. Wer hat mir auch dieses Einzige noch weggenommen ? Soll es Kohlen geben oder eine Herdflamme in der Hütte ? Ist der weite Wald nicht mehr groß genug , legen sie die Hand noch an das Kreuz ? Was hat es ihnen getan ? Oder schnitze einer den Heiland dazu ? Oder hat es ein Kranker , ein Sterbender holen lassen , auf daß er davor bete ? So habe ich an jenem Tage gefragt und gegrübelt . Und am Abend noch eile ich durch das steinige Tal und meine , irgendwo müsse mein Gotteszeichen liegen . Ich laufe in den Wald hinab , den Fußsteig hin , da sehe ich zwei Männer , die das Kreuz auf den Schultern tragen . Und nun ist es mir eingefallen , es kommt in die neue Kirche am Steg , die Wäldler stellen es auf den Altar . Sie verehren es , wie ich es verehre ; auch sie wollen Entsagung und Aufopferung lernen ; auch sie sind Menschen , die streben und ringen nach dem Rechten , wie ich . Da ist in mir eine Freude erwacht , die mir schier das Herz hat zersprengt . Um den Hals fallen hätte ich Euch mögen , Euch , der ganzen Gemeinde . Ich gehöre ja zu Euch - ein Pfarrkind . « Dann sagt er noch : » Jetzo ist keine Zeit mehr zum Reden . Ich bin ja auch zu Ende . Kurze Zeit danach habe ich den Lazarus fortgeführt aus diesem Felsentale und hinaus zur neuen Kirche , auf daß er vor dem Kreuze bete . Ich habe ihn von Herzen gesegnet , denn ich habe wohl gewußt , daß er mir nicht mehr zurückkehren wird in das Felsenhaus . Und allein habe ich weiter gelebt , wohl verlassener als je , und doch beruhigter , und mein Herz hat sich gehoben , als wollte der Bann anheben zu schwinden . Öfter und öfter bin ich hinausgegangen zur neuen Kirche , in der mein Kreuz steht . Und die Menschen haben mich nicht mehr gemieden ; Almosen haben sie mir gereicht , auf daß ich beten möge vor Gott ihr Seelenheil . Daraus habe ich wohl mit Beschämung ersehen , daß sie mich für besser halten , als ich selber . Ich bin auch wieder in das Haus des Bartelmei gegangen , in dem sie mehr von mir wissen , als in den anderen Hütten . Des Köhlers Mutter , die Kath , ist schon seit Jahren krank , die bittet mich , daß ich um Gottes Erbarmung Willen doch einmal eine Messe für sie lese zu einem glücklichen Sterben . Das habe ich dem alten Weiblein gerne versprochen und die Messe habe ich gelesen , und zwar vor meinem Kreuze in der Kirche am Steg . « So weit hat der Mann erzählt . Wir schweigen beide eine gute Weile . Endlich habe ich die Worte gesagt : » Wie sich das schon wunderbar fügt im Lebenslaufe , so ist das vielleicht Euere letzte Messe in unserer Kirche nicht gewesen . « » Ich habe Euch die schuldige Antwort gegeben , « versetzt der Einspanig , » was daraus für Euch , für mich erwächst , davon kann heute noch nicht gesprochen werden . « Mit diesen Worten hat er sich von dem Holzstamme erhoben . Und wie er nun so aufgerichtet vor mir steht , da ist er jünger und größer , als er sonst geschienen . Einen tiefen Atemzug hat er getan , und plötzlich hat er heftig meine Hände gefaßt in die seinen und mit bebender Stimme gerufen : » Ich danke Euch , ich danke Euch ! « Und hierauf ist er hastig davongegangen . Er schreitet aufwärts in der Richtung gegen das Felsental . Ich schreite abwärts in die Lautergräben und gegen Winkelsteg . Meine Schuhe stoßen oftmals an Gestein und Gefälle . Eine nebelfeuchte , finstere Nacht liegt über den Wäldern . So ist mein Mißtrauen gegen den Einsiedler glücklich zuschanden geworden . Wenn einer auf die Welt verzichtet , sie mag ihm sein , was sie will , und jahrelang in der Wildnis lebt unter unerhörten Entbehrungen und mit eisernem Willen die Wünsche seiner Seele bekämpft - dem ist es ernst . - Zu welchem Zwecke wäre er auch in die Wälder gegangen , lange ehvor am Steg noch ein Kirchenstein gelegen , zu welchem Zwecke hätte er sich gemieden gemacht von den Leuten und seinem Wohltätigkeitsdrang nur im Verborgenen zu genügen gesucht ? - Und vor mir armem Mann hat er die Fasern seines Herzens entwirrt , daß ich hineinsehe in sein Inneres , wie es auch dasteht in der Schuld . Oft habe ich mir gedacht , der erste Seelsorger in Winkelsteg darf kein Gerechter sein , sondern ein Büßer . Nicht ein Mann sei es , der nie gefallen , sondern einer , der aus dem Falle ist aufgestanden . In der Tiefe und Finsternis der Wäldler muß er stehen und sich zurechtfinden können , auf daß er diesen Menschen vorauszugehen weiß hinan zur lichten Höhe . Im Sommer 1819 . Das ist sauber ! das ist possierlich ! das ist schon gar zu lustig , jetzund ! Ich habe heute den ganzen Tag gelacht und geweint . Es wird nur eine scherzhafte Mär sein , aber sie wird allenthalben ernsthaft erzählt . Und bei dem , was bislang schon zu hören gewesen , kann es ja möglich sein . Verspielt soll er uns haben , der schlechte Mensch ! Verspielt , uns samt und sonders , die ganzen Winkelwälder mit Stock und Stein , mit Mann und Maus und mit dem Andreas Erdmann , verspielt am grünen Tisch in einer einzigen Nacht . Und verspielt an einen Juden . Einige Tage später . Sei es , wie es sei , wir wollen an unserem Tagwerk weiter arbeiten . Ich bin heute in dem Miesenbachwald gewesen , um die Bäume zu besehen , die für den Schulhausbau bestimmt sind . Sie müssen im Christmonat gefällt werden ; das ist für Bauholz die beste Schlagzeit ; über den Sommer können sie trocknen und im nächsten Herbst muß der Bau aufgeführt werden . Als ich an der Schwarzhütte vorübergehe , tritt der Einspanig heraus . Er hat den Lazarus besuchen wollen ; der Knabe ist aber nicht daheim , der ist jetzt Ziegenhirt bei den Holzern im Vorderwinkel . Adelheid soll den Einspanig anfangs bittere Vorwürfe gemacht haben ; hierauf aber habe sie ihr Gesicht in die Schürze verborgen und schluchzend ausgerufen : » Ich weiß es wohl , Ihr habt Euch das Himmelreich verdient mit meinem Kinde ! « Ich und der Einspanig sind mitsammen gegen Winkelsteg gegangen . Leute , die uns begegnen , lachen sich die Hälse dick über die Geschichte , daß wir verspielt seien . Der alte Rüpel sagt , er schneide dem Moisi zu Ehr ' seinen Bart nicht mehr . » Ja , Ja , « sage ich zu meinem Begleiter , » so sind wir jetzund jüdisch , und in unseren neuen Tempel kriegen wir einen polnischen Rabbi herein . So säuberlich hat uns der junge Herr Judas Schrankenheim verraten . « Da bleibt der Einspanig stehen und starrt mich an . Vom Fuß bis zum Kopf und wieder vom Kopf bis zum Fuß starrt er mich an und sagt endlich : » Ihr seid mir sonst nicht dumm vorgekommen , Erdmann . « Und da wir wieder einige Schritte gegangen sind , versetzt er : » Ein ordentlicher Mensch sollte so alberne Dinge nicht glauben . Wie kann uns denn der junge Herr Schrankenheim verspielt haben ? Mit dem besten Willen nicht . Er ist nicht Herr über die Güter seines Vaters und noch gar nicht großjährig . « Da glotz ' ich einmal drein . Eine Bergeslast ist mir vom Herzen gefallen ; aber im zweiten Augenblick bin ich wieder erschrocken . Ich hab ' ja noch gestern vor aller Leute Ohren den jungen Herrn einen schlechten Menschen geheißen . Das wird mich noch in der Ewigkeit martern . Aber , wenn ich ein Ehrenmann bin , dann mach ' ich ' s gut . Ein lockerer Vogel mag er ja sein ; doch redlich und hochherzig bist du , Hermann , und das müssen die Leute wissen . An drei Sonntagen nacheinander verkünde ich es von der Kanzel : unser junger , zukünftiger Herr , Hermann von Schrankenheim , ist redlich und brav . Gott erhalte ihn ! - Und das Schmachwort bitte ich dir ab bis zu meinem Tode . Der Einspanig ist bei mir eingekehrt . Eines meiner Stubenfenster geht gegen die Kirche und den Pfarrhof hinüber . An demselben sitzen wir und verfallen in ein Gespräch , das zwei Stunden lang dauert . Wir können jetzt , wenn schön Wetter , die Zeit schon nach Stunden messen ; der Franz Ehrenwald hat an die Mittagsseite des Turmes eine Sonnenuhr gemalt . Als der Einspanig fort ist , schreit die Haushälterin : » Wie närrisch , jetzt hat uns der Kuckuck den auch wiederum ins Haus getragen . « » Der Kuckuck ? « entgegne ich übermütig , » ja wohl , dieser Mann ist selber wie der Kuckuck , hat kein Nest , muß ruhelos von einem Baum zum andern flattern , ist überall gemieden und nirgends daheim . Aber im Lenz hören wir ihn doch gern , denn er bringt uns ja das Frühjahr , und er ist ein Wahrsager und zählt uns die Lebensjahre vor . « » Ja , « schreit das Weib , » und fabelt uns himmelblau an , wie mich damalen ; und ist ihm die Welt leicht nicht mit Brettern verschlagen , so ist es sicherlich sein Kopf . Geht mir weg mit Eurem Einspanig ! « Wenn die gute Winkelhüterin wüßte , was ich in einer Stunde darauf dem Freiherrn für einen Brief geschrieben habe ! Im Mai 1820 . Hier im Walde ist Tag und Nacht , ist Winter und Sommer , ist Friede und Not , ist Sorge und zuweilen ein wenig Behagen im Ausruhen von der Arbeit . So schleppt es sich fort . Der Wagen der Zeit hat bei uns das vierte Rad verloren , da geht es zuweilen schief und unschön , aber es geht . Draußen , sagt man , wollen sie wieder die Welt umkehren . Von Krieg wird gesprochen . Um uns Winkelsteger kümmert sich kein Mensch mehr . Aber ich erlebe eine Freude . Mehrere junge Winkelsteger wollen sich freiwillig anwerben lassen zu den Soldaten . Das ist ein Anzeichen ihres erwachten Bewußtseins , daß sie ein Vaterland und eine Heimat haben , die sie verteidigen müssen . - Es ist eine erste , schöne Frucht der jungen Gemeinde . Das Wäldermorden ist für eine Zeit eingestellt ; draußen sind die Hämmer geschlossen . Viele heben jetzt an , die Geschläge zu roden und daraus Äcker zu machen . Aus Holzschlägern und Kohlenbrenner werden Ackersleute . Das ist gut ; der Holzschläger vernichtet , aber der Bauer richtet auf . Von der Herrschaft ist auf mein Drängen ein Schreiben gekommen . Anders , als ich vermeint . Jetzt sei nicht die Zeit für Kirchen- und Pfarrergeschichten ; wir sollten uns behelfen . Das ist ein sehr weiser Rat . Aber die Leute wollen nicht mehr in die Kirche gehen . » Wenn es keine Mess ' und keine Predigt gibt , « sagen sie , » still beten kann eins auch unter dem grünen Baum . « Sie stellen sich aber nicht unter den grünen Baum , sondern in die Branntweinschenke . Die Herde zerstreut sich wieder , wenn kein Hirte ist . Der Förster ist auch davon , da er in anderen Gegenden zu walten hat . So bin ich allein mit meinen Winkelstegern , wie Moses mit den Israeliten allein ist gewesen in der Wüste . Die Gebote sind verkündet , aber die Leute bauen wieder an dem goldenen Kalb . Und Manna fällt nicht mehr vom Himmel . Pfingsten 1820 . Heute ist der Einsiedler aus dem Felsentale in unserer Kirche vor dem Altare gestanden , hat die Messe gelesen . Das Kirchengeräte haben wir aus Holdenschlag , wie es dort in der Pfarrkammer gelegen und nicht mehr benützt worden ist . In das Meßkleid haben die Mäuse Löcher gefressen , aber die Spinnen haben diese Löcher wieder zugewoben . Ich habe die Orgel gespielt . Die Kirche ist just so groß , daß man es vom Chor aus noch sehen kann , wenn dem Priester am Altare Tropfen im Auge stehen . Die Leute haben wenig gebetet und viel geflüstert . - Dieser Einspanig , das ist zuletzt ja der zweite heilige Hieronymus . Und der Waldsänger hat mir nach dem Gottesdienst die Worte gesagt : » Habt Ihr den ewigen Juden gesehen ? Er hat in den Leidenstagen für den Heiland das Kreuz getragen heut ' hinauf nach Golgatha . Er ist erlöst , hosianna ! « Ich habe dem Einsiedler diese Worte mitgeteilt und beigesetzt : » Laßt Euch die Rede freuen ; der Mann ist voll des heiligen Geistes ! « Am Feste Allerheiligen 1820 . In Welschland haben sie Händel . Ansonsten ist es blinder Lärm gewesen und unsere Vaterlandsverteidiger sind wieder zurückgekommen . Es geht in das alte Geleise und wir stecken dem Wagen der Zeit das vierte Rad wieder an . Ich habe die Leute veranlaßt , daß sie unter sich ein Oberhaupt wählen , auf daß jemand sei , der Verordnungen erteile , Streitigkeiten schlichte und die Gemeinde zusammenhalte . Sie haben den Martin Grassteiger gewählt und nennen ihn nun den Richter . Und bei derselben Versammlung hat der neue Richter den von dem Waldherrn anerkannten , zukünftigen Schullehrer der Gemeinde Winkelsteg vorgestellt . Dieser Schullehrer bin denn ich . Die Leute sagen , das hätten sie längst schon gewußt , daß ich der Schulmeister sei . Der Grassteiger sagt , es müsse alles auch Form Rechtens geschehen . Wenige Tage nach dem obigen läßt der Richter durch mich die Pfarrerwahl ausschreiben . Darüber lacht alles . - » Sollen wir aus den Pechhackern und Kohlenbrennern einen wählen ? ' s wird aber keiner taugen . Studiert ist für uns Winkler gleich einer genug , aber so närrische Gewohnheiten haben unsere Männer , keine Häuserin mögen sie nit leiden . « So machen sie ihre Späße , wissen aber recht gut , auf wen es abgesehen ist . Und sie haben ihn auch gewählt . Wir sollen uns selber behelfen , hat der Waldherr gesagt ; so haben wir uns selber beholfen . Der Einsiedler aus dem Felsentale ist Pfarrer von Winkelsteg . Martini 1820 . Die Ruß-Kath ist gestorben . Sie ist neunzig Jahre alt geworden . Ihr letzter Wille ist , daß man ihrer Leiche feste , nägelbeschlagene Schuhe anziehe ; sie würde den Weg aus der Ewigkeit oftmals zurückmachen müssen auf die Erde , um zu sehen , wie es ihren Kindern und Kindeskindern fortan gehe . Die Ruß-Kath ist die erste , die sie in die Walderde unseres neuen Friedhofes hinabtun werden . Auf zwei Stangen haben sie zwei Männer herübergetragen aus den Lautergräben . Der weiße , noch harzduftende Tannenbrettersarg ist mit Erlstrauchbändern auf der Bahre befestigt gewesen . Der Ruß-Bartelmei und sein Schwestermann Paul Holzer mit einem Knäblein sind hinter den Trägern dreingegangen . Sie haben laut gebetet und stets auf die Wurzeln der Bäume geblickt , über die sie geschritten . Auch die Träger haben sehr behutsam gehen müssen , denn der Boden mit dem Spätherbstreif ist jetzt gar schlüpfrig . Vor Jahren soll es gewesen sein . Da haben sie von den Almen einen Hirten herabgetragen , um ihn draußen auf dem Holdenschlager Kirchhof zur Ruhe zu bringen . Wie sie sich da oben an den schmalen Steigen der Miesenbachwände herauswinden , strauchelt einer der Träger und und der Sarg rollt über den Hang und stürzt in den Abgrund , so daß nicht ein Splitterchen davon mehr gesehen worden ist . Das soll den Leuten sehr arg gewesen sein , und der Totengräber zu Holdenschlag hat doch bezahlt werden müssen . Wir Winkelsteger haben keinen Totengräber . Wir können ihn nicht ernähren . Wenn doch einmal einer stirbt , so tut er ' s nicht eher , als bis sein letzter Groschen vertan ist . So müssen eben ein paar Holzerburschen her und die Grube ausschaufeln . Sie verlangen nichts dafür , sie sind froh , wenn sie aus der Grube frisch und gesund wieder hervorkriechen mögen . Während der Totenmesse ist der Sarg ganz allein vor der Kirche auf der harten Erde gestanden . Da kommt ein Vöglein geflogen , hüpft auf den Sargdeckel und pickt und pickt , und flattert wieder davon . Der Rüpel hat es gesehen ; und das sei , habe es ihn nicht betrogen , der Vogel gewesen , der alle tausend Jahr ' einmal in den Wald kommt geflogen . Nach der Messe haben wir die Ruß-Kath hinaufgetragen zum bereiteten Grab . Die Angehörigen blicken starr in die Grube . Nach der Einsegnung hat der Pfarrer eine kurze Rede gehalten . Ich habe mir nur davon gemerkt , daß wir durch den Tod der Unsern an Gleichmut gewinnen für die Widerwärtigkeiten dieses Lebens , und einen ruhigen , ja vielleicht freudigen Hinblick auf unser eigenes Sterben . Jede Stunde sei ja ein Schritt dem Wiedersehen zu ; und bis uns jene Pforte der Vereinigung wird aufgetan , leben unsere Heimgegangenen fort im heiligen Frieden unseres Herzens . Er kann ' s auslegen . Wie es unsereins wohl auch empfindet , aber man weiß die Worte nicht dazu . Er hat die Sach ' nicht verlernt , und ist er gleich jahrelang oben im Felsental gewesen . Jetzt ist noch ein anderer gekommen . Der Rüpel schiebt sich sachte vor , da machen ihm die Leute Platz : » Schauen , was der Rüpel heut ' weiß ! « Und als der Waldsänger auf dem Erdhügel steht und den Spatenstiel als Stock in der Hand hält , daß er auf dem lockeren Grund nicht strauchelt , und als er einen Blick hinabtut auf den Schrein , da hebt er an zu reden , wie hier aufgeschrieben : » Geboren ist sie worden vor neunzig Jahren . Ihr Lebtag ist sie mit keinem Rößlein gefahren . Mit ihren Füßen ist sie gegangen talab und bergauf ihren ganzen mühseligen Lebenslauf . Sie ist beigesprungen den Leuten in Kummer und Nöten , und dabei hat sie hundert Paar Schuh ' zertreten . Und andere hundert Paar Schuh ' tät sie wagen , um ihren Kindern das Brot auf den Tisch zu tragen . Und weitere hundert Paar Schuh ' sind zerrissen auf Schmerzenswegen , die sie hat wandeln müssen . Für Tanz und sonstige Lustbarkeiten fürwahr , tät ' sie brauchen nicht ein einziges Paar . Dann hat sie angezogen die letzten Schuh ' und ist fortgegangen in die ewige Ruh ' . Die heiligen Engel taten ihre Seele führen wohl durch das Fegefeuer bis zu den himmlischen Türen . Und unter der Erde tut ruhen der arme Leib in seiner hölzernen Truhen . - Schlaf ' wohl , Kathrin , in deiner neuen Wiegen , wir werden bald an deiner Seiten liegen ; bis der Herr uns tut wecken zu seinen heiligen Scharen , auf daß wir mit Leib und Seel ' in den Himmel mögen fahren ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Der Rüpel wäre der Pfarrer für die Winkelsteger ! « hat nun der Mann gesagt , den sie den Einspanig geheißen . Ja , wenn er nicht unter ihnen aufgewachsen wäre ! Als wir , der Pfarrer und ich , mit der Schaufel einige Erdschollen auf den Sarg geworfen , tritt der Ruß-Bartelmei ganz betrübt zu uns und frägt , was uns seine Mutter denn getan habe , daß wir ihr noch in das Grab die Klötze nachschleuderten ? Da haben wir es ihm dargelegt , daß das einen letzten Liebesdienst bedeute , und daß Erde die einzige Gabe sei , die man einem Toten zu Lieb ' könne reichen . Darauf hebt der Bartelmei an und schaufelt Erde hinab , bis man keine Ecke mehr sieht von dem weißen Schrein und die Leute ihm die Schaufel aus der Hand nehmen , auf daß sie die Grube schließen . Nach dem Begräbnisse sind sie in das Wirtshaus des Grassteigers gegangen und haben sich mit Branntwein erfrischt ... so wie auch die Alten ihren Toten haben nachgetrunken . Gott zählt seine Leute auch in Winkelsteg und da darf ihm keines fehlen . Kaum ist auf dem Friedhofe das Gräblein zugemacht , wird in der Kirche das Taufbecken aufgetan . Der erste Tote und der erste Täufling an einem Tage - aus einer Familie . Auf demselben Waldweg , den heran vor ein paar Stunden der Sarg ist geschwankt , haben zwei Weiber ein neugebornes Kind herübergetragen aus den Lautergräben . Das Kind ist eine Enkelin der Ruß-Kath und gehört der Anna Maria . Es klopft an die Kirchentür , tät ' bitten um die Taufe und heißen möcht ' es gern : Katharina . Wir haben alle Heiligen des Himmels zur Auswahl und der Name der Großmutter wird ihm nicht versagt sein . Die Schriften des Waldschulmeisters ( Dritter Teil ) Im Jahre 1830 . Zur Winterszeit . Die sechzehn Jahre her , seit ich in den Winkelwäldern bin , weiß ich keinen solchen Schnee , als in diesem Jahre . Schon seit Tagen kommt mir kein Einziges mehr in die Schule . Die Fenster meiner Stube sehen aus wie Schießscharten . Wenn es noch ein wenig so fortgeht , so sind wir allmiteinander verschneit . Zweimal des Tages wird von mir bis zum Pfarrhofe ein Pfad ausgeschaufelt , der an der Tür des Grassteigerhauses vorübergeht . In dem Grassteigerhause haben wir , der Pfarrer und ich , unser gemeinschaftliches Mittagsmahl . Das Frühstück bereitet sich jeder in seiner Wohnung . Am Abende kommen wir stets zusammen , entweder im Pfarrhofe oder bei mir im Schulhause . Wie es nur denen in den Gräben und Karwässern gehen wird ! Da drüben ist ein Schneegestöber noch viel wüster , als im Winkel . Es liegen um diese Zeit in den Häusern viele kranke Leute , und es werden sich keine Wege machen und erhalten lassen , daß sie einander beispringen könnten . Und über die Lauterhöhe zu kommen , ist schon gar eine Unmöglichkeit . Die Markstangen , die an den Steigen stecken , gehen kaum mehr aus dem Schnee hervor , die Lasten auf den Bäumen reißen die Äste ab und brechen die Stämme . Des Schneiens ist kein Ende . Keine Flocken fallen mehr , es ist ein schweres , undurchsichtiges Staubwirbeln . Und die Hauben der Geäste und Pfähle , und die Dachgiebel bauen sich höher von Minute zu Minute . Wenn ein Wind kommt , so rettet das vielleicht den Wald , kann aber zu unserem Verderben sein . Eine Stunde Sturm über die lockeren Schneelehnen her , und wir sind eingedeckt . Der Pfarrer hat alle Waldarbeiter , denen nur beizukommen ist , gedungen , daß sie Pfade herstellen in die Lautergräben , Karwässer , und daselbst von einer Hütte zur andern . Einmal sind sie richtig hinübergekommen , aber die Rückkehr ist doch wieder die neue Mühe . Die verschneiten Leute drüben werden doch vorgesorgt sein ; sie haben ihre Welt ja in ihren Hütten . In einer Klause des Karwasserschlages soll wohl schon seit fünf Tagen die Leiche eines alten Mannes liegen . Der Pfarrer hat sich heute Schneeleitern an die Füße gebunden , um bei den Kranken Besuche zu machen . Aber der Schnee ist zu locker , der Mann hat wieder umkehren müssen . Nun macht er Pakete zusammen , sie sind aus der Speisekammer unseres Wirtes und sollen durch kräftige Holzhauer in die Lautergräben zu den Kranken getragen werden . Das sind kurze Tage und doch so lang . Ich habe meine Zither , habe die neue Geige , die mir der Pfarrer zu meinem jüngstvergangenen Namenstage hat bringen lassen , ich habe andere Dinge , die mir sonsten Zerstreuung geboten haben . Aber jetzt mutet mich nichts an . Stundenlang gehe ich in der Stube auf und ab und denke nach , was dieser Winter noch für Folgen haben kann . Es gibt Hütten genug in den Gräben , wo die Leute mit ihren Schaufeln nicht gewesen sind . Wir wissen nicht , wie es in denselben aussieht . Auf daß ich mich von der drückenden Tatlosigkeit erlöse , habe ich heute die Lade unter der Ofenbank aufgemacht und meine alten Tagebuchblätter herausgenommen , um nachzuschlagen , was die Gemeinde seit ihrem Bestehen für Schicksale gehabt . Da sehe ich , es ist seit zehn Jahren nichts mehr geschrieben worden . - Zwei Dinge mögen die Ursache gewesen sein , daß ich die Aufzeichnungen unterbrochen habe . Erstens ist das Bedürfnis nicht mehr in mir gewesen , meine Gedanken und meine Empfindungen aufzuschreiben , da ich an unserem Pfarrer einen Freund gefunden habe , dem ich mich unverhohlen mitteilen kann , wie er sich mir mitteilt , und mir seine seltsame Lebensgeschichte dargelegt , ehe er mich noch gekannt hat . Das ist einer der wenigen , die durch Drangsale geläutert edel und rein aus den Wirren und Irren der Welt hervorgehen . Die Wäldler lieben ihn von Herzen ; er leitet sie nicht durch Worte bloß , sondern mehr durch seine Taten . Seine Sonntagspredigten erhärtet er an den Wochentagen durch Beispiele . Er opfert sich auf , er ist den Leuten alles . Seine Haare sind nicht mehr schwarz , wie vormaleinst im Felsentale , sein Gesicht ist ernst und immer gütig . Die Betrübten blicken ihm in die Augen und empfinden Trost . Gerne erzählt er , wenn wir auf der Bank oder um den Tisch beisammensitzen , von der weiten , schönen Welt , von fremden , merkwürdigen Ländern , von den Wundern der Natur . Pfeifenfeuer gehen dabei aus , denn alles hört ihm zu mit Ohren und Mund . Nur die alte Frau aus dem Winkelhüterhause erklärt des Pfarrers Erzählungen für vorwitzige Fabeleien ; ein ordentlicher Priester , meint sie , müsse hübsch von Himmel und Fegfeuer reden , und nicht allweg von der Erden . Sie horcht aber zu und es gefällt ihr doch . Vor mehreren Jahren hat die kirchliche Behörde unsere Pfarrerfrage einmal aufgetischt , hat unsern Vater Paul nicht anerkennen wollen , sondern einen neuen hereinzustellen Miene gemacht . Hei ! da haben die Winkelsteger zu toben angefangen und die Sache ist beim alten belassen worden . Dagegen aber wird Winkelsteg draußen nicht als Gemeinde und Seelsorge anerkannt , sondern als eine Niederlassung von Halbwilden und verkommenen Menschen , wie sie das früher gewesen . Mir hat das anfangs sehr wehe getan , wir hätten uns so gerne der Allgemeinsame angeschlossen , aber da sie uns zurückdrängen , so sage ich schier am liebsten : um so besser , so lassen sie uns fürder in Ruh und wir können ungefährdet und unbeschränkt - wie sie es draußen nicht können , noch wollen - dem Ziele einer Mustergemeinde zustreben . Die zweite Ursache der Vernachlässigung meines Tagebuches ist die viele und mannigfaltige Arbeit , die mein Beruf mir auferlegt . Anfangs ist es der Bau des Schulhauses gewesen , der mir keine Ruhe gelassen . Es ist denn alles hergestellt worden , wie ich es für die wichtige Sache am zweckmäßigsten halte . Das Haus ist von Meister Ehrenwald aus Holz aufgeführt . Das Holz regelt Wärmezustand besser , als der Stein , auch zerstreut es mehr die Dünste und gibt frische Luft . Dann ist mir darum zu tun gewesen , den Leuten einen zweckmäßigen und geschmackvollen Holzbau als Muster aufzustellen . Es ist zu meiner Freude die leichte , zierliche und doch haltfeste Art meines Schulhauses und seine bequeme Einteilung und Einrichtung schon vielfach nachgeahmt worden . Meine Fenster , Türen , Maurer- und Schlosserarbeiten werden bereits von der ganzen Umgebung als mustergültig betrachtet . Um das Haus ist ein Garten und ein geräumiger Spielplatz mit Werkzeugen für körperliche Übungen angelegt . Das Haus ist zum Schutze gegen die Unbill der Witterung ringsum mit einem breiten Vordache versehen , aber so , daß es dem Lichte des Innern nicht Eintrag tut . In der Schulstube ist vor allem auf die Gesundheit der Kinder Rücksicht genommen worden . Die Bänke stehen nicht zu dicht aneinander und die Tischläden sind hoch , damit sich die Schüler das gebückte Sitzen nicht angewöhnen . Bei dem Lesen lasse ich den Schüler aufstehen , damit er das Buch von den Augen in entsprechender Entfernung halten kann . Die Fenster sind so verteilt , daß das Licht den Lernenden von der linken Seite oder von rückwärts kommt . Zum Ablegen der Überkleider ist ein Vorkämmerchen eingerichtet , auf daß bei schlechtem Wetter uns die Ausdünstung nicht schädlich werde . Den Wärmegrad der Stube suche ich immer mit jenem von draußen in einem gewissen Verhältnisse zu halten , damit die Ein-und Austretenden nicht ein zu jäher Wechsel treffe . Was meine Wohnung im Schulhause anbelangt , so ist sie nicht groß , aber sehr traulich . Und tausendmal traulicher noch macht sie mir jene Winterfahrt durch Rußland , der ich zuweilen wie eines wilden Traumes gedenke . - Wohl , ich bin seit jenem Traume um viele Jahre jünger geworden ; wie mich die Stürme der Welt zu Boden geschlagen , so habe ich mich aufgerichtet an der Ursprünglichkeit des Waldes . Ein weit schwereres Amt als die Schulangelegenheiten und eine weit größere Pflicht ist mir die Überwachung der geistigen Gesundheit der mir Anvertrauten .