kleinen Dame ! Ich sang ja nicht für sie , deshalb sollte meine Stimme ganz gewiß nicht zittern - ich ließ sie voller anschwellen und sang mutig zu Ende . Schon während meiner Mitteilungen hatten zwei Lakaien geräuschlos einen vollständig arrangierten Theetisch in das Zimmer getragen , und eben , als mein letzter Ton verhallt war , trat ein Herr in schwarzem Frack ein . Er verbeugte sich tief , dann schnellte er empor und schlug mit unleugbarer Grazie applaudierend in die lederbekleideten Hände . » Wundervoll , Hoheit ! Bei Gott , magnifique ! « rief er mit Ekstase , indem er stürmisch , wenn auch mit völlig lautlosen Schritten auf die Prinzessin zukam . » Aber welche Grausamkeit gegen uns alle , Hoheit ! « fügte er in vorwurfsvollem Tone hinzu und ließ die graziös geschwungenen Arme sinken - die ganze ältliche Erscheinung nahm die kindischen Mienen und Manieren eines schmollenden jungen Mädchens an - » seit Jahren bitten wir auf den Knieen um einen einzigen Ton aus dieser Nachtigallenkehle - vergebens ! ... Wie ein Dieb , ein unglückseliger Verbannter muß man draußen auf der Schwelle stehen , wenn man einmal wieder den langentbehrten Genuß haben will ... Wie , eine kranke , eine ruinierte Stimme soll das sein ? Dieser Schmelz , diese Glockenfülle - Hoheit ! « Er schlug die Augen gen Himmel und berührte Daumen und Zeigefinger küssend mit den Lippen ... Ich war ganz bestürzt . Diese Menschenspezies war mir so völlig neu , wie ein Bewohner von Otahaiti . Nur die ziemlich tiefe Stimme und zwei am Kinn sorgfältig gescheitelte Bartstreifen erregten mein Bedenken , sonst hätte ich darauf geschworen , es sei eine Hofdame im Frack . » Mein bester Herr von Wismar , « sagte die Prinzessin mit unterdrücktem Lachen , » in früheren Zeiten habe ich mich allerdings zuweilen der Sünde schuldig gemacht , mit einer sehr schwachen und sehr mittelmäßigen Singstimme meine Umgebung zu langweilen - daran sollten Sie mich doch nicht erinnern , ich habe es ja zu sühnen gesucht , indem ich beizeiten aufgehört ... Uebrigens sehe ich mit großer Befriedigung , daß meine musikalischen Missethaten glücklich vergessen sind , denn unser edler Kammerherr läßt meinen tiefen Alt frischweg zum glockenhellen Sopran , den armen Hänfling zur Nachtigall avancieren - Sidonie hat schön gesungen - ich niemals ! « Der » edle Kammerherr « stand sehr verdutzt da . Das lange Gesicht war mir zu ergötzlich - ich kicherte in mich hinein , wie ich ja auch immer gethan hatte , wenn Heinz verblüfft vor einer ungeahnten Wendung stand . Fräulein von Wildenspring hatte sich bei den letzten Worten der Prinzessin rasch erhoben . Sie warf einen bitterbösen Blick auf mein vergnügtes Gesicht und huschte hinter den Theetisch . » Aber Hoheit , der Vergleich hinkt denn doch gar zu sehr ! « schmollte sie herüber , während sie sich mit der silbernen Theekanne zu schaffen machte . » Mag auch Herr von Wismar hinsichtlich der Stimmlage irren , wundervoll gesungen haben Hoheit doch - die Gräfin Fernau wird noch Feuer und Flamme , wenn sie darauf zu reden kommt ! « » O weh , ist das Ihr einziger Gewährsmann , Konstanze ? « lachte die Prinzessin . » Die gute Fernau ist seit fünfundzwanzig Jahren stocktaub ! « » Aber Papa und Mama schwärmen ja auch noch , « versetzte das Hoffräulein beharrlich , schlug aber doch die Augen nieder vor dem sarkastischen Gesichtsausdruck , mit welchem sie von ihrer Gebieterin gemustert wurde . » Bitte , wenden Sie Ihre Augen und Komplimente rechts , Herr von Wismar , « sagte die Prinzessin und winkte mit der Hand nach mir hin - » da sitzt die Nachtigall . « Der Herr fuhr herum . Er hatte mich bis dahin nicht gesehen , weil eine Gruppe riesiger Blattpflanzen meine kleine Person fast ganz verdeckte . Die Prinzessin nannte meinen Namen - ich erhob mich bei dem tiefen Bückling des Hofherrn , lachte ihm ins Gesicht und machte einen Knix , so tief und gelungen , daß Charlotte das Herz im Leibe gelacht haben würde . Der Kobold des Mutwillens , der seit dem Tode meiner Großmutter in meiner Seele fest geschlafen hatte , regte sich wieder und gab mir die Leichtigkeit der Bewegungen zurück . Herr von Wismar sagte mir flugs verschiedene Komplimente , in denen das simple Gänseblümchen meines Vaters zur Rosenknospe , zum Elfenwesen erhoben wurde , und schalt auf » den lieben Doktor « , daß er bisher dem Hofe meine beglückende Gegenwart entzogen und mich allzulange im Pensionat gelassen habe . » In welchem Institut sind Sie denn erzogen , meine Gnädigste ? « fragte er schließlich . » In einem Heidedorfe , Herr von Wismar ! « rief Fräulein von Wildenspring mit einem kinderunschuldigen Lächeln herüber . Der Kammerherr stutzte ; allein ein Blick auf das nach mir hinlächelnde Gesicht der Prinzessin gab ihm sein inneres Gleichgewicht zurück . » Ach , daher die köstliche Maifrische in dieser Stimme ... Die Landluft , ja , die Landluft ! ... Hoheit , das wäre eine Acquisition für unsere Hofkonzerte ! ... So keusch , so völlig unberührt - « » Welche Idee , Herr von Wismar ? « unterbrach ihn das Hoffräulein . » Fräulein von Sassen kann doch unmöglich mit unserer ausgezeichneten Primadonna vom Hoftheater rivalisieren wollen - da sollte sie mir leid thun ! « » Sehen Sie nach Ihrem Thee , Konstanze , ich fürchte , er wird bitter ! « sagte die Prinzessin . » Uebrigens mögen Sie sich beruhigen , ich acceptiere den Vorschlag durchaus nicht ; seltene Gäste behütet man wie seinen Augapfel , und den erquickenden Heideduft , der auf einmal aus dem fernen Heidedorfe in unsere schwülen Kreise dringt , will ich für mich allein behalten . « Fräulein von Wildenspring schwieg . Sie schwenkte ihre Theekanne und schüttete den ersten unbrauchbaren Aufguß so jäh und stürmisch in den silbernen Spülnapf , daß die braunen Tropfen auf das weiße Damasttuch sprühten . » Und Sie wohnen nun mit dem Papa im Claudiusschen Hause ? « fragte mich der Kammerherr hastig , indem er den stolz zurechtweisenden Blick auffing , mit welchem die Prinzessin ihre ungeschickte Hofdame maß - Herr von Wismar schien eine Art Blitzableiter am Hofe zu sein . » Wir wohnen in der Karolinenlust , « antwortete ich . » Ah , in den Räumen des armen Lothar ! « rief er in bedauerlichem Ton nach der Prinzessin hin . » Ei bewahre , « korrigierte ich eifrig , » da drin doch nicht ! Die sind ja versiegelt . « Ich sah , wie ein helles Rot bis unter das lockige Stirnhaar der Prinzessin lief . Sie hatte mit beiden Händen die überhängende Blütendolde einer Hortensie erfangen , die neben ihr im Blumentisch stand , und drückte tiefatmend den unteren Teil des Gesichts hinein . » Noch immer versiegelt ? Aus welchem Grunde ? « fragte sie nach einer augenblicklichen Pause den Kammerherrn . » Ist nicht sein Bruder der einzige Erbe ? « Herr von Wismar zuckte die Achseln . Er versicherte , durchaus nichts Näheres zu wissen ; das seien verschollene Dinge , und der Name Claudius werde ja erst hier und da am Hofe wieder genannt , seit Herr von Sassen den Antikenfund in dem alten Kaufmannshause gemacht habe . » Die Siegel sollen an den Thüren bleiben bis in alle Ewigkeit , « sagte ich schüchtern - ich war meiner Lauschersünden sehr wohl eingedenk und schämte mich ; aber trotz alledem wollte ich die Prinzessin nicht ohne Auskunft lassen . » Der Tote hat es so gewollt ; Herr Claudius leidet deshalb nie , daß solch ein Siegel angerührt wird , er ist ja so streng , so furchtbar streng ! « » Ei , das klingt ja fast , als ob Sie sich vor ihm fürchteten , meine kleine Gnädige ! « lachte der Kammerherr . » Ich mich fürchten ? O nein ! « protestierte ich voll Aerger . » Ich fürchte mich gar nicht , nicht im geringsten mehr ... Aber ich kann ihn nicht leiden ! « fuhr es mir heraus . » Wie , bereits so entschiedene Antipathien in dem Gemüt , das in der Heide alles geliebt , was Odem hat ? « rief lächelnd die Prinzessin . » Ach , gehen Sie doch , ich kann mir gar nicht denken , daß es Ihnen mit dieser Abneigung gar so ernst ist ! « setzte sie hinzu . Sie wandte den Kopf halb zur Seite , und ein schelmischer Blick streifte mich . Sie glaubte mir nicht - wie mich das verdroß ! Der ganze Groll von vorhin überkam mich wieder . » O , den Mann hat niemand lieb , niemand in der ganzen Welt , und das versteht sich von selbst ! « rief ich lebhaft . » Er liebt ja nur zwei Dinge , die Arbeit - sagt Charlotte - und sein großes dickes Zahlenbuch ... Blumen hat er , so unermeßlich viel Blumen , daß er sich und sein häßliches Haus in der Mauerstraße drin vergraben könnte , aber in dem Zimmer , wo er von früh bis spät steckt und arbeitet , duldet er nicht ein grünes Blättchen neben sich ... Mit der Uhr in der Hand schilt er seine Leute , wenn sie einen Augenblick zu spät in das abscheuliche Unkennest kommen , und nachts betrachtet er sich die Sterne am Himmel nur , weil er sie auch so zählen kann , wie die Thaler auf seinem Tische . Er ist geizig und gibt nie einem Armen ein Almosen - « » Halt , mein Kind , « unterbrach mich die Prinzessin , » das muß ich widerlegen ! Die Armen unserer Stadt haben keinen besseren Freund , wenn er auch vielleicht in etwas bizarrer Weise gibt und wirkt , und konsequent seine Unterschrift auf Kollektenlisten und dergleichen verweigert . « Ich schwieg einen Augenblick betroffen . » Aber er ist hartherzig und kalt wie ein Eiszapfen gegen - gegen Charlotte , « sagte ich dann rasch , » und alles will er besser wissen , als andere . « » Ein hübsches Sündenregister ! « lachte der Kammerherr . » Uebrigens hat der Mann vor kurzem gezeigt , daß er wirklich manchmal etwas besser versteht , als andere , « wandte er sich an die Prinzessin . » Unser schlauer Graf Zell ist endlich auch einmal zu unser aller Genugthuung gründlich düpiert worden ; sein Darling , den er von seiner letzten Reise mitgebracht hat , ist ein Prachtstück an Schönheit und Eleganz , aber eine heimtückische Bestie . Manche behaupten , es sei ein Zirkuspferd , es hat so absonderliche Gewohnheiten . Zell mochte es gar zu gern wieder los sein ; in unserem Kreise hat natürlicherweise keiner angebissen , aber man war in Rücksicht auf Zell diskret , um andere nicht kopfscheu zu machen ... Der junge Lieutenant Claudius war denn auch Feuer und Flamme , einige gute Freunde Zells hatten ihm die Acquisition sehr plausibel gemacht , der Herr Onkel aber hat Darling angesehen und - gedankt , sehr zum Besten des jungen Mannes , denn vor einer Stunde hat das Tier den Sohn des Bankiers Tressel , der es gekauft und ein ganz respektabler Reiter sein soll , abgeworfen und ihn obendrein mit seinen Hufen übel zugerichtet . « » Das muß ich sagen , Herr von Wismar , diese sogenannte Diskretion in Ihrem Kreise verdrießt mich sehr , und Graf Zell mag sich in acht nehmen bei seinem nächsten Erscheinen am Hofe ! « rief die Prinzessin , aus ihren großen glänzenden Augen schlug eine Flamme der Entrüstung . » Wird der Sturz schlimme Folgen haben ? « » Ich glaube kaum , « stotterte der Kammerherr . » Hoheit mögen sich aber beruhigen und bedenken , wer der Reiter war , « fügte er nach einem leichten Husten lächelnd hinzu ; » das ist robustes Blut und eine ganz andere Knochenmasse , das ist nicht leicht umzubringen ; mit ein paar Schrammen und blauen Flecken wird die Sache abgemacht sein . « » Sie sprachen vorhin von einer Charlotte in Claudius ' Hause , « sagte Herr von Wismar , der wohl fühlen mochte , daß er zu weit gegangen sei , dann zu mir . » Ist sie das imposant schöne junge Mädchen - « » Nicht wahr , Charlotte ist schön ? « unterbrach ich ihn glückselig - ich verzieh ihm sofort sein ganzes kindisches Thun und Wesen um dieser einen Bezeichnung willen . » Für meinen Geschmack ein wenig zu kolossal , zu emanzipiert und herausfordernd , ich bin ihr einigemal im Frauenverein begegnet , « sagte die Prinzessin mehr nach dem Kammerherrn hin . Die Bedeutung des » emanzipiert « verstand ich nicht , ich hörte den Tadel mehr aus dem Ton der Dame , und der schmerzte und kränkte mich tief . » Ein seltsames Verhältnis in dem Hause ! « fuhr sie fort . » Wie mag Claudius dazu gekommen sein , die Kinder eines Franzosen zu adoptieren ? « Herr von Wismar zog , abermals auskunftslos , die Schultern in die Höhe . » Und dabei sind die Betreffenden nichts weniger als dankbar für diese Adoption , « rief Fräulein von Wildenspring herüber . » Diese Charlotte wehrte sich stets zornig gegen den Namen Claudius , auf ihren Schulheften stand Mericourt , und die Pensionärinnen waren boshaft genug , sie so oft wie möglich mit jenem verhaßten Namen zu nennen , nur um ihre funkelnden Augen zu sehen . « » Ah , Sie kennen das junge Mädchen näher , Konstanze ? « fragte die Prinzessin . » Soweit sich eben zusammengewürfelte Pensionärinnen verschiedenen Standes kennen , Hoheit , « entgegnete das Hoffräulein mit einem gleichgültigen Achselzucken , das mir das Blut wallen machte . » Wir waren zwei Jahre lang in ein und demselben Dresdener Institut ... Sie hat bei ihrer Hierherkunft diese notgedrungene Bekanntschaft zu erneuern gesucht und mir sofort einen Besuch gemacht - « » Nun ? « forschte die Prinzessin , als die junge Dame einen Augenblick zögerte . » Papa wünschte den Umgang durchaus nicht für mich , ich bin deshalb einfach vorgefahren und habe eine Karte abgegeben - « Sie verstummte plötzlich , wandte sich seitwärts und machte eine tiefe , sehr graziöse Verbeugung . Ein hübscher junger Herr mit einem sehr ernsten Gesicht trat in Begleitung meines Vaters und zweier anderer Herren durch die Seitenthür , es war der Herzog . Die Prinzessin begrüßte ihn warm und herzlich wie eine Mutter ; dann stellte sie mich ihm vor . Ich bedurfte keines besonderen Aufwandes von Mut mehr , um zu Serenissimus aufzusehen und seine freundlichen Fragen ruhig zu beantworten ; ich war rasch sicherer geworden auf dem heiklen Boden , und » das Gänseblümchen « mochte wohl um vieles zuversichtlicher den Kopf heben , denn mein Vater sah mich ganz erstaunt an und fuhr mir plötzlich liebkosend mit der Hand über das Haar . Er hatte wieder ein sehr echauffiertes Gesicht . Mit einem förmlichen Haß sah ich nach den Goldmünzen , von denen nun auch der Herzog einige vor seine Tante hinlegte . Er sagte ihr , daß ihm dieser Münzenschatz eine bedeutende Summe koste ; nun sei aber auch das altberühmte herzoglich K.sche Medaillenkabinett eines der vollständigsten , denn es habe durch den heutigen Ankauf Exemplare erhalten , die für manchen Liebhaber so sagenhaft seien , wie der Nibelungenhort ... Ich sah , wie fast unausgesetzt ein nervöses Zucken durch die Züge meines Vaters lief , er dauerte mich unbeschreiblich . Ich konnte mir recht gut denken , welche Qual es ihm verursachen müsse , zu sehen , wie die heißgewünschten Schätze unter allgemeiner Bewunderung von Hand zu Hand gingen , als das rechtmäßig erworbene Eigentum eines anderen ... Die Bitterkeit gegen den , der ihn in seiner » Krämerweisheit « zu dieser Entsagung verurteilt , machte abermals meine ganze Seele rebellisch und ließ mich alle Zurückhaltung vergessen . » Sehen Sie , « sagte ich halblaut zu der Prinzessin , welche eben die prächtige Kaisermünze entzückt betrachtete , » das hat Herr Claudius auch besser wissen wollen , er behauptet , das Medaillon da sei unecht ! « Der Herzog fuhr herum , und sein durchbohrender Blick heftete sich zu meinem Schrecken halb überrascht , halb zürnend auf mein Gesicht . Mein Vater aber lachte und strich mir mit der Hand wiederholt das Haar von der Stirne zurück . » Sieh da , mein kleiner Diplomat ! « rief er . » Ein Glück , daß der Papa sattelfest ist , der schlaue Plaudermund da könnte ihm sonst schwer zu schaffen machen ! Lächerlich ! « sagte er achselzuckend zu Herrn von Wismar - der einzige , der sein Gesicht in bedenkliche Falten zu legen suchte , obgleich dieser geckenhafte Mensch sicher nicht das mindeste Verständnis für die Sache hatte - » der Mann versteht von Numismatik ungefähr so viel , wie ich von der Tulpenzucht ... Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen aber sagen , daß der Verkäufer der Münzen heute noch , mit verschiedenen Empfehlungsbriefen von mir in der Tasche , K. verläßt : er geht an Höfe und Universitäten unter der Aegide meines Namens ; genügt Ihnen diese Bürgschaft für die von mir befürwortete neueste Acquisition Seiner Hoheit ? « Herr von Wismar lächelte verlegen und versicherte , daß ihm ein Zweifel auch nicht mit dem leisesten Gedanken gekommen sei . Ein wahrer Sturm gegen den Dilettantismus erhob sich nun unter den Anwesenden , und niemand war erboster als Fräulein von Wildenspring , die kaum noch mit der zuversichtlichsten Miene gelehrte Brocken in das Gespräch eingestreut hatte . » Die Dilettanten sind und bleiben die Plage des Fachmannes , « sagte mein Vater . » Ueber Claudius den Aelteren habe ich mich zwar bisher durchaus nicht zu beklagen gehabt - er ist streng zurückhaltend , vermeidet meine Begegnung auf seinem eigenen Grund und Boden geflissentlich und läßt mich mit seinen Kunstschätzen schalten und walten , wie ich Lust habe - dagegen macht mir häufig mein sogenannter Famulus das Leben recht schwer . « » Ah , der schmucke Lieutenant ? « lachte einer der Herren . » Er benippt die Wissenschaft , wie der Schmetterling einen Blumenkelch , « fuhr mein Vater mit einem bestätigenden Kopfnicken fort . » Appelliert man nur im entferntesten an sein Nachdenken , husch , ist er auf und davon ! ... Für ihn ist die vom Hofe ausgehende Vorliebe für die Altertumskunde gleichbedeutend mit jenen rasch wechselnden Modethorheiten , die ihn heute einen kleinen goldenen Sattel , morgen einen Maikäfer als Berlocken tragen lassen ... Vor kurzer Zeit begleitete er seinen Onkel auf einer Geschäftsreise im Norden . Auf seine dringenden Bitten gab ich ihm eine Empfehlung an Professor Hart in Hannover , der denn auch so freundlich gewesen ist , die Herren nach einer Gruppe von Hünengräbern in der Heide zu begleiten und eines derselben öffnen zu lassen ... Gott , wie sahen die Fundstücke aus , die der Herr Lieutenant in meine Hände niederlegte ! Verbogen und in Stücken zerbrochen , weil er sie in ein und dieselbe Kiste mit Mineralien zusammengesteckt habe , die ihm Professor Hart für einen Kollegen mitgegeben , entschuldigte er sich - das Herz hat sich mir umgewendet ! « Wie wenig ahnte mein Vater , daß sich in diesem Moment auch mir das Herz umwendete , daß ich einen unbeschreiblichen Groll empfand gegen die , unter denen ich saß ! ... Man lachte und spöttelte , und niemand fiel es ein , den Abwesenden in Schutz zu nehmen . Herrn Claudius hatte die Prinzessin sofort verteidigt , als ich in meiner Beschuldigung zu weit gegangen war ; selbst Herr von Wismar hatte zu seinen Gunsten gesprochen - nur für Charlotte und Dagobert fiel kein freundliches Wort - die armen Geschwister ! ... Die Prinzessin unterbrach das allgemeine Gespräch plötzlich mit der an meinen Vater gerichteten Frage , bis zu welchem Zeitpunkte die Aufstellung der Antiken in der Karolinenlust beendet sein werde ; sie interessiere sich lebhaft für die ans Tageslicht gezogenen Kunstschätze und habe sich vorgenommen , den Herzog bei seinem ersten Besuche zu begleiten . » Ich habe dabei auch noch einen stillen Nebengedanken , « sagte sie . » Ich möchte mir einmal gar zu gern das Claudiussche Etablissement ansehen - die Glashäuser mit ihren Palmen sind ja weit berühmt ... Direkt hinzugehen habe ich Anstand genommen - der Mann hat einen unerträglichen Bürgerstolz ; da ist , wie ich fürchte , das Terrain sehr schwierig - « » Und die entschieden pietistische Färbung , welche das Etablissement seit einiger Zeit an der Stirn trägt und die Eurer Hoheit so unsäglich zuwider ist ? « fragte Fräulein von Wildenspring lauernd - man sah , das fürstliche Vorhaben , jenes Haus zu betreten , war ihr sehr fatal . » Ebendeshalb soll die Besichtigung der Kunstschätze Hauptzweck sein - ich werde im Vorübergehen den Garten besehen und brauche dabei weder den Hochmut noch die pietistische Tendenz des Besitzers in den Kauf zu nehmen . « Das Hoffräulein reichte ihrer Gebieterin schweigend eine Tasse Thee und nahm dann scheinbar unterwürfig ihre Stickerei wieder auf . Den übrigen Teil des Abends füllte eine lebhafte Debatte über die Kunst der Alten aus , und die Hofherren , die über den Dilettantismus so grausam den Stab gebrochen , sprachen so sicher und zuversichtlich , so enthusiastisch mit , als seien sie sämtlich solch berühmte Gelehrte wie mein Vater , und als sei das Studium der Archäologie dasjenige , was einzig und allein ihre Zeit und Seelenkräfte in Anspruch nehme . Ich hätte ihnen auch unbedingt geglaubt , wären nicht die sarkastischen Blicke gewesen , die der Herzog häufig mit meinem Vater wechselte . Bei unserem Weggange ließ die Prinzessin einen Foulard kommen und legte ihn mir um den Hals . Es sei kühl geworden , sagte sie , und ihre liebe kleine Heidelerche dürfe nicht heiser werden . Meinem Vater versicherte sie , daß sie mich sehr oft bei sich sehen und unter ihren ganz besonderen Schutz nehmen werde ; dann küßte sie mich auf die Stirne , und wir verließen das Schloß . 21 Ein Gewitter war inzwischen über die Stadt hingezogen . Kühlumfloß die Luft meine Schläfen , und der durchfeuchtete Kies des Schloßplatzes glänzte und funkelte im Lichte der Gaskronen . Eine Hofequipage brachte uns nach Hause ; sie fuhr donnernd in den Claudiusschen Geschäftshof ein , und ein Gefühl von kindischem Hochmut machte mir das Herz schwellen , als ich neben dem demütig am geöffneten Schlage verharrenden fürstlichen Lakai auf das Pflaster herabsprang , das mir vor wenigen Tagen ein halb und halb verweigerter Weg gewesen war . Meine Augen suchten Charlottens Zimmer , ich wünschte lebhaft , von dort aus gesehen zu werden ; aber das ganze Vorderhaus war dunkel , mit Ausnahme der Treppenhausfenster . Eine prächtige , aber uraltmodische Lampenglocke hing hoch droben inmitten der Hausflur und beleuchtete in nächster Nähe die grauen , kräftig geschwungenen Steinbogen der Decke , welche am Tage dem Blicke unerreichbar erschienen . In einem der ungeheuren Glashäuser , von denen auch die Prinzessin heute abend gesprochen , brannte Licht - zwei große Kugellampen glühten purpurn in die Nacht hinein . Während wir den Hauptweg entlang schritten , hörte ich hastige Tritte vom Glashaus herkommen - - es flatterte hell durch das nächste Rosengebüsch , und plötzlich stand Charlotte vor uns . » Ich habe Sie kommen hören , « sagte sie mit gedämpfter Stimme und fliegendem Atem . » Bitte , überlassen Sie mir das Prinzeßchen noch für eine halbe Stunde , Herr von Sassen - es ist eine so köstliche Nacht - ich bringe Ihnen die Kleine unversehrt nach der Karolinenlust . « Mein Vater sagte mir gute Nacht und versprach , Ilse von meinem Verbleiben zu unterrichten . Er ging , während Charlotte den Arm um meine Schultern legte und mich fest an sich drückte . » Es hilft Ihnen nichts , Kindchen , Sie müssen ein wenig Blitzableiter sein , « sagte sie halblaut und hastig zu mir . » Dort drüben , « sie zeigte nach dem Glashaus , » sind zwei harte Köpfe aneinander geraten ... Onkel Erich bringt so wunderselten den Abend mit uns zu , daß der gute Eckhof sich allmählich daran gewöhnt hat , die erste Geige an unserem Theetisch zu spielen . Heute nun präsidiert der Onkel selbst zu unser aller Erstaunen ; aber kaum sind wir vor den ersten fallenden Regentropfen aus der Laube in das Glashaus geflüchtet , als auch Eckhof in unbegreiflicher Albernheit und Taktlosigkeit anfängt , dem Onkel bittere Vorwürfe über Helldorfs Anwesenheit beim heutigen Diner zu machen - er hat in ein furchtbares Wespennest gestochen ! « Sie verstummte und blieb horchend einen Augenblick stehen ; Eckhofs starke Stimme dröhnte herüber . » Schaden kann es dem Alten freilich nicht , wenn seinen Muckerumtrieben im Geschäft und Haus ein wenig gesteuert wird , « sagte sie , man hörte ihr den Aerger an ; » er ist zu sicher geworden und treibt es arg , das ist ganz richtig ! Nur vor Onkel Erichs Forum durfte die Sache nicht kommen - er mordet den alten Mann mit seinen unerbittlichen Augen , mit seiner Kälte und Gelassenheit , die jedes Wort zu einem schneidenden Messer machen . « Etwas beschleunigt schritt sie weiter . » Gott mag wissen , was den eigentlichen Anstoß zu diesem plötzlichen Aufeinanderplatzen gegeben hat ! Jahrelang ist Onkel Erich wie mit verbundenen Augen neben dem Muckergeist im Hause hingegangen - Eckhof hat sich gehütet , ihm gegenüber je in sein unausstehliches biblisches Pathos zu verfallen ; in diesem Augenblick aber , in seiner grimmigen Aufregung strömt ihm unwillkürlich die Salbung von den Lippen - es ist kaum zum Anhören ! Mich widert es an , aus einem Männermunde solch unmündiges Gewäsch zu hören ; andrerseits bin ich doch dem Alten Dank schuldig ; er hält zu Dagobert und mir , und das verpflichtet mich , das Strafgericht möglichst schnell abzukürzen ... Kommen Sie , Ihr Erscheinen wird der Szene sofort ein Ende machen ! « Je mehr ich mich dem Glashause näherte - es war nicht das von Darling verwüstete - desto traumhafter wurde mir zu Sinne ; ich hörte kaum noch , was Charlotte flüsterte , und ließ mich mechanisch von ihr weiterschieben ... Das Warmhaus lag weit abseits vom Hauptweg - ich hatte bisher nur die ungeheuren Glaswände herüberfunkeln sehen und war nie in seine Nähe gekommen . Damals lagen mir selbstverständlich Geographie und Botanik weltenfern - ich verstand nicht , daß die fremdartigen Gebilde dort ein zwischen Glas eingefangenes Stück Tropenwelt inmitten deutscher Vegetation seien , und hatte für beide nur die Bezeichnung : Wunder und Wirklichkeit ... Da standen aber auch weder Kübel , noch Blumentöpfe , wie im vorderen Treibhause . Unmittelbar aus dem Boden stiegen Palmen so hoch und kräftig hinauf , als wollten sie den schützenden Glashimmel sprengen . Ueber braunes Felsgestein herab sprangen Wasser - sie zerstäubten an den Zacken in sprühende Funken und machten die riesigen , in die feinsten Federchen zerschnittenen Wedel prächtiger Farnkräuter unaufhörlich erzittern . Kakteen krochen über das Gestein und streckten ihre abenteuerlichen Formen plump unbehilflich von sich ; aber aus ihrem grünen Fleisch tropften spannenlange Purpurglocken und selbst drin , im fernsten Dämmerdunkel der wunderlich gezackten und verschränkten Pflanzenarme leuchtete es gelb und weiß auf , wie hingestreute , matte Lichtreflexe . Ich sah zu Charlotte empor und meinte , sie müsse in demselben Rausch befangen sein und weiter wandeln , wie das aufgeregte , unerfahrene Menschenkind an ihrem Arm - ich bedachte nicht , daß das alles ja auch zu der » Krambude « gehörte , die sie und Dagobert so gründlich haßten und verachteten ... Sie hatte ihr funkelndes Auge unverwandt aus einen Punkt gerichtet , auf das Gesicht des Herrn Claudius . Er stand im vollen Lampenlicht neben einer Palme - genau so schlank und hoch aufgerichtet , wie ihr feingepanzerter Stamm ... Es war nicht wahr - er hatte in diesem Moment keine tödliche Kälte in den » unerbittlichen Augen « . Sein Gesicht war belebt und gerötet vor innerer Erregung , wenn auch die über der Brust ineinandergeschlungenen Arme ihm den Anschein von Ruhe und Unbeweglichkeit gaben . Seltsam genug erschien der eilig hereingeschobene Theetisch inmitten der fremdartigen Umgebung . Dagobert saß daran - er war noch in Uniform ; all das Blitzen und Leuchten auf Brust und Schultern harmonierte ganz anders mit der farbenglänzenden Pracht der tropischen Blüten , als die ungeschmückte Gestalt des Onkels ... Mit dem Rücken nach Herrn Claudius gewendet , und in sichtlicher Verlegenheit einen Theelöffel auf dem Zeigefinger balancierend , sah er aus , als ob er sich vor einem über ihn hinrollenden Gewitter unwillkürlich niederducke . Er schien sich mit keinem Wort an den unliebsamen Erörterungen zu beteiligen , so wenig wie Fräulein Fliedner , die so fieberhaft schnell strickte , als wenn es gelte , eine Kinderbewahranstalt mit neuen Strümpfen schleunigst zu versorgen . » Damit richten Sie bei mir nichts aus , Herr Eckhof , « sagte Herr Claudius zu dem Buchhalter , der sich , beide Hände auf eine Stuhllehne gestützt , in ziemlich weiter Entfernung von seinem zürnenden Chef hielt , trotz alledem aber doch den Kopf herausfordernd in den Nacken warf - er hatte ja eben gesprochen , gesprochen mit seiner tönenden Stimme , in dem breit markierenden Tone , der schlagen mußte . - » Gotteslästerung , Unglaube , Gottesleugner - diese Lieblingsschlagwörter Ihrer Partei darf man allerdings in ihrer Wirkung nicht unterschätzen , « fuhr Herr Claudius fort . » Mit ihnen hauptsächlich vollziehen Sie die unglaubliche Thatsache im neunzehnten Jahrhundert , daß sich ein großer Teil der aufgeklärten Menschheit einer Schar