dem Schlosse befand , rollte der Wagen vor , in welchem Martin der seligen Großtante bis zur Bahnstation entgegenreisen sollte . Die Begleitung seines Vetters war als selbstverständlich angenommen worden . Fräulein Sidonie erklärte indessen rund heraus , ihr Bruder sei für solch eine ermüdende Partie von der Reise zu angegriffen . Max lächelte bei den Worten , widersprach jedoch nicht ; nur zu der ernstblickenden Lydia sagte er leise : » Ich halte es mit dem Tod , aber nicht mit den Toten . « » Aber , du lieber Gott ! ich ganz allein den weiten Weg hin und zurück , da muß ich ja vor Langeweile sterben ! « sagte Martin im allerkläglichsten Ton . » Komm du mit , Dezimus , tu mir den Gefallen ! « Und so geschah es , daß Held Dezimus , wie er einstmals zu Füßen der blumengeschmückten Harfenkönigin eine rasche stolze Fahrt in einem Viergespann gemacht , nach Jahren als Leidtragender in einer Trauerkutsche und geziemend feierlichem Tempo dem stolzen Viergespann folgte , in welchem die nämliche Harfenkönigin im kunstvoll gemeißelten Marmorsarge zur Gruft ihrer Ahnen befördert wurde . Vor dem Sarggehäuse saß neben dem rabenschwarzen Leichenkommissarius silberstrotzend der Diener mit den noch immer blühenden Wangen . Breite Trauerflore wallten vom Hut über seine weißen Locken . In einem zweiten Wagen folgte weinend die alte Kammerfrau nebst der gleichfalls zu versenkenden seligen Harfe ; beide dicht in schwarzen Krepp gehüllt . Auf einem dritten Gefährt überwachte ein bewährter Werkführer die Muse der Musik in ihrer hölzernen Umkapselung . Gewiß ein imposanter Kondukt , weit und breit unerlebt ! Aber die Fahrt währte lange , und Morgenluft zehrt , selbst im Gefolge eines Leichenwagens . Ein weislich von Freund Martin mitgeführtes Frühstück tat daher gute Dienste , wurde auch von beiden Leidtragenden mit so munterem Appetit verzehrt , als ginge die Reise flott zu einer Hochzeitsfeier . An der Grenze des Werbener Weichbildes stiegen die Freunde aus , um sich der Rangordnung ihres Leidwesens gemäß dem Zuge einzureihen ; denn hier wartete der Pfarrer samt allen , welche berufen oder auch nicht berufen waren , der Gutsherrin und dem mit ihr abscheidenden angesehenen Geschlecht die letzte Ehre zu erweisen . » Ein hübsches Zügelchen ! « sagte schmunzelnd Kantor Beyfuß zu seinem Nachbar , dem vormaligen Quatermillionenschüler , während der Kondukt sich die neue Grabesstraße hinanbewegte , auf deren Boden Kalmuszweige und Maienlaub verdufteten . Die Kirche war in eine Laube umgewandelt , der Altarplatz so dicht mit Lorbeer- und Zypressengruppen gefüllt , daß außer für den Sarg nur noch Raum für die beiden Familien des Schlosses und der Pfarre übrigblieb . Im Schiffe dagegen drängte sich Kopf an Kopf . Aus weitem Umkreis hatte hoch und gering den köstlichen Frühlingstag benutzt , um die Fliederblüte und das Begängnis einer Harfenkönigin zu genießen . Auch Amtmann Mehlborn wurde seit vielen Jahren zum ersten Male wieder in seiner alten Kirche , zwar nicht unter den Leidtragenden , aber doch unter den Schaulustigen bemerkt . Die Glocken hatten in Pausen schon den ganzen Morgen geläutet . Sobald der Sarg über die Kirchschwelle gehoben ward , stimmte , wohleingeübt , die städtische Liedertafel eine Motette an über den Psalmistenspruch : » Ich bin verstummt und schweige der Freuden . Wie gar nichts sind alle Menschen , die doch so sicher leben . « Nun hielt Pastor Blümel die Parentation ; nicht in freier Eingebung seinem Gemüte entströmend ; ein wohlbedachtes , wohlgefügtes Redestück , würdig der Künstlerin , deren Lebensabriß es in sich faßte , und diesem entsprechend der Text : » Wessen Ohr mich hörete , der pries mich selig , und wessen Auge mich sah , der rühmte mich . Denn ich errettete den Armen , der da schrie , Gerechtigkeit war mein fürstlicher Hut , und welche Sache ich nicht wußte , die erforschte ich . Ich gedachte : ich will meiner Tage viele machen und in meinem Neste ruhen . « Es war sonst nicht Pastor Blümels Sache , solch ein Bibelwort , aus seinem natürlichen Zusammenhange gerissen , einem fremdartigen Anlasse einzuzwängen , und gewißlich hatte Fräulein Thusnelda von Werben keine Seelenverwandtschaft mit dem Dulder von Uz . Da in diesem speziellen Falle aber nun einmal sich durchaus nicht auf den Glauben , die Liebe und Hoffnung eines Christen in diesem irdischen Jammertale berufen werden durfte , half sich auch ein Blümel aus der Verlegenheit , wie mancher seiner frommen Amtsbrüder es ohne Skrupel tut . Die warme Zuversicht aber , mit welcher er aussprach , daß diese Greisin , welche , der seltensten eine , nur mit den guten , nicht mit den bösen Erinnerungen des Hiob aus dem diesseitigen Leben geschieden sei , in dem unerforschlichen Jenseit für die Entwickelungen reifen werde , welche hienieden nur der Traurigkeit entkeimen , dem Leidtragen , das wir eben darum ein beseligendes nennen ; diese warme Zuversicht machte auch die Herzen der Hörer warm und gab dem christlichen Segensspruch die Weihe der Wahrhaftigkeit . Ob auch dem Propst von Hartenstein mit diesem seltsamen Textwort und der Anwendung des Unionisten Genüge geschehen , ließ sich weder behaupten noch verneinen . Er saß in sich versunken , tödlich bleich , die Hand seiner Tochter Lydia in der seinen . Seine Gattin weinte , und die Kinder hoben die Augen nicht vom Boden . Fräulein Sidonie jedoch drückte dem Redner einverstanden die Hand , und ihr Bruder versicherte ihm später lächelnd , er habe seine schwierige Aufgabe bewundernswert gelöst . Amtmann Mehlborn aber soll auf dem Heimwege gegen Kantor Beyfuß , seinen einzigen sogenannten Freund , geäußert haben : Solange er seine Augen offen hätte , möchte er nichts mehr mit dem alten Blümel zu schaffen haben . Es wäre ihm aber doch lieb , wenn er es so lange machte , daß er ihm noch einmal den Lebenslauf auslegen könnte . Unter entsprechendem Chorgesang war der Sarg in das Gewölbe hinabgelassen worden ; die goldene Harfe wurde über ihm befestigt , die Muse der Musik auf ihr Postament gestellt . Noch vor Tagesneigen hatte man die schließende Platte in den Boden gefügt , und die letzte Spur von Thusnelda von Werbens Freudenleben war verschwunden . Programmgemäß wurde das Erlöschen des alten Geschlechts durch einen Schmaus gefeiert . Der Pächter bewirtete die Dienstleute des Hofes , für die Würdenträger , das heißt die Pfarrfamilie und den Justitiarius , öffnete Herr von Hartenstein zum ersten Male den Werbenschen Speisesaal . Dort wie hier waren die Tafelgenüsse der abgeschiedenen reichen Herrin würdig ; die Ehrenbezeugungen zu ihrem Andenken unter freiem Himmel jedoch lauter und nachhaltiger als zwischen den spärlich gefüllten vier Pfählen . Der Propst sehnte sich nach seinem Ruhebett , seine Gattin nach ihres Knaben Quarantänezimmer . Die Sonne hatte schon tief gestanden , als die Suppe , und sie war noch nicht gesunken , als der Kaffee genommen ward . Rat Hecht machte sich auf den Heimweg nach der Stadt , Pastor Blümel mit seiner Hanna auf den nach der Pfarre . Die junge Gesellschaft fühlte das Bedürfnis frischer Luft und brach zu einem Spaziergange auf . Nur Sidonie , die schwache Fußgängerin , blieb zu Hause . Sie schmachtete nach Musik , die sie seit der Abreise von Rom weder geübt noch gehört hatte , und da es in der geistlichen Familie außer einem Kinderklapperkasten ein Klavier nicht gab , wurde im Ahnensaal an Lydias Orgel der Vortrag einer Bachschen Fuge zu einer abschließenden Trauerfeier . Peter Kurze , der Lustigmacher , war zum Vorteil einer geziemenden Stimmung nicht von der spazierenden Partie , indem er , als ungeladener Tafelgast , sich in die Umgegend verzogen hatte . Die anderen zerstreuten sich gruppenweis unter dem dämmernden Abendhimmel . Leutnant Martin kletterte mit Lebensgefahr am Mühlgrabenufer auf und ab , die zarten Vergißmeinnicht zu pflücken , die ohne seine augenschärfenden Erstlingsgefühle ungesehen verblüht sein würden . Schönröschen , auf einem Baumstamme sitzend , wand einen Kranz aus den Blaublümlein . Des Leutnants Seligkeit hing von dem Besitze dieses Kranzes ab . Er wollte ihn im Schlachtgewühl als feienden Talisman auf seinem Herzen tragen . Das schnöde Röschen aber meinte lachend , für solches Unterfutter sei seine Uniform viel zu knapp , und setzte den Kranz auf ihre schwarzen Locken , worauf der Leutnant versicherte : er stehe ihr göttlich ! An Dezimus ' Arm hatten sich die beiden Fräulein Priszilla und Phöbe gehängt mit der Bitte , er solle sie an diesem feierlichen Abend ein wenig mit der Sternenwelt bekannt machen . Und warum sollte Dezimus ihnen dieses weihevolle Verlangen nicht befriedigen ? Er führte sie nach dem Hünengrabe und nannte ihnen die Sternbilder , die eines nach dem anderen am östlichen Horizonte auftauchten , während gen Abend der Himmel noch im Karmin des Sonnenunterganges glühte . Nun wollten die Fräulein aber auch für die fünf Schloßgeschwister ein besonderes Sternbild gleich dem der sieben Pfarrschwestern ausgesucht haben . Und warum sollte Dezimus ihnen nicht auch dieses Verlangen befriedigen ? Er ließ ihnen sogar die Wahl zwischen der Kassiopeja und dem kleinen Bären . Sie konnten lange nicht einig werden ; die Kassiopeja war freilich viel schöner , der lieben Nachbarschaft wegen entschieden sie sich aber doch für das Fünfgespann neben dem Siebengespann . Max hatte Lydias Arm unter den seinen gezogen und ging mit ihr den Uferpfad entlang . Der milde Abend lud zu einer Wasserfahrt ein , aber der Bootsmann hatte nach dem heutigen sauren Tagewerk zu früher Stunde Schicht gemacht , und der Kahn regierte sich schwer von einem allein . So setzten sie sich denn auf eine Bank vor der aus Rohr geflochtenen Fährhütte und blickten eine lange Weile schweigend auf den Fluß , der zu ihren Füßen im Abenddämmer glitzerte . Ringsum zog sich das alte Werbensche Fasanengehege . Das Unterholz ist zu Bäumen herangewachsen , und es nisten seit vielen , vielen Jahren keine goldenen und silbernen Jagdvögel mehr in ihrem Laub . Aber unscheinbare Nachtigallen haben sich angesiedelt in dem verlassenen Reich und locken von weit und breit Sangesgenossen herbei . Windstille in dichten Laubkronen , klares Wasser , Ameisenhügel , von keinem Spatenstich gestört , dann und wann ein Ruderschlag und abends vor der Fährhütte ein lauschendes Paar , was braucht eine Nachtigall zum Heimischwerden mehr ? Es waren glückliche Kolonisten . So gut jedoch wie heute , wo man die alte Menschenschwester zur Ruhe gelegt , so gut war es ihnen lange nicht geworden , denn sie hatten allerlei Volks an ihrem Gehege vorüberstreifen sehen , und die Nachtigallen sind auch in der Minnezeit gar neugierige Kreaturen . Nun aber ist es wieder still geworden . Nur dort unter dem Fliederbusch sitzt noch ein Menschenpaar , so schön , wie noch keines ihren Liebesweisen gelauscht , und was ein Maienabend an Wonnen zu bieten hat , dieser bot es . Hoch oben die blaue Nacht mit ihrem Goldgefunkel , linde Lüfte und vom Boden Nektarwürze , aus allen Wipfeln sehnsüchtig schmachtendes Locken . Im engen Bett rauscht weiter abwärts der Fluß ; hier aber weitet er sich still und dunkel zu einem Himmelsspiegel . » Still und dunkel wie deine Augen , Lydia , « flüstert Max . » Ein süßes , heiliges Märchen wie du ! « Und dann saßen sie wieder lange Hand in Hand und schwiegen und atmeten den Zauber des Mai . Am anderen Morgen nahm die Schloßfamilie mit ihren Gästen das Frühstück auf der Terrasse ; der Propst hatte sich über Nacht merklich erholt , Philipp sonnte sich mit seinem Mütterchen zum ersten Male nach der langen Zimmerhaft . Aus aller Blicken sprachen Hoffnung und Lust , so als antworteten sie auf den Maienblick der Natur . » Mir ist dieses Tal früher gar nicht so anmutig vorgekommen , « sagte Max , und Sidonie , die allen anderen gern neckend widersprach , aber jederzeit ihres Bruders Echo war , setzte hinzu : » Ich hatte keine Erinnerung mehr von ihm , stellte es mir aber vor wie den Anfang der Lüneburger Heide . Im Mai finden wir freilich auch Heideschnucken graziös . Nun , es müßte sich allenfalls hier schon leben lassen . « Die Geschwister hatten bei ihrer unerwarteten gestrigen Ankunft dem Oheim erklärt , daß sie die Frist zwischen der Bestattung und Testamentseröffnung , welche aus einem ominösen Zufall am 24. Juni , Mutter Blümels Segenstag , statthaben mußte , in Dresden zuzubringen gedächten . Jetzt stellte Max unerwartet die Frage : » Würdest du mich , liebe Tante , diesen Monat lang dir als Gast gefallen lassen ? « » Und mich natürlich auch , « ergänzte Sidonie , » denn Max und ich sind fortan eins . « Frau von Hartenstein blickte schüchtern zu ihrem Gatten und dieser scharf eindringend zu Lydia hinüber , die , eine Pupurwoge auf den Wangen , die Lider senkte . » Ihr sollt uns willkommen sein , « sagte der Propst darauf . » Herzlich willkommen ! « beteuerte Frau Ottilie , und die Geschwister sagten Dank . Nach einer Pause fragte der Propst , ob sie willens seien , den Amtmann Mehlborn aufzusuchen ? » Ich denke nicht daran , « antwortete Max , während Sidonie nur stumm die Achseln zuckte . Lydia aber fragte mit fast strengem Blick : » Nicht eueren Großvater sehen , eurer Mutter Vater ? « » Das wäre kein Grund , Cousinchen , « äußerte Max leichthin . » Aber gut , du befiehlst , so werden wir ihm aufwarten . « Sidonie nickte zustimmend , sogar sichtbar befriedigt . Die Unterhaltung , anfänglich heiter fließend , war unwillkürlich in einen kurzen Trab von Frage und Antwort geraten , der keinem erquicklich schien . Als weiterhin der Oheim zu wissen wünschte , welche Pläne der Neffe für seine Zukunft verfolge , antwortete dieser : » Im Moment keine . Das Testament wird den Ausschlag geben . « » Aber , lieber Max , « wendete Sidonie ein , » welchen Einfluß auf deine Wahl dürfte diese Verfügung haben ? Du weißt ja , unter allen Umständen bleibt dir freie Hand . « Der Propst zuckte zusammen , als ob er einen Krampf am Herzen spüre . Mehr als Sidoniens Worte hatten die sie begleitenden Blicke ihm verraten , daß sie sich und ihren Bruder des Werbenschen Erbes versichert hielt . Besaß sie ein Zeugnis dafür , sie , die einzige der Familie , welcher die Erblasserin näher getreten war , die sie vielleicht mütterlich liebgewonnen hatte ? Er erhob sich rasch , um sich in sein Zimmer zurückzuziehen , kehrte halben Wegs jedoch um und sagte mit ungewohnter Freundlichkeit : » Sei unseren lieben Gästen , Lydia , doppelt eine aufmerksame Wirtin , da die Mutter durch Philipps Rekonvaleszenz noch vielfach in Anspruch genommen ist . Ich selbst fühle mich ja , Gott sei Dank , jetzt wohl genug , um deine Gegenwart einmal auch anderen gönnen zu dürfen . « Sidonie erinnerte sich auch nicht des flüchtigsten Wortes als Zeugnis für das ihr vorbestimmte Erbe ; aber sie bedurfte dieses Wortes auch nicht , so fest stand ihre Zuversicht desselben , nahezu wie eines natürlichen Rechtes . Und in der unumwundenen Art , welche sie sich im Verkehr mit der Tante angeeignet hatte , sprach sie diese Zuversicht auch aus , als sie noch am nämlichen Vormittag auf die Pfarre kam , um , wie sie fortan jeden Morgen tat , das dortige Instrument zu benutzen , da dasselbe immerhin noch etwas weniger Klapperkasten als das des Schlosses war . » Kann eine Verblendung törichter sein ? « sagte sie halb ärgerlich , halb im Scherz . » Ich merkte es an all seinem Gebaren und habe es an einer rechtzeitigen Warnung nicht fehlen lassen . Dieser standfeste Jünger des blutarmen Doktor Luther hat sich allen Ernstes in den Kopf gesetzt , die Schatzkammer der leibhaftigen Frau Hulda zu überkommen . Er , der einzige Mensch , der ihr unverständlich , daher schlechthin widerwärtig war , den sie immer nur den Oberdruiden nannte und von dessen Familie sie nicht viel mehr hatte kennen lernen , als daß sie samt und sonders nicht die schwächste künstlerische Ader in sich barg . « » Die sie aber in drückender zeitlicher Sorge wußte , « wendete Pastor Blümel ein . » Wußte sie darum ? Sie korrespondierte mit keinem von ihnen , und ich selbst bin erst diesen Morgen auf den Argwohn gekommen , als - - « » Ja , sie wußte darum , liebes Fräulein . « » Um so schlimmer für sie . Die Sorgen waren selbstverschuldete ; ein Grund mehr , die Sorgenträger von einem Besitz auszuschließen , auf dessen Erhaltung es ihr vor allen Dingen ankam . Eine unantastbare Leibrente würde an dieser Stelle die gebotene Hülfe sein . « » Frau Ottilie von Hartenstein bleibt aber immer der Dame nächste Blutsverwandte . « » Nach meinem Papa , welcher der Sohn der älteren Schwester und der geborene Erbe von Werben war . Hat sein Vater ihm das Nachfolgerecht verscherzt , ei nun ! die schönheitssüchtige Thusnelda nannte Großpapa gern den schönsten Mann , den ihre Augen gesehen , und irre ich nicht stark , war er der einzige , der ihr jungfräuliches Herz schwach gemacht haben würde , wenn er nicht ihre Schwester , die eine treffliche Tänzerin war , der trefflichen Sängerin vorgezogen hätte . Würde denn auch ohne eine gewisse Sympathie sie , nach allem Vorhergegangenen , sich bereitwillig mit ihm ausgesöhnt , für die Erziehung seiner Enkel in so umfassender Weise Sorge getragen haben ? Was hat sie für die Kinder Ottiliens getan , die , wenn auch in anderer Weise , der Verkümmerung nicht weniger ausgesetzt waren als wir ? Überdies war die Tante so jugendlichen Sinnes , zog bis an ihr Ende die heitere Jugend so unverhohlen aller sogenannten Altersweisheit und Tugend vor , daß es ihr auch in bezug auf ihr Erbe auf einen näheren oder ferneren Verwandtschaftsgrad nicht ankommen konnte , zumal wenn bei dem letzteren auf eine Nachfolge in ihrem künstlerischen Streben zu rechnen war . « » Und ist Ihnen niemals der Gedanke gekommen , daß die leidenschaftliche Kunstfreundin über ihre Hinterlassenschaft zu kunstfördernden Zwecken verfügt haben könnte ? « » Hinsichtlich ihres Barvermögens , des Hauses in Dresden , ihrer Sammlungen und so weiter höchst wahrscheinlich ; hinsichtlich des Werbenschen Stammgutes keinenfalls . Warum hätte sie es als Siebzigerin mit dem Opfer weit höheren Zins tragender Dokumente wieder in ihre Hand gebracht ? Ist dies der Platz , wo man etwa eine Harfenschule gründet ? Nein , was der Familie entstammte , sollte der Familie verbleiben , und die Repräsentantin dieser Familie war für sie - ich . Mich hat sie gebildet , mein ist ihr Talent , ihre Anschauung , in gewissem Sinne ihr Schicksal . Nur ich kann ihr eigenes Leben fortführen ; um dies aber zu können , muß ich zunächst ihre Erbin sein . Ich , das heißt mittelbar mein Bruder . Denn das wußte sie ja ganz wohl , und darin hat sie mich von früh ab festgemacht , daß ich , ein Krüppel , wie ich durch die Vernachlässigung meiner Mutter geworden bin , niemals einen näheren Angehörigen haben werde als meinen Max , der überdies für fast jegliche Kunstrichtung reicher als ich begabt und durch die Fürsorge der Tante vollständig darin ausgebildet ist . « » Der aber , so gut wie Sie , Fräulein Sidonie , dereinst ein Vermögen besitzen wird , gegen welches das Erbe von Werben verschwindet . « » Eben darum . Nicht eine mäßig , nur eine reich gefüllte Hand genügte ihren Zwecken . Sehr möglich , daß sie direkt zu meines Bruders Gunsten testiert haben würde , hätte sie in ihm nicht das unwirtschaftliche Hartensteinsche Temperament vorausgesetzt . Mich hielt sie für praktischer und mit Recht . Man kann des Guten nicht zu viel haben für sich und andere , pflegte sie zu sagen . Sie tat in letzerer Beziehung auch viel . Nur daß man ihre Wohltat nicht bemerken , nicht durch sie bedrückt , beschämt erscheinen , ihr nicht anders als durch frohen Genuß dafür danken durfte . Darum gab sie auch meinem Max so gern , weil er alles Förderliche ohne demütigende Phrase , wie himmlischen Regen und Sonnenschein , von ihr angenommen hat . « Pastor Blümel machte noch den Einwand , daß die Verstorbene ihren letzten Willen ja aufgesetzt habe , bevor sie sich von der ihrer Sinnesart gemäßen Entwicklung ihrer Verwandten überzeugt , und daß er unverändert geblieben sei . Sidonie ließ an ihrer Zuversicht indessen nicht rütteln . Ihre Luftschlösser standen fix und fertig aufgebaut . Die Familie des Propstes mochte , ob der Vater lebte oder starb , nach wie vor das Schloß bewohnen und den Notpfennig , welchen die Erblasserin ihr vielleicht zugewendet hatte , darin genießen . Sie , Sidonie , folgte ihrem Bruder , wohin es auch sei . » Er braucht Freiheit , und ich finde alles , was ich brauche , in seiner Nähe . « Nach diesem Schlußsatz setzte sie sich an das Klavier , und das Prestissimo einer Beethovenschen Sonate erbrauste in Perlenreine unter ihren schlanken Händen . » Mir klingt es vor den Ohren , Konstantin , als wäre wieder einmal Lisettchens Milchtopf in Scherben zerbrochen , « sagte Frau Hanna , welche dem Gespräche , ohne ein Wort darein zu geben , zugehört hatte . Ihr Konstantin seufzte . Für den Besuch des Talgutes am anderen Nachmittag hatte Sidonie , zur eigenen Schonung und zur Belustigung des gesamten jungen Volks , sich eine Kahnfahrt ausgedacht . Lydia wollte zurückbleiben , da ihr Vater seit gestern morgen sich wieder übler fühlte ; er selber aber drängte sie zur Teilnahme mit einer Hast , die sie befremdete . Wollte er allein sein ? Gönnte er ihr eine flüchtige Freude vor einem unvergänglichen Schmerz ? Oder - hatte er einen Blick in ihren heimlichsten Seelengrund getan ? Lydia errötete bei dieser letzten Vorstellung , aber sie ging mit erleichtertem Sinn , nachdem sie ihr aufgestiegen war . Vor der Fährhütte traf die Schloßgesellschaft mit der Pfarrgesellschaft zusammen , ein jeder froh gelaunt und witzig nach seiner Art ; nur Max erschien , trotz Lydias Gegenwart , um des unliebsamen Zieles willen , verstimmt . » Wissen Sie , wie Sie mir vorkommen , Fräulein Rose ? « fragte der Leutnant , und da Fräulein Rose die Vorstellungen eines Leutnants nicht zu erraten vermochte , erklärte er : » Wie ein weißes Täubchen mit einem schwarzen Köpfchen zwischen drei schwarzen Tauben mit weißen Köpfen . « Auch diese dem Kleiderschrank entlehnte Galanterie wurde lachend gewürdigt . » Wie gefällt dir Röschen ? « fragte Martin seine Cousine , die in Erwartung des Kahnes seinen Arm genommen hatte . » Allerliebst , « antwortete Sidonie . » Sie gleicht dieser Gegend . Die frische Anmut läßt die Schönheit nicht vermissen . « » Du hast recht , « fiel Max , der Frage und Antwort gehört hatte , ein . » In solche Gegend zieht man sich zurück , wenn man des Weltlebens überdrüssig geworden ist , und solch ein Mädchen heiratet man , wenn man nicht mehr nach Schönheit und Liebe verlangt . « » Seid ihr alle beide aber merkwürdig , « entgegnete Martin gegen seine Art ein wenig pikiert . » Was mich anbelangt , so finde ich Röschen wunderschön , und daß nicht immer aus Liebe geheiratet werden kann , das begreife ich . Warum aber einer Röschen heiraten sollte , der sie nicht schön findet und nicht in sie verliebt ist , das begreife ich nicht . « » Weil sie ein zierliches Pantoffelregiment führen würde , große Schönheiten aber gewöhnlich große Füße haben , « erklärte Sidonie lachend , und der Leutnant war so klug wie zuvor . Man stieg in den Kahn , Dezimus und Peter Kurze führten die Ruder ; die übrigen gruppierten sich je zwei nebeneinander auf den Bänken ; Lydia und Max Dezimus zunächst . Die maifrischen Gesichter inmitten der maifrischen Landschaft erquickten das Auge der verwöhnten kleinen Künstlerin . Sie hatte eine besondere Art von Gitarre oder Laute aus Italien mitgebracht und heute nicht vergessen . » Zu einer Gondelfahrt gehört Gesang , « sagte sie , » mache den Anfang , lieber Max . « Nach kurzer Verständigung griff sie in die Saiten , und ihr Bruder hob eine Barkarole an mit einem Tenor , so weich und glockenhell , wie die Gesellschaft , außer Sidonien , noch keine Menschenstimme vernommen hatte . Lydias große Augen hingen mit Entzücken an seinen Lippen , Röschen jubelte laut auf , und Dezimus bewunderte in neidlosem Verstummen die Fülle der besten Gaben , welche die Natur diesem herrlichen Jüngling eingebunden hatte . Ach , wie arm und gering nahm er sich neben diesem Glücklichen aus , er , der doch auch ein Glückskind hieß ! Wer hätte unmittelbar nach diesem Wohllaut seine Stimme hören lassen mögen ? Da Peter Kurze , der unermüdliche Unterhalter , durch das Ruder in Anspruch genommen war , kam somit die Reihe des Witzigseins wieder an den Leutnant , und da ihm just nichts Neueres oder Geistreicheres einfiel , sprang er auf und begann mit ausgespreizten Beinen , bald links , bald rechts tretend , den Kahn zu schaukeln , so daß , stark gefüllt , wie er war , das Wasser um ein Haar über die Ränder getreten wäre . Priszilla und Phöbe kreischten laut auf . » Halte mich , Dezem ! « schrie Röschen . » Dummer Junge ! « brummte Peter Kurze , zum Glück unverstanden . Sidonie aber , rasch gefaßt , zog den armen Spaßvogel an ihre Seite nieder mit den Worten : » Hier bleibst du sitzen ! Du , Phöbe , neben Rosen ! Nicht gerührt ! « » Ich bin schon als Fähnrich Freischwimmer gewesen , ich würde euch alle gerettet haben , « sagte der Leutnant , leistete aber gehorsam Folge und saß mucksmäuschenstill . Das Gleichgewicht der Bewegung war somit hergestellt ; daß aber auch das der Stimmung wiederhergestellt werde , hob Peter Kurze seinen Leibkanon an , den er bei jeder möglichen Gelegenheit zum Vortrag brachte und in welchen das kunstsinnige Fräulein Sidi unverdrossen einstimmte : » Sind wir wieder einmal beisamm gewest , Han uns wieder einmal liebgehat « und so weiter . Nur Dezimus und die beiden , welche seiner Ruderbank zunächst saßen , sangen nicht mit . Die beiden flüsterten miteinander , und jenem erweckte das Flüstern , von dem ein Wort und das andere zu ihm hinüber drang , bewegliche Gedanken . Beim Schwanken des Bootes hatte Lydia sich an Max geklammert ; er umfaßte sie , drückte sie an sich und hauchte in ihr Ohr : » So sterben , wäre das nicht schön ? « setzte aber lauter rasch hinzu : » Nein , nein , zuvor so leben , Lydia ! « Sie entwand sich seinen Armen und senkte die Lider vor seinen flammenden Blicken . Nach einer langen Stille fragte sie leise : » Du sagtest neulich , Max , du liebtest den Tod , aber nicht die Toten . Hieß das so viel , als du liebtest die Lebenden , aber nicht das Leben ? « » Nein , gewiß , « antwortete er , » das hieß es nicht ; denn als ich es sagte , hatte ich noch keinen Lebenden geliebt . « » Max ! « » Du meinst meine Schwester ? O nicht doch , Lydia ! Was ich für dieses gute , verkümmerte Wesen empfinde , ist Trauer oder , wie du es nennen magst , Erbarmen . Liebe aber ist Wonne , ist Seligkeit , und heute , Lydia , heute - - « » Aber das Leben , Max ? « unterbrach sie ihn hastig . » Liebst du , erfüllt dich das Leben ? « » Wer liebte es nicht , Lydia , und wer dürfte es nicht lieben , da es einen Tod gibt , der es endet , wenn es kein Leben , keine Erfüllung mehr ist ? « » Was nennst du leben , Max ? « fragte Lydia nach einer neuen Stille . » Das ! « antwortete er . Er zog aus ihrem Gürtel eine Frührose , die er ihr vor der Abfahrt gereicht hatte , sog in vollen Zügen ihren Duft ein , bis die Blätter auseinanderfielen , und warf sie dann in den Fluß . » Das ! « Der Kahn stieß in diesem Augenblicke an das Ufer . Max führte seine Schwester nach dem Herrenhause ; die übrige Gesellschaft schlug in der Zwischenzeit unter Peter Kurzens Führung einen Spazierweg ein ; Lydia blieb zurück . Sie wäre wohl gern ganz allein gewesen ; einer jedoch mußte den Kahn sichern , für den es in dieser Nähe der Stromschnellen keinen Anhalt gab ; da dieser eine aber Dezimus war , blieb sie wenigstens so gut wie allein . Denn nach den heimlichsten Offenbarungen einer Dichterseele eine Unterhaltung zu versuchen , nein , so ausverschämt war der Held dieser Geschichte nicht . Lydias Blicke folgten sinnend der Rose weit hinaus , bis sie auf und nieder tauchend zwischen den weißen Strudeln verschwunden war . Jetzt erst schien sie eines Dritten Gegenwart innezuwerden ; und da es ihr einfallen mochte , daß er wohl ihr Gespräch mit Max gehört haben könne , fragte sie mit dem ihr eigenen gütigen Lächeln : » Was nennen Sie leben , lieber Dezimus ? « Er dachte eine Weile nach , dann , zu ehrlich , um seine Zeugenschaft zu verleugnen , antwortete er : » Was ich selber vom Leben weiß , heißt auch nur glücklich sein . Wie aber mein Vater mich das Leben verstehen lehrt , heißt es reifen , werden . « » Und sterben ? « » Ich glaube : das nämliche . «