuzeigen . Er bezeugte , indem meine wunderlichen Blätter herumgingen , nachträglich seine Zufriedenheit mit meinem Eifer und meinen Absichten und stellte mich dem Personale , das sich erhoben haue und neugierig herumstand , als einen wahren Bestrebten vor , wie er beschaffen sein müsse schon vor dem Eintritte in eine Kunsthalle . Sodann erklärte er , daß es ihm recht zum Vergnügen gereichen werde , einmal eine ordentliche Schule an einem Schüler durchzuführen , und sprach seine Erwartungen hinsichtlich meines Fleißes und meiner Ausdauer feierlich aus . Einer der Koloristen mußte nun seinen Platz am Fenster räumen und sich neben einen andern setzen , indessen ich dort eingerichtet wurde ; und hierauf , als ich , erwartungsvoll der Dinge , die da kommen sollten , vor dem leeren Tische stand , brachte Herr Habersaat eine landschaftliche Vorlage aus seinen Mappen hervor , den Umriß eines einfachen Motives aus einem lithographierten Werke , wie ich es schon in den Schulen vielfach gesehen hatte . Dies Blatt sollte ich vorerst aufmerksam und streng kopieren . Doch bevor ich mich hinsetzte , schickte mich der Meister wieder fort , Papier und Bleistift zu holen , an welche ich nicht gedacht , da ich überhaupt keinen Begriff von dem ersten Beginnen gehabt haue . Er beschrieb mir das Nötige , und da ich kein Geld bei mir trug , mußte ich erst den weiten Weg nach Hause machen und dann in einen Laden gehen , um es gut und neu einzukaufen , und als ich wieder hinkam , war es eine halbe Stunde vor Mittag . Dieses alles , daß man mir für diesen Anfang nicht einmal ein Blau Papier und einen Stift gab , sondern fortschickte , welche zu holen , ferner das Herumschlendern in den Straßen , das Geldfordern bei der Mutter und endlich das Beginnen kurz vor der Stunde , wo alles zum Essen auseinanderging , erschien mir so nüchtern und kleinlich und im Gegensatze zu dem Treiben , das ich mir dunkel in einer Künstlerbehausung vorgestellt hatte , daß es mir das Herz beengte . Jedoch wurde es bald von diesem Eindrucke abgezogen , als die unscheinbaren Aufgaben , die mir gestellt wurden , mir mehr zu tun gaben , als ich mir anfänglich eingebildet ; denn Habersaat sah vor allem darauf , daß jeder Zug , den ich machte , genau die gleiche Größe des Vorbildes maß und das Ganze weder größer noch kleiner erschien . Nun kamen aber meine Nachbildungen immer größer heraus als das Original , obgleich in richtigem Verhältnisse , und der Meister nahm hieran Gelegenheit , seine Genauigkeit und Strenge zu üben , die Schwierigkeit der Kunst zu entwickeln und mich behaglich fühlen zu lassen , daß es doch nicht so rasch ginge , als ich wohl geglaubt hätte . Doch fand ich mich wohl und geborgen an meinem Tische ( die Abwesenheit von Staffeleien , die ich mir als besondere Zierde einer Werkstatt gedacht , empfand ich freilich ) und arbeitete mich tapfer durch diese kleinlichen Anfänge hindurch . Ich kopierte getreulich die ländlichen Schweinställe , Holzschuppen und derlei Dinge , aus welchen , in Verbindungen mit allerlei magerm Strauchwerk , meine Vorbilder bestanden und die mir um so mühseliger wurden , je verächtlicher sie meinen Augen erschienen . Denn bei dem Eintritte in den Saal des Meisters hatte sich mit der Pflicht und dem Gehorsame zugleich der Schein der Nüchternheit und Leerheit über diese Dinge ergossen für meinen ungebundenen und willkürlichen Geist . Auch kam es mir fremd vor , den ganzen Tag , an meinen Platz gefesselt , über meinem Papiere zu sitzen , zumal man nicht im Zimmer umhergehen und unaufgefordert nicht sprechen durfte . Nur der Kupferstecher und der Lithograph führten einen bescheidenen Verkehr unter sich und den betreffenden Druckergesellen und richteten das Wort auch an den Meister , wenn es ihnen gutdünkte , ein bißchen zu plaudern . Dieser aber , wenn er guter Laune war , erzählte allerlei Geschichten und geläufige Kunstsagen , auch Schwänke aus seinem frühern Leben und Züge von der Herrlichkeit der Maler . Sowie er aber bemerkte , daß einer zu eifrig aufhorchte und die Arbeit darüber vergaß , brach er ab und beobachtete eine geraume Zeit weise Zurückhaltung . Ich erhielt nach einiger Zeit das Recht , meine Vorlagen selbst hervorzuholen und die vorhandenen Schätze durchzugehen . Sie bestanden aus einer großen Menge zufällig zusammengeraffter Gegenstände , aus leidlichen alten Kupferstichen , einzelnen Fetzen und Blättern ohne Bedeutung , wie sie die Zeit anhäuft , Zeichnungen von einer gewissen Routine , ohne Naturwahrheit , und einem übrigen Mischmasch . Handzeichnungen nach der Natur , Blätter , die um ihrer selbst willen da waren und denen man angesehen hätte , daß sie freie Luft und Sonne getrunken , fanden sich nicht ein einziges Stück vor ; denn der Meister hatte seine Kunst und seinen Schlendrian innerhalb vier Wänden erworben und begab sich nur hinaus , um so schnell als möglich eine gangbare Ansicht zu entwerfen . Eine gewandte , obschon falsche Technik war das eigentliche Wissen meines Meisters , und er legte alles Gewicht seines Unterrichtes auf diesen Punkt . Anfänglich hielt er mich eine Weile in Abhängigkeit , indem ich den Unterschied zwischen einem transparenten scharfen und einem rußigen stumpfen Vortrage nicht recht begriff und mehr auf Form und Charakter sah ; doch endlich , durch das fortwährende Pinseln , geriet ich hinter das Geheimnis , und nun fertigte ich in einem fixen Jargon eine Menge Tuschzeichnungen an , ein Blatt ums andere . Schon sah ich nur auf die Zahl des Gemachten und hatte meine Freude an der anschwellenden Mappe ; kaum daß bei meiner Wahl die wirkungsvollsten und auffallendsten Gegenstände mir noch eine weitere Teilnahme abgewannen . So war , noch ehe der erste Winter ganz zu Ende , meines Lehrers Vorrat an Vorlagen von mir beinahe durchgemacht , und zwar auf eine Weise , wie er selbst ungefähr konnte ; denn nachdem ich einmal die Handgriffe und Mittel einer sorgfältigen und reinlichen Behandlung gemerkt , erstieg ich bald den Grad geläufiger Pinselei , welchen der Meister selbst innehatte , um so schneller , als ich in dem wahren Wesen und Verständnis gänzlich zurückblieb . Habersaat war daher schon nach dem ersten halben Jahre in einiger Verlegenheit , was er mir vorlegen sollte , da er mich aus Sorge für sich selbst nicht schon in seine ganze Kunst einweihen mochte ; denn er hatte nur noch seine Behandlung der Wasserfarben im Hinterhalte , welche , wie er sie verstand , ebenfalls keine Hexerei war . Weil Nachdenken und geistige Gewissenhaftigkeit im Refektorium nicht gekannt waren , so bestand alles Können in demselben aus einer bald erworbenen leeren Äußerlichkeit . Doch fand ich selbst einen Ausweg , als ich erklärte , eine kleine Sammlung großer Kupferstiche mit meinem Tuschpinsel vornehmen zu wollen . Er besaß in derselben etwa sechs schöne Blätter , nach Claude Lorrain gestochen , zwei große Felsenlandschaften mit Banditen nach Salvator Rosa und einige Stiche nach Ruisdael und Everdingen . Diese Sachen kopierte ich der Reihe nach in meiner geläufigen frechen Manier . Die Claudes und Rosas gerieten nicht so übel , da sie , abgesehen davon , daß sie selbst etwas konventionell gestochen waren , auch sonst mehr in symbolischen und breiten Formen sich darstellten ; die feinen und natürlichen Niederländer hingegen zerarbeitete ich auf eine greuliche Weise , und niemand sah diese Lasterhaftigkeit ein . Doch legte sich durch diese Arbeit in mir ein Grund edlerer Anschauung , und die schönen und durchdachten Formen , die ich vor mir hatte , hielten dem übrigen Treiben ein wohltätiges Gegengewicht und ließen die Ahnung des Bessern nie ganz in mir verlöschen . Auf der anderen Seite aber heftete sich an die Errungenschaft sogleich wieder ein Nachteil , indem sich die alte voreilige Erfindungslust regte und ich , durch die einfache Größe der klassischen Gegenstände verführt , zu Hause anfing , selber dergleichen Landschaftsbilder zu entwerfen , und diese Tätigkeit bald in der eigentlichen Arbeitszeit bei dem Meister fortsetzte , meine Entwürfe in anspruchsvollem Format mit der eingelernten Fertigkeit ausführend . Herr Habersaat hinderte mich in diesem Tun nicht , sondern sah es vielmehr gern , da es ihn der weiteren Sorge um zweckdienliche Vorbilder enthob ; er begleitete die ungeheuerlichen und unreifen Gedanken , welche ich zutage brachte , mit ansehnlichen Redensarten von Komposition , historischer Landschaft und dergleichen , und das alles brachte ein gelehrtes Element in seine Werkstatt , daß ich bald für einen Teufelsburschen galt und auch die lustigen Aussichten der Zukunft , Reise nach Italien , Rom , große Ölbilder und Kartons , was man mir alles vormalte , geschmeichelt hinnahm . Doch überhob ich mich nicht in diesen Dingen , sondern lebte in Eintracht und Schelmerei mit meinen jungen Genossen und war oft froh , das ewige Sitzen unterbrechen zu können , indem ich ihnen , die zugleich der Hausfrau untertänig waren , einen Haufen Brennholz unter Dach bringen half . Überhaupt drängte sich die Frau , eine zungenfertige und streitbare Dame , mit Hauswesen und Familiengeschichten , Kind und Magd häufig in das Refektorium und machte es zum Schauplatze heißentbrannter Kämpfe , in welche nicht selten die ganze Mannschaft verwickelt wurde . Dann stand der Mann an der Spitze einer ihm ergebenen Gruppe der Frau gegenüber , welche mit mächtigem Geräusche vor ihrem Anhange sich aufstellte und nicht eher abzog , als bis sie alles niedergesprochen hatte , was sich ihr entgegensetzte ; manchmal befand sich auch das Ehepaar zusammen gegen das ganze übrige Haus im Streite , oft auch begann der Kupferstecher oder der Lithograph eine drohende Bewegung als Vasall , indessen die gemeinen Sklavenempörungen der Koloristen mit Macht niedergeschlagen wurden . Ich selbst kam mehr als einmal in gefährliche Lage , indem mich die heftigen Szenen belustigten und ich dies zu unvorsichtig kundgab und zum Beispiel einst eine solche theatralisch nachbildete und in dem halbverfallenen Kreuzgange des Hauses mit den jungen Malern zur Aufführung brachte . Denn obgleich ich um diese Zeit empfänglich und geneigt gewesen wäre , ein feines und reinstrebendes Leben zu fahren , da während der schönen Tage auf dem Lande ein starkes Ahnen in mir erwacht war , so sah ich mich doch , von entsprechendem Verkehr entblößt , an das derbe Treiben des Refektoriums gewiesen und machte allen Unfug getreulich und lebhaft mit , weil ich des Umganges und der Mitteilung bedurfte und am wenigsten mich auf weise Zurückhaltung und halbe Teilnahme verstand . Daß aber das Heulen mit den Wölfen mir nicht Schaden tat , wie ich glaube , verhütete der freundliche Stern Anna , der immer in meiner Seele aufging , sobald ich in dem Hause meiner Mutter oder auf einsamen Gängen wieder allein war . An sie knüpfte ich alles , wessen ich , über den Tag hinaus bedurfte , und sie war das stille Licht , welches das verdunkelte Herz jeden Abend erleuchtete , wenn die Sonne niederging , und in der erhellten Brust wurde mir dann immer auch unser gute Freund , der liebe Gott , sichtbar , der um diese Zeit mit erhöhter Klarheit begann , seine ewigen Rechte auch an mir geltend zu machen . Ich hatte , nach Büchern herumspürend , einen Roman des Jean Paul in die Hände bekommen . In demselben schien mir plötzlich alles tröstend und erfüllend entgegenzutreten , was ich bisher gewollt und gesucht oder unruhig und dunkel empfunden . Diese Herrlichkeit machte mich stutzen , dies schien mir das Wahre und Rechte ! Und inmitten der Abendröten und Regenbogen , der Lilienwälder und Sternensaaten , der rauschenden und blitzenden Gewitter , inmitten all des Feuerwerkes der Höhe und Tiefe , in diesen saumlosen schillernden Weltmantel gehüllt der Unendliche , groß , aber voll Liebe , heilig , aber ein Gott des Lächelns und des Scherzes , furchtbar von Gewalt , doch sich schmiegend und bergend in eine Kinderbrust , hervorguckend aus einem Kindesauge wie das Osterhäschen aus Blumen ! Das war ein anderer Herr und Gönner als der silbenstecherische Patron im Katechismus ! Früher hatte ich dergleichen etwas geträumt , die Ohren hatten mir geläutet , nun ging mir ein Morgen auf in den langen Winternächten , welche hindurch ich an dreimal zwölf Bände des Propheten las . Und als der Frühling kam und die Nächte kürzer wurden , las ich von neuem in den köstlichen Morgen hinein und gewöhnte mir darüber an , lange im Bette zu liegen und am hellen Tage , die Wange auf dem geliebten Buche , den Schlaf des Gerechten zu schlafen . Wenn ich dann erwachte und endlich doch an die Arbeit ging , war ich von einem Geiste träumerischer Willkür und Schrankenlosigkeit besessen , der noch bedenklicher war als die früheren Auflehnungen . Sechstes Kapitel Schwindelhaber Als der Frühling kam , welchen ich voll Ungeduld erwartet hatte , begab ich mich in den ersten warmen Tagen ins Freie , ausgerüstet mit der erworbenen Fertigkeit , um an die Stelle der papiernen Vorbilder die Natur selbst zu setzen . Das Refektorium sah voll Achtung und mit geheimem Neide auf meine umständlichen Zurüstungen ; denn es war das erste Mal , daß eines seiner Mitglieder die Sache so großartig betrieb , und das Zeichnen » nach der Natur « war bisher ein wunderbarer Mythus gewesen . Ich selbst ging nicht mehr mit der unverschämten , aber gutgemeinten Zutraulichkeit des letzten Sommers vor die runden , körperlichen und sonnebeleuchteten Gegenstände der Natur , sondern mit einer weit gefährlicheren und selbstgefälligen Borniertheit . Denn was mir nicht klar war oder zu schwierig er schien , das warf ich , mich selbst betrügend , durcheinander und verhüllte es mit meiner unseligen Pinselgewandtheit , da ich , an statt bescheiden mit dem Stifte anzufangen , sogleich mit den angewöhnten Tuschschalen , Wasserglas und Pinsel hinausging und bestrebt war , ganze Blätter in allen vier Ecken bildartig anzufüllen . Ich ergriff entweder ganze Aussichten mit See und Gebirgen oder ging im Walde den Bergbächen nach , wo ich eine Menge kleiner und hübscher Wasserfälle fand , welche sich ansehnlich zwischen vier Striche einrahmen ließen . Das lebendige und zarte Spiel des Wassers im Fallen , Schäumen und eiligen Weiterfließen , seine Durchsichtigkeit und tausendfältige Widerspiegelung ergötzte mich , aber ich bannte es in die plumpen Formeln meiner Virtuosität , daß Leben und Glanz verlorengingen , während meine Mittel nicht hinreichten , das bewegliche Wesen wiederzugeben . Leichter hätte ich die mannigfaltigen Steine und Felstrümmer der Bäche , in reicher Unordnung übereinandergeworfen , beherrschen können , wenn nicht mein künstlerisches Gewissen verdunkelt gewesen wäre . Wohl regte sich dieses oft mahnend , wenn ich perspektivische Feinheiten und Verkürzungen der Steine , trotzdem daß ich sie sah und fühlte , überging und verhudelte , statt den bedeutenden Formen nachzugehen , mit der Selbstentschuldigung , daß es auf diese oder jene Fläche nicht ankomme und die zufällige Natur ja auch so aussehen könnte , wie ich sie darstellte ; allein die ganze Weise meines Arbeitens ließ solche Gewissensbisse nicht zur Geltung kommen , und der Meister , wenn ich ihm meine Machwerke vorzeigte , war nicht darauf eingerichtet , der fehlenden Naturwahrheit nachzuspüren , die sich gerade in den vernachlässigten Zügen hätte zeigen sollen ; sondern er beurteilte die Sachen immer von seiner Stubenkunst aus . Abgesehen von seinem Grundsatze der Reinlichkeit und Durchsichtigkeit des Vortrages hegte er nur noch eine einzige Tradition , die er mir zu überliefern für angemessen hielt , nämlich die des Sonderbaren und Krankhaften , was mit dem Malerischen verwechselt wurde . Er ermunterte mich , hohle , zerrissene Weidenstrünke , verwitterte Bäume und abenteuerliche Felsgespenster aufzusuchen mit den bunten Farben der Fäulnis und des Zerfalles , und pries mir diese Dinge als interessante Gegenstände an . Das sagte mir sehr zu , indem es meine Phantasie reizte , und ich begab mich eifrig auf die Jagd nach solchen Erscheinungen . Doch die Natur bot sie mir nur spärlich , sich einer volleren Gesundheit erfreuend , als mit meinen Wünschen verträglich war , und was ich an unglücklichem Gewächse vorfand , das wurde meinen überreizten Augen bald zu blöde und harmlos , wie einem Trinker , der nach immer stärkerm Schnapse verlangt . Das blühende Leben in Berg und Wald fing daher an , mir gleichgültig zu werden im einzelnen , und ich streifte vom Morgen bis zum Abend in der Wildnis umher . Ich drang immer tiefer in bisher nicht gesehene Winkel und Gründe ; fand ich eine recht abgelegene und geheimnisvolle Stelle , so ließ ich mich , dort nieder und fertigte rasch eine Zeichnung eigener Erfindung an , um ein Produkt nach Hause zu bringen . In derselben häufte ich die seltsamsten Gebilde zusammen , die meine Phantasie hervorzutreiben vermochte , indem ich die bisher wahrgenommenen Eigentümlichkeiten der Natur mit meiner erlangten Fertigkeit verschmolz und so Dinge hervorbrachte , die ich Herrn Habersaat als in der Natur bestehend vorlegte und aus denen er nicht klug werden konnte . Er gratulierte mir zu meinen Entdeckungen und fand seine Aussprüche über meinen Eifer und mein Talent bestätigt , da ich hiemit beweise , daß ich unverkennbar ein scharfes und glückliches Auge für das Malerische hätte und Dinge auffände , an welchen tausend andere vorübergingen . Diese gutmütige Täuschung erweckte mir eine üble Lust , dergleichen fortzusetzen und es förmlich darauf anzulegen , den guten Mann zu hintergehen . Ich erfand , irgendwo im Dunkel des Waldes sitzend , immer tollere und mutwilligere Fratzen von Felsen und Bäumen und freute mich im voraus , daß sie mein Lehrer für wahr und in nächster Umgegend vorhanden erachten würde . Doch mag es mir zu einiger Entschuldigung gereichen , daß ich in alten Kupferblättern , zum Beispiel von Swanefeldt , die abenteuerlichsten Formationen als löbliche Meisterwerke vorgebildet sah und selbst der guten Meinung lebte , dieses sei das Wahre und immerhin eine treffliche Übung . Denn schon waren die edlen und gesunden Formen Claude Lorrains im flüchtigen Jugendgemüte wieder unter die Oberfläche getreten . Während der Winterabende war im Refektorium etwas Figurenzeichnen getrieben worden , und ich hatte mir , als ich eine Menge radierter bekleideter Staffagefiguren kopierte , einige oberflächliche Übung im Entwerfen solcher erworben . So erfand ich nun zu meinen wunderlichen Landschaftsstudien noch viel wunderlichere Menschen , zerlumpte Kerle , die ich dem Refektorium zutrug , um ein tüchtiges Gelächter einzuheimsen . Es war ein nichtsnutziges und verrücktes Geschlecht , welches in Verbindung mit der seltsamen Lokalität eine Welt bildete , die nur in meinem Gehirne vorhanden war und endlich doch meinem Vorgesetzten verdächtig wurde . Doch bemerkte er nicht viel hierüber , sondern ließ mich meine Wege gehen , da ihm einerseits das frische Gemüt mangelte , um den Ränken meines Treibens nachzuspüren und mich darüber zu ertappen , und anderseits die Überlegenheit des eigenen Wissens . Diese beiden Vermögen bilden ja das Geheimnis aller Erziehung unverwischte lebendige Jugendlichkeit , welche allein die Jugend kennt und durchdringt , und die sichere Überlegenheit der Person in allen Fällen . Eines kann oft das andere zur Notdurft ersetzen , wo aber beide fehlen , da ist die Jugend eine verschlossene Muschel in der Hand des Lehrers , die er nur durch Zertrümmerung öffnen kann . Beide Eigenschaften gehen aber nur aus einem und demselben letzten Grunde hervor aus unbedingter Ehrlichkeit , Reinheit und Unbefangenheit des Bewußtseins . Der Sommer war nun auf seine volle Höhe geschritten , als ich meinem geheimen Verlangen nach der anderen Heimat , dem entlegenen Dorflande , nachgab und mit meinen Siebensachen hinauszog . Die Mutter blieb wieder zurück in entsagender Unbeweglichkeit und Selbstbeschränkung , ungeachtet aller freundlichen Aufforderungen , die Wohnung doch ganz zu schließen und wieder einmal an den Orten ihrer Jugend sich zu ergehen . Ich aber führte die umfangreichen Früchte meiner zwischenweiligen Tätigkeit mit mir , da ich mittelst derselben ein günstiges Aufsehen zu erregen gedachte . Die zahlreichen , kräftig geschwärzten Blätter verursachten im Hause meines Oheims allerdings einige Verwunderung , und im allgemeinen sah man die Sache mit ziemlichem Respekt an ; als jedoch der Oheim die Zeichnungen betrachtete , welche ich nach der Natur gefertigt haben wollte ( denn ich glaubte als eine Art Münchhausen nachgerade selbst daran , vorzüglich weil die Sachen doch unter freiem Himmel entstanden waren ) , da schüttelte er bedenklich den Kopf und wunderte sich , wo ich denn meine Augen gehabt hätte . In seinem realistischen Sinne , als Land-und Forstmann , fand er trotz aller Unkunde in Kunstdingen den Fehler schnell und leicht heraus . » Diese Bäume « , sagte er , » sehen ja einer dem andern ähnlich und alle zusammen gar keinem wirklichen ! Diese Felsen und Steine könnten keinen Augenblick so aufeinanderliegen , ohne zusammenzufallen ! Hier ist ein Wasserfall , dessen Masse einen der größeren Fälle verkündet , die aber über kleinliche Bachsteine stürzt , als ob ein Regiment Soldaten über einen Span stolperte ; hiezu wäre eine tüchtige Felswand erforderlich ; indessen nimmt es mich eigentlich wunder , wo zum Teufel in der Nähe der Stadt ein solcher Fall zu finden ist ! Dann möchte ich auch wissen , was an solchen verfaulten Weidenstöcken Zeichnenswertes ist , da dünkte mich